Dec 08

Bild: Wikimedia Commons LicenseJugendliche, die misshandelt oder vernachlässigt wurden, haben weniger graue Substanz (das sind jene Gebiete des Zentralnervensystems, die vorwiegend aus Nervenzellkörpern bestehen) in bestimmten Bereichen des Gehirns als junge Menschen, die diese Erfahrungen nicht machen mußten, wie eine Studie der Yale School of Medicine zeigt. Das Ausmaß des ‘Schadens’ richtet sich u.a. auch danach, ob es sich um Jungen oder Mädchen handelt, ob Mißbrauch oder Vernachlässigung vorlag und ob die Erfahrungen körperlicher oder emotionaler Natur waren. Die Ergebnisse (p=42) wurden in der Dezember-Ausgabe der Archives of Pediatric Adolescent Medicine veröffentlicht.

Die Veränderungen konnten bei allen Adoleszenten beobachtet werden, obwohl sie an keinen diagnostizierbaren psychiatrischen Störungen litten. “Wir haben es mit Jugendlichen zu tun, die keine diagnostizierbare Krankheit haben, bei denen sich aber immer noch physische Beweise für Misshandlungen zeigen”, sagte der leitende Autor der Studie H. Blumberg, Associate Professor in der Abteilung für Psychiatrie und Diagnostische Radiologie. “Dies könnte helfen, Schwierigkeiten mit schulischen Leistungen zu erklären oder eine Steigerung ihrer Anfälligkeit für Depressionen und Verhaltensstörungen.”

In präfrontalen Bereichen zeigte sich die Verringerung der grauen Substanz, egal ob der Jugendliche körperlich misshandelt oder emotional vernachlässigt worden war. In anderen Bereichen des Gehirns hing die Reduktion von der Art der Misshandlungserfahrungen ab. So wurde zum Beispiel emotionale Vernachlässigung mit einer Abnahme der Bereiche, die unsere Emotionen regulieren, verbunden.

Die Forscher stellten auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Weise, in der die graue Substanz abnahm, fest. Bei Jungen zeigte sich eher eine Reduktion in Bereichen des Gehirns, die mit der Impulskontrolle oder Drogenmissbrauch assoziiert sind. Bei Mädchen schien sich die Reduktion auf Bereiche des Gehirns zu konzentrieren, die mit Depression in Verbindung gebracht werden.

Blumberg betonte, dasss diese bei Jugendlichen gefundenen Defizite, nicht von Dauer sein müssen.

“Wir haben festgestellt, dass insbesondere das Gehirn von Jugendlichen ein hohes Maß an Plastizität aufweist” (Neuroplastizität, Anmerkung R.L.Fellner), sagte sie. “Das kann bedeutend sein, um Wege zu finden, Folgen von Misshandlungen zu verhindern und den Jugendlichen, die diese Erfahrung machen mußten, effizient zu helfen.”

Mehr zu diesen Themen:
Neuroplastizität
Missbrauch

(Quellen: YaleNews; E. E. Edmiston, F. Wang, C. M. Mazure, J. Guiney, R. Sinha, L. C. Mayes, H. P. Blumberg. Corticostriatal-Limbic Gray Matter Morphology in Adolescents With Self-reported Exposure to Childhood Maltreatment. Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine, 2011; 165 (12): 1069 DOI: 10.1001/archpediatrics.2011.565)

Nov 06

Fast jeder von Ihnen dürfte jemanden kennen, der in einer sogenannten “abhängigen Beziehung” bzw. “Beziehungsabhängigkeit” verstrickt ist – oder diesen leidvollen Zustand sogar aus eigener Erfahrung kennen. Dies sind jene Beziehungsformen, bei denen jeder ringsum die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich wundert, warum sich diese beiden Menschen trotz ihrer chronischen Probleme nicht voneinander lösen können.

Häufig besteht ein starkes und auffälliges Ungleichgewicht zwischen beiden Partnern, und immer wieder kommt es zu Aggression, Eifersucht oder emotionaler Erpressung – und dennoch kann sich der “abhängige” Partner nicht dauerhaft lösen, ja entschuldigt vielleicht sogar das Verhalten des anderen. Auf der Suche nach Antworten fielen mir im Zuge meiner jahrlangen Unterstützung von suchtkranken Menschen und Paaren in Krisensituationen bei letzteren Dynamiken auf, die sehr an die Probleme von substanzabhängigen (“drogenabhängigen”) Menschen und deren PartnerInnen erinnern.

So findet sich in abhängigen Beziehungen fast immer ein Partner, der emotional instabil ist und im Grunde professionelle Hilfe benötigen würde, um seine psychischen Probleme zu bearbeiten. Da dies aber nicht stattfindet (z.B. weil das Ausmaß des Problems verdrängt wird), wird jemand benötigt, der bereit ist, zu “unterstützen”, oder anders gesagt: seine Zeit, Energie und häufig genug auch sein Geld zu investieren, um die Situation wieder zu beruhigen und die Beziehung am Laufen zu erhalten – immer in der Hoffnung, dass die Zukunft Besserung bringt.

Tatsächlich aber erhält die “Unterstützung” häufig nur einen Teufelskreis aufrecht. Für die labileren Beziehungspartner ist dies häufig ein durchaus vertrauter und auch gesuchter Zustand: viele von ihnen fanden in Ihrem Leben immer wieder “hilfreiche Seelen”, die sie selbstlos unterstützten, was wirkliche Veränderung überflüssig machte.

7 Indikatoren für Beziehungsabhängigkeit:

  • Unehrlichkeit. Beide Partner kommunizieren nicht offen über ihre wahren Absichten, Bedürfnisse und Sorgen.
  • Unrealistische Erwartungen. Beide Partner hoffen darauf, dass der andere ihre Probleme löst – das Selbstwertgefühl, das Körperbild, Familien- oder existenzielle Probleme. Sie glauben, die “richtige Beziehung” würde alles besser machen. Tatsächlich jedoch leben sie in einer defizitären, abhängigen Partnerschaft.
  • Instant-Befriedigung. Einer der beiden erwartet, dass der andere immer für ihn da zu sein hat, wann immer er ihn/sie braucht; der Partner ist dazu da, sich besser zu fühlen – aber eben weniger als “Partner”, sondern mehr als “Droge”.
  • Zwanghafte Kontrolle. Wenn sich der Partner nicht so verhält, wie man das will oder zu benötigen glaubt, wird mit “Abhauen” oder Trennung gedroht; im anderen mögen ständig Sorgen über eine solche Trennung aufkommen, wann immer eine Krise entsteht. Beide Partner können sich “aneinander gekettet” fühlen – in negativer oder positiver Hinsicht.
  • Mangelndes Vertrauen. Keiner der Partner ist sich 100%ig sicher, “wirklich” vom anderen geliebt zu werden, denn manchmal werden allzu deutlich Gefühle von Hass oder Verzweiflung des anderen wahrnommen.
  • Soziale Isolation. Niemand wird eingeladen – weder Freunde, noch Familienmitglieder oder Bekannte aus der Arbeit. Beziehungsabhängige Menschen wollen in Ruhe gelassen werden und können unwirsch reagieren, wenn jemand Fragen zu ihrer Partnerschaft stellt.
  • Teufelskreis aus Schmerz. Paare, die in einer Beziehung mit Abhängigkeitscharakteristika leben, durchlaufen regelmäßig Zyklen von Freude, Schmerz, Enttäuschung, Schuldgefühlen und (häufig emotional oder sexuell aufgeladener) Versöhnung. Diese Zyklen wiederholen sich so lange, bis beide Partner professionelle Hilfe suchen oder einer der Beziehungspartner aus der abhängigen Partnerschaft ausbricht.

Unglücklicherweise gibt es kein “Patentrezept”, wie die betreffenden Beziehungen zu verbessern wären, denn in der Regel zeigen auch die in der Beziehung “ausgebeuteten” Partner eine hohe Resistenz allen gutgemeinten Ratschlägen gegenüber – besonders solchen, die eine gesündere Distanz zur Partnerschaft zur Folge haben würden. Vielleicht aber helfen als erste Orientierungsmöglichkeit die folgenden

Tipps zur Überwindung von Beziehungabhängigkeit:

  • Erklären Sie Ihre “Heilung” zur ersten Priorität Ihrer aktuellen Lebensphase.
  • Sehen Sie mutig Ihren eigenen Problemen und Mängeln ins Auge.
  • Kultivieren Sie all das, an was es Ihnen selbst fehlt: füllen Sie z.B. jene Lücken aus, die Sie manchmal schlecht oder ungenügend fühlen lassen und/oder beseitigen Sie die Probleme, die Sie ursprünglich anfällig für ihr Suchtverhalten machten.
  • Lernen Sie, damit aufzuhören, andere steuern und kontrollieren zu wollen; konzentrieren Sie sich statt dessen mehr auf Ihre eigenen Bedürfnisse und verbessern Sie Ihr Selbstwertgefühl, um emotional unabhängiger zu werden.
  • Finden Sie heraus, was Ihnen einen Zustand von Ruhe und Gelassenheit erleichtert und reservieren Sie eine bestimmte Tageszeit dafür, sich dies auf täglicher Basis zu ermöglichen.
  • Erlernen Sie, die Spiele und Rituale des Suchtverhaltens zu vermeiden und vermeiden Sie, für Sie verfängliche Rollen anzunehmen (z.B. “Retter”/”Helfer”, “Ankläger”, “Opfer” (der/die Hilflose).
  • Finden Sie Freunde, die Sie verstehen und Ihre Erfahrungen teilen können (z.B. Selbsthilfe-Gruppe).
  • Überlegen Sie, sich professionelle Unterstützung zu gönnen, um den Erholungsprozess zu beschleunigen.

Vielen Blog-LeserInnen dürfte vertraut sein, wie häufig Freunde oder Bekannte, die in solche Beziehungen verstrickt sind, in diesen emotional geschädigt, finanziell ausgebeutet oder sogar körperlich verletzt werden. Was Sie als guter Freund oder gute Freundin aber tun können, ist, es zu vermeiden, auch selbst mit in das “schwarze Loch” gezogen zu werden, indem Sie beide unnachgiebig dazu aufzufordern, sich professionelle Hilfe (z.B. Paarberatung) zu suchen.

(Indikatoren basieren auf einem Artikel von Laurie Pawlik-Kienlen; Tipps zum Überwinden basieren in Teilen auf Robin Norwood’s Buch “Wenn Frauen zu sehr lieben“; Image src:hubpages.com)

Nov 06

Hatten Sie kürzlich mit jemandem Kontakt, der völlig die Kontrolle über sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensstörungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich für problematisch, denn denn wer dürfte sich schon anmaßen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivität, Bullying, Lügen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegenüber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck darüber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderjährigen kommen meist aus problematischen Verhältnissen, haben Mißbrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gelöst, können sich bei ihnen Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Persönlichkeitsstörung”, bipolare Störungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko für eigene oder fremde körperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gefängnisstrafen, Mord oder Suizid stark erhöhen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und häufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Häufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betrügen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerstören. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen äußerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewußt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, ängstlich und hoffnungslos fühlen, was nicht selten zu Alkoholmißbrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen führt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erklärt werden. Mediziner suchen nach rein körperlichen (z.B. genetischen) Erklärungen, lassen dabei aber häufig außer Acht, dass für viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil für emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen übermäßig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Persönlichkeitszügen mangelt es zusätzlich an Empathie und Verständnis für die Situation der anderen, was die Hemmung für Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur würden diese Leute im Konfliktfall unfähig sein, sich in Ihre persönliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gesprächsebene zu klären, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zunächst auf Abstand zu gehen, um das Gegenüber emotional “abkühlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Oct 30

Eine Schwäche ist besonders unter den Menschen, die in Helfer- und Service-Berufen arbeiten, häufig: das sogenannte “Helfer-Syndrom“. Der starke Impuls, anderen Menschen zu helfen, sich wohler zu fühlen, ist dabei unbewußt mit dem Ziel verbunden, das auch selbst zu tun und sich von eigenen Leeregefühlen abzulenken. Wenn die Betroffenen dabei jedoch laufend über die eigenen Grenzen gehen, sind Burnout und Depression nicht mehr weit – nicht ganz zufällig sind Angehörige dieser Berufssparten (z.B. Ärzten, Therapeuten oder anderer Sozialberufe) überaus häufig davon betroffen.
Doch man kein professioneller Helfer sein, um ein “Helfer-Syndrom” zu entwickeln: genauso gut kann es auch ein Nachbar, ein Freund, ein Mitarbeiter oder Sie selbst sein, der dazu neigt, Verantwortungen und Aufgaben zu übernehmen, um die andere instinktiv einen weiten Bogen machen würden.

Doch das ist nicht alles: das Helfer-Syndrom kann zu regelrecht mißbräuchlichen Beziehungs-Konstellationen führen. Der “Helfer” auf der einen Seite mag zunehmend Burnout-Symptome entwickeln und sich ausgebeutet fühlen, wenn seine Anstrengungen als selbstverständlich betrachtet werden und ihm wenig Dankbarkeit erwiesen wird. Nicht und nicht scheint er den Punkt zu erreichen, an dem jeder zufrieden ist.
Doch es existieren auch mißbrauchende bzw. narzißtische Helfer: das mangelnde Gefühl für die eigenen Grenzen führt bei ihnen indirekt auch dazu, auf die Verantwortung dem anderen gegenüber zu “vergessen”. Während ein verantwortungsvoller Helfer seine eigenen Grenzen kennt und den anderen dabei unterstützen wird, stärker zu werden und sich nach Möglichkeit professionelle Hilfe zu suchen, möchte der narzißtische Helfer ihn nicht aus seinem Einfluß entlassen – er kann nicht loslassen, bevor jene Ziele erreicht sind, von denen er selbst überzeugt ist.

Unabhängig davon, ob die Motive für das Helfer-Verhalten altruistisch (“Ich möchte etwas zurück geben”, “…verhindern, dass er/sie dieselben Fehler wie ich macht!”, “Ich möchte etwas weitergeben” oder “Ich kann es schaffen!”‘) oder neurotisch motiviert sind: es ist immer ein Zeichen emotionalen Ungleichgewichts, wenn jemand die eigenen Grenzen ignoriert und versucht, alle Probleme im Alleingang zu lösen.

Typische Formen ungesunder “Helfer-Beziehungen” sind Beziehungen mit wiederkehrenden emotionalen Wechselbädern, häufig mit einem abhängigen (“süchtigen”) Partner, Partnerschaften mit selbstbezogenen, kontrollierenden oder gewalttätigen Personen oder Beziehungen mit einem starken Ungleichgewicht an Macht, Bildung oder Geld. Derartige Beziehungsformen können für beide Partner zwar “funktionieren”, sie sind aber zumeist veränderungsresistent oder gar -feindlich und verlieren die künstliche Stabilität der gegenseitigen Abhängigkeit, sobald sich etwas am besagten Ungleichgewicht zu verändern beginnt. Persönliche Weiterentwicklung ist in ihnen nur schwer möglich, und aufgrund der inneren Zwänge leider häufig auch das Erreichen wirklichen Lebensglücks. Für professionelle Helfer existiert deshalb in vielen Ländern eine Verpflichtung zur Supervision, um ihr berufliches Verhalten zu reflektieren. Für Laienhelfer bleibt häufig nur die Möglichkeit, gut auf sich aufzupassen um uns nicht mehr als es uns und den anderen gut tut, in destruktiven “Helfer”-Ambitionen zu verstricken.

(Bildquelle: westallen.typepad.com)

Sep 14

‘Echo and Narcissus’ by John William Waterhouse (image source: oceansbridge.com)

Narzissmus bzw. “Selbstliebe” ist grundsätzlich eine wichtige Basis unserer Persönlichkeit: er treibt uns dazu an, uns um uns selbst zu kümmern. Als pathologische, schwere Persönlichkeitsstörung wird er nur dann betrachtet, wenn er schädigend wirkt – entweder für andere oder die Betreffenden selbst. Tatsächlich ist es keineswegs immer nur die Umwelt, die unter dem Narzissmus Einzelner zu leiden hat: manche Narzissten neigen dazu, sich selbst zu sehr zu “verwöhnen” – sie leben über ihre Verhältnisse, irgendwann aber bricht ihre Welt zusammen und Schulden, körperliche Krankheiten oder andere durch den Ressourcenmißbrauch verursachte Probleme holen sie ein.

Die Grundlage krankhaften Narzissmus’ ist ein schwaches Selbstwertgefühl, auf dessen Basis die betreffenden Personen – gewissermaßen überkompensierend – Grandiositätsgefühle entwickeln, ihre Fähigkeit zur Empathie dagegen nicht ausreichend ausgebildet wird. Es ist deshalb schwierig für sie, die Gründe der Handlungen anderer nachzuvollziehen, viel stärker bewegen sie die Auswirkungen dieser Handlungen auf sich selbst, etwa, wenn ihnen jemand bestimmte “Probleme bereitet”. Meist hört man dann lautstarke Klagen darüber, warum sich die andere Person nicht so verhalten hat, wie der Narzisst sich dies erwartete, und es kann keine Ruhe mehr gefunden haben, bis die Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden oder “Gerechtigkeit” wiederhergestellt ist.

Die Größengefühle und die enorme Bedeutung, die das Umsetzen ihrer Ideen, Absichten und Ziele für sie hat, können jedoch auch zu einer massiven Last werden. Personen, die ihre Position in Frage stellen oder auch die Möglichkeit eines Zusammenbrechens ihrer Konstrukte stellen eine latente Bedrohung dar. Auch natürliche Vorgänge wie das Altern oder strukturelle Veränderungen werden als bedrohlich empfunden: denn wenn das Selbstwertgefühl nicht mehr so einfach wie früher durch Macht und Einfluss gestärkt werden kann oder altersbedingt geistige Ressourcen, Kraft und Leistung (bei Männern insbesondere auch die Potenz) nachlassen, sind schmerzvolle Anpassungsprozesse erforderlich, mitunter erfolgen mentale Zusammenbrüche, Suchtverhalten oder Depressionen mit Suizidgedanken stellen sich ein.

Die Wurzeln der narzisstischen Störung liegen wie bei den meisten anderen psychischen Störungen auch in der Kindheit. Die US-Journalistin Jean Liedloff, die bei einem südamerikanischen Stamm gelebt hat, thematisiert in ihrem Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück” (siehe Link unten) den Verlust des narzisstischen Gefühls “Ich bin etwas wert” in der westlichen Welt. Beim Stamm der Yequana werden die Babys ein Jahr am Körper herumgetragen, schlafen bei den Eltern, Tadel oder mahnende Worte gibt es nicht. Die Kinder erhalten damit eine gute und stabile Selbstwertbasis, die sich auf körperlicher Ebene mit der Muttermilch vergleichen ließe, die das Immunsystem des Babys stärkt.

Zurückweisung oder Kritik dagegen erlebt ein Kleinkind als narzisstische Kränkung – erfährt es zuviel davon, kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln. Häufig versuchen solche Kinder später, die Zurückweisung anderer mit besonderem Ehrgeiz oder anderen Kompensationsversuchen auszugleichen. Dies könnte erklären, wieso kleine Männer besonders häufig in Machtpositionen zu finden sind. Vor dem Hintergrund des Werteverlusts in der westlichen Gesellschaft wiederum könnten zahlreiche Facetten der westlichen Kultur, etwa die bei vielen beliebte Selbstdarstellung in den sog. “sozialen Netzwerken”, oder Aspekte der Fitneß- oder Selbstfindungs-Bewegung, als narzisstische Kompensationsversuche gedeutet werden.

Kann das vorhandene Selbstwertgefühl besonders starke “narzisstische Kränkungen” (etwa einen Verlust des Arbeitsplatzes und eine kurz darauffolgende Trennung) nicht verarbeiten, kann die Störung ins Pathologische kippen und sich in Gewalttätigkeit, Amokläufen, Somatisierungen (psychosomatische Erkrankungen), Sucht oder Depression manifestieren. Diese Symptome können gewissermaßen als Ventil gesehen werden, über die sich der Schmerz einer nicht verarbeitbaren psychischen Verletzung entlädt.

Der Narzisst – und die anderen

Narzissten sind häufig entweder Einzelgänger (da sie sich von potenziellen Beziehungspartnern gebremst fühlten oder schlicht kein Interesse haben, ihr Leben mit einer anderen Person zu teilen) oder aber es treffen sich zwei Narzissten, die gemeinsam ihren jeweiligen Zielen nachjagen, emotional aber nur in sehr begrenztem Ausmaß Intimität zueinander herstellen können. Manchmal wird geliebt, um selbst geliebt zu werden – oder das “Haben” einer Beziehung ist im Grunde wichtiger als der Partner selbst. Man lebt nebeneinander her, vom Partner wird in erster Linie Anerkennung und Respekt erwartet sowie Toleranz für die mitunter weit in die Abende oder Nächte dauernden beruflichen und Hobby-Aktivitäten.
In der Arbeitswelt und im Freundeskreis wirken Narzissten häufig souverän, eloquent bis schillernd-charismatisch. Wesentliche Teile des betreffenden Verhaltens sind jedoch mehr oder weniger bewußte Selbstdarstellungen und Inszenierungen, und der Eindruck der Souveränität und Sicherheit ist ein gewollter, ja gesuchter. Wird die eigene Grandiosität überschätzt, kann dies schlimme Folgen haben: etwa wenn beim Einstellungsgespräch ein guter Eindruck erzeugt wurde, später aber durch tatsächliche Inkompetenz Probleme für den Arbeitgeber entstehen. Das starke Streben vieler Narzissten nach Top-Positionen, Inszenierung und Aufmerksamkeit ist besonders dann problematisch, wenn diese Personen über Macht und Einfluß verfügen: aufgrund ihres Mangels an Empathie gehen sie gewissermaßen “über Leichen”, um ihre Ziele zu erreichen und unterschätzen (oder ignorieren) die Folgen ihres Handelns.

Über den Weg einer Psychotherapie kann es Narzissten gelingen, ihre Lebenszufriedenheit signifikant zu erhöhen und zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen zu finden – auch wenn bestimmte Grundzüge besonders ausgeprägter narzisstischer Persönlichkeiten nur schwer oder gar nicht veränderbar sind.

Buchtipps:
Jean Liedloff, “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück” – Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit
Telfener / Liebl, “Hilfe, ich liebe einen Narzissten” – Überlebensstrategien für alle Betroffenen
Wardetzki, B., “Eitle Liebe” – Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können
Behary / Kierdorf / Höhr, “Der Feind an Ihrer Seite.” – Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern überleben und wachsen können
Berschneider, W.: “Wenn Macht krank macht”Narzissmus in der Arbeitswelt
Bergmann, W.: “Ich bin der Größte und ganz allein” – Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder
Wardetzki, B.: “Weiblicher Narzißmus – Der Hunger nach Anerkennung

Sep 12

Wie eine kürzlich an der Universität von Kalifornien in San Diego abgeschlossene Studie herausfand, erleidet weltweit etwa jeder fünfte Mann im Laufe seines Lebens eine alkoholbedingte Störung. Das Risiko für Alkoholmissbrauch liegt bei Männern bei rund 15%, das für eine Sucht bei 10%. Frauen sind etwa halb so stark gefährdet1.

Menschen in Nord- und Osteuropa sind stärker alkoholgefährdet als Südeuropäer, und auch Bewohner von Industrieländern haben häufiger einschlägige Probleme als jene aus Entwicklungsländern. Dennoch gebe es ein ähnliches chronologisches Schema, schreibt der untersuchende Mediziner Marc Schuckit im Fachblatt “The Lancet”1.

So trinken die meisten Menschen das erste Mal etwa im Alter um 15 Jahre. Am stärksten wird der Drang nach Alkohol im Alter von 18 bis 22 Jahren. Mitte 20 beginnen viele Menschen wieder ihren Alkoholkonsum zu drosseln. Wer allerdings weiter regelmäßig trinkt, dem drohen psychische und körperliche Konsequenzen, die von Depressionen über Herzkreislauf-Erkrankungen bis hin zu einem erhöhten Leberkrebsrisiko und Krampfadern in der Speiseröhre reichen. Von der frühzeitigen Erkennung eines Suchtverhaltens profitieren die Patienten also langfristig ganz besonders.

Doch einer Studie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg aus dem Jahre 2010 zufolge gingen Patienten erst nach durchschnittlich 11 Jahren Alkoholabhängigkeit zum ersten Mal in die REHA. Dies sind dann Krankheitsgeschichten, die in dieser Zeitspanne oftmals viele soziale Probleme, Stress in der Familie und lange Krankheitsausfallzeiten beinhalten.

Hinweis: dieser Artikel wird laufend mit aktuellen Informationen zum Thema “Alkoholismus” erweitert.
Erstveröffentlichung: 01/2009; letztes Update: 09/2011

Quellen: The Lancet [1] Image src:contextview.com

Weiterführende Hinweise:
Literaturtipps zum Thema “Alkoholismus”
Selbsttest auf Alkohol-Mißbrauch

Sep 11

Kaufsucht ist kein ausschließliches Frauenproblem, sondern betrifft auch Männer, wie Marketing-Forscher der Zeppelin Universität aufzeigten. Die bei Suchtverhalten spezifischen neuronalen Muster sind bei kaufsüchtigen Männern wie Frauen vergleichbar mit jenen bei Alkohol- oder Nikotinsüchtigen. “Männer sind weit häufiger kaufsüchtig als vielfach vermutet wird. Man sollte dieses Suchtverhalten auch bei ihnen nicht belächeln”, fordert Studienleiter P. Kenning.

Rund eine Million Menschen wird in den deutschsprachigen Ländern als kaufsüchtig geschätzt, und jeder Zwanzigste ist davon gefährdet. Die Problematik der Kaufsucht ergibt sich zunächst aus dem Leben über die eigenen finanziellen Verhältnisse. Teure Artikel werden impulshaft gekauft, häufig auch nicht ausgepackte Ware gehortet. In Folge ergeben sich weitere, teils dramatische Konsequenzen, etwa an der Arbeitsstelle, hinsichtlich der Altersversorgung, soziale Folgen sowie solche für die Familien der Betroffenen.

In der Untersuchung verglichen nun die Forscher die Reaktionen von Männern mit und ohne starker Kaufsucht-Tendenz und verwendeten dabei typische Männer-Markenprodukte als Stimuli. Hierbei war in der funktionellen Magnetresonanz bei potenziell Kaufsüchtigen das Belohnungszentrum des Gehirns deutlich aktiver als bei Männern ohne Kaufsucht. “Es ist dieselbe übersteigerte Reaktion, die man bei Alkoholikern mit einer Flasche Wein oder bei Nikotinsüchtigen mit einer Schachtel Zigaretten auslöst. Sie spiegelt Vorfreude und starkes Verlangen oder Echo erfahrener Belohnung wider”, berichtet Kenning.

Die meisten Männer bejahen die Frage, ob sie Marken wie Rolex oder Mercedes attraktiv finden und gerne kaufen würden. “Den Unterschied, der Kaufsucht-Gefährdete kennzeichnet, sieht man erst in der übersteigerten Hirnaktivität. Das ist ein Grund mehr, warum man Kaufsucht als Krankheit definieren sollte”, so der Forscher. Wie sehr die festgestellte Reaktion sozialisiert sei oder auf genetische oder epigenetische Strukturen zurückgehe, sei bisher aber noch nicht nachweisbar.

Kaufsucht-gefährdete Männer reagieren stark auf Marken, vor allem bei Textilien, Uhren, technischen Accessoires und Gadgets, Sportartikel, Wein, Schuhen und Autos. “Manche haben einen Fuhrpark von 70 Autos, obwohl sie immer nur eines fahren können. Auch hier ist übersteigerte Belohnung im Spiel”, so der Forscher.

Frauen werden häufiger mit Kaufsucht in Verbindung gebracht, da sie meist die Haushalte führen und häufiger einkaufen, weshalb auch die Werbung überwiegend auf sie zugeschnitten sei. Doch bestehe bei einschlägigen Studien lt. “Kaufsucht-Forscherin” L. Reisch von der Universität Kopenhagen „…meistens das Problem unzureichender Stichproben. Frauen sind therapiewilliger, selbstkritischer und melden sich eher für solche Studien”, so die Expertin. Auch seien die Fragen der Skalen, die Kaufsucht messen, eher auf das weibliche Einkaufen ausgerichtet, da Männer andere Artikel und mit anderen Emotionen kaufen.

Marketing konzentriert sich heute zunehmend auf den Aufbau einer Beziehung statt auf die Transaktion des Produkterwerbs. Kenning hinterfragt “… ob wir langfristig Marken derart emotional aufladen dürfen, dass Menschen davon süchtig werden. Einerseits müssen die Unternehmen vor derart negativen Folgen geschützt werden, andererseits aber natürlich auch die Konsumenten”.

(Quelle: Zeppelin-Universität; Image src: 1:netdoktor.de 2:rhein-zeitung.de)

Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz hört man häufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tatsächlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise können selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, Süchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht heißen, dass die Genetik kein wichtiges Potential hätte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, sämtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren für unsere Krankheiten und Störungen auch weiterhin zu berücksichtigen.

Einer der haarsträubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unabänderlich sei, könnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, persönliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. Tatsächlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. Für komplexe Störungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder Abhängigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken Einflüsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung später entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, können diese Einflüsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgeführte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein während der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene veränderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So könnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr Möglichkeiten, unser Leben zielführend zu verändern, als wir es uns vorstellen mögen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

Jul 23

Mark Twain sagte: “Das Rauchen aufzugeben, zählt zu den einfachsten Dingen überhaupt. Ich muss es wissen, schließlich habe ich es tausende Male getan!”

Nun, wir wissen es alle: mit dem Rauchen aufzuhören, reduziert das Risiko schlimmer Erkrankungen wie Krebs und Gefäßerkrankungen, es verbessert die Zeugungsfähigkeit, das Atmen und die körperliche Leistungsfähigkeit. Ein anderer Vorteil des Aufhörens ist, dass das Essen wieder besser schmeckt (für manche ist dies allerdings ein Grund, weiterzurauchen, da dieser Vorteil mit ihrer Essstörung nicht harmoniert…). Sie würden wieder besser und jünger aussehen, besser riechen und sich daneben noch eine Menge Geld ersparen. Aber warum fällt es dann vielen so schwer, die Gewohnheit – oder Sucht -, zu rauchen aufzugeben?

Die Gründe für sie lassen sich auf 2 wesentliche Faktoren reduzieren: Nikotin und Gewohnheit. Nikotin ist eine stark süchtigmachende Substanz, die auf natürliche Weise in der Tabakpflanze vorkommt, und löst bei Ihrem Gehirn die Freisetzung eines Feuerwerks an Dopamin aus – dem Hormon, das uns auch an Essen und Sex erfreuen läßt. Es erhöht auch die Aktivität in Hirnbereichen, die für kognitive Funktionen wichtig sind – zu rauchen kann also die Konzentrationsfähigkeit erhöhen. Und als ob dies alles noch nicht genug wäre erhöht Nikotin auch unseren Endorphinspiegel, was ein Gefühl von Euphorie erzeugt. Ein solch bequemes Hilfsmittel, das einen auf so viele Weise besser fühlen läßt, gibt man natürlich nicht einfach auf. Noch dazu, wo das Aufhören meistens deutlich spürbare Entzugseffekte mit sich bringt.

Ein weiterer wichtiger Faktor für diese spezielle Sucht ist Gewohnheit – die kleinen Abläufe, die mit dem Rauchen verbunden sind. Rauchen ist häufig mit täglichen Aktivitäten und Auslösesituationen verbunden wie etwa: nach dem Essen, beim Plaudern mit Freunden, beim Pause-machen, am Computer, in Stress-Situationen (zur Entspannung) u.v.m. Diese Aspekte des Rauchens zu überwinden kann genauso herausfordernd sein wie die körperliche Gewöhnung.

Folglich benötigen die meisten Menschen, die ein für alle Mal mit dem Rauchen aufhören möchten, eine Methode, die ihnen hilft, beide Schwachpunkte anzugehen: die Sucht selbst und die Verhaltensgewohnheiten, die damit verbunden sind. Die bestehenden “Fallen” müssen identifiziert und danach neue Abläufe entwickelt werden, die es einfacher machen, die Impulse zum Anzünden der nächsten Zigarette zu überwinden. Hypnotherapie kann hier sehr gut unterstützen, andererseits aber auch keine Wunder bewirken ohne einen klaren Entschluss der Betroffenen, ihre Abhängigkeit in den Griff zu bekommen. Die ersten Wochen sind meist die schwierigsten. Nach 8-12 Wochen fühlen sich die meisten jener, die es soweit geschafft haben, ohne das Rauchen bereits wohler. Aber auch davon “schaffen” es nur 3 von 10 Menschen, dauerhaft aufzuhören.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:s3.hubimg.com)

May 03

Arzneimittel über das Internet zu bestellen, ist heute einfach, und selbst die meisten Apotheken verkaufen in Asien ohne jegliche Rückfrage Medikamente, die im Westen verschreibungspflichtig wären. Besonders beliebt in den Online-Katalogen: Amphetamine, Potenzmittel und Antidepressiva. Doch die “Selbstmedikation” ist gefährlich: speziell von Amphetaminen wie Ritalin (Methylphenidat), die leistungssteigernd und konzentrationsfördernd wirken, werden unter dem steigenden Druck der Leistungsgesellschaft immer mehr Menschen abhängig und müssen sich Monate oder Jahre später an spezialisierte Kliniken oder Psychotherapeuten wenden. Einer Studie amerikanischer Kinderärzte zufolge stieg in den letzten acht Jahren die Anzahl der “dopenden” Studierenden um 75 Prozent an. Häufig werden die Medikamente zudem falsch eingesetzt, da die Ursache etwa der Konzentrationsstörungen oder Erektionsprobleme ganz woanders liegen als dort, wo das Medikament ansetzt. Erektile Dysfunktion etwa hat bei Männern unter 55 Jahren zumeist rein psychische Ursachen. Durch Gewöhnungseffekte kommt es dann bei der gewohnheitsmäßigen Einnahme schließlich häufig zu Überdosierungen und einer erhöhten Anfälligkeit für krankmachende Nebeneffekte. Irgendwann behandeln die Nutzer nur noch das Entzugssyndrom (bei Potenzmitteln ist das häufig die Unsicherheit, Sex ohne das Medikament auszuüben) – sie verspüren keine deutliche Wirkung mehr, können das Medikament aber auch nicht absetzen und geraten damit in einen Teufelskreis. Erschwerend kommt die oftmalige Mehrfachabhängigkeit dazu: etwa die Einnahme von Amphetaminen während des Tags, und dann am Abend die Einnahme von Alkohol und/oder Tranquilizern bzw. Schlafmitteln.

Zeichen beginnender psychischer Abhängigkeit von Arzneimitteln können Gefühle von Unsicherheit oder Angst sein, wenn auf die Einnahme verzichtet wird, oder wenn im Laufe der Zeit die Dosis gesteigert wird, die Wirkung des Medikaments jedoch gleich bleibt oder sogar geringer wird oder ganz ausbleibt. Ebenso ein Alarmsignal ist, wenn dem Organismus ohne ärztliche Diagnose und Verschreibung im Laufe der Jahre immer mehr Substanzen zugeführt werden (hierzu gehören auch Nahrungssubstitutionsmittel, Injektionen mit Hormonen, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Nasentropfen usw.). Zumeist wird Medikamentenabhängigkeit erst sehr spät eingestanden, wenn bereits Erkrankungen der Organe vorliegen oder Unfälle (z.B. durch Konzentrationsmangel) auftreten. Für den psychischen Entzug ist eine Kombination von Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sehr effektiv, immer ist aber eine ärztliche Abklärung auf etwaige körperliche Schäden dringend anzuraten.

In Österreich sind nach Angaben des API-Instituts ca. 350.000 Menschen alkoholkrank, ca. 130.000 sind von Medikamenten, knapp 30.000 von illegalen Drogen abhängig.
In den USA wird einer Untersuchung der University Michigan von 2010 zufolge bei fast einer Million Kindern fälschlicherweise das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsyndroms (ADHS) diagnostiziert. Davon betroffen sind vor allem die jüngeren Kinder einer Jahrgangsstufe in Kindergarten oder Schule.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:vth.biz)

01.09.19