Fetischismus: Interview Ö1, 2017 * Sexualtherapie & Sexualberatung bei R.L.Fellner, Wien .:. Psychotherapie & Coaching R.L. Fellner, Wien (Psychotherapeut, Coach, Supervisor) 


Fetischismus

Interview für das Ö1 Radiokolleg, 10/2017

Was versteht man eigentlich unter dem Begriff Fetischismus?

"Der Begriff stammt vom französischen Wort "fétiche" ab, der "Zauber[mittel]" bedeutet, im Sinne einer Verehrung bestimmter Gegenstände. Es gibt aber auch einen Wortbezug zum lateinischen "facticius", das "nachgemacht" bedeutet - im Zusammenhang mit Sexualität richtet sich der Fokus hier auf bestimmte Körperteile, unbelebte Gegenstände oder Materialien.

Fetisch Fesselung Fesselspiele Fetische gehören zum Bereich der sogenannten Devianzen, also der sexuellen Abweichungen - was aber natürlich sofort die Frage aufwirft, wie wir denn eine solche "Abweichung" überhaupt definieren wollen. Wovon genau wird abgewichen, welche Regeln werden also für "normale" Sexualität definiert und wo verläuft die Grenzlinie?…

Für die therapeutische Diagnose, ob eine behandlungsbedürftige sexuelle Störung (Paraphilie) vorliegt, ist die Klärung der Frage wesentlich, ob es sich beim Fetisch um eine dem herkömmlichen Sexualverkehr gegenüber gleichberechtigte Handlung handelt (z.B., wenn der Fetisch lediglich einen speziellen "Kick" verschafft) oder um eine Präferenz. Wenn ein Fetisch als vollständiger Ersatz für partnerschaftliche Sexualität dient oder sexuelle Befriedigung ohne Verwendung des Fetisch erschwert ist oder gar unmöglich erscheint, dann gibt es bei den Betroffenen ja Leidensdruck, weil die Sexualität nur in engem, genau abgesteckten Rahmen gelebt werden kann oder gar unmöglich ist.

Fetische mit dieser sehr starken Ausprägung sind übrigens auch als psychisches Leiden diagnostizierbar, wenn sie mehr als 6 Monate bestehen."

Ab wann wird aber denn ein Fetisch sexuell?

"Wie erwähnt kann man unter einem Fetisch einfach die Verehrung von Gegenständen oder Objekten verstehen.
Sexuell wird ein Fetisch dann, wenn er sexuelle Kicks verschafft."

…und wo verläuft die Grenze zwischen sexueller Vorliebe und Fetisch?

"Sexuelle Vorlieben können im Prinzip ja alles sein: bestimmte Stellungen, Inszenierungen, die Berührung bestimmter erogener Zonen, spezifische Techniken, die einem besondere Lust bereiten.
Fetische dagegen sind objektbezogen. Das "Objekt" muss aber nicht immer ein bestimmter Gegenstand oder ein bestimmtes Material sein. Auch bestimmte Körperteile wie z.B. die Füße oder Haare können zum Objekt des Fetisch werden."

Kann man denn allen Gegenständen gegenüber einen sexuellen Fetisch entwickeln?

"Im Prinzip gibt es wenig, das sich nicht auch zum Fetisch entwickeln kann.
Meist werden, z.B. im Zuge bestimmter Lebensereignisse und Erfahrungen, Gegenstände oder Objekte gewissermaßen "sexuell aufgeladen" und haben ab dann diese ganz besondere Bedeutung für das sexuelle Lustempfinden und die sexuellen Phantasien."

Lack, Leder, Peitsche aber auch Füße sind Dinge, die oftmals in Zusammenhang mit Fetischismus genannt werden. Gibt es Gegenstände, denen gegenüber besonders viele Menschen einen Fetisch entwickeln?

Fuss Fetisch Fetischismus"Sie haben tatsächlich gerade die häufigsten genannt! ;-)"

(lacht) Aber warum gerade diese?

"Warum manche Menschen einen Fetisch entwickeln, dazu gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Allerdings existiert eine Vielzahl von Theorien... welche davon Klienten für sich selbst am plausibelsten erlebten, waren beispielsweise:
- frühkindliche Erfahrungen führten dazu, dass weiterhin nach Dominanz oder Unterwerfung gestrebt wird,
- bestimmte Körpergefühle werden mit sexuellen Gefühlen assoziiert (also in Verbindung gebracht), etwa die Empfindungen, die das Gefühl von Lack, Leder, Ketten, Seilen, Windeln oder anderen Materialien auf der Haut auslösen,
- abhängig davon, wie der Zugang zur Sexualität allgemein ist: eher offen oder versteckt, zurückhaltend, passiv oder dominant und aktiv,
- ein häufig von KollegInnen unterschätzter Aspekt scheinen mir auch Archetypen aus Literatur und Film zu sein: etwa die "Domina in Lack oder Leder", die "distanzierte strenge Feministin mit Zigarette", die "Lehrerin mit Hornbrille" usw. Derartige Stereotype können in der Fantasie lustbesetzt und dann die damit verbundenen archetypischen Szenarien mit denen damit verbundenen Gegenständen oder Körperteilen als besonders lustbringend empfunden werden."

Interessant … Freud war ja der Ansicht, dass Menschen einem Fetisch anhängen, weil sie unterbewusst Angst vor der Kastration hätten. Inwiefern hat sich denn die Definition von Fetisch aus psychologischer/psychotherapeutischer Sicht seither verändert? Was versteht man heute darunter?

"Auch heute existiert für diese speziellen Ausprägungen menschlicher Sexualität keine allgemeingültige Erklärung. Nach wie vor gibt es verschiedene Modelle, und nicht einmal einen in der Fachwelt als solchen anerkannten "aktuellen Forschungsstand". Das mag vielleicht auch damit zu tun haben, dass keines der vorhandenen Erklärungsmodelle alle Formen des Fetischismus befriedigend zu erklären imstande ist. Nur einige Beispiele:
- Binet (1887) zufolge entsteht Fetischismus durch Assoziation (sexuelle Reize + Gegenstand)
- nach Magnus Hirschfeld können von Menschen bestimmte Körperteile als ganz besonders attraktiv empfunden werden: die sog. "partielle Attraktivität". Das wäre, wenn man so will, eine Art "gesunder" Fetischismus.
- Superstimulus-Theorie: gewöhnliche Merkmale sexueller Attraktivität werden generalisiert bzw. erweitert: so wird beispielsweise glatte, glänzende Haut in Form von Leder oder Latex "perfektioniert". Dieses Modell erklärt aber nicht die objektbezogenen Formen des Fetischismus, z.B. Brillenfetischismus oder Bondage.
- neurologische Theorien: es wurde z.B. herausgefunden, dass die Hirnregion für sexuelle Erregung nahe der, die für die Sinneswahrnehmung der Füße zuständig ist, liegt. Das ist interessant, bietet aber keine Erklärung für die meisten anderen Formen des Fetischismus.
- klassische Konditionierung: diese ist aus meiner Sicht eine der spannendsten Theorien, die sich in der Praxis häufig bestätigen läßt. Sie geht davon aus, dass Fetische häufig "angelernt" sind, also die Fantasie oder bestimmte Erfahrungen mit sexuellen Empfindungen gekoppelt werden. Da gab es einen bemerkenswerten Versuch mit Japanwachteln, die lernten, mit Frottee-Puppen zu kopulieren. Auch nachdem sie wieder reguläre Sexualpartner vorgesetzt erhielten, blieb das "Fetisch-Verhalten" aufrecht - nach einiger Zeit wurde es aber auch wieder vergessen. Dieser Theorie zufolge wäre Fetischismus - im Unterschied zu häufigen Annahmen sowohl in der Fachwelt als auch unter Laien - sehr wohl veränderbar und beeinflussbar."

Wie Sie gesagt haben, spricht man von einem Fetisch, wenn Menschen unbelebten Objekten Eigenschaften zuschreiben und sie für Tätigkeiten verwenden, die über ihren eigentlichen Zweck hinausgehen. Nun sind ja sowohl Schönheitsideale als auch sexuelle Praktiken auch immer eine Frage der entsprechenden Epoche. Inwiefern hat sich denn der Zugang bzw. die Auffassung, was ein Fetisch ist und was nicht, gewandelt?

"Ich denke, die Frage ist hier, ob der Begriff des Fetischismus in der jeweiligen Epoche bekannt war und angewandt wurde, oder nicht. Sich z.B. in eine unterlegene Position zu begeben und von einer "Ärztin" untersucht und dann befriedigt zu werden, war aber sicherlich noch nie in der Geschichte eine als "normal" empfundene Form von Sexualverhalten, sondern wohl immer schon eine als außergewöhnlich empfundene Spielart der Sexualität. Verändert hat sich somit wohl nur die Form der Benennung, also wenn man so will: die "Diagnose", sowie die Abgrenzungsgenauigkeit zwischen Spielarten der Sexualität und den Ausprägungsformen als Störung."

Welche Rolle spielen Gesellschaft, Zeit, Politik und soziales Umfeld allgemein bei der Entstehung von Fetischen, aber auch für die Definition eines solchen?

"All diese Faktoren lassen sich nicht entkoppeln. Im Vergleich z.B. zur vorigen Jahrhundertwende könnte man vermutlich eine Zunahme von Fetischismus feststellen: bedingt etwa durch den Zugang zu einer großen Bandbreite an Pornographie und anderen Bilderwelten. Auch ist der Fetischismus im Vergleich zu vor 120 Jahren "lebbarer" geworden, die Sexualität muss heute vergleichsweise weniger kontrolliert und Impulse weniger unterdrückt werden. Auch existieren in unserer Kultur ganz spezifische "Trigger" und Grundmotive für die Entstehung obskurer Phantasien und ernsthafter Störungen."

"Ein Fetisch kann aber sicher auch zur Belastung werden?"

Gewalt-Fetisch Fetischismus"Definitiv! Ganz schwierig wird es für FetischistInnen, wenn Sexualität nur mehr mit bzw. über den Fetisch gelebt werden kann. Die Folge ist eine starke Einschränkung der Sexualität, und sehr häufig auch Schwierigkeiten, adäquate PartnerInnen zu finden (wobei die gefühlte Sorge mitunter größer als die reale Beschränkung ist). Sehr schlimm ist es für Betroffene auch, wenn über die Fixierung auf den Fetisch ihre Partnerschaften in die Brüche gehen, also etwa die Partnerin nicht mehr bereit ist, die mit dem Fetisch verbundene Einschränkung der Sexualität zu akzeptieren. Dies kommt gar nicht so selten vor und ist häufig der (leider sehr spät gesetzte) Anstoß dafür, sich Hilfe zu suchen."

Leiden Menschen eher darunter, wenn es sich um einen gesellschaftlich geächteten Fetisch handelt, als wenn er im Kollektiv (etwa bei religiösen Zeremonien) vollzogen wird?

"Das kann einen ganz großen Unterschied machen. Das Wertesystem der Gesellschaft, in der wir leben, bestimmt letztlich darüber, was legal ist, aber auch, was als erlaubt oder gar wünschenswert empfunden werden darf."

Haben Sie dafür zufällig ein Beispiel an der Hand, damit ich mir es besser vorstellen kann?

"Als Beispiel könnte man etwa einen Bereich der Sexualität erwähnen, der in unserer heutigen westlichen Kultur als heikelst und fragil, vor allem aber auch indiskutabel schützenswert definiert ist: jenen der minderjährigen Sexualität.
Das war jedoch nicht immer und überall so. Und die "Verhandlung" der diesbezüglichen Grenzziehungen dauert bis heute an: derzeit übt die westliche Wertekultur einen sehr starken Einfluss aus.
Aktuell wird beispielsweise die Entfernung der Vorhaut im Kindesalter diskutiert und kritisch hinterfragt, welche z.B. in der jüdischen Religion eine klassische Tradition darstellt. Die bildliche Darstellung nackter Babys in der Werbung wird als "problematisch" empfunden und wurde daher faktisch unmöglich. Bezüglich der japanischen Hentai-Comics prallt die westliche Wertekultur auf die fernöstliche: darf es erlaubt sein, dass in derartigen Comics sich kindhaft verhaltende Frauen sexualisiert dargestellt werden, oder könnte dies nicht ein Einstiegstor in die verpönte Pädophilie darstellen und müsse somit reguliert oder besser verboten werden?
Diese konstanten Veränderungen in der Wertelandschaft führen mitunter zu Spannungen beim Individuum: wenn meine eigenen Empfindungen oder Gelüste nicht 100%-ig mit dem konform gehen, was gesellschaftlich als tolerabel akzeptiert wird, wie gehe ich damit um? "Darf" ich Minderjährige überhaupt als sexuell attraktiv empfinden oder bin ich dann bereits der Pädophilie verdächtig? Wurde mir als Beschnittenem faktisch sexuelle Gewalt angetan?"

Müssen Fetischisten überhaupt geheilt werden? Manche fühlen sich ja ganz wohl, und wenn alles einvernehmlich geschieht? Ab wann wäre dann zu einer Psychotherapie oder Sexualtherapie zu raten, und wie sieht diese dann aus?

Leiden am Fetisch Depressionen"Die Grenzziehung ist heute in der Regel so definiert, dass man sagt: wenn jemand
- durch seine sexuellen Vorlieben eingeschränkt ist (z.B. wenn der Fetisch schwer oder gar nicht auslebbar ist, oder Sexualität ohne den Fetisch nicht auslebbar ist),
- Leidensdruck verspürt (ist das nicht Ausleben-können eine Belastung oder Einschränkung für mich, und wie weit bin ich bereit, damit zu leben),
- wenn Gefahr für den eigenen Körper oder andere Personen besteht (z.B. bei manchen Formen der Lusterzeugung durch Schmerz, Unterbinden der Luftzufuhr etc.) oder
- Probleme mit dem Gesetzgeber entstehen könnten (Beispiele: Exhibitionismus, pädophile Neigungen etc.),
dann besteht Handlungsbedarf. Als Psychotherapeut freue ich mich, wenn Menschen nicht erst dann in die Praxis kommen, wenn es gar nicht mehr anders geht, sondern auch dann, wenn sie schlicht ihr Leben positiv verändern und ihre Handlungsspielräume erweitern möchten. Natürlich können wir viel "aushalten" und uns sogar mit enormen Einschränkungen arrangieren. Aber viele Menschen warten äußerst lange damit, ihre Lebensqualität bzw. ihre sexuellen Spielräume zu verbessern..."

Könnten Sie bezüglich des Themas Fetischismus ein klein wenig Einblicke in Ihre Praxiserfahrungen geben?

"Konkret suchen Menschen meiner Erfahrung nach Sexualtherapie oder -beratung, wenn die eigenen sexuellen Bedürfnisse starke Schamgefühle mit sich bringen oder nur schwierig ausgelebt werden und dadurch kein Partner oder keine Partnerin gefunden werden kann.
Oder es kommen z.B. Männer, denen ihr Fetisch "über den Kopf wuchs": sie wollen ihren Fetischismus bearbeiten, besser "managen" oder dessen Einfluss in ihrer Sexualität reduzieren. Das kann besonders dann wichtig sein, wenn durch Fetischismus Beziehungsprobleme entstehen. Etwa wenn es durch die sexuellen Vorlieben zu Grenzüberschreitungen in der Partnerschaft kam, zu Fremdgehen, der Nutzung spezieller Internet-Chats, dem Konsum von Fetisch-Pornos, oder auch, wenn der Fetisch mit dem/der PartnerIn nicht auslebbar ist."

Ist Fetischismus eigentlich ein rein menschliches Phänomen, oder wurden ähnliche Verhaltensweisen auch bei Tieren beobachtet?

"Eine gute Frage - nein, im Tierreich existiert (soweit uns bisher bekannt ;-)) kein Fetischismus. Im Tierreich dient die Sexualität ausschließlich der Fortpflanzung und dem Triebabbau. Es wurde zwar beobachtet, dass manche Tiere (z.B. Menschenaffen) vereinzelt Gegenstände zum Triebabbau nutzen, jedoch nicht als Ersatz von "echter" Sexualität.
Die menschliche Sexualität ist also weitaus komplexer als die Sexualität im Tierreich - was erotische Erfahrungen schöner und "tiefer" macht, aber eben auch (aus biologischer und sozialer Sicht) zu Verirrungen führen kann."

(Interview für Ö1 Radiokolleg"orf1", 10/2017)

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Richard L. Fellner DSP, MSc. ist Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Coach in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe. Bei Volltext-Übernahme zusätzlich auch Genehmigung des Verfassers erforderlich.

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