Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Hypersexualität bei Frauen - gibt es das?

Interview "Huffington Post", 03/2014

Gibt es überhaupt hypersexuelle Frauen?

Um dies zu beantworten, muss man zunächst einmal klären, was Hypersexualität eigentlich meint. Psychiatrische Diagnosen waren immer schon stark von kulturellen Normen abhängig. Während des viktorianischen Zeitalters etwa wurde "Nymphomanie" (die weibliche Form dessen, was man heute als "Hypersexualität" bezeichnet) als schwere psychische Krankheit betrachtet. Darunter fielen damals wohlgemerkt auch Frauen, die uneheliche Kinder zeugten oder masturbierten - aus heutiger Sicht sind das unfaßbar sexistische und lebensfremde Kriterien.

Heute ist man der Ansicht, dass Menschen nicht aufgrund ihrer sexuellen Bedürfnisse stigmatisiert werden sollten. Sexuelles Verhalten wird unter anderem dann als krankhaft betrachtet, wenn es die Betreffenden belastet und von ihnen selbst nicht kontrollierbar ist. Man ist also im Vergleich zum 18. Jahrhundert viel zurückhaltender mit der Diagnose geworden. ;-)

Eine Frau, die dauernd Sex haben will - ist das nicht ein Männertraum?

Zumindest lautet so das Klischee! In der Sexualberatung begegnen mir Männer, die sich schon unter Druck gesetzt fühlen, wenn ihre Partnerin 2x pro Woche Lust auf Sex hat.

Hypersexuelle Menschen leiden häufig daran, aufgrund ihres starken sexuellen Appetits keine stabilen Partnerschaften aufbauen zu können. Oder sie finden sich in Beziehungen wieder, in denen auch ihre PartnerInnen psychische Probleme haben. Die wenigsten Männer würden also mit einer hypersexuellen Frau dauerhaft glücklich sein.

Ab wann ist sexuelles Verhalten krankhaft?

Wichtig ist die Frage: kann ich mein Verhalten kontrollieren, meine sexuellen Bedürfnisse zügeln? Wenn jemand bereits nach einer Sex-Abstinenz von 2-3 Tagen körperliche oder psychische Symptome entwickelt (etwa Magenbeschwerden, Verspannungen, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen), dann ist die betreffende Person durch ihren inneren Druck belastet und eingeschränkt, sie zeigt Symptome von Abhängigkeit.

Wie häufig kommt Hypersexualität bei Frauen vor?

Bei Frauen wird sie seltener als bei Männern diagnostiziert - vielleicht deshalb, weil promiskuitives Verhalten oder "sexueller Druck" bei Frauen auch heute noch weitaus stärker tabuisiert ist als bei Männern. Frauen sprechen dieses Problem seltener an als Männer und haben gelernt, ihre Lust zu verbergen und zu verdrängen. So suchen "sexsüchtige" Männer häufiger Sexualberatung, nicht zuletzt oft auch auf massiven Druck ihrer Partnerinnen. Betroffene Frauen hingegen sind häufig Singles, gefangen zwischen ihrem starken Drang nach Sex einerseits und der Sehnsucht nach emotionaler Geborgenheit andererseits. Beides zu vereinen, gelingt jedoch nur den wenigsten - auch deshalb, weil hypersexuelles Verhalten Ausdruck einer tieferliegenden psychischen Störung sein kann.

Was sind Auslöser dieser Krankheit?

Darüber besteht selbst in Expertenkreisen keine Einigkeit.
Es gibt aber wie erwähnt eine Reihe von anderen psychiatrischen Auffälligkeiten, bei denen zumindest phasenweise starker sexueller Druck empfunden werden kann - etwa bipolare Störungen, Borderline-Störungen, das Alzheimer-Syndrom, eine erhöhte allgemeine Anfälligkeit für Suchtverhalten. Chronischer oder intensiver Konsum von Alkohol oder anderen Drogen kann ebenfalls zumindest vorübergehend "hypersexuelle" Phasen auslösen. Können keine solchen Auslöser gefunden werden, kann Hypersexualität häufig durch ein intensives, kaum zu stillendes Bedürfnis nach Intimität erklärt werden.

Es heißt oft, Sexsucht sei eine Modediagnose, die es gar nicht gibt - etwa weil sich in Hollywood so viele Männer damit diagnostizieren lassen, die eine Rechtfertigung für's Fremdgehen brauchen. Was sagen Sie dazu?

Ich teile die Ansicht, dass es sich um eine Modediagnose handelt - das heißt aber nicht, dass es so etwas wie "Sex-Sucht" nicht gibt.
Allerdings kann die Diagnose, wie Sie richtig sagen, auch ein Feigenblatt sein: z.B. für schillernde Hollywood-Stars, die verhindern möchten, dass sich die vorgeblich hochmoralische US-Öffentlichkeit entsetzt von ihnen abwendet. Denn auch wenn wir angeblich ja alle aufgeklärt und sexuell freizügig sind, hängen die meisten von uns immer noch dem romantischen Idealbild lebenslanger Liebesbeziehungen und sexueller Treue nach, während alles andere problematisch, ja möglicherweise sogar "krankhaft" ist.

(Interview für "Huffington Post", 03/2014)

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DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Coach in Wien.
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"Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen." (offizielle Definition von Gesundheit gemäß der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 22. Juli 1946)

Anhang: weitere Literatur zum Thema, mit Leserrezensionen: