Oct 02

Welchen Eindruck die Medien und zahlreiche Politiker uns auch immer vermitteln wollen: ausgeĂŒbte Gewalt – sei es Völkermord, Kriegsverbrechen, Menschenopfer, Folter, Sklaverei oder Mord – hat in der Geschichte in allen beobachteten Dimensionen und sowohl in Richtung ethnischer Minderheiten, Frauen, Kindern und Tieren deutlich abgenommen. Das zeigte eine auf der EDGE Master Class 2011 vorgestellte Studie von Harvard-Professor Steven Pinker.

Doch was sind die GrĂŒnde, die hinter dieser in Teilbereichen sogar Ă€ußerst starken Abnahme von Gewalt stehen? Pinker fĂŒhrt dafĂŒr eine sukzessive Zunahme von Vernunft (‘escalator of reason‘) im Verlauf der Menschheitsgeschichte an. Die Zunahme von Alphabetisierung, Bildung, und die Intensivierung des öffentlichen Diskurses ermutigt Menschen, abstrakter und universeller zu denken, was unweigerlich eine Verringerung der Gewalt zur Folge hat. Wenn sich die Engstirnigkeit und Kurzsichtigkeit von Menschen reduziert, wird es schwieriger, stĂ€ndig die eigenen Interessen anderen gegenĂŒber durchzusetzen. Eine Zunahme von Vernunft fĂŒhrt dazu, dass eine auf Tribalismus, AutoritĂ€t und Puritanismus beruhende Moral zunehmend durch eine auf Fairness und universellen Regeln basierende Moral ersetzt wird. Außerdem werden Menschen ermutigt, den hohen Preis und die letztendliche Nutzlosigkeit der KreislĂ€ufe von Gewalt zu erkennen – und Gewalt eher als eigenstĂ€ndiges Problem denn als einen zu gewinnenden Wettbewerb zu sehen.

Diverse intellektuelle FĂ€higkeiten, abzulesen ĂŒber Meßinstrumente wie etwa IQ-Tests, haben seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts messbar und regelmĂ€ĂŸig (ca. 3 IQ-Punkte pro Dekade, “Flynn-Effekt”) zugenommen. Ein steigender IQ ist jedoch auch ein Indikator fĂŒr ansteigende AbstrahierungsfĂ€higkeiten. Menschen (und zwar sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene), die ĂŒber eine höhere Bildung und gemessene Intelligenz verfĂŒgen, begehen weniger gewalttĂ€tige Verbrechen, kooperieren mehr, denken liberaler, und sind weniger anfĂ€llig fĂŒr rassistische, sexistische, fremdenfeindliche, homophobe Einstellungen und sie sind empfĂ€nglicher fĂŒr demokratische Grundprinzipien.

Doch wir können nicht selbstverstÀndlich davon ausgehen, dass diese Entwicklung anhÀlt. Eine Reduktion der Investitionen in Bildung und ein Abbau bzw. eine Aushöhlung demokratischer Institutionen und Grundprinzipien gefÀhrden die Grundpfeiler, auf denen die Abnahme gesellschaftlicher und individueller Gewalt ruht.

(Quelle: A History of Violence, Edge Master Class 2011, Steven Pinker [9.27.11]

Vortragsvideo (engl.; 1:26h – lĂ€dt vor Anzeige etwas lĂ€nger):

Aug 16

Die Medizin, Psychologie und andere Humandisziplinen der Forschung befassen sich traditionellerweise vorrangig mit den Ursachen von Problemen und der Suche nach Möglichkeiten, diese zu beheben. Seit einigen Jahren jedoch gewinnt ein neuer Ansatz verstĂ€rkte Bedeutung: die Resilienzforschung. Der Begriff stammt vom lateinischen resilio ab (“abprallen”, “zurĂŒckspringen”) und bezeichnet in der Physik hochelastische Materialien, die nach Verformungen ihre ursprĂŒngliche Form wieder annehmen. In den Humanwissenschaften forscht man nach jenen Potentialen, die Menschen dazu befĂ€higen, Niederlagen, UnglĂŒck, Stressoren und SchicksalsschlĂ€ge besser und schneller zu meistern oder den Körper zu heilen.

In der Verhaltensforschung und Psychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die aus Schwierigkeiten das Beste machen, daraus lernen und reifen, oder zumindest weniger Schaden nehmen als andere unter Ă€hnlichen UmstĂ€nden. Resilienz ist jedoch keineswegs mit Unempfindlichkeit oder der Selbstverleugnung traumatischer Erlebnisse oder zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in unserem Leben zu verwechseln. Vielmehr beschreibt diese FĂ€higkeit eine Haltung innerer StabilitĂ€t, eine positive Grundhaltung, die Menschen in die Lage versetzt, an Leidenserfahrungen und Konflikten zu wachsen, statt sich in den damit verbundenen Emotionen festzulaufen und damit ihre LebensqualitĂ€t noch weiter einzuschrĂ€nken. In der Regel erfolgt bereits nach verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurzer Zeit ein Perspektivenwechsel: entweder wird die Situation neu interpretiert oder der Fokus verlagert sich auf andere, positive Lebensbereiche. Befragt man diese Personen nach ihrer problematischen Erfahrung, werden hĂ€ufig positive Seiteneffekte oder durch das einschneidende Ereignis verursachte Lernmöglichkeiten mit erwĂ€hnt. In besonders schwierigen Lebenssituationen suchen Personen mit hoher Resilienz aktiv professionelle Hilfe, um baldmöglichst wieder auf die Beine zu kommen, statt sich einer womöglich chronisch belastenden Situation auszusetzen.

In der kulturĂŒbergreifenden Forschung wurde beobachtet, dass Resilienz eine FĂ€higkeit ist, die nicht durch die individuelle Person allein erklĂ€rt werden kann. “Gute” Familien, Schulen, eine “gesunde” soziale Umgebung und faire gesellschaftliche Bedingungen helfen dabei, die entsprechenden FĂ€higkeiten zu entwickeln, und jĂŒngere Menschen haben diese eher als Ă€ltere. Ebenso existieren entsprechende Risikofaktoren: etwa frĂŒhe psychische oder körperliche Gewalterfahrungen, psychische Leiden enger Bezugspersonen sowie diverse kulturelle Faktoren.

Psychologen haben 7 SĂ€ulen der Resilienz ausgemacht – Indikatoren fĂŒr eine starke FĂ€higkeit zur Stress- und KrisenbewĂ€ltigung. Über je mehr dieser Eigenschaften jemand verfĂŒgt, umso resilienter die betreffende Person:

  • Selbstbewusstsein: Resiliente Menschen glauben an die eigenen Kompetenzen. Sie werden aktiv statt zu jammern und damit in eine Opferrolle zu verfallen, und sie vertrauen ihren FĂ€higkeiten, ĂŒber kurz oder lang Problemlösungen zu finden.
  • Kontaktfreude: Resiliente Menschen kommunizieren gern. Sie lösen Schwierigkeiten bevorzugt gemeinsam mit anderen Menschen statt im Alleingang und suchen sich dafĂŒr passende Partner aus. Ihren hĂ€ufig gut entwickelten sozialen Fertigkeiten versetzen sie in die Lage, gute und lang anhaltende Beziehungen aufzubauen.
  • GefĂŒhlsstabilitĂ€t: Resiliente Menschen verfĂŒgen ĂŒber gute Fertigkeiten, ihre Emotionen und gedanklichen Muster zu analysieren. Dadurch können sie die eigene GefĂŒhlswelt und ihre Reaktionen so steuern, dass sie hohe Belastungen nicht nur als Stress, sondern auch als Herausforderung empfinden, wodurch sie in der Regel handlungsfĂ€higer als andere bleiben.
  • Optimismus: eine GrundĂŒberzeugung hinsichtlich positiver Möglichkeiten, die selbst in schwierigen Lebenssituationen stecken, ist eine integrale Voraussetzung fĂŒr WiderstandsfĂ€higkeit. Man wird von resilienten Menschen deshalb in schwierigen Situationen nur selten negative Verallgemeinerungen hören, sondern eher hoffnungsvolle Formulierungen wie „Diesmal hatte ich keinen Erfolg, nĂ€chstes Mal schon.“
  • Handlungskontrolle: Resiliente Menschen sind alles andere als impulsiv, sondern vielmehr in der Lage, auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen kontrolliert und ĂŒberlegt zu reagieren. Dazu gehört auch die FĂ€higkeit, sofortige Belohnungen zugunsten eines höheren Ziels in der Zukunft aufzuschieben – im Fachjargon heißt das Gratifikationsverzicht. Diese Kontrolle ist zugleich eine wichtige Komponente der emotionalen Intelligenz (EQ).
  • Realismus: Resiliente Menschen denken langfristig und entwickeln fĂŒr sich realistische Ziele. Dadurch werden sie von vorĂŒbergehenden Krisen im Leben – etwa Trennungen, dem Tod der Eltern oder bei beruflichen Problemen – nicht so leicht aus dem Gleichgewicht geworfen. Da sie eine lĂ€ngere Perspektive im Kopf haben, stabilisiert sich ihr emotionaler Zustand zumeist rascher wieder.
  • AnalysestĂ€rke: Resiliente Menschen sind in der Lage, kreativ zu denken und sich leichter von eingefahrenen Denkpfaden zu lösen. Ihre FĂ€higkeit, die Ursachen von Krisen zu identifizieren, zu analysieren und damit zukunftsorientiert umzugehen, ermöglicht ihnen, adĂ€quate Lösungen zu entwickeln. Und wenn sie dazu einmal nicht selbst in der Lage sein sollten, holen sie sich pragmatisch Hilfe.

In der Literatur werden eine Reihe von AnsĂ€tzen angefĂŒhrt, mit denen die eigene Resilienz ĂŒber bereits vorhandene FĂ€higkeiten hinaus erhöht bzw. angeregt werden kann:

  • Resiliente Kommunikation: “Das, was bei mir okay ist, hat mehr Einfluß als das, was nicht passt.”
  • Fokus auf die StĂ€rken einer Person – und die Frage: “wie kann ich diese StĂ€rken dazu nutzen, um Probleme zu ĂŒberwinden?”
  • Positiv sein: das Leben als herausfordernd, dynamisch und gefĂŒllt mit Chancen wahrnehmen
  • Fokus: ein Ziel festlegen und dieses bewusst anpeilen
  • FlexibilitĂ€t: sich bei Unsicherheiten alle Optionen offen halten
  • Selbstorganisation: unsicheres Terrain benötigt durchdachte Strategien
  • Eigeninitiative: vorausschauend und aktiv handeln
  • Coaching: wenn sich nichts zu bewegen scheint, professionellen Input holen
  • Geduld: sich zu erholen, benötigt selbst bei den besten Strategien Zeit
  • anderen helfen

 

(Quellenangabe: die Beschreibung der ResilienzsĂ€ulen basiert auf einem Artikel der “Wirtschaftswoche”).

ï»ż25.06.19