Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Presse-Splitter: "Sexuelle Hemmungen"

(Interview mit der Zeitschrift der "Wienerin", 02/2008)

"Wie würden Sie sexuelle Schüchternheit aus psychologischer Sicht definieren?"

"Aus fachlicher Sicht handelt es sich bei sexueller Schüchternheit bzw. den sog. "sexuellen Hemmungen" um kein krankhaftes Problem. Dennoch kann es Menschen in ihrer Freude am Sex massiv einschränken! Frauen sind am häufigsten betroffen, denn bis heute stellt es für viele einen Tabubruch dar, sexuelle Bedürfnisse offen auszudrücken oder auszuleben. Aber auch bei Männern geht man in Fachkreisen von bis zu 40% aus, die an sexueller Schüchternheit leiden.

Sind die sexuellen Hemmungen besonders stark ausgeprägt, spricht man von "Sexualangst". Hier besteht nicht nur eine Hemmung in Bezug auf einzelne Bereiche der Sexualität, sondern es entwickeln sich regelrechte Angstgefühle und Blockaden, wenn es zu sexuellen Aktivitäten kommt. Diese führen dann häufig zu sexuellen Störungen (z.B. erektiler Dysfunktion beim Mann oder Vaginismus bei der Frau) oder zu einer generellen Ablehnung körperlicher Nähe. Häufig wird dies dann rationalisiert, etwa indem gesagt wird, dass der ideale Partner halt noch nicht gefunden wurde oder die beruflichen Ziele eine Partnerschaft im Moment noch ausschliessen. Das zugrundeliegende Problem wird dabei natürlich ausgeblendet."

"In unserer Gesellschaft ist Sexualität allgegenwärtig (Plakate, Werbung, Filme etc.) - da kann doch keiner mehr prüde oder schüchtern sein?"

"Ich beobachte da zwei sehr unterschiedliche Trends: auf einen Teil der Menschen wirkt sich diese mediale Berieselung offenbar tatsächlich so aus, dass es geradezu zum 'state of the art' gehört, Sex-Spielzeug in der Nachttischlade zu haben und die Kunst der G-Punkt-Stimulation zu beherrschen - von Hemmungen ist da keine Rede. Auf nicht gerade wenige Menschen hat die Omnipräsenz nackter Haut in den Medien jedoch auch einen gegenteiligen Effekt: sie fühlen sich davon gestört oder auch unter Druck gesetzt. Wer mit 25 Jahren noch keine sexuellen Erfahrungen hatte, steht oftmals unter enormer innerlicher Anspannung und fühlt sich als "Versager". Dass sich das bei den später folgenden ersten sexuellen Erfahrungen nicht gerade entspannend auswirkt, ist klar..

Einen grossen Einfluss hat natürlich auch die Erziehung in Kombination mit den "peer groups", in denen man aufwächst: ist dort Sexualität nie ein Thema oder wirkt es so, als wäre man ständig der oder die Einzige, die noch keinen Sex hatte, ist dies ein Nährboden für sexuelle Hemmungen und wachsende Schüchternheit."

"Was kann man tun, wenn man Sexualität auf Grund seiner Hemmungen als unbefriedigend erlebt? Wie geht man das an? Alleine? Mit dem Partner? Was empfehlen Sie?"

"Die idealste Therapie ist meiner Erfahrung nach ein guter Partner. Das langsame, möglichst stressfreie Entdecken des eigenen und anderen Körpers, das Sprechen über das Erfahrene, Gefühlte sowie die eigenen Wünsche unter vier Augen kann gut dabei helfen, die eigene Schüchternheit oder Hemmung in Bezug auf Sexualität Schicht für Schicht abzutragen. Sexualtherapie bzw. Sexualberatung hilft dann, wenn dies beiden Partnern nicht gelingt, sie dabei Unterstützung brauchen können oder eben auch gar kein Partner verfügbar ist, der zur Seite stehen könnte. Es können dann gemeinsam Strategien erarbeitet werden, die je nach Situation helfen, aus der Angst und Unsicherheit herauszufinden.

Persönlich trete ich immer wieder für einen spielerischen Zugang zur Sexualität ein: je besser es uns gelingt, Druck und angeblich zu schaffende Großleistungen aus dem eigenen Bett herauszuhalten, desto weniger Nährboden hat sexuelle Schüchternheit."

"Helfen Ratgeber wie beispielsweise Lou Paget etc.?"

"..in homöopathischen Dosen sicherlich - nämlich dann, wenn man sie als Anregung betrachtet, aber nicht als Vorgabe, wie man selbst seine Sexualität zu leben hat. Buchtitel wie "Die perfekte Liebhaberin" oder "Der Super-Orgasmus" könnten bei so manchen Menschen das genaue Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich in Aussicht stellen."

"Ist Schüchternheit im Zusammenhang mit Sex auch eine Altersfrage? Oder kommt's darauf nicht wirklich an?"

"In der gleichen Altersstufe war die heute ältere Generation sicherlich einmal schüchterner, als es z.B. heutige Jugendliche sind. Viel hängt jedoch davon ab, wie man selbst mit seinen Unsicherheiten umgeht und welche Erfahrungen man im späteren Leben macht. In meiner Tätigkeit habe ich sowohl mit alten Menschen zu tun, die ganz und gar nicht als verklemmt zu bezeichnen wären, als auch mit jungen, die unter starken sexuellen Blockaden leiden.

Es ist jedenfalls schön zu sehen, dass die heute lebenden Generationen nicht nur in einem sexuell weitaus freieren Umfeld leben, also ihre prinzipielle Entfaltungsmöglichkeit kaum mehr an äußere Grenzen stößt. Zum anderen steht uns heutzutage auch ein sehr breites Spektrum an Informationen und eine Vielzahl von Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung, sodass man sich bei etwaigen Problemen im Prinzip nur auszusuchen braucht, welches der vorhandenen Angebote für einen am besten paßt.

Ich würde Ihre Aussage insofern vielleicht etwas umformulieren: schüchtern oder "prüde" kann man heute schon sein, die Frage ist nur, wie lange man es so zu bleiben zulässt!"

DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Coach in Wien.
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