Jun 29

Du hast ja eine Psychose!” Dies ist gewissermaßen die “gebildetere” Form der Floskel “Du bist ja verrĂŒckt!”, die von manchen verwendet wird, wenn sie sich die Handlungen einer Person nicht erklĂ€ren können.

In stark naturverbundenen Kulturen wurden Menschen, deren Verhalten stark von dem abwich, was als “normal” empfunden wurde, durch Magier und Schamanen behandelt. Im Westen dagegen wurden sie frĂŒher in sogenannten “IrrenhĂ€usern” eingesperrt und teils grausam behandelt (-> Artikel: “Geschichte der Psychotherapie“). Erst in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nahm der Psychiater Karl Birnbaum erstmals eine Abgrenzung des medizinischen Begriffs der sog. “Psychose” vor. Seinem Konzept nach war diese durch eine Wechselwirkung zwischen organischen und psychischen Ursachen bestimmt: die organischen Faktoren definierten den Krankheitstyp, ihre AusprĂ€gung, ihr Beginn und ihr Verlauf wĂŒrden dagegen stark von psychischen Faktoren beeinflusst.

Das VerhĂ€ltnis dieser zwei Einflußfaktoren war geschichtlichen Änderungen unterworfen: vor dem Beginn der Psychiatrie hielt man “Geisteskranke” noch fĂŒr unheilbar, gefolgt von einer HochblĂŒte der Psychotherapie. GegenwĂ€rtig befinden wir uns wieder in einer Phase, in der die körperlichen (neurologischen) Faktoren im Vordergrund stehen. Mitunter werden dann auch ausschließlich diese behandelt – selbst wenn die eigentlich Betroffenen dies als nicht befriedigend und ausreichend erleben. Die erfolgreichsten Modelle bestehen heute aber in Kombinationen aus pharmakologischer, psychotherapeutischer und sozialtherapeutischer Behandlung.

Symptome, die auf eine Psychose hindeuten, sind wiederkehrende akustische oder andere Halluzinationen, wahnhafte Denkinhalte oder Beziehungsideen. Die eigene Person oder die Umwelt wird mitunter entfremdet oder verĂ€ndert wahrgenommen, die Sprache kann verwirrt oder konfus wirken. VerĂ€ngstigte, erregte, gereizte oder getriebene Stimmungen sind hĂ€ufig und oft auch Ă€ußerlich wahrzunehmen, manchmal aber auch “gedĂ€mpftes”, passives und gleichgĂŒltiges Verhalten.

Gar nicht oft genug kann ich auf die Wichtigkeit des sozialen Umfeldes hinweisen: da die Betroffenen selbst hĂ€ufig verĂ€ngstigt sind oder ihre eigene Situation verzerrt wahrnehmen, ist es bedeutsam, daß engagierte Freunde oder Verwandte mit Nachdruck auf Diagnose und Therapie hinarbeiten. Eine möglichst frĂŒhzeitige Behandlung verbessert die therapeutischen Interventionsmöglichkeiten nĂ€mlich deutlich.

Link-Tipp: Selbsttest auf Dissoziation / Dissoziative IdentitÀtsstörung

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psymantra.com)

Jun 13

Schlaflosigkeit stellt eines der hĂ€ufigsten Probleme in der Bevölkerung dar: zwischen 30% und 50% leiden darunter, etwa 10% sogar an chronischer (langdauernder) Schlaflosigkeit. Diese Störung betrifft Menschen aller Altersstufen – ihrer HĂ€ufigkeit nimmt allerdings im Alter zu. Die Folgen von Schlaflosigkeit sind hĂ€ufig MĂŒdigkeit wĂ€hrend des Tages, eine geschwĂ€chte Immunabwehr, Neigung zu Depressionen, geringere KonzentrationsfĂ€higkeit und höhere AnfĂ€lligkeit fĂŒr Diabetes und Herzkrankheiten.

Drei Arten von Schlaflosigkeit werden unterschieden:

a) VorĂŒbergehende Schlaflosigkeit dauert weniger als eine Woche, und wird meist durch andere Erkrankungen, eine ungĂŒnstige VerĂ€nderung der Schlafgewohnheiten, schwere Depressionen oder Stress verursacht. Ihre Folgen sind ein GefĂŒhl von SchlĂ€frigkeit und eine BeeintrĂ€chtigung der psychomotorischen LeistungsfĂ€higkeit.
b) Akute Schlaflosigkeit ist die UnfÀhigkeit, weniger als 1 Monat lang konsequent gut schlafen.
c) Chronische Schlaflosigkeit ist die Bezeichnung fĂŒr Schlafstörungen, die lĂ€nger als 1 Monat dauern. Die Ursachen sind höchst unterschiedlich und sollten daher medizinisch abgeklĂ€rt werden. Zu den Auswirkungen chronischer Schlaflosigkeit gehören MuskelermĂŒdung, Halluzinationen und / oder geistige Erschöpfung, oder aber auch Reizbarkeit auf.

Die Muster von Schlafstörungen:

a) Einschlafstörungen sind Schwierigkeiten beim Einschlafen zu Beginn der Nacht, hÀufig sind diese mit Angststörungen assoziiert.
b) Durchschlafstörungen sind gekennzeichnet durch Schwierigkeiten, bis in den frĂŒhen Morgen durchzuschlafen. HĂ€ufig ist diese Variante durch Schmerzen oder körperliche Erkrankungen bedingt.
c) Vorzeitiges Erwachen – hĂ€ufig ist dies altersbedingt, ein Merkmal der klinischen Depression, oder es liegen andere psychische Ursachen vor.
d) AlbtrĂ€ume und Schlafwandeln – furchterregende TrĂ€ume oder das Herumwandern in der Wohnung sind zumeist hĂ€ufig psychisch – etwa durch belastende Ereignisse – bedingt, aber auch durch Drogenkonsum.
e) Hypersomnia ist gesteigertes SchlafbedĂŒrfnis, bei dem trotz ausreichendem Schlaf tagsĂŒber stĂ€ndig ein GefĂŒhl von MĂŒdigkeit und Erschöpfung besteht. HĂ€ufig ist diese Schlafstörung körperlich verursacht und sollte medizinisch abgeklĂ€rt werden.

Sehr oft wird jede Form von Schlaflosigkeit leider falsch, nĂ€mlich ausschließlich mit Medikamenten behandelt. Die Botschaft unseres Körpers, daß etwas nicht in Ordnung ist, wird damit jedoch ignoriert und unterdrĂŒckt – körperliche Folgeerkrankungen können auftreten, und durch die entstehende psychische AbhĂ€ngigkeit vom Medikament wird das Einschlafen ohne „PĂŒlverchen“ noch schwieriger als zuvor.

Was die wenigsten wissen: Schlafstörungen lassen sich fast immer auf ganz natĂŒrliche Weise stark verbessern: dazu mĂŒssen lediglich die auslösenden Ursachen fĂŒr die innere Unruhe, die einem den Schlaf raubt, identifiziert und dann auch „passend“ beseitigt werden. Die hĂ€ufigsten Ursachen der meisten Formen von Schlafstörungen sind zumeist relativ leicht in den Griff zu bekommen: Licht, GerĂ€usche, kein Kaffee und keine Zigaretten mehr am Abend etwa. Chronisch Schlafgestörte (die Schlafstörungen dauern bereits mehr als drei Wochen an) sollten auch einen medizinischen Checkup auf Erkrankungen des Herz- und Kreislauf- sowie des Verdauungssystems, des Urinaltraktes und auf Stoffwechselstörungen durchfĂŒhren lassen. Lassen sich keine eindeutigen körperlichen Ursachen fĂŒr die Schlafprobleme finden, hilft fast immer eine kurze Reihe gezielter therapeutischer BeratungsgesprĂ€che bei der langfristigen Verbesserung der SchlaffĂ€higkeit.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:romywilliams.files.wordpress.com)

Mar 14

Cannabis PsychosenWissenschafter haben fĂŒr eine Studie an der UniversitĂ€t von Queensland, Australien, mehr als 3.800 junge Erwachsene um die 20 Jahre zu ihrem Cannabis-Konsum befragt und sie außerdem auf Psychosen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen untersucht. 14 Prozent der Befragten gaben an, schon seit sechs Jahren oder lĂ€nger Haschisch zu rauchen.

Langzeit-Konsumenten hatten der Befragung zufolge offenbar ein doppelt so hohes Risiko, an psychotischen Symptomen wie Schizophrenie zu erkranken als jene Studienteilnehmer, die noch nie mit Cannabis in BerĂŒhrung gekommen waren. Sie waren auch doppelt so anfĂ€llig fĂŒr Halluzinationen und hatten ein vierfach erhöhtes Risiko, unter Wahnvorstellungen zu leiden. Die Gefahr nimmt nach EinschĂ€tzung der Forscher parallel zur Dauer des Cannabis-Konsums zu. Je lĂ€nger der erste Cannabis-Konsum zurĂŒcklag, desto grĂ¶ĂŸer war das Risiko einer Erkrankung. Eine Verbindung mit Depression und Selbstmordneigung sei nicht nachweisbar.

Ob die Erkrankung bei den Psychose-Patienten allein durch den Cannabis-Konsum ausgelöst wurde oder ob sie schon vor dem Drogenmissbrauch anfĂ€llig fĂŒr Geisteskrankheiten waren, ist jedoch unklar. Bei Patienten, die schon in jungen Jahren unter Halluzinationen litten, war es demnach wahrscheinlicher, dass sie eher und öfter Cannabis konsumieren. ErgĂ€nzend ist anzumerken, daß dasselbe PhĂ€nomen beim Konsum von Alkohol, Nikotin auftritt, darĂŒber erhöht frĂŒhzeitiger Konsum von Rauschmitteln auch die AnfĂ€lligkeit fĂŒr spĂ€teres Suchtverhalten.

166 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren oder 4 Prozent dieser Altergruppe haben 2006 zumindest schon einmal gekifft. Cannabis ist die weltweit am meisten von meisten jungen Menschen konsumierte illegale Droge, die sich nun von den reichen LÀndern auch auf die armen ausgebreitet habe. Am stÀrksten wird Cannabis nach Angaben der UN-Drogenbehörde in den USA, Australien und Neuseeland konsumiert, gefolgt von Europa. Prozentual die meisten Cannabis-Konsumenten gibt es aber in Asien.
Der Wirkstoff THC fĂŒhrt zu einem “High”, einer leichten Euphorie und setzt die Reaktionszeit, die Informationsverarbeitung und Koordination herunter. 5-24 Prozent des gerauchten THC erreicht das Gehirn. Der Wirkstoff kann aber auch Ängste, Panikreaktionen oder psychotische Symptome auslösen. Es gibt Hinweise, aber keine Beweise, dass der THC-Gehalt in beschlagnahmten Cannabis-Produkten in den letzten 30 Jahren gestiegen sei.
Nach den ausgewerteten Studien könnten 9 Prozent der Menschen, die Cannabis konsumieren, abhĂ€ngig werden. Das Suchtrisiko ist fĂŒr Nikotin mehr als dreimal so hoch, fĂŒr Kokain doppelt so hoch. Von Alkohol werden 15 Prozent sĂŒchtig, von Amphetaminen 11 Prozent.
WĂ€hrend chronische Bronchitis bei Cannabis-Rauchern hĂ€ufiger auftreten, gibt es noch keine Belege, dass Cannabis trotz der Karzinogene im Rauch zu Lungenkrebs fĂŒhrt. Meist seien regelmĂ€ĂŸige Kiffer auch Tabakraucher. Bei starken Kiffern soll Cannabis zu Aufmerksamkeits-, GedĂ€chtnis- und Lernstörungen fĂŒhren können. Verbunden sei Cannabis-Konsum bei Jugendlichen mit schlechteren Schulleistungen, vermutet wird, dass hier eine Reihe von Ursachen neben den direkten Wirkungen eine Rolle spielen. Unklar ist, ob der Cannabis-Konsum direkt die Neigung steigert, auf hĂ€rteren Drogen umzusatteln, wie man dies in den USA, Australien und Neuseeland beobachten könne, schreiben die Autoren. Es könne auch daran liegen, dass die Kiffer bereits mit dem Drogenmarkt vertraut sein und so leichter an anderen Stoff herankommen.

(Quellen: [1], [2], tp; Photo:zamnesia)

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enthĂ€lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensstörungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschließlich psychischer und Verhaltensstörungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verfĂŒgen aber nicht nur ĂŒber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun fĂŒr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: fĂŒr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten EntwĂŒrfe zur Veröffentlichung freigegeben, die endgĂŒltigen Fassungen werden dann fĂŒr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der VorschlĂ€ge fĂŒr den neuen DSM-V veröffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden mĂŒssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal ĂŒberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was ĂŒber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt fĂŒr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “VĂ€ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, daß die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen TĂŒren stattfinden, selbst ihm habe man einschlĂ€gige AuskĂŒnfte verwehrt. Sein Nachfolger fĂŒr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Außerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“BeflĂŒgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard UniversitĂ€t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die große Bedeutung solcher Diagnosemöglichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, hĂ€tten sich diese Erwartungen aber nicht erfĂŒllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverlĂ€ssig feststellen ließen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, PersönlichkeitszĂŒge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche Änderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-MentalitĂ€t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise fĂŒnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgeprĂ€gt sind. Solcherart soll dem hĂ€ufigen Umstand besser gerecht werden, daß viele Patienten nicht nur an einer einzelnen Störung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch könnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgestört und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz könnte auch dazu fĂŒhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert fĂŒr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon fĂŒr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den Ärzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, löst aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

DarĂŒber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingefĂŒhrt, die ebenfalls fĂŒr Diskussionsstoff sorgen dĂŒrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die frĂŒhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das könne zu einer verfrĂŒhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unnötigen Stigmatisierung fĂŒhren, BefĂŒrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit frĂŒher helfen zu könenn.
“Hypersexual disorder” (HypersexualitĂ€tsstörung) ist fĂŒr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den WĂŒnschen Transsexueller dĂŒrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (GeschlechtsidentitĂ€tsstörung) geben.

Statt der bisher zwölf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch fĂŒnf Persönlichkeitsstörungen geben, nĂ€mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische Störung. Damit wĂŒrde auch das frĂŒher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere fĂŒr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “GefĂŒhlsregulationsstörung mit schlechter Stimmung” zu ĂŒbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter GefĂŒhlsausbrĂŒche und negativer StimmungszustĂ€nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll kĂŒnftig von den “Störungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings wĂŒrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger fĂŒr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine VerĂ€nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder AbhĂ€ngigkeit wurde vollstĂ€ndig durch diejenige von Störungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumstörung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (AlkoholabhĂ€ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder AbhĂ€ngigkeit, sondern von substanzbezogenen Störungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollstörungen fĂ€llt. Ein Pendant fĂŒr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man möchte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn genĂŒgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan fĂŒr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, könnte alternative Lösungsmöglichkeiten ins Abseits drĂ€ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen dĂŒrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige RĂ€tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gelöst werden.” (tp)

(Quellen und AuszĂŒge aus: tp, Science 02/2010)

ï»ż25.06.19