Aug 15

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in ihrem Gesundheitsreport 2010 erstmals die Arzneimittelverordnungen ihrer 3,4 Millionen Mitglieder ĂŒber die letzten zehn Jahre analysiert. Daraus geht hervor, dass sich das Volumen der in Deutschland verordneten Antidepressiva im letzten Jahrzehnt bei Frauen wie MĂ€nnern verdoppelt hat. Damit einhergehend erhöhten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Ausgaben fĂŒr psychische Erkrankungen zwischen 2002 und 2008 um 5,3 auf 28,7 Milliarden Euro. Deutschland liegt damit aber nur im Trend: bei der Recherche fĂŒr das Psychotherapie-Blog stoße ich regelmĂ€ĂŸig auf Berichte aus aller Welt (oder um genauer zu sein: von den verschiedenen westlichen Industrienationen .. welche gleichzeitig – zufĂ€llig oder nicht? – auch jene sind, in denen die Pharmaindustrie ĂŒber erheblichen Einfluß auf die Gesundheitpolitik verfĂŒgt), in denen ebenfalls Ă€hnliche atemberaubende Zunahmen zu verzeichnen sind (z.B. betr. USA). Wurden doppelt so viele Menschen “depressiv”? Werden die Medikamente auch dann, wenn sie eigentlich gar nicht indiziert oder notwendig wĂ€ren, bedenkenlos verschrieben? Warum eigentlich? Derartige Fragen drĂ€ngen sich fast automatisch auf, scheinen in der Gesundheitspolitik aber keinerlei Denkprozess anzustoßen. Die Ausgaben fĂŒr Arzneimittel nehmen im Gesundheitshaushalt der westlichen Staaten heute einen geradezu extremen Anteil ein: in der Schweiz etwa sind es bereits 21% der Krankenversicherungsleistungen und dieser Anteil stieg seit 1999 etwa 7-10% jĂ€hrlich an. Wurden die Pharmaprodukte tatsĂ€chlich immer erfolgreicher oder schafft es hier eine Industrie, aus anderen Sektoren sukzessive öffentliche Mittel abzuziehen?

Die hĂ€ufig – besonders von PolitikerInnen – gegebene ErklĂ€rung, die VerĂ€nderungen am Arbeitsmarkt wĂŒrden den Druck erhöhen und dadurch zu einer Zunahme an psychischen Beschwerden fĂŒhren, greift offenbar zu kurz: nicht nur Arbeitnehmer erhalten vermehrt Psychopharmaka verschrieben, Arbeitslose sind bei nahezu allen Diagnosen sogar noch hĂ€ufiger betroffen als andere Gruppen, wobei die Schere bei den psychischen Störungen besonders groß ist.

(Quellen: TK Gesundheitsreport 2010, telepolis, sp-ps.ch; Photo:citizen.co.ca)

Dec 23

Vor einigen Tagen sendete “SWR” die Dokumentation “Die Rache der Ozeane“, eine Dokumentation ĂŒber das Abschmelzen des Packeises in der Antarktis und das Kippen der Weltmeere, aufbauend auf die im Fiction-Bestseller “Der Schwarm” von Frank SchĂ€tzing beschriebenen VerĂ€nderungen. Wie immer nach solchen Dokus blieb ein beklemmendes GefĂŒhl bei uns, die sie sahen, zurĂŒck: ist es “wirklich” schon so schlimm? Nach Auffassung vieler Meeresforscher bleiben uns nur noch wenige Jahre, um irreversible SchĂ€den und eine vermutlich dauerhafte VerĂ€nderung essentieller ökologischer Meeresressourcen (wie z.B. den Meeresspiegel in seiner heutigen Form, die Kalt-/Warm-Ströme, ein ausreichendes biologisches Gleichgewicht in diesem Biotop usw.) zu verhindern. Schon jetzt mĂŒssen die Malediven mit WĂ€llen vor dem vordringenden Meeresspiegel geschĂŒtzt werden, und die Todeszonen (aufgrund von Sauerstoffmangels biologisch faktisch tote Zonen in der GrĂ¶ĂŸe von je hunderttausenden Quadratkilometern) in den Weltmeeren haben dramatische Dimensionen erreicht. Aber wie schon der (2008 verstorbene) US-‘Comedian’ George Carlin sagte: “The planet is fine – the people are f*cked! [..] Sooner or later, it will just shake us off like a little surface nuisance, a disease… [..] It doesn’t punish .. it doesn’t reward .. it doesn’t judge at all .. it just is, and so are we: there for just a little while.”

 

DafĂŒr wird wohl auch ein Öl-Crash (“Peak Oil“) sorgen, sollte es uns nicht gelingen, die gesamte Wirtschaft rechtzeitig auf alternative EnergietrĂ€ger (und Materialien, wenn es um die GĂŒtererzeugung geht) umzustellen.  Denn innerhalb weniger Jahrzehnte haben wir bereits einen Großteil der ErdölvorrĂ€te aufgebraucht, die die Natur in hunderten Millionen Jahren entwickelt hat.

Wirtschaftskrise in Deutschland 1922 – eine Frau gibt einem bettelnden Kriegsinvaliden Geld.
(Photo: topphoto.co.uk)

FĂŒr einen kleinen Augenblick im historischen Kontext war wohl auch nur die USA die Supermacht, als die wir sie frĂŒher kannten. Massive wirtschaftliche Probleme und eine Staatsverschuldung in geradezu unvorstellbarem Ausmaß könnten nach Auffassung von Wirtschaftswissenschaftern schon in KĂŒrze dazu fĂŒhren, daß die USA den Bankrott erklĂ€ren mĂŒssen. Die Alternative scheint zu sein, einmal mehr die Geldpresse anzuwerfen, was nach der Leitzinsensenkung auf 0% gerade geschieht und wohl eine extreme Abwertung des US-Dollars zur Folge haben wird. So er tatsĂ€chlich den versprochenen “Change” schafft: hat der zukĂŒnftige PrĂ€sident Obama ĂŒberhaupt eine Chance, die zu erwartenden dramatischen Folgen von den USA abzuwenden? Auch fĂŒr den Rest der Welt wĂ€re ein Niedergang der weltweit grĂ¶ĂŸten Wirtschaftsmacht folgenschwer – schon jetzt wird weltweit mit 25 Millionen mehr Arbeitslosen (10 Mio davon allein in der OECD) bis zum Jahre 2010 gerechnet. Gleichzeitig haben jene, die den Boden fĂŒr die aktuelle Wirtschaftskrise bereiteten (die einstigen Großmeister der Geldvermehrung, welche seit dem Paradigmenwechsel nur mehr “Bankster” genannt werden) bestens daran verdient: 2,6 Millionen Dollar Gehalt, Boni fĂŒr ihre “Leistungen” im vergangenen Jahr und andere Zuwendungen erhielt durchschnittlich jeder der leitenden US-Bankmanager, welche mit dem “Rettungspaket” gestĂŒtzt wurden. Bezahlt werden diese Rettungspakete vom Steuerzahler, und die Österreicher durften vor kurzem erstaunt erfahren, daß an die Rettungspakete in ihrem Land weltweit die geringsten Gegenforderungen von Seiten der Regierung geknĂŒpft wurden. Wird das Pyramidenspiel – welches fĂŒr die Verantwortlichen ja weitgehend ohne Konsequenzen blieb – letztlich also munter weitergehen, sich bald die nĂ€chste Blase auf höherer Ebene zu bilden beginnen – jener der Staaten? Wird die Entmenschlichung der Wirtschaft bis zu einem Ausmaß weitergehen, bis die 80:20-Gesellschaft tatsĂ€chlich unvermeidbar ist? Vielleicht lernen wir Menschen ja wirklich nur durch Strafe in Bereichen, wo unsere Vernunft nur bis zum eigenen GeldsĂ€ckel reicht. Mit ein wenig Sarkasmus wĂ€re das eine der Schlußfolgerungen, die man sowohl aus den dramatischen ökologischen als auch den wirtschaftlichen Entwicklungen des zu Ende gehenden Jahres ziehen muß.

In diesem Sinne wĂŒnsche ich allen LeserInnen meines Blogs ein glĂŒckliches neues Jahr, und uns allen, daß wir – als Individuum, Gesellschaft, LĂ€nder und biologische Hervorbringung unseres Planeten – im nĂ€chsten Jahr Weichenstellungen schaffen, die auch unseren Kindern eine gute Basis fĂŒr ein langes, erfĂŒlltes Leben ermöglichen.

ï»ż01.09.19