Jan 26

Migration kann indirekt krank machen. Das in etwa ist die Schlußfolgerung von Andrea Topitz, der Leiterin der Abteilung für Transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen am AKH.

Besonders häufig sei sie in ihrer Tätigkeit mit PatientInnen konfrontiert, die entweder der Landessprache nicht mächtig sind – und daher ihre Probleme nur unzureichend oder gar nicht beschreiben können. Und gerade bei ungeklärtem Asylstatus verfügen sie häufig auch über keine Versicherung, was dann nicht nur für die Patienten selbst problematisch und riskant ist, sondern auch für die medizinischen Einrichtungen ein großes Problem darstellt. Gar nicht selten kommt es zu beidem: sehr geringe prachliche Ausdrucksmöglichkeiten der Patienten UND keine Versicherung.

Wie ich auch im Zuge meiner eigenen bikulturellen Arbeit immer wieder feststelle, ist der Einsatz von Kindern, Verwandten und Bekannten der Patienten und Klienten als “Gratis-Dolmetsch” nicht generell anzuraten: besonders wenn es auch um psychische Probleme geht, besteht dabei das Risiko einer Rollenumkehr oder einem Verlust von Intimität und Integrität.

Hinzu kommen kulturspezifische Faktoren in Behandlung und Beratung: “Psychosomatik gibt es in jedem Kulturkreis, aber der Umgang damit variiert”, schildert Topitz. So neigen etwa südosteuropäische Frauen dazu, Schmerzen viel dramatischer und massiver zu schildern als Österreicherinnen: “Die Patientinnen drücken ihre Schmerzen anders aus, diffuser und weniger differenziert, es tut alles weh und ständig, und auch die Affektlabilität ist gesteigert, die Frauen weinen und klagen viel”, erzählt Topitz. Die Schmerzen können dann ein Ausdruck für die prekäre Gesamtsituation sein, denn es ist leichter, über körperliche Beschwerden eine Anlaufstelle und eine Ansprechperson zu finden. Der eine oder andere Arzt versorge dann die Patienten ohne Rezept mit Medikamenten, aber solche Maßnahmen können nur Tropfen auf den heißen Stein sein.

Die Patientengruppe der Migranten zeichne sich darüber hinaus durch einen übermäßigen und wahllosen Umgang mit Medikamenten aus. Das kann unter anderem daran liegen, dass Ärzte normalerweise nicht die Möglichkeit haben, sprachunkundigen Patienten genügend Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen und diese mit Tabletten “abfertigen.”

Manche Klienten der transkulturellen Ambulanz stehen unter hohem Druck, weil ihr Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist und sie ständig von einer Abschiebung bedroht sind (Fellner: bzw. eine Rückkehr in das Heimatland aus anderen, etwa finanziellen Gründen unmöglich erscheint). Solche Umstände generieren einen Teufelskreis von Angst, Rückzug und Schmerzen, aus dem die Patienten selbst mit Medikation und Betreuung kaum herausfinden können.

(Quellen: Der Standard v. 25.01.2011, Fellner, “Wenn zwei Welten aufeinander treffen – Bikulturelle Partnerschaft” (2011); Image src:womenhealthzone.com)

Sep 07

Sein Herz schlägt mit jeder Sekunde stärker, Schweiß beginnt, den Rücken hinunterzulaufen und er bekommt kaum mehr Luft – als wären seine Lungen blockiert. Plötzlich ein intensiver Schmerz in der Brustgegend: ist es nun soweit, ist das der erste Herzinfarkt? Panikgefühle breiten sich in seinem Körper aus: er könnte genau hier zusammenbrechen und sterben, wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt – unaushaltbare Angst kriecht in seinen Körper hoch…

Die Symptome von Panikattacken sind unterschiedlich – die meisten Personen aber empfinden intensivste Angst, entweder eine Herzattacke zu erleiden, verrückt zu werden oder vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen. Eine Panikattacke zu erleiden, kann eines der schockierendsten, unangenehmsten und bedrohlichsten Erlebnisse sein, die eine Person in ihrem Leben erfährt.
Aber im Unterschied zu landläufigen Vermutung sind Panikattacken bei weitem nicht immer von hohem Stress verursacht, sondern können gerade auch Menschen ereilen, die eigentlich ein recht entspanntes Leben führen. Relativ häufig sind die Attacken etwa Zeichen für eine Angststörung, Depression oder andere psychische Belastungen, die lange Zeit hindurch ignoriert, “beiseite gewischt” oder – etwa durch Selbstmedikation – unfachgemäß behandelt wurden. Andere mögliche Ursachen können Seiteneffekte von Medikamenten, Alkoholkonsum, Medikamenten- oder Drogenentzug oder chronische Erkrankungen sein.

Wenn Panikattacken unbehandelt bleiben, kann sich die sogenannte Agoraphobie entwickeln, bei der eine Person Angst davor entwickelt, an bestimmten Orten oder in bestimmten Situationen Panikattacken zu erleiden. In der Sorge, dass in solchen Situationen keine Fluchtmöglichkeit besteht oder eine Panikattacke auftreten könnte, vermeiden sie zunehmend Situationen, in denen sie in ein solches Risiko geraten könnten, wie z.B. offene Plätze, Straßen, öffentlichen Transport – zuletzt vermeiden manche von ihnen sogar, das Haus zu verlassen. Panikattacken und Agoraphobie treten häufig im Zusammenhang mit sogenannter Sozialphobie auf, bei der sich die Angst auf soziale Situationen (etwa das Essen oder Sprechen in Gruppen) bezieht und die Sorge besteht, von den anderen beurteilt oder entblößt zu werden. Dies wiederum kann eine der schädlichsten Seiteneffekte der Panikstörung darstellen, da es die Leidenden daran hindert, sich frühestmöglich fachliche Unterstützung zu suchen, und damit Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch begünstigt. Erfolgreiche Behandlung ist jedoch möglich und besteht meist aus einer individuell bestimmten Anzahl von regelmäßigen Psychotherapie-Sitzungen, manchmal ergänzt durch unterstützende Medikation. Auf diese Weise können 90% der Agoraphobiker eine vollständige Befreiung von ihrem Problem erreichen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:Erin O’Brien/Getty Images)

Feb 12

Die meist verwendeten Schlaf- und Beruhigungsmittel wie beispielsweise Temesta, Dalmadorm oder Valium gehören zur Klasse der Benzodiazepine. Im Magazin “Nature” wurden nun die Ergebnisse einer Studie des Forschungsteams um Ch. Lüscher an der Universität Genf publiziert, nach denen Benzodiazepine – genau wie Heroin, Haschisch und andere Drogen auch – gezielt die Aktivität derjenigen Nervenzellen reduzieren, welche normalerweise das Belohnungssystem im Mittelhirn im Zaum halten. Wenn das entfesselte Belohnungssystem jedoch keiner Kontrolle mehr untersteht, kann es abwägende Entscheidungen zunehmend verunmöglichen und das zwanghafte Verhalten auslösen, das die Sucht definiert.

Selektiv wirksame Substanzen, die nur mit vereinzelten Untereinheiten der beteiligten GABA(A)-Rezeptoren interagieren, also zwar schlaffördernd wirken, jedoch nicht süchtig machen, seien zwar vorhanden, wurden bisher jedoch nicht klinisch entwickelt.

Psychotherapie oder andere erfolgreiche und seit Jahrzehnten etablierte Methoden, den Schlaf zu verbessern bzw. Schlafstörungen zu beseitigen, fanden in den Schlußfolgerungen keine Erwähnung.

(Quelle: Neural bases for addictive properties of benzodiazepines in: Nature 463, 769-774 (Feb 11, 2010); doi:10.1038/nature08758; Bild: fernsehen.ch)

Jun 28

Der kürzliche Tod von Michael Jackson ließ wohl die wenigsten Menschen unberührt – selbst jene, die mit seiner Musik oder den von ihm entwickelten Tanzelementen nichts anfangen konnten. Wie nur wenige öffentliche Ikonen polarisierte Jackson, und sein Lebensweg wurde in einem Ausmaß von den öffentlichen Medien verfolgt und kommentiert wie kein anderer. In krassem Kontrast zu unserer Aufmerksamkeitskultur wollte dieser Künstler selbst diese Aufmerksamkeit jedoch niemals: bei seinen öffentlichen Auftritten – selbst den inszenierten, vorbereiteten – erlebte man einen Menschen, der sich im Rampenlicht und unter Kamerascheinwerfern alles andere als wohlfühlte und um Worte verlegen war. Als jemanden, dessen Beruf es ist, mich in andere einzufühlen, schmerzte es mich beinahe, diese Gewaltakte, zu denen Medienauftritte für ihn geworden waren, mitansehen zu müssen. Seine Aussage, die bevorstehende Welttournee würde voraussichtlich gleichzeitig auch sein Abschied vom Pop-Business sein, war daher so glaubhaft wie von den wenigsten seiner Berufskollegen. Die Medien werden natürlich auch nach seinem Tod nicht ruhen – in den nächsten Wochen und Jahren wird man jedoch vermutlich Handfesteres als bisher über die Hintergründe der dramatischen Metamorphose Michael Jacksons – von einem musikalischen Wunderkind in ein emotionales und auch körperliches Wrack, einen Schatten seiner selbst – erfahren als früher. Und vermutlich wird auch erst dann die volle Tragweite seiner Traumatisierungen durch einen gewalttätigen Vater und den enormen Druck, dem er von frühester Kindheit an ausgesetzt war und der nie auch nur ansatzweise nachließ, in vollem Ausmaß erahnbar. Als Coping-Versuch kann u.a. die Verwirklichung eines seiner größten Träume, der sog. “Neverland-Ranch”, verstanden werden: ein in seiner Abgelegenheit Schutz bietender Kokon, ein Traumland inmitten der Wüste, benannt nach der Phantasie-Insel in der Geschichte von Peter Pan, auf der Kinder niemals erwachsen werden (müssen). Als Metapher für die Themen der Realitätsverweigerung, Weltflucht und Unsterblichkeit, drängen sich hier diverse Analogien zum Leben Jacksons geradezu auf.

Frühe Traumatisierungen und ein Gefühl sozialer Isolation führen häufig auch zu einer Affinität zu Drogen – vor diesem Hintergrund ist die massive Abhängigkeit Jacksons von Analgetika, Opiaten und Beruhigungsmitteln zu sehen, über die erstmals bereits vor 15 Jahren Details an die Öffentlichkeit gelangten. Der Einstieg erfolgte wohl im Zuge der Folgetherapie der massiven medizinischen Eingriffe und Veränderungen, welche Jackson an sich vornehmen ließ; die Suchtdynamik jedoch ist im Zusammenhang mit seinen psychischen Problemen wie etwa seiner Angst vor Infektionen, sozialen Ängsten, vermutlich auch Körperdysmorphophobie und Anorexie, allesamt in psychotherapeutischen Praxen bekannte Problembilder, zu sehen – “nicht einmal” Jackson mit seinem enormen Stab an Betreuern und Beratern war offenbar vor der typischen Suchtdynamik wie Einengung, Abkapselung usw. gefeit. Vertraute berichteten, Jackson habe bezüglich seines Suchtverhaltens seit Jahren sukzessive eine Mauer um sich herum aufgebaut, hinter die nur wenige Zutritt erhielten: darunter tragischerweise exakt die Personen, welche die Abwärtsspirale, in der er sich befand, ebenso wie er selbst verdrängten und negierten, ja teils sogar beschleunigten, indem sie ihn weiterhin mit den einschlägigen Arzneimitteln versorgten. Seinem sonstigen Umfeld wiederum scheint, wohl aus Angst vor den Reaktionen der Medien, der Mut gefehlt zu haben, wirkungsvolle Hilfsmaßnahmen einzuleiten. Gegenüber seiner Ex-Frau Lisa-Marie Presley hatte Jackson schon vor mehreren Jahren angedeutet, daß ihm ein ähnliches Schicksal wie ihrem Vater bevorstehen könnte – was nun tatsächlich der Fall gewesen zu sein scheint. Die bevorstehende Konzertserie muß für Jackson unvorstellbaren Druck bedeutet und immense Versagensängste ausgelöst haben, von den Proben durchgesickerte Details ließen die Frage aufkommen, ob er überhaupt in der Lage gewesen wäre, die Konzerte körperlich und psychisch durchzustehen. Michael Jackson hat versucht, diese Ausnahmevariante von Leben, in die er bis unmittelbar vor seinem Ableben wohl von Dritten stets mehr hineingedrängt wurde als er es sich selbst gewünscht und ausgesucht hätte, zu bewältigen. Seine Eltern hatten ihn zu einer Ikone und Marionette geformt, welche sich alleine, ohne Ziehfäden, zunehmends ausgeliefert und dem aggressiv-invasiven Leben draußen immer weniger gewachsen fühlte. Nicht zufällig gehörten wohl Kinder in ihrer Unbefangenheit und Naivität zu jenen, denen gegenüber er am ehesten Vertrauen und ihm sicher erscheinende Beziehungen aufbauen konnte, und die er schließlich als eigentliche Zielgruppe seiner Bemühungen – sowohl was seine künstlerischen, als auch seine sozialen und karitativen Ambitionen betraf – sehen wollte. Wie weit diese Vertrautheit mit Kindern in einzelnen Fällen ging, war die Schlüsselfrage aufsehenerregender Prozesse, die seinem bereits angeschlagenen Image in der Öffentlichkeit wohl nicht wieder zu reparierenden Schaden zufügten. Michael Jackson – glitzernder “King of Pop” und sanftes, verletzliches Kind zugleich – hat versucht, dieses Leben auszuhalten, und wohl an einen bestimmten Punkt festgestellt, daß ihm Betäubung nicht nur die Schmerzen seines Körpers, sondern wohl auch den Schmerz an der Welt und seinen Lebensumständen ein Stück weit erleichtern konnte. Und so beschleicht einen bei aller Betroffenheit die Vermutung, ob es sich der “Peter Pan” des Pop – in seinen Lebensumständen und immanenten Zwängen eingeschlossen wie ein Paradiesvogel in einem zu kleinen Käfig – nicht ausgesucht haben oder zumindest in Kauf genommen haben könnte, diesen Weg, dessen Verlauf er wohl nur selten jemals das Gefühl gehabt hatte, kontrollieren zu können, nicht mehr weitergehen zu wollen. Was Michael Jackson neben einem Berg an Schulden und offenen Fragen hinterläßt, ist jedoch vor allem auch eines: ein zeitloses kreatives Vermächtnis und ein Reigen unvergeßlicher Erinnerungen vor den Plattenspielern und TV-Geräten (Thriller“!) seiner abermillionen Fans.

Blog-Begriffswolke:
10.06.18