May 08

Psychische Leiden belasten mehr als körperliche.
(Image src: depressionisreal.com)

 

Kaum eine Situation macht Menschen unzufriedener mit dem Leben als eine psychische Erkrankung.

Richard Layard, Leiter des Wellbeing Programme am Centre for Economic Performance der London School of Economics and Political Science, ver√∂ffentlichte k√ľrzlich das Ergebnis einer Langzeit-Metastudie, demzufolge in Australien, Deutschland und Gro√übritannien psychische Erkrankungen weit st√§rker zum Ungl√ľck von Menschen beitragen als k√∂rperliche Gebrechen. Befragt wurden Personen mit einem Lebensalter von √ľber 25 Jahren.

Es wird gesch√§tzt, dass weltweit etwa jeder Zehnte unter Depressionen und Angstst√∂rungen leidet. Diese psychischen Erkrankungen sind die Ursache von bis zu einem F√ľnftel aller F√§lle von Erwerbsunf√§higkeit. Gleichzeitig befindet sich selbst in reichen L√§ndern weniger als ein Drittel der Betroffenen in therapeutischer Behandlung.

Das Tragische ist, dass Depressionen und Angstst√∂rungen heute mit Psychotherapie erfolgreich behandelt werden k√∂nnten, sagt Richard Layard. Dennoch w√ľrde kaum eine Regierung mehr als 15 Prozent ihres Gesundheitsetats f√ľr die Behandlung seelischer Erkrankungen ausgeben “Das ist diskriminierend f√ľr psychisch Erkrankte im Vergleich zu k√∂rperlich Erkrankten und zudem auch wirtschaftlich unvern√ľnftig”, sagen der Wohlfahrts√∂konom Layard und seine Kollegen. W√ľrden mehr psychisch Kranke gut behandelt werden, k√∂nnten Kosten f√ľr Sozialhilfe gespart werden und es w√ľrden weniger Steuereinnahmen aufgrund der Erwerbsunf√§higkeit vieler Arbeitnehmer verloren gehen. Layard: “In reichen L√§ndern w√§re wahrscheinlich eine f√ľr die Staatskassen kostendeckende Behandlung der von psychischen Leiden Betroffenen m√∂glich”.

Jeder Dritte hatte 1x jährlich mit psychischen Störungen zu kämpfen

Jeder 3. Erwachsene, also ca. 15 Millionen Menschen, erkrankten in Deutschland allein im Verlauf der letzten 12 Monate an mindestens einer psychischen St√∂rung. Die meisten davon leiden an Angstzust√§nden, Depressionen oder somatoformen St√∂rungen. Maximal 10% von ihnen erhielten jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie, was die Lebensqualit√§t der Betroffenen reduziert, die daraus resultierenden Fehlbehandlungen wiederum belasten die Gesundheits- und Sozialsysteme, da die Krankheitstage zunehmen und PatientInnen fallweise vorzeitig berentet werden m√ľssen. Die Bundesanstalt f√ľr Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit sch√§tzt den durch psychische Erkrankungen resultierenden Verlust an Arbeitsproduktivit√§t auf acht Milliarden Euro j√§hrlich.

“Psychische und psychosomatische Krankheiten sind keine blo√üen Befindlichkeitsst√∂rungen. Sie m√ľssen fr√ľhzeitig professionell behandelt werden, da sie sonst chronisch werden k√∂nnen und oft zu biologischen Ver√§nderungen im Gehirn und im √ľbrigen K√∂rper f√ľhren. Die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Prozent der durch ambulante Psychotherapie behandelten Patienten nachweislich profitieren. Ambulante Psychotherapien umfassen im Mittel 46 Sitzungen und kosten im Durchschnitt ca. ‚ā¨ 3700,-/Patient. Hilfesuchende Menschen brauchen jedoch zun√§chst niedrigschwellige und qualifizierte Anlauf- und Vermittlungsstellen.

Prof. Cornelia Albani, Leiterin der Sinova-Klinik f√ľr Psychosomatische Medizin in Aulendorf: “In einer repr√§sentativen Befragung konnten wir nachweisen, dass jene Menschen, die sich f√ľr eine ambulante psychotherapeutische Behandlung entscheiden, deutlich durch die Erkrankungen belastet sind und einen sehr hohen Leidensdruck versp√ľren”. In der Regel seien es schon l√§nger und psychisch schwer erkrankte Patienten mit hoher Krankheitslast. 84% dieser Menschen sch√§tzten beispielsweise ihre eigene psychische Verfassung vor der Therapie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Patienten dar√ľber hinaus an k√∂rperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs leiden. Erschreckend ist die niedrige Zahl derer, die professionelle Hilfe erhalten ‚Äď obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie bereits hinl√§nglich bewiesen ist. Rund 50% der von Albani et al. Befragten gaben an, dass sich durch die Psychotherapie ihre Arbeitsf√§higkeit und -produktivit√§t gesteigert habe. √Ąhnlich hoch wurde die Besserung der sozialen F√§higkeiten und Beziehungen bewertet. Bei bis zu 60% der behandelten Patienten zeigen sich deutliche Verbesserungen des seelischen Gesundheitszustands ‚Äď und zwar anhaltend und √ľber das Ende der Behandlung hinaus. “Studien haben die besondere Nachhaltigkeit psychotherapeutischer Behandlungen erwiesen. Hier setzten wir uns von rein medikament√∂sen Behandlungsstrategien ab”, so Albani.

Psychische und psychosomatische St√∂rungen entwickeln gerade im Zusammenspiel mit k√∂rperlichen Grunderkrankungen eine besondere Problematik und k√∂nnen sich wechselseitig verst√§rken. Fach√§rzte f√ľr Psychosomatische Medizin k√∂nnen bei der Entscheidung, wie am besten vorzugehen ist, helfen. Hierbei werden k√∂rperliche, seelische und auch soziale Aspekte ber√ľcksichtigt. Doch h√§ufig mangelt es an effizienten Diagnose- und Behandlungsm√∂glichkeiten sowie fl√§chendeckender Versorgung: ‚ÄěAngesichts der vielen Betroffenen besteht die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen f√ľr diese Patientengruppe‚Äú, so DGPM-Pr√§sident Professor Dr. J. Kruse, √Ąrztlicher Direktor der Klinik f√ľr Psychosomatik und Psychotherapie in Gie√üen.

(Quellen: MedAustria, SOEPpanel 2013 (s.a. http://www.diw.de/soeppapers); DGPM-Pressemitteilung 02/2013)

Aug 02

Bulimie ist eine häufige Eßstörung insbesondere bei jungen Diabetes-Patientinnen
(Photo: Biomantal, P. Marcinski @ Shutterstock)

Bei Frauen mit Typ-1-Diabetes besteht beinahe doppelt so h√§ufig gest√∂rtes Essverhalten – insbesondere Bulimie- wie bei gesunden Altersgenossinnen. Das Gef√§hrliche an dieser Kombination: durch ihren schwankenden Blutzuckerspiegel erleiden Betroffene meist deutlich fr√ľher an Folgesch√§den der Augen, Nieren oder Nerven. In der neuen Leitlinie “Psychosoziales und Diabetes” empfiehlt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) deshalb, Diabetespatientinnen mit Essst√∂rungen so zeitig wie m√∂glich psychotherapeutisch zu behandeln.

An Bulimie leiden etwa zwei Prozent der 14- bis 20-j√§hrigen Frauen. Sie essen in einem Anfall unkontrolliert und versuchen die √ľbersch√ľssigen Kalorien durch Di√§ten, Erbrechen oder exzessiven Sport loszuwerden. Typisch f√ľr essgest√∂rte Patientinnen mit Diabetes ist zudem das sogenannte “Insulin-Purging”: Sie spritzen sich gezielt zu wenig vom Blutzuckersenker Insulin, um abzunehmen. Durch den niedrigen Insulinspiegel bleibt mehr Zucker im Blut, den die Nieren dann mitsamt den Kalorien √ľber den Urin aus dem K√∂rper schwemmen. Die Frauen verlieren zwar Gewicht, verfehlen aber das Ziel ihrer Diabetestherapie: Ihr dauerhaft erh√∂hter Blutzuckerspiegel f√ľhrt deutlich fr√ľher zu Sch√§den an Gef√§√üen und Nerven als bei nicht essgest√∂rten Patientinnen.

“Schwanken Blutzuckerwert und Gewicht bei einer jungen Typ-1-Diabetes – Patientin stark, sollte eine Bulimia nervosa in Erw√§gung gezogen werden”, sagt Professor Dr. med. Herpertz, Direktor der Klinik f√ľr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universit√§tsklinikum Bochum und Mitautor der Leitlinie. Best√§tigt sich der Verdacht, empfehlen die Experten in dem neuen Behandlungsleitfaden eine Psychotherapie. Dabei sollte sich der Therapeut mit der Zuckerkrankheit auskennen, damit sich die Patientin verstanden f√ľhlt.

Typ-1-Diabetes entwickelt sich h√§ufig im jugendlichen Alter, erl√§utert Herpertz ‚Äď einer Zeit also, in der sich Menschen intensiv mit dem eigenen Selbstwert auseinandersetzen. Diagnose und Behandlung der Zuckerkrankheit stellten diesen Selbstwert oft in Frage: Betroffene Jugendliche m√ľssen eine Di√§t einhalten, auf Alkohol verzichten, Medikamente nehmen, Insulin spritzen. Entwickeln die Patientinnen eine Essst√∂rung, so h√§nge dies in der Regel mit einem Selbstwertkonflikt zusammen. “Hier muss die Therapie ansetzen”, so Herpertz. Wichtig sei auch, bei jungen Patientinnen die Familie in die Behandlung mit einzubeziehen.

Neben der Bulimie spielen auch andere Essstörungen bei Menschen mit Diabetes eine Rolle, wie etwa die Binge-Eating-Störung bei der es mindestens einmal in der Woche zu Essanfällen kommt, die allerdings nicht von gegenregulatorischen Maßnahmen wie etwa Erbrechen gefolgt werden. Sie betrifft vor allem Typ-2-Diabetes-Patienten. Zwar kommt diese Essstörung nicht häufiger vor als bei Menschen mit gesundem Stoffwechsel. Weil die Betroffenen dadurch aber an Gewicht zulegen, wirkt Insulin bei ihnen noch weniger blutzuckersenkend, und der Diabetes verschlimmert sich.

Die DDG empfiehlt im Falle einer Essst√∂rung bei Diabetespatienten eine Psychotherapie. ‚ÄěOb ambulant, teilstation√§r oder station√§r: Eine Psychotherapie ist die Therapie der ersten Wahl‚Äú, sagt Privatdozent Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG, Bad Mergentheim, Koordinator der Leitlinie. Reine Schulungs- und Selbsthilfe-Programme allein reichten nicht aus, hei√üt es in der neuen Leitlinie.

In Kauf nehmen die Experten dabei, dass der Heilungsprozess bei einer Psychotherapie meist mehrere Monate umfasst. Herpertz hebt daf√ľr das oft positive Ergebnis der Behandlung hervor: Bei Typ-1-Diabetikern stabilisiere sich Untersuchungen zufolge der Blutzuckerspiegel nachhaltig und reduziere das Risiko diabetischer Sp√§tsch√§den.

(Quellen: Deutsche Gesellschaft f√ľr Diabetes [Link zu den Leitlinien]; MedAustria 06/2013)

Dec 05

(Image source: The Tribune India)

Diabetiker, haben langfristig weniger gesundheitliche Sch√§den und psychische Probleme – und damit eine h√∂here Lebenserwartung, wenn sie sich besser zu entspannen und den psychischen Umgang mit ihrer Erkrankung erlernen. Dies fand die k√ľrzlich im Magazin “Diabetes Care” ver√∂ffentlichte Heidelberger Diabetes und Stress-Studie (HeiDis) heraus, die erste kontrollierte klinische Studie, die den Effekt von Stressreduktion auf Diabetiker untersucht. Nach einer Studiendauer von 1 Jahr wurden die Ergebnisse ver√∂ffentlicht, denen zufolge die Teilnehmer an einer 8-w√∂chigen, fachlich geleiteten Anti-Stress-Gruppentherapie mit w√∂chentlichem √úbungsprogramm (z.B. Meditation, Atem√ľbungen, Reflexion und Umgang mit krankheitsbedingten Stressituationen etc.) nach einem Jahr weniger depressiv und k√∂rperlich fitter waren und einen niedrigeren Blutdruck aufwiesen. Ihre Eiwei√ü-Ausscheidung (diese nimmt mit nachlassender Nierenfunktion zu) war zwar unver√§ndert – bei der unbehandelten Kontrollgruppe jedoch hatte sich diese weiter verschlechtert.

Die leitenden √Ąrzte weisen zwar darauf hin, dass noch genauere Ursachenforschung erforderlich ist, betonen aber ihre Zuversicht, dass mittels der regelm√§√üigen stressreduzierenden Therapiemassnahmen die psychische Situation der zuckerkranken Patienten verbessert werden kann.

An der Studie nahmen 110 Diabetiker und Diabetikerinnen teil, wobei vor allem solche Patienten rekrutiert wurden, die bereits seit Jahren an Diabetes litten und ein hohes Risiko f√ľr Komplikationen hatten. Diese Patientengruppe hat besonders h√§ufig Depressionen und √Ąngste, da sie ihre Erkrankung als einschr√§nkend und bedrohlich erlebt. Zus√§tzliche Gesundheitsprobleme durch Gef√§√üsch√§den, z.B. an Herz und Augen, sind bei ihr ebenfalls h√§ufig. Die Idee zur Studie beruhte auf der Beobachtung, dass Personen, welche an psychischen Problemen leiden, erh√∂hte Stresslevel aufweisen, die wiederum das Schl√ľsselmolek√ľl aktivieren (den sogenannten Transkriptionsfaktor NF-kappaB) das Entz√ľndungen und Abbauprozesse ausl√∂st. Als n√§chstes wird die Umkehrhypothese getestet: ob n√§mlich weniger Stress und weniger psychische Probleme gesundheitliche Sch√§den verhindern kann. Allerdings existieren schon eine ganze Reihe von Studien, die ebendies nachweisen, wie regelm√§√üigen LeserInnen des Psychotherapie-Blogs nicht entgangen sein wird.

Die Teilnehmer bewerteten ihre Therapie √ľberwiegend als positiv; ihre Lebenseinstellung zu der Erkrankung habe sich ge√§ndert, sie wollten nun insgesamt bewusster und aufmerksamer leben. Jeder zweite Teilnehmer war an einer Fortsetzung der Therapie interessiert.

Diabetes Care vol. 35 no. 5 945-947 (doi: 10.2337/dc11-1343), MedAustria)

Jan 05

Photoquelle: thetastingnote.com

Bei ihrer Einf√ľhrung wurde Viagra als neue Hoffnung f√ľr all jene beworben (und prompt gefeiert), die unter Erektionsst√∂rungen litten. Tats√§chlich wurden Belege daf√ľr gefunden, was manche Sexualtherapeuten (unter anderem auch ich) bereits von Beginn an vermuteten: √§hnlich den Effekten bei sog. “Testosteron-Kuren” (k√ľnstlicher Testosteron-Verabreichung) l√§√üt die Wirkung der Potenzpille bei l√§nger dauernder Einnahme zum Teil massiv nach.

Wissenschaftler dreier Universit√§ten in den USA und in Saudiarabien untersuchten, ob die Wirkung von Viagra, Cialis und Levitra auch anh√§lt, wenn das Medikament l√§ngerfristig eingenommen wird und ver√∂ffentlichten die Ergebnisse der Studie im Journal of Urology. Per Telephoninterview wurden 151 Patienten befragt, die im Jahre 1997 Viagra verschrieben bekommen hatten. Die Ursachen f√ľr die Erektionsst√∂rungen der Patienten waren operative Prostataentfernungen, Diabetes, oder neurologische St√∂rungen.

Anfangs verbesserte sich bei drei Viertel der Teilnehmer die Erektionf√§higkeit soweit, dass sie wieder normalen Geschlechtsverkehr haben konnten. Bei 15% dieser Patienten waren dazu 100mg Sildenafil (die maximale f√ľr m√§nnliche Erwachsene angeratene Dosis), notwendig, 83% der Patienten kamen mit 50mg aus und 2% ben√∂tigten nur 25mg.
Nach drei Jahren wurden die Patienten nochmals befragt, und es stellte sich heraus: die neuen Sexfreuden hatten nicht lange angehalten. Etwa die Hälfte der Patienten hatte die Potenzpille wegen Wirkungslosigkeit bereits ganz abgesetzt. Und 37% jener Männer, die noch auf Viagra bauten, waren mittlerweile auf die Maximaldosis umgestiegen.

Die Ern√ľchterung √ľber die angeblichen Wunderkr√§fte der blauen Pille ist in der Fachwelt gro√ü. “Nach meinen Beobachtungen wirkt Viagra nur bei der H√§lfte aller Patienten mit k√∂rperlich bedingten Erektionsst√∂rungen”, erkl√§rt P. Derahshani, Leiter der Urologischen Abteilung der K√∂lner Klinik am Ring. Ein gesundheitlich problematischer Aspekt bestehe darin, dass beim Auftreten von Gew√∂hnungseffekten die Dosis nur bei jenen Patienten gesteigert werden kann, die vorher 25 oder 50mg eingenommen haben, denn eine Dosis √ľber 100mg erh√∂ht das Risiko von Nebenwirkungen wie Kreislaufsschw√§che, √úbelkeit oder Kopfschmerzen betr√§chtlich.

Kein Ersatz f√ľr Psychotherapie bzw. Sexualtherapie

“Man sollte nicht vergessen, dass bei Erektionsproblemen Viagra nur bei solchen M√§nnern indiziert ist, deren Potenzschw√§che k√∂rperliche Ursachen hat”, sagte der Wiener Urologe Werner Reiter von der Impotenz-Ambulanz am Wiener Allgemeinen Krankenhaus in einem Interview mit der “S√ľddeutschen” (SZ). Vor allem bei √§lteren M√§nnern, die viel rauchen und an Bluthochdruck oder Herzerkrankungen leiden, verliere Viagra nach l√§ngerer Einnahme an Wirkung. Bei M√§nnern mit stabilem Gesundheitszustand beobachtet der Spezialist hingegen selten einen Gew√∂hnungseffekt.
“Wenn die Gr√ľnde f√ľr die Impotenz im psychischen Bereich liegen, deckt Viagra im besten Fall anfangs die Impotenz-Symptome zu”, warnt Reiter. Langfristig k√∂nne diesen Patienten nur mit einer Psychotherapie bzw. Sexualtherapie geholfen werden.

Gesundheitsrisiken mitunter fatal unterschätzt

Fatalerweise wird von vielen M√§nnern das Risiko von Selbstmedikation ignoriert. Doch stattliche 40 Prozent der M√§nner, die wegen Erektionsproblemen zum Arzt gehen, leiden an einer Arteriosklerose der Herzkranzgef√§√üe (welche jedoch nicht immer die Ursache der Erektilen Dysfunktion darstellen muss). Impotenz “kann jedoch das Anzeichen einer Erkrankung oder einer beginnenden Erkrankung sein. Symptome aber einfach blind wegbringen zu wollen hat sich weder in der Medizin, noch in der Psychotherapie als gewinnbringend erwiesen”, so Sexualtherapeut Karl F. Stifter. Es gehe darum, den Menschen ganzheitlich im Auge zu behalten, und dazu geh√∂rt auch, bei Erektionsproblemen zun√§chst einmal k√∂rperliche Ursachen und Symptome abzukl√§ren.

Der in den Pillen enhaltene Wirkstoff (Sildenafil bei Viagra, Vardenafil bei Levitra und Tadalafil bei Cialis) f√∂rdert die Entspannung der glatten Muskulatur im Schwellk√∂rper und unterst√ľtzt so die Erektionf√§higkeit. Die Besonderheit ist, dass die Wirkung erst mit einer sexuellen Erregung einsetzt – Erektionsprobleme werden also insbesondere dann nicht von ihr gel√∂st, wenn psychische Ursachen die Erektion behindern.

In geringem Ma√üe beeinflussen die Wirkstoffe auch chemische Reaktionen innerhalb unseres K√∂rpers, die unsere visuellen Empfindungen steuern. Daher geh√∂rt zu ihren Nebenwirkungen auch eine spezielle Form der Sehst√∂rung, bei der man alles leicht blau get√∂nt sieht. Piloten d√ľrfen daher mindestens 12 Stunden vor einem Flug kein Viagra einnehmen. Auf die mittlerweile nachgewiesene Sch√§digung des H√∂rverm√∂gens durch eine Langzeiteinnahme der Potenzmittel habe ich bereits in einem fr√ľheren Blog-Artikel hingewiesen.

Noch weitaus problematischer als dieses “blaue Wunder” ist aber wie erw√§hnt die Gefahr, bei bestehender Herzschw√§che einen Infarkt zu erleiden. Denn als Medikamente, die in die Blutzirkulation des K√∂rpers eingreifen, haben Viagra & Co. besondere Risiken f√ľr Herz und Kreislauf. Insbesondere Patienten, die Nitroglycerin oder Blutdruck senkende Mittel einnehmen m√ľssen, welche ebenfalls die glatte Muskulatur entspannen, d√ľrfen die Tabletten nicht einnehmen, da sich die Wirkung der Mittel gegenseitig verst√§rkt. Zusammen mit nitrathaltigen Medikamenten (z.B. f√ľr Angina pectoris) kann der Wirkstoff zu einem t√∂dlichen Blutdruckabfall und bei M√§nnern mit Herzkrankheiten zu Kreislaufversagen f√ľhren. Eine entsprechende Untersuchung durch einen Arzt ist daher unbedingt angezeigt, bevor man diese einnimmt.

Tats√§chlich sind keine anderen Medikamente aufgrund fahrl√§ssiger Anwendung f√ľr so viele Todesf√§lle verantwortlich wie die neuen “Erektionshelfer”. Europaweit wurden allein w√§hrend der ersten 3 Jahre nach dessen Einf√ľhrung weltweit 616 Todesf√§lle nach der Einnahme von Viagra gemeldet. Die leichte Verf√ľgbarkeit der Tabletten √ľber das Internet oder den Schwarzmarkt stellt ein gro√ües Problem dar, da sie zum einen zur Selbstmedikation regelrecht einl√§dt, und es sich zum anderen bei manchen so bezogenen Tabletten um gesundheitsgef√§hrdende Imitate handelt. Der Markt der Imitate, die gr√∂√ütenteils aus Indien und China stammen, ist n√§mlich kaum zu kontrollieren, mit den damit verbundenen Risken f√ľr die Endanwender, die die so bezogenen Tabletten h√§ufig nicht nur in viel zu jungen Jahren, sondern auch auf eigene Faust als “Lifestyle”-Droge einsetzen.

Zu bef√ľrchten ist also einmal mehr, dass bereits derzeit die Zahl der “Viagra-Veteranen” mit multisystemischen Erektionsst√∂rungen (= psychogene Erektile Dysfunktion plus bereits organisch bedingter Wirkungslosigkeit erektionshelfender Mittel) massiv zunimmt. Diese M√§nner d√ľrften sich speziell dann, wenn die Erektionsf√§higkeit aus ganz nat√ľrlichen Gr√ľnden (altersbedingt oder als Nebeneffekt k√∂rperlicher Erkrankungen) abnimmt, in einer ungl√ľcklichen Sackgasse wiederfinden.
Nachgewiesenerma√üen sind bei der √ľberwiegenden Mehrheit der M√§nner unter dem 50. Lebensjahr Erektionsprobleme psychisch bedingt – selbst diesen aber ist aus sexualtherapeutischer Sicht unbedingt angeraten, diese zun√§chst √§rztlich abkl√§ren zu lassen. Werden dabei keine klaren Indizien f√ľr k√∂rperliche Ursachen gefunden, sollte man im Interesse seiner Gesundheit (und vielleicht auch, um sich die “Trumpfkarte” der Pillen f√ľr schwierigere Zeiten aufzuheben) sexualtherapeutische Beratung suchen, statt reflexartig zu den einfach verf√ľgbaren problematischen “blauen Pillen” zu greifen.

(Quellen: Reuters.com; Rizk El-Galley et.al., “Long-Term Efficiacy of Sildenafil and Tachyphylaxis Effect” in: The Journal of Urology – September 2001 (Vol. 166, Issue 3, Pages 927-931); Image source: creakyeasel.com)

Dec 24

Einer k√ľrzlich ver√∂ffentlichten Studie zufolge haben Depressive ein um 45% erh√∂htes Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden, und eine um 55% h√∂here Wahrscheinlichkeit, daran zu versterben. Depression ist also offenbar neben zahlreichen anderen Erkrankungen und St√∂rungsbildern, mit denen zumindest Wechselwirkungen und z.T. kausale Zusammenh√§nge bestehen, wie:

offenbar auch ein wichtiger Risikofaktor f√ľr Schlaganf√§lle, so die Studienautoren von der Harvard Medical School of Public Health, Boston.

“Gerade Menschen mit Depressionen m√ľssen √ľber die bekannten Risikofaktoren f√ľr einen Schlaganfall, wie hoher Blutdruck, schlechte Ern√§hrung oder wenig Bewegung, aufgekl√§rt werden”, r√§t deshalb Prof. Martin Grond aus Siegen, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft f√ľr Neurologie (DGN) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).

Denn dass depressive Menschen auch ein h√∂heres Risiko tragen, einen Schlaganfall zu erleiden, war bisher unklar. Mit j√§hrlich mehr als 250.000 F√§llen z√§hlt auch der Schlaganfall in Deutschland zu den Volkskrankheiten, die Studienergebnisse sind somit auch √∂konomisch bedeutsam f√ľr das Gesundheitssystem.

In der Metaanalyse wurden Daten von insgesamt 317.540 Menschen aus 28 prospektiven Bev√∂lkerungsstudien ausgewertet. Zu Beginn untersuchten √Ąrzte die Probanden auf depressive Symptome und betreuten sie in der Folge noch bis zu 29 Jahre lang. In diesem Zeitraum erlitten 8478 Studienteilnehmer einen Schlaganfall. Die Daten zeigen, dass Depressive ein um 45 Prozent h√∂heres Risiko haben, einen Hirnschlag zu erleiden. Ihr Risiko an einem Schlaganfall zu versterben, lag sogar um 55 Prozent h√∂her als bei psychisch Gesunden. ‚ÄěLegt man unsere Zahlen zugrunde, sind etwa 4 Prozent aller Schlaganf√§lle in den USA auf eine Depression zur√ľckzuf√ľhren‚Äú, machen die Autoren die Relevanz ihrer Ergebnisse deutlich. Hochgerechnet auf Deutschland w√§ren dies 10.000 Schlaganf√§lle j√§hrlich. Bei genaueren Untersuchungen stellte sich heraus, dass Depressive vor allem h√§ufiger einen isch√§mischen Hirninfarkt ‚Äď nicht eine Hirnblutung ‚Äď bekamen.

Hormone und ungesunde Lebensf√ľhrung k√∂nnten die Ursachen sein

Nach Meinung der Studienautoren gibt es mehrere Mechanismen, die diesen Zusammenhang erkl√§ren k√∂nnten: Zum einen beeinflussen Depressionen den Hormonhaushalt des Menschen und k√∂nnen Entz√ľndungen verst√§rken. So findet man bei Depressiven h√∂here Blutspiegel f√ľr Entz√ľndungsfaktoren wie CRP, IL-1 und IL-6, die nachweislich zu einem h√∂heren Schlaganfallrisiko f√ľhren k√∂nnen.

Dar√ľber hinaus vernachl√§ssigen Depressive eher ihre Gesundheit. Studien haben gezeigt, dass depressive Menschen h√§ufiger rauchen, sich k√∂rperlich weniger bet√§tigen und schlechter ern√§hren. Diese Faktoren und die daraus entstehenden Folgeerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck k√∂nnten f√ľr das erh√∂hte Schlaganfallrisiko von Depressiven mitverantwortlich sein.

Zudem geben die Forscher zu bedenken, dass auch die Einnahme von Antidepressiva mit einem h√∂heren Risiko f√ľr einen Schlaganfall verbunden war. Ob die Medikation selbst oder die damit einhergehende Schwere der Depression das Risiko erh√∂he, sei aber bisher unklar.

(Quellen: MedAustria; “Depression and Risk of Stroke Morbidity and Mortality. A Meta-analysis and Systematic Review.” in: Journal of the American Medical Association, 306 (11): 1241‚Äď1249 (doi: 10.1001/jama.2011.1282); Image src: TRBfoto)

Sep 09

Gewalterfahrungen und andere traumatische Erlebnisse k√∂nnen langfristig nicht nur zu psychischen sondern auch zu k√∂rperlichen Erkrankungen f√ľhren, wie aktuelle Studien aus den USA und Deutschland zeigen. So haben Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) ein erh√∂htes Risiko f√ľr Herzerkrankungen, Diabetes und andere chronische Krankheiten, wie Experten auf der internationalen Tagung ‚ÄěFolgen der interpersonellen Gewalt‚Äú an der Justus-Liebig-Universit√§t Gie√üen referierten.

Bis zu 10% der Erwachsenen in Deutschland geben an, in ihrem Leben gewaltt√§tige √úbergriffe erlebt zu haben. Solche traumatischen Erlebnisse haben Folgen, auf k√∂rperlicher Ebene beg√ľnstigen sie insbesondere die Entwicklung von chronischen k√∂rperlichen Erkrankungen. Wissenschafter des ‚ÄěUS Department of Veterans Affairs‚Äú etwa haben festgestellt, dass Kriegsveteranen mit einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) deutlich h√§ufiger an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden als Veteranen ohne PTBS. Bei 76% der Veteranen mit PTBS (im Unterschied zu 59% bei nicht traumatisierten Veteranen) konnten die Forscher so genannten Koronarkalk, einen Risikomarker f√ľr zuk√ľnftige Herzinfarkte, nachweisen.

Auch andere chronische Leiden wie etwa Asthma, Diabetes, chronische Schmerzerkrankungen, Osteoporose oder Schilddr√ľsenerkrankungen k√∂nnen Folge eines Traumas sein. Eine gro√üe, an der √§lteren deutschen Bev√∂lkerung durchgef√ľhrte epidemiologische Untersuchung der Universit√§tsklinik Leipzig zeigte auf, dass Menschen mit PTBS durchschnittlich fast 3x so h√§ufig von chronischen Krankheiten betroffen sind wie Menschen ohne Traumatisierung. Dazu kann zum einen der risikoreiche Lebensstil von PTBS-Erkrankten, wie ein erh√∂hter Zigarettenkonsum, beitragen. Doch viele Erkrankungen sind vermutlich durchaus auch direkte Folge des Traumas: Patienten mit PTBS reagieren auf Belastung mit intensiveren und l√§nger anhaltenden Aussch√ľttungen von Stresshormonen, ihre Blutwerte zeigen zudem h√§ufig Zeichen einer chronischen Entz√ľndung. ‚ÄěStresshormone und Entz√ľndungsbotenstoffe sind Risikofaktoren f√ľr Typ 2-Diabetes und koronare Herzerkrankungen‚Äú, erkl√§rt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) Johannes Kruse.

Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) werden ungewollt ‚Äď etwa in Albtr√§umen ‚Äď immer wieder mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Sie versuchen, Gedanken, Orte und Aktivit√§ten zu vermeiden, die mit dem Trauma zusammenh√§ngen. Symptome wie Depressionen, Schlafst√∂rungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialer R√ľckzug k√∂nnen Folgen eines Traumas sein.

(Quellen: MedAustria, Psychosomatic Medicine issue 73(5), p401-406; Image src:loddmedicalgroup.com)

Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz h√∂rt man h√§ufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tats√§chlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise k√∂nnen selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, S√ľchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht hei√üen, dass die Genetik kein wichtiges Potential h√§tte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, s√§mtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren f√ľr unsere Krankheiten und St√∂rungen auch weiterhin zu ber√ľcksichtigen.

Einer der haarstr√§ubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unab√§nderlich sei, k√∂nnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, pers√∂nliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. Tats√§chlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. F√ľr komplexe St√∂rungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder Abh√§ngigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche M√∂glichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken Einfl√ľsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung sp√§ter entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, k√∂nnen diese Einfl√ľsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgef√ľhrte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein w√§hrend der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene ver√§nderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So k√∂nnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr M√∂glichkeiten, unser Leben zielf√ľhrend zu ver√§ndern, als wir es uns vorstellen m√∂gen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

Aug 16

Menschen mit Depressionen haben ein erh√∂htes Risiko, an der Zuckerkrankheit Typ-2-Diabetes mellitus zu erkranken, wie schon fr√ľhere Studien zeigten. Aber umgekehrt erh√∂ht auch eine bestehende Diabetes-Erkrankung das Risiko, eine Depression zu entwickeln. Kommen jedoch beide Erkrankungen zusammen, potenzieren sich die negativen Folgen f√ľr Lebensqualit√§t und Lebensdauer der Betroffenen, wie diabetesDE und die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) in einer Aussendung aufmerksam machten und deshalb nun eine bessere psychologische Betreuung von Diabetikern fordern.

Im Vergleich mit Diabetikern ohne Depressionen leiden depressive Diabetiker elf Mal h√§ufiger unter Komplikationen an den kleinen Blutgef√§√üen. Die Gefahr von Sch√§digungen an den gro√üen Gef√§√üen, die zu Durchblutungsst√∂rungen oder Herzinfarkt f√ľhren k√∂nnen, ist um das 2,5-Fache erh√∂ht. Die negativen Folgen sind bei Diabetes jedoch besonders hoch: Eine erfolgreiche Behandlung des Diabetes erfordert die aktive Mitarbeit des Patienten. “Depressionen stellen hierbei ein gro√üe Barriere dar, da sie sowohl die Motivation zur Behandlung als auch die Durchf√ľhrung der Therapiema√ünahmen nachhaltig erschweren”, betont Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Psychologie und Verhaltensmedizin der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und Gesch√§ftsf√ľhrer des Forschungsinstitutes der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM), in einer aktuellen Ver√∂ffentlichung. Damit steige die Gefahr von Sp√§tkomplikationen des Diabetes wie Verlust des Augenlichts, Fu√üamputation oder Dialysepflicht. Auch die Schwankungen im Blutzucker, die bei vielen Diabetikern auftreten, belasten die Betroffenen emotional.

Umgekehrt haben Menschen mit Depressionen ein erh√∂htes Risiko an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Das liegt zum einen daran, dass die Depression die Risikofaktoren √úbergewicht und Bewegungsmangel verst√§rkt. Au√üerdem ist die psychische Erkrankung selber ein unabh√§ngiger Risikofaktor: Depressive St√∂rungen k√∂nnen mit einem stressbedingten Anstieg der Kortisolwerte im Blut einhergehen. Dieses Hormon f√∂rdert die sogenannte Insulinresistenz, das hei√üt das k√∂rpereigene Insulin ist vorhanden, f√ľhrt aber nicht in ausreichendem Ma√üe zum Einbau des Zuckers aus dem Blut in die K√∂rperzellen.

Die deutschen Diabetes-Experten fordern daher, dass Menschen mit Depressionen gezielt auf einen Typ-2-Diabetes untersucht werden. Betroffene Diabetiker benötigen außerdem eine psychologische Betreuung, vor allem zu Beginn der Erkrankung, und wenn erstmals Spätkomplikationen auftreten. Ein Verzicht auf eine psychologische Betreuung verschlechtert nicht nur Lebensqualität und Lebensdauer der Diabetiker.

(Quellen: der Standard 20100816; B. Kulzer, N. Hermanns, J. Kruse: “Diabetes und Depression – Risiken und Zusammenh√§nge” in: Diabetologe 2010; 6: 255-265; Image source:raw-food-health.net)

Jun 13

Schlaflosigkeit stellt eines der h√§ufigsten Probleme in der Bev√∂lkerung dar: zwischen 30% und 50% leiden darunter, etwa 10% sogar an chronischer (langdauernder) Schlaflosigkeit. Diese St√∂rung betrifft Menschen aller Altersstufen – ihrer H√§ufigkeit nimmt allerdings im Alter zu. Die Folgen von Schlaflosigkeit sind h√§ufig M√ľdigkeit w√§hrend des Tages, eine geschw√§chte Immunabwehr, Neigung zu Depressionen, geringere Konzentrationsf√§higkeit und h√∂here Anf√§lligkeit f√ľr Diabetes und Herzkrankheiten.

Drei Arten von Schlaflosigkeit werden unterschieden:

a) Vor√ľbergehende Schlaflosigkeit dauert weniger als eine Woche, und wird meist durch andere Erkrankungen, eine ung√ľnstige Ver√§nderung der Schlafgewohnheiten, schwere Depressionen oder Stress verursacht. Ihre Folgen sind ein Gef√ľhl von Schl√§frigkeit und eine Beeintr√§chtigung der psychomotorischen Leistungsf√§higkeit.
b) Akute Schlaflosigkeit ist die Unfähigkeit, weniger als 1 Monat lang konsequent gut schlafen.
c) Chronische Schlaflosigkeit ist die Bezeichnung f√ľr Schlafst√∂rungen, die l√§nger als 1 Monat dauern. Die Ursachen sind h√∂chst unterschiedlich und sollten daher medizinisch abgekl√§rt werden. Zu den Auswirkungen chronischer Schlaflosigkeit geh√∂ren Muskelerm√ľdung, Halluzinationen und / oder geistige Ersch√∂pfung, oder aber auch Reizbarkeit auf.

Die Muster von Schlafstörungen:

a) Einschlafstörungen sind Schwierigkeiten beim Einschlafen zu Beginn der Nacht, häufig sind diese mit Angststörungen assoziiert.
b) Durchschlafst√∂rungen sind gekennzeichnet durch Schwierigkeiten, bis in den fr√ľhen Morgen durchzuschlafen. H√§ufig ist diese Variante durch Schmerzen oder k√∂rperliche Erkrankungen bedingt.
c) Vorzeitiges Erwachen Рhäufig ist dies altersbedingt, ein Merkmal der klinischen Depression, oder es liegen andere psychische Ursachen vor.
d) Albträume und Schlafwandeln Рfurchterregende Träume oder das Herumwandern in der Wohnung sind zumeist häufig psychisch Рetwa durch belastende Ereignisse Рbedingt, aber auch durch Drogenkonsum.
e) Hypersomnia ist gesteigertes Schlafbed√ľrfnis, bei dem trotz ausreichendem Schlaf tags√ľber st√§ndig ein Gef√ľhl von M√ľdigkeit und Ersch√∂pfung besteht. H√§ufig ist diese Schlafst√∂rung k√∂rperlich verursacht und sollte medizinisch abgekl√§rt werden.

Sehr oft wird jede Form von Schlaflosigkeit leider falsch, n√§mlich ausschlie√ülich mit Medikamenten behandelt. Die Botschaft unseres K√∂rpers, da√ü etwas nicht in Ordnung ist, wird damit jedoch ignoriert und unterdr√ľckt – k√∂rperliche Folgeerkrankungen k√∂nnen auftreten, und durch die entstehende psychische Abh√§ngigkeit vom Medikament wird das Einschlafen ohne ‚ÄěP√ľlverchen‚Äú noch schwieriger als zuvor.

Was die wenigsten wissen: Schlafst√∂rungen lassen sich fast immer auf ganz nat√ľrliche Weise stark verbessern: dazu m√ľssen lediglich die ausl√∂senden Ursachen f√ľr die innere Unruhe, die einem den Schlaf raubt, identifiziert und dann auch ‚Äěpassend‚Äú beseitigt werden. Die h√§ufigsten Ursachen der meisten Formen von Schlafst√∂rungen sind zumeist relativ leicht in den Griff zu bekommen: Licht, Ger√§usche, kein Kaffee und keine Zigaretten mehr am Abend etwa. Chronisch Schlafgest√∂rte (die Schlafst√∂rungen dauern bereits mehr als drei Wochen an) sollten auch einen medizinischen Checkup auf Erkrankungen des Herz- und Kreislauf- sowie des Verdauungssystems, des Urinaltraktes und auf Stoffwechselst√∂rungen durchf√ľhren lassen. Lassen sich keine eindeutigen k√∂rperlichen Ursachen f√ľr die Schlafprobleme finden, hilft fast immer eine kurze Reihe gezielter therapeutischer Beratungsgespr√§che bei der langfristigen Verbesserung der Schlaff√§higkeit.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:romywilliams.files.wordpress.com)

Jun 03

Kinder und Jugendliche waren gemäß einer Studie der US Pharmaproduktions- und Gesundheitsmanagement-Firmengruppe MedCo Health Solutions die in den USA am stärksten wachsende Medikamenten-Konsumentengruppe Рsie nahmen 4x so viel verschreibungspflichtige Arzneimittel wie der Rest der Bevölkerung ein. Jedes 4. Kind unter 10 Jahren erhielt Mittel gegen chronische Beschwerden, und bei den 10-19 Jährigen stieg dieser Anteil sogar auf 30 %.

Zwei Medikamentengruppen verzeichneten w√§hrend der letzten Jahre den gr√∂√üten Anstieg – Medikamente, die man normalerweise eigentlich nicht mit Heranwachsenden in Verbindung bringt: Antidiabetika und Neuroleptika (Antipsychotika). So stieg seit 2001 die Anzahl der 10-19 j√§hrigen Jugendlichen, die cholesterinsenkende Arzneimittel einnahmen, um unglaubliche 50%. Die Gruppe der Neuroleptika wird aber in den USA keineswegs nur gegen Psychosen wie z.B. Schizophrenie, sondern zunehmend auch bei Angstzust√§nden und Depressionen eingesetzt. Der Gebrauch dieser Arzneimittel-Gruppe hat sich in den USA seit 2001 deshalb verdoppelt, w√§hrend der von Antidepressiva seit 2004 um √ľber 20% abnahm – etwa zur gleichen Zeit hatte die Arzneimittelbeh√∂rde FDA eine Warnung ver√∂ffentlicht, dass einige Antidepressiva Selbstmordgedanken bei Jugendlichen verst√§rken k√∂nnen. Seither setzen die behandelnden √Ąrzte eher Neuroleptika ein. Doch ironischerweise vergr√∂√üert der Konsum dieser Neuroleptika wiederum die Chance auf das Entstehen einer Typ 2 Diabetes.

Auch die oft kritisierte Vergabe von Medikamenten gegen ADHS ist weiterhin im Anstieg begriffen (2009: 9,1%) und hat sich – wohl aufgrund der Sensibilisierung bez√ľglich des vielpublizierten “ADHS bei Erwachsenen” – auf die Gruppe der 20-34 J√§hrigen ausgeweitet. Dort stiegen die Verschreibungszahlen um √ľber 21% an.

Medco analysierte f√ľr den Report seine 200 Top-Kunden, die √ľber 40 Millionen Menschen repr√§sentieren. Die Firma sieht eine bl√ľhende Zukunft f√ľr Pharma-Hersteller: bis 2012 sollen die Ausgaben f√ľr Arzneimittel um weitere 18% steigen.

Kommentar R.L.Fellner:
Der schon in einer US-Studie vom November letzten Jahres festgestellte Trend in der Sozial- und Gesundheitspolitik wird damit ein weiteres Mal best√§tigt: er f√ľhrt offenbar weg von Ans√§tzen, die Ursachen psychischer, sozialer und k√∂rperlicher Probleme und Erkrankungen mit all den uns heute zur Verf√ľgung stehenden wirksamen Methoden (‘ganzheitlich’) zu behandeln und ihnen damit letztlich -hoffentlich- dauerhaft Herr zu werden, sondern der Mensch soll prim√§r mit einer auf ihn abgestimmten Palette von parmakologischen Produkten versorgt werden, deren diverse Nebenwirkungen dann im (f√ľr den Betroffenen..) ung√ľnstigsten Fall wiederum weitere Arzneimittel n√∂tig machen. Und wer sich von Kindern und Jugendlichen heute zu sehr herausgefordert oder provoziert f√ľhlt, findet entweder einen Arzt, der nach ein paar Minuten Konsultation ADS / AHDS diagnostiziert und dazu auch gleich das passende Rezept ausstellt, oder eine Beh√∂rde, die (t√§gliche Realit√§t im heutigen England) eine sog. “ASBO” verfasst – mit den damit verbundenen “sozialen” Anpassungsma√ünahmen. Die vielgepriesene “freie Gesellschaft” des Westens scheint zu immer gr√∂√üeren Teilen in ein potemkinsches Dorf – abgelenkt durch glitzernde Konsumprodukte und “mind- & behavior- optimiert” durch immer neue Produkte der Pharmaindustrie – umgesiedelt zu werden.

(Quelle: Kids’ Consumption of Chronic Medications on the Rise (May 19, 2010), tp; Image src:healthpsych.psy.vanderbilt.edu)

11.10.17