Jan 14
(Foto: Psychotherapie in Thailand bei R. L. Fellner)

(Photo: R.L.Fellner)

Ich bin an meiner psychischen Belastungsgrenze! Aber was tun: mir Medikamente verschreiben lassen oder einen Therapeuten besuchen?

Die meisten Menschen entscheiden sich zunächst für den ersten Weg. Die meisten Psychopharmaka (so heißen die Arzneimittel, die auf die Psyche des Menschen symptomatisch einwirken) sind heute unkompliziert in der Apotheke um’s Eck zu bekommen, und den Rest verschreiben die meisten Psychiater bereits nach einem 5-minütigen Gespräch. Man kann es hiermit also angenehmerweise vermeiden, sich über seine “schwachen Punkte” mit jemandem austauschen zu müssen, sondern darf darauf hoffen, dass uns der unangenehme “Gast” in Form von Ängsten, Depressionen, Zwangsgedanken etc. in Kürze wieder verläßt. Diese Vorgangsweise folgt der Vorstellung des Menschen als Apparat: dreht man (pharmakologisch) am rechten Schräubchen, läuft das Uhrwerk wieder.

Psychologen und Psychotherapeuten haben mit dieser Vorstellung naturgemäß Probleme, denn sie reduziert den Menschen nicht nur auf die Funktion einer “Denk- und Verdauungsmaschine”, sondern ignoriert auch die wichtigen anderen beiden Säulen des humanistischen Menschenbildes: Geist (unsere rational-/intellektuellen Möglichkeiten, Probleme zu bewältigen) und Seele (die Vorstellung, dass psychische Probleme konkrete Ursachen haben, die wir lösen oder beheben sollten).

Aus diesen zwei recht gegensätzlichen Sichtweisen heraus hat sich eine moderne psychotherapeutische Vorgangsweise etabliert, die sich in den meisten aller psychischen Notlagen gut bewährt: bei Psychosen, schwerwiegenden psychischen Erkrankungen und akuten Problemen dominiert zunächst einmal der pharmakologische Ansatz. Arzneimittel sollen helfen, die psychische Lage soweit zu stabilisieren, dass Patienten für Psychotherapie und andere Therapieformen überhaupt erst aufnahmefähig werden. Bei herkömmlichen psychischen Störungen wird in der Regel Psychotherapie angewandt, fallweise kann aber auch hier während der ersten Behandlungsmonate pharmakologische Unterstützung hilfreich sein. Von rein pharmakologischen Therapien ohne jede begleitende Psychotherapie ist man zu Beginn des 21. Jahrhunderts für die meisten Beschwerdebilder eher abgekommen. Im konkreten Fall sollte im Interesse des bestmöglichen Therapieansatzes die Diagnose und Einschätzung der korrekten Vorgangsweise ein ausgebildeter Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeut vornehmen.
Von Selbstdiagnosen und besonders auch der Selbstbehandlung mit Psychopharmaka ist aufgrund derer potentiellen Nebenwirkungen unbedingt abzuraten.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011)

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Gedanken zu “Psychotherapie oder Medikamente?”:

  1. Kommentar von Andreas:

    Medikamente sollten als unterstützendes Mittel eingesetzt werden und nicht einzig allein.

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25.06.19