Dec 08

Bild: Wikimedia Commons LicenseJugendliche, die misshandelt oder vernachl√§ssigt wurden, haben weniger graue Substanz (das sind jene Gebiete des Zentralnervensystems, die vorwiegend aus Nervenzellk√∂rpern bestehen) in bestimmten Bereichen des Gehirns als junge Menschen, die diese Erfahrungen nicht machen mu√üten, wie eine Studie der Yale School of Medicine zeigt. Das Ausma√ü des ‘Schadens’ richtet sich u.a. auch danach, ob es sich um Jungen oder M√§dchen handelt, ob Mi√übrauch oder Vernachl√§ssigung vorlag und ob die Erfahrungen k√∂rperlicher oder emotionaler Natur waren. Die Ergebnisse (p=42) wurden in der Dezember-Ausgabe der Archives of Pediatric Adolescent Medicine ver√∂ffentlicht.

Die Ver√§nderungen konnten bei allen Adoleszenten beobachtet werden, obwohl sie an keinen diagnostizierbaren psychiatrischen St√∂rungen litten. “Wir haben es mit Jugendlichen zu tun, die keine diagnostizierbare Krankheit haben, bei denen sich aber immer noch physische Beweise f√ľr Misshandlungen zeigen”, sagte der leitende Autor der Studie H. Blumberg, Associate Professor in der Abteilung f√ľr Psychiatrie und Diagnostische Radiologie. “Dies k√∂nnte helfen, Schwierigkeiten mit schulischen Leistungen zu erkl√§ren oder eine Steigerung ihrer Anf√§lligkeit f√ľr Depressionen und Verhaltensst√∂rungen.”

In präfrontalen Bereichen zeigte sich die Verringerung der grauen Substanz, egal ob der Jugendliche körperlich misshandelt oder emotional vernachlässigt worden war. In anderen Bereichen des Gehirns hing die Reduktion von der Art der Misshandlungserfahrungen ab. So wurde zum Beispiel emotionale Vernachlässigung mit einer Abnahme der Bereiche, die unsere Emotionen regulieren, verbunden.

Die Forscher stellten auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Weise, in der die graue Substanz abnahm, fest. Bei Jungen zeigte sich eher eine Reduktion in Bereichen des Gehirns, die mit der Impulskontrolle oder Drogenmissbrauch assoziiert sind. Bei Mädchen schien sich die Reduktion auf Bereiche des Gehirns zu konzentrieren, die mit Depression in Verbindung gebracht werden.

Blumberg betonte, dasss diese bei Jugendlichen gefundenen Defizite, nicht von Dauer sein m√ľssen.

“Wir haben festgestellt, dass insbesondere das Gehirn von Jugendlichen ein hohes Ma√ü an Plastizit√§t aufweist” (Neuroplastizit√§t, Anmerkung R.L.Fellner), sagte sie. “Das kann bedeutend sein, um Wege zu finden, Folgen von Misshandlungen zu verhindern und den Jugendlichen, die diese Erfahrung machen mu√üten, effizient zu helfen.”

Mehr zu diesen Themen:
Neuroplastizität
Missbrauch

(Quellen: YaleNews; E. E. Edmiston, F. Wang, C. M. Mazure, J. Guiney, R. Sinha, L. C. Mayes, H. P. Blumberg. Corticostriatal-Limbic Gray Matter Morphology in Adolescents With Self-reported Exposure to Childhood Maltreatment. Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine, 2011; 165 (12): 1069 DOI: 10.1001/archpediatrics.2011.565)

Nov 06

Hatten Sie k√ľrzlich mit jemandem Kontakt, der v√∂llig die Kontrolle √ľber sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensst√∂rungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich f√ľr problematisch, denn denn wer d√ľrfte sich schon anma√üen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivit√§t, Bullying, L√ľgen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegen√ľber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck dar√ľber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderj√§hrigen kommen meist aus problematischen Verh√§ltnissen, haben Mi√übrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gel√∂st, k√∂nnen sich bei ihnen Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Pers√∂nlichkeitsst√∂rung”, bipolare St√∂rungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko f√ľr eigene oder fremde k√∂rperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gef√§ngnisstrafen, Mord oder Suizid stark erh√∂hen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und h√§ufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zur√ľckschrecken. H√§ufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betr√ľgen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerst√∂ren. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen √§u√üerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewu√üt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, √§ngstlich und hoffnungslos f√ľhlen, was nicht selten zu Alkoholmi√übrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen f√ľhrt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erkl√§rt werden. Mediziner suchen nach rein k√∂rperlichen (z.B. genetischen) Erkl√§rungen, lassen dabei aber h√§ufig au√üer Acht, dass f√ľr viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil f√ľr emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen √ľberm√§√üig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Pers√∂nlichkeitsz√ľgen mangelt es zus√§tzlich an Empathie und Verst√§ndnis f√ľr die Situation der anderen, was die Hemmung f√ľr Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur w√ľrden diese Leute im Konfliktfall unf√§hig sein, sich in Ihre pers√∂nliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gespr√§chsebene zu kl√§ren, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zun√§chst auf Abstand zu gehen, um das Gegen√ľber emotional “abk√ľhlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Bef√ľrchtungen √ľber die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine gesch√§tzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder √ľbertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, ver√∂ffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten sp√§ter √§hnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am gr√∂√üten waren, wenn die M√ľtter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Stre√ükompensation – auch hier fand man h√∂here Belastungen der Kinder, deren M√ľtter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die st√§rksten Symptome bei den Kindern, deren M√ľtter diese w√§hrend dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies m√∂glich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, ver√∂ffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualit√§t der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Spr√∂√ülinge im Erwachsenenalter beeinflu√üt. Rattenjungen, die von ihrer M√ľtter w√§hrend der ersten Woche des Lebens regelm√§√üig umsorgt und geleckt wurden, konnten im sp√§teren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst w√§ren nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des K√∂rpers auf Stress ver√§ndern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Molek√ľle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Ma√ü an Pflege und lecken erhielten, zeigten h√∂here Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivit√§t des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig beh√ľteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die F√§higkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den M√ľttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivit√§t. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivit√§t dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivit√§t bei dieser St√∂rung erkl√§ren k√∂nnte. √Ąhnliche Effekte wurden seither auch bei Mi√übrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Ver√§nderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen f√ľr die Stre√übew√§ltigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen √ľbertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren k√∂nnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erkl√§ren, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen √Ąnderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die f√ľr Lernen und Ged√§chtnis zust√§ndig ist. Epigenetische Marker k√∂nnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von M√§usen √ľbertragen werden k√∂nnen, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Geb√§rmutter von ihren M√ľttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben k√∂nnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

Mar 30

Und wieder ist es passiert: die Serie an aufgeflogenen F√§llen von P√§dophilie w√§hrend der letzten Wochen erschien wie ein Stich ins Wespennest, unweigerlich ertappte man sich bei der Frage: “..und was ist da alles noch nicht aufgedeckt?” Einzelne Theologen sehen sich veranla√üt, vor einer Gleichstellung von Z√∂libat mit P√§dophilie bzw. Ephebophilie zu warnen, w√§hrend andere zum Schrecken ihrer Kollegen einen direkten Zusammenhang zwischen beiden orten.

Einmal mehr scheint sich auch ein Konnex zwischen Berufen, in denen Erwachsene tagt√§glich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und sexuellen √úbergriffen auf diese zu zeigen. Wen das √ľberrascht oder schockiert, der mu√ü sich entgegenhalten lassen, da√ü wir seit Darwin, sp√§testens aber Freud eigentlich wissen sollten, da√ü wir Menschen – trotz eines enorm entwickelten Gro√ühirnes – immer noch sehr stark sexuell gesteuerte Wesen sind. Und auch wenn sich die Gendermedizin dem heute nicht mehr so generalisierend anschlie√üen w√ľrde: Abraham H. Maslow sah den Sexualtrieb neben Trinken, Essen und Schlafen als gleichrangig auf einer Stufe seiner “Bed√ľrfnispyramide” stehend, und auch zahlreiche Studien – etwa √ľber die Partnerwahl von Menschen – best√§tigen, da√ü uns sexuelle Antriebe in unserem allt√§glichen Tun wohl deutlich st√§rker steuern als sich dies viele von uns eingestehen m√∂gen. Ebenso, wie es Teil der (nicht immer nur charmanten) Realit√§t ist, da√ü an den allermeisten Arbeitspl√§tzen mitunter auch mal sexuelle Rituale und Signale ausgetauscht werden, mu√ü damit gerechnet werden, da√ü derartige Spannungsfelder zumindest gelegentlich auch in jenen Berufen existieren, in denen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Eine tragf√§hige und vor allem konstante bewu√üte Abgrenzung ist in diesen Berufen auch deshalb schwierig, da unser Unbewu√ütes das letztendlich ja k√ľnstlich definierte “Schutzalter” (in den meisten L√§ndern liegt diese Grenze zwischen 14 und 18 Jahren) kaum verarbeiten kann: gerade in jenen L√§ndern, in denen es vergleichsweise sp√§t endet, wirken die laut Gesetz noch sch√ľtzenswerten Jugendlichen k√∂rperlich h√§ufig bereits “erwachsen”, zumeist agieren sie auch erwachsen, und nicht selten sind sie seit Jahren bereits auch sexuell aktiv – den “primitiven Es’s” der Umwelt wird sexuelle Reife signalisiert.
Wie ist aber mit der Problematik umzugehen, da√ü trotz dieser Umst√§nde Jugendliche und insbesondere Kinder vor sexueller Ausbeutung (hier beziehe ich mich auf das bewu√üte Ausnutzen der emotionalen Unreife von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene mit der Absicht, sexuelle Ziele zu erreichen), vor vorzeitiger sexueller Initiation (hier beziehe ich mich auf erste sexuelle Erfahrungen in einem Stadium der k√∂rperlichen und psychischen Reifung, in dem ein Sexualakt mit einer anderen Person¬† k√∂rperliche oder psychische Sch√§den nach sich ziehen kann) und nicht zuletzt vor einem k√∂rperlichen und emotionalen √úbergriff – der Verletzung der Schutzbed√ľrftigkeit und grunds√§tzlichster Elemente der Professionalit√§t in einem p√§dagogischen, √§rztlichen oder anderen vergleichbaren Umfeld mit “Machtgef√§lle” – gesch√ľtzt werden m√ľssten?

Ich bin davon √ľberzeugt, da√ü mit s√§mtlichen Ans√§tzen, in denen von Menschen verlangt wird, ihren Sexualtrieb zu negieren oder gar abzuschalten, dieser Konflikt nicht zu l√∂sen, und der Kampf gegen den Mi√übrauch im institutionellen Kontext nicht zu gewinnen ist. Unsere inneren Konflikte und die Versuchungen des Lebens lassen sich nicht l√∂sen, indem wir sie ausblenden oder negieren. Und die – zumindest gelegentlich – bei allen von uns aufkommenden Impulse k√∂rperlicher Lust lassen sich nicht besser kontrollieren, indem wir sie “wegdefinieren”: indem wir etwa sagen, da√ü “wir unsere Sexualit√§t Gott schenkten” , wenn das an die Oberfl√§che dringende sogleich wegzensiert wird oder wenn √ľber sexuelle Gedanken nicht einmal gesprochen werden kann, da dies sofort mit entr√ľsteten und funkelnden Blicken bestraft w√ľrde (etwas, das besonders h√§ufig im – von Frauen dominierten – p√§dagogischen Bereich beobachtbar ist).
Konsequenterweise prognostiziere ich auch, da√ü solange Institutionen existieren, in denen Sexualit√§t per definitionem nicht gelebt werden darf, sexuelle √úbergriffe auch weiterhin stattfinden werden – trotz aller, sicherlich gut gemeinter, Absichtsbekundungen der jeweiligen “Chefs”. Solange ein Z√∂libat existiert, werden sich die sexuellen Triebkr√§fte – Geister, die zumindest gelegentlich ihren Weg auch in das beste Kloster finden – unweigerlich auf jene richten, die greifbar sind und bei denen ein gewisses (alters- oder hierarchisch bedingtes) Machtgef√§lle die Hoffnung zul√§√üt, da√ü nichts davon je bekannt werden wird. Ganz unabh√§ngig von einem ebenfalls existierenden Kreis an Menschen, die sich ganz bewu√üt in Bereichen und Institutionen niederlassen, in denen Opfer verf√ľgbar sind. Und will man wirklich ehrlich sein, kann man auch die Anziehungskraft nicht verleugnen, welche Institutionen, in denen ein vor herk√∂mmlichen Anspr√ľchen an ein “gegl√ľcktes Leben” freier Raum existiert (wie etwa dem, eine sexuelle Beziehung zu einer erwachsenen Frau zu unterhalten) auf manche Menschen haben m√ľssen. Man kann davon ausgehen, da√ü religi√∂se Institutionen deshalb eine gewisse Sogwirkung auf homosexuelle M√§nner und Frauen aus√ľben, ebenso auf Menschen, die entweder eine eigene Mi√übrauchsvergangenheit haben und deshalb einst ein vor Sexualit√§t gesch√ľtztes Umfeld suchten, aber auch solche, die Mi√übrauchserfahrungen autorit√§rer Art machten und massive Selbstwertprobleme haben. Wer sich aber selbst als schwach erlebt oder tats√§chlich eine schwache Pers√∂nlichkeit ist, in dem w√§chst leicht der Wunsch, auch einmal der St√§rkere zu sein und dieses Gef√ľhl in einer Weise auszuleben, in der er existierende Machtgef√§lle ausn√ľtzt. Noch einmal: all dies sind gr√∂√ütenteils v√∂llig unbewu√üt ablaufende Prozesse und Emotionen, die gerade im Dunkel von Denkverboten und Tabus gut gedeihen.

Insofern scheint mir zus√§tzlich auch ein offenerer und weniger tabubestimmter Umgang mit Sexualit√§t in den Institutionen, ja in der Gesellschaft an sich notwendig. Auch erotische Gef√ľhle zwischen “Erwachsenen” und “Kindern” (die Anf√ľhrungszeichen sollen die Schwierigkeiten der Grenzziehung unterstreichen) m√ľssen sowohl in Berufen, in denen es “Helfer” und “Anvertraute” gibt, als auch in unserer Gesellschaft, artikulierbar werden. Es mu√ü dar√ľber gesprochen werden k√∂nnen, ohne, da√ü man sich “verd√§chtig” macht und einen die Berufslaufbahn gef√§hrdenden Schlag mit der moralischen Keule riskiert. Denn erst wenn Menschen √ľber ihre Gef√ľhle ohne Einschr√§nkung sprechen k√∂nnen und es keine der menschlichen Lebensrealit√§t widersprechenden Dogmen mehr gibt, ist es m√∂glich, sich √ľber potenziell destruktive Gedanken offen auszutauschen. Erst dann kann man das, was einem auf der Seele liegt, ans Tageslicht lassen, wird man es wagen, sich Hilfe und St√§rkung zu suchen. Ein Ja zum Menschen – das sich viele Religionen gerne auf die Fahne schreiben – das mu√ü auch das Ja zu seiner Sexualit√§t einschlie√üen!

(Lesetipp zu den K√§mpfen zwischen “√úber-Ich”, dem bewu√üten “Ich” und dem “Es”: Sigmund Freud, “Das Ich und das Es“; Photo: Shutterstock)

Oct 13

…so titelte zumindest der √∂sterreichische “Standard” in seiner Ausgabe vom 04.10.09. Diese Schlu√üfolgerung bezieht sich auf eine Studie der englischen Lucy Faithful Foundation (LFF), einer Kinderschutzorganisation, die sich mit Sexualt√§terinnen auseinandersetzt. Dieser zufolge ist etwa jede f√ľnfte der P√§dophilen in Gro√übritannien eine Frau. Auch Scotland-Yard-Mitarbeiter w√ľrden beobachten, dass der Anteil an weiblichen Sexualt√§tern zunimmt.

Steve Lowe, Leiter der gerichtlichen Beratungsstelle Phoenix, die wegen Kindesmissbrauchs verurteilte T√§ter behandelt, sagte im oben verlinkten Interview, die Anzahl an weiblichen P√§dophilen sei zu lange versteckt und sogar in den √∂ffentlichen Statistiken kaschiert worden: “F√ľr eine Gesellschaft ist es schwierig, Frauen als Sexualt√§ter anzuerkennen. Aber jene von uns, die mit P√§dophilen arbeiten, haben Belege daf√ľr gesehen, dass Frauen dazu f√§hig sind, furchtbare Verbrechen an Kindern zu begehen – so schlimme wie M√§nner.”

Literaturempfehlungen:
Von der Mutter mißbraucht von Alexander M. Homes
Frauen als Täterinnen von Michelle Elliott
Siehe auch in der Literatur-Empfehlungsliste auf meiner Website.
Photo: kbbe.de

Dec 10

Ein neues Störungsbild in psychotherapeutischen Praxen

Seit einigen Jahren beobachtet der Wiener Psychotherapeut Richard L. Fellner die deutliche Zunahme einer speziellen Form von Zwangsgedanken in seiner Praxis: M√§nner suchen ihn in der gro√üen Sorge auf, p√§dophil zu sein. Unter Zwangsgedanken versteht man wiederkehrende Gedanken, die den Betroffenen in stereotyper Weise immer wieder besch√§ftigen. Obwohl die Gedanken ungewollt sind und h√§ufig als absto√üend empfunden werden, erkennen die Personen sie als ihre eigenen Gedanken an. Bei p√§dophilen Zwangsgedanken besteht die starke Angst, m√∂glicherweise p√§dophil zu sein. Die Betroffenen sind emotional meist schwer belastet – das Gef√ľhl, mit niemandem √ľber ihre Sorgen sprechen zu k√∂nnen, ist besonders schwer zu ertragen. ‚ÄěIch hatte letzte Woche bereits daran gedacht, mir das Leben zu nehmen ‚Äď ich k√∂nnte doch nie meiner Tochter etwas antun!‚Äú, erz√§hlte etwa ein mehrfacher Familienvater unter Tr√§nen. Der betreffende Mann jedoch war nicht p√§dophil, denn unter P√§dophilie wird eine tats√§chliche sexuelle Pr√§ferenz f√ľr Kinder, welche sich meist in der Vorpubert√§t oder in einem fr√ľhen Stadium der Pubert√§t befinden, verstanden. P√§dophile haben √ľber einen l√§ngeren Zeitraum sexuell erregende Phantasien, Bed√ľrfnisse oder Verhaltensweisen, die sich auf Kinder oder Fr√ľhpubert√§re beziehen. Bei unter der beschriebenen Form von Zwangsgedanken leidenden Personen jedoch findet sich in der Regel kein sexuelles Interesse an Minderj√§hrigen.

Fellner: ‚ÄěHeutzutage besteht ein breiter gesellschaftlicher Konsens dar√ľber, da√ü Kindesmi√übrauch eine der schlimmsten kriminellen Handlungen darstellt. Insofern stehen die von dieser Art von Zwangsgedanken Betroffenen unter enormem Druck, da sie mit heftiger Entr√ľstung rechnen und eine Aussto√üung aus ihrer sozialen Umgebung bef√ľrchten.‚Äú Der Wiener Psychotherapeut erkl√§rt die starke Zunahme des St√∂rungsbildes mit der verst√§rkten medialen Aufmerksamkeit, die das Thema P√§dophilie w√§hrend der letzten Jahre erhielt, der versch√§rften Gesetzgebung speziell im Bereich der Kinderpornografie, sowie sexueller Tabuisierung. ‚ÄěZwangsgedanken haben unbehandelt eine starke Tendenz, sich zu verst√§rken. Betroffene, die glauben, an einer einschl√§gigen St√∂rung zu leiden, sollten die Symptomatik deshalb fr√ľhzeitig fachlich von einem mit Zwangsst√∂rungen erfahrenen Psychotherapeuten, Psychologen oder Sexualtherapeuten abkl√§ren lassen‚Äú, so Fellner. (Presse-Ver√∂ffentlichung, 10.12.2008. Photo: Spectral/canstockphoto.com)

Hinweis: Weiterf√ľhrender Informations-Artikel verf√ľgbar!
Die Angst, pädophil zu sein РEine Sonderform der Zwangsstörung.

ÔĽŅ25.06.19