Jul 25
Autismus Schwangerschaft Antidepressiva

Erhöhtes Risiko bei Antidepressiva-Einnahme der Mutter während der Schwangerschaft (Bildquelle: Fotolia)

Schon seit vielen Jahren wird ein Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen (besonders Depressionen) von M√ľttern und der Wahrscheinlichkeit derer Kinder, an Autismus zu erkranken, vermutet. Nun scheint eine im British Medical Journal ver√∂ffentlichte Studie der Universit√§t Bristol diese Vermutung – wenn auch auf andere Weise – zu erh√§rten.

So scheint der Konsum von Antidepressiva w√§hrend der Schwangerschaft zumindest teilweise mit dem sp√§teren Auftreten von Autismus bei Kindern zusammenzuh√§ngen. Kinder, deren M√ľtter w√§hrend der Schwangerschaft zu Antidepressiva greifen, tragen den gefundenen Zahlen zufolge ein h√∂heres Autismus-Risiko als Kinder, deren psychisch erkrankten M√ľtter auf diese medikament√∂se Intervention verzichten. Dieses Risiko ist – dieser Studie zufolge – allerdings nur leicht erh√∂ht.

In der Studie wurden 250.000 zwischen vier und 17 Jahre alte schwedische Kinder und Jugendliche, unter denen sich mehr als 5.000 Menschen mit Autismus befanden, untersucht. Ihre M√ľtter waren entweder psychisch unbelastet oder von Depression betroffen, manche der letzteren nahmen Antidepressiva ein oder verzichteten auf Medikamente. Die Kinder der M√ľtter, welche w√§hrend ihrer Schwangerschaft Antidepressiva einnahmen, waren sp√§ter zu 4,1% von Autismus betroffen, jene von M√ľttern, die keine entsprechenden Medikamente einnahmen, nur zu 2,9%.
Demnach brachten mehr als 95% der M√ľtter, die Antidepressiva einnahmen, keine autistischen Kinder zur Welt.

Bemerkenswert ist allerdings, dass andere Studien mit √§hnlichen Fragestellungen teils deutlich h√∂here Wahrscheinlichkeiten f√ľr Autismus-Entwicklung der Kinder ergaben (bis zu einer Verdopplung des Risikos bei der Einnahme von SSRI’s, selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, w√§hrend des 2. und 3. Trimesters der Schwangerschaft im Zuge einer Studie der Unversit√§t von Montreal 2015 (p=145.000), teils auch gar keinen Zusammenhang fanden (z.B. 2015).

Aus den zur Verf√ľgung stehenden Forschungsergebnissen ist nach Meinung des Autors somit keine generelle Warnung hinsichtlich der Einnahme von Antidepressiva abzuleiten: ist also eine unterst√ľtzende Einnahme von Antidepressiva rechtzufertigen (z.B. bei erheblich belastenden und trotz regelm√§√üiger Psychotherapie nur wenig ver√§nderlichen Depressionsformen), sollte diese durchaus auch w√§hrend der Schwangerschaft fortgesetzt werden – sofern sich die damit verbundene hormonelle Umstellung nicht ohnedies bereits positiv auf die Depression auswirkt!

Apr 15

Störungen aus dem Autismus-Spektrum werden in ihrer Komplexität bis heute nur unzureichend verstanden.

Dies ist ein “Sammeleintrag” √§hnlich meinen Blog-Eintr√§gen zu den Themen “Partnersuche” oder “Suizid“, in dem ich Forschungsergebnisse zum Autismus-Spektrum (davon insbesondere auch dem Asperger-Syndrom) zusammentrage. Falls Ihnen einschl√§gige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, f√ľge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

ASD (Autism Spectrum Disorder) ist der Name f√ľr eine bestimmte Gruppe von Verhaltens- und Entwicklungsst√∂rungen, die das Sozialverhalten und die Kommunikation der Betroffenen beeinflussen. Sie werden durch seltene genetische Varianten verursacht, die beeinflussen, wie das Gehirn w√§chst und sich entwickelt. Gerade im psychotherapeutischen Bereich stigmatisiert man Menschen heute nur mehr ungern verallgemeinernd als “Autisten”, sondern verortet sie eher in ihrer individuellen Auspr√§gung auf dem gesamten, breit gelagerten Spektrum dieser St√∂rungssymptomatik.

Zur Einleitung m√∂chte ich einige h√§ufige Grundannahmen sowie den tats√§chlichen therapeutischen Wissensstand zum Thema Autismus anf√ľhren. Sie basieren auf einem Interview mit Dr. Peter Szatmari, einem der f√ľhrenden Autismus-Forscher in Kanada.

MYTHOS: “Es gibt immer mehr Autisten.”

FAKT: Die Pr√§valenz von Menschen, die mit St√∂rungen aus dem Autismus-Spektrum diagnostiziert wurden, nahm seit Mitte der 1980er-Jahre etwa um das Zehnfache zu – vermutlich jedoch vor allem deshalb, weil sich seither die diagnostischen Kriterien ver√§nderten, und auch ein st√§rkeres Wissen im medizinischen und therapeutischen Bereich √ľber die Erscheinungsformen von Autismus-St√∂rungen in unterschiedlichen Altersstufen existiert. Es gibt keine Hinweise auf Umweltfaktoren, die f√ľr den Anstieg der H√§ufigkeit verantwortlich sein k√∂nnten (siehe auch: http://www.heise.de/tp/news/USA-Starker-Anstieg-von-Autismus-bei-Kindern-2006864.html )

MYTHOS: “Impfungen verursachen Autismus.”

FAKT: Es gilt heute als absolut gesichert, dass Autismus nicht durch Impfstoffe verursacht wird. Die erste und bislang einzige “wissenschaftliche” Studie, die zu diesem Thema ver√∂ffentlicht wurde, wurde widerlegt. Die darin getroffene Behauptung wurde als betr√ľgerisch erkannt und wird z.T. juristisch verfolgt. In einigen Regionen wurden dennoch jene Wirkstoffe, die angeblich Autismus h√§tten verursachen sollen, aus den Impfstoffen entfernt, was aber die Zahlen der Autismus-Diagnosen nicht beeinflu√üte.
Einen PT-Blog-Eintrag zu diesem Thema finden Sie auch hier: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/autismus-impfschaeden/ .

MYTHOS: “Erziehungsfehler sind der Grund f√ľr St√∂rungen aus dem Autismus-Spektrum.”

FAKT: Dieser Mythos stammt aus qualitativ sehr schlechten Forschungsans√§tzen der 1950er-Jahre (z.B. Bruno Bettelheim), wurde aber bereits in den 1960er-Jahren weitgehend widerlegt. Es gibt absolut keinen Beweis daf√ľr, dass schlechte Erziehung oder schlechte Eltern-Kind-Beziehungen Autismus verursachen. ASD wird durch genetische Faktoren verursacht, m√∂glicherweise mit Umweltfaktoren in utero kombiniert.

MYTHOS: “Nur Jungen k√∂nnen Autismus haben.”

FAKT: Das Geschlechterverh√§ltnis bei dieser Art von St√∂rung ist in etwa 4 Jungen zu 1 M√§dchen. M√§dchen k√∂nnen ebenso wie Jungen an ASD erkranken, sind aber h√§ufig st√§rker betroffen als diese. Das k√∂nnte an der teils unterschiedlichen Symptomatik liegen, welche die korrekte Diagnose h√§ufig verz√∂gert. Wegen dieser Schwankungen sollten die diagnostischen Kriterien f√ľr M√§dchen angepasst werden.

MYTHOS: “ASD kann mit einer Di√§t oder andere alternativen Behandlungen geheilt werden.”

FAKT: Ob Autismus “geheilt” werden kann oder nicht, ist umstritten – es gilt jedoch als gesichert, dass Kinder mit ASD bessere Fortschritte erzielen k√∂nnen, wenn sie z.B. fr√ľher und intensiver F√∂rderungsma√ünahmen erfahren.

MYTHOS: “Menschen mit ASD haben verk√ľmmerte Gef√ľhle und kn√ľpfen nicht gerne Kontakte.”

FAKT: Menschen mit Autismus-Spektrum-St√∂rungen f√ľhlen sehr wohl Emotionen und m√∂chten auch Kontakte kn√ľpfen, aber ihre Kommunikation und der Ausdruck ihrer Gef√ľhle ist untypisch und wird in seiner Art von anderen h√§ufig als schwierig empfunden. Auch ist der Kontaktwunsch h√§ufig nicht so intensiv wie bei regul√§r entwickelten Kindern und Erwachsenen.

MYTHOS: “Autismus verleiht den Betroffenen spezielle F√§higkeiten oder macht sie genial.”

FAKT: Diese Vorstellung stammt aus √§lteren Forschungen, die suggerierten, da√ü viele Autismus-Betroffene trotz stark reduzierten Sprachausdrucks oder kognitiver Behinderungen ein fantastisches Ged√§chtnis oder z.B. ein √ľberdurchschnittliches Zeichen- oder Rechentalent h√§tten. F√ľr eine kleine Minderheit von Autismus-Spektrum-St√∂rung-Betroffenen stimmt das, aber w√§re treffender, diese F√§higkeiten als starke Teilleistungsst√§rken zu sehen, statt sie als “Genialit√§t” zu bezeichnen. Die Definition eines Genies erfordert einen IQ von √ľber 120, der bei Autismus-Betroffenen leider weitaus weniger wahrscheinlich ist als in der Durchschnittsbev√∂lkerung.

MYTHOS: “Autistische Kinder sollten in speziellen Programmen gezielt gef√∂rdert werden.”

FAKT: Kinder mit ASD profitieren von Interaktionen mit alterstypisch entwickelten Kindern, weil dies ihre sozialen und kommunikativen F√§higkeiten verbessert und ihre eigenen wiederholenden Spielmuster reduziert. Die Behandlungsempfehlung ist heute, Kinder nach M√∂glichkeit im Bildungs-Mainstream zu halten und sie nur unter au√üergew√∂hnlichen Umst√§nden und f√ľr kurze Zeitr√§ume aus diesen herauszuziehen. Kinder mit Autismus-St√∂rungen ben√∂tigen allerdings besondere Bildungspl√§ne, die ihre Behinderung ber√ľcksichtigen.

MYTHOS: “Man sollte versuchen, wiederholende Verhaltensmuster autistischer Kinder zu stoppen.”

FAKT: Wichtig ist es, die Funktion dieser Verhaltensmuster zu verstehen. Diese kann z.B. im √úberwinden von Langeweile bestehen, aber auch Stress oder ein Spielbed√ľrfnis ausdr√ľcken. Ziel der Behandlung ist in diesem Bereich, das sich wiederholende Verhalten in Richtung eines mehr entwicklungsf√∂rderlichen und typischen Spiels zu √§ndern. Es geht also um die Ver√§nderung der Ursachen der Verhaltensmuster statt darum, lediglich das gezeigte Verhalten zu ver√§ndern.

MYTHOS: “Kinder mit Autismus k√∂nnen nicht selbst√§ndige Erwachsene werden.”

FAKT: Die Bandbreite der Entwicklungsm√∂glichkeiten f√ľr Kinder mit Asperger-Syndrom ist enorm. Viele Kinder mit Autismus-Spektrum-St√∂rungen k√∂nnen als Erwachsene unabh√§ngig leben, arbeiten, enge Freundschaften entwickeln, auch romantische Beziehungen. Es ist zwar wahrscheinlich, dass die meisten Erwachsenen mit derartigen St√∂rungen immer irgendeine Art von Unterst√ľtzung ben√∂tigen, doch kann dies oft in gr√∂√üeren Abst√§nden erfolgen (z.B. regelm√§√üige Psychotherapie in ambulantem Rahmen). Viele Autisten dagegen ben√∂tigen spezielle Vollzeitbetreuung, aber auch hier gibt es die gesamte Bandbreite vom klinischen Kontext bis zu Services, wie sie in jeder gr√∂√üeren Stadt zur Verf√ľgung stehen (z.B. betreutes Wohnen, Integrations-Arbeitspl√§tze etc.).

Noch einige weitere Fakten zum Thema Autismus:

  • Empathie-Defizit k√∂nnte Trugschluss sein: Autisten sind m√∂glicherweise im Umgang mit negativen Gef√ľhlen anderer schlichtweg √ľberfordert und schotten sich daher ab (Presseartikel, Studie “From shared to distinct self‚Äďother representations in empathy: evidence from neurotypical function and socio-cognitive disorders”)
  • Die neuronalen St√∂rungen von Autisten k√∂nnten reversibel sein: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/neuronale-stoerung-autismus/
  • Studien zur Geburtsreihenfolge, dem Alter der Eltern und dem sich dadurch offenbar √§ndernden Autismus-Risiko: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/autismus-risiko-ursachen/
  • Autisten scheinen besseres Sehverm√∂gen aufzuweisen: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/autismus-sehschaerfe/

Quellen: Debunking Autism Myths, 11/2015
Image sources: sciencebasedmedicine.org (brain)

Sep 16

Synaptische Verbindungen im Gehirn einer Autismus-Maus (Foto: Stephane Baudouin @ Universität Basel)

Autisten leiden an einer tiefgreifenden Entwicklungsst√∂rung des Gehirns, die sich in der fr√ľhen Kindheit auspr√§gt. Forschende am Biozentrum der Universit√§t Basel haben nun eine spezifische Fehlfunktion in neuronalen Schaltkreisen identifiziert, die durch eine autistische St√∂rung hervorgerufen wird. Im Fachjournal ¬ęScience¬Ľ berichten sie zudem √ľber ihren Erfolg, diese neuronalen Ver√§nderungen wieder r√ľckg√§ngig machen zu k√∂nnen. Die Resultate sind ein wichtiger Schritt in Richtung medikament√∂ser Therapie von Autismus.

Sch√§tzungsweise ein Prozent aller Kinder entwickeln eine autistische St√∂rung. Patienten fallen h√§ufig durch ein gest√∂rtes Sozialverhalten, strenge Verhaltensmuster und eine eingeschr√§nkte Sprachentwicklung auf. Autismus ist eine angeborene Entwicklungsst√∂rung des Gehirns, die sich schon im fr√ľhen Kindesalter bemerkbar macht. Ein zentraler Risikofaktor f√ľr die Entstehung dieser Krankheit sind zahlreiche Mutationen in √ľber 300 Genen unter anderem im Gen Neuroligin-3, welches zur Bildung von Synapsen, den Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, beitr√§gt.

Verlust von Neuroligin-3 st√∂rt die neuronale Signal√ľbertragung

M√§use, denen das Gen f√ľr Neuroligin-3 fehlt, entwickeln Verhaltensmuster, die wichtige Aspekte von Autismus widerspiegeln. In Zusammenarbeit mit Roche konnten nun die Forschungsgruppen der Professoren Peter Scheiffele und Kaspar Vogt vom Biozentrum bei diesen Modellm√§usen erstmalig einen Defekt in der synaptische Signal√ľbertragung identifizieren, welcher die Funktion und Plastizit√§t neuronaler Schaltkreise st√∂rt. Diese negativen Auswirkungen gehen mit der verst√§rkten Produktion eines spezifischen neuronalen Glutamat-Rezeptors einher, der die Signal√ľbertragung zwischen Neuronen moduliert. Ein Zuviel dieses Rezeptors verhindert die Anpassung der synaptischen Signal√ľbertragung bei Lernprozessen und st√∂rt damit langfristig die Entwicklung und Funktion des Gehirns.

Von herausragender Bedeutung ist die Erkenntnis, dass die gest√∂rte Entwicklung der neuronalen Schaltkreise im Gehirn reversibel ist. Denn nachdem die Forschenden die Bildung von Neuroligin-3 in den M√§usen wieder angeschaltet hatten, drosselten die Nervenzellen die Produktion des Glutamat-Rezeptors auf ein normales Niveau und die f√ľr Autismus typischen strukturellen Defekte im Gehirn verschwanden. Daher k√∂nnten diese Glutamat-Rezeptoren ein geeigneter pharmakologischer Angriffspunkt sein, um die Entwicklungsst√∂rung Autismus aufzuhalten oder sogar r√ľckg√§ngig zu machen.

Zukunftsvision: Medikament zur Behandlung von Autismus

Autismus ist gegenw√§rtig nicht heilbar. Derzeit k√∂nnen nur die Symptome der Erkrankung durch p√§dagogische und therapeutische Methoden gelindert werden. Einen neuen therapeutischen Weg zeigen indes die Ergebnisse dieser Studie auf. In einem von der Europ√§ischen Union gef√∂rderten Projekt (EU-AIMS) arbeiten die beiden Forschungsgruppen vom Biozentrum gemeinsam mit Roche und anderen Partnern aus der Industrie an der Entwicklung von therapeutischen Glutamat-Rezeptorantagonisten mit dem Ziel, Autismus k√ľnftig einmal bei Kindern und Erwachsenen erfolgreich zu behandeln.

Quellen:
Originalbeitrag: Baudouin S. J., Gaudias J., Gerharz S., Hatstatt L., Zhou K., Punnakkal P., Tanaka K. F., Spooren W., Hen R., De Zeeuw C.I., Vogt K., Scheiffele K.: “Shared Synaptic Pathophysiology in Syndromic and Non-syndromic Rodent Models of Autism” in: Science; Published online September 13 (2012) | doi: 10.1126/science.1224159

Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und gr√∂√üeren Schw√§chen st√§rker ver√§nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizit√§t” oder “neuronalen Plastizit√§t“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh√§ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver√§ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizit√§t oder kortikaler Plastizit√§t. Die Grundlagen f√ľr diese Entdeckung der Anpassungsf√§higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universit√§t Z√ľrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Ver√§nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergr√∂√üern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests best√§tigen, dass schon die blo√üe Vorstellung Hirnreale vergr√∂√üern l√§sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa lie√ü Freiwillige ein simples Klavierst√ľck √ľben und untersuchte anschlie√üend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher f√ľr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergr√∂√üerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch st√§rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar st√§rker – unsere F√§higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierst√ľck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier ver√§nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tats√§chlich √úbenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings k√∂nnen also offenbar physiologische Ver√§nderungen des Gehirns durch Ver√§nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verbl√ľffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er f√§hig, realistische Bilder von Geb√§uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen √§hnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und k√∂nnen zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. St√ľck f√ľr St√ľck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz pers√∂nlichen Ziele und Bed√ľrfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erkl√§rt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen St√∂rungen unterst√ľtzende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, k√∂nnen auch negative Gedanken gezielt √ľberwunden werden k√∂nnen. Werden jene Gedanken √ľberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann √ľber die Funktion der Neuroplastizit√§t eine physiologische √Ąnderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische M√∂nche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere B√ľcher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf РTV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinfl√ľsse, aber auch Jonglieren ver√§ndert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: √ľber Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu ver√§ndern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.12.2015
Images: Mihalov

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigerma√üen versp√§tet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich k√ľrzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und r√ľcksichtslos agiert und schlie√ülich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtm√§√üigen Anteile betrogen. Sp√§ter werden auf Anraten der Anw√§lte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt –¬†dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit j√ľngste Milliard√§r.

Auch wenn nat√ľrlich keinerlei Sicherheit dar√ľber besteht, ob die dargestellten Pers√∂nlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die k√ľhle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits w√§hrend der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit M√§dchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der f√ľr “Aspies” h√§ufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine v√∂llige Au√üerachtlassung ihrer Gef√ľhle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog ver√∂ffentlicht und andere Vorf√§lle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines Gef√ľhls von Absurdit√§t nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verst√§rken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verst√∂rt, Freundschaften zerbrechen am Au√üerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder gesch√§ftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer St√∂rung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschl√§gigen Websites entnehmen kann, √ľbrigens auch den √ľberwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich h√§ufig durch hohes Talent, was spezifische F√§higkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder k√ľnstlerischen Berufen t√§tig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich ver√§ndernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum ann√§hert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verf√ľgt √ľber hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” f√ľhlen kann – wie w√ľrde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben tr√§fe … und w√ľrde man dies √ľberhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erh√∂hen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu h√§ufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter Ber√ľcksichtigung der Erkenntnisse √ľber Neuroplastizit√§t auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren pr√§frontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen F√§higkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erkl√§ren, dass wir immer h√§ufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen Mitsch√ľlern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktst√∂rungen neben Depressionen zur Gruppe zur am st√§rksten zunehmenden Gruppe psychischer St√∂rungen dieses Jahrhunderts geh√∂rt.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

Feb 16

Der Lancet hat einen umstrittenen Artikel zur√ľckgerufen, in dem ein Zusammenhang zwischen Autismus und Schutzimpfungen gegen Masern, Mumps und R√∂teln nahegelegt wurde. Es h√§tte sich gezeigt, dass mehrere Teile der Studie inkorrekt seien, teilte das Fachjournal in London mit. Die 1998 ver√∂ffentlichte Arbeit werde daher vollst√§ndig zur√ľckgezogen. Die Mehrzahl der Autoren hatte sich bereits vor f√ľnf Jahren von den Schlussfolgerungen der Studie distanziert, welche von Impfgegnern immer wieder als wissenschaftliches Indiz f√ľr ihre eigenen Thesen herangezogen wurde.

Die britische Arbeit hatte bei zw√∂lf Kindern einen Zusammenhang zwischen Darmentz√ľndungen und Entwicklungsst√∂rungen wie Autismus untersucht. Dabei wurde ein Zusammenhang mit der Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und R√∂teln (MMR) nahegelegt. Keine nachfolgende Studie konnte einen solchen Zusammenhang nachvollziehen, dennoch sank in der Folge die Impfbereitschaft in Gro√übritannien und in anderen L√§ndern teils stark. F√ľr das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Masern in Europa auszurotten, bedeutete dies einen herben R√ľckschlag. Masern sind – vor allem in Entwicklungsl√§ndern – eine der f√ľhrenden Todesursachen bei kleinen Kindern.

(Quellen: APA, Blog v Brian Deer, Lancet; Photo src:helpyourautisticchildblog.com)

Dec 29

Eine sehr interessante Auflistung von Studien findet sich in einem Artikel [1] in Telepolis: in diesen wurde nachgewiesen, da√ü bestimmte psychologische Tendenzen oder pers√∂nliche Neigungen sich offenbar in den sozialen Netzen, in denen sie auftreten, im Laufe der Zeit verbreiten. Was in bestimmten F√§llen (Rauchentw√∂hnung, Spa√ü an bestimmten T√§tigkeiten, Lebenszufriedenheit und Gl√ľck) ein Segen sein kann, ist in anderen (Einsamkeit, E√üst√∂rungen, Kriminalit√§t, Depression) wohl ein Fluch… Erkl√§rbar ist diese Neigung wohl mit der enormen Wichtigkeit, die unser engeres soziales¬†Umfeld seit urgeschichtlichen Zeiten hatte. Einzelg√§nger hatten w√§hrend den Anf√§ngen der Menschheit keine Chance zu √ľberleben, jeder war gut beraten, sich mit dem eigenen “tribe” zu arrangieren und die eigenen sozialen Parameter mit jenen der anderen Gruppenmitglieder abzustimmen. Im Grunde ist dies auch heute noch wichtig – wenn es sich viele auch nicht eingestehen m√∂gen, wo doch der Individualismus (z.T. sogar auf Kosten anderer) das aktuelle gesellschaftliche Ideal in der westlichen Kultur darstellt. Die vorliegenden Studien zeigen, wie sehr wir de facto unbewu√üt mit unserem sozialen Umfeld verbunden sind und uns diesem anpassen.

In eine √§hnliche Kerbe schlagen auch zwei andere Artikel der Website: laut aktuellen Statistiken habe sich die H√§ufigkeit von St√∂rungen aus dem Autismus-Spektrum [2] (z.B. auch Asperger-Syndrom) und antisozialem Verhalten [3] w√§hrend der letzten Jahre signifikant erh√∂ht. Bereits 1% der 8-J√§hrigen (1 von 110 Kindern) soll autistisch sein, im Jahre 2007 war es noch 1 von 150 Kindern. Und in England, wo seit 1998 “antisoziales Verhalten” definiert und schlie√ülich die ber√ľchtigten “Anti-Social Behaviour Orders” (ASBO) erlassen wurden, ist mittlerweile angeblich jede Sekunde ein Brite “Opfer von antisozialem Verhalten”. Was nicht allzu verwunderlich ist, liest man in den entsprechenden Unterlagen, da√ü schon “teenagers hanging around on the streets” als antisozial einzustufen sind.
Der sprunghafte Zunahme derartiger Zahlen k√∂nnte ganz einfach darin liegen, dass √Ąrzte, P√§dadogen oder Richter Kinder h√§ufiger entsprechend einstufen:

“Wenn neue Normen und damit Normverletzungen von einer Gesellschaft eingef√ľhrt werden, w√§chst auch die Wahrnehmung daf√ľr. Wenn es sich um vermeintlich abweichendes Verhalten handelt, w√§chst die Angst, die zuvor m√∂glicherweise gar nicht vorhanden war. Ganz √§hnlich ist das mit neuen St√∂rungen und Krankheitsbildern. Pl√∂tzlich gibt es eine Welle an Autismus, Internetsucht oder Aufmerksamkeitsst√∂rungen. Und keiner wei√ü wirklich, ob es neue Krankheitsformen sind oder sich eben nur die Norm verschoben hat.”

Quellen: [1], [2], [3]. Bildquelle: german.cri.cn

Oct 20

An der Universit√§t Wisconsin-Madison wurden 1.200 Autismus-F√§lle und 300.000 Geburten untersucht, ca. 50% mehr als in jeder anderen zuvor durchgef√ľhrten, einschl√§gigen Studie. Hierbei wurde nachgewiesen, da√ü die Erstgeborenen sowie die Kinder √§lterer Eltern ein besonders hohes Risiko haben, an Autismus zu erkranken.

Das Risiko eines erstgeborenen Kindes, an einer Krankheit des autistischen Spektrums zu erkranken, verdreifachte sich, nachdem eine Mutter das 35. Lebensjahr, und der Vater das 40. Lebensjahr erreichte. Mit jeder Erhöhung des Alters der Eltern um 10 Jahre stieg das Risiko um etwa 20%. Das als viertes geborene Kind hatte nur etwa das halbe Risiko, unabhängig vom Alter der Eltern.

√úber die Gr√ľnde f√ľr diese Zusammenh√§nge sind die Forscher noch im Unklaren. Am wahrscheinlichsten werden als Grund f√ľr die Verbindung zwischen dem Lebensalter der Eltern und dem St√∂rungsbild genetische Faktoren (z.B. altersbedingte Sch√§den an den Chromosomen), toxische Einfl√ľsse (die Toxinanreicherung im menschlichen K√∂rper nimmt mit dem Alter zu) oder die Folgen von Hormonbehandlungen mit dem Ziel einer k√ľnstlichen Befruchtung angenommen. James Crow, ein Genetiker an der Universit√§t, will die ersteren (genetischen) Ursachen allerdings eher ausschlie√üen, da die altersbedingten genetischen Ver√§nderungen bei M√§nnern und Frauen unterschiedlich sind und die beobachteten Zusammenh√§nge nicht vollst√§ndig erkl√§ren k√∂nnten.
Das scheinbar h√∂here “Risiko” f√ľr Erstgeborene sieht Crow nicht als solches, sondern erkl√§rt den verh√§ltnism√§√üig hohen Prozentsatz damit, da√ü Frauen nach der Geburt eines (ersten) autistischen Kindes zumeist kein zweites mehr zur Welt bringen. Seine Kollegin Durkin jedoch m√∂chte einen Zusammenhang nicht ausschlie√üen: im Laufe der bisherigen Lebensjahre akkumulierte Toxine etwa w√ľrden m√∂glicherweise in den F√∂tus des Erstgeborenen eingelagert oder √ľber die Muttermilch √ľbertragen, und sp√§ter dann ein etwaiges zweites Kind nicht mehr so stark belasten. Auch w√ľrde Autismus h√§ufig ja erst nach dem 2. oder 3. Lebensjahr diagnostiziert – einem Zeitraum, in dem viele M√ľtter bereits das 2. Kind empfangen haben. Ein weiterer Grund k√∂nnte dar√ľber hinaus auch eine Autoimmun-Reaktion des kindlichen Hirns sein, da Erstgeborene weniger stark von anderen Kindern verbreiteten Infektionen ausgesetzt sind. Impfsch√§den werden als Ursachen f√ľr autistische St√∂rungen ausgeschlossen – diese waren zwar nicht Untersuchungsgegenstand, schon in fr√ľheren Untersuchungen konnte jedoch kein einschl√§giger Zusammenhang festgestellt werden.

Störungen aus dem autistischen Spektrum werden etwa bei jedem 150. Menschen festgestellt, mit steigender Tendenz.

Literatur zum Thema

(Quelle: APA, 01.01.2009)

Update zum Blog-Artikel vom 20.10.2009 u. 10.02.2010:

Das Ergebnis der angef√ľhrten Studie wird auch durch eine neuere Untersuchung von Daten des California Department of Development Services best√§tigt. Sowohl ein h√∂heres Alter der Mutter als auch beider Elternteile sind unabh√§ngig mit einer Steigerung des Autismus-Risikos des Nachwuchses assoziiert. Aufzeichnungen von 7.550.026 Kindern, die zwischen 1989 und 2002 geboren wurden, wurden untersucht und dabei autistische Kinder (n=23.311) identifiziert und mit dem Rest der Studienpopulation verglichen. Ein Anstieg des Alters der Mutter war um 10 Jahre mit einer 38%igen Steigerung des Autismus-Risikos assoziiert, ein Anstieg des Alters beider Eltern um 10 Jahre mit einer 22%igen Steigerung des Autismus-Risikos.¬† Es scheinen also eindeutig biologische Mechanismen f√ľr die oben beschriebene unabh√§ngige Assoziation zwischen m√ľtterlichem und elterlichem Alter und Autismusrisiko vorzliegen. [Quellen]. Photo:SundayTimes

Nov 16

“Autisten sehen fast so gut wie Greifv√∂gel”, titelte der Standard. ūüôā

Denn autistische Menschen sehen tats√§chlich fast so scharf wie ein Habicht, wie Sehtests an der Universit√§t Cambridge unter der Leitung von Emma Ashwin ergaben. In dem Experiment konnten die 15 Probanden im Mittel bereits aus 20 Metern Details erkennen, die ein Normalsichtiger erst aus sieben Metern unterscheiden kann. Damit sehen Autisten fast so gut wie Greifv√∂gel, die aus 20 Metern schon sehen, was Menschen erst aus sechs Metern Entfernung wahrnehmen.¬†Bei vielen Autisten zeigt sich u.a. auch eine gesteigerte Empfindlichkeit der Sinne. Dass diese nicht nur auf h√∂herer Sensibilit√§t, sondern auch auf k√∂rperlichen Eigenschaften beruht, ist eine neue Entdeckung. Mehr dar√ľber finden Sie in der Dezember-Ausgabe des Magazins “Geo”.

ÔĽŅ01.09.19