Oct 19

Wenn jemand viel mehr Waren erwirbt, als er sich leisten kann, dann ist dieses Verhalten vermutlich die Folge tiefliegender psychischer Störungen, wie eine Studie des Uniklinikums Erlangen aufzeigt. Der Anteil der einschlägig Suchtgefährdeten zwischen 14 und 24 Jahren ist in den letzten Jahren in Gesamteuropa deutlich gestiegen. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Insgesamt ist fast jeder dritte Mensch in Österreich ist zumindest kaufsuchtgefährdet.

Im Rahmen der Studie wurde anhand standardisierter psychologischer Tests die psychische Gesundheit von kaufsüchtigen Personen mit der von gesunden sowie von essgestörten Menschen verglichen. Das Ergebnis: Kaufsüchtige sind nicht nur stark verschuldet, sondern leiden sehr häufig darüber hinaus auch unter Depressionen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen. 80% der Kaufsüchtigen hatten schwere Ängste, 63% litten an Depressionen, 23% an Essstörungen. “Die Ergebnisse verdeutlichen das immense Ausmaß psychischer Komorbidität bei Patientinnen mit pathologischem Kaufverhalten”, so die Wissenschafter. In einer Therapiegruppe der Österreichischen Arbeiterkammer war fast die Hälfte der von Kaufsucht betroffenen Personen auch vom so genannten ‘Messie-Syndrom’ betroffen. Möglicherweise ist also Kaufsucht keine eigenständige Störung, sondern vielmehr ein Symptom des Vermüllungssyndroms.

“Ganz offensichtlich handelt es sich zumindest bei der hier untersuchten Stichprobe von kaufsüchtigen Patientinnen um ein psychisch sehr krankes Kollektiv, so dass diskutiert werden muss, ob pathologisches Kaufverhalten nicht besser als eine Begleiterscheinung anderer psychischer Erkrankungen verstanden werden sollte”, schreibt die Psychologin A. Müller im Fachblatt “PPmP – Psychotherapie Psychosomatik und Medizinische Psychologie”.

Kaufsüchtige spüren regelmäßig einen unwiderstehlichen Impuls zum Erwerb unnötiger Waren, die das finanzielle Budget weit übersteigen. Die meisten untersuchten Betroffenen sind verschuldet (was großzügige Überziehungskonditionen von Banken und Kreditkartenfirmen häufig verschleiern), durchschnittlich mit rund 45.000 Euro. Studien deuten darauf hin, dass Kaufsucht nicht mit Medikamenten behandelbar ist, sondern eher mit Psychotherapie.
Kaufsucht zählt zu den nicht substanzbezogenen Abhängigkeitsformen. Subtil ist die Definition der Kaufsucht, da sie sonst leicht bagatellisiert werden kann. Folgende Kriterien weisen auf eine tatsächliche Sucht hin: Der Drang immer wieder zu kaufen, der Verlust der Selbstkontrolle, man kauft häufiger, immer mehr und immer teurere Dinge. Das Einkaufen wird zum Lebensmittelpunkt. Entzugserscheinungen wie Unruhe, Nervosität, Unwohlsein, psychosomatische Erkrankungen, Selbstmordgedanken sind ebenfalls Hinweise auf eine ernsthafte Störung. Von Männern werden im Zuge von Kaufsucht besonders häufig Autos sowie elektronische Geräte erworben, von Frauen Kleidung, Schmuck und Dekorationsgegenstände.

(Quelle: APA 08/2009. Photo src:DerStandard.at)

Weitere Artikel auf dieser Website:

Diskussionen im Online-Forum für Nicht substanzbezogene Abhängigkeiten
Interview Messies – Das Vermüllungs-Syndrom
Das Messie-Syndrom – Alles in Unordnung?

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Gedanken zu “Kaufsucht – eine tiefe psychische Störung” (8):

  1. Kommentar von Sandra:

    Bin ich kaufsüchtig?
    1. Wenn ich Geld habe, muss ich es ausgeben
    2. Wenn ich durch die Innenstadt gehe fühle ich ein starkes Verlangen etwas zu kaufen.
    3. Oft verspüre ich ein unerklärlichen drang loszugehen und etwas zu kaufen
    4. Oft habe ich das Gefühl etwas unbedingt haben zu müssen.
    5. Nach dem kauf frage ich mich ob das wirklich nötig wart
    6. Ich kaufe oft weil es billig ist
    7. Ich habe schon oft was gekauft was ich dann nicht benutzt haben
    8. Einkaufen ist ein weg dem Alltag zu entkommen und zu entspannen.
    9. Oft habe ich mir etwas gekauft was ich mir eigentlich nicht leisten konnte.
    10. Manchmal traue ich mich nicht anderen die neuen Sachen zu zeigen weil man mich sonst für unvernünftig halten könnte.
    11. Oft habe ich auch ein schlechtes Gewissen wenn ich mir etwas gekauft habe.
    12. Oft kaufe ich weil ich einfach Lust zum kaufen habe.
    Wenn man mehr als vier Fragen mit ´ja` beantwortet hat sollte man sein Kaufverhalten überdenken !

    Kennzeichen von Kaufsucht :
    • Kontrollverlust, Zwang zur Wiederholung
    • Dosissteigerung, kauf von Waren weit über dem Bedürfnis heraus
    • Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche, innere Ruhe
    • Depressionen

    Negative Auswirkungen :
    Überschuldung, Isolation, Zerstörung der Familie / Freunde, starke persönliche und soziale Probleme

    Anfangs versucht man durch materielle Dinge Anerkennung zu finden. Danach folgt der Absturz. Die Süchtigen kapseln sich ab und lügen.
    60 % der Frauen sind zwischen 20 und 30 Jahren.
    9 % der Bundesbürger sind bereits kaufsüchtig, 23 % sind kaufsuchtgefährdet

    Ursachen :
    Ängste, Depressionen, innere leere, Langeweile, schlechte Laune, geringes Selbstwertgefühl

    Je schlechter das Gefühl ist das man unterdrücken will, desto größer die Dosis des Rauschmittels ´´kaufen´´

  2. Kommentar von Sabine P. @ Vistano:

    Sehr guter Artikel über die Kaufsucht. Die Kaufsucht wird meist unterschätzt, also ist hier Vorsicht geboten.

  3. Kommentar von Franko:

    Sehr schöner Artikel, aber sind wir nicht alle irgendwie Kaufsüchtige? Jeder in Seinen Bereich. Bei Frauen sind es Sachen wie Schminke, Klamotten ect. und bei Männer vielleicht Autos Werkzeug und Elektronik.

  4. Kommentar von Lothar:

    Es fehlen Hinweise darauf, wie solchen Menschen geholfen werden kann. Einer meiner besten Kumpels erstickt buchstäblich unter Fernsehgeräten und anderen Luxuskonsumgütern der Marke REVOX. Er läuft rum wie ein Obdachloser, und sein Gang vom Bett in die Küche oder in’s Bad ist ein Hürdenlauf. Durch seine ganze Einzimmerwohnung liegen die Stromkabel über die er ständig stolpert. Platz für einen Kleiderschrank hat er nicht, seine Wäsche befindet sich auf der Wäscheleine über der Badewanne, dem Sessel und im Bettkasten seines Bettes. Und nun der Kick: Jährlich hat er mehrere tausend Euro an Instandsetzungskosten für seine Sperrmüllgeräte. Dieses Geld fehlt natürlich um Bekleidung zu kaufen. Und das sieht man ihm selbstverständlich an! Wie kann man diesem Menschen noch helfen???

  5. Kommentar von r.l.fellner:

    Hallo Lothar, in solch schweren Fällen, die ultimativ in Richtung eines sog. “Messie-Syndroms” tendieren, müssen Freunde oder Verwandte sich ein Herz nehmen und die Betroffenen mit Nachdruck in eine Beratungssituation bringen (idealerweise mit ihnen mitkommen! z.B. zu Psychotherapeuten, Sozialarbeitern oder psychosozialen Beratern). Denn sie selbst fühlen sich meist zu schwach, diesen empfundenen “riesigen Brocken” ganz alleine anzugehen, schämen sich enorm und/oder wehren Versuche von außen, z.B. Gegenstände wieder zu verkaufen oder wegzuwerfen, massiv ab. In der Psychotherapie oder Beratung wird zunächst die aktuelle Situation analysiert und mit Einverständnis werden erste Schritte in Richtung einer Verbesserung geplant. Wichtig: die Unterstützung muss z.T. auch “vor Ort” (daheim oder in schwierigen Alltagssituationen) passieren, rein ambulante Psychotherapie reicht bei solchen Entwicklungen wie den von Ihnen beschriebenen leider meist nicht mehr aus!

    Besteht dagegen Problemeinsicht und ist Selbstkontrolle zumindest in Teilbereichen möglich, kann auch ambulante Psychotherapie (Besuch einer pt. Praxis) sehr gut auf dem Weg heraus aus der Kaufsucht unterstützen.

    Ich hoffe, dieses Feedback hilft Ihnen ein wenig weiter.

    Freundliche Grüße,
    R.L.Fellner

  6. Kommentar von L.R. aus Timmendorfer Strand:

    Vielen Dank für Deine Antwort, die ich ich gerade eben erst gelesen habe. Peinlicherweise habe ich meinen eigenen Beitrag vergessen und zufällig wiedergefunden…
    OK, wie dem auch immer sein mag, bezeichneter Kumpel befindet sich zur Zeit in der Klinik, seit er, bedingt durch das Versagen eines seiner Nobelsperrmüllgeräte, in eine lebensbedrohliche Gesundheitskriese geriet. Diese hat aber keine lebensmüden Hintergründe. Vielmehr hat ihm die Aufregung darüber gesundheitlich stark zugesetzt, wieder mal viel Geld ausgeben zu müssen für eines seiner defekten, antiquaten Gerätschaften.

  7. Kommentar von Fabienne L.:

    Ich war im Sommer 2 Wochen sehr minimalistisch campen und hatte gar nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Bis um Weihnachten herum hat diese Selbstreflexion sehr gut gewirkt, um Weihnachten herum waren dann die Versuchungen allgegenwärtig und ich begann wieder zu shoppen. Kaufsucht ist soooo schwer in den Griff zu bekommen!

  8. Kommentar von Natalie:

    Ich bin auch kaufsüchtig.Bin 40 weiblich und brauche immer neue Sachen.Wen ich kein Geld habe macht mich das total nervös.Ich kann es kaum abwarten bis zum 1 das ich wieder mir schöne Dinge bestellen kann.Ich leide unter Magersucht.Depresionen.Borderline.Das ist das einzigste was mich glücklich macht das shoppen.Am liebsten kaufe ich mir die trendy auffällige Klamotten.Deko.Parfüms.Schminke.Ich gebe mal ein Beispiel also ich bekomme immer 350 Euro für den Monat eigendlich zum Leben.Davon bestelle ich mir für 300 Euro jeden Monat schöne Dinge.Nur 50 Euro bleiben für essen und trinken.Das würde kein normaler Mensch schaffen aber durch meine Magersucht esse ich sowieso nicht viel.Aber trotzdem sieht man ja wie krank ich bin:( Mein Warenkorb bei Douglas ist schön wieder propevoll.Ich weiss das ich mir das alles nicht leisten kann aber ich muss es mir kaufen.Bin so traurig das ich so stark in der Kaufsucht stecke.Ich glaub mir fehlt Liebe das ich das deswegen mache.Bin sehr einsam obwohl ich vom Aussehen her gut aussehend sein soll so höre ich es jedenfalls von Männern wen ich mal einen begegne.Aber ich hab einfach nie genug Parfüms.Klamotten und Schminke.Hat das jemand so extrem wie ich ? Warum will ich immer so perfekt sein nach aussen hin ? Ich bin ganz doll traurig das ich nur noch ans kaufen denke.Jeden Tag denk ich hoffendlich gibt es am 1 noch die Artikel die ich haben will.Sorry für den langen Text.Lg Natalie

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25.06.19