Nov 06

Fast jeder von Ihnen dürfte jemanden kennen, der in einer sogenannten “abhängigen Beziehung” bzw. “Beziehungsabhängigkeit” verstrickt ist – oder diesen leidvollen Zustand sogar aus eigener Erfahrung kennen. Dies sind jene Beziehungsformen, bei denen jeder ringsum die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich wundert, warum sich diese beiden Menschen trotz ihrer chronischen Probleme nicht voneinander lösen können.

Häufig besteht ein starkes und auffälliges Ungleichgewicht zwischen beiden Partnern, und immer wieder kommt es zu Aggression, Eifersucht oder emotionaler Erpressung – und dennoch kann sich der “abhängige” Partner nicht dauerhaft lösen, ja entschuldigt vielleicht sogar das Verhalten des anderen. Auf der Suche nach Antworten fielen mir im Zuge meiner jahrlangen Unterstützung von suchtkranken Menschen und Paaren in Krisensituationen bei letzteren Dynamiken auf, die sehr an die Probleme von substanzabhängigen (“drogenabhängigen”) Menschen und deren PartnerInnen erinnern.

So findet sich in abhängigen Beziehungen fast immer ein Partner, der emotional instabil ist und im Grunde professionelle Hilfe benötigen würde, um seine psychischen Probleme zu bearbeiten. Da dies aber nicht stattfindet (z.B. weil das Ausmaß des Problems verdrängt wird), wird jemand benötigt, der bereit ist, zu “unterstützen”, oder anders gesagt: seine Zeit, Energie und häufig genug auch sein Geld zu investieren, um die Situation wieder zu beruhigen und die Beziehung am Laufen zu erhalten – immer in der Hoffnung, dass die Zukunft Besserung bringt.

Tatsächlich aber erhält die “Unterstützung” häufig nur einen Teufelskreis aufrecht. Für die labileren Beziehungspartner ist dies häufig ein durchaus vertrauter und auch gesuchter Zustand: viele von ihnen fanden in Ihrem Leben immer wieder “hilfreiche Seelen”, die sie selbstlos unterstützten, was wirkliche Veränderung überflüssig machte.

7 Indikatoren für Beziehungsabhängigkeit:

  • Unehrlichkeit. Beide Partner kommunizieren nicht offen über ihre wahren Absichten, Bedürfnisse und Sorgen.
  • Unrealistische Erwartungen. Beide Partner hoffen darauf, dass der andere ihre Probleme löst – das Selbstwertgefühl, das Körperbild, Familien- oder existenzielle Probleme. Sie glauben, die “richtige Beziehung” würde alles besser machen. Tatsächlich jedoch leben sie in einer defizitären, abhängigen Partnerschaft.
  • Instant-Befriedigung. Einer der beiden erwartet, dass der andere immer für ihn da zu sein hat, wann immer er ihn/sie braucht; der Partner ist dazu da, sich besser zu fühlen – aber eben weniger als “Partner”, sondern mehr als “Droge”.
  • Zwanghafte Kontrolle. Wenn sich der Partner nicht so verhält, wie man das will oder zu benötigen glaubt, wird mit “Abhauen” oder Trennung gedroht; im anderen mögen ständig Sorgen über eine solche Trennung aufkommen, wann immer eine Krise entsteht. Beide Partner können sich “aneinander gekettet” fühlen – in negativer oder positiver Hinsicht.
  • Mangelndes Vertrauen. Keiner der Partner ist sich 100%ig sicher, “wirklich” vom anderen geliebt zu werden, denn manchmal werden allzu deutlich Gefühle von Hass oder Verzweiflung des anderen wahrnommen.
  • Soziale Isolation. Niemand wird eingeladen – weder Freunde, noch Familienmitglieder oder Bekannte aus der Arbeit. Beziehungsabhängige Menschen wollen in Ruhe gelassen werden und können unwirsch reagieren, wenn jemand Fragen zu ihrer Partnerschaft stellt.
  • Teufelskreis aus Schmerz. Paare, die in einer Beziehung mit Abhängigkeitscharakteristika leben, durchlaufen regelmäßig Zyklen von Freude, Schmerz, Enttäuschung, Schuldgefühlen und (häufig emotional oder sexuell aufgeladener) Versöhnung. Diese Zyklen wiederholen sich so lange, bis beide Partner professionelle Hilfe suchen oder einer der Beziehungspartner aus der abhängigen Partnerschaft ausbricht.

Unglücklicherweise gibt es kein “Patentrezept”, wie die betreffenden Beziehungen zu verbessern wären, denn in der Regel zeigen auch die in der Beziehung “ausgebeuteten” Partner eine hohe Resistenz allen gutgemeinten Ratschlägen gegenüber – besonders solchen, die eine gesündere Distanz zur Partnerschaft zur Folge haben würden. Vielleicht aber helfen als erste Orientierungsmöglichkeit die folgenden

Tipps zur Überwindung von Beziehungabhängigkeit:

  • Erklären Sie Ihre “Heilung” zur ersten Priorität Ihrer aktuellen Lebensphase.
  • Sehen Sie mutig Ihren eigenen Problemen und Mängeln ins Auge.
  • Kultivieren Sie all das, an was es Ihnen selbst fehlt: füllen Sie z.B. jene Lücken aus, die Sie manchmal schlecht oder ungenügend fühlen lassen und/oder beseitigen Sie die Probleme, die Sie ursprünglich anfällig für ihr Suchtverhalten machten.
  • Lernen Sie, damit aufzuhören, andere steuern und kontrollieren zu wollen; konzentrieren Sie sich statt dessen mehr auf Ihre eigenen Bedürfnisse und verbessern Sie Ihr Selbstwertgefühl, um emotional unabhängiger zu werden.
  • Finden Sie heraus, was Ihnen einen Zustand von Ruhe und Gelassenheit erleichtert und reservieren Sie eine bestimmte Tageszeit dafür, sich dies auf täglicher Basis zu ermöglichen.
  • Erlernen Sie, die Spiele und Rituale des Suchtverhaltens zu vermeiden und vermeiden Sie, für Sie verfängliche Rollen anzunehmen (z.B. “Retter”/”Helfer”, “Ankläger”, “Opfer” (der/die Hilflose).
  • Finden Sie Freunde, die Sie verstehen und Ihre Erfahrungen teilen können (z.B. Selbsthilfe-Gruppe).
  • Überlegen Sie, sich professionelle Unterstützung zu gönnen, um den Erholungsprozess zu beschleunigen.

Vielen Blog-LeserInnen dürfte vertraut sein, wie häufig Freunde oder Bekannte, die in solche Beziehungen verstrickt sind, in diesen emotional geschädigt, finanziell ausgebeutet oder sogar körperlich verletzt werden. Was Sie als guter Freund oder gute Freundin aber tun können, ist, es zu vermeiden, auch selbst mit in das “schwarze Loch” gezogen zu werden, indem Sie beide unnachgiebig dazu aufzufordern, sich professionelle Hilfe (z.B. Paarberatung) zu suchen.

(Indikatoren basieren auf einem Artikel von Laurie Pawlik-Kienlen; Tipps zum Überwinden basieren in Teilen auf Robin Norwood’s Buch “Wenn Frauen zu sehr lieben“; Image src:hubpages.com)

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Gedanken zu “Beziehungsabhängigkeit” (7):

  1. Kommentar von Eine BeziehungFreundin zurückgewinnen:

    […] to have a … relationship eine … Beziehung haben friendly (friendship) … Access Full SourceWofür soll dieser Blog zum Thema "Freundin zurückgewinnen" eigentlich gut sein? Eine Beziehung In …-Beziehung_72852.jpg" […]

  2. Kommentar von Stahl, L.:

    Die Freundeskreise für Suchkrankenhilfe e.V. in Baden bemühen sich zur Zeit, die Begrifflichkeiten: Angehörige von Betroffenen – Co-Abhängigkeit – Beziehungsabhängigkeit, sinnvoll für uns zu definieren und noch gezielter in unsere Gruppenarbeit einfließen zu lassen. Wir sind der Überzeugung, dass das viel mißbrauchte Wort “Co-Abhängigkeit” in seiner krankhaften Form eine behandlungsbedürftige Beziehungsabhängigkeit bezeichnet. Für die “Indikatoren”, als Beobachtung hinsichtlich eines krankhaften Zustands und als Arbeits- und Diskussionsgrundlage von professioneller Seite, sind wir dankbar.

  3. Kommentar von Femke:

    Erst einmal, guter Artikel. Ich habe selber über 2 Jahre in einer solchen Beziehung gesteckt, welche anfangs zwar gut, jedoch mit der Zeit in ein solches Verhältnis abgedriftet ist. Ich konnte mich nicht lösen, von der anderen Person, weil ich (im Nachhinein festgestellt) in ihr all das fand, was ich selber nicht hatte oder war. Deswegen kann ich nur unterstreichen, dass der Fokus auf die eigenen Bedürfnisse gelegt werden muss, um danach auf die Bedürfnisse anderer eingehen zu können und somit eine normale, gesunde Beziehung (mit Höhen und Tiefen) zu führen.

  4. Kommentar von Christine Spranger:

    Ein interessanter Artikel, der mich daran erinnert, dass es keinen Sinn macht, sich an eine Beziehung zu klammern, die keine gesunde Basis hat. Falls sich jemand für meinen Beziehungsblock interessiert, habe ich hier gerne einen Link zu einem meiner Blog-Artikel gesetzt: http://christinespranger.blogspot.co.at/2015/03/klammern-in-der-beziehung-auswege.html. Herzliche Grüße!

  5. Kommentar von Christiane:

    Hallo zusammen,
    Ich kann kognitiv alles nachvollziehen, was zum Thema Entwicklung der eigenen Unabhängigkeit etc geschrieben wurde. Das Problem ist, dass es trotzdem nicht geht. Temporär schon, aber dann überwältigt mich wieder die Wut, die Trauer, die Verständnislosigkeit, die Machtlosigkeit.
    Ich war 3 Jahre mit einem ehemaligen (eigene Angabe) Spielsüchtigen mit riskanten Alkoholverhalten (nach eigenen Angaben aber kein Alkoholiker) zusammen. Die erste Zeit mit ihm war super und auch zwischendurch hatten wir sehr schöne Phasen. In diesen haben wir uns auch gut verstanden , sowohl sexuell als auch intellektuell.
    Mir will das einfach nicht in den Kopf, warum er sich mit seinen Feiertouren nicht zusammenreißen wollte, um mit uns (meiner Tochter und mir) zusammenzusein.
    Er hat nie richtig zu uns gestanden, und das nach außen publik gemacht, dass wir zusammen sind…Ach so viele Dinge sind passiert.
    Und wir waren auch netto nicht 3 Jahre zusammen, es ging hin und her.
    Trotzdem sitzt er in meinem Kopf, trotz aller wirklich hässlichen Eskalation träume ich davon, dass er reumütig zurückkommt.
    Ich verstehe einfach nicht, warum ihm seine vermeintliche Freiheit mit 49 Jahren immer noch so wichtig ist. Er lebt ja schon so seit er Anfang 20 ist.
    Ich verstehe es nicht und ich kann auch nicht mehr , ich will dass er aus meinem Kopf und Herzen verschwindet.

    Für Tipps bin ich dankbar.
    VG Christiane

  6. Kommentar von Lutz:

    Hallo Christiane,

    wenn Du Dich in meiner Selbsthilfegruppe so äußern würdest, bekämst Du zumindest von Co-Abhängigen (Frauen), die sich weiter entwickelt haben, die Gegenfrage: Warum sollte sich Dein Freund oder Ex-Freund ändern? Er hat für sich doch sehr wahrscheinlich genau das, was er will. Eine Frau, zu der er kommen kann, wenn er es braucht. Zu der er aber nicht stehen muss, für die er sich nicht entgültig entscheiden muss, weil sie ihm ja doch hinterher läuft. Die Steigerung von -einen Menschen brauchen-, kann gebrauchen oder gar mißbrauchen sein. Warum also, sollte er sich binden, wo er doch auf seinen Feiertouren das grandiose Gefühl des “mir kann keiner” haben kann.
    Soviel zu ihm! Aber, hast Du Dir schon einmal Gedanken gemacht, wofür Du so einen Mann brauchst? So wie Du geschrieben hast, scheint er einen Schwerpunkt, wenn nicht vielleicht sogar den Mittelpunkt in Deinem Leben zu bilden. In den Mittelpunkt Deines Lebens gehört nur eine Person und das bist Du selbst (und mit Abstrichen, Deine Tochter).

    Aus eigener Erfahrung weiß ich leider, dass eine schmerzliche Trennung einer Trauer sehr ähnlich ist. Sie zu überwinden verläuft in Phasen unschöner Gefühle, wie z.B. Weigerung die Tatsachen anzuerkennen mit entsprechender Wut. Kopfkino, sobald man entspannen will usw. Ich kann es Dir nachfühlen, aber leider halt nur schriftlich antworten.

    Du wolltest Tipps:
    Wenn es mir so schlecht geht, sollte ich mich zuerst auf meine Stärken besinnen.
    Habe den Mut, Hilfe anzunehmen.
    Die oben genannten Phasen kannst Du möglicherweise beschleunigen, wenn Du mit anderen, die ähnliche Erfahrungen haben, sprichst. Das Sprechen wirkt in aller Regel heilsam, auch wenn es anfänglich schwer sein kann. In einer Selbsthilfegruppe, z.B. einem Freudeskreis für Suchtkrankenhilfe, in dem Angehörige integriert sind, wäre dies am leichtesten möglich, da Du hier die Distanz zu den Teilnehmern weitgehend selbst bestimmen kannst und mit der Suchtkarriere Deines Freundes wäre dies auch wahrscheinlich der richtige Rahmen.

    Besorge Dir das Buch “Die Kraft zum Loslassen” von Melody Beattie. Ich habe erlebt, dass diese Lektüre Frauen in Deiner Situation die Kraft gab, Veränderungen herbei zu führen.

    Ich wünsche Dir diese Kraft.
    Lutz

    (Hinweis R.L.Fellner: Liebe Blog-BesucherInnen, Austausch über persönliche Probleme bitte im Online-Forum dieser Website, der Kommentarbereich hier dient ausschließlich für Feedbacks auf den Artikel-Inhalt.)

  7. Kommentar von Christiane:

    Hallo Lutz,

    danke dir für die Antwort, die mich aber partiell eher noch runterzieht.

    Es gibt so viele Paare, in denen beide Seiten Kompromisse eingehen, die trotz aller Schwächen, Krankheiten , Faulheit, Untreue, körperlicher Unvollkommenheit etc zueinander stehen.

    Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, war immer Vollzeit arbeiten, habe mich trotzdem um meine Tochter gekümmert, habe mich weitergebildet, die Wohnung ordentlich gehalten, geputzt und gewaschen , mich immer gepflegt, habe schöne Unternehmungen für die Familie organisiert und bin sogar manchmal mit feiern gegangen nur um zu zeigen, daß ich mich auch mal so sorglos amüsieren kann.

    Es war alles für die Katz. Nun bin ich sowieso das Gespött für alle und für ihn nur die kontrollierende Alte, die ihn nicht so gelassen hat wie er ist.

    Alle Bücher der Welt können nichts daran ändern, dass ich alle meine Träume und Pläne für die Zukunft ad acta legen musste und dazu auch noch die “Karte” bekomme. ICH gehe zur Therapie, wenn es ganz schlimm ist, ICH bin diejenige die selbst Schuld ist für Verfehlungen und Verletzungen, die ich nicht zu verantworten habe. Meine gestörte Beziehung war angeblich Schuld, dass sich eine Freundin abgewandt hat obwohl ich nichts von ihr verlangt habe außer mal Gespräch .

    Egal. Kann keiner hier was dafür.

    Danke trotzdem.
    VG Christiane

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01.09.19