Apr 05

Platzangst; Bildquelle: MedicalNewsToday.com

Angst und Isolationsgef√ľhle: ein neuer Problemkomplex seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie

Am Beginn der Corona-Krise richtete sich die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik vor allem auf medizinische und politische Entscheidungen. Doch je länger die Pandemie weltweit andauert und je drastischer die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in manchen Ländern werden, desto mehr treten nun auch die psychischen Folgen dieser Ausnahmesituation in den Vordergrund.

Angstzustände & Schlafstörungen

So gut wie in jedem Land, in dem die Todeszahlen – direkt oder indirekt bedingt durch den Covid19-Virus – eine gewisse Zahl √ľberschritten, begannen Politiker w√§hrend der letzten Wochen und Monate, die Bewegungsfreiheit der B√ľrger schrittweise einzuschr√§nken – teilweise in drastischen Ausma√üen, wie zeitbegrenzten oder gar dauerhaften Ausgangssperren, die h√§ufig sogar polizeilich oder milit√§risch √ľberwacht und bei Zuwiderhandeln mit heftigen Strafen belegt werden. Daneben verlegten zahlreiche Firmen und √Ąmter die T√§tigkeit daf√ľr in Frage kommender Mitarbeiter in deren kurzerhand als solche deklarierten “Home Offices” – mit bisher noch unklarer Dauer, und verbunden mit zahlreichen Herausforderungen (wie Kinderbetreuung, ‘Home schooling’, Platzproblemen, technischen Umstellungen usw.), die daf√ľr zu l√∂sen waren und bis auf weiteres sind.

Wie aber wirken sich all diese Veränderungen und Umstellungen auf die Psyche der Betroffenen aus?

In China bestehen diesbez√ľglich bereits Erfahrungen, und diese wurden vor kurzem publiziert. In Wuhan etwa wurden bereits im Januar 11 Millionen Menschen isoliert, im allein im Monat Februar erfolgten 2.144 Hotline-Anrufe bei einem (1) bestimmten psychologischen Dienste, die ausgewertet wurden. Knapp die H√§lfte der Anrufer klagte √ľber Angstzust√§nde, gefolgt von Schlafproblemen, somatoformen Symptomen, depressiven Symptomen und anderen emotionalen Zust√§nden wie Einsamkeit, M√ľdigkeit und Unruhe. Auch k√∂rperliche Beschwerden wie Herzklopfen, Atemnot oder Engegef√ľhl in der Brust wurden beschrieben – bei diesen kann es sich um psychosomatische Folgesymptome des emotionalen Stresses handeln.

Die Telefonseelsorge in Deutschland verzeichnet dieser Tage einen ähnlichen Trend: Die Anrufe haben sich seit dem Beginn der Corona-Krise im Schnitt verdoppelt, an einzelnen Tagen rufen etwa 10-mal so viele Personen an.

Risikogruppen besonders gefährdet

Bei den Menschen, die die Telefonseelsorge nutzten, standen gr√∂√ütenteils noch ganz praktische Probleme im Vordergrund: etwa die Organisation eines Krankenhausaufenthalts oder finanzielle Auswirkungen der Krise. Doch speziell Personen mit psychischen Vorerkrankungen d√ľrften w√§hrend der n√§chsten Monate ganz besonderen Belastungen ausgesetzt sein. Ihre Resilienz ist zumeist geringer als jene psychisch “gesunder” Personen, und viele der Betroffenen neigen dazu, die problematischen Aspekte von Ver√§nderungen besonders stark wahrzunehmen, Positives dagegen gar nicht oder nur in weitaus geringerem Ausma√ü. Besonders schwierig ist die Situation, wenn der Aufenthalt in einer Tagesklinik, Reha-Einrichtung, Werkstatt oder Wohngruppe abgebrochen werden muss oder durch die Ausgangssperre t√§gliche Routinen nicht mehr eingehalten werden k√∂nnen. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang auch die enormen psychischen Belastungen f√ľr die “Helfer” selbst – medizinisches Personal und andere im Gesundheitssektor Besch√§ftigte, aber auch Angeh√∂rige der Erkrankten.

Online-Beratung als neue Ressource

Zahlreiche Versicherungstr√§ger und Experten empfehlen daher, die zahlreichen, zur Verf√ľgung stehenden Angebote von “Video-Sprechstunden” bzw. Online-Beratung wahrzunehmen. Bis vor der Krise handelte es sich dabei um eine Nische im Bereich der psychologischen und therapeutischen Unterst√ľtzung, heute jedoch ist es die beste Alternative zu pers√∂nlichen Gespr√§ch, das durch die Anfahrtswege nicht nur potenzielle Infektionsrisiken birgt, sondern nicht selten sind die Anfahrtswege auch schwierig nutzbar (wenn etwa √∂ffentliche Verkehrsmittel eingestellt oder reduziert wurden).
Aus diesem Grund hat der deutsche GKV-Spitzenverband die bislang geltenden Begrenzungsregelungen vorerst bis zum 31. Mai 2020 aufgehoben, √§hnliche Regelungen gelten auch in √Ėsterreich und der Schweiz: bis auf Widerruf kann Psychotherapie bzw. Online-Beratung auch anstelle von pers√∂nlichen Sitzungen wahrgenommen und auch so wie pers√∂nliche Sitzungen abgerechnet werden – auch dann, wenn Klienten zuvor noch nicht bei ihnen in Behandlung waren. In Deutschland muss bei psychologischen Psychotherapeuten weiterhin zumindest 1 pers√∂nlicher Arzt-Patienten-Kontakt vorausgegangen sein.

Zum Weiterlesen:

– “Psychisch Kranke sind √ľbersehene Risikogruppe” (Der Standard, 26.03.2020)
Leitfaden der Deutschen Depressionshilfe

Hinweis: bitte klären Sie in Ihrem eigenen Interesse die aktuelle Situation mit Ihrer Versicherung und/oder Ihrem/r Therapeuten/Therapeutin. Die Regelungen ändern sich derzeit regional ständig, sodass dieser Blog-Artikel u.U. zum Zeitpunkt, wenn Sie ihn lesen, nicht mehr aktuell sein könnte.
Bildquelle: medicalnewstoday.com

Mar 21

Covid 19 strategy study Phot Copyright: Imperial College London

Studie zu Strategien gegen den Covid-19 / Corona-Virus

Eine Studie, die verschiedene Ans√§tze der Beeinflussung der Ausbreitung und Auswirkungen des COVID-19 – Virus in mathematischen Modellen untersucht, wurde am London Imperial College durchgef√ľhrt und im aktuellsten WHO-Bericht zum sog. “Coronavirus” ver√∂ffentlicht. In der Studie wurden 4 unterschiedliche Strategien f√ľr den Kampf gegen den Virus analysiert: (1. nichts tun 2. Ma√ünahmen zur Verlangsamung der Infektionsraten 3. Ma√ünahmen zur Unterdr√ľckung des Virus wie z.B. strikte Ausgangssperren und 4. eine Kombination von 3 & 4). Das Ergebnis war, dass die Strategie “Verlangsamung + Unterdr√ľckung” (massive Reduktion des √∂ffentlichen Lebens und der Sozialkontakte, bis die Spit√§ler die Zahl der schwer Erkrankten wieder bew√§ltigen k√∂nnen, dann wieder graduelle Erleichterung der Ma√ünahmen solange, bis die Spitalsbetten wieder voll sind – dann wieder eine Phase massiver Einschr√§nkung usw.) der erfolgversprechendste Ansatz sein d√ľrfte.

Dennoch w√ľrde es die heute noch fast unvorstellbare Dauer von 2 Jahren ben√∂tigen, bis auf diese Weise eine ausreichende Immunisierung der Bev√∂lkerung erreicht ist.

Es ist f√ľr die korrekte Einsch√§tzung der Perspektiven allerdings wichtig, zu ber√ľcksichtigen, dass dieses Modell nicht die Strategie, zuvor stattgefundene Sozialkontakte der infizierten Patienten ausfindig zu machen, die Verbesserung und Verf√ľgbarkeit von Schnelltest-Kits, sowie die weltweite Verf√ľgbarkeit einer wirksamen Schutzimpfung ber√ľcksichtigt (welche unter idealen Bedingungen weniger als 2 Jahre dauern k√∂nnte). Jeder dieser Faktoren k√∂nnte die Dauer der massiven Auswirkungen des COVID-19 – Virus auf unser soziales und wirtschaftliches Leben reduzieren. Andererseits zeigt das Modell jedoch auch auf, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass wir schon innerhalb weniger Monate wieder mit unserem “gewohnten” Leben fortfahren k√∂nnen.

Englischsprachiger Artikel mit Links zur Studie: https://www.imperial.ac.uk/…/covid-19-imperial-researchers…/
Deutschsprachiger Presseartikel: https://www.businessinsider.de/…/londoner-forscher-haben-i…/ Bildrechte: Imperial College London, imperial.ac.uk

ÔĽŅ05.04.20