Nov 19

Mitunter ist es schwierig, einen sachlich-k√ľhlen Kopf zu bewahren, liest man diverse medizinische Fachinformationen.

So soll nun ein neues “Stufenschema” Mediziner unterst√ľtzen, Patienten mit sogenannten “therapieresistenten” oder chronischen Depressionen effektiver als bisher zu behandeln. Denn bei etwa jedem vierten Depressionspatienten, so eine Aussendung der “√Ėsterreichischen Gesellschaft f√ľr Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie” (√ĖGPB), hilft eine einfache medikament√∂se Behandlung nicht oder nur unzureichend.

Die “Volkskrankheit Depression” ist in allen Industriel√§ndern im Vormarsch. In √Ėsterreich sind etwa 400.000 Menschen betroffen, so √ĖGPB-Pr√§sidentin Susanne Lentner. Die Krankheit sei nicht nur die h√§ufigste Ursache f√ľr Fr√ľhpension und Arbeitsunf√§higkeit, sondern auch f√ľr 70 bis 80 Prozent der Suizide verantwortlich. Bei fast der H√§lfte der Betroffenen werde die Krankheit nicht erkannt, entweder weil die Allgemeinmediziner nicht ausreichend geschult sind oder die depressiven Menschen gar nicht erst zum Arzt gehen, sagte Michael Bach, Primar am Landeskrankenhaus Steyr (O√Ė).
Zu erg√§nzen w√§re aber, dass nur jeder zehnte Patient eine ad√§quate Therapie erh√§lt, da viele Mediziner sie falsch oder gar nicht diagnostizieren und sodann ausschlie√ülich die h√§ufigen k√∂rperlichen Symptome der Depression (mehr dazu in den am Artikelende verlinkten Texten) behandeln oder weil sie ohne tieferer Kenntnis √ľber ad√§quate Depressionsbehandlung schlicht Antidepressiva verschreiben und dann die Patienten sich selbst √ľberlassen.

Mit neuen Leitlinien in Form eines sog. “Konsensus-Statements” der Neurologen und Psychiater soll aber nun alles besser werden. Sie soll den Medizinern helfen, insbesondere die besonders komplexen (wenn auch seltenen – Anmerkung RLF) F√§lle der therapieresistenten Depression zu behandeln, also “jene F√§lle, in denen mindestens zwei unterschiedliche Antidepressiva nicht die erw√ľnschte Wirkung brachten”. Die herausgebenden √Ąrzte merken an, dass sich eine verbesserte Therapie auch volkswirtschaftlich auszahlen w√ľrde: “Der teuerste Weg ist, nicht zu behandeln, der zweitteuerste, eine schlechte Behandlung und die drittteuerste M√∂glichkeit: eine gute Behandlung.”

Die Leitlinien der √ĖGPB schlagen nun vor, “zun√§chst die Dosis des verschriebenen Medikaments zu erh√∂hen, und, wenn damit kein Erfolg zu verzeichnen ist, ein zweites Antidepressivum gleichzeitig zu verabreichen”. Als n√§chsten Schritt sollen die √Ąrzte “Zusatzbehandlungen mit anderen Medikamenten oder Therapieformen wie Psychotherapie, Schlafentzug und Elektrokrampftherapie versuchen”. Einfach ein anderes Antidepressivum mit unterschiedlicher Wirkungsweise zu probieren sei laut Studien nur in wenigen F√§llen erfolgreich.

Zusammengefasst also: √Ąrzte werden weiterhin dazu angehalten, bei einem doch in erster Linke psychischen Leidenskomplex mal bis auf weiteres ausschlie√ülich Tabletten zu verschreiben, dann noch mehr Tabletten, und dann…
Das ist zweifellos eine sehr positive Nachricht f√ľr die Pharmaindustrie, aber sicherlich nicht der im Untertitel behauptete “state of the art” (Stand der Heilkunst) nach alldem, was man heute √ľber die Ursachen und Zusammenh√§nge der Depressionserkrankung und ihrer Therapiem√∂glichkeiten wei√ü. Erst als dritter Schritt n√§mlich wird Psychotherapie genannt – und zwar in einem Atemzug mit Elektrokrampftherapie?! Da stehen einem schon ein wenig die Haare zu Berge, und die Herren und Frauen Mediziner, die hinter derartigen “Leitlinien” stehen, m√ľssen sich nicht nur fragen lassen, inwieweit ihre Empfehlungen dem aktuellen Forschungsstand entsprechen sondern zum anderen auch, in welchen Interessen sie mit derartigen Empfehlungen eigentlich agieren. Kein besonders gutes Licht wirft in diesem Zusammenhang auch auf die Leitlinien, dass diese mit keinem einzigen Wort beispielsweise die Fragen der Compliance, also der Nebenwirkungen von Antidepressiva und damit verbundenen Akzeptanzproblemen bei PatientInnen erw√§hnen.

Bereits in einer Meta-Studie aus dem Jahre 1999 (!), welche die Effizienz rein medikamenten-basierter Therapiemaßnahmen mit dem Einsatz von Psychotherapie (in diesem Fall der Verhaltenstherapie, da mit dieser Methode spezifische Untersuchungsgegenstände am leichtesten abgrenzbar sind) vergleicht, kam zum folgenden Ergebnis:

“Cognitive behavior therapy has fared as well as antidepressant medication with severely depressed outpatients in four major comparisons. Until findings emerge from current or future comparative trials, antidepressant medication should not be considered, on the basis of empirical evidence, to be superior to cognitive behavior therapy for the acute treatment of severely depressed outpatients.”

Aus meiner pers√∂nlichen Erfahrung kann ich dar√ľber hinaus sagen, dass mir bisher noch kein sogenannter “therapieresistenter” Patient begegnet ist. Nur Gl√ľck? Oder k√∂nnte es daran liegen, dass Psychotherapie in aller Regel eben sehr effektiv in der Depressionsbehandlung sein kann? Sofern sich Menschen auf eine Psychotherapie einlassen und diese eine gewisse Zeit lang durchziehen, konnten in jedem Fall zumindest immer merkbare Verbesserungen des Zustandsbildes erreicht und Strategien f√ľr einen besseren Umgang mit besonders schwierigen Depressionsphasen erarbeitet werden. Die Erfolge lagen vielleicht zum Teil auch daran, dass ich um mein Fachgebiet keine mentalen Schutzmauern errichte: im Fall von schweren oder sogenannten “chronischen” Depressionen n√§mlich halte ich vor√ľbergehende Medikation bis zu einer Verbesserung des Zustandsbildes zur Stabilisierung und Etablierung einer guten Basis f√ľr die therapeutische Arbeit f√ľr durchaus sinnvoll. Oberstes Ziel ist, den hilfesuchenden Menschen zu helfen, und da sollte kein professioneller Behandlungsansatz von Beginn an ausgeschlossen werden.

Zum Weiterlesen:

Depression – Mythen und Fakten
Selbsttest auf Depression

(Quellen: 13. Tagung der √ĖGPB / √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie, 11/2011; Medications Versus Cognitive Behavior Therapy for Severely Depressed Outpatients: Mega-Analysis of Four Randomized Comparisons in: Robert J. DeRubeis, Ph.D.; Lois A. Gelfand, M.A.; Tony Z. Tang, M.A.; Anne D. Simons, Ph.D., Am J Psychiatry 1999;156:1007-1013. Photo:istockphoto.com)

Jun 13

Schlaflosigkeit stellt eines der h√§ufigsten Probleme in der Bev√∂lkerung dar: zwischen 30% und 50% leiden darunter, etwa 10% sogar an chronischer (langdauernder) Schlaflosigkeit. Diese St√∂rung betrifft Menschen aller Altersstufen – ihrer H√§ufigkeit nimmt allerdings im Alter zu. Die Folgen von Schlaflosigkeit sind h√§ufig M√ľdigkeit w√§hrend des Tages, eine geschw√§chte Immunabwehr, Neigung zu Depressionen, geringere Konzentrationsf√§higkeit und h√∂here Anf√§lligkeit f√ľr Diabetes und Herzkrankheiten.

Drei Arten von Schlaflosigkeit werden unterschieden:

a) Vor√ľbergehende Schlaflosigkeit dauert weniger als eine Woche, und wird meist durch andere Erkrankungen, eine ung√ľnstige Ver√§nderung der Schlafgewohnheiten, schwere Depressionen oder Stress verursacht. Ihre Folgen sind ein Gef√ľhl von Schl√§frigkeit und eine Beeintr√§chtigung der psychomotorischen Leistungsf√§higkeit.
b) Akute Schlaflosigkeit ist die Unfähigkeit, weniger als 1 Monat lang konsequent gut schlafen.
c) Chronische Schlaflosigkeit ist die Bezeichnung f√ľr Schlafst√∂rungen, die l√§nger als 1 Monat dauern. Die Ursachen sind h√∂chst unterschiedlich und sollten daher medizinisch abgekl√§rt werden. Zu den Auswirkungen chronischer Schlaflosigkeit geh√∂ren Muskelerm√ľdung, Halluzinationen und / oder geistige Ersch√∂pfung, oder aber auch Reizbarkeit auf.

Die Muster von Schlafstörungen:

a) Einschlafstörungen sind Schwierigkeiten beim Einschlafen zu Beginn der Nacht, häufig sind diese mit Angststörungen assoziiert.
b) Durchschlafst√∂rungen sind gekennzeichnet durch Schwierigkeiten, bis in den fr√ľhen Morgen durchzuschlafen. H√§ufig ist diese Variante durch Schmerzen oder k√∂rperliche Erkrankungen bedingt.
c) Vorzeitiges Erwachen Рhäufig ist dies altersbedingt, ein Merkmal der klinischen Depression, oder es liegen andere psychische Ursachen vor.
d) Albträume und Schlafwandeln Рfurchterregende Träume oder das Herumwandern in der Wohnung sind zumeist häufig psychisch Рetwa durch belastende Ereignisse Рbedingt, aber auch durch Drogenkonsum.
e) Hypersomnia ist gesteigertes Schlafbed√ľrfnis, bei dem trotz ausreichendem Schlaf tags√ľber st√§ndig ein Gef√ľhl von M√ľdigkeit und Ersch√∂pfung besteht. H√§ufig ist diese Schlafst√∂rung k√∂rperlich verursacht und sollte medizinisch abgekl√§rt werden.

Sehr oft wird jede Form von Schlaflosigkeit leider falsch, n√§mlich ausschlie√ülich mit Medikamenten behandelt. Die Botschaft unseres K√∂rpers, da√ü etwas nicht in Ordnung ist, wird damit jedoch ignoriert und unterdr√ľckt – k√∂rperliche Folgeerkrankungen k√∂nnen auftreten, und durch die entstehende psychische Abh√§ngigkeit vom Medikament wird das Einschlafen ohne ‚ÄěP√ľlverchen‚Äú noch schwieriger als zuvor.

Was die wenigsten wissen: Schlafst√∂rungen lassen sich fast immer auf ganz nat√ľrliche Weise stark verbessern: dazu m√ľssen lediglich die ausl√∂senden Ursachen f√ľr die innere Unruhe, die einem den Schlaf raubt, identifiziert und dann auch ‚Äěpassend‚Äú beseitigt werden. Die h√§ufigsten Ursachen der meisten Formen von Schlafst√∂rungen sind zumeist relativ leicht in den Griff zu bekommen: Licht, Ger√§usche, kein Kaffee und keine Zigaretten mehr am Abend etwa. Chronisch Schlafgest√∂rte (die Schlafst√∂rungen dauern bereits mehr als drei Wochen an) sollten auch einen medizinischen Checkup auf Erkrankungen des Herz- und Kreislauf- sowie des Verdauungssystems, des Urinaltraktes und auf Stoffwechselst√∂rungen durchf√ľhren lassen. Lassen sich keine eindeutigen k√∂rperlichen Ursachen f√ľr die Schlafprobleme finden, hilft fast immer eine kurze Reihe gezielter therapeutischer Beratungsgespr√§che bei der langfristigen Verbesserung der Schlaff√§higkeit.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:romywilliams.files.wordpress.com)

Jan 20

Laut einer k√ľrzlich publizierten Studie k√∂nnte Schlafmangel zumindest bei Jugendlichen zu Depressionen und Suizidgedanken f√ľhren. Wissenschafter der Columbia University in New York und Kollegen analysierten Daten von √ľber 15.000 Sch√ľlern der 7.-12. Schulstufe, wonach f√ľr Jugendliche, die von ihren Eltern erst nach Mitternacht oder sp√§ter zu Bett geschickt wurden, im Vergleich zu jenen, die vor 10 Uhr abends zu Bett gingen, ein um 24 Prozent h√∂heres Depressionsrisiko errechnet werden konnte (OR=1,24; 95% CI 1,04-1,49). Die Rate an Probanden mit Suizidgedanken war bei den Sp√§t-Schlafengehern um 20 Prozent gesteigert (OR=1,20; 95% CI 1,01-1,41).

Schlafmangel bei Jugendlichen stellt demnach offenbar einen Risikofaktor f√ľr die Entwicklung von Depressionen dar. Ausreichend guter Schlaf dagegen k√∂nnte als Pr√§ventivma√ünahme oder Therapie-unterst√ľtzend bei Depressionen eingesetzt werden.

Forschungsergebnisse gab es dar√ľber hinaus auch zum Thema Schlafentzug: offenbar ist es nicht m√∂glich, zu wenig Schlaf z.B. am Wochenende nachzuholen. Forscher am Bostoner Brigham and Women’s Hospital berichteten im Journal ‘Science Translational Medicine’, dass Schlafmangel √ľber einen l√§ngeren Zeitraum Konzentration und Leistungsf√§higkeit einschr√§nkt. Das sei ein Hinweis darauf, dass Menschen mit ungew√∂hnlichen Arbeitszeiten besonders anf√§llig f√ľr Fehler sind, auch wenn sie versuchen, den verlorenen Schlaf zu kompensieren.

Die US-Forscher untersuchten dazu acht Jugendliche ohne Schlafst√∂rungen, die √ľber einen Zeitraum von drei Wochen jeweils 30 Stunden ohne Unterbrechung wach blieben und anschlie√üend zehn Stunden schliefen, was in etwa mit den Arbeitszeiten von √Ąrzten, die nach einer Nacht mit Abrufbereitschaft gelegentlich 33 Stunden wach sind und dann zehn Stunden schlafen, vergleichbar ist. Dann folgten Aufmerksamkeits- und Reaktionstests, deren Ergebnisse mit denen einer Kontrollgruppe mit regelm√§√üigen Schlafrhythmen verglichen wurden. Beide Gruppen schnitten √ľber den gesamten Versuchszeitraum gleich ab, wenn der Test zwei Stunden nach dem Aufwachen durchgef√ľhrt wurde. Je l√§nger der Versuch jedoch andauerte, desto deutlicher verschlechterten sich die Ergebnisse in Tests am Ende der Wachzeit. Lag die Reaktionsdauer in der ersten Woche bei 0,7 Sekunden, betrug sie in der dritten Woche mit 2,0 Sekunden bereits das dreifache. Wegen der geringen Anzahl an Probanden soll der Versuch nun in gr√∂√üeren Ma√üstab wiederholt werden.

Dass ausbleibender Schlaf gef√§hrliche Wirkungen haben kann, zeigen bereits fr√ľhere Forschungen. “Nach 17 Stunden Wachzeit am St√ľck reagiert der Mensch so, wie wenn er 0,5 Promille Alkohol im Blut h√§tte, nach 24 Stunden sogar wie bei 1,0 bis 1,2 Promille. Dauert die Wachzeit deutlich l√§nger, beginnen Halluzinationen”, erkl√§rt M. Walzl, Neurologe und Psychiater der Landesnervenklinik Graz. Chronischer Schlafmangel sei ein Merkmal der heutigen Zeit: “Seit 100 Jahren schon schlafen wir um zwei Stunden pro Tag zu kurz, derzeit durchschnittlich 6,5 bis 6,8 Stunden”, extrem sei dies bei Kindern und Jugendlichen zu beoachten: “Viele √ľberbr√ľcken das Nicht-einschlafen-k√∂nnen mit Fernsehen oder Videospielen, haben dann massive Alptr√§ume und zeigen am n√§chsten Tag arge Konzentrationsst√∂rungen, Unruhe und Unaufmerksamkeit.” Im Berufsalltag seien besonders Schichtarbeiter von chronischem Schlafentzug betroffen. “Medizinisch w√§re die Vorverlegung des Schichtsystems um zwei Stunden sinnvoll, auch sollte man am besten direkt vor der Nachtschicht schlafen”, r√§t Walzl. Sei es unvermeidbar, eine Nacht durchzuarbeiten, solle man zu Mitternacht ein kurzes Mittagsschl√§fchen machen. “Zwischen ein und drei Uhr morgen und auch zur selben Zeit nachmittags ist unsere Leistungskurve auf einem absoluten Minimum. 20 Minuten Schlaf zuvor k√∂nnen Wunder wirken”.

(Quellen: Der Standard, Sleep; 2010, 33: 97-106, “Uncovering Residual Effects of Chronic Sleep Loss on Human Performance” in: Science Translational Magazine Vol 2 Issue 14 (13 Jan 2010). Photo src:thomasschwenke.de)

ÔĽŅ01.09.19