Dec 06

r.l.f., 1994 😉

Das Universitätsklinikum Salzburg veröffentlichte kürzlich eine Studie, welche bei Depression und Suizidalität eine unterstützende Wirkung der Psychotherapie und Pharmakotherapie durch Bewegungstherapie nachweist.

Die Idee entstand bei gemeinsamen Film-Deharbeiten zum Thema „Alpen und Suizid“ von Dozent Reinhold Fartacek und Reinhold Messner auf dem Rauriser Sonnblick. Die veröffentlichte wissenschaftliche Studie „Physical exercise through mountain hiking in high-risk suicide patients. A randomized crossover trial“ (siehe u.a. Quellverweise) bestätigt eindrucksvoll die unterstützende Wirkung einer Bewegungstherapie zu Psychotherapie und Pharmakotherapie. Mit dieser Studie können auch erstmals Schwankungen der psychischen Befindlichkeit nicht nur beobachtet sondern auch verstanden werden.

Die äußerst aufgrund der Vielzahl der abgefragten Parameter (z.B. tägliche Selbsteinschätzung der TeilnehmerInnen, psychologische Daten, Prozesseinschätzung, Vorher-/Nachher-Einschätzung, sportphysiologsiche Messungen) äußerst komplexe Wanderstudie “Übern Berg” ist weltweit einmalig. Es wurde wie heute generell in der Suizidprävention darauf gesetzt, auf individuelle Stärken anstatt auf Krankheit zu achten. Die Patienten sollten durch die körperliche Aktivität beim Bergwandern und das Erlebnis – “über den Berg zu gehen” – für den Alltag seelisch und körperlich zu stärken. Diese Erfolge, aber auch das Erlebnis der Natur sowie die zwischenmenschlichen Begegnungen während des Bergwanderns sollten ihnen Mut und Hoffnung für die Bewältigung des Alltags geben. Mit Redewendungen wie „Es geht bergauf“ oder „Berge versetzen“ werden im Alltag positive Entwicklungen beschrieben. Doch obwohl in Österreich mehr als 74% der über 15-Jährigen zumindest gelegentlich wandern, können sich gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in Lebenskrisen nur schwer überwinden, körperlich aktiv zu sein.

Synergetisches Navigationsystem (SNS)

Die interdisziplinäre Studie (PsychiaterInnen, PsychologInnen, Sportmediziner, PflegemitarbeiterInnen) fand in der Salzburger Bergwelt statt. Die Selbsteinschätzung wurde mittels der Nutzung eines vom Leiter des PMU-Instituts für Synergetik und Psychotherapie-forschung, Univ.-Prof. Dr. Günter Schiepek entwickelten sog. „Synergetischen Navigationssystems“ (SNS) messbar gemacht. Mit einem darin eigens angelegten Online-Fragebogen wurde 6 Monate hindurch täglich die persönliche Befindlichkeit mit 38 Einzelitems in einer Selbsteinschätzung angegeben. Durch die hochfrequenten Messungen ergab sich eine Verlaufsdarstellung mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Schwankungen und Phasenübergängen. Speziell in den Bereichen Freude und Selbstwertgefühl kam es in der Wanderphase bei vielen Teilnehmern zu einer Steigerung – wobei die Ängstlichkeit gleichzeitig abnahm.

Die Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Wandergruppe wanderte 9 Wochen lang, während die Wartekontrollgruppe keine speziell geplanten Aktivitäten durchführt. Nach 9 Wochen wurde gewechselt, und jeweils die empfundenen Veränderungen der Hoffnungslosigkeit und Depressivität wie auch die rein körperliche Ausdauerleistungsfähigkeit gemessen. Hinsichtlich der empfundenen Hoffnungslosigkeit, Depressivität, wie auch der körperlichen Ausdauerleistung ging es den TeilnehmerInnen signifikant besser als vor der Studie. Die Studienteilnehmer berichteten von einer neu angeeigneten Tagesstruktur, mehr Appetit, mehr Selbstvertrauen und weniger Stress. Dies berichteten selbst die meisten jener Patienten, die sich zunächst alles andere als “sportbegeistert” bezeichnet hatten.

Um Überforderungen zu vermeiden, wurde zunächst der optimale Belastungspuls der PatientInnen ermittelt und bei jeder Wanderung mittels Herzfrequenzmesser überwacht. Bald merkten die Wanderer, dass es bei dieser Sportart nicht darum geht, der Schnellste zu sein – so war es jedem möglich, das eigene Tempo zu finden. Jede Wanderung startete mit einfachen Mobilisationsübungen und endete mit abschließenden Dehnübungen. Im Laufe der Studie war an Stelle der fehlenden Motivation die Vorfreude auf die nächste Wanderung so groß, dass die Teilnehmer oft schon eine gute Weile vor dem vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt warteten.

Die Teilnahme der Patienten am Wandern war nahezu lückenlos und belegt, dass diese Form der Bewegung nicht nur akzeptiert sondern auch gerne ausgeübt wurde – und das selbst bei Wind und Wetter. Die verbesserte körperliche Leistungsfähigkeit ist insofern günstig, als körperliche Bewegung auch rein körperlich gesund ist, gerade von depressiven Personen aber häufig zu wenig ausgeübt wird. Wandern jedoch kann gerade in Mitteleuropa nahezu das ganze Jahr über ausgeübt werden.

Schlussfolgerungen

Im Rahmen der Salzburger Wanderstudie konnte mittels täglicher Selbsteinschätzung bestätigt werden, dass bereits nach einer Wanderung die Stimmung verbessert, von negativen Gedanken abgelenkt und Stresssymptome abgebaut werden können. Am Ende des Wanderprogramms konnten Selbstwert und Schlafqualität zusätzlich zur Wirkung der bestehenden psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Behandlung verbessert werden, auch Angst- und Borderlinesymptome wurden reduziert. Die körperliche Fitness stieg aufgrund der sorgsam abgestimmten Routenplanung z.T. signifikant.

(Quellen: MedAustria 2012, Acta Psychiatr Scand 2012: 1–9 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2012.01860.x)

Oct 30

Ein wenig verwundert war ich heute dann doch, als ich die oben genannte Schlagzeile las. Denn meine Erfahrung war bislang eigentlich, dass sich mit 1-2 Sitzungen Psychotherapie oder Hypnotherapie die meisten Schlafstörungen zumeist wenigstens drastisch verbessern lassen, ebenso selbstverständlich auch Albträume. Wieso also diese Pressemitteilung?

Leser meines Blogs wissen, dass selbst in unserer angeblich so aufgeklärten und gesundheitsbewußten Zeit nur die wenigsten Menschen den “Mumm” aufbringen, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen – oder aber vielleicht auch gar nicht wissen, wie hilfreich sie tatsächlich sein kann. So kommt es, dass etwa fünf Prozent aller Menschen regelmäßig unter Albträumen leiden – und das meist über Jahre.

Damit gehören diese belastenden Träume, die die Betroffenen oft den ganzen Tag über verfolgen, zu einer weit verbreiteten Schlafstörung. Im Institut für Psychologie der Goethe-Universität wurde nun eine neue, groß angelegte Studie durchgeführt, die zwei Behandlungskonzepte miteinander vergleicht.

In der ersten Therapievariante sollten sich die Betroffenen unter geschützten Bedingungen mit den Inhalten ihrer Albträume auseinandersetzen. Eine andere therapeutische Methode zielte darauf ab, dass die Betroffenen versuchen, in ihrer Vorstellung die Inhalte des Albtraums zu verändern. Eine Diplom-Psychologin nennt in der Pressemitteilung ein Beispiel: „Eine Studienteilnehmerin quälte sich nächtens mit folgendem Traum: Sie geht an einer Straße entlang, ein Auto mit verdunkelten Scheiben rollt langsam näher, plötzlich ist die Straße sehr steil, so dass sie nicht weglaufen kann. Von dem Auto geht eine große Bedrohung aus. Ihre Beine werden so schwer, dass sie gar nicht mehr gehen kann, das Auto bleibt direkt neben ihr stehen, maskierte Männer steigen aus.“ An diesem Punkt erwacht die Frau mit Herzrasen. In der Therapie lernt sie den Traum zu verändern, sie wählt eine Variante, in der Freunde aus dem Auto aussteigen.

Doch was wird von Psychotherapeuten und Psychologen als Albtraum bezeichnet? Träume, aus denen die Betroffenen erwachen und an die sie sich sehr detailliert und lebhaft erinnern; in diesen Träumen geht es zumeist um Themen wie Bedrohung des eigenen Lebens, der persönlichen Sicherheit oder der Selbstachtung. Nach dem Aufwachen wird Furcht oder Angst empfunden, die oft auch mit körperlichen Reaktionen wie Herzrasen einhergeht. „Albträume wirken sich nicht nur negativ auf den Schlaf und das Ausmaß der Erholung aus, sondern können auch zu einer deutlichen Belastung in anderen Lebensbereichen führen. Beispielsweise lösen sie depressive Verstimmungen, Angst und ein erhöhtes Stressempfinden aus“, erläutert der Studienleiter. „Betroffene haben aus diesem Grund häufig starke Angst vor dem Einschlafen.“

Ich sage schon mal voraus: die Studie wird ein weiteres Mal bestätigen, dass die beschriebenen Verfahren erfolgreich und effektiv sind. Hoffentlich aber regt irhe Publikation so manche(n) Betroffene(n) dazu an, sich effiziente Hilfe zu suchen, statt weiter zu unter ihren psychischen Beschwerden zu leiden.

(Quelle: MedAustria, 10/20111; Image source:myvideo.de, author unknown)

Sep 09

Gewalterfahrungen und andere traumatische Erlebnisse können langfristig nicht nur zu psychischen sondern auch zu körperlichen Erkrankungen führen, wie aktuelle Studien aus den USA und Deutschland zeigen. So haben Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, Diabetes und andere chronische Krankheiten, wie Experten auf der internationalen Tagung „Folgen der interpersonellen Gewalt“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen referierten.

Bis zu 10% der Erwachsenen in Deutschland geben an, in ihrem Leben gewalttätige Übergriffe erlebt zu haben. Solche traumatischen Erlebnisse haben Folgen, auf körperlicher Ebene begünstigen sie insbesondere die Entwicklung von chronischen körperlichen Erkrankungen. Wissenschafter des „US Department of Veterans Affairs“ etwa haben festgestellt, dass Kriegsveteranen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) deutlich häufiger an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden als Veteranen ohne PTBS. Bei 76% der Veteranen mit PTBS (im Unterschied zu 59% bei nicht traumatisierten Veteranen) konnten die Forscher so genannten Koronarkalk, einen Risikomarker für zukünftige Herzinfarkte, nachweisen.

Auch andere chronische Leiden wie etwa Asthma, Diabetes, chronische Schmerzerkrankungen, Osteoporose oder Schilddrüsenerkrankungen können Folge eines Traumas sein. Eine große, an der älteren deutschen Bevölkerung durchgeführte epidemiologische Untersuchung der Universitätsklinik Leipzig zeigte auf, dass Menschen mit PTBS durchschnittlich fast 3x so häufig von chronischen Krankheiten betroffen sind wie Menschen ohne Traumatisierung. Dazu kann zum einen der risikoreiche Lebensstil von PTBS-Erkrankten, wie ein erhöhter Zigarettenkonsum, beitragen. Doch viele Erkrankungen sind vermutlich durchaus auch direkte Folge des Traumas: Patienten mit PTBS reagieren auf Belastung mit intensiveren und länger anhaltenden Ausschüttungen von Stresshormonen, ihre Blutwerte zeigen zudem häufig Zeichen einer chronischen Entzündung. „Stresshormone und Entzündungsbotenstoffe sind Risikofaktoren für Typ 2-Diabetes und koronare Herzerkrankungen“, erklärt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) Johannes Kruse.

Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) werden ungewollt – etwa in Albträumen – immer wieder mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Sie versuchen, Gedanken, Orte und Aktivitäten zu vermeiden, die mit dem Trauma zusammenhängen. Symptome wie Depressionen, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialer Rückzug können Folgen eines Traumas sein.

(Quellen: MedAustria, Psychosomatic Medicine issue 73(5), p401-406; Image src:loddmedicalgroup.com)

May 03

Arzneimittel über das Internet zu bestellen, ist heute einfach, und selbst die meisten Apotheken verkaufen in Asien ohne jegliche Rückfrage Medikamente, die im Westen verschreibungspflichtig wären. Besonders beliebt in den Online-Katalogen: Amphetamine, Potenzmittel und Antidepressiva. Doch die “Selbstmedikation” ist gefährlich: speziell von Amphetaminen wie Ritalin (Methylphenidat), die leistungssteigernd und konzentrationsfördernd wirken, werden unter dem steigenden Druck der Leistungsgesellschaft immer mehr Menschen abhängig und müssen sich Monate oder Jahre später an spezialisierte Kliniken oder Psychotherapeuten wenden. Einer Studie amerikanischer Kinderärzte zufolge stieg in den letzten acht Jahren die Anzahl der “dopenden” Studierenden um 75 Prozent an. Häufig werden die Medikamente zudem falsch eingesetzt, da die Ursache etwa der Konzentrationsstörungen oder Erektionsprobleme ganz woanders liegen als dort, wo das Medikament ansetzt. Erektile Dysfunktion etwa hat bei Männern unter 55 Jahren zumeist rein psychische Ursachen. Durch Gewöhnungseffekte kommt es dann bei der gewohnheitsmäßigen Einnahme schließlich häufig zu Überdosierungen und einer erhöhten Anfälligkeit für krankmachende Nebeneffekte. Irgendwann behandeln die Nutzer nur noch das Entzugssyndrom (bei Potenzmitteln ist das häufig die Unsicherheit, Sex ohne das Medikament auszuüben) – sie verspüren keine deutliche Wirkung mehr, können das Medikament aber auch nicht absetzen und geraten damit in einen Teufelskreis. Erschwerend kommt die oftmalige Mehrfachabhängigkeit dazu: etwa die Einnahme von Amphetaminen während des Tags, und dann am Abend die Einnahme von Alkohol und/oder Tranquilizern bzw. Schlafmitteln.

Zeichen beginnender psychischer Abhängigkeit von Arzneimitteln können Gefühle von Unsicherheit oder Angst sein, wenn auf die Einnahme verzichtet wird, oder wenn im Laufe der Zeit die Dosis gesteigert wird, die Wirkung des Medikaments jedoch gleich bleibt oder sogar geringer wird oder ganz ausbleibt. Ebenso ein Alarmsignal ist, wenn dem Organismus ohne ärztliche Diagnose und Verschreibung im Laufe der Jahre immer mehr Substanzen zugeführt werden (hierzu gehören auch Nahrungssubstitutionsmittel, Injektionen mit Hormonen, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Nasentropfen usw.). Zumeist wird Medikamentenabhängigkeit erst sehr spät eingestanden, wenn bereits Erkrankungen der Organe vorliegen oder Unfälle (z.B. durch Konzentrationsmangel) auftreten. Für den psychischen Entzug ist eine Kombination von Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sehr effektiv, immer ist aber eine ärztliche Abklärung auf etwaige körperliche Schäden dringend anzuraten.

In Österreich sind nach Angaben des API-Instituts ca. 350.000 Menschen alkoholkrank, ca. 130.000 sind von Medikamenten, knapp 30.000 von illegalen Drogen abhängig.
In den USA wird einer Untersuchung der University Michigan von 2010 zufolge bei fast einer Million Kindern fälschlicherweise das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsyndroms (ADHS) diagnostiziert. Davon betroffen sind vor allem die jüngeren Kinder einer Jahrgangsstufe in Kindergarten oder Schule.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:vth.biz)

Jan 14

Wenn sie das Wort “Depression” hören, denken viele Leute an traurige oder hoffnungslose Menschen, die nach einem nicht verkrafteten Lebensereignis zurückgezogen und häufig weinend ihr Dasein fristen.

Doch tatsächlich ist das nur in den seltensten Fällen so. In einer US-Studie aus dem Jahr 1996 konnte beispielsweise nur ein Drittel der an einer Depression Leidenden ein belastendes oder einschneidendes Erlebnis vor der Erkrankung nennen. Und es sind auch keineswegs nur negative Ereignisse, die bei manchen Menschen Depressionen auslösen können, sondern auch solche wie etwa die Geburt eines Kindes oder das Gelingen eines Geschäftsabschlusses. Dass nicht alle Menschen bei einschlägigen Ereignissen Depressionen entwickeln, legt darüber hinaus nahe, dass auch andere Faktoren, wie etwa genetische oder Stress-Faktoren mitbeteiligt sein dürften. Für die Betroffenen selbst und ihre Umwelt also ist in der überwiegenden Zahl der Fälle auf Anhieb gar kein klarer Grund für eine etwaige Depression auszumachen – was in aller Regel zu langjährigen Verzögerungen auf der Suche nach der korrekten Diagnose für das eigene Unwohlbefinden führt.

Körperliche Symptome sind eine weitere, häufig fehlinterpretierte Facette depressiver Störungen. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, reduzierte Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit, aber auch andere körperliche Schmerzen, Probleme der Verdauungsorgane oder Energielosigkeit sind typische körperliche Symptome einer vorliegenden Depression.

Die mit der Depression häufig verbundene Perspektivenlosigkeit führt viele Betroffenen zu selbstschädigendem Verhalten. Die meisten Menschen, die Suizid begingen, litten vorher an einer (häufig nicht erkannten oder behandelten) Depression. Doch es muß nicht gleich Suizid sein: auch andere selbstschädigende Formen des Verhaltens, wie etwa Alkohol- und Drogenmißbrauch, selbstschädigendes Eßverhalten oder riskantes Verhalten im Verkehr sind, wie Untersuchungen zeigen, in mehr als 60% der Fälle an Depressionen gekoppelt.

Besonders bei älteren Männern äußert sich Depression häufig auch über Aggression, speziell verbale Unfreundlichkeiten, Zynismus, Schimpfen und andere Formen aggressiver Ausdrucksweise. Auch hier ist es den Betroffenen nur selten bewußt, dass sie an einer Depression leiden, sondern sie führen ihre innere Unzufriedenheit und ihren Ärger auf äußere Umstände zurück, über die sie sich regelmäßig und nicht selten auch lautstark beschweren.

Etwa 4 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen, die Dunkelziffer dürfte aber aufgrund der häufigen Fehldiagnosen und jahrelangen Leidenswege ohne passenden Befund und adäquate Therapie deutlich höher liegen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:TRBfoto)

Jun 13

Schlaflosigkeit stellt eines der häufigsten Probleme in der Bevölkerung dar: zwischen 30% und 50% leiden darunter, etwa 10% sogar an chronischer (langdauernder) Schlaflosigkeit. Diese Störung betrifft Menschen aller Altersstufen – ihrer Häufigkeit nimmt allerdings im Alter zu. Die Folgen von Schlaflosigkeit sind häufig Müdigkeit während des Tages, eine geschwächte Immunabwehr, Neigung zu Depressionen, geringere Konzentrationsfähigkeit und höhere Anfälligkeit für Diabetes und Herzkrankheiten.

Drei Arten von Schlaflosigkeit werden unterschieden:

a) Vorübergehende Schlaflosigkeit dauert weniger als eine Woche, und wird meist durch andere Erkrankungen, eine ungünstige Veränderung der Schlafgewohnheiten, schwere Depressionen oder Stress verursacht. Ihre Folgen sind ein Gefühl von Schläfrigkeit und eine Beeinträchtigung der psychomotorischen Leistungsfähigkeit.
b) Akute Schlaflosigkeit ist die Unfähigkeit, weniger als 1 Monat lang konsequent gut schlafen.
c) Chronische Schlaflosigkeit ist die Bezeichnung für Schlafstörungen, die länger als 1 Monat dauern. Die Ursachen sind höchst unterschiedlich und sollten daher medizinisch abgeklärt werden. Zu den Auswirkungen chronischer Schlaflosigkeit gehören Muskelermüdung, Halluzinationen und / oder geistige Erschöpfung, oder aber auch Reizbarkeit auf.

Die Muster von Schlafstörungen:

a) Einschlafstörungen sind Schwierigkeiten beim Einschlafen zu Beginn der Nacht, häufig sind diese mit Angststörungen assoziiert.
b) Durchschlafstörungen sind gekennzeichnet durch Schwierigkeiten, bis in den frühen Morgen durchzuschlafen. Häufig ist diese Variante durch Schmerzen oder körperliche Erkrankungen bedingt.
c) Vorzeitiges Erwachen – häufig ist dies altersbedingt, ein Merkmal der klinischen Depression, oder es liegen andere psychische Ursachen vor.
d) Albträume und Schlafwandeln – furchterregende Träume oder das Herumwandern in der Wohnung sind zumeist häufig psychisch – etwa durch belastende Ereignisse – bedingt, aber auch durch Drogenkonsum.
e) Hypersomnia ist gesteigertes Schlafbedürfnis, bei dem trotz ausreichendem Schlaf tagsüber ständig ein Gefühl von Müdigkeit und Erschöpfung besteht. Häufig ist diese Schlafstörung körperlich verursacht und sollte medizinisch abgeklärt werden.

Sehr oft wird jede Form von Schlaflosigkeit leider falsch, nämlich ausschließlich mit Medikamenten behandelt. Die Botschaft unseres Körpers, daß etwas nicht in Ordnung ist, wird damit jedoch ignoriert und unterdrückt – körperliche Folgeerkrankungen können auftreten, und durch die entstehende psychische Abhängigkeit vom Medikament wird das Einschlafen ohne „Pülverchen“ noch schwieriger als zuvor.

Was die wenigsten wissen: Schlafstörungen lassen sich fast immer auf ganz natürliche Weise stark verbessern: dazu müssen lediglich die auslösenden Ursachen für die innere Unruhe, die einem den Schlaf raubt, identifiziert und dann auch „passend“ beseitigt werden. Die häufigsten Ursachen der meisten Formen von Schlafstörungen sind zumeist relativ leicht in den Griff zu bekommen: Licht, Geräusche, kein Kaffee und keine Zigaretten mehr am Abend etwa. Chronisch Schlafgestörte (die Schlafstörungen dauern bereits mehr als drei Wochen an) sollten auch einen medizinischen Checkup auf Erkrankungen des Herz- und Kreislauf- sowie des Verdauungssystems, des Urinaltraktes und auf Stoffwechselstörungen durchführen lassen. Lassen sich keine eindeutigen körperlichen Ursachen für die Schlafprobleme finden, hilft fast immer eine kurze Reihe gezielter therapeutischer Beratungsgespräche bei der langfristigen Verbesserung der Schlaffähigkeit.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:romywilliams.files.wordpress.com)

Feb 12

Die meist verwendeten Schlaf- und Beruhigungsmittel wie beispielsweise Temesta, Dalmadorm oder Valium gehören zur Klasse der Benzodiazepine. Im Magazin “Nature” wurden nun die Ergebnisse einer Studie des Forschungsteams um Ch. Lüscher an der Universität Genf publiziert, nach denen Benzodiazepine – genau wie Heroin, Haschisch und andere Drogen auch – gezielt die Aktivität derjenigen Nervenzellen reduzieren, welche normalerweise das Belohnungssystem im Mittelhirn im Zaum halten. Wenn das entfesselte Belohnungssystem jedoch keiner Kontrolle mehr untersteht, kann es abwägende Entscheidungen zunehmend verunmöglichen und das zwanghafte Verhalten auslösen, das die Sucht definiert.

Selektiv wirksame Substanzen, die nur mit vereinzelten Untereinheiten der beteiligten GABA(A)-Rezeptoren interagieren, also zwar schlaffördernd wirken, jedoch nicht süchtig machen, seien zwar vorhanden, wurden bisher jedoch nicht klinisch entwickelt.

Psychotherapie oder andere erfolgreiche und seit Jahrzehnten etablierte Methoden, den Schlaf zu verbessern bzw. Schlafstörungen zu beseitigen, fanden in den Schlußfolgerungen keine Erwähnung.

(Quelle: Neural bases for addictive properties of benzodiazepines in: Nature 463, 769-774 (Feb 11, 2010); doi:10.1038/nature08758; Bild: fernsehen.ch)

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10.06.18