May 23

Bei Kindern und Jugendlichen bewĂ€hren sich psychotherapeutische PrĂ€ventionsprogramme definitiv – die einjĂ€hrige Studie „Saving and Empowering Young Lives in Europe (SEYLE): Gesundheitsförderung durch PrĂ€vention von riskanten und selbstschĂ€digenden Verhaltensweisen“, die in Deutschland an der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg durchgefĂŒhrt wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse und wies eine Reduktion psychischer Probleme bei den teilnehmenden SchĂŒlern sowie einen deutlichen RĂŒckgang von depressiven Symptomen, selbstschĂ€digenden Verhaltensweisen und Selbstmordgedanken insbesondere bei MĂ€dchen nach.

Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von PrĂ€ventionsmaßnahmen zu ĂŒberprĂŒfen und effiziente Programme langfristig an bundesweit allen Schulen zu etablieren. Sie lief unter der FederfĂŒhrung des Karolinska-Instituts in Stockholm gleichzeitig in neun anderen EU-Staaten sowie Israel.

„Es gibt ein hohes Maß an gefĂ€hrdeten Jugendlichen, doch viele von ihnen kommen nicht bei den Therapeuten an”, erklĂ€rt Studienleiter R. Brunner. „Bei psychischen Problemen gibt es eine immer noch ausgeprĂ€gte Stigmatisierung.” Viele Jugendliche haben Angst, von ihren MitschĂŒlern ausgelacht zu werden. „Wir waren im Vorfeld mehrfach in den Klassen, um AufklĂ€rung zu betreiben”, sagt Studienkoordinator M. Kaess, „etwa darĂŒber, dass die vertrauliche Kommunikation mit den SchĂŒlern und ihre AnonymitĂ€t gewĂ€hrleistet sind.” Rund 70 Prozent entschlossen sich daraufhin zur Teilnahme.

Über 1.400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren waren an der Studie beteiligt. Sie kamen von 26 Gymnasien, Real- Hauptschulen des Rhein-Neckar-Kreises und Heidelberg. ZunĂ€chst beantworteten die Acht- und NeuntklĂ€ssler bei der Eingangsuntersuchung im Januar 2010 einen Fragebogen, der unter anderem die Themenbereiche SuizidgefĂ€hrdung, Selbstverletzung, Angst, Depression, Delinquenz, gestörtes Essverhalten, exzessiver Medienkonsum, SchulschwĂ€nzen und Mobbing abhandelte. Je eines von vier PrĂ€ventionsprogrammen wurde den Schulen per Zufall zugeteilt. Beim sogenannten Professional Screening erhielten ĂŒber 60 Prozent der SchĂŒler aufgrund ihrer Antworten eine Einladung zu einem Interview. Bei 30 Prozent derer, die zum Termin erschienen waren, stellten die Psychiater einen Behandlungsbedarf fest.

In einem der anderen drei PrĂ€ventionsprogramme nahmen etwa 100 Lehrer an einem Training teil, dass sie in die Lage versetzte, betroffene Jugendliche zu erkennen und mit ihnen umzugehen („Gatekeeper-Training”). 450 SchĂŒler wurden im Rahmen von fĂŒnf Unterrichtsstunden ĂŒber riskante und selbstschĂ€digende Verhaltensweisen sowie den Umgang damit aufgeklĂ€rt („Awareness Training”). An anderen Schulen wurden den KlassenrĂ€umen Informationsplakate aufgehĂ€ngt und den Jugendlichen Visitenkarten mit den Kontaktinformationen der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgehĂ€ndigt („Minimal Intervention”).

Bei etwa 25 Prozent der SchĂŒler sank die SuizidgefĂ€hrdung im Laufe der Folgeuntersuchungen. Besonders bei den MĂ€dchen verringerten sich die psychischen Probleme. „Eine genaue Analyse der unterschiedlichen Gruppen und Wirkfaktoren steht noch aus”, betont Brunner. „Diese ersten Ergebnisse stellen ausschließlich Tendenzen bezogen auf die Heidelberger Gesamtstichprobe dar. Es fehlen allerdings noch genaue Analysen im Vergleich mit anderen EU-Staaten, die sicher noch weitere Erkenntnisse bringen werden.”

(Quelle: http://www.seyle.eu , Der Standard v 20.01.2011; Photo:Matthias Cremer)

May 13

Laut Resultaten einer schwedischen Studie erhöht Übergewicht im mittleren Lebensalter das Risiko einer Demenz-Erkrankung im Alter um 80 Prozent. Im Rahmen einer Studie ĂŒberprĂŒften Wissenschafter des Karolinska Institut in Stockholm den aktuellen Gesundheitszustand von 8.534 Zwillingen im Alter ab 65 Jahren in Bezug auf mögliche Demenz-Erkrankungen und verglichen diesen anschließend mit dem BMI der Probanden im mittleren Lebensalter.

Den BMI konnten die Wissenschafter dabei aus den Daten des schwedischen Zwillingsregisters zu KörpergrĂ¶ĂŸe und Gewicht der Probanden vor 30 Jahren ableiten.
350 Studienteilnehmer litten an einer bereits diagnostizierten Demenz, bei 114 lagen Symptome fĂŒr einen begrĂŒndeten Verdacht vor. 2.541 der erfassten 8.534 Zwillinge im mittleren Lebensalter waren ĂŒbergewichtig (BMI 25–30kg/mÂČ) oder fettleibig (BMI >30kg/mÂČ).

36 Prozent der Probanden mit Verdacht auf eine Demenz-Erkrankung waren ĂŒbergewichtig, fĂŒnf Prozent waren fettleibig. Bei den Studienteilnehmer mit bereits vorliegender Demenz-Diagnose lag der Anteil der Übergewichtigen sogar bei 39 Prozent, fettleibig waren sieben Prozent. DemgegenĂŒber waren lediglich 26 Prozent der Probanden ohne Demenz-Erkrankung in ihrem mittleren Lebensalter ĂŒbergewichtig und drei Prozent fettleibig.

Daraus leiten die Forscher ein um 80 Prozent erhöhtes Demenz-Risiko im spĂ€teren Lebensverlauf bei Übergewicht in den mittleren Lebensjahren ab. Die Korrelation zwischen Übergewicht und Demenz-Risiko habe sich auch bei BerĂŒcksichtigung anderer Faktoren wie dem Bildungsstand, der genetischen Veranlagung, Diabetes oder GefĂ€ĂŸerkrankungen als statistisch signifikant erwiesen.

 

Essen sich bereits Kleinkinder ihren spĂ€teren HĂŒftspeck an?

Neue Erkenntnisse liefern darĂŒber hinaus auch Indikationen, dass sich die Folgen frĂŒher ErnĂ€hrungsfehler erst Jahre spĂ€ter zeigen. So kann eine hohe Eiweißzufuhr zwischen dem 6. und 24. Lebensmonat das Risiko fĂŒr Übergewicht im Schulalter erhöhen. Eine inadĂ€quate Eisenzufuhr vor dem dritten Geburtstag kann zu schlechten Mathematik-Noten in der Schule fĂŒhren. Aus diesem Anlass wurden von einer interdisziplinĂ€ren, österreichischen Expertengruppe erstmals klare “ErnĂ€hrungsempfehlungen fĂŒr 1- bis 3-JĂ€hrige” erarbeitet und durch praktische Tipps ergĂ€nzt.

Die ersten drei Lebensjahre sind eine wichtige Phase fĂŒr die körperliche und geistige Entwicklung des Menschen. Ein Kind nimmt im Alter zwischen 1 und 3 Jahren ca. 40 % an LĂ€nge und Gewicht zu. Das Gehirn wĂ€chst in den ersten Lebensjahren schneller als in jeder anderen Lebensphase: 70 g pro Monat mit 5 Monaten und immer noch 32 g pro Monat mit 15 Monaten. Klarerweise ist richtige ErnĂ€hrung in diesem Alter aus physiologischen und prĂ€ventivmedizinischen GrĂŒnden von besonderer Bedeutung.

Daten aus Deutschland zeigen, dass bereits Kleinkinder zu viel, zu sĂŒĂŸ, zu fett, zu eiweiß- und salzreich essen. „Dieses ungĂŒnstige ErnĂ€hrungsmuster hinterlĂ€sst Spuren bei der NĂ€hrstoffversorgung. So nimmt ein Kleinkind mehr als doppelt so viel Eiweiß als nötig auf. Die Empfehlungen fĂŒr die Zufuhr essenzieller FettsĂ€uren werden bei weitem nicht erreicht. Der SĂŒĂŸigkeitenverzehr und damit die Zuckerzufuhr mit all seinen negativen Folgen fĂŒr Gewicht und ZĂ€hne verdoppeln sich zwischen 1 und 3 Jahren. Bei den MikronĂ€hrstoffen gibt es LĂŒcken vor allem bei Eisen und einigen Vitaminen – im Fall von Vitamin D erreichen gar nur zwei von zehn Kindern die Zufuhrempfehlungen.“, so Univ. Prof. Dr. JĂŒrgen König vom Department fĂŒr ErnĂ€hrungswissenschaften der UniversitĂ€t Wien.

Studien haben gezeigt, dass die Entwicklung von Übergewicht durch eine erhöhte Aufnahme von tierischem Eiweiß (das im Kleinkindalter insbesondere aus Wurst und Milchprodukten stammt) in den ersten Lebensjahren begĂŒnstigt wird. Der PĂ€diater Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer erklĂ€rt dieses PhĂ€nomen wie folgt: „Ein erhöhter Eiweißkonsum fĂŒhrt zu einer verstĂ€rkten Sekretion eines Insulin-Ă€hnlichen Wachstumsfaktors, insbesondere nach dem Verzehr von zu viel Milcheiweiß. Dieser Wachstumsfaktor (IGF-1) fördert die Bildung von Fettzellen sowie die Fettspeicherung.“ Zwiauer hat in den letzten Jahren eine Verdopplung der Zahl ĂŒbergewichtiger Kleinkinder beobachtet.

Gravierende Schönheitsfehler bei MikronÀhrstoffen

Bei Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen stellt sich die Versorgung mit Eisen, FolsĂ€ure und Vitamin D als unzureichend dar. Insbesondere im Hinblick auf Eisen zeigen sich Experten besorgt, denn die Aufnahme unterschreitet die Empfehlungen um ca. ein Drittel: „Eine ausreichende Eisenzufuhr ist insbesondere wĂ€hrend Phasen sehr schnellen Wachstums bis zum Alter von 2 Jahren wichtig. Eine Unterversorgung im SĂ€uglings- und Kleinkindesalter kann langfristige Folgen fĂŒr Schulkinder – wie eingeschrĂ€nkte MerkfĂ€higkeit, geringere mathematische FĂ€higkeiten, verminderte kognitive Entwicklung – haben.“, so Ass. Prof. Dr. Nadja Haiden, von der Medizinischen UniversitĂ€t Wien.

Bei der fĂŒr Zellteilung und Wachstum so wichtigen FolsĂ€ure werden die Empfehlungen gar nur zur HĂ€lfte erreicht, MĂŒdigkeit und Störungen des Blutbildes sind mögliche Folgen. Da nur zwei von zehn Kindern mit dem fĂŒr Knochenstoffwechsel und Immunsystem wichtigen Vitamin D ausreichend versorgt sind, wird aktuell diskutiert, die Vitamin D-Prophylaxe ĂŒber das erste Lebensjahr hinaus zu verlĂ€ngern.

Die tĂ€gliche Salzaufnahme ist hingegen bereits in diesem Alter zu hoch. Eine hohe Natriumzufuhr (Kochsalzzufuhr) bedeutet eine frĂŒhe Gewöhnung an große Salzmengen, was sich wiederum langfristig negativ auf den Blutdruck auswirken kann. Zudem ist die Niere bei Kindern erst mit etwa 18 Monaten ausgereift und sollte daher im Kleinkindesalter mit möglichst kleinen Natriummengen konfrontiert werden.

Der Expertenkreis KleinkindernÀhrung nennt 10 wichtige und praktische Tipps zur Verbesserung der NÀhrstoffzufuhr im Kleinkindalter:

  • Leitungswasser ist das GetrĂ€nk erster Wahl.
  • Maximal an 3 Tagen pro Woche Fleisch oder Wurst.
  • 1 – 2 x wöchentlich Fisch (fettarm zubereitet) und/oder Zuchtpilze.
  • 3 Milchportionen pro Tag, vorzugsweise kindgerecht eiweißreduzierte und eisenangereicherte Milch.
  • TĂ€glich folsĂ€urereiche GemĂŒsesorten (z. B. Erbsen, Brokkoli, Spinat) sowie Vollkornprodukte.
  • Geriebene NĂŒsse oder Samen z. B. ins MĂŒsli schließen NĂ€hrstofflĂŒcken.
  • 1 x wöchentlich HĂŒlsenfrĂŒchte als Basis einer warmen Hauptmahlzeit.
  • Mindestens 1-2 Eier pro Woche, bei vegetarisch ernĂ€hrten Kindern sogar mehr.
  • Raps-, Sonnenblumen- oder Maiskeimöl zum Kochen und fĂŒr Salat verwenden.
  • Salzreiche Lebensmittel selten und in bewusst kleinen Mengen.

(Quellen: Neurology; 2011, 76: 1568-1574, cecu.de, medaustria.at, ErnĂ€hrungs-Expertenposition auf der Homepage der Österreichischen Gesellschaft fĂŒr Kinder- und Jugendheilkunde; Image src:phsj.org)

Jul 13

Eine Studie, die kĂŒrzlich im „American Journal of Epidemiology“ publiziert wurde, zeigt ein gesteigertes Depressions-Risiko fĂŒr unter 17jĂ€hrige Cannabis-Konsumenten. Ob die Droge per se dafĂŒr verantwortlich ist, bleibt derzeit noch ungeklĂ€rt.

Dr. R. de Graaf und Kollegen analysierten am Netherlands Institute of Mental Health and Addiction in Utrecht Daten von 85.088 Personen aus 17 LĂ€ndern, die an der World Health Organisation Word Mental Health Survey Initiative (2001-2005) teilnahmen. Die Assoziation zwischen frĂŒhem Cannabis-Konsum und spĂ€terem Risiko depressiver Phasen wurde mittels logistischer Regressionsanalysen und nach entsprechender Adjustierung auf Geschlecht, Alter, Tabak-Konsum und diverse mentale Erkrankungen durchgefĂŒhrt.

Hierbei zeigte sich, dass Cannabis-Konsum bei unter 17jĂ€hrigen mit einer 50%igen Steigerung des Risikos depressiver Phasen assoziiert war (kontrolliert auf Alter und Geschlecht, RR=1,5 [95% CI 1,4-1,7]). Die Assoziation verĂ€nderte sich nach Adjustierung auf mentale Erkrankungen unerheblich – ausgenommen fĂŒr kindliche Verhaltensstörungen, die die Assoziation zu einer nicht-Signifikanz reduzierte.

Die Wissenschafter merken abschließend an, dass dieser Studientyp Cannabis per se nicht als Depressions-Auslöser bei Kindern und Jugendlichen identifizieren kann. Weitere diesbezĂŒgliche Studien, die auch auf mögliche latente Depressionen oder mentale Erkrankungen, die zum Cannabis-Konsum fĂŒhren könnten, fokussieren, sind von Nöten. Andere Studien jedoch zeigten, dass Cannabis-Konsumenten offenbar generell ein deutlich erhöhtes Risiko fĂŒr psychische Störungen haben als Nicht-Konsumenten.

(Quelle: “Early Cannabis Use and Estimated Risk of Later Onset of Depression Spells: Epidemiologic Evidence From the Population-based World Health Organization World Mental Health Survey Initiative“, Am J Epidemiol. 2010 Jul 15;172(2):149-59. Epub 2010 Jun 9; Image src:zamnesia)

Jun 03

Kinder und Jugendliche waren gemĂ€ĂŸ einer Studie der US Pharmaproduktions- und Gesundheitsmanagement-Firmengruppe MedCo Health Solutions die in den USA am stĂ€rksten wachsende Medikamenten-Konsumentengruppe – sie nahmen 4x so viel verschreibungspflichtige Arzneimittel wie der Rest der Bevölkerung ein. Jedes 4. Kind unter 10 Jahren erhielt Mittel gegen chronische Beschwerden, und bei den 10-19 JĂ€hrigen stieg dieser Anteil sogar auf 30 %.

Zwei Medikamentengruppen verzeichneten wĂ€hrend der letzten Jahre den grĂ¶ĂŸten Anstieg – Medikamente, die man normalerweise eigentlich nicht mit Heranwachsenden in Verbindung bringt: Antidiabetika und Neuroleptika (Antipsychotika). So stieg seit 2001 die Anzahl der 10-19 jĂ€hrigen Jugendlichen, die cholesterinsenkende Arzneimittel einnahmen, um unglaubliche 50%. Die Gruppe der Neuroleptika wird aber in den USA keineswegs nur gegen Psychosen wie z.B. Schizophrenie, sondern zunehmend auch bei AngstzustĂ€nden und Depressionen eingesetzt. Der Gebrauch dieser Arzneimittel-Gruppe hat sich in den USA seit 2001 deshalb verdoppelt, wĂ€hrend der von Antidepressiva seit 2004 um ĂŒber 20% abnahm – etwa zur gleichen Zeit hatte die Arzneimittelbehörde FDA eine Warnung veröffentlicht, dass einige Antidepressiva Selbstmordgedanken bei Jugendlichen verstĂ€rken können. Seither setzen die behandelnden Ärzte eher Neuroleptika ein. Doch ironischerweise vergrĂ¶ĂŸert der Konsum dieser Neuroleptika wiederum die Chance auf das Entstehen einer Typ 2 Diabetes.

Auch die oft kritisierte Vergabe von Medikamenten gegen ADHS ist weiterhin im Anstieg begriffen (2009: 9,1%) und hat sich – wohl aufgrund der Sensibilisierung bezĂŒglich des vielpublizierten “ADHS bei Erwachsenen” – auf die Gruppe der 20-34 JĂ€hrigen ausgeweitet. Dort stiegen die Verschreibungszahlen um ĂŒber 21% an.

Medco analysierte fĂŒr den Report seine 200 Top-Kunden, die ĂŒber 40 Millionen Menschen reprĂ€sentieren. Die Firma sieht eine blĂŒhende Zukunft fĂŒr Pharma-Hersteller: bis 2012 sollen die Ausgaben fĂŒr Arzneimittel um weitere 18% steigen.

Kommentar R.L.Fellner:
Der schon in einer US-Studie vom November letzten Jahres festgestellte Trend in der Sozial- und Gesundheitspolitik wird damit ein weiteres Mal bestĂ€tigt: er fĂŒhrt offenbar weg von AnsĂ€tzen, die Ursachen psychischer, sozialer und körperlicher Probleme und Erkrankungen mit all den uns heute zur VerfĂŒgung stehenden wirksamen Methoden (‘ganzheitlich’) zu behandeln und ihnen damit letztlich -hoffentlich- dauerhaft Herr zu werden, sondern der Mensch soll primĂ€r mit einer auf ihn abgestimmten Palette von parmakologischen Produkten versorgt werden, deren diverse Nebenwirkungen dann im (fĂŒr den Betroffenen..) ungĂŒnstigsten Fall wiederum weitere Arzneimittel nötig machen. Und wer sich von Kindern und Jugendlichen heute zu sehr herausgefordert oder provoziert fĂŒhlt, findet entweder einen Arzt, der nach ein paar Minuten Konsultation ADS / AHDS diagnostiziert und dazu auch gleich das passende Rezept ausstellt, oder eine Behörde, die (tĂ€gliche RealitĂ€t im heutigen England) eine sog. “ASBO” verfasst – mit den damit verbundenen “sozialen” Anpassungsmaßnahmen. Die vielgepriesene “freie Gesellschaft” des Westens scheint zu immer grĂ¶ĂŸeren Teilen in ein potemkinsches Dorf – abgelenkt durch glitzernde Konsumprodukte und “mind- & behavior- optimiert” durch immer neue Produkte der Pharmaindustrie – umgesiedelt zu werden.

(Quelle: Kids’ Consumption of Chronic Medications on the Rise (May 19, 2010), tp; Image src:healthpsych.psy.vanderbilt.edu)

Dec 10

Zumindest in den USA werden Kindern immer mehr Medikamente verschrieben: die hĂ€ufigsten GrĂŒnde dafĂŒr seien Asthma, Diabetes und ADS/ADHS, wie eine Studie der St. Louis-University, welche in der November-Ausgabe der Zeitschrift Pediatrics veröffentlicht wurde, herausfand. Dieses in Teilbereichen regelrecht dramatische Anwachsen einschlĂ€giger Verscheibungen fĂŒhren die Studien-Autoren auf die starke Zunahme von Adipositas in den USA zurĂŒck – bei Adipositas besteht, wie zahlreiche Studien zeigen, offensichtlich ein starker Zusammenhang mit  Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Depression und Asthma.

Ob diese Schlußfolgerung allerdings als alleinige ErklĂ€rung gerechtfertigt ist? Über die Zunahme von Adipositas in so gut wie allen IndustrielĂ€ndern (u.a. aufgrund verĂ€nderter ErnĂ€hrungsgewohnheiten, anderer Zusammensetzung der Grundnahrungsmittel und auch verschiedenster psychischer Ursachen) besteht ja grundsĂ€tzlich kein Zweifel, eine Verdopplung der Einnahme spezifischer Arzneimittel innerhalb von nur 4 (!) Jahren allerdings (so geschehen mit 2 Medikamenten zur Behandlung von Typ2-Diabetes) steht trotz einer angeblichen Zunahme der Diagnose von 166% (MĂ€dchen von 10-14 J.) bzw. 135% (MĂ€dchen von 15-19 J.) in keiner Relation. Immerhin fĂŒhren die Studienautoren an, daß auch die reine Verschreibung etwa spezifischer Medikamente gegen Asthma um 46,5%, und jene gegen ADHD um 40% zugenommen hĂ€tte. Der Verdacht liegt nahe, daß einfach nur rascher zu Medikamentenverschreibungen gegriffen wird, statt auf nachhaltige (wenn auch anstrengendere) Therapieformen wie DiĂ€ten, Bewegung oder Psychotherapie zu setzen. TatsĂ€chlich beobachtet Dr. Artman, Leiter der pĂ€diatrischen Abteilung der UniversitĂ€t Iowa, einen Trend, daß privat versicherte PatientInnen hĂ€ufig die bessere und nachhaltigere Versorgung erhalten, KassenpatientInnen oder Unversicherte aber bevorzugt Medikamente verschrieben erhalten. Einen Faktor, den er nicht erwĂ€hnt, sind die großzĂŒgigen Ausgaben der Pharmaindustrie, um ihre Produkte an die PatientInnen zu bringen, wozu  Ärzte mit immateriellen ebenso wie materiellen Zuwendungen von diesen gerne ermuntert werden.

Update 25.01.2009: in Österreich geht der Trend in dieselbe Richtung. In einem Interview mit der Tageszeitung ‘Der Standard’ v. 21.1.09 sagte Erich Laminger (seit 2005 Vorstandschef des Hauptverbands der SozialversicherungstrĂ€ger): “Erschreckend ist besonders der Anstieg bei den Psychopharmaka. Über alle Altersgruppen hatten wir in den letzten drei Jahren einen Anstieg von fast 30 Prozent. Besonders hervorstechend sind aber die Gruppen der FĂŒnf- bis NeunjĂ€hrigen und der Zehn- bis 14-JĂ€hrigen, wo der Anstieg bei 50 Prozent liegt. (..) Da muss sich die Gesellschaft fragen: Was ist da los?”

Quelle: US National Library Of Medicine, 11/2008
Link-Tipp: Das Pharma-Kartell (ZDF-Dokumentation 12/2008)
Buch-Tipp: Hans Weiss, “Korrupte Medizin“, 2008
Lesetipps zum Thema “Essstörungen”

Nov 28

Wer wĂ€hrend der letzten Wochen die diversen Pressemeldungen verfolgte, konnte ein bemerkenswertes Bild ĂŒber unseren gesellschaftlichen Zugang zu den “Umtrieben” heutiger Kinder und Jugendlicher bekommen: da wurde von einem oberösterreichischen Schuldirektor den SchĂŒlerInnen etwa das öffentliche KĂŒssen untersagt (nach vehementen öffentlichen Protesten ist das Verbot mittlerweile wieder aufgehoben), angeblich werden Jugendliche immer dĂŒmmer (Computer und Fernsehen seien schuld), wir erinnern uns an die Debatte um bauchfreie T-Shirts vor 2 Jahren, seit vielen Jahren deuten einschlĂ€gige Studien in England aber vor allem auch auf steigende Angst der Öffentlichkeit vor Kindern und Jugendlichen hin: mehr Respekt wird da gefordert, und die Kategorie des “antisozialen Verhaltens” wurde geschaffen, um Jugendliche entsprechend mit ASBO’s (Anti-Social Behavior Orders) und einschlĂ€gigen Medikamenten zu disziplinieren. Mittlerweile bilden sich bereits Gruppierungen, die gegen diesen Trend zu mobilisieren versuchen, denn Überwachen und Strafen lösen – wie auch in anderen Lebensbereichen – die zugrundeliegenden Probleme nicht.

Alarmierend ist die VerstĂ€ndnislosigkeit und KĂ€lte, mit der der jungen Generation (wie man so schön sagt: unseren [hoffentlich!] “Pensionszahlern von morgen”) begegnet wird. Politik wird in erster Linie fĂŒr die Erwachsenen und Pensionisten gemacht, an der Jugend besteht kaum ein anderes Interesse, als dass diese zu “funktionieren”, sich in das gesellschaftliche GefĂŒge einzuordnen habe. Das Bestehende wird verwaltet, Zukunftsdenken oder gar Visionen sind eher die Ausnahme als die Regel. Da ist es dann kein Wunder, wenn KlassengrĂ¶ĂŸen trotz steigender sozialer Probleme und zunehmendem Integrationsbedarf immer grĂ¶ĂŸer werden und Lehrer immer mehr Erziehungsaufgaben zu ĂŒbernehmen haben, gleichzeitig aber ihre Fortbildungsbudgets, sowie jene fĂŒr Beratungsstellen und Psychotherapie schon seit Jahrzehnten ausgedĂŒnnt werden. Auch Eltern schaffen kaum den Spagat, ihre Karriereziele mit den BedĂŒrfnissen ihrer Kinder nach Zuwendung zu vereinbaren.

Wie das Schicksal so spielt: wĂ€hrend ich diese Zeilen schrieb, wurde eine Pressemitteilung der österr. Bildungsministerin Claudia Schmied veröffentlicht: nach einem heute stattgefundenen “Bildungs-Gipfel”, an dem 600 Experten von Schulaufsicht und Schulpartnern bis zu Polizei, Schulpsychologen und NGO’s teilnahmen, soll ein FĂŒnf-Punkte-Programm fĂŒr das Thema Gewalt an Schulen sensibilisieren und diese zu verhindern helfen. “Die Lehrer können soziale Probleme nicht alleine lösen”, so die Bildungsministerin.
Wichtigstes Ergebnis des Gipfels: im kommenden Jahr soll es um 20 Prozent mehr Schulpsychologen an Österreichs Schulen geben (derzeit kommen z.T. auf 5-10 Schulen 1 SchulpsychologIn, und das Engagement externer BeraterInnen wie im Projekt “SchulePlus” des Wiener GRG3 oder von “Schule mit Biss” bleibt fast ausschließlich Elternvereinen und engagierten Direktionen vorbehalten), und es wird einschlĂ€gige Schwerpunkte in der LehrerInnenausbildung geben. GewalttĂ€tige SchĂŒler, sogenannte ‘Bullies’ verursachen langfristig hohe Kosten fĂŒr den Staat: addiert man Maßnahmen wie Pflege, Heimbetreuung, Gerichtsverfahren und Strafvollzug, kostet ein Bully den Staat ĂŒber eine Million Euro. Die Lösung laut dem Psychologen Friedrich Lösel: “Kinder aus Risikofamilien sollten von der Geburt an betreut werden.”

Scheint, als wĂ€re Österreich doch “anders” und als gĂ€be es begrĂŒndete Hoffnung, dass das Steuer gerade noch herumgerissen werden kann. Sofern die Maßnahmen tatsĂ€chlich im Parlament bewilligt und dann auch konsequent umgesetzt werden jedenfalls.

ï»ż25.06.19