Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und gr√∂√üeren Schw√§chen st√§rker ver√§nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizit√§t” oder “neuronalen Plastizit√§t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh√§ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver√§ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizit√§t oder kortikaler Plastizit√§t. Die Grundlagen f√ľr diese Entdeckung der Anpassungsf√§higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universit√§t Z√ľrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Ver√§nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergr√∂√üern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests best√§tigen, dass schon die blo√üe Vorstellung Hirnreale vergr√∂√üern l√§sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa lie√ü Freiwillige ein simples Klavierst√ľck √ľben und untersuchte anschlie√üend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher f√ľr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergr√∂√üerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch st√§rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar st√§rker – unsere F√§higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierst√ľck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier ver√§nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tats√§chlich √úbenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings k√∂nnen also offenbar physiologische Ver√§nderungen des Gehirns durch Ver√§nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verbl√ľffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er f√§hig, realistische Bilder von Geb√§uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen √§hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und k√∂nnen zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. St√ľck f√ľr St√ľck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz pers√∂nlichen Ziele und Bed√ľrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erkl√§rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen St√∂rungen unterst√ľtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, k√∂nnen auch negative Gedanken gezielt √ľberwunden werden k√∂nnen. Werden jene Gedanken √ľberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann √ľber die Funktion der Neuroplastizit√§t eine physiologische √Ąnderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische M√∂nche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere B√ľcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf РTV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinfl√ľsse, aber auch Jonglieren ver√§ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: √ľber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu ver√§ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

Dec 08

Bild: Wikimedia Commons LicenseJugendliche, die misshandelt oder vernachl√§ssigt wurden, haben weniger graue Substanz (das sind jene Gebiete des Zentralnervensystems, die vorwiegend aus Nervenzellk√∂rpern bestehen) in bestimmten Bereichen des Gehirns als junge Menschen, die diese Erfahrungen nicht machen mu√üten, wie eine Studie der Yale School of Medicine zeigt. Das Ausma√ü des ‘Schadens’ richtet sich u.a. auch danach, ob es sich um Jungen oder M√§dchen handelt, ob Mi√übrauch oder Vernachl√§ssigung vorlag und ob die Erfahrungen k√∂rperlicher oder emotionaler Natur waren. Die Ergebnisse (p=42) wurden in der Dezember-Ausgabe der Archives of Pediatric Adolescent Medicine ver√∂ffentlicht.

Die Ver√§nderungen konnten bei allen Adoleszenten beobachtet werden, obwohl sie an keinen diagnostizierbaren psychiatrischen St√∂rungen litten. “Wir haben es mit Jugendlichen zu tun, die keine diagnostizierbare Krankheit haben, bei denen sich aber immer noch physische Beweise f√ľr Misshandlungen zeigen”, sagte der leitende Autor der Studie H. Blumberg, Associate Professor in der Abteilung f√ľr Psychiatrie und Diagnostische Radiologie. “Dies k√∂nnte helfen, Schwierigkeiten mit schulischen Leistungen zu erkl√§ren oder eine Steigerung ihrer Anf√§lligkeit f√ľr Depressionen und Verhaltensst√∂rungen.”

In präfrontalen Bereichen zeigte sich die Verringerung der grauen Substanz, egal ob der Jugendliche körperlich misshandelt oder emotional vernachlässigt worden war. In anderen Bereichen des Gehirns hing die Reduktion von der Art der Misshandlungserfahrungen ab. So wurde zum Beispiel emotionale Vernachlässigung mit einer Abnahme der Bereiche, die unsere Emotionen regulieren, verbunden.

Die Forscher stellten auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Weise, in der die graue Substanz abnahm, fest. Bei Jungen zeigte sich eher eine Reduktion in Bereichen des Gehirns, die mit der Impulskontrolle oder Drogenmissbrauch assoziiert sind. Bei Mädchen schien sich die Reduktion auf Bereiche des Gehirns zu konzentrieren, die mit Depression in Verbindung gebracht werden.

Blumberg betonte, dasss diese bei Jugendlichen gefundenen Defizite, nicht von Dauer sein m√ľssen.

“Wir haben festgestellt, dass insbesondere das Gehirn von Jugendlichen ein hohes Ma√ü an Plastizit√§t aufweist” (Neuroplastizit√§t, Anmerkung R.L.Fellner), sagte sie. “Das kann bedeutend sein, um Wege zu finden, Folgen von Misshandlungen zu verhindern und den Jugendlichen, die diese Erfahrung machen mu√üten, effizient zu helfen.”

Mehr zu diesen Themen:
Neuroplastizität
Missbrauch

(Quellen: YaleNews; E. E. Edmiston, F. Wang, C. M. Mazure, J. Guiney, R. Sinha, L. C. Mayes, H. P. Blumberg. Corticostriatal-Limbic Gray Matter Morphology in Adolescents With Self-reported Exposure to Childhood Maltreatment. Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine, 2011; 165 (12): 1069 DOI: 10.1001/archpediatrics.2011.565)

Nov 19

Mitunter ist es schwierig, einen sachlich-k√ľhlen Kopf zu bewahren, liest man diverse medizinische Fachinformationen.

So soll nun ein neues “Stufenschema” Mediziner unterst√ľtzen, Patienten mit sogenannten “therapieresistenten” oder chronischen Depressionen effektiver als bisher zu behandeln. Denn bei etwa jedem vierten Depressionspatienten, so eine Aussendung der “√Ėsterreichischen Gesellschaft f√ľr Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie” (√ĖGPB), hilft eine einfache medikament√∂se Behandlung nicht oder nur unzureichend.

Die “Volkskrankheit Depression” ist in allen Industriel√§ndern im Vormarsch. In √Ėsterreich sind etwa 400.000 Menschen betroffen, so √ĖGPB-Pr√§sidentin Susanne Lentner. Die Krankheit sei nicht nur die h√§ufigste Ursache f√ľr Fr√ľhpension und Arbeitsunf√§higkeit, sondern auch f√ľr 70 bis 80 Prozent der Suizide verantwortlich. Bei fast der H√§lfte der Betroffenen werde die Krankheit nicht erkannt, entweder weil die Allgemeinmediziner nicht ausreichend geschult sind oder die depressiven Menschen gar nicht erst zum Arzt gehen, sagte Michael Bach, Primar am Landeskrankenhaus Steyr (O√Ė).
Zu erg√§nzen w√§re aber, dass nur jeder zehnte Patient eine ad√§quate Therapie erh√§lt, da viele Mediziner sie falsch oder gar nicht diagnostizieren und sodann ausschlie√ülich die h√§ufigen k√∂rperlichen Symptome der Depression (mehr dazu in den am Artikelende verlinkten Texten) behandeln oder weil sie ohne tieferer Kenntnis √ľber ad√§quate Depressionsbehandlung schlicht Antidepressiva verschreiben und dann die Patienten sich selbst √ľberlassen.

Mit neuen Leitlinien in Form eines sog. “Konsensus-Statements” der Neurologen und Psychiater soll aber nun alles besser werden. Sie soll den Medizinern helfen, insbesondere die besonders komplexen (wenn auch seltenen – Anmerkung RLF) F√§lle der therapieresistenten Depression zu behandeln, also “jene F√§lle, in denen mindestens zwei unterschiedliche Antidepressiva nicht die erw√ľnschte Wirkung brachten”. Die herausgebenden √Ąrzte merken an, dass sich eine verbesserte Therapie auch volkswirtschaftlich auszahlen w√ľrde: “Der teuerste Weg ist, nicht zu behandeln, der zweitteuerste, eine schlechte Behandlung und die drittteuerste M√∂glichkeit: eine gute Behandlung.”

Die Leitlinien der √ĖGPB schlagen nun vor, “zun√§chst die Dosis des verschriebenen Medikaments zu erh√∂hen, und, wenn damit kein Erfolg zu verzeichnen ist, ein zweites Antidepressivum gleichzeitig zu verabreichen”. Als n√§chsten Schritt sollen die √Ąrzte “Zusatzbehandlungen mit anderen Medikamenten oder Therapieformen wie Psychotherapie, Schlafentzug und Elektrokrampftherapie versuchen”. Einfach ein anderes Antidepressivum mit unterschiedlicher Wirkungsweise zu probieren sei laut Studien nur in wenigen F√§llen erfolgreich.

Zusammengefasst also: √Ąrzte werden weiterhin dazu angehalten, bei einem doch in erster Linke psychischen Leidenskomplex mal bis auf weiteres ausschlie√ülich Tabletten zu verschreiben, dann noch mehr Tabletten, und dann…
Das ist zweifellos eine sehr positive Nachricht f√ľr die Pharmaindustrie, aber sicherlich nicht der im Untertitel behauptete “state of the art” (Stand der Heilkunst) nach alldem, was man heute √ľber die Ursachen und Zusammenh√§nge der Depressionserkrankung und ihrer Therapiem√∂glichkeiten wei√ü. Erst als dritter Schritt n√§mlich wird Psychotherapie genannt – und zwar in einem Atemzug mit Elektrokrampftherapie?! Da stehen einem schon ein wenig die Haare zu Berge, und die Herren und Frauen Mediziner, die hinter derartigen “Leitlinien” stehen, m√ľssen sich nicht nur fragen lassen, inwieweit ihre Empfehlungen dem aktuellen Forschungsstand entsprechen sondern zum anderen auch, in welchen Interessen sie mit derartigen Empfehlungen eigentlich agieren. Kein besonders gutes Licht wirft in diesem Zusammenhang auch auf die Leitlinien, dass diese mit keinem einzigen Wort beispielsweise die Fragen der Compliance, also der Nebenwirkungen von Antidepressiva und damit verbundenen Akzeptanzproblemen bei PatientInnen erw√§hnen.

Bereits in einer Meta-Studie aus dem Jahre 1999 (!), welche die Effizienz rein medikamenten-basierter Therapiemaßnahmen mit dem Einsatz von Psychotherapie (in diesem Fall der Verhaltenstherapie, da mit dieser Methode spezifische Untersuchungsgegenstände am leichtesten abgrenzbar sind) vergleicht, kam zum folgenden Ergebnis:

“Cognitive behavior therapy has fared as well as antidepressant medication with severely depressed outpatients in four major comparisons. Until findings emerge from current or future comparative trials, antidepressant medication should not be considered, on the basis of empirical evidence, to be superior to cognitive behavior therapy for the acute treatment of severely depressed outpatients.”

Aus meiner pers√∂nlichen Erfahrung kann ich dar√ľber hinaus sagen, dass mir bisher noch kein sogenannter “therapieresistenter” Patient begegnet ist. Nur Gl√ľck? Oder k√∂nnte es daran liegen, dass Psychotherapie in aller Regel eben sehr effektiv in der Depressionsbehandlung sein kann? Sofern sich Menschen auf eine Psychotherapie einlassen und diese eine gewisse Zeit lang durchziehen, konnten in jedem Fall zumindest immer merkbare Verbesserungen des Zustandsbildes erreicht und Strategien f√ľr einen besseren Umgang mit besonders schwierigen Depressionsphasen erarbeitet werden. Die Erfolge lagen vielleicht zum Teil auch daran, dass ich um mein Fachgebiet keine mentalen Schutzmauern errichte: im Fall von schweren oder sogenannten “chronischen” Depressionen n√§mlich halte ich vor√ľbergehende Medikation bis zu einer Verbesserung des Zustandsbildes zur Stabilisierung und Etablierung einer guten Basis f√ľr die therapeutische Arbeit f√ľr durchaus sinnvoll. Oberstes Ziel ist, den hilfesuchenden Menschen zu helfen, und da sollte kein professioneller Behandlungsansatz von Beginn an ausgeschlossen werden.

Zum Weiterlesen:

Depression – Mythen und Fakten
Selbsttest auf Depression

(Quellen: 13. Tagung der √ĖGPB / √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie, 11/2011; Medications Versus Cognitive Behavior Therapy for Severely Depressed Outpatients: Mega-Analysis of Four Randomized Comparisons in: Robert J. DeRubeis, Ph.D.; Lois A. Gelfand, M.A.; Tony Z. Tang, M.A.; Anne D. Simons, Ph.D., Am J Psychiatry 1999;156:1007-1013. Photo:istockphoto.com)

May 03

Von der ‚ÄěEuropean Society for the Study of Tourette Syndrome‚Äú (ESSTS) wurden k√ľrzlich Grundlagen f√ľr eine m√∂glichst hochwertige Versorgung von Patienten mit sogenannten Tic-St√∂rungen hinsichtlich der Diagnose, medikament√∂sen, psychotherapeutischen und in Einzelf√§llen auch neurochirurgischen Therapie definiert und in der Fachzeitschrift ‚ÄěEuropean Child & Adolescent Psychiatry‚Äú ver√∂ffentlicht.

Tics werden als spontane, nicht kontrollierbare Bewegungen und Laut√§u√üerungen definiert, die in der schweren chronischen Form als Tourette-Syndrom bekannt sind. In der leichten Form treten Tics bei etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren auf und geh√∂ren damit zu den h√§ufigsten psychisch-neurologischen St√∂rungen. Bei jedem zehnten Betroffenen wird die Erkrankung chronisch. ‚ÄěLeichte Formen der Tic-St√∂rung verschwinden innerhalb eines Jahres oft so schnell, wie sie gekommen sind‚Äú, berichtet einer der f√ľhrenden Tourette-Forscher Deutschlands, Prof. Veit R√∂√üner, aus dem Alltag. H√§ufig denken Eltern bei einer solchen St√∂rung ihrer Knider jedoch an eine St√∂rung des Nervensystems und nicht die enge Verbindung zu den vielen begleitenden psychischen Problemen.

Den Leitlinien zufolge reicht es gerade bei der leichten Form von Tics meist aus, die Patienten dazu anzuleiten, wie sie mit der St√∂rung umgehen k√∂nnen. Ein Therapiebaustein sind Entspannungsverfahren, da die Tics oft in Stresssituationen auftauchen, wobei emotionale Belastungen verst√§rkend wirken k√∂nnen. Falls die Betroffenen sehr unter den Tics leiden, ihre schulischen Leistungen sinken oder ihr soziales Umfeld negativ reagiert, empfiehlt die Leitlinie Psychotherapie oder Medikamente sowie in schwersten F√§llen des Tourette-Syndroms als neurochirurgische Therapie die Tiefenhirnstimulation. Der psychotherapeutische Ansatz nutzt den Umstand, dass viele Betroffene den sich anbahnenden Tic sp√ľren. Mit diesem Wissen l√§sst sich dieser mit einer zuvor einge√ľbten motorischen Gegenantwort abblocken.

In der √§rztlichen Praxis werden Medikamente allerdings h√§ufiger eingesetzt als psychotherapeutische Verfahren, zudem ist in Deutschland bei Kindern mit Tic-St√∂rungen nur Haloperidol als Medikament zugelassen, ein sehr schweres Psychopharmakum, dessen Nebenwirkungen wie beispielsweise Sprach- und Schluckprobleme die Erlebnisf√§higkeit und Emotionalit√§t einschr√§nken. Ein Ziel der Therapie-Standards ist es somit auch, modernere Wirkstoffe wie etwa Tiaprid f√ľr Kinder und Jugendlichen zuzulassen, der wissenschaftliche Nachweis seiner Wirksamkeit steht allerdings noch aus.

(Quelle: European Child & Adolescent Psychiatry Volume 20, Number 4, 153-154 (doi: 10.1007/s00787-011-0165-5); Image src:blogcurioso.com)

Jun 29

Du hast ja eine Psychose!” Dies ist gewisserma√üen die “gebildetere” Form der Floskel “Du bist ja verr√ľckt!”, die von manchen verwendet wird, wenn sie sich die Handlungen einer Person nicht erkl√§ren k√∂nnen.

In stark naturverbundenen Kulturen wurden Menschen, deren Verhalten stark von dem abwich, was als “normal” empfunden wurde, durch Magier und Schamanen behandelt. Im Westen dagegen wurden sie fr√ľher in sogenannten “Irrenh√§usern” eingesperrt und teils grausam behandelt (-> Artikel: “Geschichte der Psychotherapie“). Erst in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nahm der Psychiater Karl Birnbaum erstmals eine Abgrenzung des medizinischen Begriffs der sog. “Psychose” vor. Seinem Konzept nach war diese durch eine Wechselwirkung zwischen organischen und psychischen Ursachen bestimmt: die organischen Faktoren definierten den Krankheitstyp, ihre Auspr√§gung, ihr Beginn und ihr Verlauf w√ľrden dagegen stark von psychischen Faktoren beeinflusst.

Das Verh√§ltnis dieser zwei Einflu√üfaktoren war geschichtlichen √Ąnderungen unterworfen: vor dem Beginn der Psychiatrie hielt man “Geisteskranke” noch f√ľr unheilbar, gefolgt von einer Hochbl√ľte der Psychotherapie. Gegenw√§rtig befinden wir uns wieder in einer Phase, in der die k√∂rperlichen (neurologischen) Faktoren im Vordergrund stehen. Mitunter werden dann auch ausschlie√ülich diese behandelt – selbst wenn die eigentlich Betroffenen dies als nicht befriedigend und ausreichend erleben. Die erfolgreichsten Modelle bestehen heute aber in Kombinationen aus pharmakologischer, psychotherapeutischer und sozialtherapeutischer Behandlung.

Symptome, die auf eine Psychose hindeuten, sind wiederkehrende akustische oder andere Halluzinationen, wahnhafte Denkinhalte oder Beziehungsideen. Die eigene Person oder die Umwelt wird mitunter entfremdet oder ver√§ndert wahrgenommen, die Sprache kann verwirrt oder konfus wirken. Ver√§ngstigte, erregte, gereizte oder getriebene Stimmungen sind h√§ufig und oft auch √§u√üerlich wahrzunehmen, manchmal aber auch “ged√§mpftes”, passives und gleichg√ľltiges Verhalten.

Gar nicht oft genug kann ich auf die Wichtigkeit des sozialen Umfeldes hinweisen: da die Betroffenen selbst h√§ufig ver√§ngstigt sind oder ihre eigene Situation verzerrt wahrnehmen, ist es bedeutsam, da√ü engagierte Freunde oder Verwandte mit Nachdruck auf Diagnose und Therapie hinarbeiten. Eine m√∂glichst fr√ľhzeitige Behandlung verbessert die therapeutischen Interventionsm√∂glichkeiten n√§mlich deutlich.

Link-Tipp: Selbsttest auf Dissoziation / Dissoziative Identitätsstörung

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psymantra.com)

Mar 23

Einmal etwas ganz anderes hier im Blog – ein Buchtipp. Aus gutem Grund..

Jens Johler: “Kritik der m√∂rderischen Vernunft”

Dieses Buch klang nicht nur von der Thematik her interessant, bewogen hat mich in der speziellen Situation, als ich es kaufte, auch sein geringer Preis: nur 9,95 (bei Amazon online) …: “da kann nicht viel verhaut sein, wenn es sein Leben in meinem Warteregal aushaucht” dachte ich mir spontan ūüėé Der Buchtitel mag manchen BesucherInnen meiner Website “irgendwie bekannt” vorkommen, und tats√§chlich: einer der Hauptakteure im Buch nennt sich “Kant” – allerdings hat er es sich anscheinend zum Ziel gesetzt, die f√ľhrenden Hirnforscher Deutschlands zu ermorden. Warum er das will, erschlie√üt sich bald einem Wissenschaftsjournalisten, der vom M√∂rder pers√∂nlich kontaktiert wird: Kant sieht den freien Willen des Menschen durch die Hirnforschung bedroht ‚Äď und will weitert√∂ten, um ihn zu bewahren. Je mehr sich Troller, der Journalist, aber mit den Thesen und Zielen befa√üt, die die attackierten Hirnforscher mit ihrer Forschung verbinden, umso mehr sieht er sich in einem Gewissenskonflikt gefangen …

Das Lesen dieses “Wissenschafts-Krimis” ist nicht nur sprachlich packend, sondern vor allem auch inhaltlich. Seine Hintergr√ľnde sind sehr gut recherchiert und quasi im Vorbeigehen werden manche der zahlreichen ethischen und philosophischen Fragen, die durch die (realen oder zu bef√ľrchtenden) Konsequenzen der Hirnforschung aufgeworfen werden, angesprochen. Auf bemerkenswerte Weise werden auch die Querverbindungen zwischen einer immer st√§rker an Kontrolle interessierten Politik, den sich dadurch auftuenden Gewinnm√∂glichkeiten bestimmter Medizin-, Forschungs- und Industriezweige und die damit verbundene Vermarktungsmaschinerie, welche den Blick der B√ľrger genau auf jene Aspekte der einschl√§gigen Forschung lenkt, die ihren Interessen entspricht, moralische Grunds√§tze aber solange aush√∂hlt, bis von diesen nichts mehr √ľbrig bleibt, aufgezeigt. Dieses Buch ist f√ľr jeden, der an Philosophie, Ethik, Medizin, Pharmaindustrie, und den Perspektiven der modernen Hirnforschung interessiert ist, sicherlich ein gro√ües – wenn auch teils beklemmendes und sehr nachdenklich machendes – Lesevergn√ľgen.

Feb 12

Die meist verwendeten Schlaf- und Beruhigungsmittel wie beispielsweise Temesta, Dalmadorm oder Valium geh√∂ren zur Klasse der Benzodiazepine. Im Magazin “Nature” wurden nun die Ergebnisse einer Studie des Forschungsteams um Ch. L√ľscher an der Universit√§t Genf publiziert, nach denen Benzodiazepine – genau wie Heroin, Haschisch und andere Drogen auch – gezielt die Aktivit√§t derjenigen Nervenzellen reduzieren, welche normalerweise das Belohnungssystem im Mittelhirn im Zaum halten. Wenn das entfesselte Belohnungssystem jedoch keiner Kontrolle mehr untersteht, kann es abw√§gende Entscheidungen zunehmend verunm√∂glichen und das zwanghafte Verhalten ausl√∂sen, das die Sucht definiert.

Selektiv wirksame Substanzen, die nur mit vereinzelten Untereinheiten der beteiligten GABA(A)-Rezeptoren interagieren, also zwar schlaff√∂rdernd wirken, jedoch nicht s√ľchtig machen, seien zwar vorhanden, wurden bisher jedoch nicht klinisch entwickelt.

Psychotherapie oder andere erfolgreiche und seit Jahrzehnten etablierte Methoden, den Schlaf zu verbessern bzw. Schlafstörungen zu beseitigen, fanden in den Schlußfolgerungen keine Erwähnung.

(Quelle: Neural bases for addictive properties of benzodiazepines in: Nature 463, 769-774 (Feb 11, 2010); doi:10.1038/nature08758; Bild: fernsehen.ch)

ÔĽŅ25.06.19