May 08

Psychische Leiden belasten mehr als körperliche.
(Image src: depressionisreal.com)

 

Kaum eine Situation macht Menschen unzufriedener mit dem Leben als eine psychische Erkrankung.

Richard Layard, Leiter des Wellbeing Programme am Centre for Economic Performance der London School of Economics and Political Science, veröffentlichte kürzlich das Ergebnis einer Langzeit-Metastudie, demzufolge in Australien, Deutschland und Großbritannien psychische Erkrankungen weit stärker zum Unglück von Menschen beitragen als körperliche Gebrechen. Befragt wurden Personen mit einem Lebensalter von über 25 Jahren.

Es wird geschätzt, dass weltweit etwa jeder Zehnte unter Depressionen und Angststörungen leidet. Diese psychischen Erkrankungen sind die Ursache von bis zu einem Fünftel aller Fälle von Erwerbsunfähigkeit. Gleichzeitig befindet sich selbst in reichen Ländern weniger als ein Drittel der Betroffenen in therapeutischer Behandlung.

Das Tragische ist, dass Depressionen und Angststörungen heute mit Psychotherapie erfolgreich behandelt werden könnten, sagt Richard Layard. Dennoch würde kaum eine Regierung mehr als 15 Prozent ihres Gesundheitsetats für die Behandlung seelischer Erkrankungen ausgeben “Das ist diskriminierend für psychisch Erkrankte im Vergleich zu körperlich Erkrankten und zudem auch wirtschaftlich unvernünftig”, sagen der Wohlfahrtsökonom Layard und seine Kollegen. Würden mehr psychisch Kranke gut behandelt werden, könnten Kosten für Sozialhilfe gespart werden und es würden weniger Steuereinnahmen aufgrund der Erwerbsunfähigkeit vieler Arbeitnehmer verloren gehen. Layard: “In reichen Ländern wäre wahrscheinlich eine für die Staatskassen kostendeckende Behandlung der von psychischen Leiden Betroffenen möglich”.

Jeder Dritte hatte 1x jährlich mit psychischen Störungen zu kämpfen

Jeder 3. Erwachsene, also ca. 15 Millionen Menschen, erkrankten in Deutschland allein im Verlauf der letzten 12 Monate an mindestens einer psychischen Störung. Die meisten davon leiden an Angstzuständen, Depressionen oder somatoformen Störungen. Maximal 10% von ihnen erhielten jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie, was die Lebensqualität der Betroffenen reduziert, die daraus resultierenden Fehlbehandlungen wiederum belasten die Gesundheits- und Sozialsysteme, da die Krankheitstage zunehmen und PatientInnen fallweise vorzeitig berentet werden müssen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit schätzt den durch psychische Erkrankungen resultierenden Verlust an Arbeitsproduktivität auf acht Milliarden Euro jährlich.

“Psychische und psychosomatische Krankheiten sind keine bloßen Befindlichkeitsstörungen. Sie müssen frühzeitig professionell behandelt werden, da sie sonst chronisch werden können und oft zu biologischen Veränderungen im Gehirn und im übrigen Körper führen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Prozent der durch ambulante Psychotherapie behandelten Patienten nachweislich profitieren. Ambulante Psychotherapien umfassen im Mittel 46 Sitzungen und kosten im Durchschnitt ca. € 3700,-/Patient. Hilfesuchende Menschen brauchen jedoch zunächst niedrigschwellige und qualifizierte Anlauf- und Vermittlungsstellen.

Prof. Cornelia Albani, Leiterin der Sinova-Klinik für Psychosomatische Medizin in Aulendorf: “In einer repräsentativen Befragung konnten wir nachweisen, dass jene Menschen, die sich für eine ambulante psychotherapeutische Behandlung entscheiden, deutlich durch die Erkrankungen belastet sind und einen sehr hohen Leidensdruck verspüren”. In der Regel seien es schon länger und psychisch schwer erkrankte Patienten mit hoher Krankheitslast. 84% dieser Menschen schätzten beispielsweise ihre eigene psychische Verfassung vor der Therapie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Patienten darüber hinaus an körperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs leiden. Erschreckend ist die niedrige Zahl derer, die professionelle Hilfe erhalten – obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie bereits hinlänglich bewiesen ist. Rund 50% der von Albani et al. Befragten gaben an, dass sich durch die Psychotherapie ihre Arbeitsfähigkeit und -produktivität gesteigert habe. Ähnlich hoch wurde die Besserung der sozialen Fähigkeiten und Beziehungen bewertet. Bei bis zu 60% der behandelten Patienten zeigen sich deutliche Verbesserungen des seelischen Gesundheitszustands – und zwar anhaltend und über das Ende der Behandlung hinaus. “Studien haben die besondere Nachhaltigkeit psychotherapeutischer Behandlungen erwiesen. Hier setzten wir uns von rein medikamentösen Behandlungsstrategien ab”, so Albani.

Psychische und psychosomatische Störungen entwickeln gerade im Zusammenspiel mit körperlichen Grunderkrankungen eine besondere Problematik und können sich wechselseitig verstärken. Fachärzte für Psychosomatische Medizin können bei der Entscheidung, wie am besten vorzugehen ist, helfen. Hierbei werden körperliche, seelische und auch soziale Aspekte berücksichtigt. Doch häufig mangelt es an effizienten Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten sowie flächendeckender Versorgung: „Angesichts der vielen Betroffenen besteht die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen für diese Patientengruppe“, so DGPM-Präsident Professor Dr. J. Kruse, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Gießen.

(Quellen: MedAustria, SOEPpanel 2013 (s.a. http://www.diw.de/soeppapers); DGPM-Pressemitteilung 02/2013)

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25.06.19