Sep 24

Myalgic Encephalomyelitis (ME) – besser bekannt als Chronic Fatigue Syndrome (CFS) – betrifft rund eine Million Menschen in den USA und noch mehr in Europa. Dennoch gibt es viel zu wenige intensive Forschungsinitiativen, kritisieren Experten in einer Aussendung. Die Zahl der Patienten steige an, aber das Wissen über mögliche Behandlungsmethoden fehle.

Im Krankheitsverlauf zeigen sich meist neurologische, immunologische und endokrine Auffälligkeiten. Die Ursachen sind – trotz einer Vielzahl von Studien, die vor allem auf biologische und Umweltfaktoren abzielen – bis heute ungeklärt, es gibt nicht einmal laboratorische Tests oder Biomarker, die Hinweise auf bestimmte organische Komponenten geben könnten. Zu den häufigsten Symptomen von CFS gehören Muskel-und Gelenkschmerzen, kognitive Schwierigkeiten, chronische geistige und körperliche Erschöpfung bei vorheriger Gesundheit und normaler Aktivität. Zusätzlich mögliche Symptome sind Muskelschwäche, Hypersensibilität, Verdauungsstörungen, Depressionen, reduzierte Immunabwehr sowie Herz-und Atemwegserkrankungen – bemerkenswerterweise alles Symptome, die auch beim Burnout häufig sind. Es ist jedoch unklar, ob diese Symptome einander gegenseitig verstärken oder nur das Ergebnis der “eigentlichen” CFS sind. Um die Diagnose CFS zu rechtfertigen, dürfen die Symptome nicht durch andere Erkrankungen verursacht werden.

Das Resultat der schlechten Forschungslage und Information ist wohl, dass die Krankheit oft jahrelang undiagnostiziert und unbehandelt bleibt. Das Vorkommen der Krankheit und ihr Einfluss auf das Gesundheitswesen sei höher als besser erforschte Krankheiten wie Multiple Sklerose oder HIV, so der belgische Forscher belgische Kenny De Meirleir. ME/CFS ist ihm zufolge eine chronische Krankheit, die die Lebensqualität der Betroffenen enorm einschränke.

Professor Luc Montagnier – Nobelpreisträger 2009 für Medizin – meint, dass das Wissen, das über das Syndrom bereits existiert, medizinisches Personal aber entweder nicht erreicht oder es zu wenig ernst genommen wird. Montagnier, einer der Mitendecker des HI-Virus, unterstützt einen neu gegründeten Think Tank zur Erforschung und Bewusstmachung der Krankheit. Die mit diesem verbundene Organisation “European Society for ME” (ESME) hat das Ziel, das Bewusstsein und die Forschung für die ernst zu nehmende Erkrankung interdisziplinär zu schärfen.

(Quelle: European Society for ME; Erstveröffentlichung: 08/2010, letzte Aktualisierung im Kommentarbereich: 09/2011; Image src:autismfile.com)

Sep 14

‘Echo and Narcissus’ by John William Waterhouse (image source: oceansbridge.com)

Narzissmus bzw. “Selbstliebe” ist grundsätzlich eine wichtige Basis unserer Persönlichkeit: er treibt uns dazu an, uns um uns selbst zu kümmern. Als pathologische, schwere Persönlichkeitsstörung wird er nur dann betrachtet, wenn er schädigend wirkt – entweder für andere oder die Betreffenden selbst. Tatsächlich ist es keineswegs immer nur die Umwelt, die unter dem Narzissmus Einzelner zu leiden hat: manche Narzissten neigen dazu, sich selbst zu sehr zu “verwöhnen” – sie leben über ihre Verhältnisse, irgendwann aber bricht ihre Welt zusammen und Schulden, körperliche Krankheiten oder andere durch den Ressourcenmißbrauch verursachte Probleme holen sie ein.

Die Grundlage krankhaften Narzissmus’ ist ein schwaches Selbstwertgefühl, auf dessen Basis die betreffenden Personen – gewissermaßen überkompensierend – Grandiositätsgefühle entwickeln, ihre Fähigkeit zur Empathie dagegen nicht ausreichend ausgebildet wird. Es ist deshalb schwierig für sie, die Gründe der Handlungen anderer nachzuvollziehen, viel stärker bewegen sie die Auswirkungen dieser Handlungen auf sich selbst, etwa, wenn ihnen jemand bestimmte “Probleme bereitet”. Meist hört man dann lautstarke Klagen darüber, warum sich die andere Person nicht so verhalten hat, wie der Narzisst sich dies erwartete, und es kann keine Ruhe mehr gefunden haben, bis die Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden oder “Gerechtigkeit” wiederhergestellt ist.

Die Größengefühle und die enorme Bedeutung, die das Umsetzen ihrer Ideen, Absichten und Ziele für sie hat, können jedoch auch zu einer massiven Last werden. Personen, die ihre Position in Frage stellen oder auch die Möglichkeit eines Zusammenbrechens ihrer Konstrukte stellen eine latente Bedrohung dar. Auch natürliche Vorgänge wie das Altern oder strukturelle Veränderungen werden als bedrohlich empfunden: denn wenn das Selbstwertgefühl nicht mehr so einfach wie früher durch Macht und Einfluss gestärkt werden kann oder altersbedingt geistige Ressourcen, Kraft und Leistung (bei Männern insbesondere auch die Potenz) nachlassen, sind schmerzvolle Anpassungsprozesse erforderlich, mitunter erfolgen mentale Zusammenbrüche, Suchtverhalten oder Depressionen mit Suizidgedanken stellen sich ein.

Die Wurzeln der narzisstischen Störung liegen wie bei den meisten anderen psychischen Störungen auch in der Kindheit. Die US-Journalistin Jean Liedloff, die bei einem südamerikanischen Stamm gelebt hat, thematisiert in ihrem Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück” (siehe Link unten) den Verlust des narzisstischen Gefühls “Ich bin etwas wert” in der westlichen Welt. Beim Stamm der Yequana werden die Babys ein Jahr am Körper herumgetragen, schlafen bei den Eltern, Tadel oder mahnende Worte gibt es nicht. Die Kinder erhalten damit eine gute und stabile Selbstwertbasis, die sich auf körperlicher Ebene mit der Muttermilch vergleichen ließe, die das Immunsystem des Babys stärkt.

Zurückweisung oder Kritik dagegen erlebt ein Kleinkind als narzisstische Kränkung – erfährt es zuviel davon, kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln. Häufig versuchen solche Kinder später, die Zurückweisung anderer mit besonderem Ehrgeiz oder anderen Kompensationsversuchen auszugleichen. Dies könnte erklären, wieso kleine Männer besonders häufig in Machtpositionen zu finden sind. Vor dem Hintergrund des Werteverlusts in der westlichen Gesellschaft wiederum könnten zahlreiche Facetten der westlichen Kultur, etwa die bei vielen beliebte Selbstdarstellung in den sog. “sozialen Netzwerken”, oder Aspekte der Fitneß- oder Selbstfindungs-Bewegung, als narzisstische Kompensationsversuche gedeutet werden.

Kann das vorhandene Selbstwertgefühl besonders starke “narzisstische Kränkungen” (etwa einen Verlust des Arbeitsplatzes und eine kurz darauffolgende Trennung) nicht verarbeiten, kann die Störung ins Pathologische kippen und sich in Gewalttätigkeit, Amokläufen, Somatisierungen (psychosomatische Erkrankungen), Sucht oder Depression manifestieren. Diese Symptome können gewissermaßen als Ventil gesehen werden, über die sich der Schmerz einer nicht verarbeitbaren psychischen Verletzung entlädt.

Der Narzisst – und die anderen

Narzissten sind häufig entweder Einzelgänger (da sie sich von potenziellen Beziehungspartnern gebremst fühlten oder schlicht kein Interesse haben, ihr Leben mit einer anderen Person zu teilen) oder aber es treffen sich zwei Narzissten, die gemeinsam ihren jeweiligen Zielen nachjagen, emotional aber nur in sehr begrenztem Ausmaß Intimität zueinander herstellen können. Manchmal wird geliebt, um selbst geliebt zu werden – oder das “Haben” einer Beziehung ist im Grunde wichtiger als der Partner selbst. Man lebt nebeneinander her, vom Partner wird in erster Linie Anerkennung und Respekt erwartet sowie Toleranz für die mitunter weit in die Abende oder Nächte dauernden beruflichen und Hobby-Aktivitäten.
In der Arbeitswelt und im Freundeskreis wirken Narzissten häufig souverän, eloquent bis schillernd-charismatisch. Wesentliche Teile des betreffenden Verhaltens sind jedoch mehr oder weniger bewußte Selbstdarstellungen und Inszenierungen, und der Eindruck der Souveränität und Sicherheit ist ein gewollter, ja gesuchter. Wird die eigene Grandiosität überschätzt, kann dies schlimme Folgen haben: etwa wenn beim Einstellungsgespräch ein guter Eindruck erzeugt wurde, später aber durch tatsächliche Inkompetenz Probleme für den Arbeitgeber entstehen. Das starke Streben vieler Narzissten nach Top-Positionen, Inszenierung und Aufmerksamkeit ist besonders dann problematisch, wenn diese Personen über Macht und Einfluß verfügen: aufgrund ihres Mangels an Empathie gehen sie gewissermaßen “über Leichen”, um ihre Ziele zu erreichen und unterschätzen (oder ignorieren) die Folgen ihres Handelns.

Über den Weg einer Psychotherapie kann es Narzissten gelingen, ihre Lebenszufriedenheit signifikant zu erhöhen und zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen zu finden – auch wenn bestimmte Grundzüge besonders ausgeprägter narzisstischer Persönlichkeiten nur schwer oder gar nicht veränderbar sind.

Buchtipps:
Jean Liedloff, “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück” – Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit
Telfener / Liebl, “Hilfe, ich liebe einen Narzissten” – Überlebensstrategien für alle Betroffenen
Wardetzki, B., “Eitle Liebe” – Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können
Behary / Kierdorf / Höhr, “Der Feind an Ihrer Seite.” – Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern überleben und wachsen können
Berschneider, W.: “Wenn Macht krank macht”Narzissmus in der Arbeitswelt
Bergmann, W.: “Ich bin der Größte und ganz allein” – Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder
Wardetzki, B.: “Weiblicher Narzißmus – Der Hunger nach Anerkennung

Sep 11

Schizophrenie schleicht sich zumeist hinterrücks an: sie tarnt sich, häufig als “Depression” oder “Pubertätskrise”. Manchmal auch mit körperlichen Symptomen wie Herzstechen. Doch meist dauert das Versteckspiel nur wenige Wochen. Dann beginnt die Grenze zwischen dem Selbst und der Außenwelt zu schwinden, Gedanken werden laut, unbekannte Stimmen mischen sich in das Leben ein, Gefühle scheinen gesteuert, andere verfolgen, beobachten, belauschen. Schizophrenie treibt jeden zehnten Betroffenen in den Suizid, doch immer noch haftet dieser schweren psychischen Erkrankung das Stigma schlicht  hausgemachter Probleme oder mangelnder Belastbarkeit an.

Ursachen

“Dass oftmals die Persönlichkeit als Basis für Schizophrenie herhalten muss, gehört wohl zu den gravierendsten Fehleinschätzungen”, warnt W. Fleischhacker, Leiter der Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Med-Uni Innsbruck. Doch bis zu 70% des Risikos an Schizophrenie zu erkranken, verorten Forscher in den Genen. Doch “..jeder einzelne Risikofaktor birgt nur einen winzigen Bruchteil in sich. Erst wenn alle zusammenkommen, bricht die Krankheit aus; dazu gehören neben den Hirnveränderungen auch umweltbedingte Faktoren”, sagt Fleischhacker.

Tatsächlich beginnt der “Kampf im Kopf”, den immerhin 80.000 Österreicher wenigstens einmal im Leben ausfechten, häufig mit belastenden Einflüssen wie Schulschwierigkeiten, Drogen oder Liebeskummer. Und fast immer geschieht dies bereits in der Pubertät – jener Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen massiven Umbau erfährt und für das weitere Leben generalüberholt wird. Die Kombination aus erblicher Veranlagung, belastender Erfahrung und mentaler Verletzlichkeit scheint schließlich zu veranlassen, dass einige Schaltkreise der 100 bis 200 Milliarden Nervenzellen im Gehirn in Unordnung geraten. Gewöhnlich transportieren die Neuronen Informationen durch Seh-, Sprach-, Wahrnehmungs- sowie Bewertungs- und Gefühlszentren. Die Übergabe erfolgt mithilfe von Botenstoffen, die jeder Information eine Bedeutung geben: So entscheidet das Serotonin im Gefühlszentrum über Glück oder Tristesse, Glutamat reguliert die Erregbarkeit und Dopamin steuert im limbischen System Lernen und Motivation – ein hochkomplexes System, das empfindlich auf Abweichungen reagiert. Fehlt etwa Serotonin, entsteht Depression. “Nennen Sie es Seele oder Psyche: Was den Menschen ausmacht, ist das Ergebnis von zellulären, biochemischen und elektrischen Prozessen in den Neuronenschaltkreisen des Gehirns”, beschrieb der Neurochirurg Volker Sturm aus Köln die Vorgänge einst.

Diese Aussage trifft für Schizophrenie-Patienten: “Denn bei ihnen gerät das ganze philharmonische Orchester der Neurochemie in Missklang”, wie es der Wiener Leiter der Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Siegfried Kasper ausdrückt. Den größten Anteil trägt Dopamin. Im Motivationszentrum schießt es, vermutlich gesteuert durch Glutamat, über und verursacht die so typischen Wahnvorstellungen. Zugleich aber mangelt es in den Hirnarealen, wo Informationen interpretiert und emotional bewertet werden sowohl an Dopamin als auch an Serotonin. “Das aber ist sehr viel schlimmer als die auffälligen Psychosen”, sagt Kasper. Sie lösen einen massiven Rückzug von Freunden und Familie, Konzentrations- und Kommunikationsverlust aus, durch die sich die Patienten “kaum noch erreichen lassen”. Zumal durch den Serotoninmangel auch die Ausbildung neuer Nervenzellverbindungen nachlässt. Es beginnt ein biochemischer wie sozialer Teufelskreis, der, wenn er nicht gestoppt wird, die Menschen in Isolation treibt.

Behandlung

Dieser Prozess läßt sich jedoch aufhalten. Gerade die (nicht mehr ganz so) “neuen” Antipsychotika regulieren sowohl den Dopamin- als auch den Serotoninspiegel sensibel und vergleichsweise nebenwirkungsfrei. Vor allem dann, wenn die Schizophrenie rechtzeitig erkannt und medikamentös behandelt werde, könnten die meisten ein mehr oder weniger erfülltes Leben führen, so Fleischhacker. Doch genau da liegt das Problem: Meist vergehen bis zu drei Jahre, bis er Patienten zu Gesicht bekommt. Häufig schieben die Betroffenen den Arzt- oder Therapeuten-Besuch lange vor sich her, was der Krankheit viel Zeit gibt, sich in der Psyche “einzurichten”. Häufig täuschen vorübergehende Phasen der Erholung, die den erschöpfenden Anfällen folgen. Fatalerweise aber werden die Schübe unbehandelt meist schlimmer, die Wahnvorstellungen verfestigen sich, während die Fähigkeit, die eigene Krankheit zu erkennen, schwindet, und damit auch die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen.

Die Experten drängen daher auf eine begleitende Psychotherapie. “Sie lehrt Betroffene mit ihrer Erkrankung umzugehen, schützt sie vor Isolation, aber vor allem lernen sie, Vorboten der möglichen Rückfälle zu erkennen”, so Fleischhacker. Denn eine Psychose taucht keinesfalls aus dem Nichts auf – sie kündigt sich an. Studien aus Deutschland zeigen eindrucksvoll, dass Rückfälle um mehr als 30 Prozent sinken, nehmen Patienten wie auch Angehörige eine solche Therapie in Anspruch.

Mythen und Fakten

“Nur wenige Menschen erkranken an Schizophrenie.”

Etwa einer von 100 Menschen erleidet im Laufe seines Lebens zumindest einen solchen Krankheitsschub.

Schizophrene hören Stimmen.

Das “Stimmen hören” ist tatsächlich ein häufiges Symptom, das während der akuten Krankheitsschübe auftritt. Zwischen den Schüben aber leben und empfinden die Patienten so rational wie Gesunde auch.

Schizophrene haben eine gespaltene Persönlichkeit.

Es wohnen nicht zwei Menschen in einer Seele. Vielmehr ist der Patient sich seiner Wahrnehmungen durchaus bewusst und nicht selten hat er große Angst davor. Viele Schizophrene ziehen sich deswegen aus ihrem sozialen Umfeld zurück.

Für Schizophrenie gibt es keine Heilung.

Die meisten Patienten lassen sich gut durch Medikamente und psychosoziale Maßnahmen therapieren. Es gibt kaum Patienten, die dauerhaft stationär behandelt werden müssen. Viele Schizophrenie-Patienten leben selbständig und in Beziehungen, sind zum Teil in die Arbeitswelt eingegliedert.

Zum Weiterlesen:
Amen, D.: “Das glückliche Gehirn” – Ängste, Aggressionen und Depressionen überwinden – So nehmen Sie Einfluss auf die Gesundheit Ihres Gehirns
Hell, D. & Schüppbach, D.: “Schizophrenien” – : Ein Ratgeber für Patienten und Angehörige
Greenberg, J.: “I never promised you a Rose Garden” (Roman, engl.)

(Quelle: Eintrag basiert auf einem Artikel in der Zeitung ‘Der Standard’ v. 22.08.2011; Image src:medindia.com)

Aug 16

Die Medizin, Psychologie und andere Humandisziplinen der Forschung befassen sich traditionellerweise vorrangig mit den Ursachen von Problemen und der Suche nach Möglichkeiten, diese zu beheben. Seit einigen Jahren jedoch gewinnt ein neuer Ansatz verstärkte Bedeutung: die Resilienzforschung. Der Begriff stammt vom lateinischen resilio ab (“abprallen”, “zurückspringen”) und bezeichnet in der Physik hochelastische Materialien, die nach Verformungen ihre ursprüngliche Form wieder annehmen. In den Humanwissenschaften forscht man nach jenen Potentialen, die Menschen dazu befähigen, Niederlagen, Unglück, Stressoren und Schicksalsschläge besser und schneller zu meistern oder den Körper zu heilen.

In der Verhaltensforschung und Psychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die aus Schwierigkeiten das Beste machen, daraus lernen und reifen, oder zumindest weniger Schaden nehmen als andere unter ähnlichen Umständen. Resilienz ist jedoch keineswegs mit Unempfindlichkeit oder der Selbstverleugnung traumatischer Erlebnisse oder zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in unserem Leben zu verwechseln. Vielmehr beschreibt diese Fähigkeit eine Haltung innerer Stabilität, eine positive Grundhaltung, die Menschen in die Lage versetzt, an Leidenserfahrungen und Konflikten zu wachsen, statt sich in den damit verbundenen Emotionen festzulaufen und damit ihre Lebensqualität noch weiter einzuschränken. In der Regel erfolgt bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit ein Perspektivenwechsel: entweder wird die Situation neu interpretiert oder der Fokus verlagert sich auf andere, positive Lebensbereiche. Befragt man diese Personen nach ihrer problematischen Erfahrung, werden häufig positive Seiteneffekte oder durch das einschneidende Ereignis verursachte Lernmöglichkeiten mit erwähnt. In besonders schwierigen Lebenssituationen suchen Personen mit hoher Resilienz aktiv professionelle Hilfe, um baldmöglichst wieder auf die Beine zu kommen, statt sich einer womöglich chronisch belastenden Situation auszusetzen.

In der kulturübergreifenden Forschung wurde beobachtet, dass Resilienz eine Fähigkeit ist, die nicht durch die individuelle Person allein erklärt werden kann. “Gute” Familien, Schulen, eine “gesunde” soziale Umgebung und faire gesellschaftliche Bedingungen helfen dabei, die entsprechenden Fähigkeiten zu entwickeln, und jüngere Menschen haben diese eher als ältere. Ebenso existieren entsprechende Risikofaktoren: etwa frühe psychische oder körperliche Gewalterfahrungen, psychische Leiden enger Bezugspersonen sowie diverse kulturelle Faktoren.

Psychologen haben 7 Säulen der Resilienz ausgemacht – Indikatoren für eine starke Fähigkeit zur Stress- und Krisenbewältigung. Über je mehr dieser Eigenschaften jemand verfügt, umso resilienter die betreffende Person:

  • Selbstbewusstsein: Resiliente Menschen glauben an die eigenen Kompetenzen. Sie werden aktiv statt zu jammern und damit in eine Opferrolle zu verfallen, und sie vertrauen ihren Fähigkeiten, über kurz oder lang Problemlösungen zu finden.
  • Kontaktfreude: Resiliente Menschen kommunizieren gern. Sie lösen Schwierigkeiten bevorzugt gemeinsam mit anderen Menschen statt im Alleingang und suchen sich dafür passende Partner aus. Ihren häufig gut entwickelten sozialen Fertigkeiten versetzen sie in die Lage, gute und lang anhaltende Beziehungen aufzubauen.
  • Gefühlsstabilität: Resiliente Menschen verfügen über gute Fertigkeiten, ihre Emotionen und gedanklichen Muster zu analysieren. Dadurch können sie die eigene Gefühlswelt und ihre Reaktionen so steuern, dass sie hohe Belastungen nicht nur als Stress, sondern auch als Herausforderung empfinden, wodurch sie in der Regel handlungsfähiger als andere bleiben.
  • Optimismus: eine Grundüberzeugung hinsichtlich positiver Möglichkeiten, die selbst in schwierigen Lebenssituationen stecken, ist eine integrale Voraussetzung für Widerstandsfähigkeit. Man wird von resilienten Menschen deshalb in schwierigen Situationen nur selten negative Verallgemeinerungen hören, sondern eher hoffnungsvolle Formulierungen wie „Diesmal hatte ich keinen Erfolg, nächstes Mal schon.“
  • Handlungskontrolle: Resiliente Menschen sind alles andere als impulsiv, sondern vielmehr in der Lage, auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen kontrolliert und überlegt zu reagieren. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sofortige Belohnungen zugunsten eines höheren Ziels in der Zukunft aufzuschieben – im Fachjargon heißt das Gratifikationsverzicht. Diese Kontrolle ist zugleich eine wichtige Komponente der emotionalen Intelligenz (EQ).
  • Realismus: Resiliente Menschen denken langfristig und entwickeln für sich realistische Ziele. Dadurch werden sie von vorübergehenden Krisen im Leben – etwa Trennungen, dem Tod der Eltern oder bei beruflichen Problemen – nicht so leicht aus dem Gleichgewicht geworfen. Da sie eine längere Perspektive im Kopf haben, stabilisiert sich ihr emotionaler Zustand zumeist rascher wieder.
  • Analysestärke: Resiliente Menschen sind in der Lage, kreativ zu denken und sich leichter von eingefahrenen Denkpfaden zu lösen. Ihre Fähigkeit, die Ursachen von Krisen zu identifizieren, zu analysieren und damit zukunftsorientiert umzugehen, ermöglicht ihnen, adäquate Lösungen zu entwickeln. Und wenn sie dazu einmal nicht selbst in der Lage sein sollten, holen sie sich pragmatisch Hilfe.

In der Literatur werden eine Reihe von Ansätzen angeführt, mit denen die eigene Resilienz über bereits vorhandene Fähigkeiten hinaus erhöht bzw. angeregt werden kann:

  • Resiliente Kommunikation: “Das, was bei mir okay ist, hat mehr Einfluß als das, was nicht passt.”
  • Fokus auf die Stärken einer Person – und die Frage: “wie kann ich diese Stärken dazu nutzen, um Probleme zu überwinden?”
  • Positiv sein: das Leben als herausfordernd, dynamisch und gefüllt mit Chancen wahrnehmen
  • Fokus: ein Ziel festlegen und dieses bewusst anpeilen
  • Flexibilität: sich bei Unsicherheiten alle Optionen offen halten
  • Selbstorganisation: unsicheres Terrain benötigt durchdachte Strategien
  • Eigeninitiative: vorausschauend und aktiv handeln
  • Coaching: wenn sich nichts zu bewegen scheint, professionellen Input holen
  • Geduld: sich zu erholen, benötigt selbst bei den besten Strategien Zeit
  • anderen helfen

 

(Quellenangabe: die Beschreibung der Resilienzsäulen basiert auf einem Artikel der “Wirtschaftswoche”).

Aug 05

Es kann ganz schön hart sein, ein Kind oder Teenager in Asien zu sein! Auf den ersten Blick könnte man sich ja fragen, ob überhaupt eine bessere Umgebung denkbar wäre, um natürlich und unbeschwert aufzuwachsen. Doch tatsächlich beobachten viele ausgewanderte Eltern an ihren Kindern Anzeichen von etwas, das man bemüht zurückhaltend “Anpassungsprobleme” nennen könnte. Aber warum ist das so?

Die schwierigste Herausforderung für die Kinder von Auswanderern nach Asien ist es, ihre Freunde und ihr gewohntes Umfeld zurücklassen zu müssen und in ein fremdes Land “transferiert” zu werden, das sich zunächst einmal ungewohnt, ja feindlich anfühlen kann. Sie verstehen die Landessprache nicht, fühlen sich unwohl, da die Menschen anders als gewohnt aussehen, ja sogar das ungewohnte Klima und Essen kann sie belasten. Häufig sind es tatsächlich gerade die “kleinen” Dinge: Faktoren, die uns Erwachsenen gar nicht auffallen, die es Kindern und Jugendlichen schwer machen, sich zurechtzufinden.

Jüngere Kinder tun sich mit den Veränderungen noch am leichtesten – es fällt ihnen leichter, eine neue Sprache zu erlerenen und sie erhalten in den meisten Regionen Asiens viel positive Zuwendung und Neugier, fühlen sich also insgesamt “willkommener”. Ab etwa 7 Lebensjahren aber kämpfen Teens eher mit der Veränderung, die ihnen ihre Eltern “angetan” haben, wobei ihnen diese Abwehrhaltung die Anpassung noch weiter erschwert.
Denn kulturelle Unterschiede werden von bereits etwas älteren Kindern oder Teenagern besonders stark empfunden. Wenn wir uns versuchen vorzustellen, dass eine der größten Herausforderungen für Kinder in der Entwicklung von Selbstvertrauen nicht nur bezogen auf sich selbst, sondern auch auf ihren Umgang mit anderen liegt, mag es uns leichter fallen zu verstehen, warum es für Kinder regelrecht einer traumatischen Erfahrung ähneln kann, wenn sie aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen werden und lernen müssen, mit zum Teil höchst unterschiedlichen ‘sozialen Regeln’ umzugehen und Kontakte mit Menschen herzustellen, die sie weder sprachlich, noch von ihrem gelegentlichen Verhalten her verstehen.

Kinder und Jugendliche, die mit solchen Irritationen und Herausforderungen konfrontiert sind, reagieren häufig mit Protest oder gar Aggression, mit Rückzug, schulischem Rückfall oder sie entwickeln psychosomatische Störungen. Da die Eltern als Verantwortliche für all diese Veränderungen wahrgenommen werden, ist es in der Regel weise, die Krise nicht unter allen Umständen alleine bewältigen zu wollen, sondern einen Freund/eine Freundin von daheim oder einen Berater vor Ort zu involvieren, der beim erforderlichen Anpassungsprozess unterstützt. Dies kann ein bißchen Zeit benötigen, doch üblicherweise ist es auf diese Weise selbst den “schwierigsten” Jugendlichen möglich, sich Schritt für Schritt zu öffnen und wieder zu einer konstruktiveren Einstellung ihrer neuen Lebenssituation gegenüber zu finden.

In einem Folgeartikel werde ich mich mit den Herausforderungen befassen, mit denen bereits in Asien geborene Expat-Kinder konfrontiert sind.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image:Janine Wiedel Photolibrary / Alamy)

Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz hört man häufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tatsächlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise können selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, Süchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht heißen, dass die Genetik kein wichtiges Potential hätte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, sämtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren für unsere Krankheiten und Störungen auch weiterhin zu berücksichtigen.

Einer der haarsträubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unabänderlich sei, könnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, persönliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. Tatsächlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. Für komplexe Störungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder Abhängigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken Einflüsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung später entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, können diese Einflüsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgeführte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein während der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene veränderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So könnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr Möglichkeiten, unser Leben zielführend zu verändern, als wir es uns vorstellen mögen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

Jul 23

Fetisch oder Sexualstörung? BuchempfehlungBin ich “pervers” oder erfreue ich mich schlicht am Außergewöhnlichen? Die Antwort auf diese Frage erfuhr im Laufe der menschlichen Geschichte signifikante Veränderungen. So manche Sexualpraktik, bei deren Ausübung man vor wenigen hundert Jahren noch als “Besessener” am Scheiterhaufen verbrannt oder in den “Narrenturm” gesperrt worden wäre, wird heute als durchaus normal betrachtet. Dennoch existieren Formen des sexuellen Verhaltens, die selbst dann als pathologisch betrachtet werden, wenn man moralische Gesichtspunkte außer Acht läßt: als Störung oder sogenannte “Paraphilie” wird bezeichnet, wenn die sexuellen Verhaltensweisen oder Triebkräfte die Betroffenen belasten oder sie selbst oder andere schädigen. Dies ist eine wichtige Unterscheidung, um Abwertungen schlicht “ungewöhnlicherer” Vorlieben wie etwa einer sexuellen Attraktivität des gleichen Geschlechts – welche bis 1973 immer noch Teil der Diagnosehandbücher war – zu vermeiden.

Zukünftige Versionen dieser Diagnoseschlüssel werden vermutlich noch weiter zwischen Paraphilien und “paraphilen Störungen” unterscheiden. Eine Paraphilie selbst würde nicht automatisch als therapiebedürftig betrachtet, sondern lediglich Störungen – das, was Betroffenen belastet oder sie selbst oder ihre Sexualpartner schädigen könnte. Außergewöhnlichere Vorlieben wie etwa “cross-dressing” würden demnach nicht mehr automatisch als krankheitswertig (z.B. “Transvestitismus”) diagnostiziert werden – außer, die betreffende Person wäre damit unglücklich oder ihr Leben beeinträchtigt.

Während diese neue Generation der Diagnoseschemata definitiv viele Formen von Abwertung verhindern wird, werden sich die Diagnosen andererseits auch wieder stärker an kulturellen Wertungen orientieren: in Gesellschaften mit engeren kulturellen Normen wie etwa den meisten asiatischen Ländern werden dann wohl wieder häufiger Menschen als “sexuell abnorm” diagnostiziert werden, sobald diese neuen Klassifikationen zum neuen medizinischen Standard erklärt wurden, da das Verhalten der Betreffenden viel eher als “schädigend” oder “belastend” für andere betrachtet werden dürfte.

Die häufigsten Paraphilien, die heute als Störungen gelten, sind Exhibitionismus, Fetischismus (sofern bestimmte Objekte erforderlich sind, um Erregung zu verspüren oder einen sexuellen Höhepunkt zu erreichen), Frotteurismus (das Bedürfnis, fremde Personen zu berühren), Pädophilie, sexueller Masochismus und Sadismus, Transvestitismus, Urophilie und Voyeurismus. Diese Formen sexueller Abweichung können zu einem massiven Problem werden, wenn die ausgewählten SexualpartnerInnen diese ablehnen oder nicht mündig sind, wenn lokale Gesetze verletzt werden oder die sexuelle Erlebensfähigkeit einer Person ausschließlich davon abhängt…

Können Paraphilien “geheilt” werden? Viele Experten meinen, dies sei nicht möglich, zumindest nicht mit Standardmethoden der Sexualtherapie. Immerhin aber können viele Personen in einer solchen lernen, ihr Sexualverhalten besser zu “managen” und flexibler zu gestalten – zumindest in einem Ausmaß, in dem Gesetzesverstöße oder eine Zerstörung ihrer Partnerschaften vermieden werden können.

Weiterführende Artikel und Literaturtipps:

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011)

Jul 23

“Schönheitschirurgen” und die Kosmetikindustrie leben davon (und Kritiker behaupten, sie tun ihr Bestes, um es zu fördern): das “Dorian-Gray-Syndrom” beschreibt ein Phänomen, bei dem Menschen regelrecht zwanghaft kosmetische Produkte kaufen und medizinische Prozeduren auf sich zu nehmen – im Versuch, ihre Jugend zu erhalten. Oscar Wilde griff in seinem berühmten Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” sehr eindrücklich das psychologische Dilemma der Betroffenen auf, nicht altern und seelisch reifen zu wollen. Der Protagonist des Romans wurde in Folge zum Namensgeber für das einschlägige Verhaltensbild.

Während das Syndrom als solches zwar noch nicht in die medizinischen Diagnoseschlüssel aufgenommen wurde, zeigen viele Patienten, die daran leiden, jedoch klar diagnostizierbare Elemente sogenannter Körperbildstörungen (mit starken Sorgen rund um – mitunter nur von ihnen selbst – wahrgenommene Defekte ihrer körperlichen Erscheinungsbildes), narzißtische Persönlichkeitselemente (etwa ein Gefühl der Überlegenheit anderen gegenüber oder starke Beschäftigung mit sich selbst), sowie Zeichen verzögerter psychischer Reifung (Maturation) in bestimmten Teilbereichen ihrer Persönlichkeit. In ihrer Sorge um ihr äußeres Erscheinungsbild und ihrer Schwierigkeit, ihr körperliches Altern zu akzeptieren, sind DGS-PatientInnen häufig intensive Benutzer (oder Mißbraucher) von Haarwuchs- und Diätprodukten, Stimmungsaufhellern und Potenzmitteln, oft sind sie Mitglieder in Fitneßclubs und häufig auch wiederholt Patienten für kosmetische Operationen (Laser-Korrekturen, Botox-Injektionen oder andere ästhetische Eingriffe).

Falls Sie jemanden kennen, der Anzeichen des Dorian-Gray-Syndroms zeigt, dürften Ihnen vielleicht auch depressive Tendenzen auffallen, die sich – wenn sie unbehandelt bleiben – selbstschädigend auswirken können: etwa wenn der oder die Betroffene versucht, das negative Selbstbild durch den Gebrauch von Medikamenten, Drogen oder wiederholten Operationen zu unterdrücken. Wer aber hätte das Recht, das jeweilige Verhalten als “schädlich” zu bezeichnen? Für manche Menschen wäre es wohl inakzeptabel, ihr Leben ständig nach derartigen Zwangsgedanken auszurichten, andere dagegen verändern lieber ihren Körper, als ihre Psyche zu hinterfragen.

Was läßt sich gegebenenfalls tun? Bei manchen Betroffenen stellt sich eine Persönlichkeitsstörung als eigentliche Ursache für die Körperbildstörung heraus, bei anderen ist es ein Mangel an Selbstwertgefühl. Während zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen unterschiedliche Maßnahmen (häufig eine Kombination aus Psychopharmaka und Psychotherapie) erforderlich sind, kann das Selbstwertgefühl sehr effizient mit Methoden aus der Psychotherapie alleine verbessert werden. Dies erfordert nicht unbedingt jahrelange “Gespräche” – klare und auch dauerhafte Verbesserungen sind in der Regel schon nach einigen Monaten regelmäßiger Sitzungen möglich. Diese haben unter anderem das Ziel, hinsichtlich der körperlichen Veränderungen, die unser Leben mit sich bringt, selbstsicherer und gelassener zu werden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:Dorian Gray Movie 2009)

Jul 23

Mark Twain sagte: “Das Rauchen aufzugeben, zählt zu den einfachsten Dingen überhaupt. Ich muss es wissen, schließlich habe ich es tausende Male getan!”

Nun, wir wissen es alle: mit dem Rauchen aufzuhören, reduziert das Risiko schlimmer Erkrankungen wie Krebs und Gefäßerkrankungen, es verbessert die Zeugungsfähigkeit, das Atmen und die körperliche Leistungsfähigkeit. Ein anderer Vorteil des Aufhörens ist, dass das Essen wieder besser schmeckt (für manche ist dies allerdings ein Grund, weiterzurauchen, da dieser Vorteil mit ihrer Essstörung nicht harmoniert…). Sie würden wieder besser und jünger aussehen, besser riechen und sich daneben noch eine Menge Geld ersparen. Aber warum fällt es dann vielen so schwer, die Gewohnheit – oder Sucht -, zu rauchen aufzugeben?

Die Gründe für sie lassen sich auf 2 wesentliche Faktoren reduzieren: Nikotin und Gewohnheit. Nikotin ist eine stark süchtigmachende Substanz, die auf natürliche Weise in der Tabakpflanze vorkommt, und löst bei Ihrem Gehirn die Freisetzung eines Feuerwerks an Dopamin aus – dem Hormon, das uns auch an Essen und Sex erfreuen läßt. Es erhöht auch die Aktivität in Hirnbereichen, die für kognitive Funktionen wichtig sind – zu rauchen kann also die Konzentrationsfähigkeit erhöhen. Und als ob dies alles noch nicht genug wäre erhöht Nikotin auch unseren Endorphinspiegel, was ein Gefühl von Euphorie erzeugt. Ein solch bequemes Hilfsmittel, das einen auf so viele Weise besser fühlen läßt, gibt man natürlich nicht einfach auf. Noch dazu, wo das Aufhören meistens deutlich spürbare Entzugseffekte mit sich bringt.

Ein weiterer wichtiger Faktor für diese spezielle Sucht ist Gewohnheit – die kleinen Abläufe, die mit dem Rauchen verbunden sind. Rauchen ist häufig mit täglichen Aktivitäten und Auslösesituationen verbunden wie etwa: nach dem Essen, beim Plaudern mit Freunden, beim Pause-machen, am Computer, in Stress-Situationen (zur Entspannung) u.v.m. Diese Aspekte des Rauchens zu überwinden kann genauso herausfordernd sein wie die körperliche Gewöhnung.

Folglich benötigen die meisten Menschen, die ein für alle Mal mit dem Rauchen aufhören möchten, eine Methode, die ihnen hilft, beide Schwachpunkte anzugehen: die Sucht selbst und die Verhaltensgewohnheiten, die damit verbunden sind. Die bestehenden “Fallen” müssen identifiziert und danach neue Abläufe entwickelt werden, die es einfacher machen, die Impulse zum Anzünden der nächsten Zigarette zu überwinden. Hypnotherapie kann hier sehr gut unterstützen, andererseits aber auch keine Wunder bewirken ohne einen klaren Entschluss der Betroffenen, ihre Abhängigkeit in den Griff zu bekommen. Die ersten Wochen sind meist die schwierigsten. Nach 8-12 Wochen fühlen sich die meisten jener, die es soweit geschafft haben, ohne das Rauchen bereits wohler. Aber auch davon “schaffen” es nur 3 von 10 Menschen, dauerhaft aufzuhören.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:s3.hubimg.com)

May 19

Image: makenwords.blogspot.com

Einer der weniger bekannten Aspekte von Psychotherapie ist die Verschwiegenheitspflicht. Diese Regelung (die übrigens keinen absolut bindenden Part im den meisten Ländern Asiens darstellt, in westlichen Ländern jedoch i.d.R. sehr strikt gehandhabt wird) sagt grundsätzlich aus, dass alles, was ein Klient im Kontext einer Psychotherapie von sich gibt, zwischen dem Therapeuten und dem Klienten zu bleiben hat. In Österreich ist es Psychotherapeuten nicht einmal erlaubt, Ehepartner über eine Diagnose zu informieren oder darüber, ob der Partner eine Sitzung wahrnahm oder nicht. Klienten können ihre Therapeuten zwar von der Verschwiegenheitspflicht befreien, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Vor Gericht dürfen Psychotherapeuten ebenfalls keine Details über Therapiesitzungen offenbaren. Ausnahmen existieren lediglich bei Gefahr im Verzug. Bei Psychotherapie-Finanzierung über Krankenkassen verlangen diese in Österreich und auch den meisten anderen europäischen Ländern die Angabe einer Diagnose gemäß ICD-10, viele TherapeutInnen jedoch wählen zur Vermeidung von Stigmatisierung und aus datenschutzrechtlichen Bedenken beim Vorliegen mehrerer psychischer Belastungen meist “unverfänglichere” Diagnosen.

Wenn diese Regelung auch merkwürdig klingen mag, so macht sie doch Sinn: sie garantiert einen sicheren Ort für Menschen, an dem sie vertrauensvoll ihre tiefsten Gefühle und heikelsten Gedanken ausdrücken können, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass jemand je davon erfahren wird. In Zeiten, in denen unsere Privatheit scheibchenweise von Regierungen und auf elektronischem Wege genommen wird und die Gesellschaft sehr strikte Regeln über “korrektes” Verhalten und Denken definiert hat, ist es wichtig, wenigstens einen Ort zu haben, an dem man seine intimsten Gedanken, Sorgen oder heiklen Schwierigkeiten aussprechen und sich sicher sein kann, dass sie die 4 Wände der Praxis nicht verlassen werden. Es kommt naturgemäß häufiger vor, dass mir Männer über pädophile oder gewalttätige Fantasien erzählt haben oder Frauen über Sex-Probleme oder Schwierigkeiten bei der Partnersuche – aber nur, wenn über diese Gedanken offen gesprochen werden kann, ist ein sachlicher Zugang möglich und eine Entwicklung von Strategien, wie mit ihnen am besten umzugehen ist.

Die Verschwiegenheitspflicht allein ist ein guter Grund, warum jemand, der einen Psychotherapeuten aufsucht, nicht als “schwach” oder “verrückt” zu gelten hat. Allein, um die Möglichkeit zu nutzen, einmal alle Aspekte eines Problems offen auszusprechen, sich neutrales Feedback zu holen und vielleicht auch an einer Verbesserung der Situation zu arbeiten, kann Grund genug sein. Wenn Sie nicht sicher sind, wie Ihr Psychotherapeut oder Berater es mit der Verschwiegenheitsregel hält, fragen Sie einfach. Es ist ein Zeichen der Seriosität, wenn Sie darauf eine geradlinige Antwort erhalten.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bild-Quelle: martinspi.com)

01.09.19