Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Presse-Splitter: "Essstörungen bei Jugendlichen"

Interview zu Ursachen und Veränderungsmöglichkeiten angesichts steigender Häufigkeit von Essstörungen bei Jugendlichen in Österreich

"Was sind die häufigsten Gründe für eine Essstörung?"

rlf:  

"Grundsätzlich handelt es sich bei Essstörungen ja um suchtartiges Verhalten - die Betroffenen beschäftigen sich stark mit der Ernährung und dem Aussehen des eigenen Körpers.
Ausgelöst wird dieses Verhalten häufig durch eine Störung des Körperbildes (man empfindet sich als zu dick), und wenn psychologische Probleme wie z.B. ein ungestilltes Bedürfnis nach Liebe oder Familienharmonie vorliegen. Sehr häufig ist auch ein negatives Selbstwertgefühl: sukzessive entwickelt sich dann die Idee, man könnte doch zumindest das eigene Äußere in eine attraktive Form "zurechthungern"."

Wie großen Einfluss nehmen Printmedien sowie Fernsehen und Internet auf Erkrankte?

rlf:  

"Während die Entstehung von Übergewicht oder im extremen Fall der Ess-Sucht in den westlichen Ländern von einer immer unnatürlicher werdenden Ernährung begünstigt wird, bilden für die Entstehung von Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) die ständige Betonung des Äußeren in unserer Welt einen ganz wichtigen Projektionspunkt für das Gefühl "ich bin, so wie ich bin, nicht ok - und muß etwas verbessern."

Wenn bis zu 25% von Jugend- und Frauenzeitschriften aus Kosmetik- und Styling-Tipps bestehen und die darin gezeigten Modelle stets schlank und hochattraktiv sind, werden natürlich Bedürfnisse ausgelöst, auch selbst so auszusehen."

Wie viele Mädchen, wie viele Jungen erkranken jährlich an Bulimie oder Magersucht?

rlf:  

"Je nach Studie wird von 20-30% Mädchen und Jungen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren mit Essstörungen wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Esssucht ausgegangen - eine erschreckend hohe Zahl. Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind besonders von Esssucht betroffen, die anderen Essstörungen treten häufiger in der Mittelschicht und den oberen sozialen Schichten auf."

Welche Störung ist häufiger: Magersucht oder Bulimie?

rlf:  

"Bulimie tritt bei weitem häufiger auf als Anorexie, ja kann angesichts der genannten Zahlen schon fast als "Gesellschaftskrankheit" bei Jugendlichen betrachtet werden. Aus psychologischer Sicht ist bereits ein unregelmäßiges, zwanghaftes Diät- oder Sportverhalten als Alarmzeichen zu sehen: wenn z.B. nach Phasen "normal" wirkenden Essens übertrieben Sport betrieben oder regelmäßig nach Heißhunger-Eßphasen wieder gehungert wird. Bei weitem nicht alle Jugendlichen und Erwachsenen "schaffen" es aber meiner Erfahrung nach, sich selbst zum Erbrechen zu bringen - normal ist ihr Essverhalten deshalb aber auch nicht. Diese Essstörung wird als "Binge Eating" bezeichnet."

Müssen die Erkrankungen in einer Klinik behandelt werden?

rlf:  

"Normalerweise nur dann, wenn das soziale Umfeld der betroffenen Mädchen oder Jungen eine Heilung gefährden könnte oder im Falle einer Anorexie (Magersucht) keine eigenständige Nahrungsaufnahme mehr möglich ist.
Grundsätzlich können mit ambulanter Psychotherapie, also dem regelmäßigen Besuch einer Beratungsstelle oder eines mit der Behandlung von Eßstörungen erfahrenen Psychotherapeuten, in der Regel sehr gute Erfolge erzielt werden. Je kürzer das Problem erst andauert, desto rascher meist der Behandlungserfolg. Ich beziehe dabei manchmal die ganze Familie mit ein, meist aber kommen die Jugendlichen lieber alleine, und nur fallweise und nach deren "Erlaubnis" kommen die Eltern hinzu. Wichtig ist mir hierbei eine Stärkung der gesamten Persönlichkeit - das ist wichtig, um spätere Rückfälle zu verhindern."

Wie sehr würden Sie Stars sowie Persönlichkeiten, die etwa in Jugendmagazinen schreiben, für solche Erkrankungen verantwortlich machen?

rlf:  

"Grundsätzlich halte ich die in unserer Kultur häufige Suche nach Schuldigen für gesellschaftliche und psychische Probleme für nur beschränkt hilfreich, tragfähige Lösungen zu finden. Vielmehr würde ich mir ein allgemein höheres Problembewußtsein bei Medienleuten, Lehrern, Eltern und Verwandten wünschen. Lifestyle-Zeitschriften wollen naturgemäß attraktive Menschen zeigen, aber schon ein "Normalo" alle paar Seiten oder innerhalb eines Gruppenphotos würde wohl eine wichtige psychische Wirkung erzielen.

Und vor allem: Aufklärung - Aufklärung - Aufklärung! Selbst heute noch sind viele Eltern und Lehrer alarmierend überrascht, wenn sie von teils schon monatelang dauernden Eßstörungen ihrer Kinder erfahren. Ich halte eine Thematisierung der Risken und Symptome im Unterricht und bei Elternabenden für enorm wichtig."

(Das Interview führte E.Postl, Der Kurier, 02/2007)

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DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Coach und Supervisor in Wien.
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