Sexualität mit Migrationshintergrund .:. Sex, BDSM, Migranten, Shades of Grey, Sexspielzeug .:. Psychotherapie & Coaching R.L. Fellner, Wien (Psychotherapeut, Coach, Supervisor) 

Presse-Splitter: "Sexualität mit Migrationshintergrund"

(Interview mit dem Magazin "Kosmo", 03/2015)

"Wie schätzen Sie den Einfluss der Pornographie auf junge Menschen ein?
Wie hat die omnipräsente Pornographie das Sexualleben der Jugendlichen verändert?"

"Nicht nur der einfachere Zugang zu Pornografie über das Internet hat das Sexualleben der Jugendlichen verändert, sondern auch der Trend zu Smartphones. Man kontaktiert einander über Messaging-Apps (klassische SMS werden heute vorwiegend von der Generation 30+ bevorzugt) und tauscht regelmäßig Fotos - wahlweise über soziale Medien oder direkt über Messaging - aus. Geradezu selbstverständlich wird von den meisten auch das eigene Beziehungsleben fotografisch dokumentiert, mit dem Freundeskreis "geteilt", teils bis in den Intimbereich. Das stellt sowohl die Fähigkeit zur Abgrenzung der Jugendlichen, als auch das Vertrauen der oft besorgten Eltern stark auf die Probe."

"Wie schätzen sie den Einfluss von Büchern oder Filmen wie z.B. "50 Shades Of Grey" auf junge Menschen ein? Was sagen sie zu diesem Film und seine Auswirkungen auf die sexuellen Praktiken der Bevölkerung?"

Aufreger der 90er-Jahre:
"9 1/2 Wochen"
(Bild: movieposter.com)

"Soweit man es bisher beurteilen kann, haben das Buch und wohl noch mehr der Film dazu beigetragen, einzelne BDSM-Praktiken aus dem tabubehafteten Zwielicht herauszuholen, sie ein Stückchen weiter Mainstream-tauglich und diskutierbar zu machen, in etwa vergleichbar mit dem Film "9 1/2 Wochen" während der 90er-Jahre. In beiden Filmen wird diese Spielart der Sexualität aber auch als ultimativ problematisch dargestellt: obwohl die Dominanzbedürfnisse ihrer männlichen Partner für die Protagonistinnen zunächst unerwartete Dimensionen sexueller Leidenschaft eröffnen, gelingt keine Entwicklung einer tragfähigen Partnerschaft, die extremeren Formen der Dominanz werden als so entwürdigend erlebt, dass die Frauen am Ende die Beziehung beenden.

Es ist aus meiner Sicht als Sexualtherapeut immer positiv, wenn über sexuelle Neigungen kommuniziert werden kann, ohne sich allzu große Sorgen machen zu müssen, beim Gegenüber womöglich Entsetzen oder Ekel auszulösen. Das Buch und der Film haben hier Diskussionsräume geschaffen, etwa indem man durch das Sprechen "über" die Werke auch ein wenig mehr über sich selbst und eigene Empfindungen sprechen kann. Es ist auch vorstellbar, dass Paare oder Einzelpersonen, bei denen die "50 Shades of Grey" lustvolle Fantasien angeregt haben, sexuell experimentierfreudiger werden könnten. Auf die eigentlichen sexuellen Ausprägungen wird die Geschichte aber keine Auswirkungen haben, dazu sind diese zu tief in uns verankert."

"Was ist mit Sexspielzeugen: wie verbreitet sind sie wirklich und stimmt es, dass ihr Konsumentenkreis immer größer wird? Können diese das Sexualleben verbessern?"

"Aufgrund der während der letzten Jahrzehnte weiter abgenommenen Tabuisierung von Sexualität und des Auftauchens nahezu supermarktähnlicher Sexartikel-Kaufhäuser (der Begriff "Sex-Shop" wäre für diese gar nicht mehr adäquat), der die Bestellung solcher Artikel in sogenannten "neutralen Verpackungen" unnötig werden ließ, hat sicherlich zu einer Zunahme ihrer Nutzung beigetragen. Das verbreitetste Gerät ist sicherlich der Vibrator, der heute von Frauen deutlich ungezwungener und regelmäßiger verwendet wird als noch vor 20 Jahren. Abgesehen davon findet eine regelmäßige Nutzung von Sex-Spielzeug jedoch meiner Beobachtung nach eher im BDSM- und Fetisch-Bereich statt.
Sexspielzeug ist definitiv als mögliche Bereicherung eines gesunden Sexuallebens zu sehen, jedenfalls solange Menschen diese Tools nicht unabdingbar benötigen, um die höchsten Gipfel der Lust zu erreichen."

"Gibt es Unterschiede zwischen jungen Einheimischen und jungen Leuten mit Migrationshintergrund im Bezug auf ihr Sexualität: Merkt man in dieser Hinsicht kulturelle Unterschiede und wie wirken sich diese aus?"

"Ich tue mir mit künstlichen Trennlinien zwischen sogenannten "Einheimischen" und Leuten mit Migrationshintergrund gerade im sexuellen Bereich schwer. Denn was Sexualität betrifft, sehe ich eher "Familienkulturen" und soziale Normen, die relevant sind und uns als Individuen stark prägen. Auch die Religion kann natürlich eine wichtige Rolle spielen. So wurde ich ich in meiner Praxis schon öfters von gebürtigen Österreichern aufgesucht, die sich dem Islam zugewendet hatten und mit starken sexuellen Tabus zu kämpfen hatten. Solche "Schattenbereiche" sind also wohl weniger ein Problem von Migration als vielmehr der Denksysteme, innerhalb derer sich Menschen bewegen. Als Psychotherapeut muss ich insofern immer auch fragen, ob es tatsächlich "nur" die Religion oder die Herkunftskultur ist, die einen jungen Mann oder eine junge Frau in ihrer Ausübung befriedigender Sexualität hemmt, oder ob es nicht eher ein generell problembehafteter Zugang zur eigenen Körperlichkeit ist, der blockiert."

"Was sind die häufigsten Probleme der Migranten im Ausleben ihrer Sexualität?"

"Unabhängig vom vorhin Gesagten existieren natürlich sehr wohl sexuelle Probleme gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund. Häufig ist Sexualität stärker tabuisiert und spezifischen Regeln (geprägt durch Religion, Landes- oder Familienkultur) unterworfen, welche gerade von Jugendlichen und jungen Erwachsenen als einengend und schwierig zu "leben" empfunden werden. Dann stellt sich als Herausforderung, Wege zu entwickeln, mittels derer sich die empfundenen Ansprüche mit den Bedürfnissen des Körpers und der Seele im Einklang bringen lassen."

"Über Migranten und Sex gibt es einige Stereotype. Welche davon sind am meisten verbreitet?"

"Die klassischen Vorurteile sind sicherlich die, dass männliche Migranten als sexuell übergriffig und ausbeutend (predators) wahrgenommen werden, weibliche dagegen als "leicht zu haben" (victims) und speziell im Vergleich zu österreichischen Frauen als "zweite Wahl" gelten.
Als Reaktion auf diese Stereotype versuchen sich manche männlichen Migranten das Image einfühlsamer Frauenversteher anzueignen (auch da dieser männliche Typus hierzulande in den Medien als erwünscht dargestellt wird), während sich manche Frauen tendenziell zurückziehen und "unerreichbar" machen. Es kann gerade für MigrantInnen, in deren Herkunftskultur (durchaus auch familienbezogen) Sexualität stärkeren Regeln unterworfen ist als hierzulande, eine große Herausforderung sein, hier einen persönlich passenden Zugang zu entwickeln ...und zu leben."

"Wie wichtig ist Sex letztendlich? Ist er überbewertet?"

"Definitiv nicht - wir brauchen ihn ja immer noch zur Fortpflanzung! ;-)

Nebenbei ist Sexualität aber auch Teil eines geglückten Lebensentwurfs und sexueller Antrieb ein fundamentaler Ausdruck gesunder Körperlichkeit und Vitalität - insofern ist jedem Menschen zu wünschen, dass er das angeborene Bedürfnis nach Sexualität im Laufe seines Lebens mit den richtigen PartnerInnen ausleben und als Quelle für weitere positive Energien und inneres Glück genießen kann."

Richard L. Fellner DSP, MSc. ist Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Coach in Wien.
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Anhang: weitere Literatur zum Thema, mit Leserrezensionen: