Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Pyramidenspiel Psychotherapie-Ausbildung

"2. Teil"

Was bedeutet der zu erwartende Gesamtvertrag für Psychotherapeuten in Ausbildung?

Seit dem Zustandekommen des Psychotherapiegesetzes im Jahre 1990 betreiben die Psychotherapieschulen in Österreich massiv Werbung, mittels derer Ausbildungskandidaten gesucht werden. Was sich ökonomisch für die bereits etablierten Schulen und Therapeuten durchaus bezahlt macht, kostet doch eine Psychotherapieausbildung mindestens € 20.000,-, inclusive aller Nebenkosten realistischerweise etwa € 40.000,-. Minimum.

Die Auszubildenden selbst machen sich hierbei auf einen langen und entbehrungsreichen Weg: nicht nur gilt es zu überlegen, ob und ggf. wie die aufgewendeten Beträge irgendwann wiederverdient werden können (bzw. wie sehr man bereit ist, den Lebensstandard für die laufenden Zahlungen zu reduzieren), vor allem aber bedeuten diese 5-9 Jahre Ausbildung auch eines: Durchhalten! Speziell die bereits im regulären Berufsleben erfolgreichen "Azubis" machen in der "Schülerposition" (mit Lehrern, die selbst zum Teil nur einen Bruchteil der heute erforderlichen Ausbildung absolviert haben) mitunter schwierige Zeiten durch. Ein positives Ende des beschwerlichen Weges ist jedoch keineswegs gewährleistet - gekauft wird ja nur die Ausbildungszeit, nicht aber der Abschluß. Wobei man fairerweise sagen muss, dass die PTh-Ausbildung - wohl durchaus systembedingt - nicht gerade durch strenge Selektion bekannt ist: weder beim Zugang, noch während des Ausbildungsweges, und auch nicht zum Zeitpunkt des Abschlusses.

Pyramidenspiel - Effekt.

Im Standard vom 22.04.1998 bereits verglich Dr. Wolfgang Friedl die Rahmenbedingungen der Psychotherapieausbildung mit sonst nur aus Pyramidenspielen**) bekannten Methoden: die bereits etablierten Therapeuten suchen (aus verschiedensten Gründen, die darzulegen hier zu weit führen würde, deren wichtigster aber ein Effekt des beschriebenen Systems sein dürfte: ein "Markt", der kaum mehr eine alleinige Ernährungsgrundlage darstellen kann) nach neuen Einnahmequellen - diese Einnahmequellen werden dann dank des Psychotherapiegesetzes und der damit verbundenen finanziellen Aufwände der AusbildungskandidatInnen abgesichert oder treten gar an deren Stelle. Die Luft am oberen Ende der Pyramide dagegen wird jedoch aus systemimmanenten Gründen zunehmends dünner: bereits jetzt klagen selbst früher bestens etablierte PsychotherapeutInnen, bei denen man einst monatelang auf einen Therapieplatz warten mußte, über schwindende Nachfrage: "die Neuen" drängen auf den "Markt".
Die logische Konsequenz eines Pyramidenspielsystems ist, daß die "nährenden" Elemente am Fuße der Pyramide (also die breite Masse jener, die seit etwa der Jahrtausendwende diese Ausbildung begannen), früher oder später realisieren werden, dass sich der Traum, einmal "gemütlich" in einer Praxis zu residieren, als Phantasiekonstrukt entpuppen dürfte, ja es sogar fraglich ist, ob sie jemals wieder ihre Ausbildungskosten hereinbringen können. Neuer Druck also: ebenfalls möglichst bald Teil des Systems, also Ausbildner oder Funktionär/in zu werden? Eine eigene Phantasieausbildung zu kreieren oder Zusatzkurse anzubieten, für die dann wieder zahlende Individuen gesucht werden, welche hoffen, solcherart einen Vorteil am Trampelpfad ergattern zu können?

Berufliche Perspektive: fragwürdig.

In Zukunft wird sich die überwiegende Anzahl der in Ausbildung befindlichen Therapeuten die Frage stellen müssen, ob auch nur ein teilweiser Broterwerb in diesem Beruf je möglich sein wird: die derzeit realisierten Formen von Krankenkassen-Verträgen ermöglichen nur solchen PsychotherapeutInnen einen Kostenersatz, die über zumindest ein Jahr Praxis in psychiatrischen Krankenhäusern u.dgl. verfügen *) - was die hinter dem Psychotherapiegesetz stehende Idee, den Beruf auch nichtärztlichen Personen offenzuhalten, ad absurdum führt, da nur die wenigsten davon längere Zeiträume hindurch zur Erringung der Vertragstherapeuten-Qualifikation ihren angestammten Arbeitsplatz verlassen können. Medienwirksam argumentieren läßt sich dieser Konsens freilich hervorragend: die "fachliche Qualifikation" muß als Begründung für eine Vereinbarung herhalten, nach der ca. 85% der derzeit in Ausbildung befindlichen Personen ohne massiven Zusatzaufwand keinen Kassenvertrag erhalten.

Selbst Außenstehenden dürfte jedoch nach dem Studium der Vertragsdetails klar sein, daß es bei dieser Frage (wie so vielen anderen Aspekten der Psychotherapieausbildung auch) weniger um den Schutz der österreichischen Bevölkerung vor angeblich unzureichend ausgebildeten Therapeuten, sondern vielmehr um monetäre Aspekte geht: für die Krankenkassen geht es um Millionen von Euro, die bisher vom Verwendungszweck Psychotherapie in andere, defizitäre Bereiche umgeschichtet werden konnten. Und das Gros des psychotherapeutischen "Establishments" hat sich auch hier wieder anhaltenden Geldfluß gesichert: die Vertragsbedingungen können von etablierten TherapeutInnen weitaus leichter erfüllt werden als von noch in Ausbildung befindlichen. Dem breiten, unteren Ende der Pyramide - tausenden in Psychotherapie-Ausbildung stehenden Frauen und Männern - wird es nach dem Abschluß der vieljährigen Ausbildung ohne neuerliche Sysiphus-Allüren nämlich schwerfallen, zukünftigen eigenen KlientInnen eine Krankenkassenvergütung anbieten zu können.

Teures Hobby Psychotherapie-Ausbildung

Es sei denn, sie liefern sich diesem System auf Gedeih und Verderb aus, quittieren ihren Broterwerbsberuf, um das zusätzliche Praxisjahr *) abdienen zu können - dies vermutlich ebenso ohne Bezahlung wie auch die bereits während der regulären Ausbildungszeit geleisteten hunderten Praxisstunden. Aber vielleicht ist bis dahin ja wieder alles ganz anders...

*) Alternative lt. dem Stand der Verhandlungen per 03/2000: mehrere Monate durchgehende "Vollbeschäftigung" in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen plus weitere 700 Praxisstunden (diese dann bereits als "fertige" PsychotherapeutInnen im "freien Markt" mit klinischem Klientel - aber ohne Kassen-Rückvergütungsmöglichkeit - erworben .. wie viele solche Klienten werden sich wohl finden lassen?)
Auch dies macht de facto einen berufsbegleitenden Erwerb der Kriterien unmöglich, und der/die AusbildungskandidatIn bleibt allein mit ihrem ohnmächtigen Gefühl der Hilflosigkeit, inmitten des Pyramidenspiels zu stecken - ständig nur zu investieren, aber nie auf die "Gewinnerseite" zu kommen .. und endlich die Ausbildung auch emotional abschließen zu können.

Gibt es Alternativen? Beim derzeitigen Stand der Vertragsverhandlungen wohl kaum. Von Seiten der Öffentlichkeit besteht naturgemäß großer Druck, die Verhandlungen abzuschließen, die Lobby der Ärztevertreter wiederum (deren vorrangiges Ziel es sein dürfte, ihren per Schnellsiedekurs zu "Ärzten mit Psy-Diplom" ausgebildeten Kollegen einen möglichst fetten Anteil der etwa doppelt so hoch bezahlten "ärztlichen Psychotherapiestunden" zu verschaffen) macht einen baldigen positiven Vertragsabschluß auf ihre spezielle Weise notwendig.

Schlußfolgerungen

Es steht zu befürchten, daß die geplanten Regelungen während der nächsten Jahre a) eine mehr „krankheitsorientierte" Diagnostik (Bedingung für die Rückerstattung durch die Krankenkassen), b) eine Reduktion der Qualität der angebotenen Psychotherapien (wegen der bei weitem schlechter ausgebildeten -wenn auch besser bezahlten- "ärztlichen Psychotherapeuten" einerseits sowie auf ausreichende "KlientInnen-Mengen" achten müssender Psychotherapeuten mit dem gering bezahlten Kassenvertrag) andererseits und c) unglücklicherweise vermutlich auch eine "Aufweichung" der wissenschaftlich ausgeübten Heilkunst in Richtung nicht anerkannter oder sogar "esoterischer" Methoden (aus Gründen des Selbstmarketing und mit dem Ziel besserer Einnahmensicherung) mit sich bringen wird. Das offizielle Ziel der Krankenkassen, eine flächendeckendere Versorgung der Bevölkerung mit Psychotherapie zu erreichen, wird durch die geplanten Maßnahmen zweifellos erreicht werden - der Preis hiefür scheint mir allerdings ein überaus hoher zu sein.

Diesen nämlich wird zum einen die Bevölkerung zahlen müssen, für die es in Zukunft noch schwieriger wird, sich im Dschungel von PsychotherapeutInnen zurechtzufinden.

Zum anderen zahlen ihn jene Menschen, die diesen Beruf aus Überzeugung ausüben wollen und für die er nicht nur lediglich eine taktische oder Lifestyle-Zusatzausbildung darstellt.

Das positive Selbstgefühl, das nach Abschluß dieser langjährigen und häufig entbehrungsreichen Ausbildung erhofft wird, liesse sich für das in die Ausbildungspyramide investierte Geld jedenfalls zuverlässiger auf einer 2-jährigen Weltreise, der Anzahlung für ein Eigenheim oder 1-2 Luxuswägen finden.

 

**) zu den derzeit ebenso florierenden Coaching-Ausbildungen folgte übrigens einige Jahre später ein ähnlicher Artikel: "Coaching-Mania" von Johanna Zugmann im Standard vom 28.03.2004

 


Anmerkungen / Beiträge von BesucherInnen:

(an dieser Stelle fanden sich früher ein paar Kommentare von Besuchern. Die diesbezügliche Kommunikation kann seither auf adäquatere Weise im Online-Forum meiner Website fortgesetzt werden, an dieser Stelle möchte ich nur das Zitat eines damaligen Website-Besuchers anführen, der selbst auf "unvergeßliche" Erfahrungen im Zuge seiner Psychotherapie-Ausbildung verweisen kann, die von Gruppenklagen und Zusatz-Eigentherapiebedarf gebrandmarkt war.)

Dr. Jack: 13 "Hütet-Euch"-Gebote

1. Ausnahmsweise ganz entgegen Groucho Marx: "Ich würde nie einem Verein beitreten, der mich haben will!", würde ich dringend raten - die Finger von einem Verein zu lassen, der Schwierigkeiten bei der Aufnahme macht! Ein Kniefall vor dem "Sektenmanagement" fordert dieses zum Missbrauch geradezu heraus! Ebenso fragwürdig scheinen mir andererseits auch Vereine zu sein, die allzu offensichtlich und bemüht nach Ausbildungskandidaten suchen - z.B. über Werbeeinschaltungen in Fachzeitschriften, Flugblätter, Aussendungen etc., oder bei denen beim Bewerbungsgespräch der Eindruck entsteht, hier würde so gut wie jeder aufgenommen...).
Insistieren Sie nicht auf diese "gesetzlich geregelte" Berufsausbildung in der Preisklasse eines Luxus-BMW. Kaufen Sie Ihren Kindern etwas Schönes, fahren Sie in die Karibik oder spenden einfach Greenpeace oder den Erdbebenopfern in Afghanistan.

2. Fordern Sie einen schriftlichen Ausbildungsvertrag, in dem Art und Umfang, Kosten und Dauer der Ausbildung, Ein- und Ausstieg, Haftung(!), Rechte, Pflichten genau beschrieben sind! Besorgen Sie sich die Vereinsstatuten.

3. Achten Sie auf zurückliegende Katastrophen (des Vereins bzw. darin massgeblich agierender Einzelpersonen wie z.B. DirektorInnen, AusbildnerInnen oder LehrtherapeutInnen), Spaltungen (besonders Spannungen mit anderen Ausbildungsvereinen), Gerüchte über anhängige Gerichtsverfahren oder Drohungen mit der Ethikkommission. (Psychotherapie arbeitet nach dem Muster des Wiederholungsprinzips!)

4. Sprechen Sie mit Kollegen, die in der Institution eine Ausbildung abgeschlossen haben oder weit fortgeschritten sind. Kümmern Sie sich auch um außenanamnestische Angaben!

5. Absolvieren sie keine Ausbildungsteile, von denen nicht von vorneherein klargestellt ist, wofür sie angerechnet werden (z.B. Zusatzseminare, Jour Fixes, Praktika, Supervisionen,..).

6. Achten Sie darauf, ob Sie auf Ihre Fragen echte Stellungnahmen bekommen, oder ob Sie im "therapeutischen Nirwana" stehengelassen oder gar mit der Antwort auf später vertröstet werden! (z.B welche konkreten Möglichkeiten bestehen im Fall von Schwangerschaft oder anderen Umständen, die eine Unterbrechung der Ausbildung erfordern, Fragen Sie nach realistischen beruflichen Chancen auf dem "Therapiemarkt" usw.)

7. Achten Sie also auf Klarheit, besonders aber auf das, worauf nicht eingegangen wird, was nicht angesprochen wird.

8. Vermeiden Sie, rein mündliche vage Zusagungen oder vertrauensfordernde Vorschüsse zu akzeptieren (die kommen sehr teuer!).

9. Fallen sie nicht auf Ihr Helfersyndrom herein und versuchen Sie nicht, dem vielleicht gerade erst gegründeten (oder nach "finanzieller Optimierung" strebenden) Verein Arbeit ehrenamtlich abzunehmen!

10. Setzen Sie ihr Vertrauen nicht in Einzelpersonen, auch wenn diese Ihr Vertrauen verdienen - die nächste Generalversammlung kommt bestimmt, und das Ausbildungsteam könnte danach ein völlig anderes sein!

11. Investieren Sie keinen Cent mehr als unbedingt notwendig!

12. Würdigen Sie die Meinung Ihres Partners, Kollegen, Ihres Chefs, der Nachbarn, Freunde und deren Hausverstand - sofern diese nicht Psychotherapeuten(!) sind ... Nehmen Sie Bedenken und Warnungen von neutralen Unbeteiligten ernst, wenn Sie sie um Rat fragen.

13. Sie kennen vermutlich Leute, die ihre Psychotherapieausbildung nie abgeschlossen haben: eruieren Sie die (Ab-)Gründe!

Gez. Dr.Jack

(Apr 12, 2002)  (->Antwort im Forum möglich)

DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe.
Bei Volltext-Übernahme zusätzlich auch Genehmigung des Verfassers erforderlich.

Artikelbezogene Themenbereiche und verwandte Begriffe: Psychotherapie, Ausbildung, Pyramidenspiel, Kassenvertrag, Gesamtvertrag, Psychotherapieausbildung, Propädeutikum, Psychotherapie-Ausbildung, Wien / Österreich