Sep 11

Schizophrenie schleicht sich zumeist hinterrĂŒcks an: sie tarnt sich, hĂ€ufig als “Depression” oder “PubertĂ€tskrise”. Manchmal auch mit körperlichen Symptomen wie Herzstechen. Doch meist dauert das Versteckspiel nur wenige Wochen. Dann beginnt die Grenze zwischen dem Selbst und der Außenwelt zu schwinden, Gedanken werden laut, unbekannte Stimmen mischen sich in das Leben ein, GefĂŒhle scheinen gesteuert, andere verfolgen, beobachten, belauschen. Schizophrenie treibt jeden zehnten Betroffenen in den Suizid, doch immer noch haftet dieser schweren psychischen Erkrankung das Stigma schlicht  hausgemachter Probleme oder mangelnder Belastbarkeit an.

Ursachen

“Dass oftmals die Persönlichkeit als Basis fĂŒr Schizophrenie herhalten muss, gehört wohl zu den gravierendsten FehleinschĂ€tzungen”, warnt W. Fleischhacker, Leiter der Uni-Klinik fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie an der Med-Uni Innsbruck. Doch bis zu 70% des Risikos an Schizophrenie zu erkranken, verorten Forscher in den Genen. Doch “..jeder einzelne Risikofaktor birgt nur einen winzigen Bruchteil in sich. Erst wenn alle zusammenkommen, bricht die Krankheit aus; dazu gehören neben den HirnverĂ€nderungen auch umweltbedingte Faktoren”, sagt Fleischhacker.

TatsĂ€chlich beginnt der “Kampf im Kopf”, den immerhin 80.000 Österreicher wenigstens einmal im Leben ausfechten, hĂ€ufig mit belastenden EinflĂŒssen wie Schulschwierigkeiten, Drogen oder Liebeskummer. Und fast immer geschieht dies bereits in der PubertĂ€t – jener Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen massiven Umbau erfĂ€hrt und fĂŒr das weitere Leben generalĂŒberholt wird. Die Kombination aus erblicher Veranlagung, belastender Erfahrung und mentaler Verletzlichkeit scheint schließlich zu veranlassen, dass einige Schaltkreise der 100 bis 200 Milliarden Nervenzellen im Gehirn in Unordnung geraten. Gewöhnlich transportieren die Neuronen Informationen durch Seh-, Sprach-, Wahrnehmungs- sowie Bewertungs- und GefĂŒhlszentren. Die Übergabe erfolgt mithilfe von Botenstoffen, die jeder Information eine Bedeutung geben: So entscheidet das Serotonin im GefĂŒhlszentrum ĂŒber GlĂŒck oder Tristesse, Glutamat reguliert die Erregbarkeit und Dopamin steuert im limbischen System Lernen und Motivation – ein hochkomplexes System, das empfindlich auf Abweichungen reagiert. Fehlt etwa Serotonin, entsteht Depression. “Nennen Sie es Seele oder Psyche: Was den Menschen ausmacht, ist das Ergebnis von zellulĂ€ren, biochemischen und elektrischen Prozessen in den Neuronenschaltkreisen des Gehirns”, beschrieb der Neurochirurg Volker Sturm aus Köln die VorgĂ€nge einst.

Diese Aussage trifft fĂŒr Schizophrenie-Patienten: “Denn bei ihnen gerĂ€t das ganze philharmonische Orchester der Neurochemie in Missklang”, wie es der Wiener Leiter der Uni-Klinik fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie Siegfried Kasper ausdrĂŒckt. Den grĂ¶ĂŸten Anteil trĂ€gt Dopamin. Im Motivationszentrum schießt es, vermutlich gesteuert durch Glutamat, ĂŒber und verursacht die so typischen Wahnvorstellungen. Zugleich aber mangelt es in den Hirnarealen, wo Informationen interpretiert und emotional bewertet werden sowohl an Dopamin als auch an Serotonin. “Das aber ist sehr viel schlimmer als die auffĂ€lligen Psychosen”, sagt Kasper. Sie lösen einen massiven RĂŒckzug von Freunden und Familie, Konzentrations- und Kommunikationsverlust aus, durch die sich die Patienten “kaum noch erreichen lassen”. Zumal durch den Serotoninmangel auch die Ausbildung neuer Nervenzellverbindungen nachlĂ€sst. Es beginnt ein biochemischer wie sozialer Teufelskreis, der, wenn er nicht gestoppt wird, die Menschen in Isolation treibt.

Behandlung

Dieser Prozess lĂ€ĂŸt sich jedoch aufhalten. Gerade die (nicht mehr ganz so) “neuen” Antipsychotika regulieren sowohl den Dopamin- als auch den Serotoninspiegel sensibel und vergleichsweise nebenwirkungsfrei. Vor allem dann, wenn die Schizophrenie rechtzeitig erkannt und medikamentös behandelt werde, könnten die meisten ein mehr oder weniger erfĂŒlltes Leben fĂŒhren, so Fleischhacker. Doch genau da liegt das Problem: Meist vergehen bis zu drei Jahre, bis er Patienten zu Gesicht bekommt. HĂ€ufig schieben die Betroffenen den Arzt- oder Therapeuten-Besuch lange vor sich her, was der Krankheit viel Zeit gibt, sich in der Psyche “einzurichten”. HĂ€ufig tĂ€uschen vorĂŒbergehende Phasen der Erholung, die den erschöpfenden AnfĂ€llen folgen. Fatalerweise aber werden die SchĂŒbe unbehandelt meist schlimmer, die Wahnvorstellungen verfestigen sich, wĂ€hrend die FĂ€higkeit, die eigene Krankheit zu erkennen, schwindet, und damit auch die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen.

Die Experten drĂ€ngen daher auf eine begleitende Psychotherapie. “Sie lehrt Betroffene mit ihrer Erkrankung umzugehen, schĂŒtzt sie vor Isolation, aber vor allem lernen sie, Vorboten der möglichen RĂŒckfĂ€lle zu erkennen”, so Fleischhacker. Denn eine Psychose taucht keinesfalls aus dem Nichts auf – sie kĂŒndigt sich an. Studien aus Deutschland zeigen eindrucksvoll, dass RĂŒckfĂ€lle um mehr als 30 Prozent sinken, nehmen Patienten wie auch Angehörige eine solche Therapie in Anspruch.

Mythen und Fakten

“Nur wenige Menschen erkranken an Schizophrenie.”

Etwa einer von 100 Menschen erleidet im Laufe seines Lebens zumindest einen solchen Krankheitsschub.

Schizophrene hören Stimmen.

Das “Stimmen hören” ist tatsĂ€chlich ein hĂ€ufiges Symptom, das wĂ€hrend der akuten KrankheitsschĂŒbe auftritt. Zwischen den SchĂŒben aber leben und empfinden die Patienten so rational wie Gesunde auch.

Schizophrene haben eine gespaltene Persönlichkeit.

Es wohnen nicht zwei Menschen in einer Seele. Vielmehr ist der Patient sich seiner Wahrnehmungen durchaus bewusst und nicht selten hat er große Angst davor. Viele Schizophrene ziehen sich deswegen aus ihrem sozialen Umfeld zurĂŒck.

FĂŒr Schizophrenie gibt es keine Heilung.

Die meisten Patienten lassen sich gut durch Medikamente und psychosoziale Maßnahmen therapieren. Es gibt kaum Patienten, die dauerhaft stationĂ€r behandelt werden mĂŒssen. Viele Schizophrenie-Patienten leben selbstĂ€ndig und in Beziehungen, sind zum Teil in die Arbeitswelt eingegliedert.

Zum Weiterlesen:
Amen, D.: “Das glĂŒckliche Gehirn” – Ängste, Aggressionen und Depressionen ĂŒberwinden – So nehmen Sie Einfluss auf die Gesundheit Ihres Gehirns
Hell, D. & SchĂŒppbach, D.: “Schizophrenien” – : Ein Ratgeber fĂŒr Patienten und Angehörige
Greenberg, J.: “I never promised you a Rose Garden” (Roman, engl.)

(Quelle: Eintrag basiert auf einem Artikel in der Zeitung ‘Der Standard’ v. 22.08.2011; Image src:medindia.com)

Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz hört man hĂ€ufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tatsĂ€chlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise können selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, SĂŒchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht heißen, dass die Genetik kein wichtiges Potential hĂ€tte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, sĂ€mtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren fĂŒr unsere Krankheiten und Störungen auch weiterhin zu berĂŒcksichtigen.

Einer der haarstrĂ€ubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unabĂ€nderlich sei, könnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, persönliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. TatsĂ€chlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. FĂŒr komplexe Störungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder AbhĂ€ngigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken EinflĂŒsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung spĂ€ter entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, können diese EinflĂŒsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgefĂŒhrte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein wĂ€hrend der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene verĂ€nderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So könnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr Möglichkeiten, unser Leben zielfĂŒhrend zu verĂ€ndern, als wir es uns vorstellen mögen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

Jun 29

Du hast ja eine Psychose!” Dies ist gewissermaßen die “gebildetere” Form der Floskel “Du bist ja verrĂŒckt!”, die von manchen verwendet wird, wenn sie sich die Handlungen einer Person nicht erklĂ€ren können.

In stark naturverbundenen Kulturen wurden Menschen, deren Verhalten stark von dem abwich, was als “normal” empfunden wurde, durch Magier und Schamanen behandelt. Im Westen dagegen wurden sie frĂŒher in sogenannten “IrrenhĂ€usern” eingesperrt und teils grausam behandelt (-> Artikel: “Geschichte der Psychotherapie“). Erst in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nahm der Psychiater Karl Birnbaum erstmals eine Abgrenzung des medizinischen Begriffs der sog. “Psychose” vor. Seinem Konzept nach war diese durch eine Wechselwirkung zwischen organischen und psychischen Ursachen bestimmt: die organischen Faktoren definierten den Krankheitstyp, ihre AusprĂ€gung, ihr Beginn und ihr Verlauf wĂŒrden dagegen stark von psychischen Faktoren beeinflusst.

Das VerhĂ€ltnis dieser zwei Einflußfaktoren war geschichtlichen Änderungen unterworfen: vor dem Beginn der Psychiatrie hielt man “Geisteskranke” noch fĂŒr unheilbar, gefolgt von einer HochblĂŒte der Psychotherapie. GegenwĂ€rtig befinden wir uns wieder in einer Phase, in der die körperlichen (neurologischen) Faktoren im Vordergrund stehen. Mitunter werden dann auch ausschließlich diese behandelt – selbst wenn die eigentlich Betroffenen dies als nicht befriedigend und ausreichend erleben. Die erfolgreichsten Modelle bestehen heute aber in Kombinationen aus pharmakologischer, psychotherapeutischer und sozialtherapeutischer Behandlung.

Symptome, die auf eine Psychose hindeuten, sind wiederkehrende akustische oder andere Halluzinationen, wahnhafte Denkinhalte oder Beziehungsideen. Die eigene Person oder die Umwelt wird mitunter entfremdet oder verĂ€ndert wahrgenommen, die Sprache kann verwirrt oder konfus wirken. VerĂ€ngstigte, erregte, gereizte oder getriebene Stimmungen sind hĂ€ufig und oft auch Ă€ußerlich wahrzunehmen, manchmal aber auch “gedĂ€mpftes”, passives und gleichgĂŒltiges Verhalten.

Gar nicht oft genug kann ich auf die Wichtigkeit des sozialen Umfeldes hinweisen: da die Betroffenen selbst hĂ€ufig verĂ€ngstigt sind oder ihre eigene Situation verzerrt wahrnehmen, ist es bedeutsam, daß engagierte Freunde oder Verwandte mit Nachdruck auf Diagnose und Therapie hinarbeiten. Eine möglichst frĂŒhzeitige Behandlung verbessert die therapeutischen Interventionsmöglichkeiten nĂ€mlich deutlich.

Link-Tipp: Selbsttest auf Dissoziation / Dissoziative IdentitÀtsstörung

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psymantra.com)

Jun 13

Schon Stunden nach der Gabe von Antipsychotika zeigen sich rasch reversible VerĂ€nderungen des striatalen (s. Striatum) Volumens, wie eine Studie aus dem Zentralinstitut fĂŒr Seelische Gesundheit in Mannheim und dem National Institute of Mental Health, Bethesda, USA, zeigte, welche kĂŒrzlich in “Nature Neuroscience” veröffentlicht wurde.

Antipsychotika werden bei der Behandlung von Schizophrenie und anderen schweren seelischen Störungen eingesetzt und blockieren einen Rezeptor des Botenstoffs Dopamin im Gehirn. Sie verursachen oft sog. extrapyramidalmotorische Symptome (EPS) – Ruhelosigkeit sowie unfreiwillige Bewegungen der Gliedmaßen und des Gesichts -, die bereits innerhalb von Minuten nach der Medikamenten-Einnahme einsetzen können.

Im Zuge der Studie fand man heraus, dass das Medikament Haloperidol bei jungen gesunden MĂ€nnern innerhalb von Stunden nach einer einzigen Gabe das Volumen der grauen Substanz des Gehirns in einer fĂŒr die Motorik wichtigen Gehirnregion, dem Putamen, reduzierte. Dieser Volumenverlust war reversibel: innerhalb von 24 Stunden erreichte das Gehirnvolumen wieder sein normales Maß. Eine so schnelle VerĂ€nderung der Hirnstruktur war zuvor noch nie beobachtet worden, was nahelegt, dass Dopamin fĂŒr plastische VerĂ€nderungen des menschlichen Gehirns (NeuroplastizitĂ€t) wichtig ist.

Das internationale Forscherteam fand weiterhin, dass die Schwere von EPS bei gesunden Probanden stark mit dem Ausmaß an Gehirnvolumenreduktion korrelierte. Der Zeitverlauf der motorischen Störung spiegelt deutlich die raschen VerĂ€nderungen der Gehirnstruktur und der KonnektivitĂ€t wieder. Diese Studie legt nahe, dass kurzfristige strukturelle HirnverĂ€nderungen fĂŒr einige der Nebenwirkungen von Antipsychotika beim Menschen verantwortlich sein können.

Anmerkung R.L.Fellner: offensichtlich dĂŒrften aber sehr wohl auch chronische / dauerhafte VerĂ€nderungen bei der Langzeitkonsumation von Antipsychotika bzw. Neuroleptika auftreten – wenn die Nebenwirkungen stets nur “kurzfristig strukturell” wĂ€ren, existierten extrapyramidalmotorische Symptome bei entsprechenden Patienten ja nicht…

(Quelle: Tost H, Braus DF, Hakimi S, Ruf M, Vollmert C, Hohn F, Meyer-Lindenberg A., “Acute D(2) receptor blockade induces rapid, reversible remodeling in human cortical-striatal circuits”, in: Nature Neuroscience 2010 Jun 6 [Epub ahead of print], PMID: 20526332; Image src:bonkersinstitute.org)

Feb 12

Immer mehr Senioren leiden an psychischen Erkrankungen. In einem Interview mit der österr. Tageszeitung “Der Standard” erklĂ€rte der Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD) Wiens, G. Psota: “Wir haben eine wachsende Problematik mit den ‘drei Ds’ – Demenz, Delirium und Depression. Davon sind 35 bis 45 Prozent der ĂŒber 80-JĂ€hrigen betroffen”.

Immer noch wĂŒrden psychisch Kranke oft diskriminiert und stigmatisiert. Doch psychische Leiden spielen sich mitten in der Gesellschaft ab: Ein Prozent der Österreicher leiden an Schizophrenie, 870.000 haben ein Alkoholproblem, fast 110.000 Menschen sind dement, 400.000 depressiv. Psota: “Psychische Erkrankungen sind eine Herausforderung an Alle.”, eine Organisation allein könne lĂ€ngst nicht mehr eine Vollversorgung gewĂ€hrleisten. Vielmehr mĂŒsste das Wissen ĂŒber eine adĂ€quate Betreuung der Betroffenen sich in alle relevanten Bereiche erstrecken, wozu neben den Angehörigen und Ärzten der verschiedenen Fachrichtungen auch die sozialen Dienste ebenso wie beispielsweise auch die Exekutive gehörten. Wichtig sei auch die ambulante Versorgung durch Psychiatrie und Psychotherapie.

Psota: “Wir haben mittlerweile sehr verschiedene Gruppen von Patienten, die wir betreuen und behandeln. Da sind erstens jene alt gewordenen psychisch Kranken, die durch die Wiener Psychiatriereform aus den Anstalten heraus kamen. Die sind mittlerweile Ă€lter als 60 Jahre. Sie sind durch langfristige Behandlung und in geeigneten Rahmenbedingungen oft einigermaßen stabil, man muss sich bei ihrer Betreuung aber zunehmend auch um die körperlichen Aspekte kĂŒmmern, weil die Menschen eben Ă€lter werden.”

Die zweite Gruppe seien “relativ junge Personen, die Psychosen entwickelt haben, schwere (oft bipolare) Depressionen oder andere psychiatrische Erkrankungen wie beispielsweise das Borderline Syndrom haben und Behandlung fĂŒr viele Jahre brauchen. Aber auch Patientinnen und Patienten mit mittelgradigen Depressionen und Angststörungen, die kurz bis mittelfristig eine psychiatrische Betreuung benötigen, bis sie von niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern betreut werden können.”

(Quellen f. Teile des Textes u. Bild): Der Standard, 11.02.2010)

Dec 11

FĂŒr seelische Erkrankungen gilt dasselbe wie fĂŒr die des Körpers: Je frĂŒher man sie behandelt, desto weniger schlimm verlaufen sie. Ein Konzept fĂŒr die FrĂŒherkennung und Behandlung von Schizophrenie, das schon bei den ersten Vorzeichen der Erkrankung greift, entwickeln Forscher der RUB-Klinik fĂŒr Psychiatrie um Prof. Dr. Martin BrĂŒne. Denn auch eine frĂŒhe Behandlung von Schizophreniepatienten verringert in Vorstadien der Erkrankung das Risiko, dass die Störung chronisch wird.

Zur FrĂŒherkennung werden heute wahnhafte Symptome, flĂŒchtige Halluzinationen, die kognitive FlexibilitĂ€t und die allgemeine Intelligenz herangezogen. Dabei bleibt jedoch ein wichtiger Bereich unberĂŒcksichtigt, bemĂ€ngeln die Bochumer Forscher: die “soziale Kognition”. Die FĂ€higkeit, sich in andere hineinzuversetzen und emotionale Reize zu verarbeiten, ist besonders in frĂŒhen Stadien einer Schizophrenie deutlich beeintrĂ€chtigt, und das unabhĂ€ngig von anderen Symptomen. Entsprechend sind zur Behandlung psychoedukative Methoden wirksamer als antipsychotische Medikamente. Bildgebende Untersuchungen haben gezeigt, dass bei schizophrenen Patienten auch die fĂŒr die soziale Kognition verantwortlichen Hirnbereiche vermindert aktiviert werden. FĂŒr Patienten in frĂŒhen Stadien gab es solche Untersuchungen bisher noch nicht.

Quelle: MedAustria, Ruhr-UniversitÀtsklinik Bochum (www.lwl.org)

Zum Weiterlesen: Literaturtipps zum Thema “Psychosen”

.

ï»ż25.06.19