Dec 30

Im Psychotherapie – Diskussionsforum meiner Website verwies ein Diskussionsteilnehmer k├╝rzlich auf ein Interview auf kath.net, in dem der Autor Manfred L├╝tz (welcher auch Facharzt f├╝r Nervenheilkunde, Psychiatrie und Psychotherapie ist) mit folgenden Aussagen zitiert wird:

“Seelsorge ist viel mehr als Psychotherapie! Sie ist eine existenzielle Beziehung zwischen zwei Menschen. Dagegen ist die Beziehung zwischen Therapeut und Patient eine zweckgerichtete Beziehung auf Zeit f├╝r Geld. Doch den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Zeit f├╝r Geld.

L├╝tz: [Der Seelsorger] darf von sich erz├Ąhlen und er darf sagen: “Ich bete f├╝r dich, vertrau auf Jesus Christus!” ÔÇô er darf also ├╝ber die wirklich wichtigen Dinge reden.

kath.net: Sie d├╝rfen das nicht?

L├╝tz: Nein!

kath.net: Warum nicht?

L├╝tz: Weil dann die Gefahr besteht, dass ich einen Menschen manipuliere. Wenn ich einem Menschen mit den Methoden der Wissenschaft aus der Depression geholfen habe, dann habe ich f├╝r ihn nat├╝rlich eine hohe Autorit├Ąt.
Und wenn ich diese Autorit├Ąt dazu missbrauche, diesem Menschen den Glauben aufzun├Âtigen, dann trete ich ihm zu nahe. Die Glaubensentscheidung ist eine freie Entscheidung. Es ist mir wichtig, dass es an unserem Krankenhaus gute Seelsorger gibt, die die Patienten existenziell begleiten. Und wer eine schwere psychische Krise ├╝berwunden hat, der stellt sich oft tiefere Fragen als die oberfl├Ąchlich pl├Ątschernden unheilbar Normalen.

Provozierend gesagt: Der Seelsorger kann echt sein, w├Ąhrend ich als Therapeut letztlich k├╝nstlich bin, da ich in der Therapie methodisch mit Menschen rede.”

Ich habe das Interview auch abseits der zitierten Textpassagen gelesen, und so interessant manche der dort vertretenen Gedanken zu lesen waren, so unbehaglich f├╝hlte ich mich beim Lesen anderer – u.a. bei den oben zitierten, speziell auch was seine (immerhin als prominenter Facharzt ge├Ąu├čerten) hemds├Ąrmeligen “Krankheits”-Definitionen sowie sein Verst├Ąndnis von “Echtheit” (was auch immer er in diesem Kontext damit meinen mag) im Feld psychosozialer Beratung und Therapie betrifft. Zumindest f├╝r mich m├Âchte ich bittesch├Ân in Anspruch nehmen, ebenfalls “echt” zu sein, wenn ich mit Klientinnen und Klienten spreche. Zur in Nebens├Ątzen mitvermittelten Botschaft, da├č kirchliche Instutionen ohne Gegenleistung (gewisserma├čen selbstlos) agieren w├╝rden und nur am “ewigen” Wohl ihrer Klientel interessiert w├Ąren, kann bei mit der aktuellen und historischen Kirchengeschichte auch nur halbwegs Vertrauten nur Stirnrunzeln erzeugen.

Bild: Canisius.at

Zur Fragestellung selbst: ich halte es f├╝r gut und wichtig, wenn gerade Menschen in einer Krisensituation wissen, was sie in einem Beratungs- oder Therapiekontext erwarten k├Ânnen.
Seelsorger, M├Ânche usw. k├Ânnen beraterisch ├Ąu├čerst gut ausgebildete und einf├╝hlsame sowie hinsichtlich des Einflusses ihrer jeweiligen Religion sehr neutrale Helfer sein – das Problem ist lediglich, da├č einem als Hilfesuchender das “package“, das ihn bei der jeweiligen Person erwartet, zun├Ąchst einmal ja unbekannt ist, wenn man sich ihr in einer extrem heiklen und verwundbaren Lebenslage anvertraut.
Bei Psychotherapie dagegen ist es so, da├č das Setting und viele Grenzziehungen methodisch und gesetzlich recht klar abgesteckt sind – i.d.R. wei├č man als Klient also, was einen dort erwartet.
Unr├╝hmliche Ausnahmen (Seelsorger, die letztlich mehr oder weniger subtil indoktrinieren, oder aufgrund eigener psychischer Schw├Ąchen ├╝bergriffige Therapeuten) gibt es in beiden Bereichen.

Nun wage ich zu behaupten, da├č bei den ├╝berwiegend meisten psychischen St├Ârungen und Erkrankungen (im Sinne des ICD-10) Psychotherapie allein “durchaus gut” ­čśë weiterhelfen kann – f├╝r den entsprechenden seelischen Heilungsprozess ist also keinerlei religi├Âser Glaube erforderlich (was Psychotherapie f├╝r Religionen ├╝brigens immer schon zu einer nat├╝rlichen und potenziell gef├Ąhrlichen Konkurrenz machte). Auf das lt. L├╝tz “wirklich Wichtige” (wof├╝r? und f├╝r wen?), n├Ąmlich das zitierte “Ich bete f├╝r dich, vertrau auf Jesus Christus!” kann man insofern verzichten – solang es “nur” um psychische Heilung und Gesundung geht.

Anders verh├Ąlt es sich, wenn man spirituellen (religi├Âsen) Beistand auf der Basis der eigenen spirituellen (religi├Âsen) Grund├╝berzeugungen sucht oder schlicht Zuspruch, menschliche W├Ąrme. Da kann Seelsorge, wie ich meine, Gro├čes leisten – etwas, auf das Menschen, die dasselbe im Grunde in einer Therapie suchen, verzichten m├╝ssen (und davon dann mitunter, wie man ja auch hier im Psychotherapie-Forum immer wieder lesen kann, entt├Ąuscht sind). Der Seelsorger kann es sich aufgrund seiner weitgehend frei durch ihn selbst interpretierbaren Rolle leisten, Hilfesuchenden emotional und vielleicht auch k├Ârperlich sehr nahe zu kommen, ihnen auch nahezu Beliebiges z.B. ├╝ber den Nutzen von Gebeten an Jesus Christus oder Schutzheilige zu erz├Ąhlen – teils also auf eine Weise zu agieren, die f├╝r einen professionellen Psychotherapeuten einer Verletzung der Berufspflichten gleichk├Ąme. Aus demselben Grunde sind mir, wie ich nicht m├╝de werde, zu betonen, umgekehrt auch PsychotherapeutInnen suspekt, die die anerkannte Heilmethode Psychotherapie in der Praxis freiz├╝gigst (und unn├Âtigerweise!) mit Esoterik oder Religion vermanschen.

Die Thematik halte ich f├╝r insgesamt sehr spannend – und f├╝r wichtig, da ich absolut von der Wichtigkeit klarer Rahmenbedingungen ├╝berzeugt bin. Unter den folgenden zwei Links finden sich weitere ├ťberlegungen und Analysen zur Thematik – dieser Text befa├čt sich mit Spiritualisierungstrends in der Psychotherapie und Therapeutisierungstrends in der christlichen Seelsorge, U. Rauchfleischs’ Buch “Wer sorgt f├╝r die Seele?: Grenzg├Ąnge zwischen Psychotherapie und Seelsorge” befa├čt sich mit den Problemen und Fragestellungen, die ich oben angerissen habe, jedoch naturgem├Ą├č noch weitaus genauer, und versucht abzurei├čen, wie ein konstruktives Miteinander von Psychotherapie und Seelsorge aussehen kann.

In diesem Fall pers├Ânlich das “Therapeutenk├Ąppi” tragend kann ich nur sagen, da├č ich die Auseinandersetzung mit spirituellen Fragestellungen im Leben f├╝r ├Ąu├čerst bereichernd und wichtig halte – insofern haben diese nat├╝rlich auch (ebenso wie z.B. Fragen der Sexualit├Ąt) Raum in einer Psychotherapie zu bekommen, sofern TherapeutIn und KlientIn sich wohl damit f├╝hlen, sich mit diesem Bereich gemeinsam dialogisch auseinanderzusetzen! Allerdings ist mir daf├╝r der Arbeitstitel “Spiritualit├Ąt” wichtig – welchen religi├Âsen ├ťberzeugungen jemand nahesteht (oder nicht) ist f├╝r mich da eigentlich zweitrangig, solange der Rahmen f├╝r das Gespr├Ąch offen und der Therapeut neutral genug ist (nur dann oder andererseits bei sehr ├Ąhnlichen religi├Âsen Grund├╝berzeugungen hielte ich es f├╝r vertretbar, sich diesen in einer Therapie zu widmen). Das ist gleichzeitig auch noch ein weiterer klarer Unterschied zur Seelsorge, die ja letztendlich immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Religion des Anbieters stattfindet – ob dies der jeweilige Seelsorger, Rabbi, M├Ânch oder Imam sich selbst oder den sich ihm Anvertrauenden eingestehen mag oder nicht…

(Das zitierte Interview zum Nachlesen: “Das B├Âse ist Therapeuten nicht zug├Ąnglich“, in: kath.net, 12/2009; Bildquellen: GoYellow.de, Canisius.at)

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´╗┐10.06.18