May 22

Bewaffnete Konflikte w√ľhlen uns auf. Sie erinnern uns unbewu√üt an die eigene Sterblichkeit und l√∂sen einen starken Impuls aus, sich entweder mit der einen Seite (der des ‚ÄěAggressors‚Äú) oder der anderen (der des ‚ÄěOpfers‚Äú) zu solidarisieren. Danach wird die eingenommene Position nur mehr selten korrigiert, sondern, speziell bei Gegenwind, eher noch vehementer vertreten ‚Äď teils sogar unter der Ausblendung oder Verzerrung von Sinneswahrnehmungen oder neuerer Informationen. Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen hat dies hervorragend in seiner Serie von B√ľchern, die sich mit den Ursachen f√ľr menschliche Destruktivit√§t besch√§ftigen, analysiert.

Mit der beschriebenen Dynamik ist es erkl√§rbar, warum so viele Menschen, aber auch internationale Medien und Organisationen sich so schwer taten, die gewaltt√§tigen Facetten der stattgefundenen politischen Proteste als solche zu benennen. Eine offen signalisierte Sympathie f√ľr die Verfechter demokratischer Werte durch einzelne Reporter etwa ist ja verst√§ndlich – wenn aber auch nach Brandstiftung und Attacken gegen Zivilisten noch von ‚ÄěVerteidigung‚Äú oder ‚Äěberechtigtem √Ąrger‚Äú zu lesen war, waren viele von uns doch fassungslos √ľber die merkliche Parteinahme und Rationalisierung der angerichteten Sch√§den.

Beklommen machte viele von uns auch eine Dynamik, die wir im Lager der UDD beobachten konnten: zahlreiche Menschen dort, aber auch viele Sympathisanten au√üerhalb, waren durch die leidenschaftlichen und st√§ndig eine angebliche T√∂tungsabsicht der Regierung betonenden Reden derart emotionalisiert worden, da√ü der zur Zeitpunkt ihrer Verhaftung erfolgte Aufruf ihrer Anf√ľhrer, ab sofort die Radikalisierung einzustellen, nichts mehr n√ľtzte: der Zug war bereits auf voller Fahrt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Revolutionsbewegungen immer auch solche Elemente anziehen, die sich ihnen weniger aus politischer √úberzeugung, sondern vielmehr aus Lust an der Zerst√∂rung und Gewalt anschlie√üen, und deren Entfesselung letztlich nur auf den passenden Anla√ü wartet…

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010)

Touristen laufen durch das während der Unruhen zerstörte Stadtviertel (Fotoquelle: ZEIT Online)

Link-Tipps:
Arno Gruen Literaturliste
Bangkok iReport CNN
This is no peasant’s revolt (The Nation)
Put an end to this rebellion (Bangkok Post)
revolt-30129826.html” target=”_blank”>The Shame of the UDD (Bangkok Post)
Zwei “Protestf√ľhrer” – zwei Auffassungen von friedlichem Widerstand
What would your government do about this (Bangkok Post Gastkommentar)
(Photo 1: nycjunta.com; 2: ZEIT Online)

Mar 30

Und wieder ist es passiert: die Serie an aufgeflogenen F√§llen von P√§dophilie w√§hrend der letzten Wochen erschien wie ein Stich ins Wespennest, unweigerlich ertappte man sich bei der Frage: “..und was ist da alles noch nicht aufgedeckt?” Einzelne Theologen sehen sich veranla√üt, vor einer Gleichstellung von Z√∂libat mit P√§dophilie bzw. Ephebophilie zu warnen, w√§hrend andere zum Schrecken ihrer Kollegen einen direkten Zusammenhang zwischen beiden orten.

Einmal mehr scheint sich auch ein Konnex zwischen Berufen, in denen Erwachsene tagt√§glich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und sexuellen √úbergriffen auf diese zu zeigen. Wen das √ľberrascht oder schockiert, der mu√ü sich entgegenhalten lassen, da√ü wir seit Darwin, sp√§testens aber Freud eigentlich wissen sollten, da√ü wir Menschen – trotz eines enorm entwickelten Gro√ühirnes – immer noch sehr stark sexuell gesteuerte Wesen sind. Und auch wenn sich die Gendermedizin dem heute nicht mehr so generalisierend anschlie√üen w√ľrde: Abraham H. Maslow sah den Sexualtrieb neben Trinken, Essen und Schlafen als gleichrangig auf einer Stufe seiner “Bed√ľrfnispyramide” stehend, und auch zahlreiche Studien – etwa √ľber die Partnerwahl von Menschen – best√§tigen, da√ü uns sexuelle Antriebe in unserem allt√§glichen Tun wohl deutlich st√§rker steuern als sich dies viele von uns eingestehen m√∂gen. Ebenso, wie es Teil der (nicht immer nur charmanten) Realit√§t ist, da√ü an den allermeisten Arbeitspl√§tzen mitunter auch mal sexuelle Rituale und Signale ausgetauscht werden, mu√ü damit gerechnet werden, da√ü derartige Spannungsfelder zumindest gelegentlich auch in jenen Berufen existieren, in denen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Eine tragf√§hige und vor allem konstante bewu√üte Abgrenzung ist in diesen Berufen auch deshalb schwierig, da unser Unbewu√ütes das letztendlich ja k√ľnstlich definierte “Schutzalter” (in den meisten L√§ndern liegt diese Grenze zwischen 14 und 18 Jahren) kaum verarbeiten kann: gerade in jenen L√§ndern, in denen es vergleichsweise sp√§t endet, wirken die laut Gesetz noch sch√ľtzenswerten Jugendlichen k√∂rperlich h√§ufig bereits “erwachsen”, zumeist agieren sie auch erwachsen, und nicht selten sind sie seit Jahren bereits auch sexuell aktiv – den “primitiven Es’s” der Umwelt wird sexuelle Reife signalisiert.
Wie ist aber mit der Problematik umzugehen, da√ü trotz dieser Umst√§nde Jugendliche und insbesondere Kinder vor sexueller Ausbeutung (hier beziehe ich mich auf das bewu√üte Ausnutzen der emotionalen Unreife von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene mit der Absicht, sexuelle Ziele zu erreichen), vor vorzeitiger sexueller Initiation (hier beziehe ich mich auf erste sexuelle Erfahrungen in einem Stadium der k√∂rperlichen und psychischen Reifung, in dem ein Sexualakt mit einer anderen Person¬† k√∂rperliche oder psychische Sch√§den nach sich ziehen kann) und nicht zuletzt vor einem k√∂rperlichen und emotionalen √úbergriff – der Verletzung der Schutzbed√ľrftigkeit und grunds√§tzlichster Elemente der Professionalit√§t in einem p√§dagogischen, √§rztlichen oder anderen vergleichbaren Umfeld mit “Machtgef√§lle” – gesch√ľtzt werden m√ľssten?

Ich bin davon √ľberzeugt, da√ü mit s√§mtlichen Ans√§tzen, in denen von Menschen verlangt wird, ihren Sexualtrieb zu negieren oder gar abzuschalten, dieser Konflikt nicht zu l√∂sen, und der Kampf gegen den Mi√übrauch im institutionellen Kontext nicht zu gewinnen ist. Unsere inneren Konflikte und die Versuchungen des Lebens lassen sich nicht l√∂sen, indem wir sie ausblenden oder negieren. Und die – zumindest gelegentlich – bei allen von uns aufkommenden Impulse k√∂rperlicher Lust lassen sich nicht besser kontrollieren, indem wir sie “wegdefinieren”: indem wir etwa sagen, da√ü “wir unsere Sexualit√§t Gott schenkten” , wenn das an die Oberfl√§che dringende sogleich wegzensiert wird oder wenn √ľber sexuelle Gedanken nicht einmal gesprochen werden kann, da dies sofort mit entr√ľsteten und funkelnden Blicken bestraft w√ľrde (etwas, das besonders h√§ufig im – von Frauen dominierten – p√§dagogischen Bereich beobachtbar ist).
Konsequenterweise prognostiziere ich auch, da√ü solange Institutionen existieren, in denen Sexualit√§t per definitionem nicht gelebt werden darf, sexuelle √úbergriffe auch weiterhin stattfinden werden – trotz aller, sicherlich gut gemeinter, Absichtsbekundungen der jeweiligen “Chefs”. Solange ein Z√∂libat existiert, werden sich die sexuellen Triebkr√§fte – Geister, die zumindest gelegentlich ihren Weg auch in das beste Kloster finden – unweigerlich auf jene richten, die greifbar sind und bei denen ein gewisses (alters- oder hierarchisch bedingtes) Machtgef√§lle die Hoffnung zul√§√üt, da√ü nichts davon je bekannt werden wird. Ganz unabh√§ngig von einem ebenfalls existierenden Kreis an Menschen, die sich ganz bewu√üt in Bereichen und Institutionen niederlassen, in denen Opfer verf√ľgbar sind. Und will man wirklich ehrlich sein, kann man auch die Anziehungskraft nicht verleugnen, welche Institutionen, in denen ein vor herk√∂mmlichen Anspr√ľchen an ein “gegl√ľcktes Leben” freier Raum existiert (wie etwa dem, eine sexuelle Beziehung zu einer erwachsenen Frau zu unterhalten) auf manche Menschen haben m√ľssen. Man kann davon ausgehen, da√ü religi√∂se Institutionen deshalb eine gewisse Sogwirkung auf homosexuelle M√§nner und Frauen aus√ľben, ebenso auf Menschen, die entweder eine eigene Mi√übrauchsvergangenheit haben und deshalb einst ein vor Sexualit√§t gesch√ľtztes Umfeld suchten, aber auch solche, die Mi√übrauchserfahrungen autorit√§rer Art machten und massive Selbstwertprobleme haben. Wer sich aber selbst als schwach erlebt oder tats√§chlich eine schwache Pers√∂nlichkeit ist, in dem w√§chst leicht der Wunsch, auch einmal der St√§rkere zu sein und dieses Gef√ľhl in einer Weise auszuleben, in der er existierende Machtgef√§lle ausn√ľtzt. Noch einmal: all dies sind gr√∂√ütenteils v√∂llig unbewu√üt ablaufende Prozesse und Emotionen, die gerade im Dunkel von Denkverboten und Tabus gut gedeihen.

Insofern scheint mir zus√§tzlich auch ein offenerer und weniger tabubestimmter Umgang mit Sexualit√§t in den Institutionen, ja in der Gesellschaft an sich notwendig. Auch erotische Gef√ľhle zwischen “Erwachsenen” und “Kindern” (die Anf√ľhrungszeichen sollen die Schwierigkeiten der Grenzziehung unterstreichen) m√ľssen sowohl in Berufen, in denen es “Helfer” und “Anvertraute” gibt, als auch in unserer Gesellschaft, artikulierbar werden. Es mu√ü dar√ľber gesprochen werden k√∂nnen, ohne, da√ü man sich “verd√§chtig” macht und einen die Berufslaufbahn gef√§hrdenden Schlag mit der moralischen Keule riskiert. Denn erst wenn Menschen √ľber ihre Gef√ľhle ohne Einschr√§nkung sprechen k√∂nnen und es keine der menschlichen Lebensrealit√§t widersprechenden Dogmen mehr gibt, ist es m√∂glich, sich √ľber potenziell destruktive Gedanken offen auszutauschen. Erst dann kann man das, was einem auf der Seele liegt, ans Tageslicht lassen, wird man es wagen, sich Hilfe und St√§rkung zu suchen. Ein Ja zum Menschen – das sich viele Religionen gerne auf die Fahne schreiben – das mu√ü auch das Ja zu seiner Sexualit√§t einschlie√üen!

(Lesetipp zu den K√§mpfen zwischen “√úber-Ich”, dem bewu√üten “Ich” und dem “Es”: Sigmund Freud, “Das Ich und das Es“; Photo: Shutterstock)

Mar 23

Einmal etwas ganz anderes hier im Blog – ein Buchtipp. Aus gutem Grund..

Jens Johler: “Kritik der m√∂rderischen Vernunft”

Dieses Buch klang nicht nur von der Thematik her interessant, bewogen hat mich in der speziellen Situation, als ich es kaufte, auch sein geringer Preis: nur 9,95 (bei Amazon online) …: “da kann nicht viel verhaut sein, wenn es sein Leben in meinem Warteregal aushaucht” dachte ich mir spontan ūüėé Der Buchtitel mag manchen BesucherInnen meiner Website “irgendwie bekannt” vorkommen, und tats√§chlich: einer der Hauptakteure im Buch nennt sich “Kant” – allerdings hat er es sich anscheinend zum Ziel gesetzt, die f√ľhrenden Hirnforscher Deutschlands zu ermorden. Warum er das will, erschlie√üt sich bald einem Wissenschaftsjournalisten, der vom M√∂rder pers√∂nlich kontaktiert wird: Kant sieht den freien Willen des Menschen durch die Hirnforschung bedroht ‚Äď und will weitert√∂ten, um ihn zu bewahren. Je mehr sich Troller, der Journalist, aber mit den Thesen und Zielen befa√üt, die die attackierten Hirnforscher mit ihrer Forschung verbinden, umso mehr sieht er sich in einem Gewissenskonflikt gefangen …

Das Lesen dieses “Wissenschafts-Krimis” ist nicht nur sprachlich packend, sondern vor allem auch inhaltlich. Seine Hintergr√ľnde sind sehr gut recherchiert und quasi im Vorbeigehen werden manche der zahlreichen ethischen und philosophischen Fragen, die durch die (realen oder zu bef√ľrchtenden) Konsequenzen der Hirnforschung aufgeworfen werden, angesprochen. Auf bemerkenswerte Weise werden auch die Querverbindungen zwischen einer immer st√§rker an Kontrolle interessierten Politik, den sich dadurch auftuenden Gewinnm√∂glichkeiten bestimmter Medizin-, Forschungs- und Industriezweige und die damit verbundene Vermarktungsmaschinerie, welche den Blick der B√ľrger genau auf jene Aspekte der einschl√§gigen Forschung lenkt, die ihren Interessen entspricht, moralische Grunds√§tze aber solange aush√∂hlt, bis von diesen nichts mehr √ľbrig bleibt, aufgezeigt. Dieses Buch ist f√ľr jeden, der an Philosophie, Ethik, Medizin, Pharmaindustrie, und den Perspektiven der modernen Hirnforschung interessiert ist, sicherlich ein gro√ües – wenn auch teils beklemmendes und sehr nachdenklich machendes – Lesevergn√ľgen.

Feb 27

Psychische und physische Gewalt in Partnerschaften nimmt in den meisten westlichen Industriel√§ndern zu, wobei in wissenschaftlichen Kreisen Unsicherheit dar√ľber besteht, ob diese Zuw√§chse nicht auch damit ganz wesentlich zusammenh√§ngen, da√ü die diesbez√ľgliche Tabusierung in der Gesellschaft abnimmt, vorkommende Gewalt also nicht mehr totgeschwiegen wird.
Doch auch die reinen Fakten sind schockierend genug: so sind alleine im Jahre 2008 in Frankreich 147 Frauen durch h√§usliche Gewalt ums Leben gekommen. Unter der Annahme, da√ü k√∂rperlicher Gewalt psychische Gewalt vorausgeht, die M√∂glichkeit der Bestrafung dieser also vielleicht auch physische Gewalt verhindern k√∂nne, wurde im franz√∂sischen Parlament diese Woche nun “psychische Gewalt in Paarbeziehungen” als Straftat eingef√ľhrt. Unter den Unterst√ľtzern fanden sich nicht nur die Abgeordneten der Regierungspartei UMP, sondern auch die Sozialisten. F√ľr psychische Gewalt sind demnach zuk√ľnftig Strafen bis zu 3 Jahren Gef√§ngnis und Geldstrafen bis zu ‚ā¨ 75.000,- vorgesehen, sowie die erzwungene Trennung des Paares und die Intensivierung der √úberwachung durch elektronische Fu√üfesseln f√ľr die T√§terInnen.

Was die praktische Exekutierbarkeit des neuen Gesetzes angeht, d√ľrften sich in vielen Einzelf√§llen jedoch Probleme auftun: etwa, wie psychische Gewalt vor Gericht zu beweisen sei, wie sie sich √ľberhaupt genau definiert und von Beleidigungen, Dem√ľtigungen, verletzenden Verhaltensweisen etc. unterscheidet, die bei Streitigkeiten in der Ehe oder in Partnerschaften ja fast immer geschehen. Im Diskurs rund um das Gesetz wurde denn auch von KritikerInnen des Entwurfs angef√ľhrt, da√ü namhafte franz√∂sische Schriftsteller, Maler usw. heute angesichts dessen, was √ľber ihre Beziehungsvergangenheit bekannt w√§re, wohl langj√§hrige Gef√§ngnisinsassen w√§ren. M√§nnerorganisationen dagegen d√ľrften die neuen Regelungen freuen, wird doch von diesen oft die psychische Gewalt von Frauen in Partnerschaften bem√§ngelt, gegen die jedoch keinerlei rechtliche Handhabe best√ľnde.

Anmerkung R.L.Fellner:
Kulturkritisch k√∂nnte man anmerken, da√ü die seit einigen Jahren beobachtbaren Bestrebungen vieler westlicher Staaten, selbst die Emotionen ihrer B√ľrgerInnen zu kontrollieren und die √úberschreitung von -im Grunde recht eng gesetzten- k√ľnstlichen Grenzen sogleich als krankhaft oder strafbar zu definieren, bedenklich stimmen; speziell dann, wenn in der Bev√∂lkerung ein Gef√ľhl aufkommen sollte, da√ü gewohnheitsm√§√üig mit zweierlei Ma√ü gemessen wird (z.B. Bonizahlungen an Finanzmanager bei gleichzeitiger Massenenteignung kleiner Kapitalanleger, straflos bleibende Waffenschiebereien von Politikerinnen-Ehegatten, Freunderlwirtschaft zwischen Wirtschaftselite und Politik, ohne Konsequenzen bleibender Machtmi√übrauch von Politikern etc.). So k√∂nnte etwa der in Gro√übritannien k√ľrzlich ebenfalls in der Gesetzgebung verankerte Begriff des sog. ‘Antisozialen Verhaltens’ (Antisocial Behaviour, ASBO) alleine was die dortigen Verfehlungen einzelner PolitikerInnen w√§hrend der letzten 10 Jahre betrifft, durchaus auch f√ľr diese angewendet werden – wird es aber nicht.

(Quelle: Franz. Staatsekretariat f√ľr Familie und Solidarit√§t; Photo:Wikimedia)

Oct 13

…so titelte zumindest der √∂sterreichische “Standard” in seiner Ausgabe vom 04.10.09. Diese Schlu√üfolgerung bezieht sich auf eine Studie der englischen Lucy Faithful Foundation (LFF), einer Kinderschutzorganisation, die sich mit Sexualt√§terinnen auseinandersetzt. Dieser zufolge ist etwa jede f√ľnfte der P√§dophilen in Gro√übritannien eine Frau. Auch Scotland-Yard-Mitarbeiter w√ľrden beobachten, dass der Anteil an weiblichen Sexualt√§tern zunimmt.

Steve Lowe, Leiter der gerichtlichen Beratungsstelle Phoenix, die wegen Kindesmissbrauchs verurteilte T√§ter behandelt, sagte im oben verlinkten Interview, die Anzahl an weiblichen P√§dophilen sei zu lange versteckt und sogar in den √∂ffentlichen Statistiken kaschiert worden: “F√ľr eine Gesellschaft ist es schwierig, Frauen als Sexualt√§ter anzuerkennen. Aber jene von uns, die mit P√§dophilen arbeiten, haben Belege daf√ľr gesehen, dass Frauen dazu f√§hig sind, furchtbare Verbrechen an Kindern zu begehen – so schlimme wie M√§nner.”

Literaturempfehlungen:
Von der Mutter mißbraucht von Alexander M. Homes
Frauen als Täterinnen von Michelle Elliott
Siehe auch in der Literatur-Empfehlungsliste auf meiner Website.
Photo: kbbe.de

Oct 13

Mit einer Waffe in der Hand steigt das Risiko, selbst erschossen zu werden. Epidemologen der University of Pennsylvania untersuchten die Opfer von 677 Schie√üereien, zu denen es in den Jahren 2003 – 2006 in der Stadt Philadelphia gekommen war und werteten aus, wie viele Opfer zum Tatzeitpunkt selbst eine Waffe mitf√ľhrten. Das Ergebnis wurde mit den durchschnittlichen Bewohnern der Stadt gleichen Alters, Geschlechts und Herkunft verglichen und sozio-√∂konomische Merkmale ber√ľcksichtigt.
Das im “American Journal of Public Health” ver√∂ffentlichte Ergebnis: Mit Waffe werden Menschen 4,5 mal h√§ufiger angeschossen und 4,2 mal h√§ufiger erschossen als ohne. Dieses Risiko stieg zus√§tzlich, wenn die Opfer noch Chance der Verteidigung hatten.

Eine Waffe sch√ľtzt demnach ihren Tr√§ger meistens nicht davor, selbst erschossen zu werden. “Erfolgreiche Verteidigung durch Schusswaffen bei Zivilpersonen gibt es kaum”, so der Leiter der Untersuchung, welche die Binsenweisheit best√§tigt, da√ü wenn man Menschen mit gro√üer Gewalt (schwerer Verletzung oder Tod) droht, diese auch selbst eher zu Gewalt neigen, um ihr Leben zu sch√ľtzen. “Wer Schusswaffen mit sich f√ľhrt, die dem eigenen Schutz dienen sollen, sollte sich dies lieber noch einmal √ľberlegen.”

Da√ü die Untersuchung dazu f√ľhrt, da√ü etwa die amerikanische Waffenlobby – vehemente Verfechter der Grundsatzhypothese, wonach der freie Zugang zu Schusswaffen die (auch ganz pers√∂nliche) Sicherheit erh√∂he – von ihren einschl√§gigen politischen Agitationen abl√§√üt, darf bezweifelt werden.

Quelle: American Journal of Public Health: Investigating the Link Between Gun Possession and Gun Assault. Photo:Chronicle

Jul 30

Bei meiner regelmäßigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stieß ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Veröffentlichung in einem Fachmagazin:

Warum Magers√ľchtige an ihrem gest√∂rten Essverhalten festhalten:
Geringe Verhaltensflexibilität ist durch Veränderungen im Gehirn bedingt

Als h√§tten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft – weil wir dann in unserem pers√∂nlichen Leben nichts ver√§ndern m√ľ√üten ;-). Im Anschlu√ü wird erkl√§rt, da√ü Wissenschaftler am Universit√§tsklinikum Heidelberg “mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals Vorg√§nge in den Gehirnzellen entdeckt” h√§tten, “welche das gest√∂rte Essverhalten von Anorexie-PatientInnen erkl√§ren”.

Wow. Ich mu√ü allerdings gestehen, da√ü mich nach jahrelanger T√§tigkeit als Psychotherapeut – trotz gro√üen Interesses und laufender Besch√§ftigung mit aktueller Forschung – derartig rei√üerische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker rei√üen k√∂nnen wie fr√ľher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: “welches Gen ist es denn diesmal” oder “dreht es sich wieder um das gute, alte Serotonin oder etwas anderes?” Aber nat√ľrlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne Anorexie mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei erfasste das MRT-Gerät, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine stärkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine größere Aktivität dieses Hirnbereich.

Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo geh√∂rt. Aber nur “30 junge Frauen” zur Begr√ľndung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht’s:

Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die F√§higkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig einge√ľbten Verhalten pr√ľft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden m√ľssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung ge√§ndert.

“Wir haben mit der Studie best√§tigt, dass Magersuchtkranke h√§ufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdr√ľckt wurde”, erkl√§rte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der MRT-Bilder zeigte zudem, dass bei Magersucht Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Gro√ühirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch ver√§ndernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle f√ľr die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.

Bildquelle: Cartoonstocks.com

Bildquelle: Cartoonstocks.com

Nun ist allerdings die Art, wie hier Zusammenhänge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewissermaßen geschlußfolgert, daß die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer täten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.
Da√ü “bestimmte Netzwerk-Pfade” des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegen√ľber jenen von nicht einschl√§gig leidenden Menschen ver√§ndert sind, ist im Grunde alles andere als √ľberraschend, denn nat√ľrlich m√ľssen psychische Ver√§nderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur Anh√§nger esoterischer Erkl√§rungsmodelle w√ľrden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese Ver√§nderungen w√ľrden das entsprechende Verhalten (wom√∂glich sogar unausweichlich) verursachen, und w√§ren nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer – wom√∂glich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender – Zusammenh√§nge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, da√ü psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische Ver√§nderungen bewirken k√∂nnen (Neuroplastizit√§t) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.

Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlußfolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:

Die Ergebnisse der Studie tragen ma√ügeblich zu einem besseren Verst√§ndnis der Magersucht bei. Vor allem machen sie deutlich, dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen k√∂nnen, ergeben sich f√ľr die Anorexie neue Therapieans√§tze.

“Wir haben ein Behandlungsprogramm f√ľr Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert“, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu k√∂nnen. Zur Erfolgskontrolle k√∂nnte die MRT- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.

Es wird also eine Art revolution√§rer Durchbruch f√ľr die Behandlung der Anorexie postuliert. F√ľr ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige Flexibilit√§t ein wenig erh√∂hen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger “unsichtbarer Mauer” f√ľr den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.


Da√ü neurobiologische Faktoren beteiligt sind – nun, da w√§re wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Da√ü die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild aufrechterhalten, daf√ľr liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise – es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-F√∂rdermittel..) erfordern w√ľrde. Und ob es besonders effizient ist, wenn Anorexie-Patientinnen f√ľr einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelm√§√üig ein extrem kosten- und materialaufw√§ndiges MRT absolvieren m√ľssen, dar√ľber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden…

Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen Studienf√ľlle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale Therapieans√§tze nur wenig Fundiertes zutage gef√∂rdert hat und wohl nicht √ľberraschend vermehrt in Kritik ger√§t.

(Quelle zur Studie: Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176/appi.ajp.2008.08050775))

Jul 22

Auf der im Mai 2009 stattgefundenen Gesundheitsf√∂rderungskonferenz des Fonds Gesundes √Ėsterreich referierten Experten √ľber L√∂sungsans√§tze der brisanten Zukunftsszenarien. Ein Kernpunkt war dabei die Frage der Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens.

√úbergewicht ist eines der dr√§ngendsten Gesundheitsprobleme und zieht sich quer durch alle Alters- und sozialen Gruppen. Jeder f√ľnfte Sch√ľler zwischen sechs und 15 Jahren weist ein zu hohes K√∂rpergewicht auf, acht Prozent davon sind sogar adip√∂s. Bei den Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren ist fast die H√§lfte √ľbergewichtig oder adip√∂s. “Als Folge dieser Entwicklung rollt eine Welle von Krankheiten und damit auch Kosten auf das Gesundheitswesen zu, denn √úbergewicht ist ein zentraler Risikofaktor f√ľr Herz-Kreislauf-Krankheiten, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten”, sagte Ch. H√∂rhan, der Leiter des Fonds.

Stress wiederum stellt als indirekter Mitausl√∂ser von Herz-Kreislauferkrankungen und psychischen Erkrankungen einen zunehmenden wichtigen (wenn auch indirekten und damit h√§ufig untersch√§tzten) Faktor f√ľr die Gesundheitspolitik dar. Nach einer Umfrage des FG√Ė f√ľhlen sich die √Ėsterreicher immer h√§ufiger gestresst. Die Zahl der verordneten Psychopharmaka ist angestiegen, ebenso die Zahl der Krankenstandstage aufgrund von psychischen Problemen, kommentiert H√∂rhan die Studienergebnisse. Bei den Gr√ľnden f√ľr Invalidit√§tspensionen nehmen psychische Erkrankungen mit 29 Prozent heute bereits die zweite Stelle ein.

In den vergangenen Jahren sei deutlicher geworden, wie groß der Einfluss von sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung ist.

Erg√§nzender Hinweis R.L.Fellner: nach aktuellen Forschungen erh√∂ht Stre√ü neben anderen hormonellen Ver√§nderungen auch die Cortisol-Aussch√ľttung – dies kann u.U. ebenfalls √úbergewicht zumindest mitverursachen (Cushing’s Syndrome bzw. Hypercortisolismus [mehr]). (Photo credit: photoxpress)

Jun 28

Der k√ľrzliche Tod von Michael Jackson lie√ü wohl die wenigsten Menschen unber√ľhrt – selbst jene, die mit seiner Musik oder den von ihm entwickelten Tanzelementen nichts anfangen konnten. Wie nur wenige √∂ffentliche Ikonen polarisierte Jackson, und sein Lebensweg wurde in einem Ausma√ü von den √∂ffentlichen Medien verfolgt und kommentiert wie kein anderer. In krassem Kontrast zu unserer Aufmerksamkeitskultur wollte dieser K√ľnstler selbst diese Aufmerksamkeit jedoch niemals: bei seinen √∂ffentlichen Auftritten – selbst den inszenierten, vorbereiteten – erlebte man einen Menschen, der sich im Rampenlicht und unter Kamerascheinwerfern alles andere als wohlf√ľhlte und um Worte verlegen war. Als jemanden, dessen Beruf es ist, mich in andere einzuf√ľhlen, schmerzte es mich beinahe, diese Gewaltakte, zu denen Medienauftritte f√ľr ihn geworden waren, mitansehen zu m√ľssen. Seine Aussage, die bevorstehende Welttournee w√ľrde voraussichtlich gleichzeitig auch sein Abschied vom Pop-Business sein, war daher so glaubhaft wie von den wenigsten seiner Berufskollegen. Die Medien werden nat√ľrlich auch nach seinem Tod nicht ruhen – in den n√§chsten Wochen und Jahren wird man jedoch vermutlich Handfesteres als bisher √ľber die Hintergr√ľnde der dramatischen Metamorphose Michael Jacksons – von einem musikalischen Wunderkind in ein emotionales und auch k√∂rperliches Wrack, einen Schatten seiner selbst – erfahren als fr√ľher. Und vermutlich wird auch erst dann die volle Tragweite seiner Traumatisierungen durch einen gewaltt√§tigen Vater und den enormen Druck, dem er von fr√ľhester Kindheit an ausgesetzt war und der nie auch nur ansatzweise nachlie√ü, in vollem Ausma√ü erahnbar. Als Coping-Versuch kann u.a. die Verwirklichung eines seiner gr√∂√üten Tr√§ume, der sog. “Neverland-Ranch”, verstanden werden: ein in seiner Abgelegenheit Schutz bietender Kokon, ein Traumland inmitten der W√ľste, benannt nach der Phantasie-Insel in der Geschichte von Peter Pan, auf der Kinder niemals erwachsen werden (m√ľssen). Als Metapher f√ľr die Themen der Realit√§tsverweigerung, Weltflucht und Unsterblichkeit, dr√§ngen sich hier diverse Analogien zum Leben Jacksons geradezu auf.

Fr√ľhe Traumatisierungen und ein Gef√ľhl sozialer Isolation f√ľhren h√§ufig auch zu einer Affinit√§t zu Drogen – vor diesem Hintergrund ist die massive Abh√§ngigkeit Jacksons von Analgetika, Opiaten und Beruhigungsmitteln zu sehen, √ľber die erstmals bereits vor 15 Jahren Details an die √Ėffentlichkeit gelangten. Der Einstieg erfolgte wohl im Zuge der Folgetherapie der massiven medizinischen Eingriffe und Ver√§nderungen, welche Jackson an sich vornehmen lie√ü; die Suchtdynamik jedoch ist im Zusammenhang mit seinen psychischen Problemen wie etwa seiner Angst vor Infektionen, sozialen √Ąngsten, vermutlich auch K√∂rperdysmorphophobie und Anorexie, allesamt in psychotherapeutischen Praxen bekannte Problembilder, zu sehen – “nicht einmal” Jackson mit seinem enormen Stab an Betreuern und Beratern war offenbar vor der typischen Suchtdynamik wie Einengung, Abkapselung usw. gefeit. Vertraute berichteten, Jackson habe bez√ľglich seines Suchtverhaltens seit Jahren sukzessive eine Mauer um sich herum aufgebaut, hinter die nur wenige Zutritt erhielten: darunter tragischerweise exakt die Personen, welche die Abw√§rtsspirale, in der er sich befand, ebenso wie er selbst verdr√§ngten und negierten, ja teils sogar beschleunigten, indem sie ihn weiterhin mit den einschl√§gigen Arzneimitteln versorgten. Seinem sonstigen Umfeld wiederum scheint, wohl aus Angst vor den Reaktionen der Medien, der Mut gefehlt zu haben, wirkungsvolle Hilfsma√ünahmen einzuleiten. Gegen√ľber seiner Ex-Frau Lisa-Marie Presley hatte Jackson schon vor mehreren Jahren angedeutet, da√ü ihm ein √§hnliches Schicksal wie ihrem Vater bevorstehen k√∂nnte – was nun tats√§chlich der Fall gewesen zu sein scheint. Die bevorstehende Konzertserie mu√ü f√ľr Jackson unvorstellbaren Druck bedeutet und immense Versagens√§ngste ausgel√∂st haben, von den Proben durchgesickerte Details lie√üen die Frage aufkommen, ob er √ľberhaupt in der Lage gewesen w√§re, die Konzerte k√∂rperlich und psychisch durchzustehen. Michael Jackson hat versucht, diese Ausnahmevariante von Leben, in die er bis unmittelbar vor seinem Ableben wohl von Dritten stets mehr hineingedr√§ngt wurde als er es sich selbst gew√ľnscht und ausgesucht h√§tte, zu bew√§ltigen. Seine Eltern hatten ihn zu einer Ikone und Marionette geformt, welche sich alleine, ohne Ziehf√§den, zunehmends ausgeliefert und dem aggressiv-invasiven Leben drau√üen immer weniger gewachsen f√ľhlte. Nicht zuf√§llig geh√∂rten wohl Kinder in ihrer Unbefangenheit und Naivit√§t zu jenen, denen gegen√ľber er am ehesten Vertrauen und ihm sicher erscheinende Beziehungen aufbauen konnte, und die er schlie√ülich als eigentliche Zielgruppe seiner Bem√ľhungen – sowohl was seine k√ľnstlerischen, als auch seine sozialen und karitativen Ambitionen betraf – sehen wollte. Wie weit diese Vertrautheit mit Kindern in einzelnen F√§llen ging, war die Schl√ľsselfrage aufsehenerregender Prozesse, die seinem bereits angeschlagenen Image in der √Ėffentlichkeit wohl nicht wieder zu reparierenden Schaden zuf√ľgten. Michael Jackson – glitzernder “King of Pop” und sanftes, verletzliches Kind zugleich – hat versucht, dieses Leben auszuhalten, und wohl an einen bestimmten Punkt festgestellt, da√ü ihm Bet√§ubung nicht nur die Schmerzen seines K√∂rpers, sondern wohl auch den Schmerz an der Welt und seinen Lebensumst√§nden ein St√ľck weit erleichtern konnte. Und so beschleicht einen bei aller Betroffenheit die Vermutung, ob es sich der “Peter Pan” des Pop – in seinen Lebensumst√§nden und immanenten Zw√§ngen eingeschlossen wie ein Paradiesvogel in einem zu kleinen K√§fig – nicht ausgesucht haben oder zumindest in Kauf genommen haben k√∂nnte, diesen Weg, dessen Verlauf er wohl nur selten jemals das Gef√ľhl gehabt hatte, kontrollieren zu k√∂nnen, nicht mehr weitergehen zu wollen. Was Michael Jackson neben einem Berg an Schulden und offenen Fragen hinterl√§√üt, ist jedoch vor allem auch eines: ein zeitloses kreatives Verm√§chtnis und ein Reigen unverge√ülicher Erinnerungen vor den Plattenspielern und TV-Ger√§ten (Thriller“!) seiner abermillionen Fans.

Jan 21

20.01.2009: Barack Obama’s Amtseinf√ľhrung. Ich erhalte die Anfrage einer Redakteurin, welche durch Obama’s Wahlspruch “Yes We Can!” zu einer Story √ľber Selbstbewu√ütsein und positives Denken inspiriert wurde. K√∂nnte ich dazu ein paar Gedanken beitragen?

Nicht, da√ü mir gerade heute langweilig gewesen w√§re – aber ich hatte mir¬† schon √∂fters zu Obama’s Wirkung auf die Menschen Gedanken gemacht (auch hier im Blog) und war gerne bereit, diese bei Gelegenheit in die Tasten zu klopfen:

Barack Obama’s Wahlslogan “Yes We Can!” war zweifellos ein genialer Wurf seines Teams. Jedes Wortelement des Slogans ist “stark” im Sinne einer Ermutigung und Hervorhebung des Wertes jedes Einzelnen, der/die sich der Wahlbewegung anschlie√üt.

“Yes!” – ein erleichterndes, positives “JA” statt dem jahrelangen, negativen “Nein”, in dem vor allem die Gefahren, die auf die Menschen lauern, und die Feindlichkeit einzelner Facetten des Lebens beschworen wurden. Diese waren dann durch den¬† jeweiligen “War against XY” zu bek√§mpfen. Selbstsichere Menschen sagen “Ja” zum Leben und versuchen, Probleme zu l√∂sen, statt die Schuld f√ľr die Umst√§nde ausschlie√ülich bei anderen zu suchen.

“We!” – auch wenn dies viele Menschen auf der Suche nach mehr Selbstbewu√ütsein mi√üverstehen: Selbstbewu√ütsein ist nicht mit Egomanie zu verwechseln, und schon gar kein Selbstzweck. Wir sind durch Jahrhunderttausende als soziale Wesen ‘programmiert’, Einzelg√§nger sind meist nicht dauerhaft gl√ľcklich und haben eine Tendenz, in eher skurille Weltbilder abzudriften. Obama’s Team beschwor das Gemeinsame – gemeinsam erreicht man mehr als allein, gro√üe und schwierige Projekte sind √ľberhaupt nur so zu bew√§ltigen. Sch√∂n fand ich, wie liebevoll und offen diese Familie augenscheinlich miteinander umgeht, und sich Obama selbst in den hei√üesten Wahlkampfphasen immer wieder Zeit f√ľr das “We!” rund um die eigene Familie nahm.

“Can!” – ein ganz wesentlicher Bestandteil eines positiven Lebensgef√ľhls ist die Erfahrung, etwas Sinnvolles bewirken oder etwas an einem Mi√üstand ver√§ndern zu k√∂nnen. Selbst kleinste Aufgaben erm√∂glichen es uns, am Gl√ľcksgef√ľhl √ľber das Gelungene teilzuhaben. Es war r√ľhrend, in TV-Dokumentationen sogar an Obama-Plakaten mitbastelnde Kleinkinder, Alte, geistig Behinderte usw. zu sehen – aber in ihrer aller Augen leuchtete dieses “Can!”-Gef√ľhl. Und – sie haben es tats√§chlich geschafft!

Ich bin zu sehr Realist, um zu glauben, da√ü positives Denken diesen Erfolg bewirkt hat – erm√∂glicht hat er ihn aber definitiv. Dieses Potenzial “positiven Denkens” aber sollte uns auch – bei aller kritischen Selbstreflexion – im ganz normalen Alltag ermutigen, die Herausforderungen des Lebens letztlich dennoch auf m√∂glichst positive Weise anzunehmen.

Ich meine, da√ü es eine der gro√üen Leistungen von Barack Obama und seinem Team war, den Amerikanern, aber auch vielen B√ľrgern in aller Welt wieder ein Gef√ľhl von Selbstwert zu geben – das Gef√ľhl, da√ü die eigene Rolle gerade auch in einer immer st√§rker regulierten und entfremdenden Welt eine wichtige ist und es – nicht nur bei der Wahl! – auf jede einzelne erhobene Stimme ankommt. Denn man kann noch so selbstbewu√üt sein, noch so positiv denken: das gr√∂√üte Gl√ľcksgef√ľhl stellt sich ein, wenn auch andere etwas von der eigenen positiven Energie haben…

Inwieweit die beworbene Botschaft auch tatsächlich der Politik Obamas entsprechen wird, wird die Zukunft zeigen.

ÔĽŅ01.09.19