Jan 11

Tribut für die Todesopfer während der Attacke auf “Charlie Hebdo” am Place de la République (Paris). Bild: Aurelien Meunier/Getty

Der Schock über das Attentat in Paris sitzt tief – und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mißtrauen gegenüber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anhängern. Schon 2012 etwa waren einer Emnid-Umfrage zufolge 53% von befragten nichtmuslimischen Deutschen der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich – 2014 waren es bereits 57%. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagten letztes Jahr bereits 61%, 2012 waren es noch 52%. Auch als invasiv wird der Islam erlebt: laut einer Umfrage des Linzer Market-Instituts empfinden die Hälfte der Österreicher den Islam als Gefahr für die österreichische Kultur, 45% meinen, dass der Islam schon jetzt zu viel Einfluss in Österreich habe.

Eine der Ursachen für diese Entwicklung könnte im wachsenden Anteil der muslimischen Bevölkerung an der europäischen Bevölkerung und einem damit verbundenen, subjektiven Gefühl von “Unterwanderung” liegen. Aus soziologischen Untersuchungen weiß man, das hiefür bei vielen Menschen schon scheinbar banale Gründe wie in kulturellen Unterschieden oder religiösen Vorschriften begründete Äußerlichkeiten ausreichen (etwa die Art der Kleidung, man erinnere sich an die teils sogar gerichtlich ausgetragenen Konflikte z.B. rund um das Tragen von Niqabs/Hijabs/Burkas). Doch auch mangelnde Integration eingewanderter Muslime (z.B. schon auf grundlegendsten Ebenen wie z.B. des Erlernens der jeweiligen Landessprachen), insbesondere aber wohl die massive Expansion des sog. “Islamischen Staates” in Syrien und dem Irak verbunden mit per Bild- und Videoclips verbreiteten grausamen Massakern und Exekutionen durch die salafistischen Islamisten, all dies verstärkt das Gefühl von “unheimlichen”, “gefährlichen” Muslimen.

Bemerkenswert ist hinsichtlich der Statistik, dass Menschen, die keinen Kontakt mit Muslimen haben, diese mit 66% deutlich häufiger als bedrohlich empfinden als jene mit Kontakten (43%). 71% der Menschen ohne Kontakte halten den Islam für nicht in die westliche Welt passend, bei den anderen sind es 42%; 29% ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15%. Dennoch verbleibt auch bei Menschen, die Muslime kennen, ein relativ hoher Anteil von Ablehnung, wohl aufgrund des Umstandes, dass persönlich Bekannte nicht zuallererst über ihren religiösen Glauben wahrgenommen werden. Sind Vorurteile aber erst einmal verankert, dann haben positive Attribute es schwer, sich durchzusetzen. Aber wie kann man als Atheist, Christ oder als Angehöriger anderer religiöser Richtungen den Islam überhaupt korrekt einschätzen? Selbst unter den Muslimen gibt es solche, die die Position vertreten, der Koran als Grundpfeiler dieser Religion wäre “wortwörtlich zu nehmen”, während andere auf die sog. Suren verweisen, welche gewissermaßen “Aktualisierungen” der ursprünglichen Schriften darstellen. Zudem wird in einer klassischen Koran-Interpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert jeder Koranvers mit mehreren Interpretationen und sodann “..aber Gott weiß es besser.” abgeschlossen, also ausgedrückt, dass man als Mensch die mögliche Bedeutung des Verses womöglich gar nicht verstehen könne. Aufgrund dieser Unklarheit ist es möglich, dass einzelne Vertreter des Islam Lehrmeinungen anführen, denen zufolge etwa “Ungläubige zu vernichten seien”, andere jedoch diese Interpretation entschieden ablehnen.

Wir als Angehörige eines stark christlich geprägten Kulturkreises werden hierbei durchaus an die Schwierigkeit der Interpretation “hiesiger” heiliger Schriften erinnert. So ist ja beispielsweise auch in der Bibel nachzulesen, dass ein Kind getötet werden soll, wenn es seine Eltern schimpft, oder dass Sex während der Menstruation mit dem Tode zu bestrafen ist (Levitikus, Kapitel 20). Doch auch wenn es in unserer sogenannten “aufgeklärten Gesellschaft” immer noch viele strenggläubige Christen gibt: nicht einmal die extremsten unter ihnen würden tatsächlich solchen Tötungsaufrufen folgen (hoffe ich doch). Das ist beim Islam aufgrund seiner Verwurzelung in zum Teil auch heute noch sehr archaisch geprägten Gesellschaften und seines impliziten Anspruches, auch politischen Einfluss auszuüben (Scharia), zumindest in Teilbereichen anders – aus diesen Gründen kann jedoch auch nicht, wie manche Islamtheoretiker argumentieren, einfach generalisierend behauptet werden, “der Islam an sich” sei eine friedliche, gewaltlose Religion – ebenso wie auch in der christlichen Religionsgeschichte sind auch in jener des des Islam Gewaltakte explizit religiös begründet worden.

Photo src: AlJazeera.com

Ich möchte mich hier jedoch nicht als Religionskenner oder Kulturhistoriker ausgeben – der bin ich nicht. Aus psychologischer Sicht und als jemand, der sich recht eingehend mit der Dynamik von Gewalt, Traumata etc. befaßt hat, befürchte ich allerdings, dass eine weitere Ausweitung des Drucks gegen Muslime in unserer Gesellschaft keineswegs die gewünschten Effekte haben, sondern nur zu einer noch stärkeren Isolierung der orthodox Gläubigen führen dürfte. Alle historischen Erfahrungen mit der Repression von Bevölkerungsgruppen weisen in genau diese Richtung. Versteht man den Jihadismus als “Bewegung der [ökonomischen, politischen] Verlierer”, kann man eigentlich gar nicht anders, als sich zu fragen, wie diesen Menschen wieder eine positive Perspektive ermöglicht werden kann. In Europa wäre es essenziell, die Integration jenes Teiles unserer Gesellschaft, der der islamischen Richtung angehört (und zu dem übrigens auch “originale” Mitteleuropäer zählen!), wo immer es relevant sein könnte, voranzutreiben. Sicherlich gibt es auch Bereiche, in denen den Betreffenden Integration durchaus auch abverlangt werden kann. Ebenso wie sog. “Sekten” haben sich auch Religionen ultimativ der Staatsautorität zu unterwerfen, unsere Gesellschaft und ihre Individuen sind vor Schaden zu bewahren. Diese Einstellung findet sich übrigens auch in den muslimischen Ländern selbst, wo sich selbstverständlich auch Touristen oder westliche Expats weitestgehend in die jeweiligen landes- und kulturspezifischen Regeln und Normen einzufügen haben.

Hinsichtlich gefürchteter Attentäter möchte ich auf die Arbeiten von Arno Gruen verweisen, der nachwies, wie Gewaltneigungen in sozialen Systemen wie etwa den Familien weitergegeben werden. Zum einen können Gewalterfahrungen und Repression offenbar selbst bei später gegen die Gewaltsysteme Revoltierenden zu neuen Formen der Gewaltausübung führen. Die Unterdrückten bleiben – gerade auch bei Hassgefühlen den Beherrschenden gegenüber – mit diesen identifiziert, haben aber den Kontakt zu ihren Gefühlen und zu ihrer Kernidentität verloren. Derartig emotional gestörte Menschen agieren häufig mit Gewalt gegen das, was sie (zumindest subjektiv) als gewalttätig erlebt haben.

Immerhin aber haben sie tatsächlich, real oder subjektiv erlebt, Gewalt erfahren. Attentäter sind jedoch keineswegs immer nur “Betroffene”. Von Soziopathen etwa weiß man, dass sie häufig unbewußt nach Möglichkeiten suchen, den enormen emotionalen Druck, unter dem sie stehen, durch Zerstörung zu entladen. Eine solches legitimierende Ideologie entwickelt dann für sie in weiterer Folge ganz von selbst Faszination, ist aber gewissermaßen nur ein Vehikel für die eigentlich gesuchte Gewalterfahrung. So liegt etwa bei den für viele erstaunlich hoch wirkenden Zahlen westlicher Ausländer, welche in den fernen Osten “pilgern” (pun intended), um dort am Krieg teilzunehmen und “Ungläubige zu vernichten”, aus psychologischer Sicht die Vermutung nahe, dass sich ihnen der radikale Islamismus schlicht als Möglichkeit anbot, anderen Menschen Schmerz zuzufügen oder sich gar in der archaischen Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, vor einer Kamera oder zumindest ebenso radikalen “Glaubensbrüdern” zu inszenieren und selbst zu erleben – und zwar ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Der Islam wird damit für derartige, in ihrer Persönlichkeit und Humanität schwerst gestörte Menschen zu einer Projektionsfläche und von ihnen instrumentalisiert, um sich auszuagieren.

Von derartigen Entwicklungen und Instrumentalisierungen werden sich sowohl verantwortungsvolle westliche Politiker, als auch islamische Theoretiker und Prediger explizit abgrenzen müssen: erstere, indem sie der Bevölkerung gegenüber differenzieren – weder als Relativierer auftreten, noch im Teich der beunruhigten Teile der Bevölkerung nach billigen (langfristig aber teuer zu bezahlenden) Wählerstimmen fischen. Islamische Schlüsselpersönlichkeiten wiederum müßten klar kommunizieren, dass in ihren Reihen kein Platz für Gewalttäter ist. Und zwar nach innen ebenso wie nach außen.

Der “Shift” unserer Gesellschaft in Richtung zunehmender religiöser Pluralität und kultureller Vielfalt bringt erhöhten Dialogbedarf mit sich. Wollen wir den inneren Zusammenhalt und die Integrität unserer kulturellen Werte gerade in jenen Zeiten stärken, in denen einfache Wahrheiten und Zuschreibungen nicht mehr greifen und einzelne Gruppierungen gezielt destruktive Absichten verfolgen, benötigt es umso mehr Anstrengungen, diese Kluften zu schließen und durch gezielten Dialog zu überbrücken.

Quellen:

 

Oct 29

Benzodiazepine werden häufig dann verschrieben, wenn Menschen unter starken Angststörungen leiden, fallweise verschreiben sie Ärzte auch bei hartnäckigen Schlafstörungen.

Doch wie aus einer eben publizierten kanadischen Studie hervorgeht, könnte die langfristige Einnahme von Benzodiazepinen das Alzheimerrisiko steigern. In einer Untersuchung, die kürzlich im British Medical Journal veröffentlicht wurde, wurden die Daten einer Krankenversicherung aus Quebec von einer Gruppe älterer Menschen (darunter 1796 Alzheimer-Betroffene und 7184 gesunde Personen) rückwirkend hinsichtlich der Quantität und Dosierung ihres Benzodiazepinkonsums ausgewertet.

Das Ergebnis: PatientInnen, die Benzodiazepine über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten eingenommen hatten, zeigten ein um 51% erhöhtes Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Die Zahlen der Erkrankten waren umso höher, je länger die Beruhigungsmittel eingenommen wurden. Mögliche Gründe dafür sind noch unklar.

Die Studienautoren wiesen darauf hin, dass bei aller Bedeutung dieser Arzneimittelgruppe Benzodiazepine niemals länger als drei Monate durchgehend eingenommen werden sollten.

(Quelle: “Benzodiazepine use and risk of Alzheimer’s disease: Case-Control Study“; Image source:treatment4addiction.com)

Oct 05
Foto: Time

Foto: Time

Aufmerksame VerfolgerInnen der Tagesnachrichten werden dieser Tage vielleicht erstaunt die Neuigkeit aus Kalifornien vernommen haben, dass sexuelle Akte von StudentInnen der dortigen Universitäten zukünftig “bewilligungspflichtig” sein werden. Das dieser Tage vom kalifornischen Senat bewilligte Gesetz “Bill 967” wird Universitäten verpflichten, entsprechende Standards (wie auch Beratung und andere prophylaktische Maßnahmen) zur Verhinderung sexuellen Missbrauches zu implementieren, wenn sie zukünftig noch staatliche Förderung erhalten wollen. Lebt es sich denn in kalifornischen Universitäten so gefährlich? Offenbar ja: beinahe jede 5. Studentin wurde dort angeblich bereits einmal Opfer “sexuellen Missbrauches”. Die Apostrophierung ist bewußt gewählt, denn in einem Staat, der beabsichtigt, sexuelle Handlungen als strafbar zu definieren, sofern sie nicht davor und während dessen mehrmals explizit – verbal oder schriftlich – als erwünscht bezeichnet werden, scheint die Grenze des Erlaubten sehr eng gesteckt.

“Passive” Zustimmung wird also zukünftig nicht ausreichen, damit sich StudentInnen auf legale Weise sinnlichen Freuden hingeben können, diese allein wäre zukünftig als Missbrauch wertbar. Vielmehr wird während erotischer oder sexueller Aktivitäten, damit verbundener Positionsänderungen, “Steigerungsstufen” und dergleichen die Zustimmung mehrmals “enthusiastisch” (Nova Scotia Student Group) wiederholt werden müssen (“(only) yes means yes!”), da anfängliches Einverständnis zu einem späteren Zeitpunkt ja auch Ablehnung weichen kann. Dies ist natürlich völlig richtig – aber würde jemand, der – etwa, weil er Gewalttäter oder stark betrunken ist – diese Regelungen denn auch befolgen? Würde die Anzahl seiner Taten abnehmen? Sehr wahrscheinlich nicht. An amerikanischen Universitäten existieren auch Regelungen, denen zufolge Alkoholkonsum erst ab dem 21. Lebensjahr erlaubt ist, dennoch sind gerade die US-Campuses für den dort herrschenden, z.T. massiven Alkoholmissbrauch bekannt. Tatsächlich zeigen zahlreiche Studien, dass Missbrauch in aller Regel keineswegs eine Folge “mißverständlicher Signale” während zwischenmenschlichen Kontakten ist, sondern TäterInnen vielmehr ganz bewusst die Grenzen ihrer Opfer ignorieren. Somit wird das Gesetz aber weder Missbrauchsopfern helfen noch die Missbrauchszahlen senken – entgegen dem etwas naiven Glauben, ein Gesetz würde alleine durch seine Existenz die Gesellschaft verändern, würden TäterInnen im Fall des Falles vermutlich einfach auch bezüglich der expliziten Zustimmung lügen und behaupten, das Opfer hätte “eindeutig” dem Akt zugestimmt…

Aus gendersensibler Perspektive wird dem weiblichen Geschlecht und dem Ziel einer Nivellierung der geschlechtsspezifischen Machtgefälle zudem höchst wahrscheinlich wieder einmal ein Bärendienst erwiesen: die Annahme etwa, dass unter Einfluss von Alkohol keine legitime Zustimmung zu sexuellen Handlungen möglich ist, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Doppelmoral. Männer werden als potenzielle Vergewaltiger betrachtet, und Frauen als ihre hilflosen Opfer (oder, um aktuellere Termini zu verwenden, “Überlebende”). Wenn sich zwei junge Menschen betrinken und dann Sex haben, ist der Mann für sein Verhalten verantwortlich, sie aber nicht für ihres. Sogar wenn sie “ja” sagt, muss er ihr im Interesse seiner eigenen Sicherheit im Zweifel unterstellen, dies nicht autonom entscheiden zu können. Wie weitgehend bekannt sein dürfte, ist “betrunkener Sex” natürlich so gut wie immer mit Handlungen verbunden, die man “in nüchternem Zustand so sicher nicht getan hätte”. Doch während früher eine junge Frau eine solche Nacht als Lernerfahrung verbucht und dann wieder den Blick nach vorne gerichtet hätte, vermittelt man ihr heute, dass es sich dabei um ein zerstörerisches Trauma handelt, für das sie keine Verantwortung trägt.

Ist ein derartiges Gesetz – unabhängig von den dahinterstehenden positiven Intentionen! – überhaupt sinnvoll und ausreichend lebensnah? Es definiert Sex in den meisten “erwachsenen” Paarbeziehungen nämlich ab sofort als Vergewaltigung, weil selten mehr als nur nonverbale Signale (wenn überhaupt) abgegeben werden dürften, wenn mit sexuellen Handlungen begonnen wird. Ideologische Überlegungen und surreale Ängste scheinen Vorrang vor realen Fakten zu haben, wenn reale aber doch seltene Gefahren als “Welle der Gewalt” oder die Gesellschaft gar als “rape society”1 verzerrt dargestellt und dann auf dieser Grundlage drastische Gesetze beschlossen werden, welche massiv in die sozialen Beziehungen eingreifen. Frauen werden hierbei infantilisiert und hilflos dargestellt, ja ihnen unter bestimmten Umständen sogar die Fähigkeit zu bewussten Handlungen abgesprochen, während Männer das “gefährliche” Geschlecht und potenzielle Vergewaltiger seien, vor denen die jungen, per definitionem hilflosen Frauen geschützt werden müssen. Tatsächlich weisen US-Anwälte auf Konflikte zwischen dem neuen Gesetz und den Bürgerrechten hin, welche Partnerschaft als schützenswerten Bereich definieren, in den sich der Gesetzgeber nicht einzumischen hat2.

Interessanterweise existieren ähnliche Regelungen auf freiwilliger Basis bereits seit etwa 1 Jahr an den Universitäten von Texas, Yale und einigen Campuses der State University of New York. Dort wird von einer höheren “Bewußtheit” hinsichtlich des Themas sexuellen Mißbrauches berichtet (was auch immer das konkret bedeuten mag), die Zahlen gemeldeter Übergriffe selbst seien aber unverändert, “mehr Forschung” sei nötig. Sollte diese aber nicht vor der Einrichtung von Gesetzen stehen, die massiv in das Privatleben von BürgerInnen eingreifen?

Zum Weiterlesen:
“No Means No” Isn’t Enough. We Need Affirmative Consent Laws to Curb Sexual Assault. (1)
California activists seek to redefine quiet, consensual sex as rape through Senate Bill 967 (2)
California Lawmakers Pass ‘Affirmative Consent’ Sexual Assault Bill
‘Affirmative Consent’ Is Bad for Women
New California Law Could Require Students To Sign A Form For Consensual Sex
The Legal Definition of Consensual Sex is Likely to Change in California: What It Means

May 28

Bild: Karikatur RABE (Ralf Böhme)

Wenn Sie bei einer österreichischen Krankenkasse versichert sind und um Voll- oder Teilrefundierung für Ihre Psychotherapie-Kosten angesucht haben, wurden Sie vermutlich vor einigen Monaten von einer deutlichen Erweiterung der diesbezüglichen Auskunftsbegehren an Ihre(n) Psychotherapeuten(in) informiert. Bei der Wiener Gebietskrankenkasse soll spätestens im Juli dieses Jahres ein neues Antragsformular verpflichtend vorgeschrieben werden, wenn PatientInnen um Voll- oder Teilrefundierung ansuchen möchten. Dem Versicherungsträger gegenüber werden dann zum Teil sehr persönliche Daten anzugeben sein – Daten, welche mit den Therapieinhalten bzw. den jeweiligen psychischen Beschwerden nicht immer etwas zu tun haben müssen. Ob diese Informationen dann tatsächlich so “vertraulich” bleiben, wie vom Hauptverband immer wieder versichert, darüber muss man sich als ‘geprüfter Österreicher’ nach Bekanntwerden eines intensiven Datenaustausches u.a. mit dem amerikanischen NSA, dem BFIE-Skandal usw. leider so seine Gedanken machen…

Persönlich kann ich das “Bedürfnis” der Versicherungsträger, sicherstellen zu wollen, dass die allozierten Mittel auch sinnvoll eingesetzt werden, selbstverständlich nachvollziehen – allerdings war doch Psychotherapie schon seit jeher ein Stiefkind des Gesundheitssystems: die Refundierungsbeträge von € 21,90 wurden seit mittlerweile fast 25 Jahren (!!) nicht mehr an die Inflation angepasst, da scheint es eine Zumutung, den von psychischen Problemen Betroffenen für diesen anteilig mittlerweile höchst gering gewordenen Betrag auch noch zusätzliche “Datenkanüllen” anzulegen, zumal Zusatzanträge ohnedies auch schon derzeit fast immer einer chefärztlichen Bewilligung bedürfen – also keineswegs nur dem Gutdünken des jeweiligen Psychotherapeuten allein unterworfen sind! Es ergibt sich somit der Eindruck, dass die Kassen PatientInnen, die ihnen rechtmäßig zustehende Versicherungsleistungen in Anspruch nehmen möchten, schlicht und einfach durch die Angst, dass ihnen die gemachten Angaben eines Tages zum Nachteil gereichen könnten, vergraulen wollen.
Die österreichischen Krankenkassen haben im Jahre 2013 Gewinn erwirtschaftet. Psychische Leiden gehören zu jenen, unter denen Menschen am stärksten leiden, die aber am seltensten frühzeitig erkannt und adäquat behandelt werden [Link].

Wenn auch Sie gegen die verpflichtende Verwendung des neuen Antragsformulars protestieren möchten, unterzeichnen auch Sie bitte die Online-Petition dagegen:

https://secure.avaaz.org/de/petition/Wiener_Gebietskrankenkasse_NEIN_zum_neuen_Krankenkassenformular_fuer_Psychotherapie/

Mehr Informationen für Interessierte: http://derstandard.at/2000001585614/

May 08

Eine Kombination spezifischer Abstinenz-Medikation und von Psychotherapie kommt in der Behandlung von Alkoholabhängigen derzeit noch selten zum Einsatz. Doch eine neue Studie zeigt, dass sich die Kombination beider in gestuften Behandlungsprogrammen bewährt: erhalten die Betroffenen zunächst Medikamente und anschließend auch psychotherapeutische Betreuung, lassen sich schwere Rückfälle reduzieren oder deutlich hinauszögern.

Entscheidend für den Behandlungserfolg ist aber eine hohe Motivation zur Psychotherapie.

“Bisher werden Alkoholabhängige in Deutschland vorwiegend von Suchtberatern betreut”, sagt Dr. M. Berner, OA an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums: “Erst seit wenigen Jahren übernehmen die Krankenkassen auch die Kosten für störungsspezifische, evidenzbasierte Psychotherapien. Nach wie vor lehnen jedoch viele Therapeuten alkoholabhängige Klienten aufgrund vermeintlich geringer Behandlungschancen ab.” Ähnliches gelte für sogenannte Anti-Craving-Medikamente, die das Verlangen nach Alkohol reduzieren können. Auch sie gehören bislang nicht zur Standardbehandlung.

Doch in einer gemeinsamen Studie (p=109) der Universitätskliniken Freiburg, Tübingen und Mannheim konnte gezeigt werden, dass eine Kombination von Anti-Craving-Medikamenten und Psychotherapie bei bisherigen Rückfall-Patienten die nächsten Rückfälle hinauszögern kann. Bereits die Einnahme von Medikamenten allein verdoppelte die Chance, abstinent zu bleiben. Wurden die Patienten jedoch zusätzlich psychotherapeutisch betreut, vervierfachte sich die Wahrscheinlichkeit dauerhafter Abstinenz.

Doch nur 33 Betroffene traten die Therapie tatsächlich an: “Die prinzipielle Bereitschaft zur Therapie genügt nicht”, so Dr. Berner: “Oft fehlt die Willenskraft, den Plan auch umzusetzen und einen fremden Therapeuten aufzusuchen. Hier kann eine enge Kooperation und Vernetzung von behandelnden Ärzten und Psychotherapeuten helfen.” Auch die Anpassung der Therapie an die individuellen Bedürfnisse des Patienten sei wichtig. Eine Psychotherapie ohne “Committment” (innere Zustimmung) des Patienten sei nicht sinnvoll.

“Sowohl die Behandlung mit Anti-Craving-Medikamenten als auch die umfassende Information über die Möglichkeit psychotherapeutischer Betreuung sollten unbedingt zu selbstverständlichen Bestandteilen der Behandlung von Alkoholabhängigkeit werden”, fordert Berner. Zu diesem Zweck müsse jedoch Alkoholabhängigkeit tatsächlich als psychische Störung begriffen werden – auch durch die Öffentlichkeit. Häufig werden nämlich Patienten mit Alkoholproblemen nicht als Kranke gesehen.

(Quellen: MedAustria; Michael Berner et.al im Fachmagazin Alcoholism: Clinical & Experimental Research: Alcoholism: Clinical and Experimental Research Early View November 2013 (doi: 10.1111/acer.12317))

May 08

Psychische Leiden belasten mehr als körperliche.
(Image src: depressionisreal.com)

 

Kaum eine Situation macht Menschen unzufriedener mit dem Leben als eine psychische Erkrankung.

Richard Layard, Leiter des Wellbeing Programme am Centre for Economic Performance der London School of Economics and Political Science, veröffentlichte kürzlich das Ergebnis einer Langzeit-Metastudie, demzufolge in Australien, Deutschland und Großbritannien psychische Erkrankungen weit stärker zum Unglück von Menschen beitragen als körperliche Gebrechen. Befragt wurden Personen mit einem Lebensalter von über 25 Jahren.

Es wird geschätzt, dass weltweit etwa jeder Zehnte unter Depressionen und Angststörungen leidet. Diese psychischen Erkrankungen sind die Ursache von bis zu einem Fünftel aller Fälle von Erwerbsunfähigkeit. Gleichzeitig befindet sich selbst in reichen Ländern weniger als ein Drittel der Betroffenen in therapeutischer Behandlung.

Das Tragische ist, dass Depressionen und Angststörungen heute mit Psychotherapie erfolgreich behandelt werden könnten, sagt Richard Layard. Dennoch würde kaum eine Regierung mehr als 15 Prozent ihres Gesundheitsetats für die Behandlung seelischer Erkrankungen ausgeben “Das ist diskriminierend für psychisch Erkrankte im Vergleich zu körperlich Erkrankten und zudem auch wirtschaftlich unvernünftig”, sagen der Wohlfahrtsökonom Layard und seine Kollegen. Würden mehr psychisch Kranke gut behandelt werden, könnten Kosten für Sozialhilfe gespart werden und es würden weniger Steuereinnahmen aufgrund der Erwerbsunfähigkeit vieler Arbeitnehmer verloren gehen. Layard: “In reichen Ländern wäre wahrscheinlich eine für die Staatskassen kostendeckende Behandlung der von psychischen Leiden Betroffenen möglich”.

Jeder Dritte hatte 1x jährlich mit psychischen Störungen zu kämpfen

Jeder 3. Erwachsene, also ca. 15 Millionen Menschen, erkrankten in Deutschland allein im Verlauf der letzten 12 Monate an mindestens einer psychischen Störung. Die meisten davon leiden an Angstzuständen, Depressionen oder somatoformen Störungen. Maximal 10% von ihnen erhielten jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie, was die Lebensqualität der Betroffenen reduziert, die daraus resultierenden Fehlbehandlungen wiederum belasten die Gesundheits- und Sozialsysteme, da die Krankheitstage zunehmen und PatientInnen fallweise vorzeitig berentet werden müssen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit schätzt den durch psychische Erkrankungen resultierenden Verlust an Arbeitsproduktivität auf acht Milliarden Euro jährlich.

“Psychische und psychosomatische Krankheiten sind keine bloßen Befindlichkeitsstörungen. Sie müssen frühzeitig professionell behandelt werden, da sie sonst chronisch werden können und oft zu biologischen Veränderungen im Gehirn und im übrigen Körper führen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Prozent der durch ambulante Psychotherapie behandelten Patienten nachweislich profitieren. Ambulante Psychotherapien umfassen im Mittel 46 Sitzungen und kosten im Durchschnitt ca. € 3700,-/Patient. Hilfesuchende Menschen brauchen jedoch zunächst niedrigschwellige und qualifizierte Anlauf- und Vermittlungsstellen.

Prof. Cornelia Albani, Leiterin der Sinova-Klinik für Psychosomatische Medizin in Aulendorf: “In einer repräsentativen Befragung konnten wir nachweisen, dass jene Menschen, die sich für eine ambulante psychotherapeutische Behandlung entscheiden, deutlich durch die Erkrankungen belastet sind und einen sehr hohen Leidensdruck verspüren”. In der Regel seien es schon länger und psychisch schwer erkrankte Patienten mit hoher Krankheitslast. 84% dieser Menschen schätzten beispielsweise ihre eigene psychische Verfassung vor der Therapie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Patienten darüber hinaus an körperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs leiden. Erschreckend ist die niedrige Zahl derer, die professionelle Hilfe erhalten – obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie bereits hinlänglich bewiesen ist. Rund 50% der von Albani et al. Befragten gaben an, dass sich durch die Psychotherapie ihre Arbeitsfähigkeit und -produktivität gesteigert habe. Ähnlich hoch wurde die Besserung der sozialen Fähigkeiten und Beziehungen bewertet. Bei bis zu 60% der behandelten Patienten zeigen sich deutliche Verbesserungen des seelischen Gesundheitszustands – und zwar anhaltend und über das Ende der Behandlung hinaus. “Studien haben die besondere Nachhaltigkeit psychotherapeutischer Behandlungen erwiesen. Hier setzten wir uns von rein medikamentösen Behandlungsstrategien ab”, so Albani.

Psychische und psychosomatische Störungen entwickeln gerade im Zusammenspiel mit körperlichen Grunderkrankungen eine besondere Problematik und können sich wechselseitig verstärken. Fachärzte für Psychosomatische Medizin können bei der Entscheidung, wie am besten vorzugehen ist, helfen. Hierbei werden körperliche, seelische und auch soziale Aspekte berücksichtigt. Doch häufig mangelt es an effizienten Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten sowie flächendeckender Versorgung: „Angesichts der vielen Betroffenen besteht die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen für diese Patientengruppe“, so DGPM-Präsident Professor Dr. J. Kruse, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Gießen.

(Quellen: MedAustria, SOEPpanel 2013 (s.a. http://www.diw.de/soeppapers); DGPM-Pressemitteilung 02/2013)

Sep 03

Trennung und Scheidung verändert nicht nur unser Leben “danach”, sondern auch bevor die Absicht überhaupt noch klar gefasst ist. (Bild: Getty)

Hier einige von mir im Laufe der Zeit gesammelten Daten und Fakten zum Thema Trennung und Scheidung. Neue Informationen, “Fundstücke” oder Studien werde ich sukzessive in die Liste mit aufnehmen. Gerne können auch Sie mir aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema zukommen lassen (bitte unbedingt mit Quellenangabe!).

  • Arbeitsteilung im Haushalt? Vielleicht lieber doch nicht: denn eine norwegische Studie aus dem August 2012 stellte fest, dass die Scheidungsrate von Paaren, die die haushaltlichen Tätigkeiten gezielt aufteilen, etwa 50% höher ist als bei solchen, bei denen die Frau die häuslichen Arbeiten erledigt. Oder, gar nicht unwahrscheinlich: die höhere Scheidungsrate könnte auch mit “modernen” Werten und Einstellungen in Zusammenhang stehen, wie etwa, die Ehe generell nicht mehr als sakrosankt zu betrachten. Eine weitere Erklärung könnte aber auch sein, dass Paare mit klaren “Zuständigkeitsbereichen” weniger anfälliger für Konflikte und Machtkämpfe sind.
  • “Die Gene”: 02/2012 wurde eine Studie schwedischer Wissenschaftler veröffentlicht, der zufolge es bedingt durch ein spezifisches Gen manchen Frauen schwerer fallen könnte als anderen, in einer Paarbeziehung treu zu bleiben. Konkret hatten Trägerinnen einer Variation eines Oxytocin-Rezeptor-Gens, das als A-Allel bekannt ist, aufgrund höherer Schwierigkeiten, mit anderen Menschen emotionale Verbindungen herzustellen, nur schwer Heiratspartner. Bereits verheirate Trägerinnen dieser Genvariation jedoch mussten sich etwa 50% häufiger mit Ehekrisen oder “Androhungen der Scheidung” arrangieren.
  • Wie klappt’s mit den Schwiegereltern? 11/2012 wurde eine 26-Jahres-Langzeitstudie der Universität von Michigan veröffentlicht, der zufolge das Scheidungs-Risiko um etwa 20% reduziert ist, wenn der Mann eine gute Beziehung zu den Eltern seiner Frau unterhält. Wenn eine Frau eine enge Beziehung zu den Eltern ihres Mannes unterhält, ist das Scheidungs-Risiko des Paares dagegen um 20 Prozent erhöht.Warum der Unterschied? Forscher Terry Orbuch glaubt einem Interview zufolge, dass viele Frauen ihre Schwiegereltern als aufdringlich empfinden, während Männer die Aktionen ihrer Schwiegereltern tendenziell weniger persönlich nehmen.
  • Männer “ertränken” häufig ihren Scheidungsschmerz – eine Studie der University of Cincinnati (07/2012) stellte fest, dass Männer nach Scheidungen häufig beginnen, ihren Alkohol-Konsum massiv zu steigern. Verheiratete Frauen wiederum trinken der Studie zufolge mehr als ihre verwitweten oder geschiedenen Freunde – teils, weil sie mit Männern, die höheren Alkoholkonsum an den Tag legten, leben.
  • Zweifel an der Heirat können ein Frühwarnzeichen sein: in einer Studie der UCLA, welche 09/2012 im Journal of Family Psychology veröffentlicht wurde, fragten die Forscher 232 erstverheiratete Brautpaare, ob sie nach ihrer Verlobung “jemals unsicher oder zögerlich gewesen wären, zu heiraten”. Das Forscherteam folgte sodann den Paaren alle sechs Monate die ersten vier Jahre ihrer Ehe hindurch. Es stellte sich heraus, dass “19 Prozent der Paare, in denen Frauen zuvor Zweifel gehabt hatte, vier Jahre später geschieden wurden, aber nur 8 Prozent der Paare, in denen Frauen keine Zweifel gehabt hatte. Auch die Zweifel der Männer korrelierten mit einer nahezu doppelt so hohen Scheidungsrate (Männer mit Zweifeln: 14% Scheidungsrate, Männer ohne Zweifel: 9%).
  • Fremdgehende Männer erleiden beim Sex eher Herzinfarkte: laut einer Studie, welche 05/2012 von der Universität Florenz veröffentlicht wurde, ereignet sich während außerehelichem Sex häufiger ein “koitaler Herzinfarkt” als in der gewohnten Umgebung. “Außerehelicher Sex ist riskant und emotional anstrengend, weil die Geliebte oft jünger ist als die Hauptpartnerin, häufig folgt der Sex auch übermäßigem Trinken und/oder Essen,” so Dr. Alessandra Fisher in einem Interview. “Eine geheime sexuelle Begegnung in einer ungewohnten Umgebung kann den Blutdruck und die Herzfrequenz deutlich erhöhen, was zu einem erhöhten Sauerstoffbedarf führt.”
  • Zusammenleben vor der Ehe ist nicht länger ein starker Prädiktor für Scheidung, wie eine Studie des Centers for Disease Control and Prevention im Frühjahr 2012 ergab. Die Auswertung einer Befragung von 22.000 Männern und Frauen ergab keine Unterschiede hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, mindestens 15 Jahre verheiratet zu bleiben bei verlobten Paaren, die vor der Hochzeit zusammengelebt hatten und solchen, die dies nicht getan hatten. Bei nicht verlobten, aber zusammenlebenden Paaren allerdings zeigte sich eine geringere Wahrscheinlichkeit, dass die Partnerschaft die 10-Jahres- oder 15-Jahres-Marke überlebte.
  • Scheidung in jüngeren Jahren gesundheitsgefährdender: einer Studie der Michigan State University (01/2012) zufolge erlitten diejenigen von 1.282 über einen Zeitraum von 15 Jahren hindurch beobachteten Personen, die sich von ihrem Partner in einem jüngeren Alter trennen, mehr gesundheitliche Probleme als jene, die sich erst in mittleren oder späten Lebensabschnitten scheiden lassen. Möglicherweise verfügen ältere Menschen über mehr Bewältigungsstrategien, um mit dem Stress der Scheidung umzugehen.
  • Frauen mit Trennungsabsicht arbeiten mehr: Ende 2012 veröffentlichte die European Economic Review eine Studie, derzufolge bei Frauen, die zusätzliche 12 Minuten pro Woche arbeiten, das Risiko einer Trennung oder Scheidung um 1% zunimmt. Ein Grund dafür könnte dem Soziologen Berkay Özcan sein, dass längere Arbeitszeiten eine Form der “Versicherung” für Frauen darstellen, wenn ihre Ehe zugrunde zu gehen droht. Auch bei Männern wurden diese Tendenzen beobachtet, auch wenn die Minutenzahlen im Schnitt geringer ausfielen.
Aug 02

Bulimie ist eine häufige Eßstörung insbesondere bei jungen Diabetes-Patientinnen
(Photo: Biomantal, P. Marcinski @ Shutterstock)

Bei Frauen mit Typ-1-Diabetes besteht beinahe doppelt so häufig gestörtes Essverhalten – insbesondere Bulimie- wie bei gesunden Altersgenossinnen. Das Gefährliche an dieser Kombination: durch ihren schwankenden Blutzuckerspiegel erleiden Betroffene meist deutlich früher an Folgeschäden der Augen, Nieren oder Nerven. In der neuen Leitlinie “Psychosoziales und Diabetes” empfiehlt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) deshalb, Diabetespatientinnen mit Essstörungen so zeitig wie möglich psychotherapeutisch zu behandeln.

An Bulimie leiden etwa zwei Prozent der 14- bis 20-jährigen Frauen. Sie essen in einem Anfall unkontrolliert und versuchen die überschüssigen Kalorien durch Diäten, Erbrechen oder exzessiven Sport loszuwerden. Typisch für essgestörte Patientinnen mit Diabetes ist zudem das sogenannte “Insulin-Purging”: Sie spritzen sich gezielt zu wenig vom Blutzuckersenker Insulin, um abzunehmen. Durch den niedrigen Insulinspiegel bleibt mehr Zucker im Blut, den die Nieren dann mitsamt den Kalorien über den Urin aus dem Körper schwemmen. Die Frauen verlieren zwar Gewicht, verfehlen aber das Ziel ihrer Diabetestherapie: Ihr dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel führt deutlich früher zu Schäden an Gefäßen und Nerven als bei nicht essgestörten Patientinnen.

“Schwanken Blutzuckerwert und Gewicht bei einer jungen Typ-1-Diabetes – Patientin stark, sollte eine Bulimia nervosa in Erwägung gezogen werden”, sagt Professor Dr. med. Herpertz, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum und Mitautor der Leitlinie. Bestätigt sich der Verdacht, empfehlen die Experten in dem neuen Behandlungsleitfaden eine Psychotherapie. Dabei sollte sich der Therapeut mit der Zuckerkrankheit auskennen, damit sich die Patientin verstanden fühlt.

Typ-1-Diabetes entwickelt sich häufig im jugendlichen Alter, erläutert Herpertz – einer Zeit also, in der sich Menschen intensiv mit dem eigenen Selbstwert auseinandersetzen. Diagnose und Behandlung der Zuckerkrankheit stellten diesen Selbstwert oft in Frage: Betroffene Jugendliche müssen eine Diät einhalten, auf Alkohol verzichten, Medikamente nehmen, Insulin spritzen. Entwickeln die Patientinnen eine Essstörung, so hänge dies in der Regel mit einem Selbstwertkonflikt zusammen. “Hier muss die Therapie ansetzen”, so Herpertz. Wichtig sei auch, bei jungen Patientinnen die Familie in die Behandlung mit einzubeziehen.

Neben der Bulimie spielen auch andere Essstörungen bei Menschen mit Diabetes eine Rolle, wie etwa die Binge-Eating-Störung bei der es mindestens einmal in der Woche zu Essanfällen kommt, die allerdings nicht von gegenregulatorischen Maßnahmen wie etwa Erbrechen gefolgt werden. Sie betrifft vor allem Typ-2-Diabetes-Patienten. Zwar kommt diese Essstörung nicht häufiger vor als bei Menschen mit gesundem Stoffwechsel. Weil die Betroffenen dadurch aber an Gewicht zulegen, wirkt Insulin bei ihnen noch weniger blutzuckersenkend, und der Diabetes verschlimmert sich.

Die DDG empfiehlt im Falle einer Essstörung bei Diabetespatienten eine Psychotherapie. „Ob ambulant, teilstationär oder stationär: Eine Psychotherapie ist die Therapie der ersten Wahl“, sagt Privatdozent Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG, Bad Mergentheim, Koordinator der Leitlinie. Reine Schulungs- und Selbsthilfe-Programme allein reichten nicht aus, heißt es in der neuen Leitlinie.

In Kauf nehmen die Experten dabei, dass der Heilungsprozess bei einer Psychotherapie meist mehrere Monate umfasst. Herpertz hebt dafür das oft positive Ergebnis der Behandlung hervor: Bei Typ-1-Diabetikern stabilisiere sich Untersuchungen zufolge der Blutzuckerspiegel nachhaltig und reduziere das Risiko diabetischer Spätschäden.

(Quellen: Deutsche Gesellschaft für Diabetes [Link zu den Leitlinien]; MedAustria 06/2013)

Apr 10

In meiner Praxis habe ich sehr häufig mit KlientInnen zu tun, die in irgendeiner Weise darunter leiden, nicht den geeigneten Partner oder die geeignete Partnerin zu finden. Dies hat natürlich fast immer psychische Gründe – auf die eine oder andere Weise sabotierten sie sich selbst, sie leiden an Formen sozialer Ängste oder (meiner Erfahrung nach der häufigste Grund) an zu geringem Selbstwertgefühl.

Image source: imhomir.com

Die Probleme rund um Partnersuche, Attraktivität und sexuelle Anziehungskraft beflügeln Forscher und Künstler schon seit Menschengedenken. Unter diesem – eher ironisch gemeinten – Blogtitel möchte ich die Ergebnisse einschlägiger Studien und Forschungsergebnisse zusammenfassen – diese Sammlung wird laufend erweitert und aktualisiert.

Doch Achtung: Garantie für Plausibilität oder gar Erfolg übernehme ich keine! 😉

Attraktivität und Partnerwahl

  • “Attraktive Körper und Gesichter sind symmetrisch” – bei der Partnerwahl springen wir auf ästhetische Eindrücke an, die indizieren, dass es um die Gesundheit und Fitness, also auch um Reproduktionsfähigkeit, gut bestellt ist (Quelle)
  • Menschen mit symmetrischem Körperbau kommen beim Tanzen besser an und haben bei der Partnerwahl die Nase vorn.” (Quelle)
  • Frauen ohne Idealmaße sind stärker, robuster und krisenresistenter” – im Westen gelten Frauen mit einer größeren Waist-Hip-Ratio (Taille-Hüft-Verhältnis) als 0,7 als weniger attraktiv als in anderen Weltregionen, sind für Krisenzeiten aber besser gerüstet (Quellen: [1],[2],[3])
  • Östrogen macht Frauengesichter attraktiver.” – während der fruchtbaren Tage wirken die Gesichter von Frauen offenbar attraktiver (Link)
  • Testosteron macht Männergesichter attraktiver.” – hohe Testosteronwerte in Kombination mit wenig Stresshormonen stärken die Abwehrkräfte und lassen das Gesicht eines Mannes in den Augen von Frauen attraktiv erscheinen (Link zu Markus J. Rantala et.al., “Evidence for the stress-linked immunocompetence handicap hypothesis in humans”)
  • Frauen werden eher gewählt, wenn sie schön sind, Männer eher, wenn sie dominant wirken“- dies bezieht sich auf politische Wahlen ..aber vielleicht nicht nur, wenn man die weiter unten angeführten Forschungsergebnisse liest (Quelle)
  • Schönheit verunsichert.” – dies, und daß es attraktive Frauen und Männer bei der Partnersuche schwerer haben als durchschnittlich attraktive Personen, wäre eine mögliche Schlußfolgerung aus dem sog. “Gehwegexperiment” von James Dubbs u. Neil Stokes (“Beauty is Power: The Use of Space on the Sidewalk”, 1975): auf einem Gehweg änderten Fußgänger ihre Gehrichtung, um mehr von Männern als Frauen auszuweichen, mehr von 2 als von 1 Person, und weiter von einer hübschen als von einer unattraktiven Frau. Ihre Theorie war, daß Attraktivität, Gruppengröße und Geschlecht Aspekte von Macht sind, die territorialen Anspruch und damit das genannte Ausweichverhalten begründeten (Quelle).
  • Von der Attraktivität der Kleidung wird auf andere Attraktivitäts-Attribute geschlossen.” – attraktiv gekleidete Testpersonen wurden kompetenter und sozialer eingeschätzt als nicht attraktiv gekleidete, und, wie die Forscher vermuteten, wohl auch als physisch attraktiver (Quelle).
  • Große Männer kommen sexuell und sozial besser weg.” – Männer haben mit starken, attraktiven und reichen Konkurrenten ihre größten Schwierigkeiten, mit zunehmender Körpergröße scheint die Beeindruckung von Konkurrenten abzunehmen. Kleine Männer sind tendenziell am eifersüchtigsten. Bei Frauen hingegen sind die kleinen und die großen eifersüchtiger als die durchschnittlich großen. Allerdings werden die durchschnittlich großen Frauen am ehesten von großen und sozial dominanten Konkurrentinnen beeindruckt (Link)
  • Frauen ziehen ältere Männer und diese jüngere Frauen vor.” – Eine Erklärungsmöglichkeit für die biologischen Ursachen dieses Phänomens lieferte eine Studie, die herausfand, daß  Frauen mit einem vier Jahre älteren Partner und Männer mit einer sechs Jahre jüngeren Partnerin den größten Reproduktionserfolg haben (Quelle)
  • Der Mensch verlor vielleicht seine Körperbehaarung, da dies sexy auf das andere Geschlecht wirkte.” – eine Hoffnung für Glatzenträger? (Quelle)
  • Ergebnisse einer ökonometrischen Analyse von Online-Dating-Verhalten: Männer, die angaben, sie seien auf der Suche nach einer langfristigen Beziehung, schnitten sehr viel besser ab als jene, die lediglich auf eine Affäre aus waren. Für Männer ist das Aussehen der Frauen von herausragender Bedeutung, für Frauen das Einkommen eines Mannes von größter Wichtigkeit: je reicher der Mann ist, desto mehr Mails erhält er. Die Attraktivität einer Frau wächst für Männer zwar auch mit dem Einkommen, aber nur bis zu einer bestimmten Höhe. [..] Männer fühlen sich angezogen von Studentinnen, Künstlerinnen, Musikerinnen, Tierärztinnen, und Berühmtheiten, sie meiden Sekretärinnen, Rentnerinnen sowie Frauen, die beim Militär oder der Polizei arbeiten. Frauen bevorzugen Soldaten, Polizisten und Feuerwehrmänner, außerdem Rechtsanwälte und Finanzexperten in leitender Position. Frauen meiden Arbeiter, Schauspieler, Studenten [..]. Die Analyse der Daten von etwa 30.000 Nutzern ergab weiterhin, dass Männer vor allem erhebliche Nachteile haben, wenn sie klein sind. Für Frauen hingegen ist Übergewicht tödlich. Deswegen wird in diesen Bereichen offenbar häufig auch etwas nachgeholfen: der interessierte Online-Dater ist z.B. etwas größer als der Durchschnittsmann und die typische Online-Daterin 10 kg leichter als ihre reale Kollegin. Im Buch “Freakonomics“, in dem die Ergebnisse komplett nachzulesen sind, beschrieben die Autoren ihre durch mathematische Methoden gewonnenen Erkenntnisse so: “In der Welt des Online-Dating ist ein Kopf voller blonder Haare für eine Frau ungefähr so viel wert wie ein College-Abschluss.
  • In Partnerbörsen, speziell solchen in Dating-Apps, waren als Ersteindruck Fotos, die eine offene, gestreckte Körperposition zeigten, am erfolgreichsten – und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen (Quelle).
  • “”Fiese” Männer bekommen die meisten und schönsten Frauen ab” – in den meisten einschlägigen Studien zu diesem Thema wiesen die betreffenden Männer eine (auch unterschiedlich ausgeprägte) Kombination aus Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus auf (Quellen: [1], [2], [3])
  • Männer sollten nicht “hingerissen” wirken: Ungewissheit über die Gefühle des Gegenübers erhöht dessen Attraktivität (Quelle: E. Whitchurch et.al in: “Uncertainty Can Increase Romantic Attraction”, Psychological Science, 01/2011).


Sexualität

  • “Schon die bloße Anwesenheit einer Frau erhöht den Testosteronspiegel” – unabhängig vom Aussehen einer im gleichen Raum befindlichen Frau steigt der Testosteronspiegel von Männern innerhalb von 300 Sekunden um 8% an ([1],[2])
  • Die Häufigkeit weiblicher Orgasmen steigt mit dem Einkommen ihrer Partner” – Sex mit wohlhabenden oder mächtigen Männern wird von Frauen womöglich als besser erlebt, weil sie sich damit einen Zugang zu Reichtum und Macht verschaffen und diesen erhalten wollen (Quellen: [1], [2], [3])
    Nachtrag 04/2010: Hierzu existiert allerdings nun eine andere Ergebnisse zeigende Gegenstudie.
  • Je attraktiver sich Frauen finden, desto höhere Ansprüche stellen sie an ihren Sexualpartner” – bei Männern gibt es diese Korrelation nicht, was heißen könnte, daß sie weniger wählerisch oder auch weniger geneigt sind, dauerhafte Beziehungen zur Reproduktion einzugehen (Quellen: [1], [2])
  • (indirekter) “Zusammenhang zwischen Stimme und sexueller Aktivität” – Probanden mit als attraktiv empfundener Stimme hatten an ihren beiden Händen ungefähr gleich lange Finger (Hinweis auf Zusammenhang mit Attraktivität durch Symmetrie, siehe oben), eher in jüngerem Alter Geschlechtsverkehr, mehr Sexualpartner und mehr außerpartnerschaftliche Affären (Quellen: [1], [2])
  • Frauen reagieren unterschiedlich auf männlichen Schweißgeruch.” – ihr Hirn kann normalen von unter sexueller Erregung entstandenen Schweißgeruch von Männern unterscheiden (Quelle)
  • Frauentränen wirken “abtörnend” auf Männer, sie reduzieren den Testosteronspiegel. Quelle: Shani Gelstein et.al, “Human tears contain a chemosignal” in: Science 01/2011, DOI: 10.1126/science.1198331)
  • Zählt “die Größe”? Ja.” – Befragungen, denen zufolge die Penisgröße für Frauen keine Rolle spiele, waren angeblich häufig “zu direkt”; beurteilen Frauen dagegen ohne Wissen um den eigentlichen Inhalt der Befragung Computer-generierte Gestalten, bei denen sich u.a. die Penisgrößen unterscheiden, werden jene mit größerem Penis als mehr attraktiv eingestuft (Quellen: [1], [2])

Familie / Kinder / Fertilität (Fruchtbarkeit)

  • Korrelation zwischen Wohlstand und Reproduktionserfolg“: bei reichen britischen Männern wurde in einer Studie höherer Reproduktionserfolg nachgewiesen, bei Frauen sinkt mit zunehmender Bildung und zunehmenden Einkommen die Zahl der Kinder (Quelle)

Dieser Artikel wird laufend erweitert und mit neuen Forschungsergebnissen ergänzt (Erstveröffentlichung: 01/2009; zuletzt aktualisiert: 04/2016)

Weiterer Artikel zum Thema “Partnersuche”:
Partnersuche – wie der Ausbruch aus dem Teufelskreis gelingen kann

Apr 01

Woran es sicherlich keinen Mangel gibt, sind Erfolgsberichte etwa über die positive Wirkung von ADHS-Medikamenten, zahlreiche einschlägige Artikel in der Fach- und etwas zeitversetzt dann in der Regel auch in der Laien-Presse. Häufig gehen im Zuge des Informationstransports bis zum Endkonsumenten auch die letzten Reste von Wissenschaftlichkeit verloren und weichen einem “Informationscharakter”: etwa wenn das Verhältnis von Erfolgs- und Mißerfolgs-Raten gar nicht mehr Erwähnung findet, sondern generalisierend von “mit Erfolg angewendet” oder “Erfolg in der Behandlung von ADHS mit Medikament XY” gesprochen wird. Wie in anderen Blog-Artikeln angeführt, investiert die Pharmaindustrie darüber hinaus deutlich höhere Anteile ihrer Einnahmen in das Marketing ihrer Produkte als in die Forschung, wobei allerdings nur der geringste Teil des Marketings aus expliziter Werbung besteht – viel häufiger werden themenorientierte Kongresse mitfinanziert (indirekte Werbung), Studien in Auftrag gegeben (bei denen dann zumeist die Wirksamkeit der eigenen Produkte bestätigt wird) oder andere vertriebsrelevante Kanäle gesponsert.

ADHD Kid (Image © 123rf.com)

Ein symptomatisches Beispiel für den sich durch diese Effekte schleichend verändernden Zugang der Bevölkerung zur Anwendung von Medikamenten ist der Bereich des Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS). Es muss sich dabei entweder um eine regelrechte Epidemie oder um eine Modediagnose handeln, denn bereits 7% aller Kinder (!) werden heute in den USA wegen ADHS behandelt. Warum jedoch dieses Störungsbild so häufig aufzutreten scheint, und wie dieser enorme Anstieg an Diagnosen tatsächlich zu erklären ist, wird wenig gefragt und ist bis heute in keine Weise geklärt. Bemerkenswert ist insbesondere auch der “shift” von ganzheitlichen Behandlungsmodellen zu rein physiologischen. So bestand noch vor wenigen Jahren ein weitgehender Konsens darüber, dass die Verhaltensstörungen der betroffenen Kinder und Jugendlichen aus verhaltensorientierter Psychotherapie (in die auch die Eltern einzubinden sind) bestehen, und nur in schweren Fällen Medikamente (damals vorrangig das bekannte Ritalin) verschrieben werden sollten. Heute dagegen scheint weitgehende Einigkeit darüber zu bestehen, dass eine simple Verabreichung der entsprechenden Medikamente die empfehlenswerte Art der Behandlung darstellt – jene Variante also, die für die Pharmakonzerne zweifelsfrei die vorteilhafteste, und für Eltern und Lehrer die bequemste Herangehensweise darstellt. Es existiert nun einmal keine Lobby für die kritische Reflexion jahrelanger Medikation von Minderjährigen mit Psychopharmaka.

Die Publikation kritisch-reflektiver Studien wie die eben von Psychiatern des Johns Hopkins Children’s Center geleitete aktuell größte Langzeitstudie zum Thema, welche im Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry veröffentlicht wurde, sind daher die Ausnahme. In ihr wurden 207 klinisch mit ADHS diagnostizierte Vorschulkinder (75 Prozent davon Jungen) untersucht. Weitere Testungen der Kinder erfolgten 3 Monate später, bevor die Kinder an andere Ärzte überwiesen und teils mit Medikamenten wie etwa Methylphenidat behandelt wurden. Nach 3, 4 und 6 Jahren wurden die Kinder erneut von Ärzten auf die ADHS-Symptome untersucht. Eltern und Lehrer beurteilten zusätzlich die Schwere der Kernsymptome Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität. Analysiert wurden die Veränderungen der Symptome über die Zeit und die Diagnose.

Die Ergebnisse sind zumindest für die Pharmakonzerne, aber auch für die Eltern und die behandelnden Ärzte, welche sich von einer medikamentösen Therapie ja Besserung oder Heilung erwarten, ernüchternd. Zwar ging bei einigen Kindern die Intensität der ADHS-Symptome zurück, bei der Mehrheit der Kinder bewirkten die Medikamente jedoch nichts, das ADHS blieb in diesem Sinne chronisch. Möglicherweise auch deshalb, da die jeweiligen Eltern und Ärzte sich ausschließlich auf die Wirkung der Medikamente verließen, dieser Aspekt wurde in der Studie jedoch nicht untersucht. Fest steht jedoch, dass 89% der an der Studie dauerhaft teilnehmenden Kinder auch nach 6 Jahren noch schwere ADHS-Symptome zeigten.

Bemerkenswerterweise war es praktisch egal, ob sie, wie zwei Drittel der Kinder, Medikamente erhielten oder diese abgesetzt wurden – daraus ließen sich keine Vorhersagen über die Stärke der Symptome ableiten. 62 der Kinder, die mit Anti-ADHS-Medikamenten behandelt wurden, zeigten weiter signifikante Konzentrationsstörungen, bei den Kindern ohne Medikamente waren es mit 58 Prozent kaum weniger. Dass Pharmakonzerne keinerlei Interesse daran haben, kritische Studien wie diese zu finanzieren, liegt auf der Hand.

Interessantes wird dagegen entdeckt, wenn doch einmal neutrale Untersuchungen nichtmedikamentöser Behandlungsansätze stattfinden und finanziert werden. Einer aktuellen Metastudie (auf der Basis von 54 Studien mit fast 3.000 Patienten) der europäischen ADHS-Leitliniengruppe zufolge, welche im American Journal of Psychiatry erschien, ist – eine korrekte ADHS-Diagnose einmal vorausgesetzt – der Griff zum Medikament nicht unbedingt notwendig. Hier wurden in Doppelblindstudien vor allem einer Ernährungsumstellung positive Wirkungen auf die Hauptsymptome Impulsivität, schlechte Aufmerksamkeit und motorische Unruhe bescheinigt.

Wirksam erwies sich vor allem die Vermeidung künstlicher Lebensmittelfarben und noch stärker die Vermeidung von Lebensmitteln, gegen welche die Patienten eine Unverträglichkeit besitzen. Daraus könne man nicht notwendig ableiten, dass andere Therapieansätze keine Besserung erzielen. Es gebe allerdings aufgrund von Finanzierungsproblemen zu wenige valide Studien, weswegen die Datenlage ungenügend sei, sagt Prof. Dr. M. Holtmann von der LWL-Universitätsklinik der RUB in Hamm, Mitautor der Studie.

(Quellen: The Preschool Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Treatment Study (PATS) 6-Year Follow-Up in: Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry Vol 52, Issue 3, p264-278.e2, March 2013; Nonpharmacological Interventions for ADHD: Systematic Review and Meta-Analyses of Randomized Controlled Trials of Dietary and Psychological Treatments in: American Journal of Psychiatry 2013;170:275-289. 10.1176/appi.ajp.2012.12070991; Telepolis [1, 2])

25.06.19