Jan 05

Photoquelle: thetastingnote.com

Bei ihrer Einf√ľhrung wurde Viagra als neue Hoffnung f√ľr all jene beworben (und prompt gefeiert), die unter Erektionsst√∂rungen litten. Tats√§chlich wurden Belege daf√ľr gefunden, was manche Sexualtherapeuten (unter anderem auch ich) bereits von Beginn an vermuteten: √§hnlich den Effekten bei sog. “Testosteron-Kuren” (k√ľnstlicher Testosteron-Verabreichung) l√§√üt die Wirkung der Potenzpille bei l√§nger dauernder Einnahme zum Teil massiv nach.

Wissenschaftler dreier Universit√§ten in den USA und in Saudiarabien untersuchten, ob die Wirkung von Viagra, Cialis und Levitra auch anh√§lt, wenn das Medikament l√§ngerfristig eingenommen wird und ver√∂ffentlichten die Ergebnisse der Studie im Journal of Urology. Per Telephoninterview wurden 151 Patienten befragt, die im Jahre 1997 Viagra verschrieben bekommen hatten. Die Ursachen f√ľr die Erektionsst√∂rungen der Patienten waren operative Prostataentfernungen, Diabetes, oder neurologische St√∂rungen.

Anfangs verbesserte sich bei drei Viertel der Teilnehmer die Erektionf√§higkeit soweit, dass sie wieder normalen Geschlechtsverkehr haben konnten. Bei 15% dieser Patienten waren dazu 100mg Sildenafil (die maximale f√ľr m√§nnliche Erwachsene angeratene Dosis), notwendig, 83% der Patienten kamen mit 50mg aus und 2% ben√∂tigten nur 25mg.
Nach drei Jahren wurden die Patienten nochmals befragt, und es stellte sich heraus: die neuen Sexfreuden hatten nicht lange angehalten. Etwa die Hälfte der Patienten hatte die Potenzpille wegen Wirkungslosigkeit bereits ganz abgesetzt. Und 37% jener Männer, die noch auf Viagra bauten, waren mittlerweile auf die Maximaldosis umgestiegen.

Die Ern√ľchterung √ľber die angeblichen Wunderkr√§fte der blauen Pille ist in der Fachwelt gro√ü. “Nach meinen Beobachtungen wirkt Viagra nur bei der H√§lfte aller Patienten mit k√∂rperlich bedingten Erektionsst√∂rungen”, erkl√§rt P. Derahshani, Leiter der Urologischen Abteilung der K√∂lner Klinik am Ring. Ein gesundheitlich problematischer Aspekt bestehe darin, dass beim Auftreten von Gew√∂hnungseffekten die Dosis nur bei jenen Patienten gesteigert werden kann, die vorher 25 oder 50mg eingenommen haben, denn eine Dosis √ľber 100mg erh√∂ht das Risiko von Nebenwirkungen wie Kreislaufsschw√§che, √úbelkeit oder Kopfschmerzen betr√§chtlich.

Kein Ersatz f√ľr Psychotherapie bzw. Sexualtherapie

“Man sollte nicht vergessen, dass bei Erektionsproblemen Viagra nur bei solchen M√§nnern indiziert ist, deren Potenzschw√§che k√∂rperliche Ursachen hat”, sagte der Wiener Urologe Werner Reiter von der Impotenz-Ambulanz am Wiener Allgemeinen Krankenhaus in einem Interview mit der “S√ľddeutschen” (SZ). Vor allem bei √§lteren M√§nnern, die viel rauchen und an Bluthochdruck oder Herzerkrankungen leiden, verliere Viagra nach l√§ngerer Einnahme an Wirkung. Bei M√§nnern mit stabilem Gesundheitszustand beobachtet der Spezialist hingegen selten einen Gew√∂hnungseffekt.
“Wenn die Gr√ľnde f√ľr die Impotenz im psychischen Bereich liegen, deckt Viagra im besten Fall anfangs die Impotenz-Symptome zu”, warnt Reiter. Langfristig k√∂nne diesen Patienten nur mit einer Psychotherapie bzw. Sexualtherapie geholfen werden.

Gesundheitsrisiken mitunter fatal unterschätzt

Fatalerweise wird von vielen M√§nnern das Risiko von Selbstmedikation ignoriert. Doch stattliche 40 Prozent der M√§nner, die wegen Erektionsproblemen zum Arzt gehen, leiden an einer Arteriosklerose der Herzkranzgef√§√üe (welche jedoch nicht immer die Ursache der Erektilen Dysfunktion darstellen muss). Impotenz “kann jedoch das Anzeichen einer Erkrankung oder einer beginnenden Erkrankung sein. Symptome aber einfach blind wegbringen zu wollen hat sich weder in der Medizin, noch in der Psychotherapie als gewinnbringend erwiesen”, so Sexualtherapeut Karl F. Stifter. Es gehe darum, den Menschen ganzheitlich im Auge zu behalten, und dazu geh√∂rt auch, bei Erektionsproblemen zun√§chst einmal k√∂rperliche Ursachen und Symptome abzukl√§ren.

Der in den Pillen enhaltene Wirkstoff (Sildenafil bei Viagra, Vardenafil bei Levitra und Tadalafil bei Cialis) f√∂rdert die Entspannung der glatten Muskulatur im Schwellk√∂rper und unterst√ľtzt so die Erektionf√§higkeit. Die Besonderheit ist, dass die Wirkung erst mit einer sexuellen Erregung einsetzt – Erektionsprobleme werden also insbesondere dann nicht von ihr gel√∂st, wenn psychische Ursachen die Erektion behindern.

In geringem Ma√üe beeinflussen die Wirkstoffe auch chemische Reaktionen innerhalb unseres K√∂rpers, die unsere visuellen Empfindungen steuern. Daher geh√∂rt zu ihren Nebenwirkungen auch eine spezielle Form der Sehst√∂rung, bei der man alles leicht blau get√∂nt sieht. Piloten d√ľrfen daher mindestens 12 Stunden vor einem Flug kein Viagra einnehmen. Auf die mittlerweile nachgewiesene Sch√§digung des H√∂rverm√∂gens durch eine Langzeiteinnahme der Potenzmittel habe ich bereits in einem fr√ľheren Blog-Artikel hingewiesen.

Noch weitaus problematischer als dieses “blaue Wunder” ist aber wie erw√§hnt die Gefahr, bei bestehender Herzschw√§che einen Infarkt zu erleiden. Denn als Medikamente, die in die Blutzirkulation des K√∂rpers eingreifen, haben Viagra & Co. besondere Risiken f√ľr Herz und Kreislauf. Insbesondere Patienten, die Nitroglycerin oder Blutdruck senkende Mittel einnehmen m√ľssen, welche ebenfalls die glatte Muskulatur entspannen, d√ľrfen die Tabletten nicht einnehmen, da sich die Wirkung der Mittel gegenseitig verst√§rkt. Zusammen mit nitrathaltigen Medikamenten (z.B. f√ľr Angina pectoris) kann der Wirkstoff zu einem t√∂dlichen Blutdruckabfall und bei M√§nnern mit Herzkrankheiten zu Kreislaufversagen f√ľhren. Eine entsprechende Untersuchung durch einen Arzt ist daher unbedingt angezeigt, bevor man diese einnimmt.

Tats√§chlich sind keine anderen Medikamente aufgrund fahrl√§ssiger Anwendung f√ľr so viele Todesf√§lle verantwortlich wie die neuen “Erektionshelfer”. Europaweit wurden allein w√§hrend der ersten 3 Jahre nach dessen Einf√ľhrung weltweit 616 Todesf√§lle nach der Einnahme von Viagra gemeldet. Die leichte Verf√ľgbarkeit der Tabletten √ľber das Internet oder den Schwarzmarkt stellt ein gro√ües Problem dar, da sie zum einen zur Selbstmedikation regelrecht einl√§dt, und es sich zum anderen bei manchen so bezogenen Tabletten um gesundheitsgef√§hrdende Imitate handelt. Der Markt der Imitate, die gr√∂√ütenteils aus Indien und China stammen, ist n√§mlich kaum zu kontrollieren, mit den damit verbundenen Risken f√ľr die Endanwender, die die so bezogenen Tabletten h√§ufig nicht nur in viel zu jungen Jahren, sondern auch auf eigene Faust als “Lifestyle”-Droge einsetzen.

Zu bef√ľrchten ist also einmal mehr, dass bereits derzeit die Zahl der “Viagra-Veteranen” mit multisystemischen Erektionsst√∂rungen (= psychogene Erektile Dysfunktion plus bereits organisch bedingter Wirkungslosigkeit erektionshelfender Mittel) massiv zunimmt. Diese M√§nner d√ľrften sich speziell dann, wenn die Erektionsf√§higkeit aus ganz nat√ľrlichen Gr√ľnden (altersbedingt oder als Nebeneffekt k√∂rperlicher Erkrankungen) abnimmt, in einer ungl√ľcklichen Sackgasse wiederfinden.
Nachgewiesenerma√üen sind bei der √ľberwiegenden Mehrheit der M√§nner unter dem 50. Lebensjahr Erektionsprobleme psychisch bedingt – selbst diesen aber ist aus sexualtherapeutischer Sicht unbedingt angeraten, diese zun√§chst √§rztlich abkl√§ren zu lassen. Werden dabei keine klaren Indizien f√ľr k√∂rperliche Ursachen gefunden, sollte man im Interesse seiner Gesundheit (und vielleicht auch, um sich die “Trumpfkarte” der Pillen f√ľr schwierigere Zeiten aufzuheben) sexualtherapeutische Beratung suchen, statt reflexartig zu den einfach verf√ľgbaren problematischen “blauen Pillen” zu greifen.

(Quellen: Reuters.com; Rizk El-Galley et.al., “Long-Term Efficiacy of Sildenafil and Tachyphylaxis Effect” in: The Journal of Urology – September 2001 (Vol. 166, Issue 3, Pages 927-931); Image source: creakyeasel.com)

Sep 14

‘Echo and Narcissus’ by John William Waterhouse (image source: oceansbridge.com)

Narzissmus bzw. “Selbstliebe” ist grunds√§tzlich eine wichtige Basis unserer Pers√∂nlichkeit: er treibt uns dazu an, uns um uns selbst zu k√ľmmern. Als pathologische, schwere Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird er nur dann betrachtet, wenn er sch√§digend wirkt – entweder f√ľr andere oder die Betreffenden selbst. Tats√§chlich ist es keineswegs immer nur die Umwelt, die unter dem Narzissmus Einzelner zu leiden hat: manche Narzissten neigen dazu, sich selbst zu sehr zu “verw√∂hnen” – sie leben √ľber ihre Verh√§ltnisse, irgendwann aber bricht ihre Welt zusammen und Schulden, k√∂rperliche Krankheiten oder andere durch den Ressourcenmi√übrauch verursachte Probleme holen sie ein.

Die Grundlage krankhaften Narzissmus’ ist ein schwaches Selbstwertgef√ľhl, auf dessen Basis die betreffenden Personen – gewisserma√üen √ľberkompensierend – Grandiosit√§tsgef√ľhle entwickeln, ihre F√§higkeit zur Empathie dagegen nicht ausreichend ausgebildet wird. Es ist deshalb schwierig f√ľr sie, die Gr√ľnde der Handlungen anderer nachzuvollziehen, viel st√§rker bewegen sie die Auswirkungen dieser Handlungen auf sich selbst, etwa, wenn ihnen jemand bestimmte “Probleme bereitet”. Meist h√∂rt man dann lautstarke Klagen dar√ľber, warum sich die andere Person nicht so verhalten hat, wie der Narzisst sich dies erwartete, und es kann keine Ruhe mehr gefunden haben, bis die Hindernisse aus dem Weg ger√§umt wurden oder “Gerechtigkeit” wiederhergestellt ist.

Die Gr√∂√üengef√ľhle und die enorme Bedeutung, die das Umsetzen ihrer Ideen, Absichten und Ziele f√ľr sie hat, k√∂nnen jedoch auch zu einer massiven Last werden. Personen, die ihre Position in Frage stellen oder auch die M√∂glichkeit eines Zusammenbrechens ihrer Konstrukte stellen eine latente Bedrohung dar. Auch nat√ľrliche Vorg√§nge wie das Altern oder strukturelle Ver√§nderungen werden als bedrohlich empfunden: denn wenn das Selbstwertgef√ľhl nicht mehr so einfach wie fr√ľher durch Macht und Einfluss gest√§rkt werden kann oder altersbedingt geistige Ressourcen, Kraft und Leistung (bei M√§nnern insbesondere auch die Potenz) nachlassen, sind schmerzvolle Anpassungsprozesse erforderlich, mitunter erfolgen mentale Zusammenbr√ľche, Suchtverhalten oder Depressionen mit Suizidgedanken stellen sich ein.

Die Wurzeln der narzisstischen St√∂rung liegen wie bei den meisten anderen psychischen St√∂rungen auch in der Kindheit. Die US-Journalistin Jean Liedloff, die bei einem s√ľdamerikanischen Stamm gelebt hat, thematisiert in ihrem Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” (siehe Link unten) den Verlust des narzisstischen Gef√ľhls “Ich bin etwas wert” in der westlichen Welt. Beim Stamm der Yequana werden die Babys ein Jahr am K√∂rper herumgetragen, schlafen bei den Eltern, Tadel oder mahnende Worte gibt es nicht. Die Kinder erhalten damit eine gute und stabile Selbstwertbasis, die sich auf k√∂rperlicher Ebene mit der Muttermilch vergleichen lie√üe, die das Immunsystem des Babys st√§rkt.

Zur√ľckweisung oder Kritik dagegen erlebt ein Kleinkind als narzisstische Kr√§nkung – erf√§hrt es zuviel davon, kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln. H√§ufig versuchen solche Kinder sp√§ter, die Zur√ľckweisung anderer mit besonderem Ehrgeiz oder anderen Kompensationsversuchen auszugleichen. Dies k√∂nnte erkl√§ren, wieso kleine M√§nner besonders h√§ufig in Machtpositionen zu finden sind. Vor dem Hintergrund des Werteverlusts in der westlichen Gesellschaft wiederum k√∂nnten zahlreiche Facetten der westlichen Kultur, etwa die bei vielen beliebte Selbstdarstellung in den sog. “sozialen Netzwerken”, oder Aspekte der Fitne√ü- oder Selbstfindungs-Bewegung, als narzisstische Kompensationsversuche gedeutet werden.

Kann das vorhandene Selbstwertgef√ľhl besonders starke “narzisstische Kr√§nkungen” (etwa einen Verlust des Arbeitsplatzes und eine kurz darauffolgende Trennung) nicht verarbeiten, kann die St√∂rung ins Pathologische kippen und sich in Gewaltt√§tigkeit, Amokl√§ufen, Somatisierungen (psychosomatische Erkrankungen), Sucht oder Depression manifestieren. Diese Symptome k√∂nnen gewisserma√üen als Ventil gesehen werden, √ľber die sich der Schmerz einer nicht verarbeitbaren psychischen Verletzung entl√§dt.

Der Narzisst – und die anderen

Narzissten sind h√§ufig entweder Einzelg√§nger (da sie sich von potenziellen Beziehungspartnern gebremst f√ľhlten oder schlicht kein Interesse haben, ihr Leben mit einer anderen Person zu teilen) oder aber es treffen sich zwei Narzissten, die gemeinsam ihren jeweiligen Zielen nachjagen, emotional aber nur in sehr begrenztem Ausma√ü Intimit√§t zueinander herstellen k√∂nnen. Manchmal wird geliebt, um selbst geliebt zu werden – oder das “Haben” einer Beziehung ist im Grunde wichtiger als der Partner selbst. Man lebt nebeneinander her, vom Partner wird in erster Linie Anerkennung und Respekt erwartet sowie Toleranz f√ľr die mitunter weit in die Abende oder N√§chte dauernden beruflichen und Hobby-Aktivit√§ten.
In der Arbeitswelt und im Freundeskreis wirken Narzissten h√§ufig souver√§n, eloquent bis schillernd-charismatisch. Wesentliche Teile des betreffenden Verhaltens sind jedoch mehr oder weniger bewu√üte Selbstdarstellungen und Inszenierungen, und der Eindruck der Souver√§nit√§t und Sicherheit ist ein gewollter, ja gesuchter. Wird die eigene Grandiosit√§t √ľbersch√§tzt, kann dies schlimme Folgen haben: etwa wenn beim Einstellungsgespr√§ch ein guter Eindruck erzeugt wurde, sp√§ter aber durch tats√§chliche Inkompetenz Probleme f√ľr den Arbeitgeber entstehen. Das starke Streben vieler Narzissten nach Top-Positionen, Inszenierung und Aufmerksamkeit ist besonders dann problematisch, wenn diese Personen √ľber Macht und Einflu√ü verf√ľgen: aufgrund ihres Mangels an Empathie gehen sie gewisserma√üen “√ľber Leichen”, um ihre Ziele zu erreichen und untersch√§tzen (oder ignorieren) die Folgen ihres Handelns.

√úber den Weg einer Psychotherapie kann es Narzissten gelingen, ihre Lebenszufriedenheit signifikant zu erh√∂hen und zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen zu finden – auch wenn bestimmte Grundz√ľge besonders ausgepr√§gter narzisstischer Pers√∂nlichkeiten nur schwer oder gar nicht ver√§nderbar sind.

Buchtipps:
Jean Liedloff, “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” – Gegen die Zerst√∂rung unserer Gl√ľcksf√§higkeit in der fr√ľhen Kindheit
Telfener / Liebl, “Hilfe, ich liebe einen Narzissten” – √úberlebensstrategien f√ľr alle Betroffenen
Wardetzki, B., “Eitle Liebe” – Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen k√∂nnen
Behary / Kierdorf / H√∂hr, “Der Feind an Ihrer Seite.” – Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern √ľberleben und wachsen k√∂nnen
Berschneider, W.: “Wenn Macht krank macht”Narzissmus in der Arbeitswelt
Bergmann, W.: “Ich bin der Gr√∂√üte und ganz allein” – Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder
Wardetzki, B.: “Weiblicher Narzi√ümus – Der Hunger nach Anerkennung

Jul 23

“Sch√∂nheitschirurgen” und die Kosmetikindustrie leben davon (und Kritiker behaupten, sie tun ihr Bestes, um es zu f√∂rdern): das “Dorian-Gray-Syndrom” beschreibt ein Ph√§nomen, bei dem Menschen regelrecht zwanghaft kosmetische Produkte kaufen und medizinische Prozeduren auf sich zu nehmen – im Versuch, ihre Jugend zu erhalten. Oscar Wilde griff in seinem ber√ľhmten Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” sehr eindr√ľcklich das psychologische Dilemma der Betroffenen auf, nicht altern und seelisch reifen zu wollen. Der Protagonist des Romans wurde in Folge zum Namensgeber f√ľr das einschl√§gige Verhaltensbild.

W√§hrend das Syndrom als solches zwar noch nicht in die medizinischen Diagnoseschl√ľssel aufgenommen wurde, zeigen viele Patienten, die daran leiden, jedoch klar diagnostizierbare Elemente sogenannter¬†K√∂rperbildst√∂rungen (mit starken Sorgen rund um – mitunter nur von ihnen selbst – wahrgenommene Defekte ihrer k√∂rperlichen Erscheinungsbildes), narzi√ütische Pers√∂nlichkeitselemente (etwa ein Gef√ľhl der √úberlegenheit anderen gegen√ľber oder starke Besch√§ftigung mit sich selbst), sowie Zeichen verz√∂gerter psychischer Reifung (Maturation) in bestimmten Teilbereichen ihrer Pers√∂nlichkeit. In ihrer Sorge um ihr √§u√üeres Erscheinungsbild und ihrer Schwierigkeit, ihr k√∂rperliches Altern zu akzeptieren, sind DGS-PatientInnen h√§ufig intensive Benutzer (oder Mi√übraucher) von Haarwuchs- und Di√§tprodukten, Stimmungsaufhellern und Potenzmitteln, oft sind sie Mitglieder in Fitne√üclubs und h√§ufig auch wiederholt Patienten f√ľr kosmetische Operationen (Laser-Korrekturen, Botox-Injektionen oder andere √§sthetische Eingriffe).

Falls Sie jemanden kennen, der Anzeichen des Dorian-Gray-Syndroms zeigt, d√ľrften Ihnen vielleicht auch depressive Tendenzen auffallen, die sich – wenn sie unbehandelt bleiben – selbstsch√§digend auswirken k√∂nnen: etwa wenn der oder die Betroffene versucht, das negative Selbstbild durch den Gebrauch von Medikamenten, Drogen oder wiederholten Operationen zu unterdr√ľcken. Wer aber h√§tte das Recht, das jeweilige Verhalten als “sch√§dlich” zu bezeichnen? F√ľr manche Menschen w√§re es wohl inakzeptabel, ihr Leben st√§ndig nach derartigen Zwangsgedanken auszurichten, andere dagegen ver√§ndern lieber ihren K√∂rper, als ihre Psyche zu hinterfragen.

Was l√§√üt sich gegebenenfalls tun? Bei manchen Betroffenen stellt sich eine Pers√∂nlichkeitsst√∂rung als eigentliche Ursache f√ľr die K√∂rperbildst√∂rung heraus, bei anderen ist es ein Mangel an Selbstwertgef√ľhl. W√§hrend zur Behandlung von Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen unterschiedliche Ma√ünahmen (h√§ufig eine Kombination aus Psychopharmaka und Psychotherapie) erforderlich sind, kann das Selbstwertgef√ľhl sehr effizient mit Methoden aus der Psychotherapie alleine verbessert werden. Dies erfordert nicht unbedingt jahrelange “Gespr√§che” – klare und auch dauerhafte Verbesserungen sind in der Regel schon nach einigen Monaten regelm√§√üiger Sitzungen m√∂glich. Diese haben unter anderem das Ziel, hinsichtlich der k√∂rperlichen Ver√§nderungen, die unser Leben mit sich bringt, selbstsicherer und gelassener zu werden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:Dorian Gray Movie 2009)

May 03

Arzneimittel √ľber das Internet zu bestellen, ist heute einfach, und selbst die meisten Apotheken verkaufen in Asien ohne jegliche R√ľckfrage Medikamente, die im Westen verschreibungspflichtig w√§ren. Besonders beliebt in den Online-Katalogen: Amphetamine, Potenzmittel und Antidepressiva. Doch die “Selbstmedikation” ist gef√§hrlich: speziell von Amphetaminen wie Ritalin (Methylphenidat), die leistungssteigernd und konzentrationsf√∂rdernd wirken, werden unter dem steigenden Druck der Leistungsgesellschaft immer mehr Menschen abh√§ngig und m√ľssen sich Monate oder Jahre sp√§ter an spezialisierte Kliniken oder Psychotherapeuten wenden. Einer Studie amerikanischer Kinder√§rzte zufolge stieg in den letzten acht Jahren die Anzahl der “dopenden” Studierenden um 75 Prozent an. H√§ufig werden die Medikamente zudem falsch eingesetzt, da die Ursache etwa der Konzentrationsst√∂rungen oder Erektionsprobleme ganz woanders liegen als dort, wo das Medikament ansetzt. Erektile Dysfunktion etwa hat bei M√§nnern unter 55 Jahren zumeist rein psychische Ursachen. Durch Gew√∂hnungseffekte kommt es dann bei der gewohnheitsm√§√üigen Einnahme schlie√ülich h√§ufig zu √úberdosierungen und einer erh√∂hten Anf√§lligkeit f√ľr krankmachende Nebeneffekte. Irgendwann behandeln die Nutzer nur noch das Entzugssyndrom (bei Potenzmitteln ist das h√§ufig die Unsicherheit, Sex ohne das Medikament auszu√ľben) – sie versp√ľren keine deutliche Wirkung mehr, k√∂nnen das Medikament aber auch nicht absetzen und geraten damit in einen Teufelskreis. Erschwerend kommt die oftmalige Mehrfachabh√§ngigkeit dazu: etwa die Einnahme von Amphetaminen w√§hrend des Tags, und dann am Abend die Einnahme von Alkohol und/oder Tranquilizern bzw. Schlafmitteln.

Zeichen beginnender psychischer Abh√§ngigkeit von Arzneimitteln k√∂nnen Gef√ľhle von Unsicherheit oder Angst sein, wenn auf die Einnahme verzichtet wird, oder wenn im Laufe der Zeit die Dosis gesteigert wird, die Wirkung des Medikaments jedoch gleich bleibt oder sogar geringer wird oder ganz ausbleibt. Ebenso ein Alarmsignal ist, wenn dem Organismus ohne √§rztliche Diagnose und Verschreibung im Laufe der Jahre immer mehr Substanzen zugef√ľhrt werden (hierzu geh√∂ren auch Nahrungssubstitutionsmittel, Injektionen mit Hormonen, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Nasentropfen usw.). Zumeist wird Medikamentenabh√§ngigkeit erst sehr sp√§t eingestanden, wenn bereits Erkrankungen der Organe vorliegen oder Unf√§lle (z.B. durch Konzentrationsmangel) auftreten. F√ľr den psychischen Entzug ist eine Kombination von Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sehr effektiv, immer ist aber eine √§rztliche Abkl√§rung auf etwaige k√∂rperliche Sch√§den dringend anzuraten.

In √Ėsterreich sind nach Angaben des API-Instituts ca. 350.000 Menschen alkoholkrank, ca. 130.000 sind von Medikamenten, knapp 30.000 von illegalen Drogen abh√§ngig.
In den USA wird einer Untersuchung der University Michigan von 2010 zufolge bei fast einer Million Kindern f√§lschlicherweise das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsyndroms (ADHS) diagnostiziert. Davon betroffen sind vor allem die j√ľngeren Kinder einer Jahrgangsstufe in Kindergarten oder Schule.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:vth.biz)

May 31

Erektile Dysfunktion (ED) bedeutet, dass ein Mann w√§hrend eines halben Jahres in mehr als zwei Dritteln der F√§lle keine Erektion bekommen oder aufrecht erhalten konnte, die f√ľr einen Geschlechtsverkehr ausreichte. Wenn es also nur hin und wieder einmal ‚Äěnicht klappt‚Äú, handelt es sich noch nicht um eine behandlungsbed√ľrftige St√∂rung. Doch mit dem Alter werden Erektionsprobleme bzw. ‘Impotenz’ h√§ufiger: unter den 40- bis 49-J√§hrigen ist jeder zehnte Mann betroffen, unter den 60- bis 69-J√§hrigen bereits mindestens jeder dritte.

Doch wo liegen die Ursachen? Vor allem bei √§lteren M√§nnern sind Erektionsprobleme bzw. Impotenz h√§ufig konstitutionell bedingt, bei M√§nnern unter 55 jedoch sind in fast allen F√§llen psychische Ursachen die Ausl√∂ser. ‚ÄěWundermittel‚Äú wie Viagra, Cialis oder Levitra sind deshalb gerade bei diesem Personenkreis nicht anzuraten – als wichtigste Gr√ľnde daf√ľr sind die m√∂glichen nachteiligen Folgen einer Langzeiteinnahme zu nennen, aber auch eine psychische Abh√§ngigkeit von der ‚ÄěKraftpille‚Äú.

Da eine erektile Dysfunktion auf Herz-, Kreislauf- und andere schwerwiegende Erkrankungen hindeuten kann, sollte zun√§chst unbedingt eine √§rztliche Untersuchung der Ursachen der Erektionsst√∂rungen erfolgen. K√∂nnen keine k√∂rperlichen Ursachen gefunden werden, liefern meist schon ein paar Beratungsgespr√§che bei einem Sexualtherapeuten wesentliche Impulse. ‚ÄěIch f√ľhle mich unglaublich befreit!‚Äú, sagte mir einmal ein Klient am Ende unserer Sitzungen. In der Tat gelingt es vielen M√§nnern, auf der Suche nach mehr ‚Äěsexueller Fitness‚Äú ihrer pers√∂nlichen Sexualit√§t neue und viel positivere Impulse zu verleihen. Und was gibt es Gerechteres als die sexuelle ‘Befreiung’ ..auch f√ľr den Mann? ūüėČ

Tipp: Wenn es Sie interessiert, k√∂nnen Sie den auf dieser Website angebotenen Selbsttest auf Erektile Dysfunktion / Erektionsst√∂rungen / Impotenz durchf√ľhren.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Photo src:www.topnews.in)

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ÔĽŅ10.06.18