Mar 09

Im Sinne der geistigen Gesundheit ist es besser, √∂fters auch mal “nein” zu sagen‚Ķ (pic: andybhatti.com)

Bis zu 39% aller Demenz-Erkrankungen k√∂nnten laut einer k√ľrzlich im Fachmagazin “The Lancet Public Health” ver√∂ffentlichten langj√§hrigen Studie zufolge auf √ľberm√§√üigen Alkoholkonsum zur√ľckzuf√ľhren sein.

F√ľr die Studie wurden die Daten von 57.000 Personen, welche an Hirnsch√§den, vaskul√§rer Demenz und anderen Demenz-Erkrankungsformen (wie z.B. Alzheimer) in franz√∂sischen Spit√§lern ausgewertet. 39% dieser F√§lle lie√üen sich auf alkoholbedingte Hirnsch√§den zur√ľckf√ľhren. 18% litten an weiteren Erkrankungen im Zusammenhang mit Alkohol. So gesehen verdreifache sich das Erkrankungsrisiko, an einer Form von Demenz zu erkranken, durch √ľberm√§√üigen Alkoholkonsum: “H√∂chstwahrscheinlich f√ľhrt Alkohol zu dauerhaften strukturellen und funktionellen Hirnsch√§den”, sagte Studienautor Michael Schwarzinger vom Translational Health Economics Network. Au√üerdem erh√∂ht Alkoholkonsum das Risiko an Bluthochdruck, Diabetes, Schlaganf√§llen, Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz zu erkranken, was wiederum das vaskul√§re Demenzrisiko erh√∂ht.

Der Studie zufolge ist das Risiko durch √ľberm√§√üigen Alkoholkonsum f√ľr damit verbundene Hirnsch√§den viel gr√∂√üer als bisher angenommen, Schwarzinger fordert, Alkohol als Hauptrisikofaktor f√ľr alle Arten von Demenz einzustufen. Hinzu kommt, dass starker Alkoholkonsum h√§ufig mit Rauchen, Depressionen und niedrigem Bildungsstand korreliert – all dies sind weitere Risikofaktoren f√ľr Demenz.

Hintergrundwissen: von vorzeitiger Demenz sprechen Mediziner, wenn die Erkrankung vor dem 65 Lebensjahr auftritt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit rund 47 Millionen Menschen an Demenz. Bei 60 bis 70 Prozent handelt es sich demnach um Alzheimer. Von “chronisch starkem Trinken” ist laut WHO die Rede ab dem Konsum von mehr als 60 Gramm reinem Alkohol pro Tag f√ľr M√§nner (= ca. 4-5 Flaschen Bier √° 330ml oder 7 “Achterl”-Gl√§ser Wein √° 100ml pro Tag) und mehr als 40 Gramm pro Tag bei Frauen (= 3 Flaschen Bier oder 4-5 Gl√§ser Wein).

Weiterf√ľhrende Informationen:

Alkohol-Selbsttest auf dieser Website

Literatur-Tipps zum Thema Alkoholismus

(Sources: Contribution of alcohol use disorders to the burden ofdementia in France 2008‚Äď13: a nationwide retrospectivecohort study; Image source: andybhatti.com)

May 08

Eine Kombination spezifischer Abstinenz-Medikation und von Psychotherapie kommt in der Behandlung von Alkoholabh√§ngigen derzeit noch selten zum Einsatz. Doch eine neue Studie zeigt, dass sich die Kombination beider in gestuften Behandlungsprogrammen bew√§hrt: erhalten die Betroffenen zun√§chst Medikamente und anschlie√üend auch psychotherapeutische Betreuung, lassen sich schwere R√ľckf√§lle reduzieren oder deutlich hinausz√∂gern.

Entscheidend f√ľr den Behandlungserfolg ist aber eine hohe Motivation zur Psychotherapie.

“Bisher werden Alkoholabh√§ngige in Deutschland vorwiegend von Suchtberatern betreut”, sagt Dr. M. Berner, OA an der Klinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie des Universit√§tsklinikums: “Erst seit wenigen Jahren √ľbernehmen die Krankenkassen auch die Kosten f√ľr st√∂rungsspezifische, evidenzbasierte Psychotherapien. Nach wie vor lehnen jedoch viele Therapeuten alkoholabh√§ngige Klienten aufgrund vermeintlich geringer Behandlungschancen ab.” √Ąhnliches gelte f√ľr sogenannte Anti-Craving-Medikamente, die das Verlangen nach Alkohol reduzieren k√∂nnen. Auch sie geh√∂ren bislang nicht zur Standardbehandlung.

Doch in einer gemeinsamen Studie (p=109) der Universit√§tskliniken Freiburg, T√ľbingen und Mannheim konnte gezeigt werden, dass eine Kombination von Anti-Craving-Medikamenten und Psychotherapie bei bisherigen R√ľckfall-Patienten die n√§chsten R√ľckf√§lle hinausz√∂gern kann. Bereits die Einnahme von Medikamenten allein verdoppelte die Chance, abstinent zu bleiben. Wurden die Patienten jedoch zus√§tzlich psychotherapeutisch betreut, vervierfachte sich die Wahrscheinlichkeit dauerhafter Abstinenz.

Doch nur 33 Betroffene traten die Therapie tats√§chlich an: “Die prinzipielle Bereitschaft zur Therapie gen√ľgt nicht”, so Dr. Berner: “Oft fehlt die Willenskraft, den Plan auch umzusetzen und einen fremden Therapeuten aufzusuchen. Hier kann eine enge Kooperation und Vernetzung von behandelnden √Ąrzten und Psychotherapeuten helfen.” Auch die Anpassung der Therapie an die individuellen Bed√ľrfnisse des Patienten sei wichtig. Eine Psychotherapie ohne “Committment” (innere Zustimmung) des Patienten sei nicht sinnvoll.

“Sowohl die Behandlung mit Anti-Craving-Medikamenten als auch die umfassende Information √ľber die M√∂glichkeit psychotherapeutischer Betreuung sollten unbedingt zu selbstverst√§ndlichen Bestandteilen der Behandlung von Alkoholabh√§ngigkeit werden”, fordert Berner. Zu diesem Zweck m√ľsse jedoch Alkoholabh√§ngigkeit tats√§chlich als psychische St√∂rung begriffen werden – auch durch die √Ėffentlichkeit. H√§ufig werden n√§mlich Patienten mit Alkoholproblemen nicht als Kranke gesehen.

(Quellen: MedAustria; Michael Berner et.al im Fachmagazin Alcoholism: Clinical & Experimental Research: Alcoholism: Clinical and Experimental Research Early View November 2013 (doi: 10.1111/acer.12317))

Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu sp√§t ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz √ľberraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –¬† deutlich st√§rker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen w√ľrden. Dies l√§√üt die Vermutung zu, dass es sich h√§ufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” f√ľr die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tats√§chlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

W√§hrend der letzten Jahre wurde von Psychologen, √Ąrzten und Therapeuten f√ľr die Diagnosestellung, Pr√§ventions- und Therapieans√§tze des “Burnout-Syndroms” eine ganze F√ľlle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Ersch√∂pfung, Depersonalisierung¬† / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte Leistungsf√§higkeit √§ussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Ersch√∂pfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und k√∂rperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gef√ľhllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. Sch√ľler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt Gef√ľhle des Versagens und Ungen√ľgens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen F√§higkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte¬† Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zur√ľckgef√ľhrt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis pers√∂nlicher √úberlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” gepr√§gt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute h√§ufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome m√ľssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erf√ľllen
  • √úberarbeitung mit Vernachl√§ssigung anderer pers√∂nlicher Bed√ľrfnisse und sozialer Kontakte
  • √úberspielen oder √úbergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und Geringsch√§tzung Anderer
  • R√ľckzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche Verhaltens√§nderungen, fortschreitendes Gef√ľhl der Wertlosigkeit, zunehmende √Ąngstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verl√§uft zunehmend ‚Äěmechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese Gef√ľhle durch √úberreaktionen zu √ľberspielen (Sexualit√§t, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie Gleichg√ľltigkeit, Hoffnungslosigkeit, Ersch√∂pfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch k√∂rperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und Effektivit√§t im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erh√∂hte Aussch√ľttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anf√§lliger f√ľr Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das Schl√ľsselwort, denn “Burnout” ist tats√§chlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell g√ľltigen und vor allem im angloamerikanischen Raum h√§ufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen n√§chsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V √§ndern w√ľrde. Wie also l√§sst sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen St√∂rungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Ersch√∂pfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider St√∂rungsbilder, auch kann emotionale Ersch√∂pfung unbehandelt in Burnout m√ľnden.

– Auch zwischen Schlafst√∂rungen und Burnout bestehen Zusammenh√§nge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tags√ľber besteht h√§ufig Schl√§frigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt k√∂nnen Schlafprobleme einen Risikofaktor f√ľr sp√§teres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale St√∂rungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 ausl√∂sen. Chronisch h√∂here Spannungen in der Arbeit wiederum f√ľhren zu erh√∂hter Kortisol-Aussch√ľttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit Hyperlipid√§mie und arterieller Hypertonie beg√ľnstigt. Die h√§ufig stressbedingten gesundheitssch√§digenden Verhaltensweisen, etwa erh√∂hter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung k√∂rperlicher und psychischer Erholung, d√ľrften nach einiger Zeit auch ohne k√∂rperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, M√§nner dagegen nahezu ausschlie√ülich auf kardiovaskul√§rer Ebene.

Depression: Die h√§ufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen √Ąrzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen √ľber Burnout-Zust√§nde in Depressionen m√ľnden k√∂nnen. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate Ph√§nomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge m√ľndet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich h√§ufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gem√§√ü ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedr√ľckten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivit√§t. Die F√§higkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgepr√§gte M√ľdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gest√∂rt, der Appetit vermindert. Selbstwertgef√ľhl und Selbstvertrauen sind fast immer beeintr√§chtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgef√ľhle oder Gedanken √ľber eigene Wertlosigkeit vor. Die gedr√ľckte Stimmung ver√§ndert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumst√§nde und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, Fr√ľherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. Abh√§ngig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein betr√§chtlicher Teil der Menschen, die wegen ‚ÄěBurnout” eine l√§ngere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – n√§mlich dann, wenn alle f√ľr die Diagnose einer Depression n√∂tigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression geh√∂rt immer auch das Gef√ľhl tiefer Ersch√∂pftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten d√ľrfte, da dieser Zustand Selbst√ľberforderung oder √úberforderung durch au√üen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tats√§chliche √úberforderung der Ausl√∂ser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen f√ľhren kann. Viele depressiv Erkrankte etwa f√ľhlen sich in einer schweren depressiven Episode zu ersch√∂pft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als v√∂llige √úberforderung wahrgenommene berufliche T√§tigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie h√§ufig empfohlen, langsamer zu treten, l√§nger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tats√§chlich eine depressive Erkrankung vor, w√§ren dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gef√§hrliche Gegenma√ünahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf l√§ngeren Schlaf und eine l√§ngere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Ersch√∂pftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsst√∂rung, Gr√ľbeln und der Unf√§higkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedr√ľckend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch √Ąrzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose erm√∂glicht einen ad√§quaten Therapieansatz sowie ein m√∂glichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

Therapieansätze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der Komplexit√§t der m√∂glichen Ursachen und Zusammenh√§nge, aber auch aus Gr√ľnden der h√§ufig schwierigen Abgrenzung der √Ątiologie und gegen√ľber anderen St√∂rungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgf√§ltige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgem√§√ü nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression gen√ľgen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien f√ľr das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und Stressbew√§ltigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen k√∂rperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist ad√§quate und regelm√§√üige Psychotherapie, n√∂tigenfalls mit pharmakologischer Unterst√ľtzung, bis zum v√∂lligen Abklingen der Symptome √ľber einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Ma√ünahmen ist verbesserte Stressbew√§ltigung (Coping) und Pr√§vention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in Einzelf√§llen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht ad√§quat ver√§ndert werden k√∂nnen und eine positive Arbeitsatmosph√§re nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche Ver√§nderung oder ein vor√ľbergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollst√§ndige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, Isometsä E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders Рresults from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16‚Äď22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159‚Äď64.
Nil R, Jacobshagen N, Sch√§chinger H, Baumann P, H√∂ck P, H√§ttenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout ‚Äď an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72‚Äď7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Nov 06

Hatten Sie k√ľrzlich mit jemandem Kontakt, der v√∂llig die Kontrolle √ľber sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensst√∂rungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich f√ľr problematisch, denn denn wer d√ľrfte sich schon anma√üen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivit√§t, Bullying, L√ľgen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegen√ľber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck dar√ľber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderj√§hrigen kommen meist aus problematischen Verh√§ltnissen, haben Mi√übrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gel√∂st, k√∂nnen sich bei ihnen Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Pers√∂nlichkeitsst√∂rung”, bipolare St√∂rungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko f√ľr eigene oder fremde k√∂rperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gef√§ngnisstrafen, Mord oder Suizid stark erh√∂hen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und h√§ufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zur√ľckschrecken. H√§ufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betr√ľgen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerst√∂ren. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen √§u√üerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewu√üt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, √§ngstlich und hoffnungslos f√ľhlen, was nicht selten zu Alkoholmi√übrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen f√ľhrt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erkl√§rt werden. Mediziner suchen nach rein k√∂rperlichen (z.B. genetischen) Erkl√§rungen, lassen dabei aber h√§ufig au√üer Acht, dass f√ľr viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil f√ľr emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen √ľberm√§√üig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Pers√∂nlichkeitsz√ľgen mangelt es zus√§tzlich an Empathie und Verst√§ndnis f√ľr die Situation der anderen, was die Hemmung f√ľr Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur w√ľrden diese Leute im Konfliktfall unf√§hig sein, sich in Ihre pers√∂nliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gespr√§chsebene zu kl√§ren, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zun√§chst auf Abstand zu gehen, um das Gegen√ľber emotional “abk√ľhlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewisserma√üen eine √úbersicht √ľber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Sch√§tzungen stirbt j√§hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tats√§chlich d√ľrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich h√∂her liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen L√§ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid tr√§gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesf√§llen bei und ist die zehnth√§ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, f√ľr das Daten verf√ľgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gef√§hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine √Ąnderung ergeben hat, und √§ltere Menschen, bei denen ein deutlicher R√ľckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalit√§t: innerhalb Europas liegen die Raten in den n√∂rdlichen L√§ndern generell etwas h√∂her als in den s√ľdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der t√§glichen Sonnenscheindauer schlie√üen l√§sst. Dennoch k√∂nnen andere L√§nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Gro√übritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesf√§lle auf Selbstt√∂tung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der¬†die Suizidh√§ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal geh√§uftes Auftreten von Suiziden erkl√§rt werden k√∂nnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” ver√∂ffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in j√ľngster Zeit in S√ľdkorea angestiegen: n√§mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbstt√∂tungen von M√§nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betr√§gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am h√∂chsten. Die OECD f√ľhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Aufl√∂sung der traditionellen Familienbindungen zur√ľck. Ob das allerdings S√ľdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegen√ľber den anderen L√§ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zur√ľckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach S√ľdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine √ľberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und √Ėsterreich (12,6; 27/100000 bei M√§nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegen√ľber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Gro√übritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den √ľbrigen OECD-L√§ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier t√∂ten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widerspr√ľchliche Daten zur sog. Gl√ľcklichkeitsforschung f√∂rderte bemerkenswerterweise allerdings eine¬†Studie zutage, die Zusammenh√§ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen L√§ndern die Selbstmordrate trotz gro√üer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabh√§ngig von harten Wintern, religi√∂sem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen L√§ndern (mehr):

Eine Erkl√§rungsm√∂glichkeit f√ľr diesen vordergr√ľndigen Widerspruch k√∂nnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid st√§rker empfunden wird. Gesellt sich zum pers√∂nlichen Lebensungl√ľck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses ver√§ndern zu k√∂nnen, kann Suizid von bestimmten Pers√∂nlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu √Ėsterreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. J√§hrlich sterben in √Ėsterreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 w√§hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamt√∂sterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erw√§hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Stra√üenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in √Ėsterreich immer weniger Autopsien durchgef√ľhrt werden, sinkt die M√∂glichkeite, Suizide von nat√ľrlichen Todesf√§llen zu unterscheiden. So zeigen sich in L√§ndern mit den h√∂chsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn h√∂here Suizidraten als in L√§ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in L√§ndern, in denen Autopsieraten zur√ľckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken √ľberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industriel√§ndern betr√§gt das Geschlechterverh√§ltnis bez√ľglich des Suizids etwa zwei bis vier (M√§nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische L√§nder zeigen ein kleineres Verh√§ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als M√§nner durch Suizid.

Risikofaktoren f√ľr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • m√§nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 M√§nnern, 5,2 bei Frauen)
  • fr√ľhere Selbstverletzungen
  • Homosexualit√§t
  • psychiatrische St√∂rungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Milit√§rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben √Ąnderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit h√∂herem Suizidrisiko verkn√ľpft, das Risiko ist jedoch gr√∂√üer, wenn der niedrigere Spiegel √ľber Di√§ten anstatt √ľber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herr√ľhren k√∂nnte, dass Di√§t haltende Menschen ein h√∂heres Risiko f√ľr psychische Probleme h√§tten. Bislang jedoch l√§gen hierf√ľr keine bekr√§ftigenden Hinweise vor. Famili√§re Vorgeschichten mit Selbstt√∂tungen verdoppeln zumindest das Risiko f√ľr M√§dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar d√ľrftig ist, sind ein hohes Ma√ü an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivit√§t mit einem erh√∂hten Suizidrisiko verkn√ľpft. Suizidraten nehmen √ľber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf m√ľtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbesch√§ftigten h√∂her als bei Berufst√§tigen. H√∂here Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verkn√ľpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufst√§tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erh√∂htes Risiko: praktische √Ąrzte haben in den meisten L√§ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch √Ąrztinnen generell das h√∂chste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den √Ąrzten gelten An√§sthesisten als besonders gef√§hrdet, denn f√ľr viele Suizide werden bet√§ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahn√§rzte, Apotheker, Tier√§rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten L√§ndern unter den √§lteren Menschen am h√∂chsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der j√ľngeren Bev√∂lkerung gestiegen, insbesondere bei M√§nnern. Suizide werden am h√§ufigsten im Fr√ľhling ver√ľbt, auch da besonders unter M√§nnern. Im Fr√ľhling oder Fr√ľhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erh√∂htes Suizidrisiko. Amerikaner europ√§ischer Herkunft haben h√∂here Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls h√∂here Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und st√§rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal h√∂her als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualit√§t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen M√§nner eher gewaltt√§tige Mittel der Selbstt√∂tung (zum Beispiel durch H√§ngen oder Erschie√üen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erkl√§rung f√ľr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen M√§nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich h√§ufig erfolgen. Verschiedene Bev√∂lkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in S√ľdasien verbrennen sich Frauen √ľblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden k√∂nnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat f√ľhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am h√∂chsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den l√§ndlichen Gebieten vieler Entwicklungsl√§nder ist das Verschlucken von Pestiziden die h√§ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verf√ľgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Fr√ľhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbstt√∂tungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst t√∂ten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer St√∂rung litten. Depressionen erh√∂hen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose h√§ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt √ľberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterst√ľtzung. Das hei√üt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine ad√§quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbstt√∂tung bei Depressionskranken beinhalten fr√ľhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer St√∂rung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am h√∂chsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsst√∂rung (ADHS) und k√∂rperdysmorphe St√∂rung (KDS) erh√∂hen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erkl√§rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergr√∂√üernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. √úberraschenderweise weisen Menschen mit erh√∂htem Body-Mass-Index BMI ein zwar st√§rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent R√ľckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter K√∂rperoberfl√§che beim BMI). Die Gr√ľnde hierf√ľr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen k√∂rperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch √ľber die Kindheit hinweg, die gesamte Bev√∂lkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erh√∂htem Risiko, und Suizidh√§ufungen k√∂nnen in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren f√ľgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die √ľber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bev√∂lkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen k√∂nnen.”

J√ľngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, da√ü Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren k√∂nnen. Dazu konnten Sie hier im Blog schon fr√ľher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich h√∂her als bei √Ąlteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen daf√ľr liegen h√§ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im fr√ľhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizit√§t auf und ist durch √§u√üere Einfl√ľsse sehr ver√§nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachl√§ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren f√ľr sp√§tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzuf√ľgen. Das Ausdr√ľcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstm√∂rder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund f√ľr die immer fr√ľher auftretenden Depressionen nennen Experten die fr√ľhere Pubert√§t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es f√ľr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu √ľberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu k√∂nnen, w√§re ein schwierig zu erf√ľllender, da eine gro√üe Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tats√§chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien k√∂nnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bev√∂lkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbstt√∂tungsgedanken und ‚Äďpl√§nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschl√§gige Ausbildung und Vorgangsweise von √Ąrzten wichtig: Studien aus den nordeurop√§ischen L√§ndern belegen einen R√ľckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemein√§rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In F√§llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Ma√ünahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und √úberwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Au√üerdem m√ľssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verkn√ľpften psychiatrischen St√∂rung eingeleitet werden.

Auch eine Ver√§nderung des allgemeinen Zugangs zu gef√§hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einf√ľhrung von Sicherheitsgittern auf Br√ľcken und verst√§rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den l√§ndlichen Gebieten der Entwicklungsl√§nder k√∂nnen die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, k√∂nnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, da√ü Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden w√ľrden, ihr Ziel umzusetzen, mag √ľberrascht sein, da√ü z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbstt√∂tungen drastisch zur√ľckgingen, w√§hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit h√∂chste Suizidrate und konnte diese durch Pr√§ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschl√§ge und Hinweise f√ľr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung S√ľdkoreas (das j√ľngst den weltweit st√§rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mu√üte, siehe oben) zur Pr√§vention u.a. auch Internet-Sperren einf√ľhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen √ľber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage daf√ľr geschaffen werden, dass die Polizei die pers√∂nlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen √ľber Selbstmord gel√∂scht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsl√§ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industriel√§ndern erfolgt, die h√∂chste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsl√§ndern zu finden ist. Auch wird von einschl√§gig Forschenden auch eine j√ľngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten l√§sst, dass das Risiko f√ľr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit St√∂rungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angeh√∂rige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht pl√∂tzlich zur√ľckzieht, gedr√ľckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Pr√§suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen dar√ľber zu sprechen. Dennoch sind die M√∂glichkeiten der Angeh√∂rigen h√§ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von au√üen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich √ľberfordert f√ľhlt oder das Gef√ľhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu k√∂nnen.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen F√§llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erh√§rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische St√∂rungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen St√∂rungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben f√ľhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben k√∂nnen. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen k√∂nnen mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausf√ľhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfa√üt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom Рerkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-√úberlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Sep 14

‘Echo and Narcissus’ by John William Waterhouse (image source: oceansbridge.com)

Narzissmus bzw. “Selbstliebe” ist grunds√§tzlich eine wichtige Basis unserer Pers√∂nlichkeit: er treibt uns dazu an, uns um uns selbst zu k√ľmmern. Als pathologische, schwere Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird er nur dann betrachtet, wenn er sch√§digend wirkt – entweder f√ľr andere oder die Betreffenden selbst. Tats√§chlich ist es keineswegs immer nur die Umwelt, die unter dem Narzissmus Einzelner zu leiden hat: manche Narzissten neigen dazu, sich selbst zu sehr zu “verw√∂hnen” – sie leben √ľber ihre Verh√§ltnisse, irgendwann aber bricht ihre Welt zusammen und Schulden, k√∂rperliche Krankheiten oder andere durch den Ressourcenmi√übrauch verursachte Probleme holen sie ein.

Die Grundlage krankhaften Narzissmus’ ist ein schwaches Selbstwertgef√ľhl, auf dessen Basis die betreffenden Personen – gewisserma√üen √ľberkompensierend – Grandiosit√§tsgef√ľhle entwickeln, ihre F√§higkeit zur Empathie dagegen nicht ausreichend ausgebildet wird. Es ist deshalb schwierig f√ľr sie, die Gr√ľnde der Handlungen anderer nachzuvollziehen, viel st√§rker bewegen sie die Auswirkungen dieser Handlungen auf sich selbst, etwa, wenn ihnen jemand bestimmte “Probleme bereitet”. Meist h√∂rt man dann lautstarke Klagen dar√ľber, warum sich die andere Person nicht so verhalten hat, wie der Narzisst sich dies erwartete, und es kann keine Ruhe mehr gefunden haben, bis die Hindernisse aus dem Weg ger√§umt wurden oder “Gerechtigkeit” wiederhergestellt ist.

Die Gr√∂√üengef√ľhle und die enorme Bedeutung, die das Umsetzen ihrer Ideen, Absichten und Ziele f√ľr sie hat, k√∂nnen jedoch auch zu einer massiven Last werden. Personen, die ihre Position in Frage stellen oder auch die M√∂glichkeit eines Zusammenbrechens ihrer Konstrukte stellen eine latente Bedrohung dar. Auch nat√ľrliche Vorg√§nge wie das Altern oder strukturelle Ver√§nderungen werden als bedrohlich empfunden: denn wenn das Selbstwertgef√ľhl nicht mehr so einfach wie fr√ľher durch Macht und Einfluss gest√§rkt werden kann oder altersbedingt geistige Ressourcen, Kraft und Leistung (bei M√§nnern insbesondere auch die Potenz) nachlassen, sind schmerzvolle Anpassungsprozesse erforderlich, mitunter erfolgen mentale Zusammenbr√ľche, Suchtverhalten oder Depressionen mit Suizidgedanken stellen sich ein.

Die Wurzeln der narzisstischen St√∂rung liegen wie bei den meisten anderen psychischen St√∂rungen auch in der Kindheit. Die US-Journalistin Jean Liedloff, die bei einem s√ľdamerikanischen Stamm gelebt hat, thematisiert in ihrem Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” (siehe Link unten) den Verlust des narzisstischen Gef√ľhls “Ich bin etwas wert” in der westlichen Welt. Beim Stamm der Yequana werden die Babys ein Jahr am K√∂rper herumgetragen, schlafen bei den Eltern, Tadel oder mahnende Worte gibt es nicht. Die Kinder erhalten damit eine gute und stabile Selbstwertbasis, die sich auf k√∂rperlicher Ebene mit der Muttermilch vergleichen lie√üe, die das Immunsystem des Babys st√§rkt.

Zur√ľckweisung oder Kritik dagegen erlebt ein Kleinkind als narzisstische Kr√§nkung – erf√§hrt es zuviel davon, kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln. H√§ufig versuchen solche Kinder sp√§ter, die Zur√ľckweisung anderer mit besonderem Ehrgeiz oder anderen Kompensationsversuchen auszugleichen. Dies k√∂nnte erkl√§ren, wieso kleine M√§nner besonders h√§ufig in Machtpositionen zu finden sind. Vor dem Hintergrund des Werteverlusts in der westlichen Gesellschaft wiederum k√∂nnten zahlreiche Facetten der westlichen Kultur, etwa die bei vielen beliebte Selbstdarstellung in den sog. “sozialen Netzwerken”, oder Aspekte der Fitne√ü- oder Selbstfindungs-Bewegung, als narzisstische Kompensationsversuche gedeutet werden.

Kann das vorhandene Selbstwertgef√ľhl besonders starke “narzisstische Kr√§nkungen” (etwa einen Verlust des Arbeitsplatzes und eine kurz darauffolgende Trennung) nicht verarbeiten, kann die St√∂rung ins Pathologische kippen und sich in Gewaltt√§tigkeit, Amokl√§ufen, Somatisierungen (psychosomatische Erkrankungen), Sucht oder Depression manifestieren. Diese Symptome k√∂nnen gewisserma√üen als Ventil gesehen werden, √ľber die sich der Schmerz einer nicht verarbeitbaren psychischen Verletzung entl√§dt.

Der Narzisst – und die anderen

Narzissten sind h√§ufig entweder Einzelg√§nger (da sie sich von potenziellen Beziehungspartnern gebremst f√ľhlten oder schlicht kein Interesse haben, ihr Leben mit einer anderen Person zu teilen) oder aber es treffen sich zwei Narzissten, die gemeinsam ihren jeweiligen Zielen nachjagen, emotional aber nur in sehr begrenztem Ausma√ü Intimit√§t zueinander herstellen k√∂nnen. Manchmal wird geliebt, um selbst geliebt zu werden – oder das “Haben” einer Beziehung ist im Grunde wichtiger als der Partner selbst. Man lebt nebeneinander her, vom Partner wird in erster Linie Anerkennung und Respekt erwartet sowie Toleranz f√ľr die mitunter weit in die Abende oder N√§chte dauernden beruflichen und Hobby-Aktivit√§ten.
In der Arbeitswelt und im Freundeskreis wirken Narzissten h√§ufig souver√§n, eloquent bis schillernd-charismatisch. Wesentliche Teile des betreffenden Verhaltens sind jedoch mehr oder weniger bewu√üte Selbstdarstellungen und Inszenierungen, und der Eindruck der Souver√§nit√§t und Sicherheit ist ein gewollter, ja gesuchter. Wird die eigene Grandiosit√§t √ľbersch√§tzt, kann dies schlimme Folgen haben: etwa wenn beim Einstellungsgespr√§ch ein guter Eindruck erzeugt wurde, sp√§ter aber durch tats√§chliche Inkompetenz Probleme f√ľr den Arbeitgeber entstehen. Das starke Streben vieler Narzissten nach Top-Positionen, Inszenierung und Aufmerksamkeit ist besonders dann problematisch, wenn diese Personen √ľber Macht und Einflu√ü verf√ľgen: aufgrund ihres Mangels an Empathie gehen sie gewisserma√üen “√ľber Leichen”, um ihre Ziele zu erreichen und untersch√§tzen (oder ignorieren) die Folgen ihres Handelns.

√úber den Weg einer Psychotherapie kann es Narzissten gelingen, ihre Lebenszufriedenheit signifikant zu erh√∂hen und zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen zu finden – auch wenn bestimmte Grundz√ľge besonders ausgepr√§gter narzisstischer Pers√∂nlichkeiten nur schwer oder gar nicht ver√§nderbar sind.

Buchtipps:
Jean Liedloff, “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” – Gegen die Zerst√∂rung unserer Gl√ľcksf√§higkeit in der fr√ľhen Kindheit
Telfener / Liebl, “Hilfe, ich liebe einen Narzissten” – √úberlebensstrategien f√ľr alle Betroffenen
Wardetzki, B., “Eitle Liebe” – Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen k√∂nnen
Behary / Kierdorf / H√∂hr, “Der Feind an Ihrer Seite.” – Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern √ľberleben und wachsen k√∂nnen
Berschneider, W.: “Wenn Macht krank macht”Narzissmus in der Arbeitswelt
Bergmann, W.: “Ich bin der Gr√∂√üte und ganz allein” – Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder
Wardetzki, B.: “Weiblicher Narzi√ümus – Der Hunger nach Anerkennung

Sep 12

Wie eine k√ľrzlich an der Universit√§t von Kalifornien in San Diego abgeschlossene Studie herausfand, erleidet weltweit etwa jeder f√ľnfte Mann im Laufe seines Lebens eine alkoholbedingte St√∂rung. Das Risiko f√ľr Alkoholmissbrauch liegt bei M√§nnern bei rund 15%, das f√ľr eine Sucht bei 10%. Frauen sind etwa halb so stark gef√§hrdet1.

Menschen in Nord- und Osteuropa sind st√§rker alkoholgef√§hrdet als S√ľdeurop√§er, und auch Bewohner von Industriel√§ndern haben h√§ufiger einschl√§gige Probleme als jene aus Entwicklungsl√§ndern. Dennoch gebe es ein √§hnliches chronologisches Schema, schreibt der untersuchende Mediziner Marc Schuckit im Fachblatt “The Lancet”1.

So trinken die meisten Menschen das erste Mal etwa im Alter um 15 Jahre. Am st√§rksten wird der Drang nach Alkohol im Alter von 18 bis 22 Jahren. Mitte 20 beginnen viele Menschen wieder ihren Alkoholkonsum zu drosseln. Wer allerdings weiter regelm√§√üig trinkt, dem drohen psychische und k√∂rperliche Konsequenzen, die von Depressionen √ľber Herzkreislauf-Erkrankungen bis hin zu einem erh√∂hten Leberkrebsrisiko und Krampfadern in der Speiser√∂hre reichen. Von der fr√ľhzeitigen Erkennung eines Suchtverhaltens profitieren die Patienten also langfristig ganz besonders.

Doch einer Studie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg aus dem Jahre 2010 zufolge gingen Patienten erst nach durchschnittlich 11 Jahren Alkoholabhängigkeit zum ersten Mal in die REHA. Dies sind dann Krankheitsgeschichten, die in dieser Zeitspanne oftmals viele soziale Probleme, Stress in der Familie und lange Krankheitsausfallzeiten beinhalten.

Hinweis: dieser Artikel wird laufend mit aktuellen Informationen zum Thema “Alkoholismus” erweitert.
Erstveröffentlichung: 01/2009; letztes Update: 09/2011

Quellen: The Lancet [1] Image src:contextview.com

Weiterf√ľhrende Hinweise:
Literaturtipps zum Thema “Alkoholismus”
Selbsttest auf Alkohol-Mißbrauch

Mar 12

Als ich das erste Mal nach Thailand kam, fragte ich mich angesichts der doch eigentlich gesunden Thai-K√ľche: warum sind hier so viele Menschen – insbesondere Expats – √ľbergewichtig?

Ein Blick in die Stra√üen gen√ľgt: mindestens jeder dritte westliche Ausl√§nder ist fettleibig. Das ist eine enorme Quote, vergleichbar nur mit den “dicksten” Bundesstaaten der USA, und sie ist mitverantwortlich f√ľr viele der gesundheitlichen Probleme, die manche Expats schon nach wenigen Jahren in ihrer neuen Heimat haben.

Doch ab wann beginnt “√úbergewicht” tats√§chlich? Das ist einfach: um Ihren sogenannten “Body Mass Index” (BMI) zu berechnen, dividieren Sie schlicht Ihr K√∂rpergewicht (in kg) durch Ihre K√∂rpergr√∂√üe zum Quadrat. Bei einer K√∂rpergr√∂√üe von 1.72m und einem Gewicht von 75kg w√§re die Formel: [75 √∑ (1,72 m)¬≤ = BMI 25,4]. √úbergewicht besteht ab einem BMI von 25,0, krankhaftes √úbergewicht (Adipositas) ab 30,0. Experten betrachten Werte ab 27,5 als erh√∂htes Risiko f√ľr Erkrankungen des Kreislaufsystems, bestimmte Krebsformen, Diabetes Typ 2 und Gelenkbeschwerden.

Doch was macht manche von uns so anf√§llig daf√ľr, in Thailand derart rasch zuzunehmen? Alkohol w√§re eine Erkl√§rung, Fette eine andere. Nat√ľrlich trinken viele zu viel und untersch√§tzen (oder verdr√§ngen), dass alkoholische Getr√§nke regelrechte Kalorienbomben sind. Daneben kochen heutzutage viele Thai-K√ľchen zu fett, seit einigen Jahren h√§ufig auch zu s√ľ√ü und salzig: diese Speisen sind dann nicht mehr wohlschmeckend und gesund, sondern im besten Falle nur mehr wohlschmeckend… Doch warum essen und trinken wir tendenziell zu viel?

Eine der Erkl√§rungen liegt in der Funktion des Essens und Trinkens als Kompensationsm√∂glichkeit f√ľr Alltagsfrust und Langeweile: berufst√§tige Expats stehen beruflich oft unter au√üergew√∂hnlich intensivem Stress – Pensionisten dagegen haben h√§ufig kaum Aufgaben. Die Freizeit vertreiben sie sich dann mit Essen oder einem Gl√§schen zwischendurch, ja f√ľr manche stellt ein Buffet-Besuch sogar den H√∂hepunkt der Woche dar. In meiner Eigenschaft als Sexualtherapeut muss ich gerade auch die altersbedingten hormonellen und psychischen Ver√§nderungen erw√§hnen, die gerade viele √§ltere M√§nner an sich erleben: war es in j√ľngeren Lebensjahren ein t√§gliches Ziel, Sex zu haben und den K√∂rper zu trainieren, stellt f√ľr so manchen √§lteren Mann das Mittag- oder Abendessen den Inbegriff sinnlichen Genusses dar … leider zum Leidwesen des K√∂rpers, und nicht selten auch der Psyche. Denn √úbergewicht erh√∂ht die Neigung zu Depression, was eine Teufelsspirale in Gang setzen kann, die uns dann zu noch mehr Essen treibt. Die Schwierigkeit beim Zur√ľckfinden zu ausgewogener Ern√§hrung ist, dass beim zu-viel-Essen h√§ufig regelrechte Sucht-Dynamiken bestehen. Dies ist mit ein Grund, warum jede seri√∂se Abnehmklinik Beratung und Psychotherapie als integralen Bestandteil des Gesundungskonzepts anbietet. Man kann ja vieles alleine schaffen – aber manches geht mit Unterst√ľtzung von au√üen einfach deutlich leichter und schneller.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:theage.com.au)

Nov 03

Als im letzten Jahr der damalige Drogenbeauftragte der Regierung, der Neuropsychopharmokologe David Nutt vom Imperial College, die “k√ľnstliche” Aufteilung von erlaubten und verbotenen Drogen kritisierte und sagte, dass die erlaubten Drogen Alkohol und Nikotin viel gef√§hrlicher seien als die verbotenen LSD, Ecstasy oder Cannabis, musste er sofort zur√ľcktreten. Offenbar hatte er damit ein Tabu verletzt, denn die Aufteilung der Drogen ist auch eine kommerzielle, kulturelle und politische Entscheidung.

In einer Studie, die im Wissenschafts-Magazin Lancet ver√∂ffentlicht wurde erschienen ist, versucht der Drogenexperte nun noch einmal wissenschaftlich zu belegen, dass Alkohol die gef√§hrlichste Droge ist. In der Studie wurde eine Rangliste der Gef√§hrlichkeit von 20 Drogen f√ľr die Konsumenten (9 Kriterien) und deren Umfeld (7 Kriterien) erstellt, die Kriterien daf√ľr waren vom Advisory Council on the Misuse of Drugs (ACMD) festgelegt worden. Daraus wurde f√ľr die Bewertung eine Entscheidungsanalyse entwickelt.


Die kombinierte Rangliste der Drogen. Bild: Lancet/Nutt et al.

Zu den Gefahren f√ľr die Konsumenten rechneten die Experten die von den Drogen verursachte Mortalit√§t, die Krankheiten und k√∂rperlichen sowie psychischen Folgen, die Abh√§ngigkeit und soziale sowie √∂konomische Folgen (Verlust an Freunden, Jobverlust, Gef√§ngnisstrafen etc.). Bei den Folgen f√ľr das Umfeld der Drogenkonsumenten wurden steigende direkt oder indirekte Verletzungs- oder Sch√§digungsgefahr (Gewalt, Autounf√§lle etc.), Kriminalit√§t, √∂konomische Kosten, Beeintr√§chtigung der Familien, internationale Folgen (Kriminalit√§t, Entwaldung, Destabilisierung von L√§ndern), Umweltsch√§den und Folgen f√ľr das Wohnviertel ber√ľcksichtigt.

Zieht man nur die Folgen f√ľr den Konsumenten selbst in Betracht, sind Heroin, Crack und die Designerdroge Metamfetamin (Crystal, Crystal Speed, Ice) am gef√§hrlichsten. F√ľr die Mitmenschen ist der hingegen der Konsum von Alkohol, Heroin und Crack am gef√§hrlichsten. Nimmt man beide Gef√§hrdungen zusammen, so liegt Alkohol deutlich an der Spitze, gefolgt von Heroin und Crack. Tabak rangiert hinter Kokain, aber vor Marihuana. Khat, Steroide, Ecstasy, LSD, Buprenorphin und Pilze sind am wenigsten gef√§hrlich und praktisch nur f√ľr den Konsumenten. Beim Alkohol schlagen vor allem die wirtschaftlichen Kosten, Gewalt und Verletzungen, Familie, Kriminalit√§t und Schaden f√ľr das Wohnviertel durch.

Im diesbez√ľglichen Vollartikel auf tp findet sich auch der Link zu einer √úbersichtskarte, welche die unterschiedliche H√§ufigkeit des Alkoholkonsums in der Weltbev√∂lkerung plastisch darstellt:

In stehen demnach nach Rum√§nien Deutschland und √Ėsterreich an der Spitze des Alkoholkonsums, gefolgt von Spanien und Gro√übritannien. Die Italiener trinken deutlich weniger, die Letten, Slowenen oder Schweden am wenigsten. Die meisten Alkoholabstinenten, genauer diejenigen, die im letzten Jahr kein alkoholisches Getr√§nk zu sich genommen haben, findet man in Italien (40 Prozent), gefolgt von Ungarn, Portugal, Malta, Spanien und Polen (28 Prozent). In Deutschland sind es 19 Prozent.
Der durchschnittliche Westeurop√§er trinkt ein Drittel mehr Alkohol als jede andere Person in einer anderen Region. In weiten Teilen des Nahen Ostens und von Nordafrika wird praktisch gar nicht getrunken: dort herrscht, alkoholisch zumindest, N√ľchternheit. Nach der Statistik trinken weltweit die Ugander am meisten, dann die Luxemburger, die Tschechen, die Moldavier und die Franzosen. Den siebten Platz teilen sich die Deuschen mit den √Ėsterreichern, Kroaten und Portugiesen. Alkoholische Trockenheit herrscht in Indonesien, Bangladesch und Pakistan.

Auch die interaktive Karte von ShowWorld stellt die Verteilung gut dar. Klicken Sie in ihr auf die Rubrik “Living – Food/Dining”.

Bemerkenswerte neue √∂ffentliche Stimmen gibt es auch in Sachen Drogenkriminalit√§t: so w√ľrden repressive Ma√ünahmen durch Polizei und Justiz das Problem f√ľr Drogens√ľchtige und damit auch die Bek√§mpfung von Aids versch√§rfen, wie Experten anl√§√ülich der 18. Internationalen Aids-Konferenz in Wien im Juli dieses Jahres verlautbarten. Sie fordern deshalb nun in einem internationalen Aufruf – der “Wiener Deklaration” – das Ende von kontraproduktiven “Drogenkriegen”.

“Viele von uns in der Aids-Forschung und in der Betreuung der Betroffenen sehen jeden Tag die verheerenden Effekte von falschen Strategien in der Drogenpolitik. Sie heizen die Aids-Epidemie noch weiter an und bedeuten Gewalt, steigende Kriminalit√§tsraten und die Destabilisierung ganzer Staaten. Trotzdem gibt es noch keinen Beweis, dass sie den Drogenkonsum oder die Versorgung mit Drogen reduzieren”, erkl√§rte dazu Julio Montaner, Pr√§sident der IAS.
Als Wissenschaftler sei man verpflichtet, Strategien auf Basis von gesicherten Erkenntnissen vorzuschlagen. In Sachen illegaler Drogen w√ľrden sie dort beginnen, wo man “Sucht als Krankheit und nicht als Verbrechen” akzeptiere.

Die Verfasser f√ľhren im Einzelnen folgende Konsequenzen falscher Anti-Drogen-Strategien an:

  • Die HIV-Epidemie wird durch die Kriminalisierung von Benutzern illegaler Drogen noch vergr√∂√üert, ebenso durch die Verhinderung von Opiat-Substitutions- und von Spritzentausch-Programmen.
  • Die Inhaftierung von Drogenkranken als Konsequenz von Strafgesetzen f√ľhrt zu HIV-Ausbr√ľchen unter den H√§ftlingen. Gerade in Gef√§ngnissen gebe es aber einen Mangel an Pr√§ventions-Ma√ünahmen.
  • In vielen Staaten sei es durch die Drogengesetzgebung zu einer Rekordrate an Inhaftierungen gekommen. Gleichzeitig h√§tte das die Rassendiskriminierung erh√∂ht. Die Autoren: “…dieser Effekt war besonders stark in den Vereinigten Staaten, wo zu jedem gegebenen Zeitpunkt jeder neunte B√ľrger afro-amerikanischer Herkunft in der Altersgruppe zwischen 20 und 34 Jahren inhaftiert ist – zum gr√∂√üten Teil wegen Drogendelikten.”
  • Ein riesiger illegaler Markt im Umfang von j√§hrlich 320 Milliarden US-Dollar (260 Mrd. Euro). Die Autoren: “Die Profite bleiben g√§nzlich au√üerhalb der Kontrolle des Staates. Sie f√∂rdern Kriminalit√§t, Gewalt und Korruption in zahllosen St√§dten und haben ganze Staaten destabilisiert, wie Kolumbien, Mexiko und Afghanistan.”
  • “Milliarden von Steuergeldern (US-Dollars, Anm.) sind in diesem ‘Krieg gegen Drogen’ fehlinvestiert worden, ohne das Ziel der Kontrolle des Problems zu erreichen. Stattdessen hat das massiv zu den angef√ľhrten Sch√§den beigetragen.”

Die Verfasser der “Wiener Deklaration” fordern deshalb eine transparente Analyse der Wirksamkeit der derzeitigen Drogenpolitik, die Verwendung und die Bewertung von Ma√ünahmen, die auf wissenschaftlicher Basis stattfinden.

Drogenkonsumenten sollten “entkriminalisiert” werden. Auch alle Zwangstherapie-Zentren sollten geschlossen werden, da sie die Menschenrechte verletzen. Und schlie√ülich sollte es mehr Geld f√ľr die Verhinderung von HIV-Infektionen geben.

(Quellen: tp, APA, ORF.at)

Mar 14

Cannabis PsychosenWissenschafter haben f√ľr eine Studie an der Universit√§t von Queensland, Australien, mehr als 3.800 junge Erwachsene um die 20 Jahre zu ihrem Cannabis-Konsum befragt und sie au√üerdem auf Psychosen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen untersucht. 14 Prozent der Befragten gaben an, schon seit sechs Jahren oder l√§nger Haschisch zu rauchen.

Langzeit-Konsumenten hatten der Befragung zufolge offenbar ein doppelt so hohes Risiko, an psychotischen Symptomen wie Schizophrenie zu erkranken als jene Studienteilnehmer, die noch nie mit Cannabis in Ber√ľhrung gekommen waren. Sie waren auch doppelt so anf√§llig f√ľr Halluzinationen und hatten ein vierfach erh√∂htes Risiko, unter Wahnvorstellungen zu leiden. Die Gefahr nimmt nach Einsch√§tzung der Forscher parallel zur Dauer des Cannabis-Konsums zu. Je l√§nger der erste Cannabis-Konsum zur√ľcklag, desto gr√∂√üer war das Risiko einer Erkrankung. Eine Verbindung mit Depression und Selbstmordneigung sei nicht nachweisbar.

Ob die Erkrankung bei den Psychose-Patienten allein durch den Cannabis-Konsum ausgel√∂st wurde oder ob sie schon vor dem Drogenmissbrauch anf√§llig f√ľr Geisteskrankheiten waren, ist jedoch unklar. Bei Patienten, die schon in jungen Jahren unter Halluzinationen litten, war es demnach wahrscheinlicher, dass sie eher und √∂fter Cannabis konsumieren. Erg√§nzend ist anzumerken, da√ü dasselbe Ph√§nomen beim Konsum von Alkohol, Nikotin auftritt, dar√ľber erh√∂ht fr√ľhzeitiger Konsum von Rauschmitteln auch die Anf√§lligkeit f√ľr sp√§teres Suchtverhalten.

166 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren oder 4 Prozent dieser Altergruppe haben 2006 zumindest schon einmal gekifft. Cannabis ist die weltweit am meisten von meisten jungen Menschen konsumierte illegale Droge, die sich nun von den reichen Ländern auch auf die armen ausgebreitet habe. Am stärksten wird Cannabis nach Angaben der UN-Drogenbehörde in den USA, Australien und Neuseeland konsumiert, gefolgt von Europa. Prozentual die meisten Cannabis-Konsumenten gibt es aber in Asien.
Der Wirkstoff THC f√ľhrt zu einem “High”, einer leichten Euphorie und setzt die Reaktionszeit, die Informationsverarbeitung und Koordination herunter. 5-24 Prozent des gerauchten THC erreicht das Gehirn. Der Wirkstoff kann aber auch √Ąngste, Panikreaktionen oder psychotische Symptome ausl√∂sen. Es gibt Hinweise, aber keine Beweise, dass der THC-Gehalt in beschlagnahmten Cannabis-Produkten in den letzten 30 Jahren gestiegen sei.
Nach den ausgewerteten Studien k√∂nnten 9 Prozent der Menschen, die Cannabis konsumieren, abh√§ngig werden. Das Suchtrisiko ist f√ľr Nikotin mehr als dreimal so hoch, f√ľr Kokain doppelt so hoch. Von Alkohol werden 15 Prozent s√ľchtig, von Amphetaminen 11 Prozent.
W√§hrend chronische Bronchitis bei Cannabis-Rauchern h√§ufiger auftreten, gibt es noch keine Belege, dass Cannabis trotz der Karzinogene im Rauch zu Lungenkrebs f√ľhrt. Meist seien regelm√§√üige Kiffer auch Tabakraucher. Bei starken Kiffern soll Cannabis zu Aufmerksamkeits-, Ged√§chtnis- und Lernst√∂rungen f√ľhren k√∂nnen. Verbunden sei Cannabis-Konsum bei Jugendlichen mit schlechteren Schulleistungen, vermutet wird, dass hier eine Reihe von Ursachen neben den direkten Wirkungen eine Rolle spielen. Unklar ist, ob der Cannabis-Konsum direkt die Neigung steigert, auf h√§rteren Drogen umzusatteln, wie man dies in den USA, Australien und Neuseeland beobachten k√∂nne, schreiben die Autoren. Es k√∂nne auch daran liegen, dass die Kiffer bereits mit dem Drogenmarkt vertraut sein und so leichter an anderen Stoff herankommen.

(Quellen: [1], [2], tp; Photo:zamnesia)

ÔĽŅ01.09.19