Dec 18

Dies ist ein “Sammeleintrag” √§hnlich meinen Blog-Eintr√§gen zu den Themen “Partnersuche“, “Suizid” oder “Autismus“, in denen ich Forschungsergebnisse zum pers√∂nlichen, gesellschaftlichen oder sozialversicherungsm√§√üigen Gewinn durch Psychotherapie sammle. Falls Ihnen einschl√§gige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, f√ľge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

  • Rund 20% der Kinder und Jugendlichen in Europa leiden an psychischen Erkrankungen, die einschr√§nkend wirken und daher als krankheitswertig und behandlungsbed√ľrftig zu bezeichnen sind (WHO 2005). Man darf auf Basis des heute verf√ľgbaren Wissens √ľber √Ątiologie, therapeutische Beeinflussbarkeit und den Verlauf psychischer St√∂rungen jedoch davon ausgehen, dass der Gro√üteil dieser psychischen St√∂rungen erfolgreich psychotherapeutisch behandelbar w√§re (Mattejat F (2004): Perspektiven einer entwicklungsorientierten Psychotherapie. In: Lehmkuhl U, Lehmkuhl G (Hrsg). Fr√ľhe psychische St√∂rungen und ihre Behandlung. Vandenhoeck & Ruprecht, G√∂ttingen; Schmidt MH (2004) Verlauf psychischer St√∂rungen bei Kindern und Jugendlichen. Deutsches √Ąrzteblat 101: 38)
  • 1 Euro f√ľr Therapie = 4 Euro “Gewinn”: jeder Euro, der in die Behandlung von Depression und Angstst√∂rungen flie√üt, stehen 4 Euro “Gewinn” durch die Aufrechterhaltung der Erwerbsf√§higkeit und Vermeidung von Folgekosten (von Arbeitsplatzverlust √ľber physiologische Erkrankungen, Gewalt, Drogenmi√übrauch etc.) gegen√ľber. In der Lancet-Studie (04/2016) wurden unter “Therapie” alle Ma√ünahmen von ausschlie√ülich medikament√∂ser Behandlung √ľber psychosoziale Ma√ünahmen bis Psychotherapie zusammengefa√üt.
  • Fr√ľhe Psychotherapie wirkt im “Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology” publizierten Studien zufolge besser als Medikamente f√ľr Kinder, die an ADHS leiden (Details, Studie 1, Studie 2).
  • Die meisten psychischen St√∂rungen sind wiederkehrend und chronifizieren, wenn sie unbehandelt bleiben (Baltesberger C., Grawe K (2001): Psychotherapie unter gesundheits√∂konomischem Aspekt. Zeitschrift f√ľr Klinische Psychologie und Psychotherapie 30 (1): 10-21, Hogrefe-Verlag, G√∂ttingen). Margraf fasst die epidemiologischen Daten v.a. der Angstst√∂rungen und Depressionen mit den Kostendaten in Deutschland und der Schweiz so zusammen: “Statt fr√ľh, ambulant und kosteng√ľnstig werden psychische St√∂rungen sp√§t, station√§r und teuer behandelt.”
  • Die Nicht-Durchf√ľhrung bzw. Nicht-Miteinschlie√üung von Psychotherapie im Versorgungssystem kommt teuer: den Milliardenkosten (gesch√§tzt 2,8 Mrd. Euro laut Arbeiterkammer (Juli 2008), die¬†in √Ėsterreich durch psychische St√∂rungen j√§hrlich verursacht werden, stehen Aufwendungen f√ľr Psychotherapie von rund 45 (!) Millionen Euro gegen√ľber.
  • Laut Hauptverband der Sozialversicherungstr√§ger sind die Verschreibungen f√ľr Antidepressiva f√ľr die Alterstruppe von 5-19 Jahren allein vom Jahr 2006 bis 2007 um 11.461 gestiegen, auch im Bereich der Anxiolytika (Angst-Medikamente) war in dieser Altersgruppe ein Anstieg innerhalb nur eines Jahres um 1.916 Verschreibungen zu verzeichnen. Eine psychotherapeutische Behandlung w√ľrde in vielen dieser F√§lle nicht nur eine Alternative zur rein psychopharmakologischen Behandlung darstellen, sondern sie w√§re, da in der Psychotherapie grundlegend an der Problemanalyse, -bew√§ltigung und Verbesserung der Entwicklungsbedingungen gearbeitet wird, auch aus ethischen Gesichtspunkten vorzuziehen. Auch ein “Immunisierungseffekt” gegen psychische St√∂rungen gelingt in aller Regel deutlich besser √ľber Psychotherapie denn √ľber die symptombezogene Einnahme von Medikamenten.

Falls Sie evt. relevante Studienergebnisse √ľber den Nutzen von Psychotherapie fanden, die hier noch nicht angef√ľhrt sind, w√§re es im Sinne der allgemeinen N√ľtzlichkeit dieses Artikel nett, wenn Sie auf diese im Kommentarbereich hinweisen k√∂nnten. Danke!

 

May 08

Psychische Leiden belasten mehr als körperliche.
(Image src: depressionisreal.com)

 

Kaum eine Situation macht Menschen unzufriedener mit dem Leben als eine psychische Erkrankung.

Richard Layard, Leiter des Wellbeing Programme am Centre for Economic Performance der London School of Economics and Political Science, ver√∂ffentlichte k√ľrzlich das Ergebnis einer Langzeit-Metastudie, demzufolge in Australien, Deutschland und Gro√übritannien psychische Erkrankungen weit st√§rker zum Ungl√ľck von Menschen beitragen als k√∂rperliche Gebrechen. Befragt wurden Personen mit einem Lebensalter von √ľber 25 Jahren.

Es wird gesch√§tzt, dass weltweit etwa jeder Zehnte unter Depressionen und Angstst√∂rungen leidet. Diese psychischen Erkrankungen sind die Ursache von bis zu einem F√ľnftel aller F√§lle von Erwerbsunf√§higkeit. Gleichzeitig befindet sich selbst in reichen L√§ndern weniger als ein Drittel der Betroffenen in therapeutischer Behandlung.

Das Tragische ist, dass Depressionen und Angstst√∂rungen heute mit Psychotherapie erfolgreich behandelt werden k√∂nnten, sagt Richard Layard. Dennoch w√ľrde kaum eine Regierung mehr als 15 Prozent ihres Gesundheitsetats f√ľr die Behandlung seelischer Erkrankungen ausgeben “Das ist diskriminierend f√ľr psychisch Erkrankte im Vergleich zu k√∂rperlich Erkrankten und zudem auch wirtschaftlich unvern√ľnftig”, sagen der Wohlfahrts√∂konom Layard und seine Kollegen. W√ľrden mehr psychisch Kranke gut behandelt werden, k√∂nnten Kosten f√ľr Sozialhilfe gespart werden und es w√ľrden weniger Steuereinnahmen aufgrund der Erwerbsunf√§higkeit vieler Arbeitnehmer verloren gehen. Layard: “In reichen L√§ndern w√§re wahrscheinlich eine f√ľr die Staatskassen kostendeckende Behandlung der von psychischen Leiden Betroffenen m√∂glich”.

Jeder Dritte hatte 1x jährlich mit psychischen Störungen zu kämpfen

Jeder 3. Erwachsene, also ca. 15 Millionen Menschen, erkrankten in Deutschland allein im Verlauf der letzten 12 Monate an mindestens einer psychischen St√∂rung. Die meisten davon leiden an Angstzust√§nden, Depressionen oder somatoformen St√∂rungen. Maximal 10% von ihnen erhielten jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie, was die Lebensqualit√§t der Betroffenen reduziert, die daraus resultierenden Fehlbehandlungen wiederum belasten die Gesundheits- und Sozialsysteme, da die Krankheitstage zunehmen und PatientInnen fallweise vorzeitig berentet werden m√ľssen. Die Bundesanstalt f√ľr Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit sch√§tzt den durch psychische Erkrankungen resultierenden Verlust an Arbeitsproduktivit√§t auf acht Milliarden Euro j√§hrlich.

“Psychische und psychosomatische Krankheiten sind keine blo√üen Befindlichkeitsst√∂rungen. Sie m√ľssen fr√ľhzeitig professionell behandelt werden, da sie sonst chronisch werden k√∂nnen und oft zu biologischen Ver√§nderungen im Gehirn und im √ľbrigen K√∂rper f√ľhren. Die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Prozent der durch ambulante Psychotherapie behandelten Patienten nachweislich profitieren. Ambulante Psychotherapien umfassen im Mittel 46 Sitzungen und kosten im Durchschnitt ca. ‚ā¨ 3700,-/Patient. Hilfesuchende Menschen brauchen jedoch zun√§chst niedrigschwellige und qualifizierte Anlauf- und Vermittlungsstellen.

Prof. Cornelia Albani, Leiterin der Sinova-Klinik f√ľr Psychosomatische Medizin in Aulendorf: “In einer repr√§sentativen Befragung konnten wir nachweisen, dass jene Menschen, die sich f√ľr eine ambulante psychotherapeutische Behandlung entscheiden, deutlich durch die Erkrankungen belastet sind und einen sehr hohen Leidensdruck versp√ľren”. In der Regel seien es schon l√§nger und psychisch schwer erkrankte Patienten mit hoher Krankheitslast. 84% dieser Menschen sch√§tzten beispielsweise ihre eigene psychische Verfassung vor der Therapie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Patienten dar√ľber hinaus an k√∂rperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs leiden. Erschreckend ist die niedrige Zahl derer, die professionelle Hilfe erhalten ‚Äď obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie bereits hinl√§nglich bewiesen ist. Rund 50% der von Albani et al. Befragten gaben an, dass sich durch die Psychotherapie ihre Arbeitsf√§higkeit und -produktivit√§t gesteigert habe. √Ąhnlich hoch wurde die Besserung der sozialen F√§higkeiten und Beziehungen bewertet. Bei bis zu 60% der behandelten Patienten zeigen sich deutliche Verbesserungen des seelischen Gesundheitszustands ‚Äď und zwar anhaltend und √ľber das Ende der Behandlung hinaus. “Studien haben die besondere Nachhaltigkeit psychotherapeutischer Behandlungen erwiesen. Hier setzten wir uns von rein medikament√∂sen Behandlungsstrategien ab”, so Albani.

Psychische und psychosomatische St√∂rungen entwickeln gerade im Zusammenspiel mit k√∂rperlichen Grunderkrankungen eine besondere Problematik und k√∂nnen sich wechselseitig verst√§rken. Fach√§rzte f√ľr Psychosomatische Medizin k√∂nnen bei der Entscheidung, wie am besten vorzugehen ist, helfen. Hierbei werden k√∂rperliche, seelische und auch soziale Aspekte ber√ľcksichtigt. Doch h√§ufig mangelt es an effizienten Diagnose- und Behandlungsm√∂glichkeiten sowie fl√§chendeckender Versorgung: ‚ÄěAngesichts der vielen Betroffenen besteht die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen f√ľr diese Patientengruppe‚Äú, so DGPM-Pr√§sident Professor Dr. J. Kruse, √Ąrztlicher Direktor der Klinik f√ľr Psychosomatik und Psychotherapie in Gie√üen.

(Quellen: MedAustria, SOEPpanel 2013 (s.a. http://www.diw.de/soeppapers); DGPM-Pressemitteilung 02/2013)

Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und gr√∂√üeren Schw√§chen st√§rker ver√§nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizit√§t” oder “neuronalen Plastizit√§t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh√§ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver√§ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizit√§t oder kortikaler Plastizit√§t. Die Grundlagen f√ľr diese Entdeckung der Anpassungsf√§higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universit√§t Z√ľrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Ver√§nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergr√∂√üern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests best√§tigen, dass schon die blo√üe Vorstellung Hirnreale vergr√∂√üern l√§sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa lie√ü Freiwillige ein simples Klavierst√ľck √ľben und untersuchte anschlie√üend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher f√ľr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergr√∂√üerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch st√§rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar st√§rker – unsere F√§higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierst√ľck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier ver√§nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tats√§chlich √úbenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings k√∂nnen also offenbar physiologische Ver√§nderungen des Gehirns durch Ver√§nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verbl√ľffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er f√§hig, realistische Bilder von Geb√§uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen √§hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und k√∂nnen zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. St√ľck f√ľr St√ľck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz pers√∂nlichen Ziele und Bed√ľrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erkl√§rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen St√∂rungen unterst√ľtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, k√∂nnen auch negative Gedanken gezielt √ľberwunden werden k√∂nnen. Werden jene Gedanken √ľberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann √ľber die Funktion der Neuroplastizit√§t eine physiologische √Ąnderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische M√∂nche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere B√ľcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf РTV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinfl√ľsse, aber auch Jonglieren ver√§ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: √ľber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu ver√§ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

Sep 09

√Ąrzte, Pfleger, Sozialarbeiter und Therapeuten wollen, so das Klischee, “helfen”: doch dabei laufen sie h√§ufig Gefahr, selbst zu erkranken.

Tats√§chlich sind stressbezogene Gesundheitsst√∂rungen unter im Gesundheitswesen T√§tigen weit verbreitet, doch ein ‚ÄěBurnout‚Äú kann grunds√§tzlich jeden Arbeitnehmer treffen. Professionelle Helfer wie √Ąrzte, Pflegepersonal oder Therapeuten haben aber ein besonders hohes Risiko, zu erkranken. Und bei professionellen Helfern, die im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie t√§tig sind, ist es der Statistik zufolge am gr√∂√üten. Psychiater etwa berichten h√§ufiger √ľber ‚ÄěBurnout‚Äú, Depression und andere psychische Erkrankungen als andere √Ąrzte. Berufsanf√§nger sind ganz besonders anf√§llig f√ľr stressbedingte Gesundheitsst√∂rungen. 76% der Assistenz√§rzte leiden an ‚ÄěBurnout‚Äú-Symptomen wie emotionaler Ersch√∂pfung oder Demotivation. Aufgrund der oftmals idealisierten Vorstellungen von ihrem Beruf ist der Einstieg ins Berufsleben von jungen √Ąrzten und Therapeuten daher h√§ufig mit Entt√§uschungen verbunden.

Darauf macht die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) aufmerksam. Den Grund sieht die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft im zunehmenden Kostendruck im Gesundheitswesen bei gleichzeitig steigenden Qualit√§tsanforderungen und Behandlungsf√§llen pro Helfer. Hinzu komme, dass die therapeutischen Beziehungen im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie emotional belastend sein k√∂nnen. Nicht haltbar sei die These, dass gerade diejenigen das Berufsfeld Psychiatrie und Psychotherapie w√§hlen, die eine Neigung zu psychischen Erkrankungen haben. Wichtig ist es, Anzeichen f√ľr ein ‚ÄěBurnout‚Äú fr√ľh zu erkennen und entgegenzusteuern. Denn zu sp√§t erkannt, k√∂nnen Ersch√∂pfungszust√§nde in einer depressiven Erkrankung m√ľnden. Die DGPPN empfiehlt das eigene Zeitmanagement zu verbessern, Delegationsm√∂glichkeiten f√ľr Aufgaben zu nutzen oder auch mal ‚ÄěNein‚Äú zu sagen sowie exzessive √úberstunden zu vermeiden. Hilfreich kann zudem eigene psychotherapeutische Unterst√ľtzung sein, in der Betroffene ihre oftmals eingefahrenen Einstellungs- und Verhaltensmuster hinterfragen k√∂nnen, die zu dem emotionalen und k√∂rperlichen Ersch√∂pfungszustand gef√ľhrt haben. Sie lernen, wie sie mit Stress besser umgehen und auf ihren K√∂rper h√∂ren k√∂nnen.

Das Thema ‚ÄěBurnout‚Äú und ‚ÄěBurnout bei professionellen Helfern in der Psychiatrie und Psychotherapie‚Äú geh√∂rt zum Programm des diesj√§hrigen DGPPN-Kongresses im November 2011 in Berlin. Der Kongress z√§hlt mit mehr als 10.000 erwarteten Teilnehmern inzwischen zur gr√∂√üten Fachtagung auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen.

(Quelle: MedAustria, DPPPN-Kongress-Website; Image src:theworkingcaregiver.wordpress.com)

Mar 18

(Bild: R.L.Fellner)

Wieder mal regte mich ein Beitrag aus dem Diskussionsforum meiner Website an, √ľber ganz bestimmte Aspekte meiner eigenen Rolle als Therapeut zu reflektieren. Eine Diskussionsteilnehmerin fragte sich nach ihren Erfahrungen in ihrer Psychotherapie, inwieweit Patienten ihren Therapeuten denn auch pers√∂nlich wichtig sind, und wieviel emotionales Engagement tats√§chlich besteht – bzw. ob dieses √ľberhaupt echt sei?

Nat√ľrlich ist es nicht m√∂glich, eine derartige Frage generalisierend zu beantworten. Genauso, wie jeder Mensch anderes ‘gedrahtet’ ist, sind es (nat√ľrlich) auch TherapeutInnen! Die daf√ľr erforderliche Ausbildung ver√§ndert ja nicht die Pers√∂nlichkeitsstruktur, sondern schafft nur eine wissensm√§√üige Grundlage und zielt darauf ab, dass trotz aller pers√∂nlichen “Macken” Professionalit√§t in der therapeutischen Arbeit m√∂glich ist. Was oft, aber nat√ľrlich nicht immer gelingt.

Pers√∂nlich habe ich im Laufe meiner Ausbildung und T√§tigkeit entsprechend auch die volle Bandbreite kennengelernt: von √ľberemotionalen, kaum abgrenzungsf√§higen Therapeutinnen, die im Leben nichts anderes haben als “die Praxis” bis hin zu √§u√üerst k√ľhlen und m.M. nach kaum empathief√§higen Therapeuten. Und ganz vielen, die irgendwo dazwischen liegen. Von solchen, die ihre Klienten vor allem als “Kunden” sehen bis zu solchen, die anf√§llig sind f√ľr emotionale √úbergriffe (in beide Richtungen). Und vielen, die aber gerade in der Praxis dann durchaus so agieren, wie ich das bei TherapeutInnen f√ľr erforderlich halte. Und nat√ľrlich gibt es auch “professionelle Freundlichkeit”, “professionelle N√§he”. Diese sollte sich von herk√∂mmlicher Freundlichkeit, N√§he und emotionaler Beteiligung meiner Ansicht nach dadurch unterscheiden, dass im Kopf gewisserma√üen eine h√∂here (professionelle) Instanz dar√ľber “wacht”, ob das, was zwischen beiden Personen abl√§uft, noch heilsam ist, und nicht wom√∂glich das, was da zwischenmenschlich m√∂glich w√§re, letztendlich f√ľr mehr Komplikationen oder Verwicklungen sorgen w√ľrde.

Ganz pers√∂nlich geht es mir so, dass ich leidenschaftlich gerne mit Menschen arbeite, und mich im Prinzip auf jeden freue, der zur n√§chsten Stunde kommt, um mit meiner ‘guidance’ ein weiteres St√ľck seines pers√∂nlichen Wegs zur√ľckzulegen. Manche KlientInnen sind aber durchaus “herausfordernder” im Sinne von “schwieriger” als andere. Das hei√üt aber nicht, dass ich mich deshalb √ľber sie weniger freue, sondern es steigert nur etwas meinen Blutdruck ūüėČ – √§hnlich wie an einer schwierigen Stelle eines Bergaufstieges.

Auch wenn ich mich pers√∂nlich (wovon viel mit der systemischen Therapiemethode zu tun hat) nicht in allzu tiefe pers√∂nliche Verbindungen mit Klienten einlasse, so “lebe” ich doch mit allen mit und bin √§u√üerst interessiert, wie es ihnen so ergeht … und wie es nach der Therapie weiterging in ihrem Leben. Insofern ist mit Abschieden tats√§chlich h√§ufig auch ein gewisser Schmerz verbunden. Allerdings kann ich recht gut akzeptieren, dass ich halt von Beginn an nur vor√ľbergehender Wegbegleiter war. Ich “ben√∂tige” meine KlientInnen nicht als Freunde oder Bezugspersonen, und bin eigentlich √ľberzeugt davon, dass das f√ľr diese l√§ngerfristig auch ganz gesund ist – auch wenn es manchmal nat√ľrlich wichtig und gut ist, wenn ich in bestimmten Lebenssituationen auch mal als bester Freund zur Verf√ľgung stehen kann.

Jan 14
(Foto: Psychotherapie in Thailand bei R. L. Fellner)

(Photo: R.L.Fellner)

Ich bin an meiner psychischen Belastungsgrenze! Aber was tun: mir Medikamente verschreiben lassen oder einen Therapeuten besuchen?

Die meisten Menschen entscheiden sich zun√§chst f√ľr den ersten Weg. Die meisten Psychopharmaka (so hei√üen die Arzneimittel, die auf die Psyche des Menschen symptomatisch einwirken) sind heute unkompliziert in der Apotheke um’s Eck zu bekommen, und den Rest verschreiben die meisten Psychiater bereits nach einem 5-min√ľtigen Gespr√§ch. Man kann es hiermit also angenehmerweise vermeiden, sich √ľber seine “schwachen Punkte” mit jemandem austauschen zu m√ľssen, sondern darf darauf hoffen, dass uns der unangenehme “Gast” in Form von √Ąngsten, Depressionen, Zwangsgedanken etc. in K√ľrze wieder verl√§√üt. Diese Vorgangsweise folgt der Vorstellung des Menschen als Apparat: dreht man (pharmakologisch) am rechten Schr√§ubchen, l√§uft das Uhrwerk wieder.

Psychologen und Psychotherapeuten haben mit dieser Vorstellung naturgem√§√ü Probleme, denn sie reduziert den Menschen nicht nur auf die Funktion einer “Denk- und Verdauungsmaschine”, sondern ignoriert auch die wichtigen anderen beiden S√§ulen des humanistischen Menschenbildes: Geist (unsere rational-/intellektuellen M√∂glichkeiten, Probleme zu bew√§ltigen) und Seele (die Vorstellung, dass psychische Probleme konkrete Ursachen haben, die wir l√∂sen oder beheben sollten).

Aus diesen zwei recht gegens√§tzlichen Sichtweisen heraus hat sich eine moderne psychotherapeutische Vorgangsweise etabliert, die sich in den meisten aller psychischen Notlagen gut bew√§hrt: bei Psychosen, schwerwiegenden psychischen Erkrankungen und akuten Problemen dominiert zun√§chst einmal der pharmakologische Ansatz. Arzneimittel sollen helfen, die psychische Lage soweit zu stabilisieren, dass Patienten f√ľr Psychotherapie und andere Therapieformen √ľberhaupt erst aufnahmef√§hig werden. Bei herk√∂mmlichen psychischen St√∂rungen wird in der Regel Psychotherapie angewandt, fallweise kann aber auch hier w√§hrend der ersten Behandlungsmonate pharmakologische Unterst√ľtzung hilfreich sein. Von rein pharmakologischen Therapien ohne jede begleitende Psychotherapie ist man zu Beginn des 21. Jahrhunderts f√ľr die meisten Beschwerdebilder eher abgekommen. Im konkreten Fall sollte im Interesse des bestm√∂glichen Therapieansatzes die Diagnose und Einsch√§tzung der korrekten Vorgangsweise ein ausgebildeter Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeut vornehmen.
Von Selbstdiagnosen und besonders auch der Selbstbehandlung mit Psychopharmaka ist aufgrund derer potentiellen Nebenwirkungen unbedingt abzuraten.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011)

Blog-Begriffswolke:
ÔĽŅ10.06.18