May 23

Bei Kindern und Jugendlichen bew√§hren sich psychotherapeutische Pr√§ventionsprogramme definitiv – die einj√§hrige Studie ‚ÄěSaving and Empowering Young Lives in Europe (SEYLE): Gesundheitsf√∂rderung durch Pr√§vention von riskanten und selbstsch√§digenden Verhaltensweisen“, die in Deutschland an der Universit√§tsklinik f√ľr Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg durchgef√ľhrt wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse und wies eine Reduktion psychischer Probleme bei den teilnehmenden Sch√ľlern sowie einen deutlichen R√ľckgang von depressiven Symptomen, selbstsch√§digenden Verhaltensweisen und Selbstmordgedanken insbesondere bei M√§dchen nach.

Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von Pr√§ventionsma√ünahmen zu √ľberpr√ľfen und effiziente Programme langfristig an bundesweit allen Schulen zu etablieren. Sie lief unter der Federf√ľhrung des Karolinska-Instituts in Stockholm gleichzeitig in neun anderen EU-Staaten sowie Israel.

‚ÄěEs gibt ein hohes Ma√ü an gef√§hrdeten Jugendlichen, doch viele von ihnen kommen nicht bei den Therapeuten an”, erkl√§rt Studienleiter R. Brunner. ‚ÄěBei psychischen Problemen gibt es eine immer noch ausgepr√§gte Stigmatisierung.” Viele Jugendliche haben Angst, von ihren Mitsch√ľlern ausgelacht zu werden. ‚ÄěWir waren im Vorfeld mehrfach in den Klassen, um Aufkl√§rung zu betreiben”, sagt Studienkoordinator M. Kaess, ‚Äěetwa dar√ľber, dass die vertrauliche Kommunikation mit den Sch√ľlern und ihre Anonymit√§t gew√§hrleistet sind.” Rund 70 Prozent entschlossen sich daraufhin zur Teilnahme.

√úber 1.400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren waren an der Studie beteiligt. Sie kamen von 26 Gymnasien, Real- Hauptschulen des Rhein-Neckar-Kreises und Heidelberg. Zun√§chst beantworteten die Acht- und Neuntkl√§ssler bei der Eingangsuntersuchung im Januar 2010 einen Fragebogen, der unter anderem die Themenbereiche Suizidgef√§hrdung, Selbstverletzung, Angst, Depression, Delinquenz, gest√∂rtes Essverhalten, exzessiver Medienkonsum, Schulschw√§nzen und Mobbing abhandelte. Je eines von vier Pr√§ventionsprogrammen wurde den Schulen per Zufall zugeteilt. Beim sogenannten Professional Screening erhielten √ľber 60 Prozent der Sch√ľler aufgrund ihrer Antworten eine Einladung zu einem Interview. Bei 30 Prozent derer, die zum Termin erschienen waren, stellten die Psychiater einen Behandlungsbedarf fest.

In einem der anderen drei Pr√§ventionsprogramme nahmen etwa 100 Lehrer an einem Training teil, dass sie in die Lage versetzte, betroffene Jugendliche zu erkennen und mit ihnen umzugehen (‚ÄěGatekeeper-Training”). 450 Sch√ľler wurden im Rahmen von f√ľnf Unterrichtsstunden √ľber riskante und selbstsch√§digende Verhaltensweisen sowie den Umgang damit aufgekl√§rt (‚ÄěAwareness Training”). An anderen Schulen wurden den Klassenr√§umen Informationsplakate aufgeh√§ngt und den Jugendlichen Visitenkarten mit den Kontaktinformationen der Universit√§tsklinik f√ľr Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgeh√§ndigt (‚ÄěMinimal Intervention”).

Bei etwa 25 Prozent der Sch√ľler sank die Suizidgef√§hrdung im Laufe der Folgeuntersuchungen. Besonders bei den M√§dchen verringerten sich die psychischen Probleme. ‚ÄěEine genaue Analyse der unterschiedlichen Gruppen und Wirkfaktoren steht noch aus”, betont Brunner. ‚ÄěDiese ersten Ergebnisse stellen ausschlie√ülich Tendenzen bezogen auf die Heidelberger Gesamtstichprobe dar. Es fehlen allerdings noch genaue Analysen im Vergleich mit anderen EU-Staaten, die sicher noch weitere Erkenntnisse bringen werden.”

(Quelle: http://www.seyle.eu , Der Standard v 20.01.2011; Photo:Matthias Cremer)

Sep 26

Die Jugendjahre sind in vielerlei Hinsicht eine kritische und schwierige Periode der Entwicklung – und zwar sowohl f√ľr die Teenager selbst, als auch ihre Eltern. Jugendliche m√ľssen w√§hrend dieser Zeit mit einer Vielzahl k√∂rperlicher und psychischer Ver√§nderungen fertig werden. Als Eltern und Bekannte ist es wichtig, diese Ver√§nderungen richtig einzusch√§tzen und zu verstehen, wie und warum sich Jugendliche ver√§ndern, welche Herausforderungen sie gerade zu meistern haben, und wie die Familie sie dabei unterst√ľtzen kann, k√∂rperlich und psychisch so gesund wie m√∂glich zu bleiben. Mit Jugendlichen √ľber psychische Probleme zu sprechen, ist h√§ufig schwierig – doch es ist der beste Weg, √ľberhaupt erst ein Gef√ľhl daf√ľr zu bekommen, was sie gerade durchmachen und ob sie dabei unsere Hilfe ben√∂tigen. Meiner Erfahrung nach ist es f√ľr viele Teenager einfacher, sich gegen√ľber Verwandten, professionellen Beratern oder anderen Personen au√üerhalb der Familie zu √∂ffnen.

Ein Teenager zu sein, ist schwer: man m√∂chte von anderen gemocht werden, muss in der Schule Erfolg haben, mit der Familie klarkommen, und wichtige Entscheidungen m√ľssen getroffen werden. Die meisten dieser Herausforderungen k√∂nnen weder vermieden noch aufgeschoben werden: deshalb ist es vollkommen normal, dass Jugendliche manchmal verzweifelt sind. St√§ndig traurig oder hoffnungslos zu sein oder sich wertlos zu f√ľhlen, kann aber auch ein Warnsignal f√ľr ernsthaftere psychische Probleme sein, die Unterst√ľtzung ben√∂tigen. Derartige Probleme sind dann nicht einfach beiseite zu schieben, und belasten stark. Wenn Du selbst ein Teenager bist, suche Dir Hilfe, wenn Du die oben beschriebenen Symptome oder eines der folgenden an Dir beobachtest:

  • ich f√ľhle h√§ufig starken √Ąrger, Angst oder gro√üe Sorgen
  • ich kann nach einem Todes- oder Trauerfall nicht aufh√∂ren, zu trauern
  • manchmal habe ich das Gef√ľhl, meine Gedanken w√ľrden kontrolliert oder ich verliere die Kontrolle √ľber mich
  • ich kommuniziere mit anderen vor allem √ľber das Internet
  • ich verbringe t√§glich mehr als 4 Stunden mit Online-Spielen
  • ich bin mitunter betrunken oder verwende regelm√§√üig andere Drogen
  • ich mache mir h√§ufig Sorgen √ľber Krankheiten oder mein Aussehen
  • ich trainiere extrem viel oder habe ein ungew√∂hnliches Essverhalten
  • ich f√ľge anderen Menschen gelegentlich bewusst Schaden zu
  • ich bin waghalsig und riskiere dabei Schaden f√ľr mich oder andere
  • ich f√ľhle mich anderen gegen√ľber sch√ľchtern und unsicher
  • ich habe Probleme in der Schule, wei√ü aber keinen Ausweg

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psychcentral.com)

Jul 13

Eine Studie, die k√ľrzlich im ‚ÄěAmerican Journal of Epidemiology‚Äú publiziert wurde, zeigt ein gesteigertes Depressions-Risiko f√ľr unter 17j√§hrige Cannabis-Konsumenten. Ob die Droge per se daf√ľr verantwortlich ist, bleibt derzeit noch ungekl√§rt.

Dr. R. de Graaf und Kollegen analysierten am Netherlands Institute of Mental Health and Addiction in Utrecht Daten von 85.088 Personen aus 17 L√§ndern, die an der World Health Organisation Word Mental Health Survey Initiative (2001-2005) teilnahmen. Die Assoziation zwischen fr√ľhem Cannabis-Konsum und sp√§terem Risiko depressiver Phasen wurde mittels logistischer Regressionsanalysen und nach entsprechender Adjustierung auf Geschlecht, Alter, Tabak-Konsum und diverse mentale Erkrankungen durchgef√ľhrt.

Hierbei zeigte sich, dass Cannabis-Konsum bei unter 17j√§hrigen mit einer 50%igen Steigerung des Risikos depressiver Phasen assoziiert war (kontrolliert auf Alter und Geschlecht, RR=1,5 [95% CI 1,4-1,7]). Die Assoziation ver√§nderte sich nach Adjustierung auf mentale Erkrankungen unerheblich ‚Äď ausgenommen f√ľr kindliche Verhaltensst√∂rungen, die die Assoziation zu einer nicht-Signifikanz reduzierte.

Die Wissenschafter merken abschlie√üend an, dass dieser Studientyp Cannabis per se nicht als Depressions-Ausl√∂ser bei Kindern und Jugendlichen identifizieren kann. Weitere diesbez√ľgliche Studien, die auch auf m√∂gliche latente Depressionen oder mentale Erkrankungen, die zum Cannabis-Konsum f√ľhren k√∂nnten, fokussieren, sind von N√∂ten. Andere Studien jedoch zeigten, dass Cannabis-Konsumenten offenbar generell ein deutlich erh√∂htes Risiko f√ľr psychische St√∂rungen haben als Nicht-Konsumenten.

(Quelle: “Early Cannabis Use and Estimated Risk of Later Onset of Depression Spells: Epidemiologic Evidence From the Population-based World Health Organization World Mental Health Survey Initiative“, Am J Epidemiol. 2010 Jul 15;172(2):149-59. Epub 2010 Jun 9; Image src:zamnesia)

Jun 03

Kinder und Jugendliche waren gemäß einer Studie der US Pharmaproduktions- und Gesundheitsmanagement-Firmengruppe MedCo Health Solutions die in den USA am stärksten wachsende Medikamenten-Konsumentengruppe Рsie nahmen 4x so viel verschreibungspflichtige Arzneimittel wie der Rest der Bevölkerung ein. Jedes 4. Kind unter 10 Jahren erhielt Mittel gegen chronische Beschwerden, und bei den 10-19 Jährigen stieg dieser Anteil sogar auf 30 %.

Zwei Medikamentengruppen verzeichneten w√§hrend der letzten Jahre den gr√∂√üten Anstieg – Medikamente, die man normalerweise eigentlich nicht mit Heranwachsenden in Verbindung bringt: Antidiabetika und Neuroleptika (Antipsychotika). So stieg seit 2001 die Anzahl der 10-19 j√§hrigen Jugendlichen, die cholesterinsenkende Arzneimittel einnahmen, um unglaubliche 50%. Die Gruppe der Neuroleptika wird aber in den USA keineswegs nur gegen Psychosen wie z.B. Schizophrenie, sondern zunehmend auch bei Angstzust√§nden und Depressionen eingesetzt. Der Gebrauch dieser Arzneimittel-Gruppe hat sich in den USA seit 2001 deshalb verdoppelt, w√§hrend der von Antidepressiva seit 2004 um √ľber 20% abnahm – etwa zur gleichen Zeit hatte die Arzneimittelbeh√∂rde FDA eine Warnung ver√∂ffentlicht, dass einige Antidepressiva Selbstmordgedanken bei Jugendlichen verst√§rken k√∂nnen. Seither setzen die behandelnden √Ąrzte eher Neuroleptika ein. Doch ironischerweise vergr√∂√üert der Konsum dieser Neuroleptika wiederum die Chance auf das Entstehen einer Typ 2 Diabetes.

Auch die oft kritisierte Vergabe von Medikamenten gegen ADHS ist weiterhin im Anstieg begriffen (2009: 9,1%) und hat sich – wohl aufgrund der Sensibilisierung bez√ľglich des vielpublizierten “ADHS bei Erwachsenen” – auf die Gruppe der 20-34 J√§hrigen ausgeweitet. Dort stiegen die Verschreibungszahlen um √ľber 21% an.

Medco analysierte f√ľr den Report seine 200 Top-Kunden, die √ľber 40 Millionen Menschen repr√§sentieren. Die Firma sieht eine bl√ľhende Zukunft f√ľr Pharma-Hersteller: bis 2012 sollen die Ausgaben f√ľr Arzneimittel um weitere 18% steigen.

Kommentar R.L.Fellner:
Der schon in einer US-Studie vom November letzten Jahres festgestellte Trend in der Sozial- und Gesundheitspolitik wird damit ein weiteres Mal best√§tigt: er f√ľhrt offenbar weg von Ans√§tzen, die Ursachen psychischer, sozialer und k√∂rperlicher Probleme und Erkrankungen mit all den uns heute zur Verf√ľgung stehenden wirksamen Methoden (‘ganzheitlich’) zu behandeln und ihnen damit letztlich -hoffentlich- dauerhaft Herr zu werden, sondern der Mensch soll prim√§r mit einer auf ihn abgestimmten Palette von parmakologischen Produkten versorgt werden, deren diverse Nebenwirkungen dann im (f√ľr den Betroffenen..) ung√ľnstigsten Fall wiederum weitere Arzneimittel n√∂tig machen. Und wer sich von Kindern und Jugendlichen heute zu sehr herausgefordert oder provoziert f√ľhlt, findet entweder einen Arzt, der nach ein paar Minuten Konsultation ADS / AHDS diagnostiziert und dazu auch gleich das passende Rezept ausstellt, oder eine Beh√∂rde, die (t√§gliche Realit√§t im heutigen England) eine sog. “ASBO” verfasst – mit den damit verbundenen “sozialen” Anpassungsma√ünahmen. Die vielgepriesene “freie Gesellschaft” des Westens scheint zu immer gr√∂√üeren Teilen in ein potemkinsches Dorf – abgelenkt durch glitzernde Konsumprodukte und “mind- & behavior- optimiert” durch immer neue Produkte der Pharmaindustrie – umgesiedelt zu werden.

(Quelle: Kids’ Consumption of Chronic Medications on the Rise (May 19, 2010), tp; Image src:healthpsych.psy.vanderbilt.edu)

Apr 03

Interessante Zusammenh√§nge zwischen Selbstwertgef√ľhl und spezifischen Faktoren der individuellen Lebenssituation ermittelte eine k√ľrzlich abgeschlossene Studie der American Psychological Association (APA) an ca. 4000 zwischen 25 und 104 Jahre alten US-AmerikanerInnen, die zwischen 1986 und 2002 wiederholt befragt wurden.

Demnach ist die Selbstsicherheit unter Jugendlichen am niedrigsten (vermutlich, da w√§hrend den j√ľngeren Lebensjahren die Pers√∂nlichkeit noch instabiler ist als bei Erwachsenen – man ist sich gewisserma√üen ‘seiner selbst noch nicht ganz sicher’), steigt dann aber im Lebensverlauf an und erreicht ihren H√∂hepunkt um die 60 Jahre. Danach f√ľhren dann vermutlich der Ruhestand und ein schlechter werdender Gesundheitszustand zu einem Abfall der Selbstsicherheit. Frauen waren generell unsicherer als M√§nner, hier wurde erst in einem Altersbereich zwischen 80 und 90 Jahren ein ungef√§hrer Gleichstand erreicht.

Menschen in einer gl√ľcklichen Liebesbeziehung, solche mit besserer Ausbildung, h√∂herem Einkommen, besserer Gesundheit und solche, die arbeiteten, verf√ľgten ebenfalls √ľber h√∂here Grade von Selbstsicherheit, speziell im Verlauf des √Ąlter-werdens (mit der Ausnahme des Beziehungsstatus, ab ca. 60 Jahren war ein gl√ľckliches Beziehungsleben nicht mehr von signifikanter Relevanz f√ľr das Selbstwertgef√ľhl). Die ethnische Zugeh√∂rigkeit schien nicht relevant zu sein, erst in hohem Alter (ab ca. 80 Jahren) war das Selbstwertgef√ľhl bei Weissen h√∂her als bei Schwarzen. Im Zuge der Alterung zeigten sich dagegen der Gesundheitszustand sowie die Verm√∂genssituation als wesentlichste Koordinaten eines gut bleibenden Selbstwertgef√ľhls. Die Wissenschafter erkl√§rten diese Zusammenh√§nge mit der Vermutung, da√ü beide Faktoren ein gr√∂√üeres Gef√ľhl von Unabh√§ngigkeit, aber auch, f√ľr ihre Umwelt Sinnvolles tun zu k√∂nnen, erm√∂glichen.

Da das Selbstwertgef√ľhl seinerseits ein wichtiger Faktor f√ľr einen besseren Gesundheitszustand, geringere Anf√§lligkeit f√ľr kriminelles Verhalten, geringere Depressionsanf√§lligkeit und generell mehr Lebenserfolg und -zufriedenheit darstellt, ist ein besseres Verst√§ndnis der unterschiedlichen Ursachen f√ľr Selbstwertgef√ľhl und Selbstsicherheit im Verlauf der Lebensspanne sehr wichtig.

(Quelle: Self-esteem development from young adulthood to old age: A cohort-sequential longitudinal study, APA online, 20100310; Photo src:erikbakke.com)

Dec 29

Eine sehr interessante Auflistung von Studien findet sich in einem Artikel [1] in Telepolis: in diesen wurde nachgewiesen, da√ü bestimmte psychologische Tendenzen oder pers√∂nliche Neigungen sich offenbar in den sozialen Netzen, in denen sie auftreten, im Laufe der Zeit verbreiten. Was in bestimmten F√§llen (Rauchentw√∂hnung, Spa√ü an bestimmten T√§tigkeiten, Lebenszufriedenheit und Gl√ľck) ein Segen sein kann, ist in anderen (Einsamkeit, E√üst√∂rungen, Kriminalit√§t, Depression) wohl ein Fluch… Erkl√§rbar ist diese Neigung wohl mit der enormen Wichtigkeit, die unser engeres soziales¬†Umfeld seit urgeschichtlichen Zeiten hatte. Einzelg√§nger hatten w√§hrend den Anf√§ngen der Menschheit keine Chance zu √ľberleben, jeder war gut beraten, sich mit dem eigenen “tribe” zu arrangieren und die eigenen sozialen Parameter mit jenen der anderen Gruppenmitglieder abzustimmen. Im Grunde ist dies auch heute noch wichtig – wenn es sich viele auch nicht eingestehen m√∂gen, wo doch der Individualismus (z.T. sogar auf Kosten anderer) das aktuelle gesellschaftliche Ideal in der westlichen Kultur darstellt. Die vorliegenden Studien zeigen, wie sehr wir de facto unbewu√üt mit unserem sozialen Umfeld verbunden sind und uns diesem anpassen.

In eine √§hnliche Kerbe schlagen auch zwei andere Artikel der Website: laut aktuellen Statistiken habe sich die H√§ufigkeit von St√∂rungen aus dem Autismus-Spektrum [2] (z.B. auch Asperger-Syndrom) und antisozialem Verhalten [3] w√§hrend der letzten Jahre signifikant erh√∂ht. Bereits 1% der 8-J√§hrigen (1 von 110 Kindern) soll autistisch sein, im Jahre 2007 war es noch 1 von 150 Kindern. Und in England, wo seit 1998 “antisoziales Verhalten” definiert und schlie√ülich die ber√ľchtigten “Anti-Social Behaviour Orders” (ASBO) erlassen wurden, ist mittlerweile angeblich jede Sekunde ein Brite “Opfer von antisozialem Verhalten”. Was nicht allzu verwunderlich ist, liest man in den entsprechenden Unterlagen, da√ü schon “teenagers hanging around on the streets” als antisozial einzustufen sind.
Der sprunghafte Zunahme derartiger Zahlen k√∂nnte ganz einfach darin liegen, dass √Ąrzte, P√§dadogen oder Richter Kinder h√§ufiger entsprechend einstufen:

“Wenn neue Normen und damit Normverletzungen von einer Gesellschaft eingef√ľhrt werden, w√§chst auch die Wahrnehmung daf√ľr. Wenn es sich um vermeintlich abweichendes Verhalten handelt, w√§chst die Angst, die zuvor m√∂glicherweise gar nicht vorhanden war. Ganz √§hnlich ist das mit neuen St√∂rungen und Krankheitsbildern. Pl√∂tzlich gibt es eine Welle an Autismus, Internetsucht oder Aufmerksamkeitsst√∂rungen. Und keiner wei√ü wirklich, ob es neue Krankheitsformen sind oder sich eben nur die Norm verschoben hat.”

Quellen: [1], [2], [3]. Bildquelle: german.cri.cn

Oct 20

In einer in der aktuellen Ausgabe des Lancet ver√∂ffentlichten Studie wurden erstmals die globalen Sterblichkeitsraten von jungen Menschen im Alter von 10 bis 24 Jahren erfasst. Die √ľberwiegende Mehrheit der Todesf√§lle in dieser Altersgruppe (97 Prozent) ereignet sich dieser zufolge in L√§ndern mit niedrigem bis mittlerem Einkommensstatus. Dar√ľber hinaus scheint die derzeitige Konzentration auf M√ľttersterblichkeit, HIV/AIDS und andere Infektionskrankheiten wie Tuberkulose in dieser Altersgruppe zwar wichtig, aber dennoch unzureichend, da weltweit 40 Prozent dieser Todesf√§lle durch Verletzungen und Gewaltanwendung verursacht werden.

Die Autoren zogen die Daten der ‘Global Burden of Disease’-Studie des Jahres 2004 sowie f√ľr den Weltgesundheitsbericht 2006 entwickelte Sch√§tzungen der Sterblichkeitsraten heran. Die Muster der Sterblichkeitsraten wurden anhand der WHO-Region, des Einkommensstatus und der Ursache je nach Altersgruppe untersucht.

Nahezu zwei Drittel der im Jahre 2004 verstorbenen Jugendlichen starben im s√ľdlich der Sahara gelegenen Afrika sowie in S√ľdostasien, obwohl diese Regionen nur 42 Prozent der Altersgruppe 10 bis 24 Jahre stellen. Industrienationen verzeichneten nur 3 Prozent der Todesf√§lle, obwohl sie 11 Prozent der entsprechenden Altersgruppe stellen. Die Sterblichkeitsraten lagen unter den jungen Erwachsenen h√∂her als bei den j√ľngeren Pubertierenden, die Ursachen hierf√ľr variierten jedoch je nach Region und Geschlecht. Verkehrsunf√§lle waren bei beiden Geschlechtern (kombiniert 10%) die h√§ufigste Todesursache, mit 14% bei den M√§nnern und 5% bei den Frauen. Andere hervorstechende Ursachen umfassten Gewalt (12% der m√§nnlichen Toten) und Selbstt√∂tungen (6% aller Todesf√§lle).

Die Autoren bemerken: “Die Sterblichkeitsraten in den L√§ndern mit niedrigem bis mittlerem Einkommensstatus lagen nahezu um das Vierfache h√∂her als jene in den Industrienationen, ein insbesondere unter jungen Frauen hervorstechender Unterschied.”

(Quellen: MedAustria, Lancet 2009, 374: 881-892. Photo:Reuters)

Jul 30

Wurden Menschen als Kinder gemobbt, haben sie in der fr√ľhen Jugend doppelt so h√§ufig mit psychotischen Symptomen zu k√§mpfen als diejenigen, die nicht gemobbt wurden. Das Risiko steigt dabei mit der Dauer und der Schwere des Mobbings, wie eine Langzeitstudie mit 6.437 Kindern an der Warwick Medical School in Coventry, England, ergab.

Sowohl Kinder als auch Erwachsene h√§tten “h√§ufig” psychoseartige Symptome oder Erlebnisse (z.B. visuelle oder auditive Halluzinationen bzw. Dissoziationen, die Wahnvorstellung, bespitzelt zu werden oder die √úberzeugung, ihre Gedanken an andere √ľbertragen zu k√∂nnen), ohne eine ausgewachsene psychische Erkrankung zu haben. Kleine Kinder, die diese Symptome h√§tten, erkrankten mit h√∂herer Wahrscheinlichkeit als junge Erwachsene an Schizophrenie und √§hnlichen psychischen St√∂rungen, erg√§nzen die Forscher, w√§hrend Traumata in der Kindheit ebenfalls mit dem Psychoserisiko im Erwachsenenalter in Zusammenhang gebracht worden seien.

Fast 14 Prozent der Kinder hatten definitive oder vermutliche psychotische Symptome, auch wenn dies Symptome einschloss, die auftraten, wenn die Kinder einschliefen oder aufwachten, Fieber hatten oder unter dem Einfluss von Medikamenten standen; 11,5 Prozent zeigten intermedi√§re Symptome, das hei√üt sie hatten mindestens ein vermutliches oder definitives Symptom, das nicht im Zusammenhang mit Schlaf, Fieber oder Medikamenten auftrat; 5,6 Prozent hatten mindestens ein definitives Psychosesymptom. 46 Prozent dieser Kinder gaben an, im Alter von acht oder zehn Jahren schon einmal von Kameraden gemobbt worden zu sein – entweder durch direktes Mobbing oder durch “relationale” Viktimisierung, zum Beispiel ausgeschlossen zu werden -, w√§hrend 54 Prozent zu keinem der beiden Zeitpunkte viktimisiert worden waren. Kinder, die angaben, in einer der beiden Altersstufen gemobbt worden zu sein, hatten etwa mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit psychotische Symptome – unabh√§ngig von anderen psychischen Problemen, der Familiensituation oder dem IQ.

Wenn Kinder in beiden Altersstufen gemobbt wurden oder das Mobbing sehr schwerwiegend war (d.h., sowohl offen als auch relational), dann war ihr Risiko f√ľr psychotische Symptome um das 4,6-fache erh√∂ht. Auch wenn Kinder, die gemobbt werden, oft weniger durchsetzungsf√§hig und leichter mitgenommen seien als ihre Kameraden, welche nicht viktimisiert werden, schreiben die Forscher, deute die Tatsache, dass die Ergebnisse eine “Dosis-Response-Beziehung” zwischen Mobbing und psychotischen Symptomen zeigten, darauf hin, dass das Mobbing tats√§chlich dazu beitrage, psychotische Symptome bei diesen Kindern zu verursachen – und nicht umgekehrt.

Um psychische Erkrankungen und Psychosen fr√ľhzeitig entgegenzuwirken, w√§re es daher ein lohnendes Ziel f√ľr die √∂ffentliche F√ľrsorge, die Viktimisierung durch Kameraden und den daraus resultierenden Stress f√ľr die Opfer zu reduzieren.

(Quellen: Reuter’s Health Jul 2009,¬† Archives of General Psychiatry; 2009, 66: 527-536, MedAustria. Photo Credit: Words Hurt/Concerned Children Adv.)

Dec 10

Zumindest in den USA werden Kindern immer mehr Medikamente verschrieben: die h√§ufigsten Gr√ľnde daf√ľr seien Asthma, Diabetes und ADS/ADHS, wie eine Studie der St. Louis-University, welche in der November-Ausgabe der Zeitschrift Pediatrics ver√∂ffentlicht wurde, herausfand. Dieses in Teilbereichen regelrecht dramatische Anwachsen einschl√§giger Verscheibungen f√ľhren die Studien-Autoren auf die starke Zunahme von Adipositas in den USA zur√ľck – bei Adipositas besteht, wie zahlreiche Studien zeigen, offensichtlich ein starker Zusammenhang mit¬† Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Depression und Asthma.

Ob diese Schlu√üfolgerung allerdings als alleinige Erkl√§rung gerechtfertigt ist? √úber die Zunahme von Adipositas in so gut wie allen Industriel√§ndern (u.a. aufgrund ver√§nderter Ern√§hrungsgewohnheiten, anderer Zusammensetzung der Grundnahrungsmittel und auch verschiedenster psychischer Ursachen) besteht ja grunds√§tzlich kein Zweifel, eine Verdopplung der Einnahme spezifischer Arzneimittel innerhalb von nur 4 (!) Jahren allerdings (so geschehen mit 2 Medikamenten zur Behandlung von Typ2-Diabetes) steht trotz einer angeblichen Zunahme der Diagnose von 166% (M√§dchen von 10-14 J.) bzw. 135% (M√§dchen von 15-19 J.) in keiner Relation. Immerhin f√ľhren die Studienautoren an, da√ü auch die reine Verschreibung etwa spezifischer Medikamente gegen Asthma um 46,5%, und jene gegen ADHD um 40% zugenommen h√§tte. Der Verdacht liegt nahe, da√ü einfach nur rascher zu Medikamentenverschreibungen gegriffen wird, statt auf nachhaltige (wenn auch anstrengendere) Therapieformen wie Di√§ten, Bewegung oder Psychotherapie zu setzen. Tats√§chlich beobachtet Dr. Artman, Leiter der p√§diatrischen Abteilung der Universit√§t Iowa, einen Trend, da√ü privat versicherte PatientInnen h√§ufig die bessere und nachhaltigere Versorgung erhalten, KassenpatientInnen oder Unversicherte aber bevorzugt Medikamente verschrieben erhalten. Einen Faktor, den er nicht erw√§hnt, sind die gro√üz√ľgigen Ausgaben der Pharmaindustrie, um ihre Produkte an die PatientInnen zu bringen, wozu¬† √Ąrzte mit immateriellen ebenso wie materiellen Zuwendungen von diesen gerne ermuntert werden.

Update 25.01.2009: in √Ėsterreich geht der Trend in dieselbe Richtung. In einem Interview mit der Tageszeitung ‘Der Standard’ v. 21.1.09 sagte Erich Laminger (seit 2005 Vorstandschef des Hauptverbands der Sozialversicherungstr√§ger): “Erschreckend ist besonders der Anstieg bei den Psychopharmaka. √úber alle Altersgruppen hatten wir in den letzten drei Jahren einen Anstieg von fast 30 Prozent. Besonders hervorstechend sind aber die Gruppen der F√ľnf- bis Neunj√§hrigen und der Zehn- bis 14-J√§hrigen, wo der Anstieg bei 50 Prozent liegt. (..) Da muss sich die Gesellschaft fragen: Was ist da los?”

Quelle: US National Library Of Medicine, 11/2008
Link-Tipp: Das Pharma-Kartell (ZDF-Dokumentation 12/2008)
Buch-Tipp: Hans Weiss, “Korrupte Medizin“, 2008
Lesetipps zum Thema “Essst√∂rungen”

Nov 28

Wer w√§hrend der letzten Wochen die diversen Pressemeldungen verfolgte, konnte ein bemerkenswertes Bild √ľber unseren gesellschaftlichen Zugang zu den “Umtrieben” heutiger Kinder und Jugendlicher bekommen: da wurde von einem ober√∂sterreichischen Schuldirektor den Sch√ľlerInnen etwa das √∂ffentliche K√ľssen untersagt (nach vehementen √∂ffentlichen Protesten ist das Verbot mittlerweile wieder aufgehoben), angeblich werden Jugendliche immer d√ľmmer (Computer und Fernsehen seien schuld), wir erinnern uns an die Debatte um bauchfreie T-Shirts vor 2 Jahren, seit vielen Jahren deuten einschl√§gige Studien in England aber vor allem auch auf steigende Angst der √Ėffentlichkeit vor Kindern und Jugendlichen hin: mehr Respekt wird da gefordert, und die Kategorie des “antisozialen Verhaltens” wurde geschaffen, um Jugendliche entsprechend mit ASBO’s (Anti-Social Behavior Orders) und einschl√§gigen Medikamenten zu disziplinieren. Mittlerweile bilden sich bereits Gruppierungen, die gegen diesen Trend zu mobilisieren versuchen, denn √úberwachen und Strafen l√∂sen – wie auch in anderen Lebensbereichen – die zugrundeliegenden Probleme nicht.

Alarmierend ist die Verst√§ndnislosigkeit und K√§lte, mit der der jungen Generation (wie man so sch√∂n sagt: unseren [hoffentlich!] “Pensionszahlern von morgen”) begegnet wird. Politik wird in erster Linie f√ľr die Erwachsenen und Pensionisten gemacht, an der Jugend besteht kaum ein anderes Interesse, als dass diese zu “funktionieren”, sich in das gesellschaftliche Gef√ľge einzuordnen habe. Das Bestehende wird verwaltet, Zukunftsdenken oder gar Visionen sind eher die Ausnahme als die Regel. Da ist es dann kein Wunder, wenn Klassengr√∂√üen trotz steigender sozialer Probleme und zunehmendem Integrationsbedarf immer gr√∂√üer werden und Lehrer immer mehr Erziehungsaufgaben zu √ľbernehmen haben, gleichzeitig aber ihre Fortbildungsbudgets, sowie jene f√ľr Beratungsstellen und Psychotherapie schon seit Jahrzehnten ausged√ľnnt werden. Auch Eltern schaffen kaum den Spagat, ihre Karriereziele mit den Bed√ľrfnissen ihrer Kinder nach Zuwendung zu vereinbaren.

Wie das Schicksal so spielt: w√§hrend ich diese Zeilen schrieb, wurde eine Pressemitteilung der √∂sterr. Bildungsministerin Claudia Schmied ver√∂ffentlicht: nach einem heute stattgefundenen “Bildungs-Gipfel”, an dem 600 Experten von Schulaufsicht und Schulpartnern bis zu Polizei, Schulpsychologen und NGO’s teilnahmen, soll ein F√ľnf-Punkte-Programm f√ľr das Thema Gewalt an Schulen sensibilisieren und diese zu verhindern helfen. “Die Lehrer k√∂nnen soziale Probleme nicht alleine l√∂sen”, so die Bildungsministerin.
Wichtigstes Ergebnis des Gipfels: im kommenden Jahr soll es um 20 Prozent mehr Schulpsychologen an √Ėsterreichs Schulen geben (derzeit kommen z.T. auf 5-10 Schulen 1 SchulpsychologIn, und das Engagement externer BeraterInnen wie im Projekt “SchulePlus” des Wiener GRG3 oder von “Schule mit Biss” bleibt fast ausschlie√ülich Elternvereinen und engagierten Direktionen vorbehalten), und es wird einschl√§gige Schwerpunkte in der LehrerInnenausbildung geben. Gewaltt√§tige Sch√ľler, sogenannte ‘Bullies’ verursachen langfristig hohe Kosten f√ľr den Staat: addiert man Ma√ünahmen wie Pflege, Heimbetreuung, Gerichtsverfahren und Strafvollzug, kostet ein Bully den Staat √ľber eine Million Euro. Die L√∂sung laut dem Psychologen Friedrich L√∂sel: “Kinder aus Risikofamilien sollten von der Geburt an betreut werden.”

Scheint, als w√§re √Ėsterreich doch “anders” und als g√§be es begr√ľndete Hoffnung, dass das Steuer gerade noch herumgerissen werden kann. Sofern die Ma√ünahmen tats√§chlich im Parlament bewilligt und dann auch konsequent umgesetzt werden jedenfalls.

Blog-Begriffswolke:
ÔĽŅ10.06.18