Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Die Psychoanalyse Sigmund Freuds

Vorwort

Warum verfaßt ein systemischer Psychotherapeut eine Abhandlung über die Psychoanalyse?

Weil sie die "Mutter" der modernen (westlichen) Psychotherapie ist. Obwohl die Systemische Familientherapie methodisch und theoretisch weit von diesen Wurzeln entfernt ist und ihren eigenen, erfolgreichen Weg beschritten hat (den Unterschieden ist ein eigenes Kapitel dieser Arbeit gewidmet), stellt die Psychoanalyse nach wie vor eine wertvolle theoretische Basis und Bereicherung für die alltägliche therapeutische Praxis, aber auch zum Verständnis der innerpsychischen Vorgänge allgemein dar. Die analytischen Theorien sind faszinierend und bereichernd, und machen das, was die Innenschau im Zuge einer Psychotherapie (welcher Methode auch immer) zeigt und aufdeckt, verstehbarer und vor allem auch in Begrifflichkeiten faßbarer - was eine ganz wesentliche Voraussetzung für psychische Verarbeitung, Lernen und weiterführende Selbsterkenntnis ist.

Auch heute ist es sinnvoll und für ein tieferes Verständnis des eigenen Seelenlebens hilfreich, die Grundlagen der Psychoanalyse zu kennen, wenn auch die (klassisch angewandte) Methode selbst mittlerweile überholt, ja in manchen Bereichen sogar unzeitgemäß anmutet. Insbesondere in den verfeinerten Techniken und Anwendungsbereichen wie psychoanalytischer Sozialtherapie, der psychoanalytischen Kindertherapie, der psychoanalytischen Gruppentherapie und der psychoanalytischen Psychotherapie hat sie nach wie vor ihre Bedeutung. Auch von ihrem historischen Stellenwert als "Mutter" der unzähligen, direkt oder indirekt aus ihr hervorgegangenen modernen Therapiemethoden her verdient sie es, näher betrachtet zu werden.

Als Basis des Textes dienten diverse von mir verfaßte Arbeiten und Aufsätze zur Psychoanalyse sowie einer von Arthur Brühlmeier. Er hat mir freundlicherweise - und ich möchte ihm an dieser Stelle nochmals meinen ausdrücklichen Dank dafür aussprechen - gestattet, meine Abhandlung auf seiner ebenfalls sehr umfassenden Arbeit zur Psychoanalyse Freuds aufzubauen. Ich habe diese dann in Teilbereichen komplett überarbeitet, um das in meinen Archiven lagernde eigene Material zur Methode ergänzt und bin somit nun in der Lage, eine aktualisierte, und insgesamt recht detaillierte Übersicht über die Methode der Psychoanalyse zur Verfügung zu stellen.

Ich hoffe bescheiden, daß sie Interessierten zu einem besseren Verständnis der Methode und ihrer Begrifflichkeiten und Psychotherapie-PatientInnen zu einer weiterführenden Vernetzung des in Ihrer Therapie Erfahrenen dienen möge - welche Methode auch immer dort zur Anwendung kommen mag.

 

dsp Richard L. Fellner                                Wien, im Mai 2004


Inhalt

  • Vorwort
  • Einleitung
    • Wurzeln und Entwicklung der Psychoanalyse
    • Der Begriff "Psychoanalyse"
    • Grundhypothesen
  • Persönlichkeitsmodelle und Menschenbild
    • Das topologische Modell
      • a) das Bewusstsein
      • b) das Vorbewusste
      • c) das Unbewusste
    • Das Struktur-Modell
      • a) das Es
      • b) das Ich
      • c) das Über-Ich
  • Zugänge zum Unbewussten
    1. Hypnose
    2. Deutung von Fehlleistungen
    3. Freie Assoziation
    4. Deutung von Symptomen und Verhaltensweisen
    5. Traumdeutung
    6. Projektive Tests
  • Trieblehre
    • Libido
  • Die Abwehrmechanismen
    1. Verdrängung
    2. Regression
    3. Rationalisierung
    4. Projektion
    5. Introjektion
    6. Identifikation
    7. Konversion
    8. Reaktionsbildung
    9. Kompensation
    10. Autoaggression
    11. Substitution
    12. Realitätsleugnung / Verleugnung
    13. Sublimierung
    14. Verschiebung
    15. Ungeschehen machen
    16. Flucht in die Gesundheit
  • Die psychosexuelle Entwicklung
    1. Orale Phase
    2. Anale Phase
    3. Phallische Phase
      • Ödipuskomplex
    4. Latenzzeit
    5. Genitale Phase: Pubertät, Adoleszenz, Erwachsenensexualität
  • Die Traumdeutung
    • Zweck und Wesen des Traumes
    • Latenter und manifester Traum, Traumdeutung und Traumarbeit
    • Traumquellen
  • Psychopathologie und Therapieziele
    • Neurosen
    • Phobien
    • Zwangsneurosen
    • Von der Vielfalt neurotischen Verhaltens
  • Die psychoanalytische Technik
    • Grundsätzliche Erwägungen
    • Der analytische Vertrag
    • Heilungsplan und therapeutische Beziehung
    • Die psychoanalytische Dialogstruktur (Setting)
    • Übertragung und Gegenübertragung
    • Die heilenden Wirkungen
    • Besondere Schwierigkeiten
    • Der Abschluss der Therapie
  • Methodenvergleich mit der Systemischen Therapie
  • Quellen

 

Einleitung

Wurzeln und Entwicklung der Psychoanalyse

Sigmund Freud Die Genese der Psychoanalytischen Methode kann nur im historischen Kontext verstanden werden. So werden für Ellenberger1 bereits bei den Griechen erste Ansätze einer "Forschung nach dem Unbewussten" erkennbar, aber auch schamanistische Techniken sowie gewisse Praktiken des katholischen Exorzismus oder Mesmer's Magnetismus werden als wichtige methodische Vorläufer der Tiefenpsychologie erachtet.

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Sohn jüdischer Eltern in Freiberg (Mähren) geboren, in dem sein Vater als Geschäftsmann tätig war. Die Familie übersiedelte 1860 nach Wien, wo Freud bis zur Besetzung Österreichs durch Hitler im Jahre 1938 lebte und wirkte. Er besuchte hier das Gymnasium, studierte Medizin und arbeitete von 1876 - 1882 als Assistent im physiologischen Laboratorium von Prof. Ernst Brücke, wo er sich vor allem mit dem Nervensystem niederer Fischarten beschäftigte.

Freud setzte seine Arbeit später als Arzt im Allgemeinen Krankenhaus fort, begleitet von seinen Forschungen, insbesondere über das Zentralnervensystem des Menschen. Bald galt er in Wien als führender Neurologe (Nervenarzt). 1885 fuhr er nach Paris, um sich bei Professor Charcot, der damals führenden Kapazität auf dem Gebiete der Neurologie, weiterzubilden. Bei ihm lernte Freud die Hypnose kennen, die damals von den meisten Psychiatern als Schwindel betrachtet wurde, und in diesem Zusammenhang auch eine damals als Hysterie bezeichnete Krankheitsform, welche man in Paris mittels der Hypnose mit einigem Erfolg behandelte. Freud setzte die Hypnose zunächst gemeinsam mit Breuer primär zur Befreiung "verklemmter" Affekte ein, verzichtete aber im Laufe seiner Arbeit zunehmend auf diese suggestive Technik (Gründe hiefür waren u.a. gegen die Hypnose resistente Symptome, die Tatsache, daß nicht alle Klienten ausreichend suggestibel sind, Widerstände nur umgangen werden und einige mehr).

Er kehrte 1886 nach Wien zurück und entwickelte als Inhaber einer eigenen Arztpraxis in einer mehrjährigen, anstrengenden Forscherarbeit die Psychoanalyse. Die Hypnose ersetzte er dabei zunächst durch die Techniken

• der freien Assoziation,

• der Widerstandsanalyse sowie

• der "Couch-Technik" (zwecks Erleichterung der Übertragung od. Regression)

als wesentlichste Verfahren. 1896 wurde erstmals von ihm der Begriff "Psychoanalyse" verwendet - in dieser Zeit wird auch die Geburt der modernen Psychotherapie angesetzt. Über Jahrzehnte hinweg verdiente er den Unterhalt für seine achtköpfige Familie mit Psychoanalysen und schrieb abends an seinen theoretischen Abhandlungen.

Sigmund Freud

In Wien scharte Freud einen Kreis interessierter Ärzte um sich und gründete mit ihnen (zu Beginn auch mit Adler) und in Zusammenarbeit mit Bleuler und C.G. Jung in Zürich die so genannte "Psychoanalytische Vereinigung". Er musste lange um deren wissenschaftliche Anerkennung kämpfen und entwickelte dabei teils auch autoritäre und regelrecht fanatische Züge. Seine Schriften indes zeichnen sich durch distanzierte wissenschaftliche Sachlichkeit und eine klassische Sprache aus.

Nach der Besetzung Österreichs durch Hitler, bereits schwer gezeichnet durch Gaumenkrebs (vermutlich eine Folge des jahrzehntelangen Kettenrauchens von Zigarren) emigrierte Freud nach London, wo er 1939 starb.

---

Die folgende Übersicht über die Methoden und Ansätze der Psychoanalyse kann natürlich nur einen Abriß über die wichtigsten Aspekte bieten. Sein mittlerweile schon über 100 Jahre alter Ansatz wurde von Freud selbst im Laufe der Jahrzehnte mehrmals überarbeitet und auch seit seinem Tod erfuhr die Psychoanalyse eine Weiterentwicklung, Aspekte und Ansätze, die im letzten Teil dieser Arbeit aufgezeigt werden sollen. Der Ansatz der Psychoanalyse war damals völlig neu und revolutionär. Er eröffnete völlig neue Sichtweisen und weiterführende Denkansätze hinsichtlich der Heilungsmöglichkeiten für den Menschen. Der daraus folgende, intensive Diskurs innerhalb der psychoanalytischen Vereinigung, aber auch der Umgang von Freud mit seinen Kritikern führte sodann zu fortlaufenden Abspaltungen vom "Stamm" Psychoanalyse, immer weiteren Neuentwicklungen und Ansätzen. Klassische Beispiele hierfür sind Alfred Adler (Individualpsychologie), Carl Gustav Jung (Analytische Psychologie), L. Szondi (Schicksalsanalyse), Ludwig Binswanger und Medard Boss (Daseinsanalyse), Arthur Janov (Primärtherapie) sowie alle (teilweise marxistisch ausgerichteten) Richtungen der Neo-Psychoanalyse wie z.B. Erich Fromm und Harald Schultz-Hencke.

Die psychoanalytische Theorie ist außerordentlich komplex und in Teilbereichen selbst für Fachleute schwer verstehbar. Selbst C.G. Jung flehte Freud nach Jahren der Zusammenarbeit in einem Brief an, er möge ihm doch erklären, was er eigentlich mit 'Libido' meine. Eine abrisshafte Darstellung der Psychoanalyse kann daher in jedem Falle nur stark vereinfachend erfolgen und die Arbeit lediglich den Anspruch erheben, eine Einführung in das psychoanalytische Denken zu geben.

 

Der Begriff "Psychoanalyse"

Der Begriff 'Psychoanalyse' wird heute in drei Bedeutungen verwendet:

  • als tiefenpsychologische Forschungsmethode ("Freud gewann seine psychologischen Erkenntnisse durch Psycho[-]Analyse.")
  • als Inbegriff der Freudschen Lehre ("Die Psychoanalyse misst der Sexualität eine fundamentale Bedeutung zu.")
  • als Heilmethode (Therapie-Form) ("Als Psychotherapie-Methode wird Psychoanalyse empfohlen.")

Grundhypothesen

Unter einer Hypothese wird eine grundlegende Annahme verstanden, welche als unbewiesen zu gelten hat, auf welcher aber weitere theoretische Aussagen aufgebaut sein können.

a) Grundlegend für die Psychoanalyse ist die Annahme der ganzen Tiefenpsychologie, dass es 'das Unbewusste' gibt, einen Bereich also, zu dem das Individuum praktisch kaum einen Zugang hat, der aber dessen Handlungen stark beeinflusst oder bestimmt (determiniert).

Die Annahme eines Unbewussten mit so weit reichenden Wirkungen versetzt dem Glauben des Rationalismus, dass der Mensch grundsätzlich vernünftig zu handeln weiß und mittels vernünftigem Handeln auch eine vernünftige Welt aufbauen kann, einen argen Stoß. Es verwundert daher nicht, daß Freud damals mit seiner Annahme bei vielen Wissenschaftern und Theoretikern auf Ablehnung stieß.

b) Die zweite grundlegende Hypothese besagt, dass psychisches Geschehen grundsätzlich kausal determiniert ist, dass also das Psychische genauso wie das Organische und Mineralische dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterworfen ist. Würde man also sämtliche psychische Ursachen kennen, könnte man gemäß dieser Grundannahme jedes weitere Verhalten und psychische Geschehen mit Sicherheit voraussagen.

Freud wurde im materialistischen Geist des 19. Jahrhunderts erzogen und blieb diesem Denken weitgehend bis an sein Lebensende treu. Er teilt insofern den typisch materialistischen Reduktionismus, der darin besteht, dass das Geistige auf das Psychische, das Psychische auf das Organische und das Organische auf das Mineralische zurückgeführt wird. Leben, Psychisches und Geistiges sind demnach letztlich insgesamt Ausflüsse der Materie und können unmöglich unabhängig von dieser bestehen. Im Rahmen dieses Denkens ist z.B. die Vorstellung eines individuellen Weiterlebens einer prinzipiell vom Körper lösbaren Seele nach dem physischen Tode undenkbar. Auch widerspricht diesem Denken grundsätzlich die Vorstellung, der Mensch könne frei handeln. Wie uns Freud-Forscher mitteilen, kommt das Wort 'Freiheit' in Freud's Werken insgesamt nur sieben Mal vor - und selbst das nur "en passant". Die Vermutung liegt nahe, daß für Freud die Unmöglichkeit wirklich freien Handelns so selbstverständlich war, dass er nicht einmal auf die Idee kam, sich darüber theoretisch zu äußern.

 

Persönlichkeitsmodelle und Menschenbild

Angesichts der Weiterentwicklung der Methode ist es heute nicht mehr möglich, von dem Menschenbild der Psychoanalyse zu sprechen - dieses variiert vielmehr nach der ideologischen Position des Analytikers.

Das Menschenbild von Sigmund Freud, dem »Vater der Psychoanalyse«, war in der Philosophie des Humanismus und der Aufklärung verwurzelt, allerdings wurde diese Philosophie durch ihn ("Die Menschheit hat gewußt, daß sie Geist hat; ich mußte ihr zeigen, daß es auch Triebe gibt") selbst beeinflusst. Freuds Menschenbild impliziert einen "psychischen Apparat", ist also zum Teil als mechanistisch zu bezeichnen.

Der Mensch zeichnet sich durch elementare, im Unbewussten gegründete Triebregungen aus, die auf die Befriedigung gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen und quasi den "Urgrund" der menschlichen Persönlichkeit bilden. Auch heute wird in der Psychoanalyse hierbei der Sexualität eine besondere Bedeutung beigemessen. Bedingt durch die Irrationalität der Triebstruktur wird ein Determinismus angenommen, der letztlich die menschliche Willensfreiheit in Frage stellt. Das Ich befindet sich permanent in einem Spannungsfeld zwischen Trieb-, Realitäts- und Gewissensansprüchen - Freud beschreibt das Ich als eine "Angststätte"1 und betrachtet den Menschen als Konfliktwesen - ständig überfordert beim Versuch, zwischen diesen Polaritäten zu vermitteln. In der Moderne erfolgt zusätzlich noch eine ständige Konfrontation mit den verschiedensten apokalyptischen Gefahren.

Kunst, Religion, ja alle geistigen Produktionen sind lediglich Produkte der Triebsublimierung und entsprechen den analogen Kompromißbildungen beispielsweise des Traumes und der Neurose.

Das Menschenbild ist jedoch auch heute noch nicht abgeschlossen, wird vielmehr bei jeder Analyse vom Analysanden für sich neu er- oder wenigstens bearbeitet (biographische Rekonstruktion) - was einen entsprechenden Umgang des Analytikers mit dessen Gegenübertragung voraussetzt. So ist etwa gegenwärtig eine Weiterdifferenzierung zu einem höchst komplexen Personenbegriff festzustellen. Wichtig scheint es auch, das ideologiekritische Potential der Psychotherapie zu erwähnen (Freud, Reich!), da sie über einen ständigen Prozeß immer neuer Entmystifizierungen zu einem immer offeneren Menschenbild führen kann.

Das topologische Modell

Auf der Suche nach Bereichen, in denen sich psychisches Geschehen abspielt, definierte Freud drei Schauplätze:

a) das Bewusstsein

Was mit "Bewusstsein" gemeint ist, weiß jeder vermutlich aus eigenem Erleben. Eine genauere Charakterisierung dieses so geheimnisvollen Phänomens jedoch (nämlich, dass eine Wesenheit um ihre eigene Existenz weiß und auch weiß, dass sie es weiß) erfordert sehr weit reichende philosophische Erwägungen, die den Rahmen dieser Übersicht sprengen würden.

b) das Vorbewusste

Unter dem Vorbewussten versteht Freud jenen Bereich von Inhalten, die zwar im Augenblick nicht bewusst, aber grundsätzlich (etwa durch "Konzentration") dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden können, also das Gedächtnis, die Erinnerung, den Sprachschatz und erworbene Fertigkeiten.

c) das Unbewusste

Das Unbewusste ist jener Bereich, in dem sich Inhalte, die nicht ins Bewusstsein gelangt sind oder kommen können, aber auch alles Verdrängte befindet.

Innerhalb des Unbewussten lassen sich nach ihrer Herkunft zwei Anteile unterscheiden:

s die ererbte biologische Grundausstattung des Menschen, insbesondere die biologischen Grundtriebe (Hunger, Durst, Sexualtrieb, etc.)

s Wünsche, Strebungen, Vorstellungen, Erlebnisse etc., die im Laufe der Entwicklung irgendwann einmal bewusst waren, aber aus dem Bewusstsein verdrängt wurden, weil sie mit Realitäts- und Erziehungsansprüchen in Konflikt gerieten.

Das Unbewusste beeinflusst unsere Handlungen, unsere Denkvorgänge und Emotionen, setzt aber dem bewussten Versuch, sich an sie zu erinnern, Widerstand entgegen. Im Gegensatz zum Vorbewussten und Bewussten haben die unbewussten psychischen Inhalte dadurch keinen direkten Zugang zum Bewusstsein, sondern sie sind nur aus ihren Auswirkungen auf Bewusstseinsvorgänge (wozu z.B. die Fehlleistungen zählen) oder durch bestimmte Techniken (z.B. Hypnose, Traumdeutung u.a.) zu erschließen. Dazu später mehr.

 

Das Struktur-Modell

Freud differenzierte später sein topographisches Modell, als er nach den Instanzen fragte, welche für psychisches Geschehen verantwortlich sind, also z.B.: wer bewirkt was? Er betrachtete das Seelenleben als einen aus Einzelteilen zusammengesetzten Apparat (die Lehre vom psychischen Apparat ist eine der grundlegendsten Anschauungen der Psychoanalyse). Freud unterscheidet hierbei drei Instanzen:

a) das Es

Das Es hat zwei Aspekte: zum einen ist es das natürlich Gegebene wie ererbte und konstitutionelle Anlagen, Geschlechtszugehörigkeit, Triebe und archaische Bilder (bei Jung: Archetypen). Zum anderen ist es das Auffangbecken von allem Verdrängten, das weiterhin aus dem Es heraus wirkt und psychisches Geschehen beeinflusst.

Das Es ist mit einem Hexenkessel vergleichbar: einem Konglomerat von Triebregungen, Anlagen, Wünschen, Gefühlen, Strebungen ohne Logik, ohne Moral, ohne Sinn für Ordnung und Maß, ohne Rücksicht sogar auf die Selbsterhaltung, einzig dem Bestreben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung verpflichtet. Dieses vorherrschende Prinzip des Es wird als Primärvorgang bezeichnet, dessen Ziel die unmittelbare Triebbefriedigung oder Wunscherfüllung ist (Lustprinzip). Seine Arbeitsweise ist aus seinen ins Bewusstsein vordringenden Abkömmlingen wie Träume, Tagträume, Halluzinationen, freie Assoziationen etc. ersichtlich.

Freud stellte sich vor, daß der Mensch bei der Geburt ganz Es ist, und sich die beiden Ich-Instanzen erst im Laufe der Entwicklung herausbilden. Diese Vorstellung gilt heute allerdings als überholt - insbesondere der Säuglingsforschung verdanken wir Forschungsergebnisse, die ihr z.T. deutlich widersprechen.

b) das Ich

Das Ich entwickelte sich aus dem Es und vermittelt zwischen Es (das ausschließlich dem Lustprinzip verpflichtet ist und von dem es darüber hinaus auch abhängig ist und beeinflusst wird), dem Über-Ich und der äußeren Realität, die sich auf dem Realitätsprinzip gründet. Meist sind mit den Instrumenten des Ich (Sinneswahrnehmung, die Motorik und alle bewussten Denk- und Willensvollzüge) aber nur Kompromisse möglich, die manchmal auch nur in neurotischer Form gelingen. Vorherrschendes Prinzip des Wachbewusstseins ist der Sekundärvorgang, dessen Ziel die Bewältigung von Problemen der Realität zur mittelbaren Triebbefriedigung (Realitätsprinzip) und dessen Gesetzmäßigkeiten die des logischen Denkens sind. Dem Ich kommt auch die Aufgabe der Selbsterhaltung zu, es ist ein Träger (Reservoir) der psychischen Energie, der Libido, und entscheidet, welche Objekte mit Libido besetzt werden (siehe Trieblehre).

Im ersten topologischen Modell würde die Ich-Instanz das Bewusste und Vorbewusste umfassen.

c) das Über-Ich

Beim Über-Ich handelt es sich um die kontrollierende, mahnende und strafende Instanz, also um das, was man gängig (aber doch zu wenig genau) als 'Gewissen' bezeichnet. Es entsteht im Zuge des ödipalen Konflikts durch Introjektion elterlicher Gebote und Verbote. Freud sieht im Über-Ich also, vereinfacht gesagt, die Verinnerlichung von Normen und Werten der Gesellschaft, vorwiegend vermittelt durch die elterliche Erziehung.

---

Abgesehen von der Entwicklung des Strukturmodells (auch 'zweites topologischen Modell' genannt) aus dem 1. topologischen Modell besteht eine Verbindung zwischen beiden Modellen auch insofern, als alle drei Instanzen (Es, Ich, Über-Ich) alle drei psychischen Qualitäten (unbewusst, vorbewusst, bewusst) annehmen können. Die Zuordnung von Instanzen und psychischen Qualitäten ist jedoch nicht eindeutig: das Verdrängte ist unbewusst, entstammt aber dem Ich (unakzeptierbare Wünsche und Vorstellungen). Das Über-Ich, das sich durch den Erziehungseinfluß aus dem Ich entwickelt, ist ebenfalls teilweise unbewusst (z.B. unbewusste Schuldgefühle).

Auf der Basis all dieser Auffassungen formuliert Freud seine Vorstellung der psychischen Gesundheit: 'Psychisch korrekt' sind demnach solche Handlungen, in welchem das Ich die Regungen aus dem Es, die Ansprüche des Über-Ich und die Erfordernisse der Realität in Einklang zu bringen vermag.

 

Zugänge zum Unbewussten

Es liegt in der Natur des Unbewussten, dass es als solches nicht direkt beobachtbar ist. Man ist vielmehr auf dessen Äußerungen angewiesen, deren Deutungen dann Rückschlüsse auf das angenommene Unbewusste ermöglichen. Hierzu entwickelte Freud mehrere Methoden:

1. Hypnose

Freud machte die grundlegende Entdeckung, dass ein Mensch durch Hypnose nicht bloß in seinen Willenshandlungen beeinflussbar ist, sondern dass er im hypnotischen Trance-Zustand auch in der Lage ist, sich an frühere Erlebnisse zu erinnern, von denen er im Wachzustand nichts mehr weiß.

Dabei zeigte sich sogar, dass die neurotischen Symptome (z.B. hysterische Anfälle) eine Zeit lang verschwanden, wenn der Klient zuvor gewisse belastende Erlebnisse unter Einwirkung der Hypnose wieder erinnern und erzählen konnte. Daraus entstand dann ein wesentlicher Pfeiler der Psychoanalyse: die Unschädlichmachung belastender und ins Unbewusste verdrängter frühkindlicher Erlebnisse durch deren Bewusstmachung.

Wie Freud allerdings feststellen musste, stellten sich die neurotischen Symptome nach einer gewissen Zeit wieder ein, weshalb er den grundlegenden Konflikt nicht als gelöst betrachten konnte. Er gab darum die Anwendung der Hypnose schon bald wieder auf. Heute wird die Hypnose in einem Randbereich der Psychoanalyse teilweise wieder praktiziert und stellt als 'Hypnotherapie', wesentlich beeinflusst und weiterentwickelt von Therapeuten wie Milton H. Erickson, in vielen Ländern sogar eine eigenständige, anerkannte Psychotherapiemethode dar. Verfechter der Hypnose bzw. Hypnotherapie werfen Freud vor, er habe die Technik der Hypnose wohl zu wenig beherrscht und sie allzu vorschnell verworfen.

2. Deutung von Fehlleistungen

Wenn jemand statt "Ich hab Dich lieb" "ich hack Dich lieb" schreibt, sich also verschreibt, so ist dies nach Freuds Überzeugung kein belangloser Zufall, sondern eine Botschaft aus dem Unbewussten, die Rückschlüsse auf entsprechende unbewusste Gegebenheiten (Ängste, Triebansprüche, verdrängte Wünsche, Schuldgefühle, Aggressionen, Minderwertigkeitsgefühle usf.) zulässt.

Selbstverständlich sind Fehlleistungen nicht bloß im Bereiche des Schreibens, sondern bei allen gewohnheitsmäßigen Handlungen möglich. So kann man sich verhören, versprechen, verlaufen, verfahren, verwählen, vergreifen, verschlafen, oder man kann etwas vergessen, verlegen oder (z.B. einen Zug oder einen Termin) verpassen. Oft zeigt sich sogar, dass das Verunfallen einem unbewussten Motiv entspricht und als Fehlleistung betrachtet werden kann.

Diese Freudsche Auffassung ist heute zum Gemeingut geworden, recht häufig lässt sich nach Fehlleistungen der stereotype Satz "Freud lässt grüssen" hören.

Der psychoanalytisch gebildete Mensch hat es sich angewöhnt, eigenen Fehlleistungen nachzugehen, weil sich meist interessante Entdeckungen über Gegebenheiten des Unbewussten machen lassen. Die manchmal etwas vorwitzigen Feststellungen gegenüber Mitmenschen, denen eine Fehlleistung passiert, lässt er dagegen zumeist bleiben.

3. Freie Assoziation

Es gehört zur grundlegenden Vereinbarung zwischen dem Psychoanalytiker und dem Analysanden, dass dieser alles, was ihm irgendwie ins Bewusstsein kommt, ausspricht, mag es noch so peinlich, unmoralisch, unsinnig und kindisch erscheinen ("Grundregel"). Tut er dies, so wird er die Erfahrung machen, dass sich sofort weitere Vorstellungen oder Gedanken einstellen, die mit dem ersten in einem vielleicht vorerst nicht erkennbaren Zusammenhang stehen. Im Unbewussten sind folglich diese Vorstellungen miteinander verknüpft (assoziiert). Durch das freie Assoziieren werden demgemäß die Verknüpfungen von Inhalten im Unbewussten sichtbar, und es kann dann in der Analyse dem Analytiker gemeinsam mit dem Analysanden gelingen, tiefer liegende Motive (Handlungs-Gründe) in ihrem Entstehen und ihrem Zusammenhang zu verstehen.

4. Deutung von Symptomen und Verhaltensweisen

Wenn sich jemand zwangsweise täglich Dutzende von Malen die Hände wäscht, so spricht dieses neurotische Symptom aus Sicht der Psychoanalyse eine recht deutliche Sprache: der betreffende Mensch fühlt sich schuldig und möchte seine belastenden Schuldgefühle auf eine - allerdings unnütze - Weise beseitigen. In ähnlicher Weise lassen sich viele neurotische Symptome deuten, sei dies z.B. das zwanghafte Zählen von Gegenständen, das krampfhafte Ringen nach Atem bei jedem zweiten oder dritten Atemzug, Erröten beim Angesprochenwerden, zwanghaftes Kontrollieren, ob irgendeine als wichtig geltende Handlung (z.B. Wasser abdrehen, Licht ausschalten, Haustür zusperren) tatsächlich erfolgt ist, usf.

Ausgehend von der Annahme, dass jede Verhaltensweise wenigstens teilweise aus dem Unbewussten determiniert ist, ist jedes Verhalten zumindest ein Stück weit als Botschaft aus dem Unbewussten zu betrachten und lässt sich demzufolge als Gegenstand der Deutung benutzen.

5. Traumdeutung

Freud bezeichnet die Traumdeutung als die 'via regia' (den königlichen Weg) zum Unbewussten. Ihr ist ein eigenes Kapitel dieser Arbeit gewidmet.

6. Projektive Tests

Mit dem 'Assoziationsexperiment' hatte C.G.Jung erstmals gezielt ein projektives Testverfahren entwickelt und angewendet. Projektive Tests beruhen auf der Annahme, dass Gegebenheiten des Unbewussten in die Wahrnehmung einfließen. Die Reize, welche der Test vorgibt, sind bewusst offen und diffus gehalten, um der Projektion - d.h. der durch das Unbewusste gesteuerten Wahrnehmung - einen möglichst großen Spielraum zu lassen und damit mehr Erkenntnisse über das der bewussten Wahrnehmung verborgene Unbewusste zu gewinnen.

Der Psychologe oder Therapeut liest dabei dem Probanden zweimal eine Reihe von je 50 genormten Reizwörtern vor, die erfahrungsgemäß bei vielen Menschen mit psychischer Energie besetzt sind, und fordert ihn auf, bei jedem Wort so schnell wie möglich zu sagen, welches andere Wort ihm dazu einfällt. Anhand der sog. 'Störungsmerkmale' werden jene Wörter festgestellt, welche beim Probanden emotional besonders belastet sind. Als Störungsmerkmale gelten z.B. stark beschleunigte oder verzögerte Reaktionen, Wortwiederholungen, besondere Kommentare, körperliche Reaktionen u.a.

Die Jungianer haben sich bei diesem Test schon früh das psychogalvanische Experiment zunutze gemacht. Man stellte nämlich fest, dass bei jeder emotionalen Erregung die Schweißdrüsen aktiv werden, wodurch der Hautwiderstand sinkt und mehr Strom (z.B. von Finger zu Finger) fließen kann. Tatsächlich kann man feststellen, dass das Ampèremeter parallel zu den oben genannten Störungsmerkmalen ausschlägt.

 

Trieblehre

Die Triebe sind jener Bereich, in welchem sich gewissermaßen das Organische und das Psychische begegnen. Tatsächlich lassen sich z.B. der Nahrungs-, Geschlechts- oder Aggressionstrieb durch Beeinflussung des Organismus anregen oder dämpfen. Für Freud war es darum selbstverständlich, das Triebleben als die Basis des Psychischen zu betrachten. Diese Anschauung stand denn auch in Übereinstimmung mit seiner damaligen Auffassung, dass die Motive des Handelns im Es verwurzelt und darum zumeist auch unbewusst sind.

Es entsprach Freuds reduktionistischem Denken, dass er der Überzeugung war, sämtliche Triebe ließen sich auf einen einzigen oder allenfalls zwei Grundtriebe zurückführen. Der frühe Freud glaubte, einerseits im Sexualtrieb, andererseits in den Ich-Trieben (Selbsterhaltungstendenzen) diese grundlegenden Triebe zu erkennen, in jenem Bestreben also, dem Organismus einerseits größtmögliche Lust zu verschaffen und ihn andererseits zu erhalten. Mit der Einführung des Narzißmus (zu Deutsch am ehesten: Selbstverliebtheit) hat er dann auch den Ich-Trieben einen libidinösen Charakter (-> Libido) zuerkannt.

Freud setzte sich zu Beginn unseres Jahrhunderts, einer Zeit ausgeprägtester Prüderie, mit dieser Sexualisierung des gesamten Seelenlebens harter Kritik aus. Heute scheint es aber, als hätten es sich die Kritiker Freuds etwas zu einfach gemacht, indem sie zu wenig zur Kenntnis nahmen, dass Freud das Sexuelle an sich weiter fasste, als es außerhalb der Psychoanalyse geschieht. So vertrat er die Auffassung, dass z.B. bereits das Saugen des Säuglings an der Mutterbrust eine "sexuelle" Handlung darstellt. Tatsächlich kann ein unvoreingenommener Betrachter unschwer feststellen, dass der Akt des Saugens beim Säugling ein wirklich lustvoller Vorgang ist und dass sich das kleine Kind auch sonst durch das Lutschen der Finger oder irgendwelcher Gegenstände Lust verschafft. Die Begrifflichkeit "lustvollen Tuns" scheint hier allerdings treffender für das zu sein, was Freud mit dem Wort "sexuell" ausdrückte. [mehr..]

Freud ergänzte seine Theorie später dadurch, dass er dem Lusttrieb den sog. Todestrieb (Destruktionstrieb, Aggressionstrieb) zur Seite stellte. Er sah nunmehr das menschliche Leben eingespannt zwischen die Pole des 'Eros' und des 'Thanatos'. Im Eros sah er das aufbauende, im Thanatos das abbauende Prinzip. So sah er z.B. beim Essen in der Einverleibung der Nahrung den Lusttrieb, im Zerkauen der Nahrung den Aggressionstrieb am Werk. Auch den Sexualakt betrachtete er als eine Verbindung beider Triebe. Das völlige Fehlen des Aggressionstriebs äußerte sich dann als Impotenz, das Fehlen des Eros hingegen als Sadismus bzw. - im Grenzfall - im Lustmord.

Viele Vertreter der Psychoanalyse - z.B. Fromm - folgten nicht dieser Annahme eines Todestriebes. Bemerkenswert sind allerdings die Ähnlichkeiten zwischen Freuds Grundtrieben und den Grunddualitäten vieler Religionen (Gut-Böse im Christentum, Eros-Thanatos in der griechischen Mythologie, Shiva-Vishnu im Hinduismus, Yin-Yang im chinesischen Tao etc.)

Libido

Freud geht grundsätzlich davon aus, dass 'die Psyche' nicht etwa eine Wesenheit, sondern ein Vorgang (ein Geschehen, ein Prozess), also etwas Dynamisches ist. Das dynamische Geschehen der Psyche wird gemäß seiner Vorstellung durch die psychische Energie in Gang gehalten, die er als Libido bezeichnet. Die Libido steht grundsätzlich dem Ich zur Verfügung und fließt ihm "von den Organen her" zu. In dieser Vorstellung läßt sich einmal mehr Freuds Bemühen erkennen, das Psychische auf das Organische zurückzuführen - für die westliche Wissenschaft damals noch ungewohnt, erfuhren diese Vorstellungen teils heftigen Widerspruch, heute, nach einer Öffnung für östliches Denken und durch Vorreiter wie Reich tiefergehend erforscht, sind sie weitgehend akzeptiert.

Die Libido kann grundsätzlich frei oder gebunden sein. Sachverhalte werden für den Menschen dadurch bedeutsam, dass sich mit deren Vorstellung Libido verbindet. Freud spricht davon, dass die 'Objekte' mit Libido 'besetzt' werden. Zunächst richtet sich die Libido auf das eigene Ich, was den Zustand des 'primären Narzißmus' ausmacht (Narziß war der griechischen Mythologie zufolge ein Hirte, der sich beim Anblick seines Spiegelbildes im Wasser in sich selbst verliebte). Es entspricht indes der gesunden Entwicklung, dass sich die Libido auf 'Objekte' richtet und sich mit ihnen verbindet.

Das erste 'Objekt', das das kleine Kind mit Libido besetzt, ist die Mutterbrust. Darunter ist zu verstehen, daß im Erleben des Kindes die Mutterbrust zum ersten und bedeutsamsten Objekt seiner Wahrnehmung wird. Im Verlaufe der Entwicklung besetzt das Kind immer mehr Objekte mit Libido. Man kann sagen, dass ein Objekt mit um so mehr Libido besetzt ist, je stärker es mit gefühlvollem Erleben verbunden ist.

Wird die Libido in übertriebener Weise an das eigene Ich fixiert, so spricht Freud vom 'sekundären Narzissmus'. Dies ist eine sehr ernste psychische Störung: der betreffende Mensch bleibt völlig auf sich selbst bezogen und ist eigentlich asozial und liebesunfähig.

Rein formal unterscheidet Freud bei jedem Trieb vier Kriterien: Quelle, Objekt, Ziel und Drang. Im Bereich des Ernährungstriebes z.B. ist die Quelle das objektive Nahrungsbedürfnis, das Objekt die Nahrung, der Drang die Stärke des Hungergefühls und das Ziel die Stillung des Hungers. Analoges gilt für die anderen Triebe.

 

Die Abwehrmechanismen

Eine grundlegende Überzeugung der Psychoanalyse ist es, dass der Mensch nicht ohne weiteres bereit oder fähig ist, die Inhalte des Es bewusst werden zu lassen und sie somit auch als Teil des eigenen Seelenlebens zu akzeptieren. Er hat vielmehr Mechanismen (Automatismen, d.s. automatisch und unbewusst ablaufende Seelenvorgänge) entwickelt, die darauf abzielen, jene Impulse aus dem Es, die ihm aus irgendwelchen Gründen (weil sie z.B. mit den Forderungen des Über-Ichs oder den Ansprüchen der Realität nicht in Übereinstimmung zu bringen sind) als nicht akzeptabel erscheinen oder erscheinen könnten, gewissermaßen schon im Keime zu ersticken und sie auf diese Weise gar nicht ins Bewusste kommen zu lassen.

Ich habe bei der folgenden Aufzählung die Liste der von Freud beschriebenen Abwehrformen um einige der von Kernberg (1976) zusammengefaßten ergänzt.

1. Verdrängung

Die Verdrängung ist der grundlegendste Abwehrmechanismus. Für sie gilt - ebenso wie für alle anderen Abwehrmechanismen, bei denen Verdrängung immer mit enthalten ist -, dass sie

1. unbewusst passiert,
2. der Angst-Abwehr dient und
3. eine Selbsttäuschung darstellt.

Bei einer Verdrängung handelt es sich um die unbewusste Unterdrückung eines Triebbedürfnisses (z.B. Sexualtrieb oder Aggressionstrieb) oder eines irgendwie belastenden Impulses aus dem Es (z.B. Minderwertigkeits-, Schuld-, Scham- oder Angstgefühle). Eine Verdrängung steht folglich im Gegensatz zu einem entschlossenen, bewussten Triebverzicht und ermöglicht das Ausweichen vor einer bewussten Entscheidung.

Beispiel: Ein junger Mann, der kurz vor der Heirat steht, lernt einen anderen Mann kennen, der in ihm homoerotische Impulse auslöst. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß der Impuls schon im Ansatz wieder zurückgewiesen wird, also beim betroffenen Menschen gar nicht ins Bewusstsein gelangt. Würde er nämlich den homoerotischen Impuls in voller Stärke bewusst erleben, würde er große Ängste und Verunsicherung vor dem wichtigen Schritt der Heirat auslösen. Er wird also folglich ruhig sein Ziel verfolgen und heiraten, unbehelligt von Ängsten und Zweifeln. Und doch kann man sich der Erkenntnis nicht entziehen, dass seine Handlungen auf einer Selbsttäuschung beruhen.

Auf dem Hintergrund der Freudschen Instanzen-Lehre (Es, Ich, Über-Ich) drängt sich nun die Frage auf, 'wer' denn da eigentlich verdrängt. Verdrängende Instanz ist wohl das Ich (allenfalls unter den Einwirkungen des Über-Ich); da aber die Verdrängung unbewusst geschieht, ist es eigentlich der unbewusste Anteil des Ichs, der verdrängend wirkt.

Freud selbst war durchaus bereit, ein gewisses Ausmaß an Verdrängungen als vertretbar und psychisch nicht alarmierend zu betrachten, da sie eigentlich unvermeidlich sind. Es handelt sich bei ihnen um einen Ausdruck jener neurotischen Züge, die jeder menschlichen Person in irgendeiner Weise anhaften. Zum Problem werden Verdrängungen, wenn sie ein großes Ausmaß angenommen haben, zentrale psychische Bereiche betreffen und sich hartnäckig jeder Bewusstmachung entziehen. In diesem Fall sind sie Ausdruck einer etablierten Neurose.

Es gab indes Psychoanalytiker im Gefolge von Freud, die jede Form von Verdrängung als Krankheitsanzeichen und auch als weiterhin krankmachend betrachten und sie deshalb mit allen zu Gebote stehenden Mitteln auflösen wollten. Am konsequentesten war hier Arthur Janov mit der sog. Primär- oder 'Urschrei'-Therapie, ganz wesentlich auch die körperorientierten Ansätze in der Therapie, die versuchen, "Blockaden" (gewissermaßen auf körperlicher Ebene gebundene Verdrängungen) aufzulösen, wie etwa die Ansätze von Wilhelm Reich (einem der wohl unkonventionellsten Schüler Freuds) oder dessen Schüler Alexander Lowen (Bioenergetik).

2. Regression

Stellt sich dem Menschen in seinen Handlungen oder Lebensbestrebungen irgendein Hindernis entgegen, so gibt es - rein theoretisch - stets zwei Möglichkeiten: Entweder überwindet er das Hindernis, oder er scheitert. Die Psychoanalyse konnte den Nachweis erbringen, dass der Mensch im zweiten Fall in der Regel nicht einfach zur Tagesordnung übergeht, sondern als Antwort auf sein Frustrationserlebnis regrediert, d.h. eine Verhaltensweise äußert, die einer entwicklungsmäßig (genetisch) früheren Stufe entspricht. Die Regression ist insofern ein Abwehrmechanismus, als sie offenbar dazu dient, die mit dem Scheitern verbundenen Minderwertigkeits-, Schuld- und Angstgefühle nicht ins Bewusstsein kommen zu lassen. Die bewusste Auseinandersetzung mit diesen belastenden Inhalten wird gewissermaßen durch eine 'unreife' Ersatzhandlung zugedeckt.

Ein Beispiel:

Ein Fußgänger geht in Gedanken versunken den Gehweg entlang und läuft frontal in den Sonnenschirm eines Straßencafes. In seinem Schmerz beschimpft er ihn als 'verdammten Stecken'.

Nun - kühlen Kopfes betrachtet, entbehrt seine Handlungsweise jeder Vernunft. Tiefenpsychologisch betrachtet aber ist sie verständlich: kleine Kinder nehmen bekanntlich auch unbelebte Gegenstände als belebt und beseelt wahr und sind darum - ohne dass dies in diesem frühen Alter als Regression bezeichnet werden dürfte - ohne weiteres bereit, z.B. den Tisch als 'böse' zu beschimpfen und ihn zu schlagen, wenn sie ihren Kopf daran gestoßen haben. Wir nennen diese Erlebensweise animistisch (alles ist beseelt) oder anthropomorph (alles hat menschliche Züge). Der beschriebene Fußgänger fiel infolge der starken Frustration auf diese genetisch (entwicklungsmäßig) frühere Stufe zurück und konnte so - ohne dass er sich dessen bewusst war, denn all dies geschah unbewusst - einer rationalen Auseinandersetzung mit seinen Minderwertigkeits- und Angstgefühlen aus dem Wege gehen. Gefühlen, die zu verkraften offensichtlich wesentlich aufwendiger wären als die spontane Regression.

Auch der Griff zur Zigarette, zur Flasche oder zu einer anderen Droge, der häufig in belastenden Situationen erfolgt, kann als Regression verstanden werden: als ein Zurücksinken ins erste Lebensjahr (-> Orale Phase), in dem sich das Kind durch Saugen, Lutschen oder Einlullenlassen Lust verschafft.

Neben diesen Regressionen, die als unadäquate Abwehrmechanismen und insofern als neurotisch zu betrachten sind, gibt es eine Anzahl von regressiven Handlungen und Lebensvollzügen, die der Aufrechterhaltung des psychischen Gleichgewichts dienen. Solche 'legitimen' Regressionen sind z.B. der Schlaf, das sexuelle Erleben, das Spiel, das belanglose Blödeln oder das Mitschreien im Fußballstadion. Der tiefenpsychologisch ausgerichtete Anthropologe neigt dazu, das psychische Geschehen als ein Wechselspiel zu betrachten, in welchem sich Licht und Schatten, Zielgerichtetheit und Laissez-faire, Rationales und Irrationales, Pflichterfüllung und Lustgewinn die Waage halten sollen. Dementsprechend sind ihm alle möglichen Formen der Regression (die konkrete Wahl wäre da eine Frage des persönlichen Stils..) der nötige Ausgleich zum progressiven Verhalten: zur zielgerichteten, rationalen und den gegebenen Ordnungen unterworfenen Lebensaktivität.

3. Rationalisierung

Bei der Rationalisierung handelt es sich um das verstandesmäßige Rechtfertigen eines Verhaltens, indem die wahren, aber nicht eingestandenen und vom Über-Ich nicht akzeptierten Motive (Beweggründe) durch solche ersetzt werden, die dem betreffenden Menschen für sich selbst und die anderen als annehmbar(er) erscheinen.

Fragt man etwa jemanden, der sich sozial sehr engagiert, weshalb er das tut, so wird man von ihm möglicherweise hören, er ziehe aus seiner 'christlichen Grundhaltung' die Konsequenz. Das ist durchaus möglich, es könnten aber auch andere Motive ausschlaggebend oder doch zumindest mitbeteiligt sein - so etwa das Bedürfnis, unbewusste Schuldgefühle zu kompensieren, oder der Drang, im Zentrum zu stehen, Anerkennung zu erhalten oder von denjenigen, denen man hilft, geliebt zu werden.

Auch bei diesem Mechanismus ist es offensichtlich, dass Inhalte des Es, die - würden sie bewusst erlebt - Unwohlgefühle erzeugen würden, automatisch aus dem Bewussten verdrängt, also abgewehrt werden. Es zeigt sich hier einmal mehr, dass die Abwehrmechanismen der Angstabwehr dienen.

Die Rationalisierung ist vermutlich die verbreitetste Form der Selbsttäuschung. Indem uns die Psychoanalyse darauf aufmerksam macht und uns auch auffordert, Rationalisierungen aufzulösen und uns den wahren Motiven zu stellen, erweist sich diese psychologische Anthropologie als eine Lehre mit sehr hohem ethischen Anspruch. Sie läuft auf jene Aufforderung hinaus, die einst über dem Tempeleingang in Delphi stand: Erkenne dich selbst!

4. Projektion

Bei der Projektion werden unbewusste Triebimpulse, Wünsche, Schuldgefühle, Ängste, aber auch eigene Schwächen und Fehler auf 'Objekte' in der Außenwelt übertragen. Biblisch gesprochen: "Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, und den Balken im eigenen Auge siehst du nicht." Als Objekte kommen grundsätzlich einzelne Personen, Personengruppen, Gegenstände oder Situationen in Frage.

Ein Mensch, der von seinem Vater misshandelt und unterdrückt wurde, kann z.B. dazu neigen, in jeder Situation, in der Autorität oder die Forderung nach Unterordnung im Spiel ist, das tyrannische Wirken des Vaters zu sehen und sich dann in eine kämpferische Haltung zu begeben. Es ist dann, als würde er stets jede Gelegenheit wahrnehmen, um - ersatzweise - gegen seinen Vater anzukämpfen.

Projektionen auf Personengruppen sind die psychische Basis jeder Art von Rassenvorurteilen, Fremden- und Gruppenhass. Situationen und Gegenstände, die Projektionen auslösen können, sind z.B. ein laufender Motor, eine Uniform, ein Sonnenuntergang, ein großer Platz, ein Verkehrschaos und vieles mehr. In jedem Fall sieht der Projizierende im Gegenstand oder in der Situation mehr und anderes, als das, was diese 'an sich' bedeuten, und reagiert darauf oft besonders emotional. Dadurch wird die erhebliche Erschwerung und Störung zwischenmenschlicher Kommunkation (die ja darauf beruht, dass wir identische Begriffe haben) durch jede Form von Projektion nachvollziehbar. Man kann davon ausgehen, dass in jedem Streit, bei jeder heftigen Auseinandersetzung Projektionen im Spiele sind. Eine psychologisch korrekte 'Schlichtung' dürfte darum niemals auf einen faulen Kompromiss hinauslaufen ("du hast ein bisschen recht und du auch"), sondern muss bei jedem Teilnehmer die Bereitschaft erzeugen, sich seinen eigenen Projektionen zu stellen.

Bei der Projektion wird somit eine Selbsttäuschung offenbar - man sieht das andere oder den anderen nicht so, wie es oder er "wirklich" ist, sondern so, wie man es oder ihn unbewusst haben "möchte" (bzw. gewissermaßen sogar haben "muss"). Das ist auch in jenen Fällen so, wo Projektionen als durchaus angenehm erlebt werden, wie z.B. im Zustand großer Verliebtheit. In der Regel sieht der Verliebte die Angebetete als mehr oder weniger fehlerfrei, wobei er allerdings ein Wunschbild (z.B. die positive Seite seiner Muttererfahrung) in die Geliebte projiziert. Der bekannte Spruch "Liebe macht blind" wäre demgemäß in "Verliebtheit macht blind" zu korrigieren, denn im Gegensatz zur Verliebtheit macht die wahre Liebe sehend, was Saint-Exupérys kleinen Prinzen den bekannten Satz aussprechen ließ: "Man sieht nur mit dem Herzen gut".

5. Introjektion

Dies ist der umgekehrte Vorgang der Projektion: Es werden fremde Anschauungen, Motive, Verhaltensweisen ins eigene Ich aufgenommen. Dabei geht es nicht um die legitimen Formen des Lernens, sondern um Imitationen, die dem eigenen Ich eigentlich fremd sind und der Abwehr beispielsweise von Minderwertigkeitsgefühlen dienen sollen. Ein Beispiel dafür wäre etwa ein Musiker, der in Erscheinungsbild und Gehaben ganz in die Rolle eines anderen geschlüpft ist, welcher wirklich etwas kann und darum auch Erfolg hat. Oder etwa Menschen, die im Grunde ihres Herzens eigentlich eher konservativ sind, aber plötzlich ganz unvermittelt und im Gegensatz zu ihren übrigen Überzeugungen und ihrem wirklichen Leben progressive Ansichten zum besten geben oder sich eine Trend-Frisur zulegen - offensichtlich aus dem unbewussten Wunsch heraus, von gewissen Kreisen besser oder anders, als sie sind, angenommen zu werden.

6. Identifikation

Wird nicht bloß ein einzelner Zug eines anderen Menschen oder eine einzelne isolierte Idee introjiziert, sondern das ganze Wesen eines Menschen bzw. ein ganzes Ideensystem, so liegt eine Identifikation vor. So kennen wir etwa die starke Identifikation Pubertierender mit Idolen, die so weit gehen kann, dass sich ein Jugendlicher als "Superman" aus einem Hochhaus stürzt, um mit ausgebreitetem Cape ins Gewühl der Strasse hinabzuschweben (real geschehen.

Ganz allgemein ist der 'Fan' ein Mensch, der sich mit irgendetwas oder irgend jemandem hochgradig identifiziert hat. So hängt z.B. die Seelenlage von Fußball-Fans erheblich vom Erfolg bzw. Misserfolg 'ihres' Clubs ab: gewinnt er, sind sie euphorisch, verliert er, sind sie depressiv. In beiden Fällen können sich die aufgestauten Gefühle in Form von Aggressionen entladen: im ersten Fall entwickeln sich die Gefühle der Überlegenheit zu Übermut, Arroganz und Angriffslust, im zweiten Fall entsteht aus der erlittenen Schmach und der damit verbundenen Frustration ein Klima der Rache und der ungerichteten Wut.

Differenziertere Menschen neigen eher dazu, sich mit Ideensystemen zu identifizieren, seien dies politische oder religiöse. Die Identifikation ist daran zu erkennen, dass mit vorgegebenen Formeln und Gedankengängen argumentiert und insbesondere keinerlei Zweifel zugelassen wird. Der durch die Identifikation begründete Fanatismus entwickelt in extremen Fällen - analog zum Fan-Club - ein Klima der Gewalttätigkeit. Die Geschichte zeigt eindrücklich, dass viele politische und religiöse 'Revolutionäre', die stets von der Heiligkeit 'ihrer Sache' restlos überzeugt waren, nicht vor Gewalttätigkeit und Brutalität zurückschreckten.

In all diesen Formen der Identifikation tritt das Moment der Selbsterhöhung deutlich zu Tage. Ihre Basis sind die unbewussten, im und aus dem Es wirkenden Minderwertigkeitsgefühle, die naturgemäß ängstigen und darum abgewehrt werden wollen. Diese Zusammenhänge hat Adler - freilich teils mit anderen Begriffen - in das Zentrum seiner Betrachtungsweise gestellt. Die alltägliche Beobachtung zeigt sehr deutlich, dass insbesondere solche Jugendliche zu überstarken Identifikationen - und damit zu Selbstverlust - neigen, deren soziales Milieu nicht das Selbstwertgefühl stärkte, sondern die Minderwertigkeitsgefühle förderte. Für Erzieher sind darum überstarke Identifikationen, wie sie sich insbesondere ab der Pubertät zeigen, stets ein Gradmesser für die Ich-Schwäche eines jungen Menschen, es ist dann alles zu unternehmen, um dessen Selbstwertgefühl zu stärken.

Dass alle Abwehrmechanismen - und somit auch die Identifikation - der Angstabwehr dienen, ersehen wir aus den zahlreichen Fällen, in denen sich Menschen, die extrem unterdrückt wurden, mit ihren Unterdrückern identifizierten und so eben vor ihnen keine Angst mehr haben mussten. Dies war nicht nur in deutschen Konzentrationslagern beobachtbar, in denen Gefangene zu Gehilfen 'befördert' wurden und sich dann als besonders eifrige Quäler hervortaten, sondern auch bei Patricia Hurst, der amerikanischen Verlegerstochter, die von einer radikalen Gruppe entführt wurde und später mit ihnen an Banküberfällen teilnahm. Analoges geschah z.B. auch in Stockholm, als eine westliche Botschaft von einer Gruppe linksextremer Terroristen überfallen wurde und sich eine Geisel nachher der RAF anschloss. Die psychologische Analyse der damaligen Geschehnisse prägte den seither für diesen Effekt verwendeten Begriff "Stockholm-Syndrom".

Wie Freud aufzeigte, ist die Identifikation des Knaben mit dem Vater und des Mädchens mit der Mutter im Zuge der Lösung des Ödipuskomplexes ein entwicklungspsychologisch gesetzmäßiger Vorgang, der dazu führt, dass die Kinder die Norm- und Wertvorstellungen der Eltern übernehmen und so auch in die Gesellschaft hineinwachsen. Wie sehr sich Jungen mitunter mit ihren Vätern identifizieren, kann man gelegentlich hören, wenn jeder den stärkeren, tüchtigeren, gescheiteren oder reicheren Vater haben will.

7. Konversion

Als Konversion bezeichnet die Psychoanalyse den Umschlag einer unerledigten Affektregung (Angst, Aggression, Wut, Ärger, Schuldgefühl, Triebwunsch etc.) ins Körperliche (Somatische). Beispiele sind etwa Erröten, Ohnmachtsanfälle, Herzklopfen, Migräne, Magenleiden, Zittern usf. Deren Charakter als Abwehrmechanismus erweist sich aus der Tatsache, dass wiederum ins Es verdrängte (d.h. unbewusste) und von dort aus wirkende Affekte in ihrem Zustand der Unbewusstheit belassen werden, weil es offenbar psychisch zu aufwendig wäre, sich ihnen zu stellen, und darum deren Manifestation im Körper in Kauf genommen wird.

8. Reaktionsbildung

Freud entdeckte, dass belastende Affekte u.a. auch dadurch abgewehrt werden können, dass im bewussten Verhalten und Erleben eine gegensätzliche Verhaltensweise entwickelt wird.

Übertriebene Reinlichkeit etwa kann eine Reaktionsbildung sein, bei der die täglich viele Stunden beanspruchende Beseitigung von Schmutz und Unrat eine Möglichkeit darstellt, seine wirklich vorhandene Schmutzlust zu befriedigen. Analog dazu ist es auch möglich, dass ein religiöser oder politischer 'Sittenhüter', der überall gegen sexuelle Unsittlichkeit ankämpft, in diesem Tun eine Möglichkeit sieht, seine überstarken, aber verdrängten sexuellen Bedürfnisse ersatzweise zu befriedigen (in Österreich war etwa ein "Pornojäger" gerichtsbekannt, der daheim mehrere Räume mit zigtausenden Pornovideos und -Magazinen "zu Beweiszwecken" angefüllt hatte). Und dass Mitglieder der Feuerwehr gelegentlich dem Anblick brennender Häuser nicht unabgeneigt sind, wissen wir nicht erst, seit sich mehrerenorts Feuerwehrmänner als Brandstifter betätigten.

Es muss aber deutlich davor gewarnt werden, nun jedes derartige Verhalten einfach als Reaktionsbildung zu betrachten. Ein solcher Abwehrmechanismus liegt meist nur dann vor, wenn die Intensität der betreffenden Handlungsmotive sehr übersteigert und dementsprechend nicht der Realität angemessen sind.

9. Kompensation

Wie bereits oben i.B. auf die Adler'sche Individualpsychologie erläutert wurde, neigt der Mensch dazu, sich dem bewussten Erleben psychischer Mängel dadurch zu entziehen, dass er Verhaltensweisen äußert, von denen er annimmt, dass sie ihm besondere Geltung, Überlegenheit oder Macht über andere verschaffen. Als Regel kann gelten: je größer die Minderwertigkeitsgefühle, desto stärker die erforderliche Kompensation.

Es gibt grundsätzlich keine Verhaltensweise, die nicht zur Kompensation gebraucht werden kann. So kann ein Musiker auf dem Podium musizieren, um andere mit seiner Kunst zu erfreuen oder um sich im Zentrum des Interesses zu sonnen. Häufig sind Kompensationen aber von den 'echten' Motiven nicht zu trennen, und es ist anzunehmen, dass in fast allen Verhaltensweisen ein mehr oder weniger großer Anteil an Kompensationsbedürfnis mitschwingt.

Eine erhebliche Selbsttäuschung stellt die Kompensation insofern dar, als man ihre Funktion, Minderwertigkeitsgefühle abzuwehren, ja nicht erkennt und offensichtlich auch nicht bereit ist, seine eigenen Grenzen unbefangen zu sehen und anzuerkennen. Häufig entsteht in Bezug auf die betreffenden Menschen dann der unweigerliche Eindruck, sie lebten in einer Art "Scheinrealität".

10. Autoaggression

Einer der möglichen Gründe für Autoaggression besteht darin, daß jemand eine nicht eingestandene und nicht akzeptierbare Aggression gegen andere in Aggression gegenüber der eigenen Person verwandelt. Dies mag etwa vorliegen, wenn sich eine Sekretärin nach einer Auseinandersetzung mit dem Chef selbst die Haare rauft oder ohrfeigt, obwohl sie sich lieber auf den Chef stürzen würde. Da jedoch eine solche Handlung - so angemessen sie ihrem Es auch erscheinen mag - ihre Existenzgrundlage gefährden könnte, wird die ursprüngliche Aggression in eine Autoaggression verwandelt.

Es ist anzunehmen, dass der Masochismus, zeige er sich sexuell oder in selbstquälerischem Engagement für die anderen, nicht bloß eine Möglichkeit ist, um verdrängte Schuldgefühle zu kompensieren, sondern auch um verdrängte Aggressionen auszuleben. So steckt wohl in jeder sexuell masochistischen Handlung verdrängter Sadismus.

In der christlichen Mystik hat die Autoaggression - in der Form der Kasteiung und der Selbstgeißelung - eine aus tiefenpsychologischer Sicht eher zwiespältige Tradition. Ins gleiche Kapitel gehört die Geißler-Bewegung des ausgehenden Mittelalters, wo ganze Züge 'frommer' Menschen das Land durchquerten, dabei offen ihre Sündhaftigkeit bekannten und sich selbst und ihre Bussgenossinnen und -genossen blutig peitschten. Dass damit 'Schuld getilgt' werden sollte, war lediglich die offizielle Begründung für ein wohl schlicht Schuldgefühle abwehrendes, womöglich sogar masochistisches Verhalten.

11. Substitution

Eine Substitution liegt vor, wenn ein ursprüngliches Triebobjekt durch ein Ersatzobjekt ersetzt wird. Insofern ist die Autoaggression eine spezielle Form der Substitution, denn bei ihr wird ja nach der obigen Erklärung ein Mitmensch als Objekt einer aggressiven Triebregung durch die eigene Person ersetzt.

Eine verbreitete Form der Substitution ist der Fetischismus, etwa der sexuelle Umgang mit Unterwäsche von Personen des anderen Geschlechts, Stiefeln oder Füßen. Aber auch Ess- oder Trunk-Sucht, die sich gelegentlich einstellen, wenn die sexuellen Bedürfnisse unbefriedigt bleiben müssen, können als Substitution betrachtet werden. Eine Substitution liegt auch vor, wenn ein vom unerfreulichen Umgang mit der Ehefrau her frustrierter Lehrer seine aufgestauten Aggressionen an seinen Schülern ausagiert. Die in unserer Kultur häufig anzutreffenden Süchte vereinsamter Menschen, etwa der, ganze Scharen von Katzen oder Hunden zu verhätscheln, dürfte ebenfalls in diese Kategorie fallen.

12. Realitätsleugnung / Verleugnung

Realitätsleugnung liegt vor, wenn bestimmte bedeutsame Tatbestände vom Ich ignoriert bzw. nicht wahrgenommen werden, weil die bewusste Auseinandersetzung mit ihnen als zu belastend erlebt wird. So kommt es beispielsweise immer wieder vor, dass ein Mensch die Seitensprünge seines Partners Mannes nicht wahrnimmt, obwohl sonst jedermann davon weiß und ausreichende Anzeichen dafür vorliegen. Andere, typische Beispiele sind der Kindesmißbrauch oder sonstige Gewaltformen im Familienverband, diverse Formen von Eßstörungen, oder aber auch, wenn jemand die Anzeichen einer Krankheit übersieht und den Arzt erst aufsucht, wenn es dafür eigentlich bereits zu spät ist.

Realitätsleugnungen sind meist überall dort festzustellen, wo ein Weltbild oder vorgefaßte Meinungen ins Wanken kommen könnten. Hierzu gehört etwa auch die Brutalität der Nazis im Dritten Reich oder die Kriegsverbrechen der Amerikaner (Einsatz von Uranwaffen im Kosovo-Krieg, Entzug der Menschenrechte an teils schuldlos Inhaftierten in Guatanamo-Bay im Zuge des Irankriegs 2002, Agent-Orange-Einsatz im Vietnam etc.). Die Vorstellung und Folgen einer Mitschuld der als 'Gute' dargestellten Machthaber war offenbar zu belastend, weshalb es einfacher war, sie auszublenden und von der erwiesenen Realität keine Kenntnis zu nehmen. Dies kann soweit gehen, daß selbst objektive Realitäten ausgeblendet werden (etwa, als die Photos von Folterungen durch US-Soldaten im Irakkrieg von einigen interviewten US-Bürgern als 'Spaßphotos unserer Jungs' umgedeutet wurden). Wieder andere Menschen wollen nichts von der Bedrohung der Menschheit durch den Raubbau in den Regenwäldern, durch die Übernutzung der Meere, durch die Vergiftung der Böden mittels Kunstdünger oder durch unsichere Kernkraftwerke hören. Kassandra war schon den Griechen vor Troja lästig. Häufig hat man jene, die wirkliche Gefahren voraussahen und warnten, mit dem Satz "Du malst den Teufel an die Wand" heimgeschickt. Niemand lässt sich gerne in seinen vorgefaßten Meinungen durch Realitäten, die seinen eigenen Bildern widersprechen, behelligen. Mit Realitätsverleugnung lebt es sich gewissermaßen einfacher - jedenfalls eine gewisse Zeit lang.

13. Sublimierung

Bei der Sublimierung handelt es sich um die Fähigkeit, für den Verzicht auf verpönte (abgelehnte) Triebe bzw. Wünsche eine ausgleichende Entschädigung hervorbringen zu können. So kann z.B. eine zölibatär lebende Pianistin ihre Libido gewissermaßen verwandeln und sie ganz in den Dienst ihrer musikalischen Gestaltung stellen. Oder jemand kann durch persönliche Frustrationen sehr aggressiv gestimmt sein - statt dass er seine Wut aber an irgend jemandem ausagiert, stürzt er sich in die Arbeit und stellt dann nach ein paar Stunden fest, dass er in kurzer Zeit etwas geschaffen hat, wozu er sich zuvor kaum in der Lage fühlte. Mit anderen Worten: bei der Sublimierung wird die psychosexuelle Energie (Libido) neutralisiert und für differenziertere soziale oder kulturelle Leistungen eingesetzt.

Ob es sich bei der Sublimierung um ein Reifekriterium oder einen Abwehrmechanismus handelt, darüber existieren unterschiedliche Meinungen. Jedenfalls haftet ihr - im Gegensatz zu den anderen Abwehrmechanismen - kein negativer Anstrich an. Auch von einer Selbsttäuschung kann nicht gesprochen werden, denn wenn sich die Libido, die ursprünglich z.B. einer sexuellen Befriedigung dienstbar sein könnte, tatsächlich 'verwandelt', so zeigt dies eben, dass es zum Wesen des Menschen gehört, auf der Basis der psychischen Energie sozial und kulturell differenziertere Leistungen hervorbringen zu können.

Mit Blick auf die Möglichkeit der Sublimierung wird somit die oft gehörte Behauptung, sexuelle Enthaltsamkeit sei grundsätzlich schädlich und mache einen Menschen 'verklemmt', durch die Psychoanalyse zumindest in dieser verallgemeinernden Formulierung widerlegt. Die von christlichen, buddhistischen, hinduistischen und vielen anderen Religionen empfohlene sexuelle Enthaltsamkeit (mit dem Ziel, alle Energien für die spirituelle Entwicklung zur Verfügung zu haben) findet in der Möglichkeit der Sublimierung sogar ihre tiefenpsychologische Legitimation.

14. Verschiebung

Unter Verschiebung wird die Lösung der Verknüpfung von Affekt und Vorstellung verstanden, nach der der Affekt an eine vom Über-Ich weniger bedrohte Vorstellung gekoppelt wird.

Als typisches Beispiel mag ein weiteres Mal sexueller Mißbrauch dienen. Frauen, die in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht wurden, empfinden häufig Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Oftmals wird viele Jahre lang eine Verschiebung vorgenommen, in dem solche Frauen sich etwa ihre Schmerzen so erklären, daß diese eben "bei mir ja immer schon da waren" oder durch "höhere Empfindlichkeit" verursacht wären. Auf diese Weise kann es vermieden werden, sich mit der furchtbaren Vorstellung, von einem nahestehenden Familienmitglied bis ins Innerste verletzt worden zu sein, konfrontieren zu müssen.

15. Ungeschehen machen

Darunter wird der Versuch der Kompensation einer abgelehnten Handlung durch eine darauffolgende mit entgegengesetztem Inhalt verstanden.

Auch dieser Abwehrmechanismus wird zu den unreifen (auf einem niedrigen Niveau der Ich-Organisation ansetzenden) Abwehrformen gezählt. Jedem von uns ist wohl ein Erlebnis mit einem Kind bekannt, das sich plötzlich ohne erkennbaren Grund "besonders brav" verhielt. Meist stellte sich danach heraus, daß es kurz davor etwas besonders "Schlimmes" angestellt hatte... Wobei in diesem speziellen Fall das "Ungeschehen machen" einerseits vorbewusst den Betroffenen gegenüber erhofft wird, und der eigentliche Abwehrmechanismus unbewusst greift - und zum Ziel hat, die Handlung dem eigenen Über-Ich gegenüber zu "neutralisieren".

16. Flucht in die Gesundheit

Hierbei ist die Angst vor der Psychotherapie größer als ein etwaiger sekundärer Krankheitsgewinn durch Aufrechterhaltung der Symptomatik. Die Symtomatik verschwindet plötzlich völlig, allerdings zumeist nur für eine sehr kurze Zeitspanne, da die eigentlichen Ursachen allein natürlich nur mit enormem Energieaufwand kompensiert werden konnten und das nicht dauerhaft möglich ist.

 

Die psychosexuelle Entwicklung

Nachdem Freud den Sexualtrieb als die Basis des Seelenlebens postuliert und die psychische Energie als Libido gefasst hatte, war es eigentlich nur logisch, die Entwicklung des Menschen vom Säugling bis ins Erwachsenenalter vorwiegend im Hinblick auf die Entwicklung des Sexualtriebs und des sexuellen Erlebens zu betrachten. Die Ergebnisse der Entwicklungspsychologie, die von zahllosen Psychologen erarbeitet wurden, werden dadurch keinesfalls gegenstandslos, sondern Freud hat diese (insbesondere den Ansatz Hartmanns) vielmehr durch seine Sicht der psychosexuellen Entwicklung um einen weiteren Aspekt angereichert. Viele Psychologen (etwa René Spitz, Erich Erikson, Mahler u.a.) haben ihre systematischen Beobachtungen bzw. Experimente auf die Basis der Freudschen Theorie gestellt.

Die grundlegende Aussage Freuds besteht in der Behauptung, die Sexualität erwache nicht erst - wie früher allgemein angenommen - mit der Pubertät, sondern der Mensch sei bereits vom ersten Lebenstag an des sexuellen Erlebens fähig und auch darum bemüht, es sich zu verschaffen. Diese Aussage wurde zu Beginn unseres Jahrhunderts - im sog. viktorianischen Zeitalter, das sich durch besondere Prüderie auszeichnete - als skandalös betrachtet, so dass an einem Kongress deutscher Ärzte (um 1910) der Vorsitzende - nachdem jemand den Vorschlag gemacht hatte, man möge sich in einem Kongress mit der Freudschen Lehre befassen - empört in die Versammlung schrie: "Meine Herren, das ist keine Sache für die Medizin, das ist eine Sache für die Polizei!" ...

Psychoanalytisch wird Sexualität jedoch eigentlich als das bezeichnet, was dem Lustgewinn aus körperlichen Funktionen dient (z.B. Nahrungsaufnahme: Reizung der Mundschleimhaut). Die von Freud vorgenommene Bedeutungserweiterung includiert des weiteren auch alle zärtlichen Regungen - nimmt also identische Wurzeln der sinnlich-körperlichen und der zärtlichen Strömungen des Sexuallebens an. Freud unterscheidet also scharf zwischen den Begriffen "sexuell" und "genital" - der erstere Begriff umfaßt, wie im folgenden aufgezeigt, auch viele Tätigkeiten, die mit den Genitalien nichts zu tun haben. [mehr..]

Sucht man nach Beziehungen beider Definitionen zum "konventionellen" Sexualleben, ist es (da Sexualität dabei nicht mehr vom Reifungszustand der Keimdrüsen abhängt) nur folgerichtig, solche sexuellen Tätigkeiten schon früh im Leben zu suchen und ihre weitere Entwicklung zu verfolgen. Hier finden sich dann etwa Vornahmen zur Reizung der Mund- und Lippenschleimhaut, der Analschleimhaut, der Glans Penis und der Klitoris sowie der Vaginalschleimhaut, die sich allesamt schon im frühen Kindheitsalter beobachten lassen und als Ausdrücke infantiler Sexualität bezeichnet werden. Hierbei werden folgende Grundannahmen getroffen:

  • unterschiedliche Körperregionen (sog. erogene Zonen) werden in den einzelnen Entwicklungsstadien mit Libido-Energie (Sexualenergie) besetzt
  • zu einer Spannungsreduktion (Abfuhr von libidinöser Energie) führen sowohl der normale physiologische Gebrauch sowie die künstliche Reizung dieser Körperregionen, es entstehen "Lustgefühle". So führt z.B. das Saugen an der Mutterbrust sowie das Daumenlutschen beide zu einem Lustgewinn.
  • das Luststreben ist weitgehend "autoerotisch", d.h., es beschränkt sich auf die Selbstreizung der erogenen Zonen.

Freud glaubte, drei frühkindliche Phasen der Sexualentwicklung feststellen zu können, gefolgt von der sog. Latenzzeit und der darauf folgenden Pubertät bzw. Adoleszenz, die ins Erwachsenenalter überleitet. Die einzelnen Phasen der psychosexuellen Entwicklung wurden dabei nach der jeweils dominierenden erogenen Zone benannt:

1. Lebensjahr: Orale Phase

2./3. Lebensjahr: Anale Phase

4./7. Lebensjahr: Phallische Phase

7./11. Lebensjahr: Latenzzeit

12./16. Lebensjahr: Pubertät

17./21. Lebensjahr: Genitale Phase / Adolezenz

Diese Altersangaben sind jedoch mit großer Vorsicht zu behandeln, denn sie variieren je nach Milieu, Geschlecht und individuellen Voraussetzungen und sind darüber hinaus dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Auch sind insbesondere die drei frühkindlichen Phasen weniger als ein 'Hintereinander' als ein 'Hinzukommen' zu betrachten, indem nämlich die vorausgehenden typischen Verhaltensweisen nicht etwa völlig verschwinden, sondern durch neue überlagert werden.

1. Orale Phase

Objektlosigkeit, Anstreben ständiger Homöostase; hin zu Objektbildung und Entwicklung des Urvertrauens

Freud bezeichnet Körperregionen, deren Reizung als besonders lustvoll erlebt wird, als 'erogene Zonen'. Unter dem Eindruck, dass ein Neugeborenes beim Saugen ganz offensichtlich ein besonders großes Wohlbehagen erlebt und es gewissermaßen ganz in seinem Saugen aufgeht, schrieb er: "Das Wonnesaugen ist mit voller Aufzehrung der Aufmerksamkeit verbunden, führt entweder zum Einschlafen oder selbst zu einer motorischen Reaktion in einer Art von Orgasmus.". Das Lusterlebnis beim Saugen wurde also als sexuelles Erleben beschrieben. Die erste erogene Zone während des 1. Lebensjahres ist also der Mund, weshalb Freud diese Zeit als 'orale Phase' (oral = mündlich) bezeichnete. Im weiteren Sinne betrachtete er die ganze Haut als erogene Zone, d.h. - negativ ausgedrückt - das Lusterleben hat sich noch nicht auf die Reizung der Genitalorgane konzentriert.

Freud erkannte, dass das Aufnehmen, das Einverleiben von irgendetwas als eine grundlegende Lebensgebärde (Modalität) verstanden werden kann, die zeitlebens von zentraler Bedeutung ist. Er war der Überzeugung, dass die bestimmte Art, wie das Kind das Einverleiben während des 1. Lebensjahres erlebt, das gesamte Verhältnis des betreffenden Menschen zur Modalität des Einverleibens und Aufnehmens prägt. Erlebt z.B. ein Säugling, dass er immer zuerst sehr lange und intensiv schreien muss, bis er seinen plagenden Hunger stillen und saugen kann, so entsteht dadurch eine gestörte Beziehung zu allem, was im Leben irgendwie mit Aufnehmen - z.B. auch mit Lernen - zu tun hat. Solche Menschen werden oft durch das Grundgefühl gepeinigt, immer zu kurz zu kommen, was sich in allen möglichen Formen von Gier äußern kann. Diese Haltung kann auch die Grundlage für viele Formen von Sucht sein: im Rauchen und Trinken ist die orale Gebärde ganz offensichtlich, aber auch jeder andere Rauschzustand (z.B. durch andere Drogen) kann verstanden werden als Versuch, sich einlullen zu lassen, d.h. in jenen frühkindlichen Zustand der Geborgenheit und des Noch-keine-Verantwortung-tragen-Müssens zurücksinken zu können. Oral gestörte Menschen haben oft entweder etwas 'Aufsaugendes' an sich (sie klammern sich beispielsweise in ungesunder Weise an alle Mitmenschen und haben wenig Sinn für ein gewisses Distanzbedürfnis der anderen), oder sie verweigern reflexartig alles Neue, das sie stets als Bedrohung empfinden, und sagen in einer krankhaften Selbstbewahrungstendenz chronisch nein.

Die Psychoanalyse - nicht zuletzt im Gefolge von Erikson und Spitz - betont immer wieder die große Bedeutung des 1. Lebensjahres für die gesunde Lebensentwicklung und zeigt auf, dass ein Mensch, der sich in der oralen Phase von den Eltern, insbesondere von der Mutter, angenommen und emotional geborgen fühlt und der die Grunderfahrung macht, dass seine Bedürfnisse mit aller Selbstverständlichkeit befriedigt werden, das sog. Urvertrauen ausbildet (Erikson formulierte später: 'das Kind lernt anzunehmen, was ihm gegeben wird'). Das Urvertrauen begründet für das ganze Leben eine Grundgestimmtheit, die dazu ermutigt, sich den Anforderungen des Lebens gegenüber positiv einzustellen und sein Wirken als sinnvoll zu erleben. Fühlt sich hingegen das Kind abgelehnt, muss es auf eine geregelte Pflege und Ernährung durch die Mutter verzichten, wird es gar vernachlässigt oder geschlagen, erfährt es zu wenig oder keinen natürlichen Körperkontakt mit den Eltern, so entwickelt sich das sog. Urmisstrauen, eine Grundgestimmtheit des Pessimismus, die zu chronischer Verweigerung, zu Versagertum und zur Selbstablehnung führt.

Das 1. Lebensjahr ist auch jene Zeit, in welcher der primäre Narzissmus - der Zustand der völligen Auf-sich-selbst-Gerichtetheit der Libido - zu Gunsten von Objekt-Bildungen überwunden wird. Als erstes Objekt, welches der Säugling mit Libido besetzt, gilt Freud die Mutterbrust. Im Erleben, dass sie nicht immer verfügbar ist, entwickelt sich im Kind das Gefühl einer Trennung zwischen ihm selbst und der Welt. Gleichzeitig entsteht aber auch eine tief sitzende ambivalente (doppelwertige) Beziehung zur Mutter, denn einerseits erfährt das Kind die Mutter ja als nährend (die Bedürfnisse befriedigend), andererseits als versagend (die Bedürfnisbefriedigung verweigernd). Eine ähnlich ambivalente Beziehung bildet sich später auch zum Vater, weshalb die Elternbeziehung grundsätzlich als ambivalent und somit als problembehaftet zu betrachten ist. So läßt sich die häufig von schwierigen Ablösungskonflikten gekennzeichnete Pubertät auch als Prozeß verstehen, daß das Kind, das nun immer weniger auf die Nährung durch die Eltern angewiesen ist, die von den Eltern unterschiedlichen Bedürfnisregungen stärker zulassen und verfolgen will. Das "Eigene" wird dann vor allem in dem wahrgenommen, was unterschiedlich zu dem der Eltern ist.

Der amerikanische Psychoanalytiker René Spitz hat sich in besonderer Weise mit dem 1. Lebensjahr beschäftigt. So stellte er fest, dass das 'Fremdeln' im Alter von ca 8 Monaten (Spitz bezeichnete dies als 'Acht-Monate-Angst') darauf beruht, dass das Kind jetzt in der Lage ist, verschiedene Gesichter voneinander zu unterscheiden, wogegen es früher offensichtlich alle Antlitze als diejenigen der Mutter interpretierte.

Im Zuge seiner Forschungen befaßte sich Spitz besonders mit dem Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Mutter und dessen Auswirkungen auf das Kind, wobei er 6 verschiedene problematische Einstellungen der Mutter zum Muttersein oder zum Kind feststellte, welche bei diesem zu teils erheblichen psychischen Schädigungen führen können:

1. unverhüllte Ablehnung

2. ängstlich übertriebene Besorgnis

3. in Ängstlichkeit verwandelte unbewusste Feindseligkeit

4. ständiges Schwanken zwischen Verwöhnen und Feindseligkeit

5. zyklische Stimmungsschwankungen der Mutter (Launenhaftigkeit)

6. kompensierte Feindseligkeit (z.B. durch Verwöhnen)

Berühmt geworden sind die Spitz'schen Untersuchungen von Kindern einerseits in einem Waisenhaus, wo diese durch häufig wechselnde Wärterinnen betreut wurden und in einer sehr reizarmen Umwelt (weiß und steril) lebten, und andererseits in einem Frauengefängnis, in welchem sich die Mütter ganz ihren Kindern widmen und sie selber stillen und pflegen konnten. Er stellte sehr deutliche Entwicklungsunterschiede fest: Die Kinder im Frauengefängnis gediehen wunderbar, waren selten krank, entwickelten eine überdurchschnittliche Intelligenz und waren - wie man so sagt - 'putzmunter'. Bei den Kindern im Waisenhaus hingegen musste er nicht nur häufige Erkrankungen, sondern auch ziemlich viele Todesfälle feststellen, und mehr oder weniger alle Kinder fielen durch verschiedene Störungen und Anzeichen gehemmter Entwicklung auf. Er bemerkte, dass Kinder, die von klein auf in Spitälern aufwachsen und einer reizarmen, sterilen Umwelt sowie einer gewissen Massenabfertigung beim Füttern und Trockenlegen ausgesetzt sind, dieselben Symptome zeigen wie die untersuchten Kinder im Waisenhaus und bezeichnete daher das beschriebene Krankheitsbild als 'Hospitalismus'. Besonders gefährdet sind davon insbesondere Kinder, die zwischen dem 6. Lebensmonat und 3 Jahren hospitalisiert sind. Sie zeichnen sich oft durch Kontaktarmut, Apathie, verzögertes Gehen- und Sprechenlernen, soziale Anpassungsschwierigkeiten, intellektuelle Entwicklungsrückstände, gesteigerte Krankheitsanfälligkeit, erhöhte Sterblichkeit, Passivität, Interesselosigkeit und stereotype Bewegungen aus.

Als Spätfolgen treten die bekannten und zu Teil schon erwähnten Auswirkungen einer gestörten oralen Phase auf: Süchte, Zurückschrecken vor Lebensaufgaben, Gierigkeit, mangelnde Initiative, übergroße Bedürftigkeit nach Zuwendung und Liebe.

 

2. Anale Phase

Ausweitung und Überschreitung des symbiotischen Bereiches, Selbstbestimmung von Nähe und Distanz, Entwicklung hin zu Objektkonstanz und Selbstkonstanz

Zwischen 1. und 3. Lebensjahr verlagert sich die Bedürfnisbefriedigung auf die anale Zone: die anale und urethrale Muskulatur wird trainiert, das Kind lernt, "zurückzuhalten" und "auszustoßen". Es kann nun seit einiger Zeit sitzen, und die Eltern setzen es, um nicht unnötig lang Windeln waschen zu müssen, von Zeit zu Zeit aufs Töpfchen. Das Kind ist nun zunehmend in der Lage, die Darmentleerung willentlich zu steuern, d.h. den Kot entweder zurückzuhalten oder loszulassen. Offensichtlich ermöglicht ihm dies eine neue Weise des Lustgewinns: Kinder dieses Alters benutzen ihren Kot mit ungebändigter Lust als Modelliermasse, bemalen damit auch Bett und Wände und stopfen ihn auch ohne weiteres in den Mund.

Analog zur oralen Modalität erkennt Freud in diesem konkreten körperlichen Vorgang gewissermaßen das Grundmodell einer allgemeinen Lebensgebärde: der Modalität des Besitzens und Hergebens. Tatsächlich stellt sich dem Menschen als einem Wesen, das aufnimmt und einverleibt, logischerweise auch die Aufgabe, zu entscheiden, was und wie viel behalten und was ausgeschieden (losgelassen) werden soll. Das betrifft materielle Güter genauso wie psychische Verhaftungen und geistige 'Besitztümer'. Nach Ansicht der Psychoanalyse wird das Verhältnis zu diesen Lebensaufgaben in der frühen Kindheit emotional grundgelegt, und zwar eben im körperlichen Erleben eines Vorgangs, der gewissermassen das Grundmodell ist für alles andere, wo auch Behalten oder Hergeben-Müssen bzw. Hergeben-Wollen zur Diskussion steht.

In diesem Zusammenhang weist die Psychoanalyse auf eine gewisse Wesensverwandtschaft zwischen Fäkalien und materiellem Besitz hin. So sagt man etwa von einem Geizhals, er 'hocke auf seinem Geld', arme Menschen wünschen sich einen 'Geldscheisser', im Märchen vom Tischlein-Deck-dich "scheisst" der Goldesel auf den Befehl 'briklebrit!' tatsächlich Goldstücke, und wenn jemand um Geld betrogen wurde, ist er "beschissen" worden.

Freud weist darauf hin, dass das Kind mit seiner nun entstehenden Fähigkeit der Kontrolle über die Defäkation zum Erlebnis der Macht über die Eltern kommt - also tatsächlich auch selbst etwas außerhalb seiner selbst kontrollieren zu können. Beides sind auch wesentliche Grundpfeiler für Grundgefühle wie Autonomie und Selbstbewusstsein. Insofern es seine Macht genießt, keimen im Kind erste Gefühle des Sadismus auf, weshalb Freud diese Phase auch als 'anal-sadistische' Phase bezeichnet. Man könnte somit sagen: Psychische Themen, welche in der analen Phase gefühlshaft grundgelegt werden, sind das Verhältnis zum Besitz, zur Macht, zum Behalten und Hergeben und damit auch zur Ordnung.

Störungen in der analen Phase führen logischerweise zu Störungen in den oben erwähnten Bereichen. Es bilden sich Geiz oder Verschwendungssucht, chaotisches Gebaren oder übertriebene Ordnungsliebe, Eigensinn und zwanghaftes Verhalten heraus.

Kluge Eltern lassen der Schmutzlust der Kleinen in der analen Phase den ihr gebührenden Raum, indem sie ihnen Fingerfarben geben und sie im Garten mit nassem Sand und nasser Erde so richtig herummatschen lassen. Unkluge Eltern versuchen mit lieblosem Druck, ihre Kinder so früh wie möglich 'sauber' zu bekommen, um damit ihren eigenen Ehrgeiz zu befriedigen ("Wissen Sie, Frau Müller, unsere Lisa ist schon seit 4 Monaten sauber!'). Der Wunsch nach Selbständigkeit gerät nun ständig in Konflikt mit den Anpassungsforderungen der Umwelt - um hier eine zufriedenstellende Lösung zu ermöglichen, müssen diese also so formuliert werden, daß sie vom Kinde angenommen werden können.

Alle sog. Zwangsneurosen haben ihren Ursprung in dieser Phase. Im Hinblick auf diesen Zusammenhang spricht die Psychoanalyse von einem 'analen Charakter' und meint damit einen Menschen, der überkontrolliert ist, zu fixen Ideen neigt, sich nirgends anpassen kann, stets recht haben muss und gewiss nicht 'Fünfe gerade sein lassen' kann.

 

3. Phallische Phase

Stabilisierung der Selbstkonstanz und Entwicklung der Geschlechteridentität, bei positiver Auflösung des ödipalen Konflikts: Bildung und Konsolidierung des Über-Ich, wodurch der Übergang von einem mehr dyadischen zu einem triadischen Beziehungsmuster vollzogen werden können sollte.

In der phallischen Phase verlagert sich die erogene Zone auf die Genitalien. Dass Freud diesen Lebensabschnitt generell nach dem männlichen Glied (Phallus) benennt, haben ihm Frauen natürlich immer wieder übel genommen. Seine Verteidigung, dass sich in der embryonalen Entwicklung die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane lange nicht unterscheiden und sich später das, was beim Knaben zum Phallus wird, beim Mädchen zur Klitoris entwickelt, irritiert dann noch mehr, denn daraus leitet sich - setzt man eine rein quantitative Sichtweise an - die Ansicht ab, die Frau sei, sexuell betrachtet, ein unvollkommener Mann. Die Sache wird dann noch problematischer, wenn Freud feststellt, dass die Kinder dieses Alters ihre unterschiedliche Geschlechtlichkeit entdecken (sie spielen in diesem Alter oft 'Doktorspiele' und befriedigen so ihre Neugierde bzw. ihre Lust, sich anderen zu zeigen: Voyeurismus und Exhibitionismus) und dann das Mädchen sieht, dass ihm etwas fehlt, das der Vater oder der Knabe hat. Freud vertritt nämlich die Ansicht, dass im Mädchen - selbstverständlich unbewusst - eine Verärgerung darüber entsteht, dass ihm etwas fehlt, und er nennt dieses Gefühl den 'Penisneid'.

Der Knabe indes hat zu solchem Neid keinen Anlass, sondern beginnt - was man tatsächlich sehr oft beobachten kann - in diesem Alter mit seinem Glied zu imponieren (Imponiergehabe). Freud erfuhr in seinen zahlreichen Analysen, die er mit männlichen Klienten durchführte, dass damals offensichtlich den meisten Knaben von ihren sittenstrengen Erzieherinnen und Erziehern gedroht wurde, man würde ihnen das Glied abschneiden, wenn sie weiterhin damit spielten. Freud glaubte, dass ein Knabe, belastet mit dieser Drohung, tatsächlich annimmt, dass z.B. seine Schwester oder seine Mutter früher noch einen Phallus hatten, ihn aber eben durch Kastration einbüssten. Dem Penisneid des Mädchens entspricht seitens des Knaben somit die - ebenfalls unbewusste - 'Kastrationsangst'.

So wie in der oralen Phase das Saugen zum Urmodell wird für alles, was im ganzen Leben irgendwie mit Einverleiben zu tun hat, und so wie in der analen Phase das Behalten oder Hergeben der Exkremente die emotionale Gestimmtheit betreffend Besitzen und Loslassen (Hergeben, Ausgeben) präformiert, so wird die Art und Weise, wie das Kind in der phallischen Phase die Bedeutung des eigenen Geschlechts erlebt, ganz allgemein zum Urmodell des Dominanzverhaltens. Eine allgemeine Haltung des Kampfs gegen oder andererseits auch der Unterwerfung unter das andere Geschlecht ist zumeist auf Störungen in der phallischen Phase zurückzuführen.

Ödipuskomplex

Im Zuge der Verlagerung des sexuellen Interesses auf die Genitalien und der Entdeckung der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen spielt sich in der phallischen Phase nach Freud ein zentrales unbewusstes Geschehen ab, das er den Ödipuskomplex nennt. Diese Benennung bezieht sich auf jene griechische Sage, wonach es das tragische Geschick von König Ödipus war, seine eigene Mutter zu ehelichen, ein - wenn auch unwillentlich begangenes - Verbrechen, das der unglückliche König dadurch zu sühnen hoffte, dass er sich selbst die Augen ausstach. Der Ödipuskomplex spielt in der Freudschen Psychoanalyse eine zentrale Rolle. Es geht dabei um die Beziehung zwischen Kind und Eltern, primär um die Beziehung zwischen dem Kind und dem gegengeschlechtlichen Elternteil. Im Folgenden sei hier der unbewusste Vorgang beschrieben, so wie er sich beim Knaben ereignet, beim Mädchen geschieht dies ungefähr spiegelbildlich:

Der Junge entwickelt während der phallischen Phase den unbewussten Triebwunsch, sich mit der Mutter geschlechtlich zu vereinigen. Der Vater wird daher als Rivale betrachtet, der Sohn phantasiert (stets unbewusst), dieser könnte sich durch Kastration rächen: Kastrationsangst stellt sich ein. Im Zuge dieser Rivalität entwickelt der Knabe gegenüber dem Vater auch Todeswünsche, was in ihm - neben der bereits beschriebenen Angst - tief sitzende Schuldgefühle auslöst. Es gilt nun beides, die Ängste und die Schuldgefühle, abzuwehren, und dies geschieht mit dem oben beschriebenen Abwehrmechanismus der Identifikation. Indem sich der Knabe mit dem Vater identifiziert, setzt er sich gewissermaßen an seine Stelle und muss ihn damit einerseits nicht mehr fürchten und hat andererseits Anteil an dessen Vorrechten gegenüber der Mutter. Die geglückte Identifikation des Knaben mit dem Vater bezeichnet Freud als 'Lösung des Ödipuskomplexes'. Sie hat sehr bedeutsame Folgen, denn im Zuge dieser Identifikation übernimmt der Knabe die Norm- und Wertvorstellungen des Vaters und - so Freud - damit auch der Gesellschaft. Diese introjizierten Norm- und Wertvorstellungen stellen dann das dar, was Freud als 'Über-Ich' bezeichnet.

Beim Mädchen geht es sich darum, dass es lernt, die Penislosigkeit zu akzeptieren. Gelingt ihm das, so kann es sich - analog zum Jungen - leicht mit der Mutter identifizieren und so auch seine eigene 'Geschlechtsrolle' annehmen. Kann es die Penislosigkeit nicht akzeptieren, so führt dies nach psychoanalytischer Erkenntnis zum 'Männlichkeitskomplex', dem krankhaften Bestreben, so zu sein wie der Mann.

Gestörte eheliche Beziehungen, die Abwesenheit eines Elternteils oder Fehlreaktionen eines Elternteils gegenüber dem Kind können die Ursache dafür sein, dass die Identifikation nicht gut gelingt, und es ist Freuds Überzeugung, dass ein schlecht oder nicht gelöster Ödipuskomplex die Hauptursache für viele neurotische Störungen darstellt. Die Bearbeitung des Ödipuskomplexes steht daher in einer klassischen Freudschen Analyse zumeist im Mittelpunkt.

Ein nicht oder schlecht gelöster Ödipuskomplex wirkt sich erfahrungsgemäß problematisch in der späteren Partnerbeziehung aus. Männer suchen dann häufig - je nachdem, wie sie die Mutter in jener Zeit erfahren haben - entweder eine viel ältere Partnerin oder entwickeln grundsätzlich Angst vor einer gegengeschlechtlichen Partnerschaft. Frauen neigen zum Kampf gegen den Mann und alles Männliche oder Väterliche (man spricht dann etwa von einer 'kastrierenden Frau') oder verbinden sich ebenfalls mit einem viel älteren Partner.

Eine häufig vorkommende Konstellation bei gestörten elterlichen Beziehungen etwa ist folgende: der Vater neigt dazu, den Werbungen der Tochter (die auch während der Schulzeit und in der Pubertät andauern) auf eine ungesunde Weise entgegenzukommen, indem er sich einerseits einen erotischen Ersatz für das sucht, was er bei der eigenen Gattin nicht erhält, andererseits setzt er aber immer wieder - will er mit Moral und Gesetz nicht in Konflikt kommen - auch schroffe Grenzen. Das führt dazu, dass die Tochter nicht nur den Vater sehr ambivalent erfährt, sondern auch von der Mutter instinktiv als Rivalin empfunden und darum von ihr meist abgelehnt wird, was das problematische und geheime Bündnis mit dem Vater weiter verstärkt. In ihren späteren Partnerschaften pflegt dann eine solche Tochter ihre Vaterbeziehung in den Partner zu projizieren. Das bedeutet vorerst einmal, dass sie in ihm den Vater sucht, aber im Sexualleben sehr bald mit Schuldgefühlen (in der Vater-Projektion erscheint ihr die sexuelle Beziehung zum Partner unbewusst als Inzest) und entsprechender Verweigerung reagiert. Ferner hat sie ja den Vater als eine Person erlebt, die wechselnd anzieht und zurückstößt, und nun wird sie vom Zwang tyrannisiert, dieses Anziehen und Zurückstoßen beim Partner zu wiederholen und damit Macht auf ihn auszuüben. Schließlich läuft dies alles darauf hinaus, als ob sich die solcherart psychisch leidende Tochter an den Männern, die sich mit ihr partnerschaftlich einlassen, für die vom Vater erlittenen Frustrationen gewissermaßen rächen möchte. Dies alles geschieht selbstverständlich unbewusst.

 

4. Latenzzeit

Festigung des Primats der Genitalität, Identitätsfindung, Festigung der sozialen Rolle, Strukturierung der Zukunftsperspektive

Nach psychoanalytischer Auffassung tritt etwa im Alter von 6-7 Jahren bis hin zur Pubertät das sexuelle Interesse des Kindes zurück. Die Sexualität ruht, verharrt in der Latenz. Die Partialtriebe werden eher unterdrückt (z.T. sublimiert, also nichtsexuellen Zwecken zugeführt).All dies zeigt sich u.a. darin, dass sich z.B. in der Schule die Kinder fast selbstverständlich geschlechtsspezifisch gruppieren, ja sich sogar betont vom anderen Geschlecht distanzieren. Aus der Sicht der Knaben sind dann die Mädchen "blöd", und aus der Sicht der Mädchen die Jungen "dumm" (oder ähnliches).

Hier ist vielleicht eine Bemerkung am Platze, die für die gesamte Freudsche Theorie der kindlichen Sexualentwicklung gelten kann: es stellt sich nämlich die Frage, wie sehr die von der Psychoanalyse beobachteten Phänomene allgemein als zur Natur des Menschen gehörend zu betrachten sind oder aber aufgefasst werden können als Verhaltensweisen in einer ganz bestimmten gesellschaftlichen Situation. Angesichts der Tatsache, dass heute ein Kind via Fernsehen (sofern es lange genug aufbleibt) mit allen möglichen Formen sexueller Praxis vertraut werden kann, viele Kinder schon an der Unterstufe fast ständig über Sexualität reden und diesbezügliche Witze erzählen, darf man Freuds Theorie von der Latenzzeit wohl zumindest etwas relativieren.

 

5. Genitale Phase: Pubertät, Adoleszenz, Erwachsenensexualität

Ausbildung gereifter Genitalität, Selbstverantwortlichkeit, schöpferische Tätigkeit, »Meisterung des Lebens« [Erikson] u.a.

Die Pubertät ist im Wesentlichen jener Abschnitt in der Entwicklung des jungen Menschen, in dem sich die kindliche Existenzweise in jene des Erwachsenen umbildet. Ein bedeutsamer Aspekt dieser Umstrukturierung der Persönlichkeit ist das Erreichen der Geschlechtsreife. Beim Mädchen tritt sie mit der ersten Menstruation ein, beim Knaben mit der ersten Pollution (Samenerguss). Freud nennt diesen Stand der Entwicklung 'genitale' Phase, das Ziel der sexuellen Entwicklung ist erreicht.

Die Geschlechtsreife führt in der Regel auch zu einer veränderten Einstellung gegenüber dem anderen Geschlecht. Was sich zuvor oft deutlich abstieß, stößt sich oft bloß noch zum Schein ab (Pubertierende suchen Streit mit gegengeschlechtlichen Gleichaltrigen, um mit ihnen balgen zu können) oder zieht sich an.

Die psychischen Veränderungen, welche die Pubertät mit sich bringt, sind außerordentlich tiefgehend und vielfältig und betreffen die ganze Persönlichkeit.

 

Die Traumdeutung

Freuds erstmals in seinem berühmten Buch "Traumanalyse' veröffentlichte Überlegungen zur Traumdeutung trugen dazu bei, daß die Psychoanalyse den Rahmen einer reinen Psychopathologie sprengte - er wurde von ihm als "Königsweg zum Unbewussten" erachtet. Obwohl die erste Auflage von Freuds Buch bei ihrem Erscheinen kaum besondere Beachtung fand, war sich Freud offensichtlich schon früh der epochemachenden Bedeutung seines Buches bewusst: es erschien im Oktober 1899, aber Freud datierte es auf 1900 voraus und setzte unter den Titel das rebellische Motto "flectere si nequeo superos acheronta moveba" ("Und können wir uns die Götter nicht geneigt machen, so lasst uns die Unterweltlichen bewegen." - ein Zitat aus der Antike). Neben den 'Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie' (1905), die er ebenfalls jeweils dem neuesten Stand seiner Theorieentwicklung anpasste, ist 'Die Traumdeutung' jenes Buch, dem er am meisten Sorgfalt angedeihen ließ und das er selbst in acht jeweils veränderten und dem neuesten Entwicklungsstand angepassten Auflagen erscheinen ließ.

Im gesamten Buch ist Freuds Bemühen erkennbar, den Traum als einen Prozess zu begreifen, der nach bestimmten Regeln aufgebaut ist und der deshalb, sobald man diese Regeln kennt, mehr oder weniger eindeutig 'lesbar' ist. Im Folgenden sei der Versuch gemacht, einige der wichtigsten Regeln und damit die Freudsche Auffassung der Funktionsweise des Traumes darzustellen.

Zweck und Wesen des Traumes

Nach Freud kommt dem Traum zuerst einmal eine rein physiologische Bedeutung zu: Er ist 'der Hüter des Schlafs'. So ermöglicht er, Umwelt- oder organische Reize umzudeuten und in den Schlaf einzubauen. Verbreitet ist denn auch die Erfahrung, dass der Wecker schellt und man dann von einem Pressluftbohrer oder Ähnlichem träumt - und selig weiterschläft. Ähnliches kann passieren, wenn die gefüllte Blase zur Entleerung drängt und man dann träumt, man suche ein WC auf...

In psychologischer Hinsicht ist nach Freud der Traum ganz allgemein "die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches." Insofern der Wunsch verdrängt ist, handelt es sich folglich beim Traum um eine Manifestation des Es. Freud geht davon aus, dass im Schlaf das Ich hochgradig geschwächt ist, d.h. dass die Libido von der Motorik und der Sinneswahrnehmung weitgehend zurückgezogen ist. Das Es nützt gewissermaßen die Gunst der Stunde und dringt mit seinen Inhalten ins Traumbewusstsein und - via Rückerinnerung an den Traum - ins Bewusste ein. Da aber das Ich während des Schlafs bloß geschwächt, aber nicht völlig außer Funktion ist, stellt es sich gegen eine unverhüllte Offenbarung des Verdrängten aus dem Es und zwingt den geheimnisvollen Regisseur des Traums, den unbewussten, verdrängten Wunsch zu verschleiern und ihn in solche Bilder zu kleiden, die dem Bewussten aus der Sicht des verdrängenden Ichs als akzeptabel erscheinen. So gesehen, ist jener Traum, an den wir uns beim Erwachen erinnern, nie genau das, was eigentlich das Es zum Ausdruck bringen wollte, sondern stellt stets einen Kompromiss dar zwischen dem Es-Impuls und der Gegenwehr des Ich. Das Ich waltet demzufolge beim Zustandekommen eines konkreten Traumbildes als Zensor.

Freuds Ansicht, jeder Traum sei eine unbewusste Wunscherfüllung, wurde immer wieder angezweifelt. Auf Anhieb scheinen zwar jene Träume, welche der Träumer als sehr belastend empfindet, den Kritikern recht zu geben. Aus psychoanalytischer Sicht lässt sich aber einwenden, dass ja nicht der manifeste, sondern eben der latente Traum die Wunscherfüllung darstellt und dass die Zensur durch das Ich in einzelnen Fällen offenbar derart gross ist, dass der verdrängte Es-Wunsch eine geradezu gegensätzliche Gestalt annehmen muss, um sich manifestieren zu können. Darüber hinaus entspricht es durchaus der psychoanalytischen Auffassung, dass im Es die skurrilsten Wünsche, die der Selbsterhaltung vollkommen entgegenstehen, vorhanden sein können. Wer kennt nicht z.B. die Angst, man könnte sich selbst plötzlich in die Tiefe stürzen wollen, wenn er von einer sehr hohen Brücke hinunterschaut. Diese Angst ist nur verständlich, weil im Es offensichtlich solche Wünsche lauern. Auch autoaggressive Wünsche mit dem Zwecke der Abwehr von Schuldgefühlen können zu sehr belastenden Traumbildern führen.

Damit ist aber der Zweifel an Freuds Position nicht aus der Welt geschafft - immerhin könnte es ja sein, dass zwar ein großer Teil, aber eben doch nicht alle Träume Wunscherfüllungen darstellen. Am ehesten lässt sich noch Jungs Ansatz, der Traum habe stets eine kompensatorische Funktion, gleiche also aus, was im bewussten Leben nicht ausgelebt werden könne, mit der Freudschen Behauptung in Einklang bringen. Denn das Bedürfnis, ungelebte Seiten der Persönlichkeit im Traum ersatzweise zu leben, kann sehr wohl generell als Wunscherfüllung deklariert werden.

Latenter und manifester Traum, Traumdeutung und Traumarbeit

Jenen Traumgedanken, der im Es vorhanden ist und sich im Träumen darstellen möchte, nennt Freud den latenten Traum. Jenen Trauminhalt, der durch die Einwirkung der Ich-Zensur entstellt wurde, bezeichnet Freud als manifesten Traum. Wenn also jemand einen Traum erinnert oder erzählt, so handelt es sich dabei stets um den manifesten Traum. Der latente Traum kann erst sekundär, etwa via Traumdeutung, entdeckt werden.

Die Traumdeutung ist folglich die Umkehrung jenes Prozesses, der die Umwandlung des latenten in den manifesten Traum bewerkstelligte. Freud nennt diesen Verwandlungsprozess, der den Traumgedanken in die visuellen und akustischen Bilder umsetzt, Traumarbeit. Es ist folglich ganz einfach: die Traumarbeit macht aus dem latenten Traum den manifesten, und die Traumdeutung geht diesen Weg wieder zurück und entdeckt im manifesten Traum den ursprünglichen latenten Traum.

Um die weiteren Begriffe leichter erklären zu können, hier ein Beispiel für einen möglichen manifesten Traum:

Ein Lehrer träumt, er fahre mit einem rostigen VW zur Schule, überfahre unterwegs ein Huhn, werde dann von den Schülern nicht wie gewohnt freundlich begrüßt, sondern tätlich angegriffen, gehe dann seine Mappe suchen, die er im Auto vergessen habe, dieses habe sich aber unterdessen in einen dreibeinigen Ofen verwandelt, aus dem schwarzer Rauch aufsteige, und wie er ins Schulzimmer zurückkehren wolle, sei dieses plötzlich eine Kirche, in welcher die Frau des Schulabwarts die Messe lese.

In diesem manifesten Traum findet sich eine Fülle von Elementen: Lehrer, Autofahren, VW, Rost, Schule, Huhn, Huhn überfahren usf. 'Den Traum deuten' heißt nun, einen Traumgedanken zu finden, in welchem alle diese Elemente eine Entsprechung haben, für die sie als Stellvertreter gelten können. Sollte sich z.B. herausstellen, dass mit dem rostigen VW die leichte körperliche Invalidität des Lehrers ausgedrückt ist, dass das überfahrene Huhn seine eigene Frau bedeutet, mit der er in unglücklicher Ehe lebt, und dass es sich bei seinen Schülern um seine eigenen Kinder handelt, die ihn kürzlich aufgefordert haben, mit seiner Gemahlin ins reine zu kommen usf., so liegen hier Beispiele von Elementen aus dem latenten Traum vor.

Die grundlegendste Form der Traumarbeit ist folglich die Einkleidung eines Gedankens bzw. der einzelnen Elemente eines Traumgedankens in Bilder, die in irgendeinem erkennbaren Zusammenhang mit den latenten Traumelementen stehen. Der Zusammenhang kann im Wesen der Sache selbst liegen. Wenn jemand von 'in die Schule gehen' träumt, kann damit ganz allgemein die Lebensschule gemeint sein. Solche Deutungen sind im Allgemeinen einfach, und auch der Außenstehende kann sich an der Deutungsarbeit beteiligen. Sehr oft aber ist der Zusammenhang zwischen dem latenten und dem manifesten Traumelement in der konkreten Lebensgeschichte des Träumers begründet. So kann sich z.B. herausstellen, dass der Träumer in obigem Beispiel die Frau des Schulhausabwarts letzten Sonntag in der Kirche sah und dass ihm seine Frau 'die Leviten las', und es ist klar, dass man erst dann einen wirklichen Zugang zum Traum findet, wenn man vom Träumer diese Erlebnisse mitgeteilt bekommt. Das ist der Grund weshalb Freud nichts von reinen Fremddeutungen hielt, und seine Analysanden zu jedem einzelnen Element des manifesten Traumes frei assoziieren ließ (dieser Methode der freien Assoziation wurde dann z.B. von Jung entgegengehalten, dass dadurch eigentlich nicht der Traum gedeutet werde, sondern dass - via freie Assoziation - in aller Regelmäßigkeit bloß die neurotischen Züge des Träumers sichtbar werden; diese würden sich nämlich beim freien Assoziieren stets zeigen, ganz gleich, von welchen Bildern, Begriffen oder Gegenständen man ausgehe).

Im Rahmen dieses Verwandelns von latenten Traumelementen in manifeste Traumbilder unterscheidet Freud fünf spezielle Formen der Traumarbeit:

1. Freud stellte fest, dass in der Regel nicht - wie im obigen konstruierten Beispiel - ein Element aus dem manifesten Traum jeweils einem anderen Element im latenten Traum entspricht, sondern dass sich mehrere Elemente des latenten Traumes in einem einzigen Element des manifesten Traumes vertreten lassen können. Auch das Umgekehrte ist möglich: dass nämlich ein einziges Element des latenten Traumes in mehreren Elementen des manifesten Traumes vorkommt. Freud nennt diesen Vorgang der Traumarbeit Verdichtung. Es könnte also sein, dass 'des Lehrers Gemahlin' (Element des latenten Traums) sowohl im Huhn als auch im Ofen und in der Frau des Schulhausabwarts ihre Entsprechung im manifesten Traum findet und dass andererseits im manifesten Traumelement 'rostiger VW' die körperlichen Beschwerden, die unerquickliche Situation am Arbeitsplatz und das angeschlagene Image beim Volk (Volkswagen) gleichzeitig ausgedrückt sind.

2. Eine zweite Form der Traumarbeit ist die Verschiebung. Es handelt sich dabei um eine Gewichtsverlagerung hinsichtlich der Bedeutsamkeit eines Elements. So kann auf Anhieb in unserem Beispiel z.B. der rauchende Ofen als sehr wichtig erscheinen, aber bei einer genauen Analyse mag sich herausstellen, dass z.B. das Detail, dass er genau drei Beine hat, sehr wichtig ist.

3. Eine weitere Form der Traumarbeit ist die Verkehrung ins Gegenteil. So kann jemand träumen, dass er seine Sekretärin schlägt, und die Analyse zeigt dann, dass er sich unbewusst genau das Gegenteil wünscht (was immer das im jeweiligen Fall bedeuten mag).

4. Des weiteren scheint sich der Traumregisseur einen Spaß daraus zu machen, dem Wortlaut einer Sache eine besondere Bedeutung beizumessen. So kann jemand von einem Mantel träumen, und gemeint ist der Mann, oder jemand träumt von Klassenkameraden Peter Bischof, und gemeint ist der Bischof Petrus, nämlich der Papst und damit die Beziehung zur Kirche und zur Religion. Und wenn jemand träumt, er reise gen Italien, so dürfte dies tatsächlich mit den Genitalien im Zusammenhang stehen. Es läßt sich häufig die Erfahrung machen, dass uns der 'Traumregisseur' (wer und was das immer sei) viele solche Deutungen anbietet, sobald 'er gemerkt' hat, dass wir bei der Deutung darauf achten.

5. Schließlich vertritt Freud die Ansicht, dass bestimmten Gegenständen feststehende Symbole zugeordnet werden können. So schreibt Freud, nachdem er auf die Vieldeutigkeit von Traumelementen hingewiesen und sich gegen eine starre Anwendung der Traumsymbole verwahrt hat:

"Der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird aber auch großen Männern zugestanden, darum erscheint in manchen Träumen z.B. Goethe als Vatersymbol. Alle in die Länge reichenden Objekte, Stöcke Baumstämme, Schirme (des der Erektion vergleichbaren Aufspannens wegen!), alle länglichen und scharfen Waffen: Messer, Dolche, Piken, wollen das männliche Glied vertreten. Ein häufiges, nicht recht verständliches Symbol desselben ist die Nagelfeile (des Reibens und Schabens wegen?). - Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen, Schiffe und alle Arten von Gefäßen. Zimmer im Traume sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Eingänge und Ausgänge macht an dieser Auslegung gerade nicht irre. Das Interesse, ob das Zimmer 'offen' oder 'verschlossen' ist, wird in diesem Zusammenhange leicht verständlich. Welcher Schlüssel das Zimmer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu werden; die Symbolik von Schloss und Schlüssel hat Uhland im Lied vom 'Grafen Eberstein' zur anmutigsten Zote gedient. - Der Traum, durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- oder Haremstraum. Er wird aber, wie H. Sachs an schönen Beispielen gezeigt hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz) verwendet. - Eine interessante Beziehung zur infantilen Sexualforschung ergibt sich, wenn der Träumer von zwei Zimmern träumt, die früher eines waren, oder ein ihm bekanntes Zimmer einer Wohnung im Traume in zwei geteilt sieht oder das Umgekehrte. In der Kindheit hat man das weibliche Genitale (den Popo) für einen einzigen Raum gehalten (die infantile Kloakentheorie) und erst später erfahren, dass diese Körperregion zwei gesonderte Höhlungen und Öffnungen umfasst. - Stiegen, Leitern, Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts wie abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes. - Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von Häusern, an denen man sich - häufig unter starker Angst - herablässt, entsprechen aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen im Traum wahrscheinlich die Erinnerung an das Emporklettern des kleinen Kindes an Eltern und Pflegepersonen. Die 'glatten' Mauern sind Männer; an den 'Vorsprüngen' der Häuser hält man sich nicht selten in der Traumangst fest. - Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl des Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt. 'Holz' scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name der Insel Madeira bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da 'Tisch und Bett' die Ehe ausmachen, wird im Traum häufig der erstere für das letztere gesetzt und, soweit es angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den Esskomplex transponiert. - Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso der Mantel, wobei es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser Symbolverwendung dem Wortlaut zukommt. In Träumen der Männer findet man häufig die Krawatte als Symbol des Penis, wohl nicht nur darum, weil sie lange herabhängt und für den Mann charakteristisch ist, sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, eine Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols von der Natur verwehrt ist. Personen, die dieses Symbol im Traume verwenden, treiben im Leben oft großen Luxus mit Krawatten und besitzen förmliche Sammlungen von ihnen. - Alle komplizierten Maschinerien und Apparate der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien - in der Regel männliche -, in deren Beschreibung sich die Traumsymbolik so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar ist es auch, dass alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männlichen Gliedes verwendet werden: Pflug, Hammer, Flinte, Revolver, Dolch, Säbel usw. - Ebenso sind viele Landschaften der Träume, besonders solche mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen, unschwer als Genitalbeschreibungen zu erkennen. Marcinowski hat eine Reihe von Beispielen gesammelt, in denen die Träumer ihre Träume durch Zeichnungen erläuterten, welche die darin vorkommenden Landschaften und Räumlichkeiten darstellen sollten. Diese Zeichnungen machen den Unterschied von manifester und latenter Bedeutung im Traume sehr anschaulich. Während sie, arglos betrachtet, Pläne, Landschaften und dergleichen zu bringen scheinen, enthüllen sie sich einer eindringlicheren Untersuchung als Darstellung des menschlichen Körpers, der Genitalien usw. und ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständnis des Traumes. Auch darf man bei unverständlichen Wortneubildungen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung denken. - Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes als Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt sind, ihr Genitale liebkosend als ihr 'Kleines' zu bezeichnen. Den 'kleinen Bruder' hat Stekel richtig als Penis erkannt. Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen der Onanie. - Zur symbolischen Darstellung der Kastration dient der Traumarbeit: die Kahlheit, das Haarschneiden, der Zahnausfall und das Köpfen. Als Verwahrung gegen die Kastration ist es aufzufassen, wenn eines der gebräuchlichen Penissymbole im Traume in Doppel- oder Mehrzahl vorkommt. Auch das Auftreten der Eidechse im Traume - eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz nachwächst - hat dieselbe Bedeutung. - Von den Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genitalsymbole verwendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese Rolle: der Fisch, die Schnecke, die Katze, die Maus (der Genitalbehaarung wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des männlichen Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer sind die Vertreter von kleinen Kindern, z. B. der unerwünschten Geschwister; mit Ungeziefer behaftet sein ist oft gleichzusetzen der Gravidität (= Schwangerschaft; AB). - Als ganz rezentes3 Traumsymbol des männlichen Genitales ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche Verwendung rechtfertigt."

usf.4

Die Einführung feststehender Symbole mit zumeist sexuellen Bedeutung ist insofern ein interessantes Detail der Freudschen Theoriebildung, als ja Freud sich zuerst gegen die früher oft verwendeten Traumdeutungsbücher wendete, in welchen Verzeichnisse von Traumbildern mit der entsprechenden Bedeutung zu finden waren. Freud selbst hat somit wieder einen Schritt rückwärts getan und sich wieder ein Stück weit von seiner Position entfernt, wonach der Traum nur aufgrund der Kenntnis der Lebensgeschichte (anhand freier Assoziationen) des Träumers zu deuten ist. Um Freud gegenüber nicht ungerecht zu sein, muss darum darauf hingewiesen werden, dass er selber nachdrücklich davor warnt, "die Bedeutung der Symbole für die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der Traumübersetzung auf Symbolübersetzung einzuschränken und die Technik der Verwertung von Einfällen des Träumers aufzugeben. Die beiden Techniken der Traumdeutung müssen einander ergänzen; praktisch wie theoretisch verbleibt aber der Vorrang dem zuerst beschriebenen Verfahren5, das den Äußerungen des Träumers die entscheidende Bedeutung beilegt, während die von uns vorgenommene Symbolübersetzung als Hilfsmittel hinzutritt." 6

Angesichts der Komplexität der Traumarbeit steht jeder Traumdeuter in jedem einzelnen Falle vor einer sehr anspruchsvollen Arbeit. Denn bei jedem einzelnen Element des manifesten Traumes muß er entscheiden, ob es

  • direkt oder gegenteilig zu deuten ist,
  • einer aktuellen Problematik oder einem zurückliegenden Problem entspricht,
  • ein feststehendes Symbol ist oder beliebig durch freie Assoziation gedeutet werden kann
  • oder als Sache oder vom Wortlaut her gedeutet werden muss.

Die Vielfalt dieser Deutungsmöglichkeit eröffnet natürlich jeder Beliebigkeit Tür und Tor. So kann man beispielsweise, will man einfach irgendeine Deutungs-Hypothese bestätigt wissen, ein nicht passendes Element ins Gegenteil umkehren. Es braucht darum ein Kriterium, ob man als Deuter auf der richtigen Spur ist. Dieses Kriterium ist ein gewisses Evidenz-Erlebnis des Träumers: er spürt intuitiv, dass die Deutung stimmt und tatsächlich eine für ihn bedeutsame Problematik erhellt. Allerdings kommt es auch vor, dass z.B. der Analytiker mit einer Deutung Recht hat, aber der Analysand die als belastend empfundene Wahrheit nicht annehmen kann (der mit der Adler'schen Individualpsychologie vertraute Analytiker achtet in diesen Fällen auch auf den sog. Erkennungsreflex7).

Traumquellen

Es ist nun zu fragen, woher der Traum einerseits die latenten Inhalte, andererseits die manifesten Bilder bezieht. Freud ist nun davon überzeugt, dass in allen latenten Träumen irgendwelche Kindheitserinnerungen zumindest mitbeteiligt sind. In dieser Auffassung kommt seine allgemeine Ansicht zum Ausdruck, dass die - insbesondere frühe - Kindheit für das ganze Leben von hervorragender Bedeutung ist und dass auch allen neurotischen Störungen irgendwelche belastenden Erlebnisse in der Kindheit zu Grunde liegen.

Bei der Wahl der konkreten Bilder sind nach Freud vorerst einmal aktuelle somatische (körperliche) Quellen maßgebend, wobei er 3 verschiedene Arten unterscheidet, nämlich

  • von äußeren Objekten ausgehende Sinnesreize (z.B. Gerüche, Lärm)
  • subjektiv begründete Erregungszustände der Sinnesorgane (z.B. Ohrensausen)
  • aus dem Körperinneren stammende Reize (z.B. Verdauungsbeschwerden, Harndrang)

Wichtiger für die konkrete Gestaltung der manifesten Bilderwelt sind für Freud Erlebnisse des Vortages, sog. Tagesreste. Freud setzt diese Aussage insofern absolut, als er annimmt, dass nicht etwa um einige Tage zurückliegende Erfahrungen ausschlaggebend sind, sondern immer solche des Vortages. Wenn aber etwa trotzdem eine Begebenheit der letzten Woche her im Traume auftaucht, so geht Freud davon aus, dass man am Vortag zumindest daran gedacht hat (eine Behauptung, die sich natürlich grundsätzlich nicht widerlegen lässt). Auch nimmt er als Grundregel an, dass allen verschiedenen manifesten Träumen einer einzigen Nacht stets derselbe latente Traum zu Grunde liegt.

Anmerkung

Freud war der Ansicht, dass alle Träume grundsätzlich egoistisch motiviert sind, d.h. im Lustprinzip wurzeln und nur insoweit dem Realitätsprinzip verpflichtet sind, als die Zensur des Ichs negativ (also abwehrend und verschleiernd) wirkt.

Träume müssen aber nicht bloß Ausdruck verdrängter Es-Impulse (Wünsche) sein, sondern können durchaus auch als Botschafter der anderen Ich-Instanzen fungieren (Ich, Über-Ich). Demgemäß können sie einem Menschen - ohne dass damit notwendigerweise Wünsche zum Ausdruck gebracht werden müssen - seine jetzige Lebenssituation widerspiegeln, ihn auf Gefahren aufmerksam machen und ihm aufzeigen, welche Entwicklungsschritte ihm angemessen sind. Freud lehnt einen solchen finalen Aspekt des Traums ab, allerdings steht er aber in Übereinstimmung mit der Jung'schen Theorie, wonach es die Lebensaufgabe jedes Menschen ist, alle widerstrebenden Seiten seines Wesens miteinander zu versöhnen und so zu einer psychischen Ganzheit zu gelangen. Jung nennt diesen Prozess Individuation, und die Traumdeutung kann eine wertvolle Hilfe sein, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Psychopathologie und Therapieziele

Neurosen

Freud erachtet den Unterschied zwischen "alltäglichen" existentiellen Konflikten und neurotischen Zustandsbildern als einen rein quantitativen. So schreibt er (Gesammelte Werke VIII, S. 338) denn auch, daß "...die nämlichen Komplexe und Konflikte auch bei allen Gesunden und Normalen zu erwarten sind."8 In der Psychoanalyse spricht man deshalb von einer sog. "Normalpathologie", die von der klinischen unterschieden wird und im Gegensatz zu dieser die beruflichen und sozialen Fertigkeiten kaum negativ beeinflusst.

Der Begriff 'Neurose' leitet sich von 'Neuron' (Nervenzelle) ab. Im letzten Jahrhundert glaubte man alle psychischen Erkrankungen auf ein nicht richtig funktionierendes Nervensystem zurückführen zu können und benannte dementsprechend auch die Spitäler für Geisteskranke 'Nervenheilanstalten'.

Bei einer Neurose handelt es sich grundsätzlich um ein erworbenes psychisches Leiden, das freilich sehr oft nicht als solches erkannt oder als Krankheit empfunden wird. Zum Verständnis des neurotischen Verhaltens kann man nach dem Verständnis der Psychoanalyse prinzipiell alle Abwehrmechanismen heranziehen. Insofern sie nämlich auf Verdrängung beruhen, der Angstabwehr dienen und Selbsttäuschungen darstellen, haftet ihnen (wohl mit Ausnahme der Sublimierung) insgesamt etwas Krankhaftes an. So ließe sich theoretisch 'psychische Gesundheit' als 'Abwesenheit von jedwedem Abwehrmechanismus' definieren und wäre identisch mit absoluter Offenheit, Wahrhaftigkeit und Angstfreiheit. So gesehen lässt sich jedes Verhalten, das vom gesunden abweicht, als 'neurotisch' bezeichnen - woraus sich eine Schlußfolgerung ziehen läßt, dass alle Menschen mehr oder weniger stark irgendwelche neurotischen Züge an sich haben.

Haben nun die neurotischen Züge eines Menschen allerdings ein 'normales' (d.h. für ihn und die Umwelt noch erträgliches) Maß überschritten, so dass sich das krankhafte Verhalten des betreffenden Menschen verfestigt und in gewissen Situationen zwanghaft wiederholt, so spricht man von einer etablierten Neurose. Der Übergang von 'mit neurotischen Zügen behaftet' zur 'etablierten Neurose' ist allerdings weitgehend quantitativer Natur und insofern fließend. Ob und inwieweit sich ein Mensch mit seiner Neurose in einer Psychotherapie systematisch auseinandersetzen will, ist darum immer auch eine Frage der erhofften und angestrebten Lebensqualität.

Freud sieht in der Neurose das Resultat einer unvollständigen Verdrängung von Es-Impulsen durch das Ich, wobei der verdrängte Impuls trotz der Verdrängung (verschleiert, gewissermaßen durch die Hintertür) in das Bewusste und das Verhalten einbricht. Um diesen Einbruch des Es-Impulses ins Verhalten erneut abzuwehren, bildet der psychische Organismus das neurotische Symptom aus. Dieses dient einerseits der Ersatzbefriedigung des verdrängten Impulses, andererseits (und gleichzeitig) dem Versuch, diesen - als belastend empfundenen - Impuls endgültig zu beseitigen.

Dieses Theorem lässt sich am Beispiel eines Menschen verdeutlichen, der mit tief sitzenden, aber verdrängten Schuldgefühlen nicht zu Rande kommt und einen sog. "Waschzwang" ausbildet. Offensichtlich kann es dem Ich grundsätzlich nicht gelingen, einen derart starken Es-Impuls (das Schuldgefühl) vollständig zu verdrängen. Der verdrängte Impuls tritt deshalb verschleiert, nämlich als allgegenwärtiges Gefühl, schmutzige Hände zu haben, wieder ins Bewusstsein ein. Um dieses lästige Gefühl abzuwehren, bildet der betreffende Mensch nun als neurotisches Symptom den Waschzwang aus. Indem er sich nun täglich dutzende Male die Hände heftig wäscht und bürstet, möchte er einerseits die Schuld ausgleichen (Ersatzbefriedigung) und andererseits die Schuldgefühle endgültig beseitigen.

Freud teilt die Neurosen ein in:

  • Aktualneurosen mit vorwiegend vegetativen Symptomen auf Grund starker Affektwirkungen auf das vegetative System im Zusammenhang eines aktuellen Konflikts (z. B. Schreckneurose, Angstneurose) und
  • Psychoneurosen mit psychischen oder somatischen Symptomen, verursacht durch einen chronischen Triebkonflikt, wie unverarbeitete oder verdrängte Kindheitserlebnisse. Zu den Psychoneurosen zählen:
    - alle Formen der Hysterie (stets begleitet mit psychisch bedingten körperlichen Symptomen, z.B. Lähmungen, Ausfälle der Sinnesorgane)
    - die Phobien (real nicht begründete, psychisch bedingte Furcht vor irgend einem beliebigen Objekt, einer bestimmten Situation o.ä.)
    - die Zwangsneurosen (zwanghafte Wiederholung stereotyper Verhaltensweisen)
    - die Charakterneurosen (Verwahrlosung, Psychopathie)
    Bei der Behandlung von Psychoneurosen wird eine Nacherziehung zur Überwindung innerer Widerstände angepeilt.

Phobien

Grundsätzlich kann jeder Gegenstand oder jede Situation zum Zielobjekt einer Phobie werden. So kann man sich krankhaft vor Mäusen, vor Spinnen, vor Hühnern, vor dem Eingeschlossensein in engen Räumen (Klaustrophobie), vor dem Überschreiten großer Plätze (Platzangst, Agoraphobie), vor dem Befahren von Tunneln usw. fürchten. In extremen Fällen fürchtet sich der Phobiker nicht bloß vor dem Anblick des realen Gegenstandes, sondern auch vor dem Anblick des Bildes oder sogar vor dem sprachlichen Ausdruck des phobisch besetzten Objekts.

Eine in der Psychoanalyse berühmt gewordene Phobie ist die Pferdephobie des Knaben Hans. Freud erkannte in der Analyse, dass Hans eine außerordentliche Angst vor dem Vater hatte, die er zu verdrängen gezwungen war. Der Anblick des erigierten Penis eines Pferdes führte dann zur Assoziation mit der Macht des Vaters, und so verschob Hans seine Angst vor dem Vater auf die Pferde, was ihm ein ersatzweises Ausleben der Angst gestattete.

Zwangsneurosen

Neben dem bereits erwähnten Waschzwang kennt die Psychoanalyse als weitere relativ häufig auftretende Neuroseformen den Zählzwang (den Zwang, jedwedes Ereignis, das sich wiederholt, oder jedes Ding, das in Serien auftritt, zu zählen), den Lästerzwang (den Zwang, z.B. bei der andächtigen Stille eines Gottesdienstes, eines Theaters oder eines Konzerts laut fluchen zu müssen, auch: Koprolalie, Tourette-Syndrom), den Reinigungszwang (alles und überall zu putzen, auch: Waschzwang), den Berührungszwang (gewisse Gegenstände im Sinne eines Rituals immer wieder berühren zu müssen), den Kontrollzwang (sich stets wieder vergewissern müssen, ob man eine bestimmte Handlung wirklich vollzogen hat), den Sammelzwang (gewisse Dinge krankhaft anhäufen zu müssen), die Kleptomanie (den Zwang, stehlen zu müssen), die Pyromanie (den Zwang, Brände legen zu müssen), verschiedene Formen von Tics u.a.

Ins Kapitel zwanghaften Verhaltens gehören auch zahlreiche sexuelle Perversionen oder Eßstörungen wie Magersucht (Anorexie; anorexia nervosa) oder Bulimie.

Von der Vielfalt neurotischen Verhaltens

In der psychologischen Praxis zeigt es sich allerdings, dass man das neurotische Verhalten der Klienten zumeist nicht fein säuberlich katalogisieren kann. Letztlich kann jede beliebige Verhaltensweise neurotisch motiviert sein. Es handelt sich deshalb darum, in jedem einzelnen Fall jene Verhaltensweisen zu entdecken, die mit besonderen Ängsten verbunden sind, die stereotyp wiederholt werden oder sonst wie neben der 'gesunden Norm' liegen. Der Katalog der Abwehrmechanismen kann dabei als eine gewisse Richtschnur dienen. Aufschlussreich ist stets auch die Art, wie ein Mensch mit seinen Mitmenschen kommuniziert und wie er die sich ihm stellenden Lebensaufgaben angeht.

Allen Neurosen gemeinsam ist die Unfreiheit. Für Außenstehende ist es oft schwer verständlich, dass ein Neurotiker gewisse Dinge willentlich einfach nicht fertig bringt. So wie ein Drogensüchtiger zwanghaft zur Droge greift, ebenso zwanghaft wäscht sich der Mensch mit einem Waschzwang die Hände und ebenso zwanghaft muss jemand mit einem Kontrollzwang eine Sache nachkontrollieren, von der er genau weiß, dass er sie 5 Minuten zuvor bereits zum zwanzigsten Mal kontrolliert hat. Ein Mädchen, das an Magersucht leidet, kann sehr wohl wissen, dass es essen sollte und dass dies allein sein Leben retten kann, und trotzdem sitzt es vor dem vollen Teller und verweigert - ohne etwa an Appetitlosigkeit zu leiden - die Nahrungsaufnahme. Und wenn jemand, der kommunikationsgestört ist, mit der Aufforderung konfrontiert wird, doch 'einfach mit dem Partner zu sprechen', so erscheint (und ist) ihm das so unmöglich, wie wenn man einen Durchschnittsmenschen die Eigernordwand hoch steigen hieße.

Wie Adler nachwies, ist mit jeder Neurose immer auch ein erhöhtes Geltungs- und Machtbedürfnis verbunden. In aller Regel dienen neurotische Symptome immer auch der Machtausübung auf andere, ohne dass sie sich einzig aus dieser Funktion heraus erklären ließen. Sehr oft ist das neurotische Leiden auch mit Depressionen verbunden, und die Liebesfähigkeit ist erheblich eingeschränkt.

Neurosen sind in allen Schichten und insbesondere bei allen Intelligenzklassen anzutreffen. Sehr oft leiden gerade differenzierte und begabte Menschen an schweren Neurosen. Intelligenz schützt nicht vor der Entwicklung einer Neurose, da Neurosen zum einen wie erwähnt zumeist in der frühen Kindheit begründet sind und zum anderen vom sozialen Umfeld abhängig sind, das Kinder ja nicht auswählen können. Größere Intelligenz stellt lediglich eine gewisse Hilfe bei der Psychotherapie dar.

Das Erkennen der Neurose mag einen ersten Schritt zur Heilung ermöglichen, ohne weitere Schritte können wird sich an seinem Problem aber üblicherweise nicht das Geringste ändern. Gelegentlich trifft man Menschen, die beinahe wie Psychologen über ihre eigenen Neurosen, deren Entstehung und Entwicklungsgeschichte Auskunft geben können, ohne dass es ihnen je gelungen wäre, sich von ihrem Leiden zu befreien. Nicht selten verschlimmern Versuche der "Selbsttherapie" das Problem sogar, indem dessen Komplexität erhöht oder die ursprüngliche Symptomatik auf eine andere, womöglich für einen selbst unauffälligere, verschoben wird. Die Systemische Therapie erklärt sich diesen Effekt so, daß im Sinne der Abwehr bei Versuchen einer "Selbsttherapie" die unerwünschten innerpsychischen Instanzen geradezu zu noch größerer Gegenwehr "gezwungen" werden. Es erinnert also gewissermaßen an Münchhausens Versuch, sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

 

Die psychoanalytische Technik

Grundsätzliche Erwägungen

So weit heute erkennbar ist, ist Psychotherapie (ob Psychoanalyse oder eine der anderen wissenschaftlich anerkannten Methoden) die einzige Möglichkeit, von einer Neurose geheilt werden zu können. Dabei ist der Erfolg allerdings nicht garantiert, wobei er wesentlich mehr vom Patienten (auch: Klienten, in der Psychoanalyse: Analysanden) als vom Psychotherapeuten (in der Psychoanalyse: Analytiker) abhängt. Die Motivation, etwas zu unternehmen, steht jedoch zumeist in einem direkten Zusammenhang mit dem Grad des Leidensdrucks. Viele Menschen sind erst bereit, sich ihrer eigenen Psyche, ja ihrer Lebensführung insgesamt gründlich zu stellen, wenn sie unter ihren unangepassten Verhaltensweisen, Depressionen, Ängsten, Zwängen und Kommunikationsproblemen derart leiden, dass sie alles auf sich nehmen (also auch den so gefürchteten Psychotherapeuten aufsuchen), nur um Linderung im Leiden erfahren zu können.

Der Erfolg von gesprächsbasierten Methoden wie im hier beschriebenen Fall der Psychoanalyse hängt ferner auch von den Fähigkeiten des Klienten ab. Nur wer über einen gewissen Intellekt, Fähigkeit der Selbstwahrnehmung (Introspektionsfähigkeit) und Beziehungsfähigkeit verfügt, nur wer grundsätzlich guten Willen hat und auch getragen ist durch einen gewissen Lebensernst, ist überhaupt zur Durchführung einer Psychotherapie, speziell einer Psychoanalyse, fähig. Weiters müssen die Betroffenen in der Lage sein, den psychoanalytischen Vertrag (siehe unten) einzugehen. Dieser ist bei anderen Therapieformen weniger strikt.

Gut geeignet ist die analytische Methode für alle Formen der neurotischen Störungen - Störungen, die sich über Jahre langsam aufbauen und immer weitere Bereiche des Lebens umfassen. Dazu gehören Persönlichkeitsstörungen, wie mangelndes Selbstwertgefühl, Kontaktprobleme, selbst aufgebauter Leistungszwang. Aber auch leichtere, latente Angst- und Zwangsneurosen sowie leichtere depressive Störungen können Thema einer Psychoanalyse sein.

Weniger geeignet ist eine psychoanalytische Behandlung in akut belastenden Lebenssituationen, somit etwa auch bei schweren Neurosen, Depressionen, Zwangserkrankungen, Psychosen und akuten Problemen wie Sucht und dgl. Denn die Psychoanalyse ist als "aufdeckendes Verfahren" durch die Bedeutung der Kindheit für das Verständnis und die Therapie der Krankheitssymptome als eher vergangenheitsbetont zu bezeichnen - bei einer üblichen Mindesttherapiedauer von mindestens 160 bis 240 Stunden á 2-3 Stunden pro Woche führt dies zu einer Gesamt-Therapiedauer von zumindest 2-3 Jahren. Wird also unmittelbare therapeutische Hilfe oder innere Stabilisierung benötigt oder angepeilt, erfordert eine aufdeckend orientierte Psychotherapie wie die Psychoanalyse oftmals zu viel Kraft und Durchhaltevermögen.

Insgesamt lässt sich sagen, daß im Vergleich zu den eher orthodoxen Positionen Freuds heute ganz allgemein ein weitaus größerer Indikationsbereich für die Psychoanalyse angegeben wird, wobei in zunehmendem Maße auch die Persönlichkeitsstruktur und die Selbsterfahrung des Analytikers als Gradmesser der Indikationsstellung betrachtet werden.

Der analytische Vertrag

Abgesehen davon, dass der Analysand den Analytiker zu bezahlen hat, gehen die beiden folgenden Vertrag ein: Der Analysand erklärt seine Bereitschaft, grundsätzlich alles, was ihm bewusst wird, zu sagen, gleichgültig, ob es ihm peinlich ist, ob es ihm unsinnig, unmoralisch oder nebensächlich erscheint oder ob er befürchtet, damit in Schwierigkeiten zu kommen. Der Analytiker stellt dem seine Bereitschaft zur Mithilfe bei der Deutung entgegen.

Heilungsplan und therapeutische Beziehung

Angesichts der Tatsache, dass jede Neurose einhergeht mit einem gegenüber den Inhalten des Es geschwächten Ich, besteht der Heilungsplan grundsätzlich darin, dass sich der Analytiker mit dem geschwächten Ich des Analysanden verbündet und alles daran setzt, das Ich in echter Weise zu stärken. Das kann mitunter bedeuten, dass sich der Analytiker in all jenen Fällen, wo der Analysand Widerstände gegen die Bewusstmachung von Es-Impulsen zeigt, auf die Seite des Es stellen muss, um dessen Impulsen Zugang zum Bewussten des Analysanden zu ermöglichen oder erleichtern.

Die therapeutische Beziehung steht im Vordergrund der analytischen Arbeit. Als "Prozeßvariablen" wird hierbei der Übertragung, dem Widerstand sowie den Abwehrmechanismen besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Die psychoanalytische Dialogstruktur (Setting)

Der Analysand liegt nach Möglichkeit entspannt auf einer Couch, der Analytiker sitzt hinter ihm. Der Analysand ist aufgefordert, alles zu sagen, was ihm in den Sinn kommt oder was er empfindet. Hierbei ist es von Wichtigkeit, daß er nicht selektiv zwischen ihm belanglos, als peinlich oder lächerlich erscheinenden und vermeintlich wesentlichen Inhalten auswählt ("Grundregel"). Solcherart gelangen Gedanken, bildhafte Vorstellungen und Gefühle ins Bewusstsein, die sonst nur bruchstück- oder schemenhaft zugänglich wären.

Der Analytiker hört zu und schenkt dem gesprochenen Wort des Analysanden größte Aufmerksamkeit. Die Abstinenz des Analytikers (persönliches Einbringen des Analytikers ist in der klassischen Psychoanalyse während des gesamten Behandlungsverlaufes strengst limitiert - "Abstinenzregel") soll helfen, daß sich die persönliche Geschichte des Analysanden möglichst wenig mit der des Analytikers verquickt - darüber hinaus ist sie Voraussetzung für den Aufbau einer möglichst "reinen" Übertragung, bei der der Analysand - begünstigt durch das besondere Setting dieser Methode - eigene Persönlichkeitsstrukturen auf den Analytiker projiziert, und diesem damit ein wichtiges Werkzeug zur Deutung und Aufdeckung in die Hand gibt. Im ständigen Prozess von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen werden durch die Deutungsarbeit des Analytikers dem Klienten die eigenen Projektionen immer bewusster, und neue Einsichten über historische Zusammenhänge der eigenen Persönlichkeitsentwicklung können gewonnen werden - sofern nicht Widerstände in den Weg treten (Widerstände nehmen die o.e. Abwehrmechanismen an und haben für den Patienten die Funktion, den sekundären Krankheitsgewinn angesichts beängstigend wirkender, neuartiger schmerzhafter Erfahrungen, die durch den Behandlungsprozeß bewusst werden, nicht aufgeben zu müssen. Zum flexiblen, sinnvollen Umgang mit ihnen ist ihr Bewusstwerden erforderlich - die Arbeit des Analytikers besteht daher wesentlich in der Bearbeitung und Deutung von Widerstand und Übertragung).

"Die Neurose des Patienten sollte sich schließlich in eine Übertragungsneurose verwandeln, die dann analysiert wird. Die traumatische Entstehungsgeschichte der neurotischen Symptomatik wiederholt sich dann in ihrem Erleben als ein auf den Analytiker projiziertes Geschehen. Schließlich zielt die Deutungsarbeit des Analytikers darauf ab, daß der Patient die Wiederholung als solche begreift und dadurch als Erinnerung erkennt." (Bock, S.151)

Übertragung und Gegenübertragung

Freud geht davon aus, dass im Zentrum jeder neurotischen Störung letztlich stets die Elternproblematik (der Ödipuskomplex) steht. Die analytische Situation ermöglicht nun dem Analysanden, das Bild seiner Eltern mit all ihren emotionalen Bezügen in den Analytiker zu projizieren. Diese Projektion der Elternbeziehung auf den Analytiker bezeichnet Freud als Übertragung. Da bekanntlich die Elternbeziehung im Unbewussten ambivalent ist, führt dies zu der so genannten positiven und negativen Übertragung.

In aller Regelmäßigkeit stellt sich zuerst die positive Übertragung ein, die bis zur Verliebtheit in den Analytiker bzw. zu seiner Vergötterung führen kann. Das hat beim Analysanden zur Folge, dass er, statt gesund zu werden, dem Analytiker gefallen will. Das führt zwar zu einer gewissen Stärkung des Ichs und oft zur Einstellung der Symptome, aber nach einer gewissen Zeit pflegen sich diese - leider - wieder einzustellen.

Der Hauptgewinn der Phase der positiven Übertragung besteht darin, dass der Analytiker durch den Umstand, dass er an die Stelle des Vaters (allenfalls der Mutter) gesetzt wird, Macht über das Über-Ich des Analysanden gewinnt. Damit hat er die Möglichkeit der Nacherziehung des Über-Ichs, was ja in den meisten Fällen nötig ist, da gemäß der psychoanalytischen Theorie einer der Gründe der Neurosen in einem entweder zu strafenden oder aber praktisch nicht vorhandenen Über-Ich liegt. Konkret bedeutet dies, dass der Analytiker auf all jene Aussagen, die beim Analysanden mit Schuldgefühlen verbunden sind, anders als seinerzeit die Eltern reagiert, nämlich gelassen und verstehend. Das eröffnet dem Analysanden die Möglichkeit, sich den verdrängten Problemen mit mehr Mut und Selbstvertrauen zu stellen.

Ein weiterer Vorteil der Übertragung - der positiven wie der negativen - liegt darin, dass der Analysand gegenüber dem Analytiker zu agieren beginnt (diverse 'Spiele' treibt), was diesem die Möglichkeit der direkten Anschauung gibt. Mit anderen Worten: Der Analytiker erlebt am eigenen Leib, wie sich der Analysand gegenüber den Eltern13 verhielt (oder noch verhält).

Ein potentielles Risiko der positiven Übertragung besteht darin, daß sich dem Analytiker in dieser Phase die Möglichkeit böte, den Analysanden in eine neue Abhängigkeit zu bringen. Es sind deshalb nur solche Menschen für diesen Beruf geeignet, die neben der nötigen fachlichen Kompetenz auch das entsprechende Verantwortungsbewusstsein haben.

Entsprechend der ödipalen Frustration ist meist ein späteres Umkippen der positiven in die negative Übertragung nicht zu vermeiden, was dazu führt, dass die suggestiven Erfolge der positiven Übertragung wieder verschwinden. Das bringt stets die Gefahr mit sich, dass die Analyse abgebrochen wird. Der Analytiker kann es in dieser Phase dem Analysanden oft nirgends recht machen, er erscheint ihm unfähig, desinteressiert, egoistisch usw. Für den Analytiker ist dies eine der ganz großen Klippen seines Berufs, denn vom Konzept her deutet er die Aggressionen und die Kritiklust des Analysanden als Projektion (als Ausdruck der negativen Übertragung), gleichzeitig aber nimmt er damit dem Analysanden die Möglichkeit, ihn wirklich als Person und Fachmann zu kritisieren. Es erfordert darum von einem Analytiker viel Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstreflexion, wenn er die Projektionen von echter Kritik unterscheiden können will.

Die Tatsache der positiven und negativen Übertragung erfordert vom Analytiker die Fähigkeit, einerseits die positive Projektion zu mäßigen (was Verzicht auf Eitelkeit bedeutet), andererseits die negative vorzubereiten und sie bei deren Eintreffen zum Gegenstand einer konstruktiven Auseinandersetzung zu machen.

Es versteht sich von selbst, dass sowohl die positive wie auch die negative Übertragung auch beim Analytiker Projektionen auslösen. Freud bezeichnet sie als Gegenübertragung. Es gehört zur fachlichen Kompetenz eines Analytikers, dass er in der Lage ist, seine Gegenübertragung zu erkennen und sich davon zu distanzieren. Das ist - abgesehen von der Notwendigkeit der Eigenerfahrung - einer der Gründe, weshalb der zentrale Teil einer Ausbildung zum Psychoanalytiker in der eigenen Analyse (der sog. Lehranalyse) besteht.

Die heilenden Wirkungen

Jede Psychotherapie, jede Analyse hat einen rationalen, einen emotionalen und einen Handlungsaspekt.

In rationaler Hinsicht besteht ein erster Heilungsschritt darin, dass im Gespräch und durch die vielen Deutungsversuche die Selbsterkenntnis des Analysanden erweitert wird. Gegenstand der Deutung sind die Übertragungsphänomene, alle freien Assoziationen, Träume, Fehlleistungen und das Verhalten ganz allgemein. Dabei ist wichtig, dass der Analytiker die Deutungen nicht forciert, da er sonst die Widerstände im Analysanden verstärkt oder sie aufbaut. Darum braucht jede Analyse Zeit. Am besten ist es, wenn die Deutungen vom Analysanden selbst gegeben werden, damit er die neuen Erkenntnisse innerlich bestmöglich akzeptieren kann.

Der emotionale Aspekt einer Analyse betrifft vorerst die Arbeit an den - grundsätzlich unvermeidlichen und auch nötigen - Widerständen. Es sind ja nicht Gedanken, die die neuen Erkenntnisse nicht zulassen wollen, sondern Gefühle: Ängste, Bindungen, Triebwünsche etc. In dem Ausmaß, in dem es dem Analysanden gelingt, Widerstände zu überwinden, verändern sich seine Gefühle. Ob und in welchem Masse es einem Analysanden gelingt, Widerstände aufzulösen, hängt natürlich stark von seiner emotionalen Beziehung zum Analytiker ab. Dies zeigt einmal mehr, dass der Mensch grundsätzlich auf zwischenmenschliche Beziehungen angewiesen ist, und zwar nicht bloß im Rahmen einer (aussertherapeutischen) gesunden Entwicklung, sondern auch innerhalb des Rahmens einer Therapie.

Der Handlungsaspekt der Analyse besteht einerseits in jeder Form des Agierens, und die heilende Wirkung ergibt sich daraus, dass der Analytiker auf eine andere (nämlich gesunde) Weise als z.B. früher die Eltern auf die Provokationen des Analysanden reagiert. Andererseits besteht der Handlungsaspekt in den durch die Analyse bedingten Veränderungen des Verhaltens im Alltag, der sich dann als so etwas wie ein Übungs- oder Versuchsfeld erweist. Bewähren sich die neuen Verhaltensweisen im Alltag für den Analysanden, vermögen sie sich zunehmend zu festigen und in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren.

Es ist hier darauf hinzuweisen, dass viele Analytiker aufgrund der während einer Psychoanalyse möglichen psychischen Ausnahmesituationen grundsätzlich darauf bestehen, dass die Analysanden während der Analyse keine schwerwiegenden und irreversiblen Lebensentscheidungen (z.B. Ehescheidung) treffen, sondern damit zu warten, bis der psychoanalytische Prozess abgeschlossen ist.

Besondere Schwierigkeiten

Je stärker die Neurose, desto größer kann sich einerseits das Krankheits-, andererseits aber auch das Leidensbedürfnis zeigen.

Das Krankheitsbedürfnis entspringt dem unbewussten Wunsch, Schuldgefühle abzuwehren. Das erklärt die gelegentlichen Spontanheilungen nach Unglücksfällen. Für die Psychoanalyse ist dies indes eine oft kaum zu überwindende Klippe, denn der Analysand ist im Tiefsten der Überzeugung, dass er eigentlich das Gesund werden gar nicht verdient und sich darum mit seinem neurotischen Leiden stets selbst bestrafen muss. Hier hilft nur eine langwierige Auseinandersetzung mit den Ursachen der Schuldgefühle.

Wesentlich schwerwiegender ist das Leidensbedürfnis. Es ist der unmittelbare Ausdruck des Destruktionstriebes (Todestriebes) und äußert sich als Trieb zur Selbstzerstörung. Freud spricht in jenen Fällen, in denen sich der Todestrieb gewissermaßen verselbständigt und nicht mehr durch den Eros in einem gewissen Gleichgewicht gehalten wird, von Triebentmischung. Wenn jemand vom unbewussten Drang beseelt ist, sich selbst zu zerstören, stößt die Psychoanalyse häufig an ihre Grenzen.

Aus systemischer Perspektive ist hier anzumerken, dass sich diese Schwierigkeiten bereits im Vorfeld einer Psychotherapie sowie im Kontext nicht freiwilliger Psychotherapie (etwa an psychiatrischen Kliniken) deutlich bemerkbar machen. Sie führen dazu, dass viele Menschen jahrelang teils schwerste psychische Belastungen ertragen, bevor sie sich dazu überwinden, sich therapeutische Hilfe zu suchen. Allerdings sieht die Systemische Therapie kein Krankheits- oder Leidensbedürfnis, sondern betrachtet Symptome teils als "sinnvolle", teils notwendige Reaktionen des Organismus auf anders nicht mehr ertragbare, gewissermaßen auch krank machende Lebensumgebungen. Aufgrund dieser hohen Kompensationsfähigkeit des Organismus muss der Leidensdruck für die meisten Menschen bereits gewaltig und die Probleme in deren realen Leben unüberschaubar geworden sein, bevor in einer Art Aufbäumen doch der Griff zum Telefonhörer getan wird. Dies ist speziell aus Sicht der Systemischen Therapie bedauerlich, da sie emotional, zeit- und kostenmäßig meist mit deutlich weniger Aufwand verbunden wäre als eine Psychoanalyse.

Auf psychiatrischen Kliniken seien als Beispiel für die Auswirkungen für Selbstzerstörungs-Tendenzen Anorexie-PatientInnen genannt, die sich mitunter selbst dann, wenn sie bereits schwerwiegende, irreparable körperliche Schäden aufweisen und intravenös ernährt werden müssen, einer Therapie verweigern. Wobei dieses Verhalten häufig auch noch zusätzliche Gründe hat, auf die hier aber nicht näher eingegangen werden kann.

Der Abschluss der Therapie

Jeder, der eine Psychotherapie macht, wird irgendwann zur Einsicht kommen, dass sich das Reservoir zu erhellender Konflikte nicht ausschöpfen lässt. Besonders Psychoanalysen könnten wohl bis zum Lebensende fortgesetzt werden, ohne dass der Gesprächsstoff auszugehen bräuchte und der Analysand das Gefühl hätte, völlig 'gesund' zu sein.

Wann also ist das Ende einer Analyse (abgesehen von Gründen des Geldmangels oder irgendwelchen Ausbildungsvorschriften für künftige Analytiker) gekommen?. Sinnvoll scheint eine Beendigung dann, wenn sich die positive und negative Übertragung in eine sachliche, durch objektive Wahrnehmung geprägte zwischenmenschliche Beziehung umgebildet hat, der Leidensdruck gewichen ist und die schwerwiegendsten neurotischen Symptome verschwunden sind9. Wer sich ernsthaft einer Analyse ausgesetzt hat, wird auch feststellen, dass er im Alltag selbstbewusster, gelassener und sachlicher geworden ist und sich bei der Bewältigung seiner Lebensaufgaben weder über- noch unterfordert fühlt.

"Wo Es war, soll Ich werden"

Dieses Zitat10 Freuds drückt ein Behandlungsziel aus, das über eine Symptombeseitigung weit hinausgeht. Laut Freud kann das Ziel der Psychotherapie nicht allein die Symptombeseitigung sein, vor allem auch deshalb, da Konflikte nicht immer zu einer für den Patienten befriedigenden Lösung geführt werden können. Vielmehr soll es dem Patienten ermöglicht werden, sich zwischen einer tragfähigen Anzahl an Reaktionsmöglichkeiten frei entscheiden zu können. Lt. Kutter14 ist das am weitesten reichende Ziel der Psychotherapie die Sinnfindung oder Wahrheitsfindung.

Auch die Beendigung einer Psychoanalyse selbst ist eine 'Unternehmung', die sich (schon angesichts der meist mehrjährigen Dauer) nicht so leichthin bewerkstelligen lässt und darum selbst zum Thema der Analyse gemacht werden muss. Der Prozess der Ablösung vom Therapeuten hat insofern in sich eine therapeutische Wirkung, als der Analysand lernen muss, etwas loszulassen, das längerhin nicht mehr sehr sinnvoll ist, somit also realitätsbezogener zu werden.

All die angeführten Ziele weisen über die Krankenbehandlung weit hinaus und erfordern eine hohe Motivation des Analysanden. Verfügt er über diese besondere Motivation, wird die kontinuierlich sich entwickelnde Identifikation mit der Funktion des Analytikers außerdem die Fähigkeit zur Selbstanalyse bewirken, was quasi der Fortführung des dann verinnerlichten Dialogs entspricht.

 


 

Methodenvergleich mit der Systemischen Therapie

Obwohl nur die wenigsten der in dieser Arbeit erläuterten psychoanalytischen Grundbegriffe in der täglichen Praxis der Systemischen Therapie eine Bedeutung haben - eine implizite Rolle spielen sie bemerkenswerterweise doch. Jedem Systemischen Therapeuten sind Phänomene wie z.B. "Widerstand", "Übertragung" und "Unbewusstes" vertraut, man befasst sich mit "Traumdeutung" und anderen Techniken, die ihre Wurzeln in der Psychoanalyse haben - als Begrifflichkeiten oder gar im theoretischen Grundgebäude der Methode jedoch spielen sie so gut wie keine Rolle. Dies liegt vor allem darin begründet, daß der systemische Ansatz von völlig unterschiedlichen Prämissen und Hypothesen bezüglich psychischer Problemzusammenhänge ausgeht als die Psychoanalyse, was sich zwangsläufig auch stark auf Setting, Verlauf und Inhalt der Therapie auswirkt.

Den Analytiker könnte man als 'Experten für innerpsychische Verarbeitungsmuster und das Bewusst-machen des Unbewussten' bezeichnen; den Systemischen Therapeuten als 'Experte für Kommunikationsmuster und Denkfallen'. Die Aufmerksamkeit richtet sich in der Psychoanalyse daher primär auf das Innerpsychische - der Monolog des Analysanden sowie die Übertragungsbeziehung zum Analytiker sind jene Instrumente, die zum Therapieerfolg führen. Die Systemische Therapie hat demgegenüber einen deutlich weiteren Focus - Probleme werden stets im Kontext betrachtet, in dem sie stattfinden, und für den Systemischen Therapeuten ist ein Übertragungsphänomen vor allem als Reflexionsbild für das interessant, was im "restlichen Leben" des Klienten, also dem Leben außerhalb der Therapie, geschieht. "Verdrängte Gefühle" etwa führen nach Auffassung der Systemischen Therapie zu Kommunikationsblockaden und sollten im Laufe des therapeutischen Prozesses verbalisierungsfähig gemacht werden, um die Blockaden zu beseitigen.
Dies führt zu einem weiteren, ganz wesentlichen Unterschied beider Therapieformen: statt auf das Leiden und das Problem, so wie dies in der klassischen Psychoanalyse stattfindet, richtet die Systemische Therapie den Focus nach vorn, auf die Lösung. Und zu diesem Zweck steht weniger die Frage, warum ein Problem existiert, im Mittelpunkt, sondern vielmehr die, was eine Lösung des Problems verhindert. Wesentlich beeinflusst durch Kommunikationsforschung, Kybernetik und Konstruktivismus betrachtet da der systemische Ansatz ein Problem nicht als etwas, das (z.B.) aufgrund der persönlichen Geschichte sein "muss" und zu dem mühsam, in einem mitunter mehrjährigen Prozess ein Alternativweg erarbeitet werden muss, sondern sie fragt: "warum bist Du noch nicht da?", "was brauchst Du (noch), um den nötigen Schritt zur Lösung tun zu können?" Die auf dieser Betrachtungsweise aufsetzenden kurzzeittherapeutischen Methoden der Systemischen Familientherapie weisen im therapeutischen Alltag laufend nach, daß eine Problembeseitigung - ausreichend austherapiert durchaus auch langfristig - mit ihnen schon nach vergleichsweise kurzer Zeit erreichbar ist.

Das Menschenbild der Systemischen Therapie ist also eines, das den Klienten grundsätzlich als selbstkompetent und (wenn auch in seinem Problemkosmos) selbst-erfahren betrachtet, als Experten also für diese ihm eigene Lebenswelt, mit dem gemeinsam geforscht wird, welche Alternativwege, welche neuen Sichtweisen ihm dabei helfen könnte, ein angestrebtes Ziel zu erreichen, ohne dass es länger seines Symptoms, Lebensunglücks oder seiner "Störung" bedarf.

Im Endergebnis führt dies dazu, dass Systemische Therapieansätze häufig mit dem Zusatz "lösungsorientiert" attributiert werden. Ihre Ansätze sind jedoch nicht so mechanistisch und funktionsorientiert wie etwa die Verhaltenstherapie, sondern der Mensch als fühlendes und mit (manchmal einer Lösung ja auch aus gutem Grund entgegengerichteten!) Bedürfnissen ausgestattetes Individuum steht im Mittelpunkt. Der Blick ist bei alldem überwiegend nach vorne gerichtet und "aufgearbeitet" wird vorwiegend nur da, wo es für das zukünftige Leben des Klienten aus seiner und der Sicht des Therapeuten Bedeutung hat .. also "Sinn" macht. Psychologisch gesehen also 'minimal-invasive Eingriffe', um im Zuge der Therapie die positiven Resourcen des Klienten möglichst zu stärken und zu stabilisieren, dabei aber das funktionierende Gesamtsystem insgesamt möglichst wenig zu beeinflussen. Dies steht im krassen Gegensatz zu dem, was eine Psychoanalyse - schon aufgrund des unterschiedlichen Settings - häufig mit sich bringt.

Im Setting beider Therapieformen nämlich existieren ebenso erhebliche Unterschiede. Die Psychoanalyse richtet, und dies findet auch im Ablauf der Analysesitzungen seinen Niederschlag, den Blick auf das Individuum. Damit es dem Analysanden leichter gelingt, den Focus auf sein Inneres zu richten, liegt er in der klassischen Psychoanalyse auf einer Couch und es besteht kein Blickkontakt zum Analytiker, der sich auch mit verbalen Rückmeldungen sehr zurück hält. Sonderformen im Setting gibt es in der Kinderpsychoanalyse und Gruppenpsychoanalyse. Bei der 'großen Analyse' sind wöchentlich 3-4 Sitzungen erforderlich, bei Sonderformen oder falls die zeitlichen oder insbesondere finanziellen Möglichkeiten des Analysanden es nicht zulassen, werden mitunter auch weniger Wochenstunden vereinbart.

In der Systemischen Therapie existieren eine Vielzahl von Settings11, vom dialogartigen Gespräch (Klient und Therapeut sitzen einander gegenüber) über Paar- und Familiensitzungen, mitunter unterstützt von Bilderarbeit, der Anwendung kreativer Medien, Imaginationsübungen, und spezifischer Techniken wie Timeline, Systemaufstellungen (Familienaufstellungen), Rollenspielen, der Arbeit mit dem Familienbrett und einigen mehr. Sitzungen finden je nach Problemstellung meist im Abstand von 1-3 Wochen statt, bei anhaltender Verbesserung der Problematik haben sich nach dem eigentlichen Abschluß der Therapie "Kontrollbesuche" in sehr großen Abständen (mehreren Monaten bis zu Jahren) bewährt.

Der Nachteil des systemischen Ansatzes ist, daß eine tiefgehende Analyse der psychischen Zusammenhänge, das Hinabtauchen in die tiefsten Urgründe der eigenen Seele oder auch mehrjährige Begleitung auf dem Lebensweg per se nicht möglich ist. Denn der Schwerpunkt einer typischen systemischen Therapiestunde liegt ja primär auf der Suche nach passenden Problemlösungen, der einer Analysestunde auf prozeßorientierter Problemanalyse (die Problemlösung erfolgt da eher begleitend und oft sind erste Ansätze dazu erst nach vielen Monaten bemerkbar). Aus praktischer Erfahrung kann ich jedoch sagen, daß manche KlientInnen auch nach der vordergründigen "Lösung des Hauptproblems" interessiert sind, die Therapie noch eine Weile fortzusetzen, um auch tiefere psychische Strukturen oder latente Problematiken (die keinen akuten Problemdruck verursachen) zu bearbeiten oder einfach nur, um die Gelegenheit zu nutzen und mit der laufenden Arbeit an sich selbst fortzufahren. Verlauf, Dauer und Tiefe der Therapie bestimmt in der ST in einem sehr starken Ausmaß also der Klient.

Auch die Rolle des Therapeuten weist erhebliche Unterschiede auf. Der Systemische Therapeut versteht sich gewissermaßen als Begleiter und Unterstützer, der sich mitunter auch persönlich und menschlich in die Therapie einbringt. Der Analytiker dagegen muss sich, soll die Übertragungsbeziehung gelingen, möglichst genau an die Abstinenzregel halten.

Eine Abgrenzung zu Methoden und Ansätzen anderer Therapieformen findet in der Psychoanalyse naturgemäß wesentlich exakter und strenger statt als in der Systemischen Therapie. Grenzüberschreitungen in Bezug auf die je nach analytischer Methode vorherrschenden Lehrmeinungen erregen bis heute meist großes Aufsehen und Skepsis - aus den Anfängen der Psychoanalyse sei hier an die Zerwürfnisse Freuds mit seinen Schülern C.G.Jung und Alfred Adler verwiesen, an den regelrechten "Hinauswurf" Wilhelm Reichs aus der Psychoanalytischen Vereinigung, und in jüngerer Zeit waren es z.B. die Ansätze von Tilmann Moser12, die Körperkontakt zwischen Analytiker und Analysanden beinhalteten, welche innerhalb der analytischen Expertenschaft teils vehemente Kritik erfuhren. In der Systemischen Familientherapie dagegen sind starke ekletizistische Strömungen feststellbar, bei denen sich mitunter sogar die Frage aufdrängt, ob tatsächlich nur jenes integriert wird, das dem Patienten nützt - oder nicht vielmehr häufig auch solches, von dem einige TherapeutInnen meinen, dass es ihm nützen könne. Hier würde ich mir, und das sei mir als Systemischem Therapeuten als persönliche, abschließende Bemerkung gestattet, eine professionellere Nutzung des methodischen Handwerkszeugs wünschen, das uns bereits in großer Fülle zur Verfügung steht und daß Neues nur dann integriert wird, wenn es nachgewiesenermaßen hilfreich ist und es auch - auch dies ein wichtiger Punkt - ausreichend methodisch beherrscht wird.

Ein Methodenvergleich (Grafik)
<www.psychotherapiepraxis.at/therapiemethoden.phtml>
Wie in der oben verlinkten Grafik ersichtlich, weist die Psychoanalyse von ihren theoretischen Grundkonzepten her eine starke Vergangenheitsorientierung auf. Für das Verständnis von Neurosen und anderen psychischen Störungsbildern ist der Verlauf der Kindheit und frühen Jugend von entscheidender Bedeutung, folglich nimmt eine Auseinandersetzung und Bearbeitung dieser Lebensphase den überwiegend größten Teil einer typischen Psychoanalyse in Anspruch. Demgegenüber geht die Systemische Therapie wie erwähnt von einem offeneren Konzept aus und richtet den Blick nach vorne, hin zur angestrebten Lösung.

 

Quellen und Ergänzungen

Bock Rudolf, 1987, Psychoanalyse, Junfermann, Paderborn

Ellenberger Henry, 1973, Die Entdeckung des Unbewussten, Bern

Freud Sigmund, 1993, Gesamtregister / Gesammelte Werke I-XVII, Fischer, Frankfurt a.M.

Brühlmeier Arthur, 1992, Die Psychoanalyse Sigmund Freuds

Fellner, Richard L., 1994, Sexualphasen nach Sigmund Freud

Fellner, Richard L., 1995, Das tiefenpsychologische Paradigma

Fellner, Richard L., 1994, Psychoanalyse und Bioenergetische Analyse: ein Methodenvergleich.

Fellner, Richard L., 1999, Systemische Familientherapie

Kernberg Otto, 1980, Klinische Psychoanalyse, Frankfurt

Kernberg Otto, 2001, Narzißtische Persönlichkeitsstörungen, Schattauer, F.K. Verlag

Moser Tilmann, 1974, Lehrjahre auf der Couch, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

Petzold Hilarion (Hrsg.), 1990, Wege zum Menschen (Bd.I+II), Junfermann, Paderborn

Reich Wilhelm, 1969, Über Sigmund Freud, Nexus-Verlag, Berlin

Schmidbauer Wolfgang, 1988, Liebeserklärung an die Psychoanalyse, Rohwolt, Reinbek

---

1 Freud Sigmund, 1993, Gesammelte Werke XIII, S.287
2 (wenigstens zum Teil)
3 (= neu auftretendes)
4 Freud Sigmund, "Traumdeutung", Fischer-/Ex Libris, S. 348
5 hiermit ist die freie Assoziation gemeint
6 Freud Sigmund, "Traumdeutung", Fischer-/Ex Libris, S. 354
7 der sog. Erkennungsreflex drückt sich in der Regel durch ein Lächeln, Schmunzeln, verlegenes Auflachen oder ein Augenzwinkern oder andere körpersprachliche Regungen aus.
8 dieser "normalneurotische" Zustand stellt auch einen Indikator für das Ende der Therapie (bzw. Psychoanalyse) dar.
9 "normalneurotischer" Zustand, siehe auch Kapitel Neurosen"
10 Freud Sigmund, Gesammelte Werke XV, S.86
11 Fellner R.L., 1999, Systemische Familientherapie
12 Moser Tilmann, 1974, Lehrjahre auf der Couch
13 (oder auch in Paarbeziehungen); Anmerkung Richard L.Fellner
14 Kutter Peter (Ed.), 1997, Psychoanalyse interdisziplinär; Suhrkamp, Frankfurt am Main

Ich ersuche, mir die in dieser Arbeit zwecks leichterer Lesbarkeit gewählte Verwendung der männlichen Form (womit ich natürlich immer auch die weiblichen Menschen meine) nachzusehen.

Artikelbezogene Themenbereiche und verwandte Begriffe: Psychoanalyse, Wien, Unbewusstes, Verdrängung, Abwehrmechanismen, Traumdeutung, Libido, Regression, Rationalisierung, Projektion, Introjektion, Kompensation, Oralität, Analität, Orale Phase, Anale Phase, Neurosen, Zwangsneurosen, Phallusneid, Ödipuskomplex, Übertragung, Gegenübertragung

DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Coach und Supervisor in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe.
Bei Volltext-Übernahme zusätzlich auch Genehmigung des Verfassers erforderlich.

Möchten Sie diesen Artikel bewerten?

Bisherige Bewertung: 5.0/5 (3 abgegeben)