Das Helfer-Syndrom

Eine Schwäche ist besonders unter den Menschen, die in Helfer- und Service-Berufen arbeiten, häufig: das sogenannte “Helfer-Syndrom“. Der starke Impuls, anderen Menschen zu helfen, sich wohler zu fühlen, ist dabei unbewußt mit dem Ziel verbunden, das auch selbst zu tun und sich von eigenen Leeregefühlen abzulenken. Wenn die Betroffenen dabei jedoch laufend über die eigenen Grenzen gehen, sind Burnout und Depression nicht mehr weit – nicht ganz zufällig sind Angehörige dieser Berufssparten (z.B. Ärzten, Therapeuten oder anderer Sozialberufe) überaus häufig davon betroffen.
Doch man kein professioneller Helfer sein, um ein “Helfer-Syndrom” zu entwickeln: genauso gut kann es auch ein Nachbar, ein Freund, ein Mitarbeiter oder Sie selbst sein, der dazu neigt, Verantwortungen und Aufgaben zu übernehmen, um die andere instinktiv einen weiten Bogen machen würden.

Doch das ist nicht alles: das Helfer-Syndrom kann zu regelrecht mißbräuchlichen Beziehungs-Konstellationen führen. Der “Helfer” auf der einen Seite mag zunehmend Burnout-Symptome entwickeln und sich ausgebeutet fühlen, wenn seine Anstrengungen als selbstverständlich betrachtet werden und ihm wenig Dankbarkeit erwiesen wird. Nicht und nicht scheint er den Punkt zu erreichen, an dem jeder zufrieden ist.
Doch es existieren auch mißbrauchende bzw. narzißtische Helfer: das mangelnde Gefühl für die eigenen Grenzen führt bei ihnen indirekt auch dazu, auf die Verantwortung dem anderen gegenüber zu “vergessen”. Während ein verantwortungsvoller Helfer seine eigenen Grenzen kennt und den anderen dabei unterstützen wird, stärker zu werden und sich nach Möglichkeit professionelle Hilfe zu suchen, möchte der narzißtische Helfer ihn nicht aus seinem Einfluß entlassen – er kann nicht loslassen, bevor jene Ziele erreicht sind, von denen er selbst überzeugt ist.

Unabhängig davon, ob die Motive für das Helfer-Verhalten altruistisch (“Ich möchte etwas zurück geben”, “…verhindern, dass er/sie dieselben Fehler wie ich macht!”, “Ich möchte etwas weitergeben” oder “Ich kann es schaffen!”‘) oder neurotisch motiviert sind: es ist immer ein Zeichen emotionalen Ungleichgewichts, wenn jemand die eigenen Grenzen ignoriert und versucht, alle Probleme im Alleingang zu lösen.

Typische Formen ungesunder “Helfer-Beziehungen” sind Beziehungen mit wiederkehrenden emotionalen Wechselbädern, häufig mit einem abhängigen (“süchtigen”) Partner, Partnerschaften mit selbstbezogenen, kontrollierenden oder gewalttätigen Personen oder Beziehungen mit einem starken Ungleichgewicht an Macht, Bildung oder Geld. Derartige Beziehungsformen können für beide Partner zwar “funktionieren”, sie sind aber zumeist veränderungsresistent oder gar -feindlich und verlieren die künstliche Stabilität der gegenseitigen Abhängigkeit, sobald sich etwas am besagten Ungleichgewicht zu verändern beginnt. Persönliche Weiterentwicklung ist in ihnen nur schwer möglich, und aufgrund der inneren Zwänge leider häufig auch das Erreichen wirklichen Lebensglücks. Für professionelle Helfer existiert deshalb in vielen Ländern eine Verpflichtung zur Supervision, um ihr berufliches Verhalten zu reflektieren. Für Laienhelfer bleibt häufig nur die Möglichkeit, gut auf sich aufzupassen um uns nicht mehr als es uns und den anderen gut tut, in destruktiven “Helfer”-Ambitionen zu verstricken.

(Bildquelle: westallen.typepad.com)

Richard L. Fellner, DSP, MSc.

Psychotherapeut, Hypnotherapeut, Sexualtherapeut, Paartherapeut



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