Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und gr√∂√üeren Schw√§chen st√§rker ver√§nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizit√§t” oder “neuronalen Plastizit√§t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh√§ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver√§ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizit√§t oder kortikaler Plastizit√§t. Die Grundlagen f√ľr diese Entdeckung der Anpassungsf√§higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universit√§t Z√ľrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Ver√§nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergr√∂√üern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests best√§tigen, dass schon die blo√üe Vorstellung Hirnreale vergr√∂√üern l√§sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa lie√ü Freiwillige ein simples Klavierst√ľck √ľben und untersuchte anschlie√üend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher f√ľr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergr√∂√üerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch st√§rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar st√§rker – unsere F√§higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierst√ľck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier ver√§nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tats√§chlich √úbenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings k√∂nnen also offenbar physiologische Ver√§nderungen des Gehirns durch Ver√§nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verbl√ľffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er f√§hig, realistische Bilder von Geb√§uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen √§hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und k√∂nnen zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. St√ľck f√ľr St√ľck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz pers√∂nlichen Ziele und Bed√ľrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erkl√§rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen St√∂rungen unterst√ľtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, k√∂nnen auch negative Gedanken gezielt √ľberwunden werden k√∂nnen. Werden jene Gedanken √ľberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann √ľber die Funktion der Neuroplastizit√§t eine physiologische √Ąnderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische M√∂nche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere B√ľcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf РTV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinfl√ľsse, aber auch Jonglieren ver√§ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: √ľber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu ver√§ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

Sep 09

Gewalterfahrungen und andere traumatische Erlebnisse k√∂nnen langfristig nicht nur zu psychischen sondern auch zu k√∂rperlichen Erkrankungen f√ľhren, wie aktuelle Studien aus den USA und Deutschland zeigen. So haben Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) ein erh√∂htes Risiko f√ľr Herzerkrankungen, Diabetes und andere chronische Krankheiten, wie Experten auf der internationalen Tagung ‚ÄěFolgen der interpersonellen Gewalt‚Äú an der Justus-Liebig-Universit√§t Gie√üen referierten.

Bis zu 10% der Erwachsenen in Deutschland geben an, in ihrem Leben gewaltt√§tige √úbergriffe erlebt zu haben. Solche traumatischen Erlebnisse haben Folgen, auf k√∂rperlicher Ebene beg√ľnstigen sie insbesondere die Entwicklung von chronischen k√∂rperlichen Erkrankungen. Wissenschafter des ‚ÄěUS Department of Veterans Affairs‚Äú etwa haben festgestellt, dass Kriegsveteranen mit einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) deutlich h√§ufiger an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden als Veteranen ohne PTBS. Bei 76% der Veteranen mit PTBS (im Unterschied zu 59% bei nicht traumatisierten Veteranen) konnten die Forscher so genannten Koronarkalk, einen Risikomarker f√ľr zuk√ľnftige Herzinfarkte, nachweisen.

Auch andere chronische Leiden wie etwa Asthma, Diabetes, chronische Schmerzerkrankungen, Osteoporose oder Schilddr√ľsenerkrankungen k√∂nnen Folge eines Traumas sein. Eine gro√üe, an der √§lteren deutschen Bev√∂lkerung durchgef√ľhrte epidemiologische Untersuchung der Universit√§tsklinik Leipzig zeigte auf, dass Menschen mit PTBS durchschnittlich fast 3x so h√§ufig von chronischen Krankheiten betroffen sind wie Menschen ohne Traumatisierung. Dazu kann zum einen der risikoreiche Lebensstil von PTBS-Erkrankten, wie ein erh√∂hter Zigarettenkonsum, beitragen. Doch viele Erkrankungen sind vermutlich durchaus auch direkte Folge des Traumas: Patienten mit PTBS reagieren auf Belastung mit intensiveren und l√§nger anhaltenden Aussch√ľttungen von Stresshormonen, ihre Blutwerte zeigen zudem h√§ufig Zeichen einer chronischen Entz√ľndung. ‚ÄěStresshormone und Entz√ľndungsbotenstoffe sind Risikofaktoren f√ľr Typ 2-Diabetes und koronare Herzerkrankungen‚Äú, erkl√§rt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) Johannes Kruse.

Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) werden ungewollt ‚Äď etwa in Albtr√§umen ‚Äď immer wieder mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Sie versuchen, Gedanken, Orte und Aktivit√§ten zu vermeiden, die mit dem Trauma zusammenh√§ngen. Symptome wie Depressionen, Schlafst√∂rungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialer R√ľckzug k√∂nnen Folgen eines Traumas sein.

(Quellen: MedAustria, Psychosomatic Medicine issue 73(5), p401-406; Image src:loddmedicalgroup.com)

Jan 14

Wenn sie das Wort “Depression” h√∂ren, denken viele Leute an traurige oder hoffnungslose Menschen, die nach einem nicht verkrafteten Lebensereignis zur√ľckgezogen und h√§ufig weinend ihr Dasein fristen.

Doch tats√§chlich ist das nur in den seltensten F√§llen so. In einer US-Studie aus dem Jahr 1996 konnte beispielsweise nur ein Drittel der an einer Depression Leidenden ein belastendes oder einschneidendes Erlebnis vor der Erkrankung nennen. Und es sind auch keineswegs nur negative Ereignisse, die bei manchen Menschen Depressionen ausl√∂sen k√∂nnen, sondern auch solche wie etwa die Geburt eines Kindes oder das Gelingen eines Gesch√§ftsabschlusses. Dass nicht alle Menschen bei einschl√§gigen Ereignissen Depressionen entwickeln, legt dar√ľber hinaus nahe, dass auch andere Faktoren, wie etwa genetische oder Stress-Faktoren mitbeteiligt sein d√ľrften. F√ľr die Betroffenen selbst und ihre Umwelt also ist in der √ľberwiegenden Zahl der F√§lle auf Anhieb gar kein klarer Grund f√ľr eine etwaige Depression auszumachen – was in aller Regel zu langj√§hrigen Verz√∂gerungen auf der Suche nach der korrekten Diagnose f√ľr das eigene Unwohlbefinden f√ľhrt.

Körperliche Symptome sind eine weitere, häufig fehlinterpretierte Facette depressiver Störungen. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, reduzierte Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit, aber auch andere körperliche Schmerzen, Probleme der Verdauungsorgane oder Energielosigkeit sind typische körperliche Symptome einer vorliegenden Depression.

Die mit der Depression h√§ufig verbundene Perspektivenlosigkeit f√ľhrt viele Betroffenen zu selbstsch√§digendem Verhalten. Die meisten Menschen, die Suizid begingen, litten vorher an einer (h√§ufig nicht erkannten oder behandelten) Depression. Doch es mu√ü nicht gleich Suizid sein: auch andere selbstsch√§digende Formen des Verhaltens, wie etwa Alkohol- und Drogenmi√übrauch, selbstsch√§digendes E√üverhalten oder riskantes Verhalten im Verkehr sind, wie Untersuchungen zeigen, in mehr als 60% der F√§lle an Depressionen gekoppelt.

Besonders bei √§lteren M√§nnern √§u√üert sich Depression h√§ufig auch √ľber Aggression, speziell verbale Unfreundlichkeiten, Zynismus, Schimpfen und andere Formen aggressiver Ausdrucksweise. Auch hier ist es den Betroffenen nur selten bewu√üt, dass sie an einer Depression leiden, sondern sie f√ľhren ihre innere Unzufriedenheit und ihren √Ąrger auf √§u√üere Umst√§nde zur√ľck, √ľber die sie sich regelm√§√üig und nicht selten auch lautstark beschweren.

Etwa 4 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen, die Dunkelziffer d√ľrfte aber aufgrund der h√§ufigen Fehldiagnosen und jahrelangen Leidenswege ohne passenden Befund und ad√§quate Therapie deutlich h√∂her liegen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:TRBfoto)

Oct 01

Der Begriff Pelvipathie (Pelvipathia) steht f√ľr chronische (= l√§nger als sechs Monate anhaltende) Unterbauchschmerzen (Schmerzen im unteren Bauchabschnitt bzw. kleinen Becken, meist in Form von Krampfzust√§nden) bei Frauen. Die Schmerzen treten unabh√§ngig von Geschlechtsverkehr und Zyklus auf.

Weitere gebräuchliche Bezeichnungen sind Pelvipathia, chronic pelvic pain (CPP) und Hysteralgie.

In den USA leiden ca. 15% oder ca. 9,2 Mio. Frauen zwischen 18 und 55 Jahren an chronischen Unterbauchschmerzen. Etwa 10% aller ambulanten Patientinnen, 30‚Äď40% aller Laparoskopien und ca. 10‚Äď20% der Hysterektomien werden j√§hrlich wegen Pelvipathie in den USA durchgef√ľhrt.

Doch eine Frau, die st√§ndig Unterleibsschmerzen hat, streicht das Thema Sexualkontakt selbstverst√§ndlich. Dies und die H√§ufigkeit des St√∂rungsbildes d√ľrften ein Grund daf√ľr sein, dass von dieser versteckten Sexualst√∂rung ‚Äď im Vordergrund stehen ja die Schmerzen, die den Gedanken an Geschlechtsverkehr erst gar nicht aufkommen lassen ‚Äď den USA etwa 15 Prozent der Frauen betroffen sind. Die bei den Betroffenen h√§ufige depressive Symptomatik wiederum kann den Teufelskreis von Schmerzen und Beeintr√§chtigung der Lebensqualit√§t noch weiter anheizen.

Beim Gyn√§kologen werden die Patientinnen meist mit einer invasiven Diagnostik und Therapie versorgt – die einseitig organbezogenen Eingriffe wie Adh√§siolysen und Hysterektomien verst√§rken die Symptomatik aber h√§ufig sogar noch. Denn ganz wesentlich d√ľrften psychovegetative Zusammenh√§nge an der Entstehung von Pelvipathien zumindest mitbeteiligt sein. In den zahlreichen F√§llen (etwa 40%) ohne ausreichenden Organbefund handelt es sich meist um stressbedingte Erkrankungen. Die Schmerzen k√∂nnen ferner auch ein Ausdruck unbew√§ltigter Konflikte sein, etwa in der Partnerschaft, aber auch nach Missbrauch oder anderen traumatischen Erlebnissen. Der psychische Druck √§u√üert sich dann in einer Anspannung des Unterleibs, was auf Dauer Schmerzen verursacht. Oft r√ľhren die st√§ndigen Beschwerden auch von Myomen, Bindegewebsverwachsungen oder einer Endometriose. F√ľr 60 Prozent der Pelvipathief√§lle k√∂nnten sogar Erkrankungen verantwortlich sein, die nicht im gyn√§kologischen Bereich liegen, etwa Darm-, Nieren- oder R√ľckenleiden, wie eine amerikanische Studie im Jahre 2006 (s.u.) aufzeigte. Ein “blinder Fleck” scheint in der Studie allerdings bestanden zu haben, dass ja auch psychische Ursachen dazu f√ľhren k√∂nnen, dass keine Befunde in den Fortpflanzungsorganen zutage gef√∂rdert werden k√∂nnen.
So haben Frauen mit chronischen Unterbauchbeschwerden h√§ufig auch andere (etwa somatoforme) St√∂rungen oder Depressionen (60%). Von den Betroffenen beklagen 65‚Äď79 % ein Reizdarmsyndrom, 30‚Äď70 % “abdominale myofasziale Schmerzen” (h√§ufig in der N√§he von Operationsnarben) und 5‚Äď10 % urologische Symptome (Reizblase, Schmerzen beim oder nach dem Harnlassen, Pollakisurie,..). Daneben besteht mitunter auch ein nichtorganischer Fluor vaginalis als Ausdruck der vegetativen Erregung, ein genitaler Juckreiz (meist im Vulva-Bereich, aber auch in der Scheide), ein analer Juckreiz, eine Dysmenorrh√∂, pr√§menstruelle Beschwerden und funktionelle Sexualst√∂rungen. Bei manchen Patientinnen besteht auch eine nichtorganische Vulvodynie.

Aus den angef√ľhrten Gr√ľnden sollten sorgf√§ltige k√∂rperliche Untersuchungen, die nicht nur die Genitalorgane einschlie√üen, am Beginn der Behandlung stehen und deren weiteren Verlauf bestimmen. Je nach Befund k√∂nnen dann etwa Medikamente, eine Operation oder physikalische Ma√ünahmen erfolgen. Wurden keine k√∂rperlichen Ursachen gefunden, sollte Psychotherapie oder Sexualtherapie in Anspruch genommen werden – nicht nur, um herauszufinden, welche psychischen Ursachen zu den k√∂rperlichen Schmerzen f√ľhren, sondern auch im Laufe der Behandlung wieder zu einer entspannten und erf√ľllten Sexualit√§t zur√ľckfinden zu k√∂nnen. Hypnotherapie kann sich speziell f√ľr die Schmerztherapie sowie als Entspannungsverfahren als n√ľtzlich erweisen. Die interdisziplin√§re Zusammenarbeit zwischen Arzt und Therapeut ist bei Pelvipathie eine Vorgangsweise, die sich f√ľr die effiziente Behandlung gut bew√§hrt hat.

(Quellen: Leserman J, Zolnoun D, Meltzer-Brody S, Lamvu G, Steege JF. Identification of diagnostic subtypes of chronic pelvic pain and how subtypes differ in health status and trauma history. American Journal of Obstetrics and Gynecology, 2006;195(2):554-560; Wikipedia, Pelvipathie.de; Image src:medfuehrer.de)

May 01

Depression: mehr Schmerzen nach Operationen

Psy-Pressespiegel Comments Off on Depression: mehr Schmerzen nach Operationen

Patienten, die an einer Depression leiden, haben nach operativen Eingriffen st√§rkere Schmerzen und leiden auch unter mehr Nebenwirkungen durch Schmerzmedikamente (Analgetika) als andere, wie eine aktuelle Studie aus W√ľrzburg zeigt, die in der letzten Ausgabe des Fachjournals “Der Schmerz” ver√∂ffentlicht wurde.

Während den ersten 10 Tagen meldeten von knapp 500 untersuchten Patienten jene aus der Vergleichsgruppe, bei denen depressive Symptome vorlagen, ein deutlich höheres Schmerzniveau als jene, bei denen keine solcher Symptome vorlagen. Auch an den folgenden Tagen gaben depressive Patienten höhere Schmerzniveaus an. Allerdings profitierten sie auch deutlicher von einer gezielten Schmerztherapie. Schmerzmittelbedingte Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kreislauf- und Verdauungsbeschwerden traten bei Depressiven jedoch ebenfalls häufiger auf als bei nicht-Depressiven.

Die Studien-Autoren empfehlen, Patienten vor Operationen standardmäßig auf eine mögliche depressive Erkrankung zu testen und die Schmerztherapie entsprechend anzupassen. Wegen der häufigeren Nebenwirkungen von ganzkörperlich wirksamen Schmerzmedikamenten raten sie dazu, bei depressiven Patienten vermehrt regionale Anästhesie-Verfahren anzuwenden und gegebenenfalls eine Schmerzreduktion durch begleitende Psychotherapie oder Psychopharmaka zu bewirken.

(Quelle: Schmerz; 2010, 24: 54-61; Photo:TRBfoto)

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Apr 22

Zu den M√∂glichkeiten der Behandlung und Bek√§mpfung von Schmerzen existiert eine F√ľlle an Forschungsarbeiten – doch was hilft wirklich?

In der Psychologie und Hypnotherapie sind schon lange bekannt, da√ü die Psyche eine der wesentlichsten Schaltstellen f√ľr die Schmerzbek√§mpfung darstellt. Vielen LeserInnen dieses Blogs d√ľrfte auch die erstaunlich gute Wirkung von Placebos in der Schmerzbehandlung bekannt sein. K√ľrzlich fanden nun Psychologen von der Sun Yat-Sen University, der University of Minnesota und der University of Florida im Zuge einer Studie heraus, dass offenbar Geld ebenfalls ein solches Placebo ist oder als Symbol die Menschen in positiver Weise zu beeinflussen imstande ist. Obwohl die Versuchsreihen nicht wirklich den h√∂chsten wissenschaftlichen Anspr√ľchen gen√ľgten, zeigte sich doch eine deutliche Tendenz, nach der Versuchspersonen, die vorher physischen Kontakt mit Geldscheinen oder induzierte Phantasien von Reichtum hatten, mit deutlich reduzierten Schmerzempfinden reagierten. Ebenso war ein umgekehrter Effekt bemerkbar, n√§mlich h√∂heres Schmerzempfinden bei der Erwartung von Geldverlust. Geld senkte in Stresssituationen psychischen und auch physischen Schmerz und Leiden, Mangel an Geld hingegen verst√§rkte diese Leiden.

Eine weitere Studie – durchgef√ľhrt am St. Joseph’s Hospital and Medical Center und ver√∂ffentlicht in der vormonatigen Ausgabe der Fachzeitschrift “Pain” – best√§tigt Beobachtungen, die eine ver√§nderte Schmerzwahrnehmung in Zusammenhang mit der Atemtechnik bei Zen-√úbungen oder Yoga gesehen haben. Wurden von Versuchspersonen beim Empfinden von Schmerz die Atemz√ľge pro Minute auf die H√§lfte reduziert, wurden deutlich geringere Werte an Schmerzempfinden vermeldet. Im klinischen Test wurde eine derart deutliche Schmerzreduktion durch die Atmung aber nur von PatientInnen erreicht, deren Gem√ľtszustand zum Zeitpunkt des Versuchs positiv war.

(Quellen: The Symbolic Power of Money, Reminders of Money Alter Social Distress and Physical Pain, in: Psychological Science, doi: 10.1111/j.1467-9280.2009.02353.x vol. 20 no. 6 700-706, tp, Slow Breathing Reduces Pain, in: Pain 03/2010; Photo src: empoweredonlinemag.com)

Mar 14

Verhaltensauff√§llige Kinder leiden als Erwachsene doppelt so wahrscheinlich an chronischen Schmerzen wie ihre Altersgenossen, wie eine Langzeitstudie der University of Aberdeen ergab, die k√ľrzlich im Fachmagazin Rheumatology ver√∂ffentlicht wurde.

Mehr als 19.000 Kinder, die 1958 geboren wurden und gr√∂√ütenteils aus England stammen, wurden f√ľr die Studie beobachtet – bis zum Alter von 16 Jahren beurteilten Lehrer die Sch√ľler im Hinblick auf m√∂gliche Signale f√ľr Schwierigkeiten wie Probleme beim Finden von Freunden, Ungehorsam, Daumenlutschen, N√§gelbei√üen, L√ľgen, das Schikanieren anderer und Schuleschw√§nzen. Im Alter von 42 Jahren f√ľllten die Teilnehmer einen Fragebogen zu psychologischen Problemen aus. Mit 45 Jahren folgte ein weiterer √ľber Schmerzen. In der Folge zeigte sich, dass Kinder mit schweren Verhaltensst√∂rungen ein doppelt so hohes Risiko aufwiesen, an chronischen Ganzk√∂rperschmerzen zu leiden, sowie f√ľr psychiatrische Probleme wie Depressionen, Angstgef√ľhle und Drogenmissbrauch.

Die Wissenschafter vermuten die Ursache in einer hormonellen Funktionsst√∂rung, und schlagen vor “bereits in einem fr√ľheren Lebensalter einzugreifen”, um so sp√§tere Probleme zu verhindern. Vorgeschlagen werden – angesichts der Finanzierungsstr√∂me des derzeitigen Wissenschaftsbetriebes nicht ganz √ľberraschend – nat√ľrlich prim√§r pharmakologische Behandlungen, immerhin erkl√§rte Gary Macfarlane, einer der Mitautoren der Studie, aber, dass Ver√§nderungen des Lebensstils sowie des sozialen Umfeldes ebenfalls helfen k√∂nnten, dieses Muster zu ver√§ndern. Dazu geh√∂rten Sport aber auch das Achten auf Signale psychologischer Notlagen und Verhaltensauff√§lligkeiten in der Kindheit.

(Quelle: Influence of childhood behaviour on the reporting of chronic widespread pain in adulthood: results from the 1958 British Birth Cohort Study)

Nov 27
Bildquelle: alphachimp.com

Bildquelle: alphachimp.com

Chronische Schmerzen – etwa verursacht durch Beschwerden des St√ľtz- und Bewegungsapparates, an denen 70-80% der Bev√∂lkerung im Laufe ihres Lebens erkranken – haben dramatische Auswirkungen auf die Lebensqualit√§t. So hat, wie eine aktuelle Studie des Europ√§ischen Dachverbandes von Schmerzgesellschaften EFIC zeigt, jeder vierte Schmerzpatient ein eingeschr√§nktes Sozialleben, fast ein Drittel der Schmerzpatienten b√ľ√üt an Unabh√§ngigkeit ein. M√ľdigkeit, Ersch√∂pfung, ein eingeschr√§nktes Sexualleben und Konzentrationsst√∂rungen treten ebenso h√§ufig auf. Und nicht zuletzt haben Schmerzpatienten auch ein drei Mal h√∂heres Risiko als der Bev√∂lkerungsdurchschnitt, eine psychiatrische Erkrankung zu entwickeln.

Depression ist zugleich Ausl√∂ser und Verst√§rker von Schmerzen, und Schmerzen sind umgekehrt eine Ursache von Depression. Chronische Schmerzpatienten haben ein drei Mal h√∂heres Risiko als der Bev√∂lkerungsdurchschnitt, eine psychiatrische Erkrankung zu entwickeln, und Depressionspatienten haben ein drei Mal h√∂heres Risiko f√ľr eine chronische Schmerzerkrankung”, erkl√§rt B. Kepplinger, √Ąrztlicher Direktor des Landesklinikums Mostviertel Amstetten-Mauer und Sekret√§r der √Ėsterreichischen Schmerzgesellschaft (√ĖSG) in einem Interview mit dem Standard.

Der Experte pl√§diert angesichts dieser Zusammenh√§nge daf√ľr, Schmerzpatienten systematisch auch auf Symptome einer Depression zu untersuchen: “Diese Aufkl√§rungsinitiative ist auch besonders wichtig, damit die vielen unerkannten Depressionen bei Schmerzpatienten demaskiert und ad√§quat behandelt werden k√∂nnen. (..) F√ľr die Zusammenh√§nge zwischen Schmerz und Psyche spricht auch die Wirksamkeit von Antidepressiva und psychotherapeutischen Verfahren in der Schmerz-Behandlung. Aus diesen Gr√ľnden gilt heute als unumstritten, dass Schmerzen nicht nur fr√ľhzeitig und ausreichend mit Medikamenten, sondern auch mit [psychotherapeutischen] Strategien behandelt werden m√ľssen.”

(Quelle: Studie “Pain in Europe”, EFIC)

Nov 13

In seiner mittlerweile ber√ľhmt gewordenen “Marshmallow-Studie” pr√§sentierte der Psychologe Walter Mischel 4-J√§hrige mit einer Herausforderung: “I√ü’ ein Marshmallow gleich jetzt – oder warte eine Weile und bekomme zwei!”

Einige begannen sofort zu essen, andere dagegen waren in der Lage, zu widerstehen. 14 Jahre sp√§ter fand Mischel erstaunliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen: jene, die gewartet hatten, waren vertrauensw√ľrdig geworden, selbstsicher und hatten guten schulischen Erfolg; jene, die nicht gewartet hatten, waren dagegen vergleichsweise impulsiv, stur, und schnitten deutlich schlechter bei einem Psychologischen Test ab, der die Probleml√∂sungskompetenz mi√üt (SAT Reasoning Test).

Der wichtigste Unterschied aber war nach Prof. Philip G. Zimbardo, PhD, ihre zeitliche Perspektive: Menschen, die ihre Belohnung aufschieben k√∂nnen, sind auch in ihrer Entscheidungsfindung zukunftsorientierter, w√§hrend diejenigen, die eine sofortige Belohnung erwarten, an ihre gegenw√§rtigen Bed√ľrfnisse gekettet sind. Jede Entscheidung ist demnach durch unsere internale Zeitperspektive bestimmt, eine Art unbewusste Reaktion, welche von Faktoren wie Familie, Wirtschaft, Geographie, Bildung und Kultur gepr√§gt ist. Wichtig sei eine Balance zwischen der Orientierung auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so Zimbardo – wenn man den dunklen Aspekten einer dieser Zeitebenen zu viel Aufmerksamkeit schenke, k√∂nne sich das desastr√∂s auf unsere Gesundheit, Beziehungen und Finanzen auswirken.

Neigen Sie, das Leben in vollen Z√ľgen zu genie√üen, haben aber nie genug Geld am Konto? Dann sind Sie gegenwartsorientiert, was sowohl das Potenzial f√ľr gro√üe St√§rken, aber auch Risken hat: Gegenwartsorientierung findet sich einer einschl√§gigen Studie zufolge h√§ufig bei Spielern und Menschen, die riskante Formen von Sexualverkehr aus√ľben, oft ist sie verbunden mit Drogenmi√übrauch oder alkoholisiertem Fahren. Unter ihnen finden sich jedoch auch die am meisten energiegeladenen, freundlichen, spontanen und kreativen Menschen (Personality and Individual Differences Vol. 23, No. 6, p=1700).

Auch bei vergangenheitsorientierten Personen gibt es diese Polarit√§t: “Vergangenheits-Negative” glauben, die beste Zeit liege hinter ihnen, oder sie machen die Vergangenheit f√ľr ihre aktuellen Probleme verantwortlich. “Vergangenheits-Positive” dagegen haben ein vergleichsweise hohes Selbstwertgef√ľhl, sch√§tzen Weisheit und zeigen Dankbarkeit. Aber beide Typen haben Probleme, wenn sie mit ihrem Denken zu sehr in der Vergangenheit verhaftet sind: es sind die sog. Fortschrittsverweigerer – sie z√§hlen in einer Welt der st√§ndigen Ver√§nderung bald zu den Verlierern.

Hinsichtlich des materiellen und sozialen Erfolgs im Leben bew√§hrt sich offenbar ein leichter Hang zur Zukunftsorientierung, erl√§utert Zimbardo anhand Mischel’s Studie. Zukunftsorientierte Denker sind √∂fters erfolgreich, sparen Verm√∂gen an und achten mehr auf ihre k√∂rperliche und seelische Gesundheit. Eine zu starke Zukunftsorientiertheit allerdings kann zu sozialer Isolierung f√ľhren oder zur Vernachl√§ssigung von Beziehungen, Sex und Schlaf zugunsten der Arbeit oder abstrakten Lebenszielen.

Das Wissen √ľber die zeitbezogene Denkorientierung kann helfen, Patienten in Bezug auf ihre Therapieerfolge besser einzusch√§tzen, vielleicht auch zu unterst√ľtzen. Sowohl in der medizinischen Therapie, der Rehabilitation als auch in Psychotherapien sind Erfolge “vom Fleck weg” eher selten, zumeist mu√ü eine Phase ohne deutliche Ver√§nderung oder sogar Unwohlgef√ľhle (in der medizinischen Therapie nicht selten auch Schmerzen) ausgehalten werden, um gute Heilungserfolge zu erzielen. Patienten, die Therapien fr√ľhzeitig abbrechen, sind meist vergangenheits- oder gegenwartsorientiert. Jene, die durchhalten, realisieren, da√ü es ihnen langfristig besser gehen wird, auch wenn es im Moment unangenehm ist oder gar weh tut.

Insofern ist es wichtig, Patienten zu helfen, diese Dynamik zu verstehen, sie dabei zu unterst√ľtzen, ihre Perspektiven je nach Notwendigkeit flexibel anzupassen und damit ihr Potenzial besser zu n√ľtzen. “Wenn es Arbeit zu erledigen gibt, seien Sie zukunftsorientiert. Nach der Arbeit aber legen Sie eine Pause ein, g√∂nnen Sie sich eine Massage, belohnen und verw√∂hnen Sie die hedonistische Seite in Ihnen”, sagt Zimbardo. Auf die Balance kommt es an.”

(Photo credit: creatas; Quelle: Focus.de)

ÔĽŅ10.06.18