Sep 10

Ein derartiges Eingest√§ndnis durch einen kirchlichen W√ľrdentr√§ger w√§re vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen. Hut ab vor dem Mut des Papstes, dies mit der √Ėffentlichkeit zu teilen.

Papst Franziskus: Psychotherapie hat mir sehr geholfen.

Papst Franziskus: “Therapie hat mir sehr geholfen.”

Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und gr√∂√üeren Schw√§chen st√§rker ver√§nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizit√§t” oder “neuronalen Plastizit√§t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh√§ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver√§ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizit√§t oder kortikaler Plastizit√§t. Die Grundlagen f√ľr diese Entdeckung der Anpassungsf√§higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universit√§t Z√ľrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Ver√§nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergr√∂√üern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests best√§tigen, dass schon die blo√üe Vorstellung Hirnreale vergr√∂√üern l√§sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa lie√ü Freiwillige ein simples Klavierst√ľck √ľben und untersuchte anschlie√üend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher f√ľr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergr√∂√üerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch st√§rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar st√§rker – unsere F√§higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierst√ľck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier ver√§nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tats√§chlich √úbenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings k√∂nnen also offenbar physiologische Ver√§nderungen des Gehirns durch Ver√§nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verbl√ľffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er f√§hig, realistische Bilder von Geb√§uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen √§hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und k√∂nnen zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. St√ľck f√ľr St√ľck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz pers√∂nlichen Ziele und Bed√ľrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erkl√§rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen St√∂rungen unterst√ľtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, k√∂nnen auch negative Gedanken gezielt √ľberwunden werden k√∂nnen. Werden jene Gedanken √ľberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann √ľber die Funktion der Neuroplastizit√§t eine physiologische √Ąnderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische M√∂nche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere B√ľcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf РTV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinfl√ľsse, aber auch Jonglieren ver√§ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: √ľber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu ver√§ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

Jan 05

Eine kleine Sammlung von Statistiken bez√ľglich der Versorgungslage, Finanzierung durch das Gesundheitssystem, Arzneimittel usw. in Deutschland, der Schweiz und √Ėsterreich, auf die ich im Laufe der Zeit stie√ü. Ich werde diese laufend erweitern bzw. aktualisieren.
Fallweise standen mir keine genauen Quellen zur Verf√ľgung – wenn jemand eigene Erg√§nzungen machen m√∂chte oder √ľber entsprechende Quellen verf√ľgt, diese bitte hier im Sinne der Allgemeinheit als Kommentar posten!

statBedarf an und Nutzung von Psychotherapie

  • in √Ėsterreich haben die registrierten Krankenstandsf√§lle aufgrund psychischer Erkrankung allein in den letzten 10 Jahren auf das 1,5-fache zugenommen, w√§hrend im selben Zeitraum die Krankenst√§nde allgemein gesunken sind. Im langj√§hrigen Vergleich nehmen auch Pensionierungen aufgrund von Invalidit√§t wegen psychischer Krankheiten stark zu (Quelle: HSV).
  • Zahl der √ĖsterreicherInnen in Psychotherapie: ca. 50.000.
    (diese Zahl betrifft allerdings nur jene, deren Therapie zumindest teilweise von den Krankenkassen mitfinanziert wird, die Zahl der Privatzahler ist unbekannt).
  • nach aktuellen epidemiologischen Studien leiden 25 % einer 25 ‚Äď 45‚Äďj√§hrigen Gro√üstadtbev√∂lkerung und rund 10 % der l√§ndlichen Bev√∂lkerung √ľber 15 Jahre an einer behandlungsbed√ľrftigen psychischen St√∂rung mit Krankheitswert gem√§√ü dem ICD-10.
  • Es wird jedoch davon ausgegangen, dass nur 35 % der Personen, die eine Psychotherapie brauchen, f√ľr eine solche auch motivierbar sind. Daraus abgeleitete Sch√§tzungen zum ‚Äětats√§chlichen‚Äú Psychotherapiebedarf gehen davon aus, dass 2,1 bis 5 % der Gesamtbev√∂lkerung psychotherapiebed√ľrftig und -willig sind (= 170.000 bis 400.000 Personen). Dieser Sch√§tzwert inkludiert allerdings dar√ľber hinaus auch nicht Personen mit vor√ľbergehenden, leichteren oder nicht diagnostizierten psychischen Beschwerden und ist daher als absolute Untergrenze anzusehen.
  • Psychische Erkrankungen werden oft falsch diagnostiziert, was ebenfalls hohe Kosten verursacht: ein Gro√üteil schwerer psychischer St√∂rungen wird w√§hrend durchschnittlich 7 Jahre lang als k√∂rperlich verursacht fehlbehandelt.
  • √úber 18% der Invalidit√§tspensionen resultieren aufgrund
    psychischer/psychiatrischer Leiden.
  • Im Jahr 2000 nahmen sich in √Ėsterreich 1.588 Personen das Leben, das entspricht 0,2% der Bev√∂lkerung und mehr Toten als bei Verkehrsunf√§llen.
  • Nach in Deutschland vorgenommenen epidemiologischen Untersuchungen im Bereich der Gerontopsychiatrie treten psychische Erkrankungen bei den √ľber 65-j√§hrigen mit einer Pr√§valenz von 25 – 30 % auf, davon senile Demenzen in der 7. Lebensdekade in einer H√§ufigkeit von 5 %, in der 8. Lebensdekade von 10 % und in der 9. Lebensdekade von 20 %. Die senile Demenz vom Alzheimer-Typ macht dabei mehr als 2/3 der F√§lle aus. Im Moment rechnet man im Bereich der alten Bundesl√§nder mit einer Zahl von 1 Millionen von dieser Krankheit betroffenen Menschen. Vaskul√§re oder Multi-Infarkt-Demenzen machen allein oder gemischt mit dem Erstgenannten etwa 1/4 der F√§lle aus.

    Depressionen im h√∂heren Lebensalter kommen nach verschiedenen Studien in unserem Kulturkreis in 10 – 20 % der Bev√∂lkerung vor. Beachtenswert ist auch die insgesamt gro√üe Diagnosegruppe der Neurosen und Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen (√ľber 10 % der Gesamtpr√§valenz), die den hohen Psychotherapiebedarf in dieser Altersgruppe untermauern. Bedeutsam ist die h√∂here Suizidrate bei Depressionen im h√∂heren Lebensalter im Vergleich zu den j√ľngeren und mittleren Jahren, hier insbesondere die h√∂here Suizidalit√§t √§lterer depressiver M√§nner. Hier kommen auf vier Suizidversuche ein gelungener Suizid (in j√ľngeren Jahren 20 : 1). Die Suizidrate der Bev√∂lkerung √ľber 65 Jahren ist doppelt so hoch wie die der j√ľngeren Erwachsenen.(Quelle: AMWF, 1995)

Schwierigkeiten in der Psychotherapie

  • einer Untersuchung des Berufsethischen Gremiums des √ĖBVP aus den Jahren 1994-1998 zufolge (Neubauer, 1999) nahm die Nutzung der Beschwerdestellen im Beobachtungszeitraum zu (knapp 300 F√§lle)
  • die √ľberwiegende Anzahl der Anfragen und Beschwerden konnte telefonisch gekl√§rt werden
  • in ca. 1/3 der F√§lle wurde ein pers√∂nliches Gespr√§ch gef√ľhrt
  • in 42 F√§llen (ca. 15%) wurde zur Schlichtung Mediation angewendet
  • in den meisten F√§llen war eine verbale oder schriftliche Kl√§rung m√∂glich. In einigen F√§llen wurde eine finanzielle Abgeltung geleistet.
  • eine einzige gerichtliche L√∂sung kam vor, in zwei F√§llen wurde der Gerichtsweg beschritten
  • die meisten Beschwerdef√ľhrer sind mittleren Alters (21-50 Jahre)
  • die h√§ufigsten Gr√ľnde f√ľr die Kontaktaufnahme mit der Beschwerdestelle waren: Aufkl√§rungsw√ľnsche, Allgemeine Anfragen, Anfragen zu Kosten von psychotherapeutischen Behandlungen
  • seltene Gr√ľnde f√ľr die Kontaktaufnahme waren: Ausbildungsangelegenheiten, sexueller und anderer Mi√übrauch (innerhalb der 5 untersuchten Jahre wurden insgesamt 28 F√§lle von sexuellen √úbergriffen in Beschwerdestellen behandelt) 2

Finanzierung von Psychotherapie

  • etwa die H√§lfte der Psychotherapie-PatientInnen macht diese voll finanziert auf Krankenschein, die andere H√§lfte bezuschusst (21,80 Euro pro Sitzung). Die Zahl der Privatzahler ist unbekannt.
  • Lediglich 30 % der Aufwendungen der Krankenkassen f√ľr Psychotherapie betreffen die sog. “Kassenpl√§tze”. Der Gro√üteil der PatientInnen muss selbst die Differenz zwischen dem von den Krankenkassen gew√§hrten Zuschuss ‚Äď sofern dieser bewilligt wurde ‚Äď und dem Honorar der PsychotherapeutInnen begleichen.
  • derzeit verhandelt der √ĖBVP (√Ėsterr. Bundesverband f√ľr Psychotherapie) mit dem Hauptverband der Sozialversicherungen √ľber einen Gesamtvertrag f√ľr Psychotherapie, das sog. “Best-Practice-Modell”. Er k√∂nnte die H√§lfte jener Menschen, die Psychotherapie brauchen, in Behandlung bringen – entweder auf Krankenschein oder per Zuschuss von 41 Euro pro Stunde. Die Kosten davon w√ľrden ca. 40 Millionen Euro pro Jahr betragen, also etwa 0,5% der gesamten Gesundheitsausgaben in √Ėsterreich (Quelle: Interview mit √ĖBVP-Pr√§sidentin Eva M√ľckstein am 23.11.08 im Standard).
  • Bei allgemein steigenden Kosten f√ľr
    Medikamente rangieren Psychopharmaka bereits auf Platz drei, w√§hrend die Ausgaben f√ľr Psychotherapie, aber auch die Kostenzusch√ľsse f√ľr KlientInnen seit 1998 unver√§ndert geblieben sind.

Wirksamkeit von Psychotherapie

  • Im Jahr 2001 wurde eine Metaanalyse zu allen bis 1995 vorliegenden Kosten-Nutzen-Studien auf dem Gebiet der Psychotherapie durchgef√ľhrt. Die Studien zeigen, dass Psychotherapie im Vergleich zu routinem√§√üig eingesetzten medizinischen Behandlungsma√ünahmen nicht nur wirksamer, sondern auch kosteng√ľnstiger ist. Die zu erzielenden medizinischen und volkswirtschaftlichen Einsparungen √ľbersteigen die Kosten f√ľr einen vermehrten Einsatz von Psychotherapie bei weitem. Im Jahr nach Psychotherapiebeginn reduzierte sich die Nutzung medizinischer Dienste im Vergleich zum Vorjahr hochsignifikant:
    • Abnahme der Kliniktage pro PatientIn im Durchschnitt 5,6 Tage oder 54 %
    • Abnahme von ambulanten Arztkontakten pro PatientIn im Durchschnitt 4,2 Kontakte oder 26%
    • Reduktion von Arbeitsunf√§higkeitstagen je nach St√∂rungsbild und
    • Behandlungsprogramm zwischen 26 bis 100 %.
    • Signifikante Abnahme der Kosten f√ľr Psychopharmaka 34 Wochen nach Therapiebeginn.

    Das Kostenverhältnis beträgt 1 : 1,7 zugunsten der Psychotherapie.
    Psychotherapie auf Krankenschein kann insofern als ein Projekt der Nachhaltigkeit betrachtet werden.

  • Sowohl der Medikamentenkonsum als auch die H√§ufigkeit von Arztbesuchen nehmen nicht immer schon w√§hrend, aber drei Jahre nach dem Beginn einer Psychotherapie ab. Das ergab eine Studie der Nieder√∂sterreichischen Gebietskrankenkassa im Jahre 2006.

* die genaue Quelle ist unbekannt. Bitte um Feedback (√ľber Kommentar unten oder das Kontaktformular meiner Website), falls Ihnen Details oder sogar exakte Quellenangaben daf√ľr bekannt sind!
2 Quelle: Hutterer-Krisch, “Grundriss Der Psychotherapieethik“, 2007 (Springer-Verlag)
Beitrag aktualisiert: 31.01.2009

ÔĽŅ01.09.19