Jun 10
Schlaganfall und Depression

Nur ein kleiner “Unfall” im Gehirn – aber die Auswirkungen können dramatisch sein (pic: webmd.com).

Schlaganfall-Patienten sind nach dem Hirnschlag meist nicht nur motorisch eingeschrĂ€nkt, sondern etwa jeder Dritte entwickelt auch eine Depression, die sogenannte Post-Stroke-Depression (PSD) – wĂ€hrend sonst nur jede fĂŒnfte Person an Depression erkrankt. Doch wie kommt es dazu?

GrundsĂ€tzlich gilt: Menschen, die ein erhöhtes genetisches oder soziales Risiko haben, an einer Depression zu erkranken, werden auch nach einem Schlaganfall leichter von der psychischen Erkrankung erfaßt. Die körperlichen EinschrĂ€nkungen tun ihren Teil: wenn die Beweglichkeit von Gliedmaßen oder der Gesichtsmuskulatur eingeschrĂ€nkt ist, Sprachstörungen oder LĂ€hmungen auftreten, ist dies eine massive Belastung fĂŒr die Psyche. Den Betroffenen wird bewußt, dass sie Grundfertigkeiten wieder neu erlernen mĂŒssen und ihren Job nicht mehr weiter ausĂŒben können.

Eine weitere Ursache könnten VerĂ€nderungen im Gehirn darstellen: denn SchlaganfĂ€lle werden durch Blutgerinnsel ausgelöst, die GefĂ€ĂŸe im Hirn verschließen. Die mangelhafte Versorgung mit Sauerstoff fĂŒhrt zu nachhaltigen HirnschĂ€den, die umso grĂ¶ĂŸer sind, je lĂ€nger die Unterversorgung anhĂ€lt. Diese SchĂ€den können die AusschĂŒttung von Hormonen verĂ€ndern und dadurch die Entwicklung einer Depression begĂŒnstigen.

Erste Anzeichen einer Post-Stroke-Depression sind wie bei der Depression Antriebslosigkeit, Schlafstörungen sowie Traurigkeit, die lĂ€nger als zwei Wochen andauern. “FĂŒr das Erkennen der PSD ist es von Vorteil, dass insbesondere schwer betroffene Patienten nach dem Schlaganfall engmaschig betreut werden”, erklĂ€rt Franz Fazekas, Neurologe von der Medizinischen UniversitĂ€t Graz: “Gerade wĂ€hrend der Rehabilitation bekommen Ärzte, Pflege und Physiotherapeuten hautnah mit, wie sich die Stimmung der Patienten entwickelt.” Schwieriger wird es, wenn die Depression spĂ€ter auftritt, also wenn der Patient die Reha bereits beendet hat und wieder zu Hause ist.

In der Depressions-Therapie Betroffener kommen vor allem dann hauptsĂ€chlich Medikamente zum Einsatz, wenn die mentale KapazitĂ€t der Patienten eingeschrĂ€nkt ist – Psychotherapie kann dann nur beschrĂ€nkt ihr Potenzial entfalten. Ebenso wichtig sind fĂŒr Psychotherapien die SprachfĂ€higkeit sowie das SprachverstĂ€ndnis.

(Source: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21216670)

Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und grĂ¶ĂŸeren SchwĂ€chen stĂ€rker verĂ€nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “NeuroplastizitĂ€t” oder “neuronalen PlastizitĂ€t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in AbhĂ€ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu verĂ€ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer PlastizitĂ€t oder kortikaler PlastizitĂ€t. Die Grundlagen fĂŒr diese Entdeckung der AnpassungsfĂ€higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der UniversitĂ€t ZĂŒrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische VerĂ€nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergrĂ¶ĂŸern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests bestĂ€tigen, dass schon die bloße Vorstellung Hirnreale vergrĂ¶ĂŸern lĂ€sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa ließ Freiwillige ein simples KlavierstĂŒck ĂŒben und untersuchte anschließend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher fĂŒr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergrĂ¶ĂŸerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch stĂ€rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar stĂ€rker – unsere FĂ€higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das KlavierstĂŒck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier verĂ€nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tatsĂ€chlich Übenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings können also offenbar physiologische VerĂ€nderungen des Gehirns durch VerĂ€nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
VerblĂŒffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er fĂ€hig, realistische Bilder von GebĂ€uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen Ă€hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und können zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. StĂŒck fĂŒr StĂŒck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz persönlichen Ziele und BedĂŒrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erklĂ€rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen Störungen unterstĂŒtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, können auch negative Gedanken gezielt ĂŒberwunden werden können. Werden jene Gedanken ĂŒberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann ĂŒber die Funktion der NeuroplastizitĂ€t eine physiologische Änderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische Mönche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der NeuroplastizitÀt auch nach SchlaganfÀllen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei LÀhmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwÀhnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die NeuroplastizitÀt scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere BĂŒcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf – TV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der AnpassungsfĂ€higkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, KultureinflĂŒsse, aber auch Jonglieren verĂ€ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: ĂŒber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu verĂ€ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

Dec 24

Einer kĂŒrzlich veröffentlichten Studie zufolge haben Depressive ein um 45% erhöhtes Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden, und eine um 55% höhere Wahrscheinlichkeit, daran zu versterben. Depression ist also offenbar neben zahlreichen anderen Erkrankungen und Störungsbildern, mit denen zumindest Wechselwirkungen und z.T. kausale ZusammenhĂ€nge bestehen, wie:

offenbar auch ein wichtiger Risikofaktor fĂŒr SchlaganfĂ€lle, so die Studienautoren von der Harvard Medical School of Public Health, Boston.

“Gerade Menschen mit Depressionen mĂŒssen ĂŒber die bekannten Risikofaktoren fĂŒr einen Schlaganfall, wie hoher Blutdruck, schlechte ErnĂ€hrung oder wenig Bewegung, aufgeklĂ€rt werden”, rĂ€t deshalb Prof. Martin Grond aus Siegen, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Neurologie (DGN) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).

Denn dass depressive Menschen auch ein höheres Risiko tragen, einen Schlaganfall zu erleiden, war bisher unklar. Mit jĂ€hrlich mehr als 250.000 FĂ€llen zĂ€hlt auch der Schlaganfall in Deutschland zu den Volkskrankheiten, die Studienergebnisse sind somit auch ökonomisch bedeutsam fĂŒr das Gesundheitssystem.

In der Metaanalyse wurden Daten von insgesamt 317.540 Menschen aus 28 prospektiven Bevölkerungsstudien ausgewertet. Zu Beginn untersuchten Ärzte die Probanden auf depressive Symptome und betreuten sie in der Folge noch bis zu 29 Jahre lang. In diesem Zeitraum erlitten 8478 Studienteilnehmer einen Schlaganfall. Die Daten zeigen, dass Depressive ein um 45 Prozent höheres Risiko haben, einen Hirnschlag zu erleiden. Ihr Risiko an einem Schlaganfall zu versterben, lag sogar um 55 Prozent höher als bei psychisch Gesunden. „Legt man unsere Zahlen zugrunde, sind etwa 4 Prozent aller SchlaganfĂ€lle in den USA auf eine Depression zurĂŒckzufĂŒhren“, machen die Autoren die Relevanz ihrer Ergebnisse deutlich. Hochgerechnet auf Deutschland wĂ€ren dies 10.000 SchlaganfĂ€lle jĂ€hrlich. Bei genaueren Untersuchungen stellte sich heraus, dass Depressive vor allem hĂ€ufiger einen ischĂ€mischen Hirninfarkt – nicht eine Hirnblutung – bekamen.

Hormone und ungesunde LebensfĂŒhrung könnten die Ursachen sein

Nach Meinung der Studienautoren gibt es mehrere Mechanismen, die diesen Zusammenhang erklĂ€ren könnten: Zum einen beeinflussen Depressionen den Hormonhaushalt des Menschen und können EntzĂŒndungen verstĂ€rken. So findet man bei Depressiven höhere Blutspiegel fĂŒr EntzĂŒndungsfaktoren wie CRP, IL-1 und IL-6, die nachweislich zu einem höheren Schlaganfallrisiko fĂŒhren können.

DarĂŒber hinaus vernachlĂ€ssigen Depressive eher ihre Gesundheit. Studien haben gezeigt, dass depressive Menschen hĂ€ufiger rauchen, sich körperlich weniger betĂ€tigen und schlechter ernĂ€hren. Diese Faktoren und die daraus entstehenden Folgeerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck könnten fĂŒr das erhöhte Schlaganfallrisiko von Depressiven mitverantwortlich sein.

Zudem geben die Forscher zu bedenken, dass auch die Einnahme von Antidepressiva mit einem höheren Risiko fĂŒr einen Schlaganfall verbunden war. Ob die Medikation selbst oder die damit einhergehende Schwere der Depression das Risiko erhöhe, sei aber bisher unklar.

(Quellen: MedAustria; “Depression and Risk of Stroke Morbidity and Mortality. A Meta-analysis and Systematic Review.” in: Journal of the American Medical Association, 306 (11): 1241–1249 (doi: 10.1001/jama.2011.1282); Image src: TRBfoto)

ï»ż01.09.19