Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu spĂ€t ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz ĂŒberraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –  deutlich stĂ€rker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen wĂŒrden. Dies lĂ€ĂŸt die Vermutung zu, dass es sich hĂ€ufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” fĂŒr die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tatsĂ€chlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

WĂ€hrend der letzten Jahre wurde von Psychologen, Ärzten und Therapeuten fĂŒr die Diagnosestellung, PrĂ€ventions- und TherapieansĂ€tze des “Burnout-Syndroms” eine ganze FĂŒlle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung  / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte LeistungsfĂ€higkeit Ă€ussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Erschöpfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und körperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gefĂŒhllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. SchĂŒler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt GefĂŒhle des Versagens und UngenĂŒgens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen FĂ€higkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte  Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zurĂŒckgefĂŒhrt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis persönlicher Überlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” geprĂ€gt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute hĂ€ufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome mĂŒssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erfĂŒllen
  • Überarbeitung mit VernachlĂ€ssigung anderer persönlicher BedĂŒrfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und GeringschĂ€tzung Anderer
  • RĂŒckzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche VerhaltensĂ€nderungen, fortschreitendes GefĂŒhl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verlĂ€uft zunehmend „mechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese GefĂŒhle durch Überreaktionen zu ĂŒberspielen (SexualitĂ€t, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie GleichgĂŒltigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch körperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und EffektivitĂ€t im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erhöhte AusschĂŒttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anfĂ€lliger fĂŒr Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das SchlĂŒsselwort, denn “Burnout” ist tatsĂ€chlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell gĂŒltigen und vor allem im angloamerikanischen Raum hĂ€ufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen nĂ€chsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V Ă€ndern wĂŒrde. Wie also lĂ€sst sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen Störungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Erschöpfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider Störungsbilder, auch kann emotionale Erschöpfung unbehandelt in Burnout mĂŒnden.

– Auch zwischen Schlafstörungen und Burnout bestehen ZusammenhĂ€nge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tagsĂŒber besteht hĂ€ufig SchlĂ€frigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt können Schlafprobleme einen Risikofaktor fĂŒr spĂ€teres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale Störungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 auslösen. Chronisch höhere Spannungen in der Arbeit wiederum fĂŒhren zu erhöhter Kortisol-AusschĂŒttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit HyperlipidĂ€mie und arterieller Hypertonie begĂŒnstigt. Die hĂ€ufig stressbedingten gesundheitsschĂ€digenden Verhaltensweisen, etwa erhöhter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung körperlicher und psychischer Erholung, dĂŒrften nach einiger Zeit auch ohne körperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, MĂ€nner dagegen nahezu ausschließlich auf kardiovaskulĂ€rer Ebene.

Depression: Die hĂ€ufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen Ärzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen ĂŒber Burnout-ZustĂ€nde in Depressionen mĂŒnden können. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate PhĂ€nomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge mĂŒndet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich hĂ€ufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gemĂ€ĂŸ ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrĂŒckten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und AktivitĂ€t. Die FĂ€higkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. AusgeprĂ€gte MĂŒdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. SelbstwertgefĂŒhl und Selbstvertrauen sind fast immer beeintrĂ€chtigt. Sogar bei der leichten Form kommen SchuldgefĂŒhle oder Gedanken ĂŒber eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrĂŒckte Stimmung verĂ€ndert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf LebensumstĂ€nde und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, FrĂŒherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. AbhĂ€ngig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein betrĂ€chtlicher Teil der Menschen, die wegen „Burnout” eine lĂ€ngere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – nĂ€mlich dann, wenn alle fĂŒr die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression gehört immer auch das GefĂŒhl tiefer Erschöpftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten dĂŒrfte, da dieser Zustand SelbstĂŒberforderung oder Überforderung durch außen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsĂ€chliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen fĂŒhren kann. Viele depressiv Erkrankte etwa fĂŒhlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche TĂ€tigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie hĂ€ufig empfohlen, langsamer zu treten, lĂ€nger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tatsĂ€chlich eine depressive Erkrankung vor, wĂ€ren dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gefĂ€hrliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf lĂ€ngeren Schlaf und eine lĂ€ngere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsstörung, GrĂŒbeln und der UnfĂ€higkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedrĂŒckend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose ermöglicht einen adĂ€quaten Therapieansatz sowie ein möglichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

TherapieansÀtze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der KomplexitĂ€t der möglichen Ursachen und ZusammenhĂ€nge, aber auch aus GrĂŒnden der hĂ€ufig schwierigen Abgrenzung der Ätiologie und gegenĂŒber anderen Störungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgfĂ€ltige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgemĂ€ĂŸ nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression genĂŒgen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien fĂŒr das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und StressbewĂ€ltigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen körperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist adĂ€quate und regelmĂ€ĂŸige Psychotherapie, nötigenfalls mit pharmakologischer UnterstĂŒtzung, bis zum völligen Abklingen der Symptome ĂŒber einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Maßnahmen ist verbesserte StressbewĂ€ltigung (Coping) und PrĂ€vention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in EinzelfĂ€llen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht adĂ€quat verĂ€ndert werden können und eine positive ArbeitsatmosphĂ€re nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche VerĂ€nderung oder ein vorĂŒbergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollstĂ€ndige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, IsometsĂ€ E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders – results from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16–22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159–64.
Nil R, Jacobshagen N, SchĂ€chinger H, Baumann P, Höck P, HĂ€ttenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout – an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72–7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Jul 23

Fetisch oder Sexualstörung? BuchempfehlungBin ich “pervers” oder erfreue ich mich schlicht am Außergewöhnlichen? Die Antwort auf diese Frage erfuhr im Laufe der menschlichen Geschichte signifikante VerĂ€nderungen. So manche Sexualpraktik, bei deren AusĂŒbung man vor wenigen hundert Jahren noch als “Besessener” am Scheiterhaufen verbrannt oder in den “Narrenturm” gesperrt worden wĂ€re, wird heute als durchaus normal betrachtet. Dennoch existieren Formen des sexuellen Verhaltens, die selbst dann als pathologisch betrachtet werden, wenn man moralische Gesichtspunkte außer Acht lĂ€ĂŸt: als Störung oder sogenannte “Paraphilie” wird bezeichnet, wenn die sexuellen Verhaltensweisen oder TriebkrĂ€fte die Betroffenen belasten oder sie selbst oder andere schĂ€digen. Dies ist eine wichtige Unterscheidung, um Abwertungen schlicht “ungewöhnlicherer” Vorlieben wie etwa einer sexuellen AttraktivitĂ€t des gleichen Geschlechts – welche bis 1973 immer noch Teil der DiagnosehandbĂŒcher war – zu vermeiden.

ZukĂŒnftige Versionen dieser DiagnoseschlĂŒssel werden vermutlich noch weiter zwischen Paraphilien und “paraphilen Störungen” unterscheiden. Eine Paraphilie selbst wĂŒrde nicht automatisch als therapiebedĂŒrftig betrachtet, sondern lediglich Störungen – das, was Betroffenen belastet oder sie selbst oder ihre Sexualpartner schĂ€digen könnte. Außergewöhnlichere Vorlieben wie etwa “cross-dressing” wĂŒrden demnach nicht mehr automatisch als krankheitswertig (z.B. “Transvestitismus”) diagnostiziert werden – außer, die betreffende Person wĂ€re damit unglĂŒcklich oder ihr Leben beeintrĂ€chtigt.

WĂ€hrend diese neue Generation der Diagnoseschemata definitiv viele Formen von Abwertung verhindern wird, werden sich die Diagnosen andererseits auch wieder stĂ€rker an kulturellen Wertungen orientieren: in Gesellschaften mit engeren kulturellen Normen wie etwa den meisten asiatischen LĂ€ndern werden dann wohl wieder hĂ€ufiger Menschen als “sexuell abnorm” diagnostiziert werden, sobald diese neuen Klassifikationen zum neuen medizinischen Standard erklĂ€rt wurden, da das Verhalten der Betreffenden viel eher als “schĂ€digend” oder “belastend” fĂŒr andere betrachtet werden dĂŒrfte.

Die hĂ€ufigsten Paraphilien, die heute als Störungen gelten, sind Exhibitionismus, Fetischismus (sofern bestimmte Objekte erforderlich sind, um Erregung zu verspĂŒren oder einen sexuellen Höhepunkt zu erreichen), Frotteurismus (das BedĂŒrfnis, fremde Personen zu berĂŒhren), PĂ€dophilie, sexueller Masochismus und Sadismus, Transvestitismus, Urophilie und Voyeurismus. Diese Formen sexueller Abweichung können zu einem massiven Problem werden, wenn die ausgewĂ€hlten SexualpartnerInnen diese ablehnen oder nicht mĂŒndig sind, wenn lokale Gesetze verletzt werden oder die sexuelle ErlebensfĂ€higkeit einer Person ausschließlich davon abhĂ€ngt…

Können Paraphilien “geheilt” werden? Viele Experten meinen, dies sei nicht möglich, zumindest nicht mit Standardmethoden der Sexualtherapie. Immerhin aber können viele Personen in einer solchen lernen, ihr Sexualverhalten besser zu “managen” und flexibler zu gestalten – zumindest in einem Ausmaß, in dem GesetzesverstĂ¶ĂŸe oder eine Zerstörung ihrer Partnerschaften vermieden werden können.

WeiterfĂŒhrende Artikel und Literaturtipps:

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011)

Jul 07

Sich im Internet ĂŒber eine Krankheit zu informieren ist nicht schlecht. Daraus SchlĂŒsse zu ziehen und entsprechend zu handeln kann jedoch gefĂ€hrlich sein.

Bei einer Krankheit suchen viele Patienten zuerst im Internet um Rat und entscheiden auf dieser Basis, welche weiteren Schritte sie unternehmen. Viele der hier verfĂŒgbaren Informationen sind jedoch falsch oder unvollstĂ€ndig, sagen US-Forscher in der Fachzeitschrift “Journal of Bone and Joint Surgery”. Besonders bei kommerziellen Seiten raten sie zur Vorsicht.

Immer mehr googeln Krankheiten

“Immer mehr Menschen erscheinen mit Ausdrucken aus dem Internet in den Arztpraxen”, erklĂ€rt Studienautor Madhav A. Karunakar vom Carolinas Medical Center die Motive der Forschung. Wichtig sei zu wissen, dass es große Unterschiede in der QualitĂ€t der online verfĂŒgbaren Informationen gibt. “Ärzte sollten gut vorbereitet sein, um diese Informationen mit den Patienten zu diskutieren. Sonst kann es schnell zu falschen Interpretationen kommen.”

Die Forscher nahmen die hĂ€ufigsten Sportverletzungen unter die Lupe und ĂŒberprĂŒften, was im Web ĂŒber sie geschrieben steht. Dazu gehörten etwa BĂ€nderrisse, Verletzungen der Rotatorenmanschette oder des Meniskus, Knie- und SchulterlĂ€sionen, der Tennisellbogen und die aseptische Knochennekrose. Ausgewertet wurden die jeweils zehn ersten SucheintrĂ€ge bei Google und Yahoo, wobei man Punkte nach VollstĂ€ndigkeit, Richtigkeit und Klarheit der Darstellung vergab. Vermerkt wurde auch, wer die Information veröffentlicht hatte.

UnabhÀngige Seiten bieten beste Information

Die besten Inhalte gibt es bei den Non-Profit-Seiten, gefolgt von den wissenschaftlichen Quellen – wozu auch medizinische Journale gezĂ€hlt wurden. Abgeschlagen davon sind die nicht auf Verkauf orientierten kommerziellen Seiten und ganz am Ende Artikel von Nachrichtenmedien sowie von Einzelpersonen. Kommerzielle Seiten mit finanziellem Interesse an der Diagnose – etwa aus der Pharmabranche – waren hĂ€ufig vertreten, jedoch selten vollstĂ€ndig.

“Unter den ersten zehn Suchergebnissen sind im Schnitt zwei gesponserte Seiten zu finden”, so Karunakar. Bei diesen gehe es den Betreibern vor allem darum, ihre Produkte zu verkaufen, weshalb sie oft tendenziös seien und wenig ĂŒber Risiken oder Nebenwirkungen der beworbenen Behandlung informieren. Die Forscher empfehlen daher, kommerzielle Seiten bis auf wenige seriöse Ausnahmen lieber zu meiden.

Riskante Selbsttherapie

“Sich im Internet ĂŒber eine Krankheit zu informieren ist nicht schlecht. Daraus SchlĂŒsse zu ziehen und entsprechend zu handeln kann jedoch gefĂ€hrlich sein”, betont GĂŒnther Wawrowsky, Sprecher der niedergelassenen Ärzte der österreichischen Ärztekammer. Besonders bei ungĂŒnstigem Verlauf einer Krankheit oder Unsicherheiten sollte man lieber den Arzt aufsuchen. “Medizin ist nicht nur ein Messen und WĂ€gen und man kann nicht alles niederschreiben. Was zĂ€hlt, ist besonders die Erfahrung”, so der Experte.

(Quellen: pte, Der Standard 06.07.2010; Image src:wired.com)

Mar 17

Bildquelle: Jesus.ch. Der zitierte PsychĂ­ater ist lt. eines inhaltlich bemerkenswerten KathPedia-Eintrages aktives Mitglied der Organisation Opus Dei.

Als hĂ€tte das Volk der Hiobsbotschaften noch nicht genug, lĂ€ĂŸt die deutsche Tageszeitung “Die Welt” mit einer neuen Schreckensmeldung aufhorchen: mindestens 400.000 Deutsche und 40.000 Österreicher (grĂ¶ĂŸtenteils sind MĂ€nner gemeint) sollen InternetsexsĂŒchtig sein. Noch schlimmer, so wird ein bisher eher in anderen Forschungsrichtungen aufgefallener, nunmehr aber offenbar Internetsexsucht-“Experte” zitiert: “Viele MĂ€nner können kaum mehr alleine vor einem Computer sitzen, ohne auf einschlĂ€gigen Seiten zu suchen.” Die im Internet mögliche AnonymitĂ€t mache Pornografie weniger stigmatisierend und fĂŒhre zu einer Art Klebeeffekt. “Nicht immer, aber leider sehr hĂ€ufig verlangen die User immer intensivere Reize und wechseln so von Softporno ĂŒber Hardcore zu Gewalt- und schließlich Vergewaltigungspornos”, so der österreichische PsychĂ­ater R. Bonelli im Interview.

Nur gut, dass es da eine einschlĂ€gige Fachtagung vor Ort gibt, die als Ergebnis wohl verkĂŒnden wird, dass die Betroffenen therapiert werden mĂŒssen, am besten von den einschlĂ€gigen Experten. Zur VerstĂ€rkung des GĂ€nsehaut-Effekts schließt man gerne auch an aktuelle Aufreger-Themen an: “[Internetsexsucht] hat durch die neu aufgebrochene PĂ€dophilie-Diskussion an zusĂ€tzlicher AktualitĂ€t gewonnen; und [das Internet hat] der Kinderpornographie zusĂ€tzlichen Spielraum eröffnet.”

“Bei der Internetsexsucht handelt es sich genauso wie bei der Sexsucht generell um eine verdrĂ€ngte, stille und heimliche Sucht, die zu den SchamsĂŒchten zĂ€hlt.” Was auch immer unter diesem Begriff zu verstehen ist. Jene, die glauben, das Problem durch Psychotherapie oder gar im Alleingang bewĂ€ltigen zu können, werden im Artikel von einem anderen Psychiater eines besseren belehrt: “Der ĂŒbermĂ€ĂŸige Konsum sexueller Inhalte im Netz ist als substanzungebundene Sucht zu verstehen, die zeitweise das Regulativ des Frontalhirns ausschaltet. Das rasche Abflauen der Erregung fordert im typischen Fall eine stĂ€ndige ImpulsverstĂ€rkung, sowohl quantitativ als auch mit einer Intensivierung der Inhalte (BrutalitĂ€t und Perversion).” Doch fĂŒr das Ein- oder Ausschalten von Hirnbereichen benötigen wir, das wird von der Pharmaindustrie, der Genforschung und der Psychiatrie ja seit Jahren nimmermĂŒde repetiert, Medikamente oder (bislang glĂŒcklicherweise aber nur in den schlimmsten FĂ€llen!) sog. “Hirnschrittmacher”.

Da haben wir es also: wenn sich das “böse Internet” (wo nur mit totaler Überwachung und staatsseitigen, selektiven Sperren und Filtern den schlimmsten Gefahren beizukommen ist) und Pornografie (sĂ€mtliche ErklĂ€rungen ĂŒberflĂŒssig) sich vereinen, landet man womöglich bei den gefĂŒrchtetsten aller Berufsgruppen: Therapeuten oder Psychiatern.

Meinerseits möchte ich mich von der Medialisierung und Kommerzialisierung dieses Themas (gerade auch durch FachĂ€rzte und Ausbildungsinstitutionen, die doch eigentlich fĂŒr fachlich fundiertere Diagnostik stehen sollten) sowie den moralisierenden Untertönen, die sich in die Beschreibung der Symptome gegenĂŒber sog. “gesunder” oder “normaler” SexualitĂ€t und Partnerschaft mitschwingen, entschieden abgrenzen. Wir benötigen keinen neuen Suchtbegriff, und es ist niemandem (außer den Selbstvermarktungsspezialisten selbstverstĂ€ndlich) geholfen, wenn hunderttausende Menschen per Fachkommentar pathologisiert werden.

Wir haben als sehr hilfreiches Klassifikationskriterium das der “nicht substanzgebundenen AbhĂ€ngigkeiten” (in Unterscheidung zu den “Psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen” gem. ICD-10, und nach bereits sehr umfangreicher Forschungsarbeit das der sog. “Internet-AbhĂ€ngigkeit” (bzw. wie ich 2000 vorschlug, der “AbhĂ€ngigkeit von Neuen Medien“). All diese Begriffe sind weit genug gesteckt, um sĂ€mtliche Devianzen von einem “normalen” (i.S. eines nicht schĂ€dlichen und vor allem frei regulierbaren) PC- oder Internet-Gebrauch zu beschreiben. Ob jemand pornografisches Material aus dem Internet herunterlĂ€dt, mit Freunden tauscht oder “physisch” kauft, ist aus fachlicher Sicht (von dynamischen Faktoren abgesehen) relativ unbedeutend: wir sprechen ja auch nicht von einer “Haltestellen-Heroinsucht”, nur weil die Droge besonders hĂ€ufig und leicht in U-Bahn-, Bus- und Bahnstationen erworben wird. DarĂŒber hinaus ist der Konsum von Pornografie, wie auch jĂŒngste Studien (siehe Quellenverweise unten) wieder bestĂ€tigen, per se weder fĂŒr die Konsumenten selbst, noch fĂŒr deren Beziehungen sonderlich “gefĂ€hrlich”. Problematisch wird er erst dann, wenn eine zwanghafte Komponente hinzukommt, also der Konsum von Pornografie von den Betroffenen kaum mehr reguliert werden kann, wenn andere Lebensaspekte darunter leiden (hĂ€ufig sind dies z.B. berufliche Verpflichtungen, die hĂ€usliche Organisation, soziale Kontakte oder die Partnerschaft dadurch gefĂ€hrdet wird), und zusĂ€tzlich soziale Isolation, Entzugssymptome wie Streß oder  Spannungsphasen oder auch als Parallsymptomatik Depressionen diagnostizierbar sind. Dann allerdings ist “Feuer am Dach”, und es sollte im Interesse einer Wiederfindung des psychischen Gleichgewichts therapeutische UnterstĂŒtzung – möglichst bei Psychotherapeuten, die ĂŒber Erfahrung in der Suchtbehandlung verfĂŒgen – gesucht werden.

(Quellen: [1], [2], [3], [4], [5])

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enthĂ€lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensstörungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschließlich psychischer und Verhaltensstörungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verfĂŒgen aber nicht nur ĂŒber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun fĂŒr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: fĂŒr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten EntwĂŒrfe zur Veröffentlichung freigegeben, die endgĂŒltigen Fassungen werden dann fĂŒr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der VorschlĂ€ge fĂŒr den neuen DSM-V veröffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden mĂŒssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal ĂŒberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was ĂŒber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt fĂŒr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “VĂ€ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, daß die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen TĂŒren stattfinden, selbst ihm habe man einschlĂ€gige AuskĂŒnfte verwehrt. Sein Nachfolger fĂŒr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Außerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“BeflĂŒgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard UniversitĂ€t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die große Bedeutung solcher Diagnosemöglichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, hĂ€tten sich diese Erwartungen aber nicht erfĂŒllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverlĂ€ssig feststellen ließen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, PersönlichkeitszĂŒge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche Änderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-MentalitĂ€t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise fĂŒnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgeprĂ€gt sind. Solcherart soll dem hĂ€ufigen Umstand besser gerecht werden, daß viele Patienten nicht nur an einer einzelnen Störung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch könnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgestört und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz könnte auch dazu fĂŒhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert fĂŒr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon fĂŒr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den Ärzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, löst aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

DarĂŒber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingefĂŒhrt, die ebenfalls fĂŒr Diskussionsstoff sorgen dĂŒrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die frĂŒhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das könne zu einer verfrĂŒhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unnötigen Stigmatisierung fĂŒhren, BefĂŒrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit frĂŒher helfen zu könenn.
“Hypersexual disorder” (HypersexualitĂ€tsstörung) ist fĂŒr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den WĂŒnschen Transsexueller dĂŒrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (GeschlechtsidentitĂ€tsstörung) geben.

Statt der bisher zwölf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch fĂŒnf Persönlichkeitsstörungen geben, nĂ€mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische Störung. Damit wĂŒrde auch das frĂŒher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere fĂŒr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “GefĂŒhlsregulationsstörung mit schlechter Stimmung” zu ĂŒbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter GefĂŒhlsausbrĂŒche und negativer StimmungszustĂ€nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll kĂŒnftig von den “Störungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings wĂŒrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger fĂŒr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine VerĂ€nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder AbhĂ€ngigkeit wurde vollstĂ€ndig durch diejenige von Störungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumstörung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (AlkoholabhĂ€ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder AbhĂ€ngigkeit, sondern von substanzbezogenen Störungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollstörungen fĂ€llt. Ein Pendant fĂŒr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man möchte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn genĂŒgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan fĂŒr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, könnte alternative Lösungsmöglichkeiten ins Abseits drĂ€ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen dĂŒrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige RĂ€tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gelöst werden.” (tp)

(Quellen und AuszĂŒge aus: tp, Science 02/2010)

Aug 10

Eine der hĂ€ufigsten in meinem Online-Forum gestellten Fragen ist die, ob es sich bei den eigenen Stimmungstiefs bereits um eine Depression handelt – oder, und diese Hoffnung schwingt hĂ€ufig zwischen den Zeilen mit, ob das “nicht alles wieder einfach vorbeigeht”.

Und das ist gar nicht untypisch: 33,4 Millionen EuropĂ€er leiden an einer depressiven Erkrankung – doch gemĂ€ĂŸ einer Studie des Marktforschungsinstituts Harris Interactive, die in 5 LĂ€ndern (Deutschland, Frankreich, Kanada, Brasilien und Mexiko) mit 377 depressiven Patienten und 756 Ärzten im Auftrag der World Federation of Mental Health durchgefĂŒhrt wurde, vergehen durchschnittlich rund elf Monate, bevor Menschen mit einer Depression ĂŒberhaupt Ă€rztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Diese Untersuchung zeigte auch, dass die ĂŒberwiegende Mehrheit der Patienten (72%) mit mittelschwerer und schwerer Depression nicht wusste, dass neben den klassischen Depressionssymptomen wie Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und Antriebsmangel auch körperliche Beschwerden (z.B. chronische Kopf-, Muskel- oder RĂŒckenschmerzen) hĂ€ufige Symptome einer klinisch manifesten depressiven Erkrankung sein können. Erst wenn solcherart die psychische Störung bereits somatisiert ist, suchen 79% der befragten Patienten Hilfe.

Was Depressionen “sind”, lĂ€ĂŸt sich in der einschlĂ€gigen Fachliteratur, heutzutage natĂŒrlich auch im Internet, problemlos nachlesen. Ich möchte deshalb im folgenden nur die wichtigsten Punkte kurz erwĂ€hnen:

Als wesentlichste Symptome gelten:

  • eine mangelnde FĂ€higkeit, auf positive Erlebnisse emotional zu reagieren
  • Verlust von Interessen, allgemeine Freudlosigkeit
  • gedrĂŒckte Stimmung
  • verminderter Antrieb und Energie
  • vermindertes SelbstwertgefĂŒhl und Selbstvertrauen
  • verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
  • GefĂŒhle von Schuld und Wertlosigkeit
  • negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit
  • Zwangshandlungen, VerfolgungsgefĂŒhle
  • Schlafstörungen, frĂŒhmorgendliches Erwachen
  • Morgenpessimum (Anlaufschwierigkeiten oder “DurchhĂ€nger” am Morgen)
  • verminderter Appetit (fallweise bereits mit Gewichtsverlust als Folge)
  • Libidoverlust (sexuelle Lustlosigkeit und AntriebsschwĂ€che)
  • Suizidgedanken oder -handlungen

Wie sich eine Depression aber anspĂŒrt, kann man wohl selbst am besten empfinden – meist weiß man als Betroffener sehr genau, wenn man darunter leidet…

Besonders hĂ€ufig werden kreative oder auch sehr intelligente und reflektierte Menschen von Depressionen ereilt, dies ist aber keine Generalregel: Depressionen können sowohl höchst rationale und in ihrer Gedankenwelt komplex strukturierte, aber auch sehr “einfache” Menschen haben. Ebenso unterschiedlich sind die möglichen Ursachen fĂŒr Depressionen: von UnfĂ€llen ĂŒber Drogenmißbrauch, altersbedingten VerĂ€nderungen, Trennungen etc. etc. ist der Bogen an denkbaren Ursachen schier unbegrenzt. Die sogenannten “endogenen” Depressionen werden als Sonderform klassifiziert und vor allem mit neurologischen Abweichungen vom “gesunden” Normalzustand erklĂ€rt. Ebenso wie den neuerdings in der Bedeutung hochgespielten genetischen ErklĂ€rungen stehe ich als systemischer Therapeut diesen Modellen eher ‘differenziert’ gegenĂŒber, denn letztendlich beantworten sie noch nicht die Frage, warum eine Depression gerade bei den Betroffenen tatsĂ€chlich ausgelöst wurde und in welchem Umfeld sie “gedeihen” oder sich sogar verstĂ€rken kann (also in Folge auch, wie sie lös- und heilbar sind – eine pharmakologisch verursachte Aufhellung des GemĂŒtszustandes werden wohl die wenigsten, nicht mal die tendentiell eher biologisch denkenden Mediziner, als Heilung betrachten).

Helfen können – jedoch nur bei sehr einfachen und vorĂŒbergehenden  “Stimmungstiefs” – positive Selbstsuggestionen und alles, was mit Selbstkontrolle zu tun hat. Ich habe in einem meiner dzt. auf diesen Seiten aufgelisteten Artikel n ĂŒber Depressionen einige Möglichkeiten dafĂŒr angefĂŒhrt.
Bei lÀnger anhaltenden, wiederkehrenden und vor allem schwerer belastenden Formen von Depression sollte in jedem Fall psychotherapeutische Hilfe gesucht werden, die darauf spezialisiert ist, bei diesem Problemkreis weiterzuhelfen.
Die zusĂ€tzliche Einnahme von Psychopharmaka wird von einem Psychotherapeuten empfohlen, wenn eine Depression so schwer ist, daß andernfalls der Therapieerfolg gefĂ€hrdet wĂ€re. Ziel ist, möglichst gute Symptomentlastung fĂŒr die erste Phase der Therapie, bis eine gewisse grundlegende psychische StabilitĂ€t erreicht ist, zu erreichen.

WeiterfĂŒhrende Links:
Selbsttest auf Depressionen auf dieser Website
The painful truth Survey, conducted by Harris Interactive, 2006

ï»ż01.09.19