May 03

Wenn der Blutdruck steigt, die Halsvenen anschwellen – und der rationale Verstand auszusetzen droht: Aggression “beamt” uns in ein Frühstadium unserer Entwicklung zurück … und ist der Adrenalinrausch erst einmal verflogen, kehrt häufig Reue ein über das, was im Rausch der Emotionen an Zerstörungsarbeit (verbal oder physisch) geleistet wurde.

Grundsätzlich gibt es 2 Kategorien von Aggression: affektive Aggression (Rache, Feindseligkeit, Neigung zu impulsivem und unkontrolliertem Verhalten) und sog. instrumentelle Aggression (z.B. Jagdverhalten, zielorientiert und überlegt). Empirische Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen mit einer Neigung zu affektiver Aggression über einen niedrigeren IQ verfügen als andere. Aggression ist nicht gleichbedeutend mit Gewalt – sie kann diese aber auslösen. Die Ausdrucksweisen von Aggression sind außerdem kulturell unterschiedlich: so neigen diversen Studien zufolge die Bewohner südlicher Länder oder auch von Amerikanern eher zu körperlicher Gewalt als Japaner oder die Bewohner nördlicher Länder, welche verbale Konfliktlösungen bevorzugen. Auch die Mordquote ist in diesen Regionen höher.

Bemerkenswerterweise gibt es auch einen wichtigen Zusammenhang zwischen der Neigung zur Gewalt und der Sozialisation: wuchsen Menschen in Familien mit hohem Aggressionspotenzial auf (verbale, psychische oder körperliche Gewalterfahrungen), passen sie ihr eigenes Verhalten entsprechend an und neigen – häufig, ohne es ursprünglich zu wollen! – im späteren Leben auch selbst zu Ausbrüchen von Aggression. Dies gilt auch für die soziale Akzeptanz von Gewalt, etwa bestimmten Volksgruppen gegenüber: eine Dynamik, die wohl mitverantwortlich ist für die nicht endenwollende Gewaltspirale im nahen und mittleren Osten. Viele Menschen reagieren darüber hinaus aggressiv, wenn sie das Gefühl haben, nicht verstanden oder ernst genommen zu werden, oder Ziele und Hoffnungen nicht realisieren zu können. Aus psychologischer Sicht ist dies meist in einem geringen Selbstwertgefühl begründet.

Auch viele Partnerschaften werden durch inadäquaten Ausdruck von Aggression belastet: Studien zufolge neigen Männer eher dazu, Aggression körperlich und direkt auszudrücken, Frauen dagegen tun dies eher verbal und indirekt. In Beziehungskrisen sind “Eskalationsspiralen” häufig, bei denen zunächst ein verbaler Schlagabtausch erfolgt, und schliesslich einer der Partner die Kontrolle über sich verliert und den anderen körperlich oder seelisch verletzt. Je regelmäßiger derartige Abläufe vorkommen, desto schwieriger ist es selbst in einer Paartherapie, die Konfliktmuster aufzulösen. Auch hier gilt also: je früher erfahrene Hilfe gesucht wird, desto erfolgversprechender!

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle: allhealthsite.com)

May 03

Arzneimittel über das Internet zu bestellen, ist heute einfach, und selbst die meisten Apotheken verkaufen in Asien ohne jegliche Rückfrage Medikamente, die im Westen verschreibungspflichtig wären. Besonders beliebt in den Online-Katalogen: Amphetamine, Potenzmittel und Antidepressiva. Doch die “Selbstmedikation” ist gefährlich: speziell von Amphetaminen wie Ritalin (Methylphenidat), die leistungssteigernd und konzentrationsfördernd wirken, werden unter dem steigenden Druck der Leistungsgesellschaft immer mehr Menschen abhängig und müssen sich Monate oder Jahre später an spezialisierte Kliniken oder Psychotherapeuten wenden. Einer Studie amerikanischer Kinderärzte zufolge stieg in den letzten acht Jahren die Anzahl der “dopenden” Studierenden um 75 Prozent an. Häufig werden die Medikamente zudem falsch eingesetzt, da die Ursache etwa der Konzentrationsstörungen oder Erektionsprobleme ganz woanders liegen als dort, wo das Medikament ansetzt. Erektile Dysfunktion etwa hat bei Männern unter 55 Jahren zumeist rein psychische Ursachen. Durch Gewöhnungseffekte kommt es dann bei der gewohnheitsmäßigen Einnahme schließlich häufig zu Überdosierungen und einer erhöhten Anfälligkeit für krankmachende Nebeneffekte. Irgendwann behandeln die Nutzer nur noch das Entzugssyndrom (bei Potenzmitteln ist das häufig die Unsicherheit, Sex ohne das Medikament auszuüben) – sie verspüren keine deutliche Wirkung mehr, können das Medikament aber auch nicht absetzen und geraten damit in einen Teufelskreis. Erschwerend kommt die oftmalige Mehrfachabhängigkeit dazu: etwa die Einnahme von Amphetaminen während des Tags, und dann am Abend die Einnahme von Alkohol und/oder Tranquilizern bzw. Schlafmitteln.

Zeichen beginnender psychischer Abhängigkeit von Arzneimitteln können Gefühle von Unsicherheit oder Angst sein, wenn auf die Einnahme verzichtet wird, oder wenn im Laufe der Zeit die Dosis gesteigert wird, die Wirkung des Medikaments jedoch gleich bleibt oder sogar geringer wird oder ganz ausbleibt. Ebenso ein Alarmsignal ist, wenn dem Organismus ohne ärztliche Diagnose und Verschreibung im Laufe der Jahre immer mehr Substanzen zugeführt werden (hierzu gehören auch Nahrungssubstitutionsmittel, Injektionen mit Hormonen, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Nasentropfen usw.). Zumeist wird Medikamentenabhängigkeit erst sehr spät eingestanden, wenn bereits Erkrankungen der Organe vorliegen oder Unfälle (z.B. durch Konzentrationsmangel) auftreten. Für den psychischen Entzug ist eine Kombination von Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sehr effektiv, immer ist aber eine ärztliche Abklärung auf etwaige körperliche Schäden dringend anzuraten.

In Österreich sind nach Angaben des API-Instituts ca. 350.000 Menschen alkoholkrank, ca. 130.000 sind von Medikamenten, knapp 30.000 von illegalen Drogen abhängig.
In den USA wird einer Untersuchung der University Michigan von 2010 zufolge bei fast einer Million Kindern fälschlicherweise das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsyndroms (ADHS) diagnostiziert. Davon betroffen sind vor allem die jüngeren Kinder einer Jahrgangsstufe in Kindergarten oder Schule.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:vth.biz)

May 03

Betrug, Verschuldung, Mordfälle, Suizide, Liebeskummer, Depression, Psychosomatische Erkrankungen, Mittellosigkeit, Drogenabhängigkeit, berufliche Perspektivlosigkeit, Zerwürfnisse mit der Herkunftsfamilie, Straffälligkeit in der Heimat,… dies sind nur einige der Gründe (oder Folgen), wenn in Asien lebenden “Expats” eine Rückkehr in ihre Heimat unmöglich erscheint. Ein Blick in die Zeitung genügt: viele der Pressemeldungen über in Schwierigkeiten verwickelte westliche Expats beschreiben im Grunde Personen, die keinen Ausweg mehr sahen aus dem Spannungsfeld von Problemen hier in Asien einerseits und einem “nicht mehr zurück können” andererseits.

Auch wenn sich eine Auswanderung zunächst großartig anfühlt und viele der vorher bestehenden Probleme, Frustrationen oder “Engegefühle” zu beseitigen scheint – über kurz oder lang treten entweder völlig neue und unerwartete Probleme auf oder die alten Probleme holen uns wieder auf die eine oder andere Weise ein. Denn nicht nur ist ein am Beginn der Auswanderung häufig stark unterschätzter kultureller Umstellungsprozess zu leisten, sondern wir nehmen auch unseren “psychischen Problemrucksack” in das neue Land mit. Unsere “Macken”, Schwächen, Neigungen und Anfälligkeiten werden zunächst zwar vom Hochgefühl der Auswanderung überlagert, nach und nach aber merken die meisten Menschen auch im neuen Land, wie diese Schwachpunkte zunehmend für Probleme und Schwierigkeiten sorgen. Ein Mensch, der in Europa unter Depressionen litt, wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Thailand früher oder später von der Depression eingeholt, jemand mit einer Neigung zu aggressivem Verhalten wird dieses nicht automatisch an der Grenze ablegen können, und es ist eher unwahrscheinlich, dass jemand, der schon im Westen Schwierigkeiten hatte, eine Lebenspartnerin zu finden, bei einem Barbesuch die ideale “Traumfrau” findet.

Das unangenehme Erwachen folgt jedoch häufig erst Monate oder gar Jahre später – nicht selten zu einem Zeitpunkt, zu dem eine Rückkehr in die alte Heimat schwieriger denn je erscheint, sei es aus finanziellen Gründen, aufgrund dorthin abgebrochener Beziehungen oder gar, weil eine Rückkehr noch weitaus unangenehmere Probleme oder Fragen aufwerfen würde. Die Folge ist ein Gefühl des Gestrandet-seins … in einer Sackgasse, aus der nur mehr schwer zu entkommen ist. Viele Betroffene ertränken dieses Gefühl in Alkohol oder anderen Drogen, lenken sich mit Oberflächlichkeiten ab oder das tägliche Leben wird zunehmend zu einem Wechselspiel zwischen Phasen von Aggression und Frustration.

Expat-Clubs sowie soziale Einrichtungen oder in Notfällen auch die lokale Landesvertretung können hier wichtige erste Orientierungsmöglichkeiten bieten. Wer seine Situation nachhaltig verbessern und die Gründe für die wiederholten Schwierigkeiten im Sinne einer besseren Lebensqualität klären und verändern möchte, sollte professionelle Beratung bzw. Coaching suchen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:examiner.com)

Apr 27

(Bild: maennernotruf-blog)

Ich habe den Inhalt eines kürzlich durchgeführten Interviews zum brisanten Thema weiblicher, häuslicher Gewalt gegen Männer im Artikel-Bereich meiner Website veröffentlicht.

Bitte klicken Sie hier:

http://www.psychotherapiepraxis.at/artikel/paartherapie/gewalt-in-beziehungen.phtml

Mar 13

Thomas liegt mit einem Oberschenkelhalsbruch im Spital, ist aber glücklich. Sein bester Freund lebt bei warmen Temperaturen in den Tropen und braucht nicht mehr zu arbeiten – ist aber ständig griesgrämig …

Brigitte wird von mehreren guten Freunden empfohlen, sich doch therapeutische Hilfe zu suchen – sie selbst sagt aber: “so schlimm ist es nun auch wieder nicht!”. Ihre Nachbarin dagegen nimmt sich Coaching- oder Beratungsstunden, wann immer sie das Gefühl hat, eigentlich mehr aus ihrer Situation machen zu wollen, aber nicht weiterzukommen …

Jeder von uns verfügt über unterschiedliche Toleranzgrenzen, Kompensationsfähigkeiten und Erwartungen an das Leben. Die einen scheinen mit einer “Elefantenhaut” ausgestattet zu sein und beinahe unbeschränkt viel “einstecken” zu können. Dieser Eindruck kann allerdings auch entstehen, wenn die betreffende Person einfach weniger Erwartungen an das Leben hat: treten dann Probleme oder Beziehungskonflikte auf, kann sie das kaum aus dem Gleichgewicht bringen, denn sie erwarten ja auch gar nichts Besseres!

Andere Menschen wiederum sind dünnhäutiger, empfindsamer und leiden bereits unter relativ geringen Belastungen, Konflikten oder Hürden in ihrem Leben. Vielleicht haben sie aber einfach auch höhere Ansprüche an ihr Lebensglück und möchten sich nicht einfach mit jeder Schwierigkeit nur abfinden und dann so weiter tun, als wäre nichts gewesen.

Aus psychologischer Sicht handelt es sich bei diesen Zugängen zu unserem Leben um frühe Prägungen: wuchs ein Kind unter schwierigsten Bedingungen auf, dann wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von seinem restlichen Leben nicht viel erwarten und geübt darin sein, auftretende Probleme eher zu verdrängen statt sich ihnen zu stellen. Kinder, die in einem stabilen und förderlichen elterlichen Klima aufwuchsen, werden dagegen ihr späteres Leben an diesen Erfahrungen messen und bereit sein, an einer Verbesserung ihrer Situation zu arbeiten – weil sie erfahren haben, dass ein besseres Lebensgefühl tatsächlich möglich ist!

Und wie würden Sie selbst sich einschätzen? Sind Sie eher “dünnhäutig” oder “dickhäutig”? Haben Sie hohe Ansprüche an Ihr Leben und darüber, wie Sie es nützen möchten – oder sind Sie schon zufrieden, wenn Sie ohne allzu große Schrammen durch den Tag kommen? Und last not least: möchten Sie an diesem Zustand etwas ändern – oder passt es so?

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:myfivesenseworth.blogpress.com)

Mar 13

Jeder von uns kennt mindestens einen von ihnen: unzufriedene Expats. Tja, vielleicht muss der eine oder andere Leser nur in den Spiegel blicken.

Häufige Beschwerden über “die Thais” und die kleineren und größeren Ärgernisse des täglichen Lebens in Thailand, Klagen über andere Expats oder ständig um Krankheit kreisende Gedanken, ein Gefühl von Einsamkeit, Langeweile oder latenter Ärger: all diese Symptome sind ganz typisch bei Menschen, die sogenannten kulturellen Stress erleben.

In den späten 1960er Jahren beschrieb der amerikanische Anthropologe Kalervo Oberg das, was er als “Kulturschock” bezeichnete: hier folgt auf die sogenannte “Flitterwochen-Phase” (Idealisierung des Gastlandes und Freude über die Auswanderung dorthin) die “Krisen-Phase” (emotionaler Stress und steigende Frustration, häufig gepaart mit körperlichen Erkrankungen, Übergewicht, reduziertem Immunsystem und Verdauungsproblemen), später abgelöst von der “Erholungs-Phase” (Kennenlernen des Gastlandes, Erlernen der Sprache, das Verständnis kultureller Unterschiede) und schließlich der “Anpassungs-Phase” (Integration kultureller Unterschiede und Anpassung an das Gastland).

Allerdings haben einige Leute Schwierigkeiten, die Erholungs- und Anpassungs-Phase zu erreichen oder schwanken ständig mit Rückfällen in Phasen starken kulturellen Stresses, selbst nach vielen in der Fremdkultur verbrachten Monaten oder sogar Jahren. Sie leiden unter dem, was Experten als “Expat-Syndrom” bezeichnen. Der Grund für derartige Schwierigkeiten ist ein Mangel an Anpassungs- und/oder Kommunikationsfähigkeit, ein Mangel an Informationen über den adäquaten Umgang mit kulturellem Stress, und schließlich können einige Expats einfach nicht akzeptieren, dass sich bestimmte Aspekte der anderen Kultur vermutlich nie ändern werden. Dies aber bedeutet, dass sie ständig unter emotionalem Stress stehen – eine ernsthafte Belastung für den gesamten Körper, die früher oder später zur körperlichen Krankheiten führen kann. Psychologen beobachten sogar, dass viele Symptome von kulturellem Stress den Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung ähneln.

Natürlich kann eine Beratung helfen, den kulturellen Anpassungsprozess zu fördern, doch es gibt auch Einrichtungen wie die Expat-Clubs, die eine sehr wertvolle Ressource an Erfahrungen darstellen, ebenso wie eine lange Liste an Büchern, die sich mit kulturellen Unterschieden befassen und es erleichtern, unsere Gefühle zu verstehen und unsere Situation zu verbessern. Gönnen Sie sich etwas und nützen Sie diese Mittel, wenn Sie es einrichten können – denn schließlich kam jeder von uns ja ursprünglich hierher, um ein glücklicheres Leben zu leben, oder nicht?

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:gadling.com)

Mar 12

Als ich das erste Mal nach Thailand kam, fragte ich mich angesichts der doch eigentlich gesunden Thai-Küche: warum sind hier so viele Menschen – insbesondere Expats – übergewichtig?

Ein Blick in die Straßen genügt: mindestens jeder dritte westliche Ausländer ist fettleibig. Das ist eine enorme Quote, vergleichbar nur mit den “dicksten” Bundesstaaten der USA, und sie ist mitverantwortlich für viele der gesundheitlichen Probleme, die manche Expats schon nach wenigen Jahren in ihrer neuen Heimat haben.

Doch ab wann beginnt “Übergewicht” tatsächlich? Das ist einfach: um Ihren sogenannten “Body Mass Index” (BMI) zu berechnen, dividieren Sie schlicht Ihr Körpergewicht (in kg) durch Ihre Körpergröße zum Quadrat. Bei einer Körpergröße von 1.72m und einem Gewicht von 75kg wäre die Formel: [75 ÷ (1,72 m)² = BMI 25,4]. Übergewicht besteht ab einem BMI von 25,0, krankhaftes Übergewicht (Adipositas) ab 30,0. Experten betrachten Werte ab 27,5 als erhöhtes Risiko für Erkrankungen des Kreislaufsystems, bestimmte Krebsformen, Diabetes Typ 2 und Gelenkbeschwerden.

Doch was macht manche von uns so anfällig dafür, in Thailand derart rasch zuzunehmen? Alkohol wäre eine Erklärung, Fette eine andere. Natürlich trinken viele zu viel und unterschätzen (oder verdrängen), dass alkoholische Getränke regelrechte Kalorienbomben sind. Daneben kochen heutzutage viele Thai-Küchen zu fett, seit einigen Jahren häufig auch zu süß und salzig: diese Speisen sind dann nicht mehr wohlschmeckend und gesund, sondern im besten Falle nur mehr wohlschmeckend… Doch warum essen und trinken wir tendenziell zu viel?

Eine der Erklärungen liegt in der Funktion des Essens und Trinkens als Kompensationsmöglichkeit für Alltagsfrust und Langeweile: berufstätige Expats stehen beruflich oft unter außergewöhnlich intensivem Stress – Pensionisten dagegen haben häufig kaum Aufgaben. Die Freizeit vertreiben sie sich dann mit Essen oder einem Gläschen zwischendurch, ja für manche stellt ein Buffet-Besuch sogar den Höhepunkt der Woche dar. In meiner Eigenschaft als Sexualtherapeut muss ich gerade auch die altersbedingten hormonellen und psychischen Veränderungen erwähnen, die gerade viele ältere Männer an sich erleben: war es in jüngeren Lebensjahren ein tägliches Ziel, Sex zu haben und den Körper zu trainieren, stellt für so manchen älteren Mann das Mittag- oder Abendessen den Inbegriff sinnlichen Genusses dar … leider zum Leidwesen des Körpers, und nicht selten auch der Psyche. Denn Übergewicht erhöht die Neigung zu Depression, was eine Teufelsspirale in Gang setzen kann, die uns dann zu noch mehr Essen treibt. Die Schwierigkeit beim Zurückfinden zu ausgewogener Ernährung ist, dass beim zu-viel-Essen häufig regelrechte Sucht-Dynamiken bestehen. Dies ist mit ein Grund, warum jede seriöse Abnehmklinik Beratung und Psychotherapie als integralen Bestandteil des Gesundungskonzepts anbietet. Man kann ja vieles alleine schaffen – aber manches geht mit Unterstützung von außen einfach deutlich leichter und schneller.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:theage.com.au)

Jan 16
Body Dysmorphic Disorder - Körperbildstörung

(Photo:Asia Group/Getty Images)

Feministinnen wettern zwar gegen angebliche “patriarchale Normierungen” – ein Blick auf den Boom der sogenannten “Schönheits-Chirurgie” und den Druck selbst innerhalb der peer groups junger Schülerinnen, als “sexy” zu gelten, demonstriert jedoch, dass es den meisten Menschen – in stark zunehmendem Maße auch Männern – alles andere als leicht fällt, sich den durch Medien und Werbung geprägten Attraktivitäts- und Jugendlichkeits-Idealen zu entziehen.

Die Disziplinierung des möglichst normgerecht erotischen Körpers geschieht nämlich nicht, weil man bzw. frau muss, sondern weil sie will. Und gegen Freiwilligkeit lässt sich schwer argumentieren. Natürlich weiß heute jeder um die Manipulation der machtvollen Vorbilder aus endlos langen Streichholzbeinen, Minitaille und Superbusen mittels Photoshop, was aber am Streben, diese in glanzvollen Bildern “realisierten” Idealen auch selbst möglichst zu entsprechen, nichts ändert. Es vermittelt nun einmal Sicherheit, zu entsprechen, zu genügen.
All die Make-Over-Sendungen und Schönheits-OP-Tests haben darüber hinaus den Nebeneffekt, die Schwellenangst, auch den eigenen Körper zu “modellieren”, zu reduzieren. Ja die dort auftretenden Ärzte erklären sogar bescheiden, sie würden der Natur “etwas nachhelfen” – suggerierend, dass es nur die Zustimmung der Patientin (Kundin) benötigte, und auch sie könne “optimiert” werden.

Zwei psychische Störungen, die Menschen fast zwangsartig in die Kliniken und Praxen der Chirurgen treiben, sind der sog. “Salome-Komplex” (der quälende Zwang, stets schön aussehen zu müssen, und nur dann liebenswert und wertvoll zu sein, wenn man attraktiv und anziehend ist) und die Dysmorphophobie (auch: körperdysmorphe Störung (DSM-IV-TR) oder Körperbildstörung, mitunter auch Thersites-Komplex oder Adonis-Komplex genannt).

Carla Bruni im März 2010

Carla Bruni im März 2010

Die von Dysmorphophobie Betroffenen nehmen ihren Körper oder einzelne Körperteile (zumeist das Gesicht oder Bereiche des Kopfes, Brüste, Geschlechtsorgane, Bauch,..) als häßlich wahr. Um diese Wahrnehmung herum können sich regelrecht zwanghafte Gedanken und ritualisierte Verhaltensweisen entwickeln: bei jeder Gelegenheit wird das Aussehen kontrolliert oder mit dem anderer Personen verglichen, Puder, Cremes oder Makeup im Gesicht aufgetragen. In extremen Fällen werden aus Furcht negativer Bewertung soziale Situationen (z.B. gesellschaftliche Veranstaltungen, Einkaufszentren etc.) vermieden (Komorbidität mit  Sozialphobie). Signifikant für die Symptomatik bei “OP-Süchtigen” ist das Auseinanderklaffen der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Es besteht nur selten Krankheitseinsicht, überhaupt “werde ohnehin alles passen, wenn erst mal der Makel XY behoben ist…” Wenige Monate später verlegt sich dann der Fokus auf eine andere körperliche Eigenheit oder die “Optimierung” muß noch weiter vorangetrieben werden.

Symptomatisch ist auch, dass sich Betroffene zumeist nicht rechtzeitig in Behandlung begeben – meist aus Scham oder Unwissenheit, dass sie unter einer Krankheit leiden, die man psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandeln kann. Der berufsethischen Verpflichtung der “Schönheitschirurgen”, PatientInnen/KundInnen zu psychotherapeutischen oder psychologischen Konsultationen zu raten, sofern sie bereits mehr als 2 plastische Operationen hinter sich haben und eine weitere anstreben, und die gewünschte OP bis dahin abzulehnen, kommen leider nur die wenigsten Ärzte nach.

Jan 14
(Foto: Psychotherapie in Thailand bei R. L. Fellner)

(Photo: R.L.Fellner)

Ich bin an meiner psychischen Belastungsgrenze! Aber was tun: mir Medikamente verschreiben lassen oder einen Therapeuten besuchen?

Die meisten Menschen entscheiden sich zunächst für den ersten Weg. Die meisten Psychopharmaka (so heißen die Arzneimittel, die auf die Psyche des Menschen symptomatisch einwirken) sind heute unkompliziert in der Apotheke um’s Eck zu bekommen, und den Rest verschreiben die meisten Psychiater bereits nach einem 5-minütigen Gespräch. Man kann es hiermit also angenehmerweise vermeiden, sich über seine “schwachen Punkte” mit jemandem austauschen zu müssen, sondern darf darauf hoffen, dass uns der unangenehme “Gast” in Form von Ängsten, Depressionen, Zwangsgedanken etc. in Kürze wieder verläßt. Diese Vorgangsweise folgt der Vorstellung des Menschen als Apparat: dreht man (pharmakologisch) am rechten Schräubchen, läuft das Uhrwerk wieder.

Psychologen und Psychotherapeuten haben mit dieser Vorstellung naturgemäß Probleme, denn sie reduziert den Menschen nicht nur auf die Funktion einer “Denk- und Verdauungsmaschine”, sondern ignoriert auch die wichtigen anderen beiden Säulen des humanistischen Menschenbildes: Geist (unsere rational-/intellektuellen Möglichkeiten, Probleme zu bewältigen) und Seele (die Vorstellung, dass psychische Probleme konkrete Ursachen haben, die wir lösen oder beheben sollten).

Aus diesen zwei recht gegensätzlichen Sichtweisen heraus hat sich eine moderne psychotherapeutische Vorgangsweise etabliert, die sich in den meisten aller psychischen Notlagen gut bewährt: bei Psychosen, schwerwiegenden psychischen Erkrankungen und akuten Problemen dominiert zunächst einmal der pharmakologische Ansatz. Arzneimittel sollen helfen, die psychische Lage soweit zu stabilisieren, dass Patienten für Psychotherapie und andere Therapieformen überhaupt erst aufnahmefähig werden. Bei herkömmlichen psychischen Störungen wird in der Regel Psychotherapie angewandt, fallweise kann aber auch hier während der ersten Behandlungsmonate pharmakologische Unterstützung hilfreich sein. Von rein pharmakologischen Therapien ohne jede begleitende Psychotherapie ist man zu Beginn des 21. Jahrhunderts für die meisten Beschwerdebilder eher abgekommen. Im konkreten Fall sollte im Interesse des bestmöglichen Therapieansatzes die Diagnose und Einschätzung der korrekten Vorgangsweise ein ausgebildeter Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeut vornehmen.
Von Selbstdiagnosen und besonders auch der Selbstbehandlung mit Psychopharmaka ist aufgrund derer potentiellen Nebenwirkungen unbedingt abzuraten.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011)

Jan 14

Wenn sie das Wort “Depression” hören, denken viele Leute an traurige oder hoffnungslose Menschen, die nach einem nicht verkrafteten Lebensereignis zurückgezogen und häufig weinend ihr Dasein fristen.

Doch tatsächlich ist das nur in den seltensten Fällen so. In einer US-Studie aus dem Jahr 1996 konnte beispielsweise nur ein Drittel der an einer Depression Leidenden ein belastendes oder einschneidendes Erlebnis vor der Erkrankung nennen. Und es sind auch keineswegs nur negative Ereignisse, die bei manchen Menschen Depressionen auslösen können, sondern auch solche wie etwa die Geburt eines Kindes oder das Gelingen eines Geschäftsabschlusses. Dass nicht alle Menschen bei einschlägigen Ereignissen Depressionen entwickeln, legt darüber hinaus nahe, dass auch andere Faktoren, wie etwa genetische oder Stress-Faktoren mitbeteiligt sein dürften. Für die Betroffenen selbst und ihre Umwelt also ist in der überwiegenden Zahl der Fälle auf Anhieb gar kein klarer Grund für eine etwaige Depression auszumachen – was in aller Regel zu langjährigen Verzögerungen auf der Suche nach der korrekten Diagnose für das eigene Unwohlbefinden führt.

Körperliche Symptome sind eine weitere, häufig fehlinterpretierte Facette depressiver Störungen. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, reduzierte Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit, aber auch andere körperliche Schmerzen, Probleme der Verdauungsorgane oder Energielosigkeit sind typische körperliche Symptome einer vorliegenden Depression.

Die mit der Depression häufig verbundene Perspektivenlosigkeit führt viele Betroffenen zu selbstschädigendem Verhalten. Die meisten Menschen, die Suizid begingen, litten vorher an einer (häufig nicht erkannten oder behandelten) Depression. Doch es muß nicht gleich Suizid sein: auch andere selbstschädigende Formen des Verhaltens, wie etwa Alkohol- und Drogenmißbrauch, selbstschädigendes Eßverhalten oder riskantes Verhalten im Verkehr sind, wie Untersuchungen zeigen, in mehr als 60% der Fälle an Depressionen gekoppelt.

Besonders bei älteren Männern äußert sich Depression häufig auch über Aggression, speziell verbale Unfreundlichkeiten, Zynismus, Schimpfen und andere Formen aggressiver Ausdrucksweise. Auch hier ist es den Betroffenen nur selten bewußt, dass sie an einer Depression leiden, sondern sie führen ihre innere Unzufriedenheit und ihren Ärger auf äußere Umstände zurück, über die sie sich regelmäßig und nicht selten auch lautstark beschweren.

Etwa 4 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen, die Dunkelziffer dürfte aber aufgrund der häufigen Fehldiagnosen und jahrelangen Leidenswege ohne passenden Befund und adäquate Therapie deutlich höher liegen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:TRBfoto)

21.03.20