Sep 09

Prof. Dr. Wolfgang Albert, der seit 1987 die Abteilung Psychosomatische Medizin und seit seiner GrĂŒndung (April 2005) das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Herzzentrum. In seiner Vorlesung „Zum Stellenwert der psychosomatischen Medizin in der Herzchirurgie“ schlug Albert eine weite BrĂŒcke vom Begriff der Seele „als Walten des göttlichen Prinzips“ ĂŒber „die Seele ist ein leeres Wort“ bis zur modernen Definition der Psychosomatik, in der man „keine Krankheiten, sondern kranke Menschen“ behandelt. Albert betonte, zu allen Zeiten wurden Seele und Herz im Kontext gesehen. Das Herz galt und gilt als Wohnort der Seele und der Liebe, und ist der Lebensmotor. Der Narzissmus jedes Menschen macht sich am Herz fest, das schon das Ungeborene im Mutterleib hört und beim SĂ€ugen an der Brust der Mutter lustbesetzt erfĂ€hrt. Woidera meinte daher „das Herz ist das verinnerlichte Mutterprinzip“. Die moderne Psychosomatik in der Chirurgie befasst sich ebenfalls ausgiebig mit dem Herz, besser mit dem operierten, verlorenen alten und als Spende empfangenen neuen Herz oder unterstĂŒtzend „zugeschalteten“ Kunstherz. Transplantationen oder Implantationen, aber auch eingreifende Herzoperationen bzw. Kathetereingriffe stellen fĂŒr den schwer herzkranken Menschen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch eine hochgradige Ausnahmesituation dar, die es umfassend zu verarbeiten gilt. In rund 30 % der FĂ€lle kommt es zu Ängsten (oft VerlustĂ€ngsten), SchuldgefĂŒhlen, Depressionen, Konzentrationsstörungen, regressiver Abwehr, Ich-SchwĂ€che, die – so Albert – sofortiger psychosomatischer Hilfe bedĂŒrfen, um nicht in eine chronisch-dauerhafte Störung einzumĂŒnden. Auch Partner, Eltern oder Geschwister sind hĂ€ufig seelisch stark mitbetroffen und bedĂŒrfen psychologischer Hilfe.

Aus Studien am DHZB an 91 Transplantierten, von denen rund 40 % seit ĂŒber 15 Jahren mit einem neuen Herz leben, empfanden zwei Drittel der Patienten, die zeitweise psychosomatische Hilfsangebote wahrgenommen haben, ihre LebensqualitĂ€t als „gut bis sehr gut“, nur 6 % sagten, sie sei „schlecht“. Interessanterweise Ă€ußerten die mehr als 20 Jahre Überlebenden eine bessere EinschĂ€tzung als die Referenzgruppe aus der nicht-kranken Bevölkerung. Grenzwertig wird das in einer Notfalloperation implantierte Kunstherz empfunden. Der psychosoziale Schock ĂŒber das Leben mit einem Kunstherz und der meist damit einhergehende Zusammenbruch sĂ€mtlicher Lebenskonzepte in beruflicher wie privater Hinsicht bedarf im Einzelfall eingehender psychosomatischer, medikamentengestĂŒtzter GesprĂ€chstherapie.

Ein 30-jĂ€hriger Patient, der nur noch eine zehnprozentige Herzfunktion aufwies, wollte nach der Assist-Implantation „einfach nur weglaufen“ und seinen „normalen Alltag zurĂŒck haben“. Erst in vielen GesprĂ€chen „es war immer ein Ohr fĂŒr mich da“ nahm er seine Situation an und befindet sich jetzt komplikationslos in der Rehabilitations-Klinik. Ein 30-jĂ€hriger herztransplantierter Patient zeigte Panikattacken, Angst, Depression und RealitĂ€tsverlust, „ich wollte noch schnell mal verreisen“. Jetzt hat er nach kurzzeitiger psychosomatischer Therapie die Ausbildung zum Kfz-Meister als Jahrgangsbester abgeschlossen und wird von seinem Dienstherrn in Vollzeit beschĂ€ftigt. Auch ein 59-jĂ€hriger Unternehmer, der mit dem weltweit einzig verfĂŒgbaren Totalen KĂŒnstlichen Herz CardioWest mit seinem sehr lauten Antrieb ausgestattet wurde, berichtete eindrucksvoll, wie er sich mit Unbeherrschtheit, Angst vor der eigenen Zukunft, aber auch der seiner Angehörigen und „vielen negativen Gedanken“ erst mittels zahlreicher therapeutischer GesprĂ€che mit der schwierigen neuen Lebenssituation abfand und mit mehr Mut wieder in die Zukunft blicken kann, „weil ich Hilfe habe“.

Professor Berger (Klinik fĂŒr Angeborene Herzfehler/Kinderkardiologie) erlĂ€uterte, dass in seiner Abteilung typischerweise die kleinen Patienten fast mĂŒhelos mit problematischen Situationen umgehen, nicht aber die sĂ€mtliche HintergrĂŒnde und Zukunftsaspekte verstehenden Eltern. Eine zweite Gruppe stellen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern dar, die vielfach psychosomatischer Hilfe bedĂŒrfen. Hier kommt es öfter zu Abwehrhandlungen, Ausbruchsversuchen aus dem Krankenleben, mit Wut und Verzweiflung in der PubertĂ€t. Es sei geplant, in seiner Abteilung dauerhaft einen Psychosomatiker fĂŒr diese jungen Menschen zu beschĂ€ftigen.

Quellen: MedAustria, Deutsches Herzzentrum Berlin; Image:Shutterstock)

ï»ż01.09.19