Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Bioenergetische Analyse ("Bioenergetik")

Eine Übersicht.

1. Historie

Die bioenergetische Analyse leitet ihre Herkunft aus der Psychoanalyse Freuds sowie der Reich'schen charakteranalytischen Vegetotherapie ab - ihre Wurzeln liegen also in Europa.

In verschiedenen Phasen seiner Forschung befaßte sich Freud besonders mit dem Angstaffekt und Triebaspekt unter energetischen Gesichtspunkten, wirklich weiterverfolgt wurde dieses Konzept jedoch erst von Abraham und Ferenczi, den bedeutendsten Schülern und Mitarbeitern Freuds. Abraham errichtet daneben auch eine charakterliche Hierarchie (der genitale Charakter entsteht demnach auf der Basis eines gelösten Ödipus-Komplexes und hat die Möglichkeit, in Einklang mit seinen Gefühlen und seiner Sexualität eine relativ ungestörte sexuelle Entwicklung zu nehmen), Ferenczi befaßt sich erstmals mit der Abwehrfunktion des Charakters. In der von ihm als "aktive Technik" bezeichneten Fortentwicklung der psychoanalytischen Technik werden erstmals die Übertragungsphänomene gezielt genutzt.

Wilhelm Reich Besonders radikal ging Wilhelm Reich (*1897) bei seinen Versuchen vor, die (bisher im wesentlichen Freudsche) Analyse zu erweitern. Sein Hauptinteresse bewegt sich um die Bereiche Libido - Ökonomie - Energie, ein wesentlicher Anteil an der Faszination, die Reichs Werk ausübt, basiert auch auf seiner intensiven Beschäftigung mit dem bis dahin von der psychoanalytischen Forschung eher vernachlässigten psychologischen Spannungsfeld Person (die als körperliche Person verstanden werden sollte) - Familie - Gesellschaft.
Schließlich entwickelte Reich eine neue Technik, die er Vegetotherapie nannte. Eine zentrale Stellung nimmt hierbei das Konzept des Energieflusses ein - vegetative Energie kann im gesunden Organismus frei strömen, das pathologische Zustandsbild zeichnet sich dagegen durch gebundene Energie in verspannter Muskulatur aus ("Muskelpanzer" - siehe Pkt. 4). Die späteren Entwicklungen Reichs wie etwa die Orgontherapie, aber auch seine sozialkritischen Arbeiten sorgen schließlich im prüden Amerika der Jahrhundertmitte z.T. für öffentliche Eklate, bei denen sogar Bücherverbrennungen stattfinden - Reich wird verhaftet und stirbt 2 Jahre später im Gefängnis.
Seine Ablehnung wesentlicher psychoanalytischer (und gesellschaftlicher) Grundüberzeugungen wie der kulturell notwendigen Anpassung ans Realitätsprinzip ebenso wie sein leidenschaftliches Verwerfen von Freuds Todestrieblehre stellten eine radikale Anklage der körperängstlichen Zivilisation und somit eine Aufforderung zur Veränderung dar.
Alexander Lowen Die eigentliche Methode der Bioenergetischen Analyse wurde jedoch von Alexander Lowen (*1910), einem Schüler Reichs entwickelt. Lowen wurde im Zuge seiner Analyse bei Reich von den Möglichkeiten des körperorientierten Ansatzes in der Therapie überzeugt und gründete 1956 gemeinsam mit John Pierrakos (dem späteren Entwickler der sog. "Core-Energetik") und Bill Walling das Institut für Bioenergetische Analyse in New York sowie eine Arbeitsgemeinschaft, die zur Basis für Ausbildung und Entwicklung der bioenergetischen Analyse wurde. Diverse Meinungsverschiedenheiten führten jedoch zu einer Auseinanderentwicklung der Begründer, die Methode wurde schließlich durch Lowen weiterentwickelt und mittels intensiver publizistischer Tätigkeit populär gemacht. Auch heute noch erfolgen die wichtigsten Weiterentwicklungen der Methode in den USA.

2. Psychopathologie und Therapieziele

In der bioenergetischen Analyse werden 5 Charakterstrukturen unterschieden: die schizoide, orale, masochistische, psychopathische und rigide. Jede dieser Strukturen - deren einzelne Abhandlung hier zu weit führen würde - entwickelt sich während einer zeitlich einschränkbaren kindlichen Entwicklungsphase, die sich durch spezifische Grundbedürfnisse auszeichnet. Werden diese nicht erfüllt, kommt es zu einer dann typischen "Störung" (also der Verfestigung einer auf die Umgebungsbedingungen abgestimmten Reaktion), die es dem Kind jedoch ermöglichen soll, in dieser Situation zu überleben. Der pathologische Aspekt liegt hierbei in der Einengung und damit Fixierung der eigenen Reaktionsmöglichkeiten auf diese speziellen Verhaltensmuster.

Es versteht sich, daß diese Aufteilung eine künstliche ist - jede Persönlichkeit birgt demnach verschieden hoch ausgeprägte Anteile der o.a. Charakterstrukturen.

Ziel ist es, das Ich des Patienten mit seinem Charakter und damit nicht selten auch seinen Bezugspersonen zu versöhnen. Über das Erfahren der in der Muskel-/Charakterstruktur festgehaltenen Emotionen und deren Aufarbeitung in Verbindung mit der Analyse (Deutung von Übertragung und Widerstand) sowie der Integration des Erfahrenen in die Realität des Hier und Jetzt durch das Grounding können die eigene Gesamtpersönlichkeit wieder als sinnvoll, die körperliche Existenz als lustvoll erfahren werden.

3. Persönlichkeitsmodell / Menschenbild

Der Person werden als eigenständige Strukturen das Ich (mit Über-Ich und Ich-Ideal) sowie der Charakter zugeordnet. Dem Es wird die körperliche Basis dieser Strukturen gleichgesetzt - aus ihm entwickelt sich das Realitätsprinzip.

Der Körper drückt die Lebensprozesse aus und stellt - ist die Integrität des Organismus nicht in Frage gestellt - auch ein Ausdrucks- und Empfindungsmedium für Lust dar. Im anderen Fall (z.B. bei neurotischen Störungen mit den typischen, z.T. schweren muskulären Verspannungen) kann Lust nur sekundär oder gar nicht empfunden werden, da Erregungszustände nicht ausreichend gehalten bzw. gesteigert werden können. Damit verbunden sind oft auch Atemstörungen feststellbar, sind doch Atemrhythmus und -qualität sensible Indikatoren für das emotionale Gleichgewicht sowie die energetische Ökonomie des Organismus. Gleiches gilt für die Motilität des Körpers, die durch freie Pulsation der Bio(=Lebens-)energie ermöglicht wird: "Eine gesunde Person ist in ihren Bewegungen gut koordiniert, sie ist spontan und doch gut kontrolliert." (Lowen, Liebe und Orgasmus, S. 10). Daß sich die Psychoanalyse mit den körperlichen Aspekten innerer Zustände [wenigstens in ihrer orthodoxen Ausrichtung] so gut wie nicht auseinandersetzt und sie nicht therapeutisch verwendet, wird als "einer der Gründe für ihr relatives Versagen" (Lowen, ebd., S. 12) gewertet.

4. Zentrale theoretische Konzepte

Wie in der Psychoanalyse ist die erkenntnistheoretische Position der Bioenergetischen Analyse nur eingeschränkt mit dem objektivistischen Erkenntnisideal vereinbar, da die Forschung auch hier interaktionistisch erfolgt und Erkenntnis immer mit der Beziehung zwischen Analytiker und Analysanden verknüpft ist. Theoretische Konzepte werden auch heute noch fast ausschließlich vom mittlerweile über 80-jährigen Lowen geliefert, zu denen bioenergetische Therapeuten ihre in der Praxis gesammelten subjektiven Erfahrungen in Relation setzen.

So ist eine der Aufgaben der derzeitigen bioenergetisch arbeitenden Therapeutengeneration sicherlich die Reintegration des Erfahrenen in eine integrierbares, reproduzierbares theoretisches Konzept.

Einige der bereits herausgearbeiteten Ansätze möchte ich hier in kurzer Form erläutern:

Feeling und Panzerung

Muskuläre Verspannungen drücken neurotische Konflikte aus - hierbei wurden exakte Beziehungen zwischen Muskelspannungen und Hemmungen festgestellt, sodaß man nach einem Studium der muskulären Verspannungen erkennen kann, welche Impulse oder Gefühle in einer Person gehemmt sind.

Ist sich der Mensch erhöhter Muskeltoni bewußt, kann er sie also fühlen, dann ist ihm ein Mittel in die Hand gegeben, sie zu lösen oder sich mit den zugrundeliegenden Streßfaktoren auseinanderzusetzen. Unter der Bedingung regelmäßig zu erwartender Wiederholung von Anspannung jedoch (etwa im Bereich des Beckens / Beckenbodens im Zusammenhang mit rücksichtsloser Sauberkeitserziehung) strukturieren sich diese Verspannungsbereiche, die Verspannung verselbständigt sich also gewissermaßen und wird damit der bewußten Kontrolle entzogen.

Reich spricht in diesem Zusammenhang vom Muskelpanzer als somatischer Ausdruck des Charakterpanzers (den man vereinfacht als emotionalen Panzer umschreiben könnte). Lowen sagt: "Der Körper lügt nicht."

Orgasmusreflex und Triebtheorie

Erst mit dem Erreichen einer erwachsenen Genitalität, die gleichzeitig auch befriedigend sei (was orgastische - nicht nur erektive Potenz - voraussetzt), war lt. Reich eine wirkliche Heilung von Neurosen möglich. So nimmt der sog. Orgasmusreflex (der nicht notwendigerweise ein sexueller Orgasmus sein muß) eine zentrale Stellung im methodischen Konzept der Vegetotherapie ein. In der Bioenergetischen Analyse liegt das Augenmerk dagegen mehr bei der Entladungsfunktion für die Triebe: einem ständigen Wechselspiel zwischen Entladung (Entspannung) und neuerlicher Aufladung (Anspannung), die dann wieder zur Neuformation des betreffenden Impulses führt. Wichtig ist hierbei, daß nur die muskuläre Aktion die hohe energetische Ladung, die der Mensch zu produzieren imstande ist, zur Entladung bringen kann. Triebentladung (z.B. durch Sprache) ist nicht möglich, auch wenn diese vorübergehend aufgeschoben werden kann (Wechselwirkung Realitätsprinzip <-> Lustprinzip).

Grounding

Um während der Sitzungen erreichte Fortschritte besser in den Alltag transferieren zu können, wurde das Konzept des Grounding entwickelt, das das Prinzip der Einheit der eigenen Person mit der Umwelt (sowohl biologisch als auch sozial) repräsentiert. Als die wichtigsten Teilbereiche für die Integration von Therapiefortschritten in die Gesamtpersönlichkeit gelten die motorischen Funktionen, die Wahrnehmungsfunktionen und das Ausdrucksvermögen.

Charakteranalyse

Während des Therapieverlaufs werden die hervorstechendsten Persönlichkeitsstrukturen, aber auch der körperliche Ausdruck (z.B. "Körperlesen" in wenn mögl. nacktem Zustand, Umgang mit Körperübungen wie etwa das Einschlagen auf einen Polster etc.) analysiert, wobei auch die 5 bioenergetischen Charakterstrukturen mit ihren zugrundeliegenden Defekten und Abwehrmechanismen beachtet werden. Hierbei zeigt sich meist eine der Strukturen als dominant, gemischt mit Indikatoren anderer Strukturen (z.B. "Schizoide Struktur mit deutlichen psychopathischen Anteilen, orale Züge erkennbar.")

Reich arbeitete hier noch stark psychoanalytisch orientiert, entwickelte jedoch bereits tiefergehende Techniken der Übertragungsanalyse sowie der Widerstandsdeutung, die heute ebenfalls in der Bioenergetik Anwendung finden.

5. Therapeutische Praxis

Setting

Die Bioenergetische Analyse wird sowohl in der Einzel- als auch der Gruppentherapie angewandt. Bei letzterer unterscheidet man zwischen fortlaufenden Jahresgruppen (Dauer: 1-2 J., meist 14-tägig mit je 3 Std. analytischer-körperbezogener Arbeit) und Workshop-Arbeit (periodisch stattfindend mit begrenzter Zeitdauer, Schwerpunkt liegt bei Mobilisation und in-Kontakt-Kommen mit dem eigenen Körper). Weitere Einsatzmöglichkeiten finden sich in der Paar- und Familientherapie, aber auch Kindertherapie.

Ein vorgegebenes Setting gibt es in der bioenergetischen Analyse nicht - je nach Situation und Zielsetzung erfolgen Gespräche im Sitzen, Körperübungen oder -interventionen im Stehen oder Liegen, u.a. Der Klient wird zur kreativen Mitgestaltung der Therapieeinheiten ermutigt.

Therapieverlauf

Für den Therapeuten steht besonders am Beginn der Therapie immer die genaue Beobachtung des Klienten sowie seiner selbst. Durch das sog. "Spiegeln", einer Imitation seiner Haltung und seines Verhaltens, läßt sich das Ergebnis dieser Beobachtung noch verstärken. Damit beginnt bereits auch die Therapie - man könnte also von "Theragnose" sprechen.

Die therapeutische Beziehung macht folgende Entwicklungsstadien durch: Diagnose (Körperlesen), Einlassen (Übertragen, Grounding), Durcharbeiten (Charakteranalyse und Widerstandsarbeit), Loslassen (Abschluß der Übertragungs- und Grounding-Arbeit)." (Pechtl W., Die therapeutische Beziehung, 1980)

Das Grounding ist hierbei im Spannungsfeld der sich während des gesamten Therapieverlaufes ändernden Abwehrstrukturen eine gute Möglichkeit zur Standortbestimmung.

6. Anwendungsschwerpunkte

Anwendung

Neurosen- und Psychosenbehandlung, Psychosomatik (z.T. auch Krebserkrankungen -> Reich'sche Krebstheorie!)

Kontraindikationen

ungenügende Kontraktfähigkeit des Klienten, unzureichende Ausbildung des Therapeuten

Die Bioenergetische Analyse ist m.W. im gesamten europäischen Raum nicht von den Krankenkassen anerkannt. Aufgrund der Praxis der üblichen Anerkennungsverfahren handelt es sich daher bei der Bioenergetik um keine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapiemethode.*

 

7. Literatur

Kufner Waldemar, Bioenergetische Analyse, Junfermann, Paderborn 1990 (-> Petzold [2])
Lowen Alexander, Bioenergetik, Scherz, München 1976
Lowen Alexander, Liebe und Orgasmus, Kösel, München 1980
Pechtl Waldefried, Die therapeut. Beziehung u.d.Funktion d.Therapeuten in der b.A., Junfermann, Paderborn 1980
Petzold Hilarion, Die neuen Körpertherapien, Junfermann, Paderborn 1980 [1]


Literaturtipps zur weiterführenden Information


*) was mich dennoch nicht hindert, sie auf meinen Informationsseiten ergänzend anzuführen. Die Zweifel an der Bioenergetischen Analyse als "vollwertige" Psychotherapie sind auch aus meiner Sicht gerechtfertigt, allerdings eignen sich bioenergetische Methoden bei bestimmten Indikationen gut zur Ergänzung einer "klassischen" Psychotherapie.

DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Coach und Supervisor in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe.
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Anhang: weitere Literatur zum Thema, mit Leserrezensionen: