Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und grĂ¶ĂŸeren SchwĂ€chen stĂ€rker verĂ€nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “NeuroplastizitĂ€t” oder “neuronalen PlastizitĂ€t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in AbhĂ€ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu verĂ€ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer PlastizitĂ€t oder kortikaler PlastizitĂ€t. Die Grundlagen fĂŒr diese Entdeckung der AnpassungsfĂ€higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der UniversitĂ€t ZĂŒrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische VerĂ€nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergrĂ¶ĂŸern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests bestĂ€tigen, dass schon die bloße Vorstellung Hirnreale vergrĂ¶ĂŸern lĂ€sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa ließ Freiwillige ein simples KlavierstĂŒck ĂŒben und untersuchte anschließend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher fĂŒr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergrĂ¶ĂŸerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch stĂ€rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar stĂ€rker – unsere FĂ€higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das KlavierstĂŒck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier verĂ€nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tatsĂ€chlich Übenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings können also offenbar physiologische VerĂ€nderungen des Gehirns durch VerĂ€nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
VerblĂŒffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er fĂ€hig, realistische Bilder von GebĂ€uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen Ă€hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und können zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. StĂŒck fĂŒr StĂŒck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz persönlichen Ziele und BedĂŒrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erklĂ€rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen Störungen unterstĂŒtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, können auch negative Gedanken gezielt ĂŒberwunden werden können. Werden jene Gedanken ĂŒberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann ĂŒber die Funktion der NeuroplastizitĂ€t eine physiologische Änderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische Mönche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der NeuroplastizitÀt auch nach SchlaganfÀllen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei LÀhmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwÀhnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die NeuroplastizitÀt scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere BĂŒcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf – TV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der AnpassungsfĂ€higkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, KultureinflĂŒsse, aber auch Jonglieren verĂ€ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: ĂŒber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu verĂ€ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

Mar 14

Cannabis PsychosenWissenschafter haben fĂŒr eine Studie an der UniversitĂ€t von Queensland, Australien, mehr als 3.800 junge Erwachsene um die 20 Jahre zu ihrem Cannabis-Konsum befragt und sie außerdem auf Psychosen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen untersucht. 14 Prozent der Befragten gaben an, schon seit sechs Jahren oder lĂ€nger Haschisch zu rauchen.

Langzeit-Konsumenten hatten der Befragung zufolge offenbar ein doppelt so hohes Risiko, an psychotischen Symptomen wie Schizophrenie zu erkranken als jene Studienteilnehmer, die noch nie mit Cannabis in BerĂŒhrung gekommen waren. Sie waren auch doppelt so anfĂ€llig fĂŒr Halluzinationen und hatten ein vierfach erhöhtes Risiko, unter Wahnvorstellungen zu leiden. Die Gefahr nimmt nach EinschĂ€tzung der Forscher parallel zur Dauer des Cannabis-Konsums zu. Je lĂ€nger der erste Cannabis-Konsum zurĂŒcklag, desto grĂ¶ĂŸer war das Risiko einer Erkrankung. Eine Verbindung mit Depression und Selbstmordneigung sei nicht nachweisbar.

Ob die Erkrankung bei den Psychose-Patienten allein durch den Cannabis-Konsum ausgelöst wurde oder ob sie schon vor dem Drogenmissbrauch anfĂ€llig fĂŒr Geisteskrankheiten waren, ist jedoch unklar. Bei Patienten, die schon in jungen Jahren unter Halluzinationen litten, war es demnach wahrscheinlicher, dass sie eher und öfter Cannabis konsumieren. ErgĂ€nzend ist anzumerken, daß dasselbe PhĂ€nomen beim Konsum von Alkohol, Nikotin auftritt, darĂŒber erhöht frĂŒhzeitiger Konsum von Rauschmitteln auch die AnfĂ€lligkeit fĂŒr spĂ€teres Suchtverhalten.

166 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren oder 4 Prozent dieser Altergruppe haben 2006 zumindest schon einmal gekifft. Cannabis ist die weltweit am meisten von meisten jungen Menschen konsumierte illegale Droge, die sich nun von den reichen LÀndern auch auf die armen ausgebreitet habe. Am stÀrksten wird Cannabis nach Angaben der UN-Drogenbehörde in den USA, Australien und Neuseeland konsumiert, gefolgt von Europa. Prozentual die meisten Cannabis-Konsumenten gibt es aber in Asien.
Der Wirkstoff THC fĂŒhrt zu einem “High”, einer leichten Euphorie und setzt die Reaktionszeit, die Informationsverarbeitung und Koordination herunter. 5-24 Prozent des gerauchten THC erreicht das Gehirn. Der Wirkstoff kann aber auch Ängste, Panikreaktionen oder psychotische Symptome auslösen. Es gibt Hinweise, aber keine Beweise, dass der THC-Gehalt in beschlagnahmten Cannabis-Produkten in den letzten 30 Jahren gestiegen sei.
Nach den ausgewerteten Studien könnten 9 Prozent der Menschen, die Cannabis konsumieren, abhĂ€ngig werden. Das Suchtrisiko ist fĂŒr Nikotin mehr als dreimal so hoch, fĂŒr Kokain doppelt so hoch. Von Alkohol werden 15 Prozent sĂŒchtig, von Amphetaminen 11 Prozent.
WĂ€hrend chronische Bronchitis bei Cannabis-Rauchern hĂ€ufiger auftreten, gibt es noch keine Belege, dass Cannabis trotz der Karzinogene im Rauch zu Lungenkrebs fĂŒhrt. Meist seien regelmĂ€ĂŸige Kiffer auch Tabakraucher. Bei starken Kiffern soll Cannabis zu Aufmerksamkeits-, GedĂ€chtnis- und Lernstörungen fĂŒhren können. Verbunden sei Cannabis-Konsum bei Jugendlichen mit schlechteren Schulleistungen, vermutet wird, dass hier eine Reihe von Ursachen neben den direkten Wirkungen eine Rolle spielen. Unklar ist, ob der Cannabis-Konsum direkt die Neigung steigert, auf hĂ€rteren Drogen umzusatteln, wie man dies in den USA, Australien und Neuseeland beobachten könne, schreiben die Autoren. Es könne auch daran liegen, dass die Kiffer bereits mit dem Drogenmarkt vertraut sein und so leichter an anderen Stoff herankommen.

(Quellen: [1], [2], tp; Photo:zamnesia)

ï»ż01.09.19