Oct 28

Der Begriff ‚ÄěMessie-Syndrom‚Äú tauchte erstmals in den Medien auf, als eine Amerikanerin √∂ffentlich √ľber ihre schrittweise Entwicklung zum ‚ÄěMessie‚Äú w√§hrend der 80er-Jahre schrieb sowie √ľber ihre Schwierigkeiten, ihr problematisches Verhalten zu √§ndern und wieder Kontrolle √ľber ihr Leben zu erlangen.

Messies sammeln in ihren Wohnungen oder H√§usern Gegenst√§nde an, die zumeist bereits wert- oder nutzlos geworden sind. Ihre Wohnungen werden immer weniger bewohnbar, in extremen F√§llen verbleiben nur mehr schmale Pfade zwischen St√∂√üen von gef√ľllten Plastiks√§cken, √úbersiedlungskartons oder alten Zeitschriften und B√ľchern; sie k√∂nnen sogar ein hygienisches Problem darstellen, wenn sich unbemerkt Insekten einnisten oder schlechter Geruch entsteht. Aber selbst dann kann ein Messie diese Dinge nicht einfach wegwerfen, da er/sie das Gef√ľhl hat, sie h√§tten eine wichtige emotionale Bedeutung. Eines Tages k√∂nnte man diese Dinge ja noch gebrauchen, oder sie seien Teil einer liebgewonnenen Sammlung, die sie gerne aufheben w√ľrden…

Das tieferliegende psychische Problem von Messies ist, dass sie ernste Schwierigkeiten haben, Ordnung herzustellen oder aufrechtzuerhalten und sich ad√§quat zu organisieren. Ihr Problem ist ihnen zwar zumeist durchaus bewusst und sie haben auch Pl√§ne, wie sie ihr Chaos in den Griff bekommen wollen – doch sie scheitern daran, diese ad√§quat umzusetzen, was zu noch gr√∂√üerer Frustration f√ľhrt. Nat√ľrlich bleibt dies nicht ohne Auswirkung auf das Selbstwertgef√ľhl und f√ľhrt h√§ufig zu sozialem R√ľckzug, ja mitunter sogar v√∂lliger Isolation.

Es ist f√ľr die Betroffenen aber keine Hilfe, sie zu besserer Organisation zu zwingen oder das, was man selbst als ‚ÄěM√ľll‚Äú betrachtet, einfach wegzuwerfen. Dies w√ľrde von ihnen als gewaltt√§tig und gef√ľhllos, ja als unverzeihlicher Eingriff in ihre Privatsph√§re wahrgenommen werden. Denn Messies sind keineswegs ‚Äěunzurechnungsf√§hig‚Äú, sondern im Gegenteil fast immer √ľberdurchschnittlich intelligent und empfindsam, und nehmen sehr rasch wahr, wenn sie jemand nicht ernst nimmt. Es mangelt ihnen schlicht nur an der f√ľr uns ‚Äěnat√ľrlichen‚Äú Selektionsf√§higkeit f√ľr das, was aussortiert geh√∂rt.

Eine bew√§hrte Vorgangsweise, Messies darin zu unterst√ľtzen, ihr Problem sukzessive in den Griff zu bekommen ist eine Kombination von Psychotherapie und idealerweise einer Austauschm√∂glichkeit in Selbsthilfegruppen. In schweren F√§llen werden h√§ufig auch Sozialarbeiter involviert. Die Betroffenen erlernen Strategien, die ihnen dabei helfen, mehr Erfolg als bisher mit ihren Organisationsstrategien zu haben. Dies kann einige Zeit dauern, am Ende jedoch verf√ľgen die einstigen ‚ÄěMessies‚Äú √ľber deutlich mehr Freiheit, Lebensfreude und Selbstbewusstsein als davor.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:wikimedia)

Interessiert Sie dieses Thema? Dann sind f√ľr Sie vielleicht auch meine umfangreicheren Artikel und Interviews zum Messie-Syndrom interessant.

Sep 26

Sie haben eigentlich viel Zeit, k√∂nnen aber die wichtigsten Dinge nicht zu Ende f√ľhren? Sie sind mit vielerlei kleinen Erledigungen besch√§ftigt, aber viel zu h√§ufig verschieben Sie das wirklich Wichtige?

Dann k√∂nnte es sein, dass Sie eine jener vielen Personen sind, die unter sogenannter Prokrastination leiden. Prokrastination wirkt h√§ufig wie Selbstsabotage, da man dadurch mitunter wichtige Gesch√§ftschancen vers√§umt, Freunde und Bekannte durch h√§ufiges Zusp√§tkommen ver√§rgert, oder es werden gar wichtige Schritte zum Abschluss von Ausbildungs- oder beruflichen Zielen verabs√§umt. Dieses Verhalten f√ľhrt deshalb h√§ufig zu Schuldgef√ľhlen, Stress und einem Verlust von Selbstwertgef√ľhl, was die Prokrastination noch weiter verst√§rken kann. Sogenannte ‚ÄěMessies‚Äú zeigen ebenfalls h√§ufig Symptome von Prokrastination.

Ein anderer Grund f√ľr die Schwierigkeit, Dinge zu Ende zu f√ľhren, kann aber auch in jugendlicher oder Erwachsenen-ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivit√§tsst√∂rung) bestehen. Wird diese nicht behandelt, wirkt man h√§ufig desorganisiert oder chaotisch, viele neigen zum Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, um im Alltag √ľber die Runden zu kommen. √úber ADHS bei Kindern und Jugendlichen finden sich heute viele Medienberichte, doch auch zahlreiche Erwachsene leiden darunter, wenn auch mit leicht unterschiedlichen Symptomen.

Wie aber kann man diese Probleme in den Griff bekommen? Meine Beobachtung ist, dass viele Betroffene dutzendweise Ratgeberliteratur mit verhei√üungsvollen Titeln wie ‚ÄěMit Methode XY jedes Ziel erreichen!‚Äú in ihren B√ľcherregalen sammeln, von denen jedes √ľblicherweise mindestens ein Dutzend an Tipps bereith√§lt – doch im Endeffekt verst√§rkt diese Art von Literatur das Versagensgef√ľhl sogar noch weiter. Wenn Sie an die Wurzel des Problems kommen m√∂chten, lassen Sie sich zun√§chst durch einen Psychiater, Psychotherapeuten oder Psychologen auf ADHS hin untersuchen. ADHS kann in schwereren F√§llen medikament√∂se Unterst√ľtzung erfordern, bei dem Psychotherapie stabilisierend und ressourcenverst√§rkend wirkt, speziell Prokrastination aber ist ein Problem, das sowohl mit therapeutischer Unterst√ľtzung, aber auch mit regelm√§√üig eingehaltenen Coaching- oder Beratungssitzungen in √ľberschaubarer Zeit gut bew√§ltigt werden kann.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psychologytoday.com)

Jan 20

Laut internen Statistiken der italienischen Gesellschaft zur Bek√§mpfung der Suchtkrankheiten (SIIPAC) ist im vergangenen Jahrzehnt die Zahl der einkaufss√ľchtigen ItalienerInnen um zehn Prozent gewachsen und betrifft heute in Italien ca. 5% der erwachsenen Bev√∂lkerung.

85 Prozent der “Shopaholics” seien Frauen, doch in den vergangenen Jahren habe auch die Zahl der betroffenen M√§nner stark zugenommen. “An Shopping-Manie leiden normale Menschen, die meist zwischen 35 und 40 Jahren sind. Einige sind sogar zu illegalem Verhalten bereit, um sich das Geld zum Einkaufen neuer Dinge zu verschaffen”, so C. Guerreschi, Pr√§sident der Gesellschaft.

In einem Interview mit dem Magazin “Girl” hat Victoria Beckham offen ihr zwanghaftes Einkaufen zugegeben: “Zu Weihnachten habe ich zu viel ausgegeben. Konsum ist wie eine Droge. Je mehr man hat, desto mehr w√ľnscht man sich. Wenn ich in Mailand bin, kann ich der Versuchung nicht widerstehen. All diese Waren in den wundersch√∂nen Boutiquen rufen mir zu: ‘Kauf mich, bitte kauf mich”, erkl√§rte sie. Zur Entschuldigung meinte sie: “Shopping hilft der Wirtschaft in dieser Krisensituation.”

Beckham liegt offenbar im Trend, denn viele Betroffenen kaufen aus Frust, Mangel an sozialen Kontakten oder Depression ein. Nur selten werden die gekauften Kleider, elektronischen Artikel oder Accessoires wirklich benötigt, sondern bleiben meist ungenutzt in den Schränken liegen. Ein Problem erkennen die meisten erst dann, wenn sie sich wegen ihrer Sucht verschulden.

Die “Shopping-Manie” wird in Italien wie auch die Spielsucht bereits als Krankheit behandelt. “Oft werden Patienten von ihren Angeh√∂rigen zu uns gebracht, nachdem sie die Familie finanziell an den Rand des Bankrotts getrieben haben”, so ein Psychologe der Organisation. “Die tiefe Ursache ist Depression, die zum Zwang f√ľhrt, mit Materiellem die innere Leere zu f√ľllen. Hinter der Sucht stehen auch Angst und Flucht vor der Verantwortung”, so der Psychologe.

(Bild: VLC/DailyMail.co.uk)

Oct 19

Wenn jemand viel mehr Waren erwirbt, als er sich leisten kann, dann ist dieses Verhalten vermutlich die Folge tiefliegender psychischer St√∂rungen, wie eine Studie des Uniklinikums Erlangen aufzeigt. Der Anteil der einschl√§gig Suchtgef√§hrdeten zwischen 14 und 24 Jahren ist in den letzten Jahren in Gesamteuropa deutlich gestiegen. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Insgesamt ist fast jeder dritte Mensch in √Ėsterreich ist zumindest kaufsuchtgef√§hrdet.

Im Rahmen der Studie wurde anhand standardisierter psychologischer Tests die psychische Gesundheit von kaufs√ľchtigen Personen mit der von gesunden sowie von essgest√∂rten Menschen verglichen. Das Ergebnis: Kaufs√ľchtige sind nicht nur stark verschuldet, sondern leiden sehr h√§ufig dar√ľber hinaus auch unter Depressionen, Angst- und Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen. 80% der Kaufs√ľchtigen hatten schwere √Ąngste, 63% litten an Depressionen, 23% an Essst√∂rungen. “Die Ergebnisse verdeutlichen das immense Ausma√ü psychischer Komorbidit√§t bei Patientinnen mit pathologischem Kaufverhalten”, so die Wissenschafter. In einer Therapiegruppe der √Ėsterreichischen Arbeiterkammer war fast die H√§lfte der von Kaufsucht betroffenen Personen auch vom so genannten ‘Messie-Syndrom’ betroffen. M√∂glicherweise ist also Kaufsucht keine eigenst√§ndige St√∂rung, sondern vielmehr ein Symptom des Verm√ľllungssyndroms.

“Ganz offensichtlich handelt es sich zumindest bei der hier untersuchten Stichprobe von kaufs√ľchtigen Patientinnen um ein psychisch sehr krankes Kollektiv, so dass diskutiert werden muss, ob pathologisches Kaufverhalten nicht besser als eine Begleiterscheinung anderer psychischer Erkrankungen verstanden werden sollte”, schreibt die Psychologin A. M√ľller im Fachblatt “PPmP – Psychotherapie Psychosomatik und Medizinische Psychologie”.

Kaufs√ľchtige sp√ľren regelm√§√üig einen unwiderstehlichen Impuls zum Erwerb unn√∂tiger Waren, die das finanzielle Budget weit √ľbersteigen. Die meisten untersuchten Betroffenen sind verschuldet (was gro√üz√ľgige √úberziehungskonditionen von Banken und Kreditkartenfirmen h√§ufig verschleiern), durchschnittlich mit rund 45.000 Euro. Studien deuten darauf hin, dass Kaufsucht nicht mit Medikamenten behandelbar ist, sondern eher mit Psychotherapie.
Kaufsucht zählt zu den nicht substanzbezogenen Abhängigkeitsformen. Subtil ist die Definition der Kaufsucht, da sie sonst leicht bagatellisiert werden kann. Folgende Kriterien weisen auf eine tatsächliche Sucht hin: Der Drang immer wieder zu kaufen, der Verlust der Selbstkontrolle, man kauft häufiger, immer mehr und immer teurere Dinge. Das Einkaufen wird zum Lebensmittelpunkt. Entzugserscheinungen wie Unruhe, Nervosität, Unwohlsein, psychosomatische Erkrankungen, Selbstmordgedanken sind ebenfalls Hinweise auf eine ernsthafte Störung. Von Männern werden im Zuge von Kaufsucht besonders häufig Autos sowie elektronische Geräte erworben, von Frauen Kleidung, Schmuck und Dekorationsgegenstände.

(Quelle: APA 08/2009. Photo src:DerStandard.at)

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ÔĽŅ10.07.20