Dec 06

r.l.f., 1994 😉

Das UniversitĂ€tsklinikum Salzburg veröffentlichte kĂŒrzlich eine Studie, welche bei Depression und SuizidalitĂ€t eine unterstĂŒtzende Wirkung der Psychotherapie und Pharmakotherapie durch Bewegungstherapie nachweist.

Die Idee entstand bei gemeinsamen Film-Deharbeiten zum Thema „Alpen und Suizid“ von Dozent Reinhold Fartacek und Reinhold Messner auf dem Rauriser Sonnblick. Die veröffentlichte wissenschaftliche Studie „Physical exercise through mountain hiking in high-risk suicide patients. A randomized crossover trial“ (siehe u.a. Quellverweise) bestĂ€tigt eindrucksvoll die unterstĂŒtzende Wirkung einer Bewegungstherapie zu Psychotherapie und Pharmakotherapie. Mit dieser Studie können auch erstmals Schwankungen der psychischen Befindlichkeit nicht nur beobachtet sondern auch verstanden werden.

Die Ă€ußerst aufgrund der Vielzahl der abgefragten Parameter (z.B. tĂ€gliche SelbsteinschĂ€tzung der TeilnehmerInnen, psychologische Daten, ProzesseinschĂ€tzung, Vorher-/Nachher-EinschĂ€tzung, sportphysiologsiche Messungen) Ă€ußerst komplexe Wanderstudie “Übern Berg” ist weltweit einmalig. Es wurde wie heute generell in der SuizidprĂ€vention darauf gesetzt, auf individuelle StĂ€rken anstatt auf Krankheit zu achten. Die Patienten sollten durch die körperliche AktivitĂ€t beim Bergwandern und das Erlebnis – “ĂŒber den Berg zu gehen” – fĂŒr den Alltag seelisch und körperlich zu stĂ€rken. Diese Erfolge, aber auch das Erlebnis der Natur sowie die zwischenmenschlichen Begegnungen wĂ€hrend des Bergwanderns sollten ihnen Mut und Hoffnung fĂŒr die BewĂ€ltigung des Alltags geben. Mit Redewendungen wie „Es geht bergauf“ oder „Berge versetzen“ werden im Alltag positive Entwicklungen beschrieben. Doch obwohl in Österreich mehr als 74% der ĂŒber 15-JĂ€hrigen zumindest gelegentlich wandern, können sich gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in Lebenskrisen nur schwer ĂŒberwinden, körperlich aktiv zu sein.

Synergetisches Navigationsystem (SNS)

Die interdisziplinĂ€re Studie (PsychiaterInnen, PsychologInnen, Sportmediziner, PflegemitarbeiterInnen) fand in der Salzburger Bergwelt statt. Die SelbsteinschĂ€tzung wurde mittels der Nutzung eines vom Leiter des PMU-Instituts fĂŒr Synergetik und Psychotherapie-forschung, Univ.-Prof. Dr. GĂŒnter Schiepek entwickelten sog. „Synergetischen Navigationssystems“ (SNS) messbar gemacht. Mit einem darin eigens angelegten Online-Fragebogen wurde 6 Monate hindurch tĂ€glich die persönliche Befindlichkeit mit 38 Einzelitems in einer SelbsteinschĂ€tzung angegeben. Durch die hochfrequenten Messungen ergab sich eine Verlaufsdarstellung mit mehr oder weniger stark ausgeprĂ€gten Schwankungen und PhasenĂŒbergĂ€ngen. Speziell in den Bereichen Freude und SelbstwertgefĂŒhl kam es in der Wanderphase bei vielen Teilnehmern zu einer Steigerung – wobei die Ängstlichkeit gleichzeitig abnahm.

Die Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Wandergruppe wanderte 9 Wochen lang, wĂ€hrend die Wartekontrollgruppe keine speziell geplanten AktivitĂ€ten durchfĂŒhrt. Nach 9 Wochen wurde gewechselt, und jeweils die empfundenen VerĂ€nderungen der Hoffnungslosigkeit und DepressivitĂ€t wie auch die rein körperliche AusdauerleistungsfĂ€higkeit gemessen. Hinsichtlich der empfundenen Hoffnungslosigkeit, DepressivitĂ€t, wie auch der körperlichen Ausdauerleistung ging es den TeilnehmerInnen signifikant besser als vor der Studie. Die Studienteilnehmer berichteten von einer neu angeeigneten Tagesstruktur, mehr Appetit, mehr Selbstvertrauen und weniger Stress. Dies berichteten selbst die meisten jener Patienten, die sich zunĂ€chst alles andere als “sportbegeistert” bezeichnet hatten.

Um Überforderungen zu vermeiden, wurde zunĂ€chst der optimale Belastungspuls der PatientInnen ermittelt und bei jeder Wanderung mittels Herzfrequenzmesser ĂŒberwacht. Bald merkten die Wanderer, dass es bei dieser Sportart nicht darum geht, der Schnellste zu sein – so war es jedem möglich, das eigene Tempo zu finden. Jede Wanderung startete mit einfachen MobilisationsĂŒbungen und endete mit abschließenden DehnĂŒbungen. Im Laufe der Studie war an Stelle der fehlenden Motivation die Vorfreude auf die nĂ€chste Wanderung so groß, dass die Teilnehmer oft schon eine gute Weile vor dem vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt warteten.

Die Teilnahme der Patienten am Wandern war nahezu lĂŒckenlos und belegt, dass diese Form der Bewegung nicht nur akzeptiert sondern auch gerne ausgeĂŒbt wurde – und das selbst bei Wind und Wetter. Die verbesserte körperliche LeistungsfĂ€higkeit ist insofern gĂŒnstig, als körperliche Bewegung auch rein körperlich gesund ist, gerade von depressiven Personen aber hĂ€ufig zu wenig ausgeĂŒbt wird. Wandern jedoch kann gerade in Mitteleuropa nahezu das ganze Jahr ĂŒber ausgeĂŒbt werden.

Schlussfolgerungen

Im Rahmen der Salzburger Wanderstudie konnte mittels tÀglicher SelbsteinschÀtzung bestÀtigt werden, dass bereits nach einer Wanderung die Stimmung verbessert, von negativen Gedanken abgelenkt und Stresssymptome abgebaut werden können. Am Ende des Wanderprogramms konnten Selbstwert und SchlafqualitÀt zusÀtzlich zur Wirkung der bestehenden psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Behandlung verbessert werden, auch Angst- und Borderlinesymptome wurden reduziert. Die körperliche Fitness stieg aufgrund der sorgsam abgestimmten Routenplanung z.T. signifikant.

(Quellen: MedAustria 2012, Acta Psychiatr Scand 2012: 1–9 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2012.01860.x)

ï»ż01.09.19