Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu spĂ€t ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz ĂŒberraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –  deutlich stĂ€rker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen wĂŒrden. Dies lĂ€ĂŸt die Vermutung zu, dass es sich hĂ€ufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” fĂŒr die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tatsĂ€chlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

WĂ€hrend der letzten Jahre wurde von Psychologen, Ärzten und Therapeuten fĂŒr die Diagnosestellung, PrĂ€ventions- und TherapieansĂ€tze des “Burnout-Syndroms” eine ganze FĂŒlle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung  / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte LeistungsfĂ€higkeit Ă€ussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Erschöpfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und körperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gefĂŒhllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. SchĂŒler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt GefĂŒhle des Versagens und UngenĂŒgens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen FĂ€higkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte  Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zurĂŒckgefĂŒhrt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis persönlicher Überlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” geprĂ€gt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute hĂ€ufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome mĂŒssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erfĂŒllen
  • Überarbeitung mit VernachlĂ€ssigung anderer persönlicher BedĂŒrfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und GeringschĂ€tzung Anderer
  • RĂŒckzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche VerhaltensĂ€nderungen, fortschreitendes GefĂŒhl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verlĂ€uft zunehmend „mechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese GefĂŒhle durch Überreaktionen zu ĂŒberspielen (SexualitĂ€t, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie GleichgĂŒltigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch körperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und EffektivitĂ€t im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erhöhte AusschĂŒttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anfĂ€lliger fĂŒr Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das SchlĂŒsselwort, denn “Burnout” ist tatsĂ€chlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell gĂŒltigen und vor allem im angloamerikanischen Raum hĂ€ufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen nĂ€chsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V Ă€ndern wĂŒrde. Wie also lĂ€sst sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen Störungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Erschöpfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider Störungsbilder, auch kann emotionale Erschöpfung unbehandelt in Burnout mĂŒnden.

– Auch zwischen Schlafstörungen und Burnout bestehen ZusammenhĂ€nge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tagsĂŒber besteht hĂ€ufig SchlĂ€frigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt können Schlafprobleme einen Risikofaktor fĂŒr spĂ€teres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale Störungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 auslösen. Chronisch höhere Spannungen in der Arbeit wiederum fĂŒhren zu erhöhter Kortisol-AusschĂŒttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit HyperlipidĂ€mie und arterieller Hypertonie begĂŒnstigt. Die hĂ€ufig stressbedingten gesundheitsschĂ€digenden Verhaltensweisen, etwa erhöhter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung körperlicher und psychischer Erholung, dĂŒrften nach einiger Zeit auch ohne körperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, MĂ€nner dagegen nahezu ausschließlich auf kardiovaskulĂ€rer Ebene.

Depression: Die hĂ€ufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen Ärzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen ĂŒber Burnout-ZustĂ€nde in Depressionen mĂŒnden können. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate PhĂ€nomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge mĂŒndet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich hĂ€ufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gemĂ€ĂŸ ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrĂŒckten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und AktivitĂ€t. Die FĂ€higkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. AusgeprĂ€gte MĂŒdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. SelbstwertgefĂŒhl und Selbstvertrauen sind fast immer beeintrĂ€chtigt. Sogar bei der leichten Form kommen SchuldgefĂŒhle oder Gedanken ĂŒber eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrĂŒckte Stimmung verĂ€ndert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf LebensumstĂ€nde und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, FrĂŒherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. AbhĂ€ngig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein betrĂ€chtlicher Teil der Menschen, die wegen „Burnout” eine lĂ€ngere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – nĂ€mlich dann, wenn alle fĂŒr die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression gehört immer auch das GefĂŒhl tiefer Erschöpftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten dĂŒrfte, da dieser Zustand SelbstĂŒberforderung oder Überforderung durch außen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsĂ€chliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen fĂŒhren kann. Viele depressiv Erkrankte etwa fĂŒhlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche TĂ€tigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie hĂ€ufig empfohlen, langsamer zu treten, lĂ€nger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tatsĂ€chlich eine depressive Erkrankung vor, wĂ€ren dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gefĂ€hrliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf lĂ€ngeren Schlaf und eine lĂ€ngere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsstörung, GrĂŒbeln und der UnfĂ€higkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedrĂŒckend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose ermöglicht einen adĂ€quaten Therapieansatz sowie ein möglichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

TherapieansÀtze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der KomplexitĂ€t der möglichen Ursachen und ZusammenhĂ€nge, aber auch aus GrĂŒnden der hĂ€ufig schwierigen Abgrenzung der Ätiologie und gegenĂŒber anderen Störungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgfĂ€ltige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgemĂ€ĂŸ nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression genĂŒgen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien fĂŒr das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und StressbewĂ€ltigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen körperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist adĂ€quate und regelmĂ€ĂŸige Psychotherapie, nötigenfalls mit pharmakologischer UnterstĂŒtzung, bis zum völligen Abklingen der Symptome ĂŒber einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Maßnahmen ist verbesserte StressbewĂ€ltigung (Coping) und PrĂ€vention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in EinzelfĂ€llen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht adĂ€quat verĂ€ndert werden können und eine positive ArbeitsatmosphĂ€re nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche VerĂ€nderung oder ein vorĂŒbergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollstĂ€ndige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, IsometsĂ€ E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders – results from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16–22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159–64.
Nil R, Jacobshagen N, SchĂ€chinger H, Baumann P, Höck P, HĂ€ttenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout – an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72–7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Sep 09

Prof. Dr. Wolfgang Albert, der seit 1987 die Abteilung Psychosomatische Medizin und seit seiner GrĂŒndung (April 2005) das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Herzzentrum. In seiner Vorlesung „Zum Stellenwert der psychosomatischen Medizin in der Herzchirurgie“ schlug Albert eine weite BrĂŒcke vom Begriff der Seele „als Walten des göttlichen Prinzips“ ĂŒber „die Seele ist ein leeres Wort“ bis zur modernen Definition der Psychosomatik, in der man „keine Krankheiten, sondern kranke Menschen“ behandelt. Albert betonte, zu allen Zeiten wurden Seele und Herz im Kontext gesehen. Das Herz galt und gilt als Wohnort der Seele und der Liebe, und ist der Lebensmotor. Der Narzissmus jedes Menschen macht sich am Herz fest, das schon das Ungeborene im Mutterleib hört und beim SĂ€ugen an der Brust der Mutter lustbesetzt erfĂ€hrt. Woidera meinte daher „das Herz ist das verinnerlichte Mutterprinzip“. Die moderne Psychosomatik in der Chirurgie befasst sich ebenfalls ausgiebig mit dem Herz, besser mit dem operierten, verlorenen alten und als Spende empfangenen neuen Herz oder unterstĂŒtzend „zugeschalteten“ Kunstherz. Transplantationen oder Implantationen, aber auch eingreifende Herzoperationen bzw. Kathetereingriffe stellen fĂŒr den schwer herzkranken Menschen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch eine hochgradige Ausnahmesituation dar, die es umfassend zu verarbeiten gilt. In rund 30 % der FĂ€lle kommt es zu Ängsten (oft VerlustĂ€ngsten), SchuldgefĂŒhlen, Depressionen, Konzentrationsstörungen, regressiver Abwehr, Ich-SchwĂ€che, die – so Albert – sofortiger psychosomatischer Hilfe bedĂŒrfen, um nicht in eine chronisch-dauerhafte Störung einzumĂŒnden. Auch Partner, Eltern oder Geschwister sind hĂ€ufig seelisch stark mitbetroffen und bedĂŒrfen psychologischer Hilfe.

Aus Studien am DHZB an 91 Transplantierten, von denen rund 40 % seit ĂŒber 15 Jahren mit einem neuen Herz leben, empfanden zwei Drittel der Patienten, die zeitweise psychosomatische Hilfsangebote wahrgenommen haben, ihre LebensqualitĂ€t als „gut bis sehr gut“, nur 6 % sagten, sie sei „schlecht“. Interessanterweise Ă€ußerten die mehr als 20 Jahre Überlebenden eine bessere EinschĂ€tzung als die Referenzgruppe aus der nicht-kranken Bevölkerung. Grenzwertig wird das in einer Notfalloperation implantierte Kunstherz empfunden. Der psychosoziale Schock ĂŒber das Leben mit einem Kunstherz und der meist damit einhergehende Zusammenbruch sĂ€mtlicher Lebenskonzepte in beruflicher wie privater Hinsicht bedarf im Einzelfall eingehender psychosomatischer, medikamentengestĂŒtzter GesprĂ€chstherapie.

Ein 30-jĂ€hriger Patient, der nur noch eine zehnprozentige Herzfunktion aufwies, wollte nach der Assist-Implantation „einfach nur weglaufen“ und seinen „normalen Alltag zurĂŒck haben“. Erst in vielen GesprĂ€chen „es war immer ein Ohr fĂŒr mich da“ nahm er seine Situation an und befindet sich jetzt komplikationslos in der Rehabilitations-Klinik. Ein 30-jĂ€hriger herztransplantierter Patient zeigte Panikattacken, Angst, Depression und RealitĂ€tsverlust, „ich wollte noch schnell mal verreisen“. Jetzt hat er nach kurzzeitiger psychosomatischer Therapie die Ausbildung zum Kfz-Meister als Jahrgangsbester abgeschlossen und wird von seinem Dienstherrn in Vollzeit beschĂ€ftigt. Auch ein 59-jĂ€hriger Unternehmer, der mit dem weltweit einzig verfĂŒgbaren Totalen KĂŒnstlichen Herz CardioWest mit seinem sehr lauten Antrieb ausgestattet wurde, berichtete eindrucksvoll, wie er sich mit Unbeherrschtheit, Angst vor der eigenen Zukunft, aber auch der seiner Angehörigen und „vielen negativen Gedanken“ erst mittels zahlreicher therapeutischer GesprĂ€che mit der schwierigen neuen Lebenssituation abfand und mit mehr Mut wieder in die Zukunft blicken kann, „weil ich Hilfe habe“.

Professor Berger (Klinik fĂŒr Angeborene Herzfehler/Kinderkardiologie) erlĂ€uterte, dass in seiner Abteilung typischerweise die kleinen Patienten fast mĂŒhelos mit problematischen Situationen umgehen, nicht aber die sĂ€mtliche HintergrĂŒnde und Zukunftsaspekte verstehenden Eltern. Eine zweite Gruppe stellen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern dar, die vielfach psychosomatischer Hilfe bedĂŒrfen. Hier kommt es öfter zu Abwehrhandlungen, Ausbruchsversuchen aus dem Krankenleben, mit Wut und Verzweiflung in der PubertĂ€t. Es sei geplant, in seiner Abteilung dauerhaft einen Psychosomatiker fĂŒr diese jungen Menschen zu beschĂ€ftigen.

Quellen: MedAustria, Deutsches Herzzentrum Berlin; Image:Shutterstock)

Sep 09

Gewalterfahrungen und andere traumatische Erlebnisse können langfristig nicht nur zu psychischen sondern auch zu körperlichen Erkrankungen fĂŒhren, wie aktuelle Studien aus den USA und Deutschland zeigen. So haben Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ein erhöhtes Risiko fĂŒr Herzerkrankungen, Diabetes und andere chronische Krankheiten, wie Experten auf der internationalen Tagung „Folgen der interpersonellen Gewalt“ an der Justus-Liebig-UniversitĂ€t Gießen referierten.

Bis zu 10% der Erwachsenen in Deutschland geben an, in ihrem Leben gewalttĂ€tige Übergriffe erlebt zu haben. Solche traumatischen Erlebnisse haben Folgen, auf körperlicher Ebene begĂŒnstigen sie insbesondere die Entwicklung von chronischen körperlichen Erkrankungen. Wissenschafter des „US Department of Veterans Affairs“ etwa haben festgestellt, dass Kriegsveteranen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) deutlich hĂ€ufiger an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden als Veteranen ohne PTBS. Bei 76% der Veteranen mit PTBS (im Unterschied zu 59% bei nicht traumatisierten Veteranen) konnten die Forscher so genannten Koronarkalk, einen Risikomarker fĂŒr zukĂŒnftige Herzinfarkte, nachweisen.

Auch andere chronische Leiden wie etwa Asthma, Diabetes, chronische Schmerzerkrankungen, Osteoporose oder SchilddrĂŒsenerkrankungen können Folge eines Traumas sein. Eine große, an der Ă€lteren deutschen Bevölkerung durchgefĂŒhrte epidemiologische Untersuchung der UniversitĂ€tsklinik Leipzig zeigte auf, dass Menschen mit PTBS durchschnittlich fast 3x so hĂ€ufig von chronischen Krankheiten betroffen sind wie Menschen ohne Traumatisierung. Dazu kann zum einen der risikoreiche Lebensstil von PTBS-Erkrankten, wie ein erhöhter Zigarettenkonsum, beitragen. Doch viele Erkrankungen sind vermutlich durchaus auch direkte Folge des Traumas: Patienten mit PTBS reagieren auf Belastung mit intensiveren und lĂ€nger anhaltenden AusschĂŒttungen von Stresshormonen, ihre Blutwerte zeigen zudem hĂ€ufig Zeichen einer chronischen EntzĂŒndung. „Stresshormone und EntzĂŒndungsbotenstoffe sind Risikofaktoren fĂŒr Typ 2-Diabetes und koronare Herzerkrankungen“, erklĂ€rt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) Johannes Kruse.

Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) werden ungewollt – etwa in AlbtrĂ€umen – immer wieder mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Sie versuchen, Gedanken, Orte und AktivitĂ€ten zu vermeiden, die mit dem Trauma zusammenhĂ€ngen. Symptome wie Depressionen, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialer RĂŒckzug können Folgen eines Traumas sein.

(Quellen: MedAustria, Psychosomatic Medicine issue 73(5), p401-406; Image src:loddmedicalgroup.com)

Sep 07

Sein Herz schlĂ€gt mit jeder Sekunde stĂ€rker, Schweiß beginnt, den RĂŒcken hinunterzulaufen und er bekommt kaum mehr Luft – als wĂ€ren seine Lungen blockiert. Plötzlich ein intensiver Schmerz in der Brustgegend: ist es nun soweit, ist das der erste Herzinfarkt? PanikgefĂŒhle breiten sich in seinem Körper aus: er könnte genau hier zusammenbrechen und sterben, wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt – unaushaltbare Angst kriecht in seinen Körper hoch…

Die Symptome von Panikattacken sind unterschiedlich – die meisten Personen aber empfinden intensivste Angst, entweder eine Herzattacke zu erleiden, verrĂŒckt zu werden oder vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen. Eine Panikattacke zu erleiden, kann eines der schockierendsten, unangenehmsten und bedrohlichsten Erlebnisse sein, die eine Person in ihrem Leben erfĂ€hrt.
Aber im Unterschied zu landlĂ€ufigen Vermutung sind Panikattacken bei weitem nicht immer von hohem Stress verursacht, sondern können gerade auch Menschen ereilen, die eigentlich ein recht entspanntes Leben fĂŒhren. Relativ hĂ€ufig sind die Attacken etwa Zeichen fĂŒr eine Angststörung, Depression oder andere psychische Belastungen, die lange Zeit hindurch ignoriert, “beiseite gewischt” oder – etwa durch Selbstmedikation – unfachgemĂ€ĂŸ behandelt wurden. Andere mögliche Ursachen können Seiteneffekte von Medikamenten, Alkoholkonsum, Medikamenten- oder Drogenentzug oder chronische Erkrankungen sein.

Wenn Panikattacken unbehandelt bleiben, kann sich die sogenannte Agoraphobie entwickeln, bei der eine Person Angst davor entwickelt, an bestimmten Orten oder in bestimmten Situationen Panikattacken zu erleiden. In der Sorge, dass in solchen Situationen keine Fluchtmöglichkeit besteht oder eine Panikattacke auftreten könnte, vermeiden sie zunehmend Situationen, in denen sie in ein solches Risiko geraten könnten, wie z.B. offene PlĂ€tze, Straßen, öffentlichen Transport – zuletzt vermeiden manche von ihnen sogar, das Haus zu verlassen. Panikattacken und Agoraphobie treten hĂ€ufig im Zusammenhang mit sogenannter Sozialphobie auf, bei der sich die Angst auf soziale Situationen (etwa das Essen oder Sprechen in Gruppen) bezieht und die Sorge besteht, von den anderen beurteilt oder entblĂ¶ĂŸt zu werden. Dies wiederum kann eine der schĂ€dlichsten Seiteneffekte der Panikstörung darstellen, da es die Leidenden daran hindert, sich frĂŒhestmöglich fachliche UnterstĂŒtzung zu suchen, und damit Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch begĂŒnstigt. Erfolgreiche Behandlung ist jedoch möglich und besteht meist aus einer individuell bestimmten Anzahl von regelmĂ€ĂŸigen Psychotherapie-Sitzungen, manchmal ergĂ€nzt durch unterstĂŒtzende Medikation. Auf diese Weise können 90% der Agoraphobiker eine vollstĂ€ndige Befreiung von ihrem Problem erreichen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:Erin O’Brien/Getty Images)

Aug 16

Menschen mit Depressionen haben ein erhöhtes Risiko, an der Zuckerkrankheit Typ-2-Diabetes mellitus zu erkranken, wie schon frĂŒhere Studien zeigten. Aber umgekehrt erhöht auch eine bestehende Diabetes-Erkrankung das Risiko, eine Depression zu entwickeln. Kommen jedoch beide Erkrankungen zusammen, potenzieren sich die negativen Folgen fĂŒr LebensqualitĂ€t und Lebensdauer der Betroffenen, wie diabetesDE und die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) in einer Aussendung aufmerksam machten und deshalb nun eine bessere psychologische Betreuung von Diabetikern fordern.

Im Vergleich mit Diabetikern ohne Depressionen leiden depressive Diabetiker elf Mal hĂ€ufiger unter Komplikationen an den kleinen BlutgefĂ€ĂŸen. Die Gefahr von SchĂ€digungen an den großen GefĂ€ĂŸen, die zu Durchblutungsstörungen oder Herzinfarkt fĂŒhren können, ist um das 2,5-Fache erhöht. Die negativen Folgen sind bei Diabetes jedoch besonders hoch: Eine erfolgreiche Behandlung des Diabetes erfordert die aktive Mitarbeit des Patienten. “Depressionen stellen hierbei ein große Barriere dar, da sie sowohl die Motivation zur Behandlung als auch die DurchfĂŒhrung der Therapiemaßnahmen nachhaltig erschweren”, betont Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Psychologie und Verhaltensmedizin der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Forschungsinstitutes der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM), in einer aktuellen Veröffentlichung. Damit steige die Gefahr von SpĂ€tkomplikationen des Diabetes wie Verlust des Augenlichts, Fußamputation oder Dialysepflicht. Auch die Schwankungen im Blutzucker, die bei vielen Diabetikern auftreten, belasten die Betroffenen emotional.

Umgekehrt haben Menschen mit Depressionen ein erhöhtes Risiko an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Das liegt zum einen daran, dass die Depression die Risikofaktoren Übergewicht und Bewegungsmangel verstĂ€rkt. Außerdem ist die psychische Erkrankung selber ein unabhĂ€ngiger Risikofaktor: Depressive Störungen können mit einem stressbedingten Anstieg der Kortisolwerte im Blut einhergehen. Dieses Hormon fördert die sogenannte Insulinresistenz, das heißt das körpereigene Insulin ist vorhanden, fĂŒhrt aber nicht in ausreichendem Maße zum Einbau des Zuckers aus dem Blut in die Körperzellen.

Die deutschen Diabetes-Experten fordern daher, dass Menschen mit Depressionen gezielt auf einen Typ-2-Diabetes untersucht werden. Betroffene Diabetiker benötigen außerdem eine psychologische Betreuung, vor allem zu Beginn der Erkrankung, und wenn erstmals SpĂ€tkomplikationen auftreten. Ein Verzicht auf eine psychologische Betreuung verschlechtert nicht nur LebensqualitĂ€t und Lebensdauer der Diabetiker.

(Quellen: der Standard 20100816; B. Kulzer, N. Hermanns, J. Kruse: “Diabetes und Depression – Risiken und ZusammenhĂ€nge” in: Diabetologe 2010; 6: 255-265; Image source:raw-food-health.net)

Apr 16

Wissenschaftler haben erstmals nachgewiesen, dass hormonbedingte Stoffwechselstörungen bei MĂ€nnern zu einem frĂŒheren Tod fĂŒhren.

Wissenschafter des Instituts fĂŒr Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin, der Kardiologie und der Community Medicine der UniversitĂ€t Greifswald sowie der UniversitĂ€t Erlangen-NĂŒrnberg konnten kĂŒrzlich einen direkten Zusammenhang zwischen dem Sexualhormon Testosteron und dem Sterblichkeitsrisiko belegen. Von ca. 2000 untersuchten MĂ€nnern verstarben jene signifikant hĂ€ufiger an Herz-Kreislauferkrankungen, die zur Zeit der Erstuntersuchung niedriger Testosteronspiegel aufwiesen. In begleitenden Analysen der Daten der Studie konnten die Wissenschaftler belegen, dass eine erniedrigte Testosteronkonzentration hĂ€ufig mit Fettleibigkeit, Fettstoffwechselstörungen und einer Leberverfettung verknĂŒpft sind. Niedrige Testosteronspiegel fĂŒhren zu einer vermehrten Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen und erhöhten Gesundheitskosten im ambulanten Bereich. Zudem zeigte sich, dass ein niedriger Testosteronspiegel fĂŒr die Entstehung von Bluthochdruck und Diabetes mit verantwortlich ist. “Diese hormonbedingten Stoffwechselstörungen sind bei MĂ€nnern zu einem frĂŒhen Tod verknĂŒpft”, betonte einer der Untersuchungsleiter. Das habe die Auswertung der Verlaufsbeobachtung von bereits verstorbenen Teilnehmern der Studie ergeben.

Testosteron ist als wichtigstes mĂ€nnliches Sexualhormon fĂŒr viele körperliche und psychische VorgĂ€nge beim Mann verantwortlich. Die Testosteronkonzentration sinkt mit zunehmendem Alter des Mannes kontinuierlich – bei 15 bis 20 Prozent der untersuchten MĂ€nner ĂŒber dem 50. Lebensjahr wurde im Rahmen der Studie eine erniedrigte Testosteronkonzentration nachgewiesen. “In Zukunft wird die hormonelle Vorsorge beim reifen Mann genauso selbstverstĂ€ndlich werden wie bei der Frau”, sind die Studienautoren ĂŒberzeugt.

Die Ergebnisse der Studie wurden in der letzten Ausgabe des medizinischen Fachmagazins “European Heart Journal” veröffentlicht, nach diesen Ergebnissen sind weitere Forschungen in Zusammenarbeit von Andrologen, Kardiologen, GynĂ€kologen und Psychiatern geplant.

Zum Selbst-Check: Testosteron-Selbsttest auf dieser Website

(Quelle: “Low serum testosterone levels are associated with increased risk of mortality in a population-based cohort of men aged 20–79” in: European Heart Journal, doi: 10.1093/eurheartj/ehq009)

Jan 20

Nach einer Analyse der Daten von 2.755 mĂ€nnlichen Angestellten, welche zu Beginn einer kĂŒrzlich abgeschlossenen Studie des Stressforskningsinstitutet der UniversitĂ€t Stockholm noch keinen Herzanfall erlitten hatten, zeigte sich zumindest fĂŒr MĂ€nner eine Assoziation zwischen “unterdrĂŒckter BewĂ€ltigung” infolge einer unfair gefĂŒhlten Behandlung und gesteigertem kardialem Risiko.

FĂŒr die Untersuchung wurden die verschiedenen Strategien, Dinge fĂŒr sich zu behalten, als unterdrĂŒckte BewĂ€ltigung definiert. Die Teilnehmer wurden gefragt, welche Strategien sie anwendeten: Ereignisse vorbeigehen zu lassen ohne etwas zu sagen, aus einem Konflikt einfach auszusteigen, Symptome wie Kopf- oder Magenschmerzen zu haben oder zu Hause schlechter Laune zu sein. Faktoren wie Rauchen, Alkohol, körperliche AktivitĂ€t, Bildung, Diabetes, Anforderungen im Beruf und Entscheidungsfreiheit wurden berĂŒcksichtigt, Blutdruck, BMI und Cholesterinwerte gemessen. Die MĂ€nner waren zu Beginn der Studie in den Jahren 1992 bis 1995 durchschnittlich 41 Jahre alt. Informationen ĂŒber einen Myokardinfarkt oder Tod aufgrund eines Herzanfalls bis zum Jahr 2003 wurden aus den nationalen Datenbanken zu Krankenhausaufenthalten und TodesfĂ€llen entnommen.

Bis 2003 hatten 47 der 2.755 MĂ€nner einen Myokardinfarkt oder starben an einer Herzerkrankung. Jene, die hĂ€ufig oder oft einfach einem Konflikt auswichen oder nichts sagten, verfĂŒgten ĂŒber ein doppelt so hohes Herzrisiko als jene MĂ€nner, die sich unangenehmen Situationen stellen und versuchten sie zu lösen (2,29 [95% CI 1,00-5,29]). Kopf- und Magenschmerzen oder schlechte Laune zu Hause erhöhten das Risiko nicht.

(Quellen: J Epidemiol Community Health; 2009, Nov 24; MedAustria; Image:nytimes.com)

Nov 07

(Photo src: medicalnewstoday.com)

Herzinfarkt-Überlebende mit posttraumatischen Belastungsstörungen tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, frĂŒher zu sterben – dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie an rund 150 Patienten, die nach einem Herzinfarkt oder Herzstillstand einen Defibrillator erhalten hatten. Die Wissenschafter des Helmholtz Zentrums MĂŒnchen, der TU MĂŒnchen sowie des Deutschen Herzzentrums fordern, den psychischen Symptomen weitaus grĂ¶ĂŸere Aufmerksamkeit zu widmen, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Das Team wies nach, dass Herzinfarkt-Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) ein erhöhtes Risiko tragen, frĂŒher zu sterben als Patienten ohne diese Diagnose. Dies wurde in der aktuellen Ausgabe der weltweit renommierten psychiatrischen Fachzeitschrift Archives of General Psychiatry veröffentlicht.

Im Zuge der Untersuchung fragten die Wissenschaftler insbesondere nach Symptomen, die typischerweise bei einer posttraumatischen Belastungsstörung auftreten: angstvolle, sich aufdrĂ€ngende bohrende “intrusive” Erinnerungen an das lebensbedrohliche Geschehen, das Vermeiden von Verhaltensweisen, die an das Ereignis erinnerten, sowie eine nach dem Erstereignis aufgetretene gesteigerte nervöse Unruhe oder Überwachheit (Hypervigilanz). Ein Teil der Patienten litt in gesteigerter Weise an diesen Symptomen. Ihr Leben war durch immer wiederkehrende bedrohliche Erinnerungen an ihre Erkrankung bestimmt. Sie lebten in einem dauerhaft angstvoll-angespannten Zustand. Diese Menschen wiesen ein 3,5fach erhöhtes Risiko auf, frĂŒher als diejenigen Patienten zu sterben, die nicht an solchen Symptomen litten und sich mit ihrer Erkrankung hatten arrangieren können.
In keinem Zusammenhang mit dem Risiko der posttraumatischen Symptomatik standen Risikofaktoren wie das Alter, die Auswurffraktion des Herzens als Maß fĂŒr die verbliebene Herzmuskelkraft oder Diabetes. Überraschenderweise fand sich auch keine Verbindung mit dem komorbiden Vorhandensein von Depression und Angst. “Dies bedeutet”, so Studienleiter Ladwig, “dass das PTBS-Risiko unabhĂ€ngig von den genannten weiteren Risikofaktoren besteht und keineswegs durch sie erklĂ€rt werden kann.”

Als Konsequenz aus diesen deutlichen Studienergebnissen fordern Ladwig und sein Team, bei Herzinfarkt-Patienten den Symptomen einer PTBS in Zukunft weitaus grĂ¶ĂŸere Aufmerksamkeit zu widmen. Spezielle Hilfsangebote, bei Bedarf auch eine psychotherapeutische Begleitung, mĂŒssen rasch entwickelt und auf ihre Wirksamkeit getestet werden. Zum anderen bedarf es weiterer Forschung nach den Mechanismen, die dazu fĂŒhren, dass die PTSD-Symptomatik einen solch fatalen Einfluss auf den Krankheitsverlauf bei Patienten mit Defibrillatoren ausĂŒbt.

(Quelle: Der Standard, 07.11.2008)

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ï»ż10.06.18