Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Trauma 'Vergewaltigung'

Interview zur Vergewaltigungs-Serie in Niederösterreich, 2006

Zur Situation rund um das Interview: innerhalb der letzten zwei Wochen fanden in der Region St. Pölten 2 Vergewaltigungen statt - ein 15-jähriges Mädchen wurde während einer Firmenfeier in eine dunkle Ecke gedrängt und mißbraucht; ein 18-jähriges Mädchen wurde auf einem Seefest beiseite gedrängt und ebenfalls missbraucht. Erst auf heftiges Anraten von Freundinnen erstatteten die beiden Anzeige. Weiters gab es zwei versuchte Vergewaltigungen, die knapp verhindert werden konnten. Der Täter ist in allen Fällen flüchtig, und es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt unsicher, ob es sich dabei um denselben Mann handelte. Er wird als zwischen 17 und 21 Jahren alt, schlank und muskulös beschrieben.

Welchen Schaden richtet eine solche sexuelle Zwangshandlung bei einem betroffenen Teenager an?

"Sexuelle Zwangshandlungen müssen nicht unbedingt ein Trauma (also z.B. eine psychische Störung oder körperliche Erkrankung) zur Folge haben, allerdings ist das leider gerade im Bereich des sexuellen Missbrauches sehr häufig.

Fast immer rufen derartige Erfahrungen bei den Opfern große Angst, Hilflosigkeit und Entsetzen hervor, und dann ist eine rasche und effektive Intervention von psychologisch ausgebildeten Personen ganz entscheidend, um die Psyche bei der Verarbeitung des Geschehenen zu unterstützen und weitestmöglich zu entlasten.
Andernfalls kann ein Trauma so nachhaltig auf das Leben der Betroffenen wirken, dass es zu langdauernden Lebenskrisen und sogar körperlichen Erkrankungen (meist ausgelöst durch die erhöhte Stressbelastung des Körpers) führt."

Welche Verarbeitungsmöglichkeiten gibt es, und wie lange dauert dies?

"Neben der schon erwähnten, ganz wichtigen professionellen Begleitung und Unterstützung, für die in Österreich eine sehr gute Bandbreite an Versorgungsmöglichkeiten existiert (Psychosozialer Notdienst, Frauenhäuser, Beratungsstellen, niedergelassene PsychotherapeutInnen, Kriseninterventionszentren, mobile Kriseninterventionsteams etc.) ist auch die Unterstützung durch das persönliche Umfeld der Betroffenen ganz wichtig.
Sie benötigen das Verständnis, dass im Moment nichts so ist wie zuvor, es kann zu unkontrollierten Ausbrüchen von Emotionen (von Angst bis Wut und Aggression), zu Alkoholmissbrauch oder Rückzug kommen. Angehörige und Freunde sollten dann ihre Unterstützung anbieten - aber es der betreffenden Person überlassen, ob sie über das Geschehene sprechen möchte oder nicht. Respekt vor einem Freund, einer Freundin, kann auch bedeuten, den vorübergehenden Rückzug des anderen zu akzeptieren."

Sind länger anhaltende Folgen wahrscheinlich (z.B. Bindungsangsangst oder Panikattacken)?

"Leider ja; insbesondere unter sexuellen Mißbrauchs-Opfern gibt es einen hohen Prozentsatz von Frauen und Männern, die auf das traumatische Ereignis mit sexuellen Störungen oder gar einer völligen "Abkapselung" ihrer Sexualität reagieren mußten, um das psychische Gleichgewicht wiederzuerlangen.
Oft entwickelt sich, bleibt es unbehandelt, in Bezug auf das Geschehene gewissermaßen eine "dünne Haut": schon eine räumliche Annäherung von Männern, die z.B. schematisch dem Missbraucher ähneln, wird dann als massiv bedrohlich empfunden, dunkle oder enge Räume können Panikattacken-ähnliche Krisen auslösen oder es wird nahezu unmöglich, befriedigende Partnerschaften zu führen."

Warum haben beide Mädchen erst auf Zureden die Tat angezeigt?

"Sexueller Missbrauch - als Vergewaltigung wie kürzlich geschehen oder auch innerhalb des Familienkreises - ist häufig stark schambesetzt: "was werden die anderen denken?" jagt den Betroffenen dann ständig durch den Kopf, und am liebsten würden sie ja auch selbst diese schlimmen Erfahrungen schnellstmöglich vergessen, ungeschehen machen. Zur Polizei zu gehen, diese Vorstellung wühlt erstmal auf: wer weiss, wieviele Leute dann dort zuhören und wer noch aller davon erfährt? Nicht selten sprachen auch die Täter vorher Drohungen aus, die ängstigen.

Tatsache aber ist, es heute für derartige Vorkommnisse speziell ausgebildetes Polizeipersonal (auch weibliche Beamtinnen) gibt, und bei der Einvernahme auf größtmögliche Vertraulichkeit geachtet wird. Bedacht werden muss auch, dass nur eine Identifikation und Festnahme der Täter etwaige weitere Straftaten verhindern kann."

In den zumindest 2 Fällen, in denen der Missbrauch noch verhindert werden konnte - welche Folgen könnten sich daraus ergeben?

"Jeder von uns hat verschiedene psychische Stärken und Schwächen, eine ganz individuelle persönliche Geschichte und Wahrnehmungen - insofern ist es schwierig, die individuellen Folgen versuchter Vergewaltigungen abzuschätzen. Auch eine versuchte Vergewaltigung aber kann Traumata auslösen, selbst eine real geschehene muss es jedoch nicht zwingenderweise.

Da wir dazu neigen, unangenehme Geschehnisse zu verdrängen, dies aber gerade im Fall von Traumata sehr ungünstige gesundheitliche Folgen haben kann (welche auch noch Jahre später plötzlich aufreten können), ist es ratsam, das Geschehene an einer Beratungsstelle oder im vertraulichen Gespräch mit einem(r) PsychotherapeutIn (Verschwiegenheitspflicht!) zu reflektieren. Im Zuge derartiger Gespräche kann nicht nur abgeklärt werden, ob Verdacht auf ein Trauma besteht, sondern auch einschlägige Symptome so bearbeitet werden, dass die schadhaften Auswirkungen der schockartigen Ereignisse gestoppt werden oder erst gar nicht auftreten."

Hängt die Verarbeitungsfähigkeit und der Umgang mit dem Erlebten vom Alter ab?

"Die menschliche Seele entwickelt im Laufe zunehmenden Alters immer bessere Verarbeitungsmechanismen, wir können die Ereignisse unseres Lebens vom Verstand her und mit unserer größeren Lebenserfahrung immer besser einordnen.
Traumatische Erlebnisse allerdings sind nun einmal keine "Alltags-Herausforderungen", deshalb auch die grosse Bandbreite an möglichen Folgen. Menschen, die ihr Leben bestens im Griff haben, entwickeln mitunter massive Traumata auf Ereignisse, die äußerlich labiler wirkende Leute kaum erschüttern können.
Erwachsene haben im Bereich des sexuellen Missbrauches unbehandelt eine bessere Prognose, höheres Alter stellt aber keineswegs eine Art Garantie dafür dar, auch nach Jahren noch beschwerdefrei von PTBS (sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen) zu bleiben."

Zum Täter - welche Ursachen kann es für ein solches Vergehen generell geben? Alkohol und Drogen scheiden in diesem Fall aus...

"Vergewaltiger (also Menschen, die zu ihrer sexuellen Befriedigung vor dem Einsatz von Gewalt nicht zurückschrecken) weisen mit wenigen Ausnahmen in bestimmten Teilbereichen der Persönlichkeit schwerwiegende Störungen auf.
Die wichtigsten dieser Störungen gehören zum Bereich der "Impulskontrolle", also der Fähigkeit, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse oder das Ausagieren von Emotionen dem Wohle des Gegenübers unterzuordnen. Die Täter agieren in solchen Situationen dann gewissermaßen "blind", gefühllos, wirken eiskalt.
Die Ursachen für solche Störungen liegen - da ist sich die Fachwelt weitgehend einig - in der Kindheit, wobei meist nicht nur eine Ursache identifiziert wird, sondern eine Vielzahl an "Ver-Störungen" zusammenwirkte. Sehr häufig finden sich in der Geschichte von Missbrauchern ebenfalls Missbrauch oder traumatische Gewalterfahrungen!"

Die Beschreibung und das Phantombild des Mannes weisen diesen als durchaus attraktiv und ansehnlich aus. Welche Gründe könnte ein 17-21 Jähriger für eine Vergewaltigung haben? Geht es dabei um den Geschlechtsakt selbst oder etwas anderes?

"Viel wichtiger ist die Frage: "wie nimmt sich der Täter selbst wahr?" Es ist wahrscheinlich, dass er subjektiv das Gefühl hat, unattraktiv zu sein oder auf normalem Wege keine Sexualpartnerin finden zu können. Gerade bei jugendlichen Missbrauchern führt häufig im Vorfeld auch Gruppendruck zur Tat - den Freunden oder auch dem Mädchen soll etwas "bewiesen" werden. In Deutschland gab es etwa erst vor wenigen Monaten einen Fall, bei dem bekannt wurde, dass es zunächst um eine Wette ging, eine bestimmte junge Frau "herumzukriegen". Der Weg zum Gewinn der Wette führte dann über die Vergewaltigung - hier wird die psychische Einengung derartiger Täter besonders deutlich."

Warum in der Öffentlichkeit?

"Die Öffentlichkeit ist gleichzeitig auch eine Art "Bühne". Es gibt Täter, die sehr versteckt und unter größtmöglichem Ausschluss von Risiko agieren, aber auch solche, denen es einen gewissen Reiz verschafft, gewissermaßen direkt hinter dem Bühnenvorhang ihre Bedürfnisse auszuleben.

Genauso gut könnte es aber auch sein, dass es etwa im Zuge eines Dialogs oder beim missglückten Versuch einer Kontaktaufnahme dazu kam, dass dem jungen Täter die 'Sicherungen durchbrannten'."

Und warum wiederholt in so kurzer Zeit?

"Leider gibt es bei Gewalttaten eine Art psychischen Gewöhnungseffekt - wurde eine existierende Hemmschwelle erst einmal überschritten, fällt es weitaus leichter, eine vergleichbare Tat wieder zu begehen. Deshalb ist es auch so wichtig, derartige Täter nicht durch Schweigen zu schützen. Die Mithilfe der Betroffenen, aber auch der Bevölkerung ist unerläßlich, um sie frühestmöglich in die Verantwortung zu nehmen."

Weiterführende Links

Allgemeine Info-Seiten

Seiten von Betroffenen

Selbsthilfegruppen, Kontakte, Foren

Literatur ('best of')

DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Coach in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe.
Bei Volltext-Übernahme zusätzlich auch Genehmigung des Verfassers erforderlich.

Artikelbezogene Themenbereiche und verwandte Begriffe: Psychotherapie, Trauma, PTBS, Vergewaltigung, Missbrauch, Mißbrauch, Sexueller Mißbrauch, Abuse

Anhang: weitere Literatur zum Thema, mit Leserrezensionen: