Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Befürchtungen über die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine geschätzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder übertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, veröffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten später ähnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am größten waren, wenn die Mütter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Streßkompensation – auch hier fand man höhere Belastungen der Kinder, deren Mütter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die stärksten Symptome bei den Kindern, deren Mütter diese während dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies möglich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, veröffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualität der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Sprößlinge im Erwachsenenalter beeinflußt. Rattenjungen, die von ihrer Mütter während der ersten Woche des Lebens regelmäßig umsorgt und geleckt wurden, konnten im späteren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst wären nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des Körpers auf Stress verändern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Moleküle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Maß an Pflege und lecken erhielten, zeigten höhere Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivität des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig behüteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Fähigkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den Müttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivität. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivität dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivität bei dieser Störung erklären könnte. Ähnliche Effekte wurden seither auch bei Mißbrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Veränderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen für die Streßbewältigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen übertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren könnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erklären, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen Änderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die für Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Epigenetische Marker könnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von Mäusen übertragen werden können, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Gebärmutter von ihren Müttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben könnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

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Gedanken zu “Traumata werden an nächste Generation übertragen” (4):

  1. Kommentar von PTBS_Experte:

    Ich empfinde diese Annahme, dass sich psychische Belastungen und insbesondere Depressionen wie die posttraumatische Belastungsstörung, die durch nie ausgeheilte Konflikte, Krisen, Ereignisse ausgelöst wurden, weiter übertragen auf die Nächsten. Und deshalb finde ich es als unbedingt notwendig, sich sofort mit Hilfe durch Notfallpsychologie oder Notfallseelsorge behandeln zu lassen. Wenige Menschen wissen, dass die posttraumatische Belastungsstörung (auch bekannt unter den Abkürzungen ptsd und ptbs) schon am Ort des Geschehens behandelt und somit minimiert werden kann. Und die Möglichkeit jemanden zu konsultieren hat man immer, man muss sich nur trauen und sich darüber bewusst sein, dass man nicht alles allein bewältigen kann und manchmal einfach Hilfe braucht. Hat sich zum Beispiel in einer Schweizer Firma ein dramatisches Ereignis zugetragen, so kann das Unternehmen das Care-Team aus dem Kanton Zürich http://www.carelink.ch konsultieren. Das Care-Team unterstützt dann mit Hilfe der Notfallpsychologie und Notfallseelsorge. Und selbst nach der Akutphase leistet das Careteam psychologische Hilfe und Seelsorge, damit die Mitarbeiter wieder gerne und unbelastet zur Arbeit gehen.

  2. Kommentar von Nachfragende:

    Sollte es in diesem Artikel nicht viel eher heißen:
    “HOHE Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken…” ?

  3. Kommentar von r.l.fellner:

    @Nachfragende: danke vielmals für den Hinweis, da hat sich an einer Stelle im Text tatsächlich ein Fehler eingeschlichen – wurde korrigiert! 😉

  4. Kommentar von Nachfragende:

    danke!

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25.06.19