Jan 20

Burnout oder Boreout – im letzten Blog-Eintrag habe ich bereits erwĂ€hnt, dass Menschen, die an chronischer Unterforderung leiden, Ă€hnliche Symptome entwickeln können wie solche, die mit Überlastung im Job zu kĂ€mpfen haben. Interessanterweise zeigen sich bei beiden Problemkreisen sehr Ă€hnliche neurologische und hormonelle VerĂ€nderungen, und leider Ă€hneln sich auch deren Konsequenzen: chronische Unterforderung und Langweile kann ebenso wie Burnout zu Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems und des  Verdauungsapparates fĂŒhren und das Risiko fĂŒr Autoimmunerkrankungen erhöhen.

Hier sind 3 typische Anzeichen fĂŒr eine Burnout- oder Boreout-Dynamik:

  • Körperliche, geistige und/oder emotionale Erschöpfung: Freizeit existiert nicht oder vergeht mit einem “Wimpernschlag” ohne jedes GefĂŒhl von Erholung (Burnout) oder sie fĂŒhlt sich unendlich lange an, wobei zunehmend Essen oder Trinken zum Höhepunkt jedes Tages wird (Boreout).
  • Depersonalisation / Zynismus: grobe, unfreundliche oder abweisende Reaktionen anderen gegenĂŒber, besonders jenen Leuten, mit denen man regelmĂ€ĂŸig zu tun hat. Das Ziel dieses Verhaltens kann als Versuch gesehen werden, eine Distanz zu jenen Leuten herzustellen, die man subjektiv als Auslöser der eigenen UnwohlgefĂŒhle empfindet.
  • Reduzierte FĂ€higkeit zur SelbsteinschĂ€tzung: die Betroffenen haben das GefĂŒhl, nichts weiterzubringen, ihre Zeit zu vergeuden oder zu versagen (Burnout) oder sinnlos vor sich hinzuleben (Boreout). Ein GefĂŒhl des Versagens und der IneffektivitĂ€t der Lebensgestaltung ist beiden gemein und zeigt einen zunehmenden Verlust an Vertrauen in unsere FĂ€higkeiten.


Das Hauptproblem im Umgang mit fortgeschrittenen Formen von Boreout und Burnout ist, dass man keinen Zugang zu den ĂŒblichen Ressourcen von Energie, KreativitĂ€t und positiver Lebenseinstellung mehr hat, die dabei helfen könnten, wieder Boden unter die FĂŒĂŸe zu bekommen. HĂ€ufig wird statt dessen die Situation sogar noch verschlimmert, indem die Betroffenen sich nur noch mehr anstrengen, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Doch jede Strategie, um einem Burnout-Prozess wirkungsvoll zu begegnen, muss im Endeffekt eine Reduktion der Belastungen und das Wiederfinden von Balance zum Inhalt haben. DafĂŒr sind allerdings mitunter drastische Schritte erforderlich, wie z.B. in ExtremfĂ€llen sogar ein vorĂŒbergehender Ausstieg aus der “TretmĂŒhle Job”. Auch organisatorische VerĂ€nderungen oder eine Änderung des “Selbst-Managements” kann nötig sein, um sich nicht nach kurzer Zeit (etwa nach einem Kurzurlaub) wieder in derselben Situation wiederzufinden. Es nĂŒtzt auch nichts, sich ĂŒber die Firma oder “die Situation” zu beklagen – denn zu einem hohen Grad ist es letztendlich unsere eigene Psyche, die unsere Grenzen setzt – und manche von uns anfĂ€lliger dafĂŒr macht, irgendwann “auszubrennen” oder zu “verlangweilen” – insofern liegt es auch sehr stark an uns selbst, die nötigen Schritte zu setzen, die uns wieder zurĂŒck zu GlĂŒcklichkeit und innerer Balance fĂŒhren können.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2012. Image src:blogwallet.com
Eine umfangreichere Version dieses Artikels finden Sie hier: “Burnout oder Depression)

Jan 20

[English version ]

“Burnout in Thailand? Unmöglich!”

… das wĂŒrden wohl die meisten von uns denken.
Doch die Syptome von “Burnout” mĂŒssen nicht immer nur in hohem beruflichem Druck ihren Ursprung, sondern können auch ganz andere Ursachen haben.

GrundsĂ€tzlich existieren 3 Gruppen von Menschen, die sich sogar bei der  Auswanderung in ein sonniges, asiatisches Tropenland anfĂ€llig dafĂŒr sind, eine Burnout-Symptomatik zu entwickeln:

Zum einen gibt es AuslĂ€nder, die versuchen, im Ausland ihren Lebenserwerb zu bestreiten und bei in- oder auslĂ€ndischen Firmen angestellt sind. HĂ€ufig mĂŒssen sie von Beginn an mit hohem Druck und großen Erwartungen am Arbeitsplatz fertig werden, sind aber auf die kulturellen Unterschiede, mit denen sie im Ausland umzugehen haben, weitgehend unvorbereitet und hatten diese unterschĂ€tzt. Viele sind ĂŒberrascht und letztlich ĂŒberfordert von der Herausforderung, das “alte” Leben aufzugeben, und nahezu zeitgleich ein neues Zuhause zu finden, es einzurichten und sich darin heimisch zu fĂŒhlen, sich an einen komplett neuen Kollegenkreis und ihre Arbeitshaltung zu gewöhnen, sich in der neuen Umgebung zu orientieren und gleichzeitig all die Erwartungen zu erfĂŒllen, die sie an sich selbst stellen.

Dann gibt es die AuslĂ€nder, die im Ausland selbstĂ€ndig arbeiten möchten. Diese “Expat-Unternehmer” sind nahezu ganz auf sich allein gestellt, und gehen von der Annahme aus, dass ihre Erfahrungen als Touristen sie genĂŒgend auf das neue Traumprojekt vorbereitet haben sollten. Doch schon nach kurzer Zeit haben sie mit zahlreichen HĂŒrden unterschiedlichster Art zu kĂ€mpfen. Vieles funktioniert nicht so, wie es daheim mit demselben Aufwand an Einsatz und Geld geklappt hĂ€tte. Die Summe der vielen kleinen Ärgernisse schliesslich raubt vielen nicht nur sukzessive die Freude an ihrem Traum z.B. vom “eigenen Restaurant in Asien”, sondern fĂŒhrt zu regelrechter Frustration und einem GefĂŒhl, vielleicht niemals an einen Punkt zu gelangen, an dem alles so lĂ€uft wie erhofft. Und ich habe noch nicht mal die gerade in SchwellenlĂ€ndern und EntwicklungslĂ€ndern omniprĂ€senten Themen “BĂŒrokratie” und Korruption angeschnitten..!

Einige mag es vielleicht ĂŒberraschen, dass sogar der Ruhestand in gemeinhin als “Traumdestinationen” empfundenen LĂ€ndern wie jenen SĂŒdostasiens oder SĂŒdamerikas zu “Burnout” fĂŒhren kann.
Die vielen VerĂ€nderungen, die eine Auswanderung mit sich bringt, habe ich bereits erwĂ€hnt – aber sogar, wenn am Beginn eigentlich alles gut lief, kann nach einiger Zeit die Freude verflachen und von einzelnen Schwierigkeiten und Ärgernissen, sozialer Isolation oder sozialen Konflikten ausgehöhlt werden. ZusĂ€tzlich leiden viele westliche Auswanderer an einem Mangel an Herausforderung und Kommunikation: sie sind “bored out” von der tĂ€glichen Routine, die sich nach einiger Zeit einstellt und bei der sich dann mitunter der Tag nur mehr um die “Höhepunkte” Essen oder Trinken dreht. Sogar jemanden zu finden, mit dem man sich wohl fĂŒhlt und sich gut austauschen kann, kann schwierig sein. Doch ‘Boreout’ kann zu Ă€hnlichen körperlichen Symptomen wie Burnout fĂŒhren und uns lĂ€ngerfristig genauso krank und depressiv machen. Insofern ist es wichtig, die eigenen GefĂŒhle ernst zu nehmen und entsprechend aktiv zu werden, bevor man von der eigenen NegativitĂ€t wie gelĂ€hmt ist.

In einem Folge-Eintrag werde ich typische Burnout- und Boreout-Symptome beschreiben und Strategien, wie mit diesen umgegangen werden kann.

(Dieser Kurzartikel ist die “Blog-Version” einer wöchentlichen Zeitungsartikel-Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2012; Bildquelle: blog.madisonwhoswho.com)

Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu spĂ€t ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz ĂŒberraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –  deutlich stĂ€rker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen wĂŒrden. Dies lĂ€ĂŸt die Vermutung zu, dass es sich hĂ€ufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” fĂŒr die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tatsĂ€chlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

WĂ€hrend der letzten Jahre wurde von Psychologen, Ärzten und Therapeuten fĂŒr die Diagnosestellung, PrĂ€ventions- und TherapieansĂ€tze des “Burnout-Syndroms” eine ganze FĂŒlle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung  / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte LeistungsfĂ€higkeit Ă€ussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Erschöpfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und körperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gefĂŒhllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. SchĂŒler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt GefĂŒhle des Versagens und UngenĂŒgens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen FĂ€higkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte  Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zurĂŒckgefĂŒhrt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis persönlicher Überlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” geprĂ€gt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute hĂ€ufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome mĂŒssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erfĂŒllen
  • Überarbeitung mit VernachlĂ€ssigung anderer persönlicher BedĂŒrfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und GeringschĂ€tzung Anderer
  • RĂŒckzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche VerhaltensĂ€nderungen, fortschreitendes GefĂŒhl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verlĂ€uft zunehmend „mechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese GefĂŒhle durch Überreaktionen zu ĂŒberspielen (SexualitĂ€t, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie GleichgĂŒltigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch körperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und EffektivitĂ€t im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erhöhte AusschĂŒttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anfĂ€lliger fĂŒr Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das SchlĂŒsselwort, denn “Burnout” ist tatsĂ€chlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell gĂŒltigen und vor allem im angloamerikanischen Raum hĂ€ufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen nĂ€chsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V Ă€ndern wĂŒrde. Wie also lĂ€sst sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen Störungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Erschöpfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider Störungsbilder, auch kann emotionale Erschöpfung unbehandelt in Burnout mĂŒnden.

– Auch zwischen Schlafstörungen und Burnout bestehen ZusammenhĂ€nge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tagsĂŒber besteht hĂ€ufig SchlĂ€frigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt können Schlafprobleme einen Risikofaktor fĂŒr spĂ€teres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale Störungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 auslösen. Chronisch höhere Spannungen in der Arbeit wiederum fĂŒhren zu erhöhter Kortisol-AusschĂŒttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit HyperlipidĂ€mie und arterieller Hypertonie begĂŒnstigt. Die hĂ€ufig stressbedingten gesundheitsschĂ€digenden Verhaltensweisen, etwa erhöhter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung körperlicher und psychischer Erholung, dĂŒrften nach einiger Zeit auch ohne körperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, MĂ€nner dagegen nahezu ausschließlich auf kardiovaskulĂ€rer Ebene.

Depression: Die hĂ€ufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen Ärzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen ĂŒber Burnout-ZustĂ€nde in Depressionen mĂŒnden können. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate PhĂ€nomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge mĂŒndet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich hĂ€ufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gemĂ€ĂŸ ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrĂŒckten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und AktivitĂ€t. Die FĂ€higkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. AusgeprĂ€gte MĂŒdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. SelbstwertgefĂŒhl und Selbstvertrauen sind fast immer beeintrĂ€chtigt. Sogar bei der leichten Form kommen SchuldgefĂŒhle oder Gedanken ĂŒber eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrĂŒckte Stimmung verĂ€ndert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf LebensumstĂ€nde und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, FrĂŒherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. AbhĂ€ngig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein betrĂ€chtlicher Teil der Menschen, die wegen „Burnout” eine lĂ€ngere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – nĂ€mlich dann, wenn alle fĂŒr die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression gehört immer auch das GefĂŒhl tiefer Erschöpftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten dĂŒrfte, da dieser Zustand SelbstĂŒberforderung oder Überforderung durch außen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsĂ€chliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen fĂŒhren kann. Viele depressiv Erkrankte etwa fĂŒhlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche TĂ€tigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie hĂ€ufig empfohlen, langsamer zu treten, lĂ€nger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tatsĂ€chlich eine depressive Erkrankung vor, wĂ€ren dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gefĂ€hrliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf lĂ€ngeren Schlaf und eine lĂ€ngere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsstörung, GrĂŒbeln und der UnfĂ€higkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedrĂŒckend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose ermöglicht einen adĂ€quaten Therapieansatz sowie ein möglichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

TherapieansÀtze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der KomplexitĂ€t der möglichen Ursachen und ZusammenhĂ€nge, aber auch aus GrĂŒnden der hĂ€ufig schwierigen Abgrenzung der Ätiologie und gegenĂŒber anderen Störungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgfĂ€ltige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgemĂ€ĂŸ nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression genĂŒgen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien fĂŒr das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und StressbewĂ€ltigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen körperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist adĂ€quate und regelmĂ€ĂŸige Psychotherapie, nötigenfalls mit pharmakologischer UnterstĂŒtzung, bis zum völligen Abklingen der Symptome ĂŒber einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Maßnahmen ist verbesserte StressbewĂ€ltigung (Coping) und PrĂ€vention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in EinzelfĂ€llen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht adĂ€quat verĂ€ndert werden können und eine positive ArbeitsatmosphĂ€re nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche VerĂ€nderung oder ein vorĂŒbergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollstĂ€ndige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, IsometsĂ€ E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders – results from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16–22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159–64.
Nil R, Jacobshagen N, SchĂ€chinger H, Baumann P, Höck P, HĂ€ttenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout – an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72–7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Oct 30

Eine SchwĂ€che ist besonders unter den Menschen, die in Helfer- und Service-Berufen arbeiten, hĂ€ufig: das sogenannte “Helfer-Syndrom“. Der starke Impuls, anderen Menschen zu helfen, sich wohler zu fĂŒhlen, ist dabei unbewußt mit dem Ziel verbunden, das auch selbst zu tun und sich von eigenen LeeregefĂŒhlen abzulenken. Wenn die Betroffenen dabei jedoch laufend ĂŒber die eigenen Grenzen gehen, sind Burnout und Depression nicht mehr weit – nicht ganz zufĂ€llig sind Angehörige dieser Berufssparten (z.B. Ärzten, Therapeuten oder anderer Sozialberufe) ĂŒberaus hĂ€ufig davon betroffen.
Doch man kein professioneller Helfer sein, um ein “Helfer-Syndrom” zu entwickeln: genauso gut kann es auch ein Nachbar, ein Freund, ein Mitarbeiter oder Sie selbst sein, der dazu neigt, Verantwortungen und Aufgaben zu ĂŒbernehmen, um die andere instinktiv einen weiten Bogen machen wĂŒrden.

Doch das ist nicht alles: das Helfer-Syndrom kann zu regelrecht mißbrĂ€uchlichen Beziehungs-Konstellationen fĂŒhren. Der “Helfer” auf der einen Seite mag zunehmend Burnout-Symptome entwickeln und sich ausgebeutet fĂŒhlen, wenn seine Anstrengungen als selbstverstĂ€ndlich betrachtet werden und ihm wenig Dankbarkeit erwiesen wird. Nicht und nicht scheint er den Punkt zu erreichen, an dem jeder zufrieden ist.
Doch es existieren auch mißbrauchende bzw. narzißtische Helfer: das mangelnde GefĂŒhl fĂŒr die eigenen Grenzen fĂŒhrt bei ihnen indirekt auch dazu, auf die Verantwortung dem anderen gegenĂŒber zu “vergessen”. WĂ€hrend ein verantwortungsvoller Helfer seine eigenen Grenzen kennt und den anderen dabei unterstĂŒtzen wird, stĂ€rker zu werden und sich nach Möglichkeit professionelle Hilfe zu suchen, möchte der narzißtische Helfer ihn nicht aus seinem Einfluß entlassen – er kann nicht loslassen, bevor jene Ziele erreicht sind, von denen er selbst ĂŒberzeugt ist.

UnabhĂ€ngig davon, ob die Motive fĂŒr das Helfer-Verhalten altruistisch (“Ich möchte etwas zurĂŒck geben”, “
verhindern, dass er/sie dieselben Fehler wie ich macht!”, “Ich möchte etwas weitergeben” oder “Ich kann es schaffen!”‘) oder neurotisch motiviert sind: es ist immer ein Zeichen emotionalen Ungleichgewichts, wenn jemand die eigenen Grenzen ignoriert und versucht, alle Probleme im Alleingang zu lösen.

Typische Formen ungesunder “Helfer-Beziehungen” sind Beziehungen mit wiederkehrenden emotionalen WechselbĂ€dern, hĂ€ufig mit einem abhĂ€ngigen (“sĂŒchtigen”) Partner, Partnerschaften mit selbstbezogenen, kontrollierenden oder gewalttĂ€tigen Personen oder Beziehungen mit einem starken Ungleichgewicht an Macht, Bildung oder Geld. Derartige Beziehungsformen können fĂŒr beide Partner zwar “funktionieren”, sie sind aber zumeist verĂ€nderungsresistent oder gar -feindlich und verlieren die kĂŒnstliche StabilitĂ€t der gegenseitigen AbhĂ€ngigkeit, sobald sich etwas am besagten Ungleichgewicht zu verĂ€ndern beginnt. Persönliche Weiterentwicklung ist in ihnen nur schwer möglich, und aufgrund der inneren ZwĂ€nge leider hĂ€ufig auch das Erreichen wirklichen LebensglĂŒcks. FĂŒr professionelle Helfer existiert deshalb in vielen LĂ€ndern eine Verpflichtung zur Supervision, um ihr berufliches Verhalten zu reflektieren. FĂŒr Laienhelfer bleibt hĂ€ufig nur die Möglichkeit, gut auf sich aufzupassen um uns nicht mehr als es uns und den anderen gut tut, in destruktiven “Helfer”-Ambitionen zu verstricken.

(Bildquelle: westallen.typepad.com)

Sep 24

Myalgic Encephalomyelitis (ME) – besser bekannt als Chronic Fatigue Syndrome (CFS) – betrifft rund eine Million Menschen in den USA und noch mehr in Europa. Dennoch gibt es viel zu wenige intensive Forschungsinitiativen, kritisieren Experten in einer Aussendung. Die Zahl der Patienten steige an, aber das Wissen ĂŒber mögliche Behandlungsmethoden fehle.

Im Krankheitsverlauf zeigen sich meist neurologische, immunologische und endokrine AuffĂ€lligkeiten. Die Ursachen sind – trotz einer Vielzahl von Studien, die vor allem auf biologische und Umweltfaktoren abzielen – bis heute ungeklĂ€rt, es gibt nicht einmal laboratorische Tests oder Biomarker, die Hinweise auf bestimmte organische Komponenten geben könnten. Zu den hĂ€ufigsten Symptomen von CFS gehören Muskel-und Gelenkschmerzen, kognitive Schwierigkeiten, chronische geistige und körperliche Erschöpfung bei vorheriger Gesundheit und normaler AktivitĂ€t. ZusĂ€tzlich mögliche Symptome sind MuskelschwĂ€che, HypersensibilitĂ€t, Verdauungsstörungen, Depressionen, reduzierte Immunabwehr sowie Herz-und Atemwegserkrankungen – bemerkenswerterweise alles Symptome, die auch beim Burnout hĂ€ufig sind. Es ist jedoch unklar, ob diese Symptome einander gegenseitig verstĂ€rken oder nur das Ergebnis der “eigentlichen” CFS sind. Um die Diagnose CFS zu rechtfertigen, dĂŒrfen die Symptome nicht durch andere Erkrankungen verursacht werden.

Das Resultat der schlechten Forschungslage und Information ist wohl, dass die Krankheit oft jahrelang undiagnostiziert und unbehandelt bleibt. Das Vorkommen der Krankheit und ihr Einfluss auf das Gesundheitswesen sei höher als besser erforschte Krankheiten wie Multiple Sklerose oder HIV, so der belgische Forscher belgische Kenny De Meirleir. ME/CFS ist ihm zufolge eine chronische Krankheit, die die LebensqualitÀt der Betroffenen enorm einschrÀnke.

Professor Luc Montagnier – NobelpreistrĂ€ger 2009 fĂŒr Medizin – meint, dass das Wissen, das ĂŒber das Syndrom bereits existiert, medizinisches Personal aber entweder nicht erreicht oder es zu wenig ernst genommen wird. Montagnier, einer der Mitendecker des HI-Virus, unterstĂŒtzt einen neu gegrĂŒndeten Think Tank zur Erforschung und Bewusstmachung der Krankheit. Die mit diesem verbundene Organisation “European Society for ME” (ESME) hat das Ziel, das Bewusstsein und die Forschung fĂŒr die ernst zu nehmende Erkrankung interdisziplinĂ€r zu schĂ€rfen.

(Quelle: European Society for ME; Erstveröffentlichung: 08/2010, letzte Aktualisierung im Kommentarbereich: 09/2011; Image src:autismfile.com)

Sep 09

Ärzte, Pfleger, Sozialarbeiter und Therapeuten wollen, so das Klischee, “helfen”: doch dabei laufen sie hĂ€ufig Gefahr, selbst zu erkranken.

TatsĂ€chlich sind stressbezogene Gesundheitsstörungen unter im Gesundheitswesen TĂ€tigen weit verbreitet, doch ein „Burnout“ kann grundsĂ€tzlich jeden Arbeitnehmer treffen. Professionelle Helfer wie Ärzte, Pflegepersonal oder Therapeuten haben aber ein besonders hohes Risiko, zu erkranken. Und bei professionellen Helfern, die im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie tĂ€tig sind, ist es der Statistik zufolge am grĂ¶ĂŸten. Psychiater etwa berichten hĂ€ufiger ĂŒber „Burnout“, Depression und andere psychische Erkrankungen als andere Ärzte. BerufsanfĂ€nger sind ganz besonders anfĂ€llig fĂŒr stressbedingte Gesundheitsstörungen. 76% der AssistenzĂ€rzte leiden an „Burnout“-Symptomen wie emotionaler Erschöpfung oder Demotivation. Aufgrund der oftmals idealisierten Vorstellungen von ihrem Beruf ist der Einstieg ins Berufsleben von jungen Ärzten und Therapeuten daher hĂ€ufig mit EnttĂ€uschungen verbunden.

Darauf macht die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) aufmerksam. Den Grund sieht die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft im zunehmenden Kostendruck im Gesundheitswesen bei gleichzeitig steigenden QualitĂ€tsanforderungen und BehandlungsfĂ€llen pro Helfer. Hinzu komme, dass die therapeutischen Beziehungen im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie emotional belastend sein können. Nicht haltbar sei die These, dass gerade diejenigen das Berufsfeld Psychiatrie und Psychotherapie wĂ€hlen, die eine Neigung zu psychischen Erkrankungen haben. Wichtig ist es, Anzeichen fĂŒr ein „Burnout“ frĂŒh zu erkennen und entgegenzusteuern. Denn zu spĂ€t erkannt, können ErschöpfungszustĂ€nde in einer depressiven Erkrankung mĂŒnden. Die DGPPN empfiehlt das eigene Zeitmanagement zu verbessern, Delegationsmöglichkeiten fĂŒr Aufgaben zu nutzen oder auch mal „Nein“ zu sagen sowie exzessive Überstunden zu vermeiden. Hilfreich kann zudem eigene psychotherapeutische UnterstĂŒtzung sein, in der Betroffene ihre oftmals eingefahrenen Einstellungs- und Verhaltensmuster hinterfragen können, die zu dem emotionalen und körperlichen Erschöpfungszustand gefĂŒhrt haben. Sie lernen, wie sie mit Stress besser umgehen und auf ihren Körper hören können.

Das Thema „Burnout“ und „Burnout bei professionellen Helfern in der Psychiatrie und Psychotherapie“ gehört zum Programm des diesjĂ€hrigen DGPPN-Kongresses im November 2011 in Berlin. Der Kongress zĂ€hlt mit mehr als 10.000 erwarteten Teilnehmern inzwischen zur grĂ¶ĂŸten Fachtagung auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen.

(Quelle: MedAustria, DPPPN-Kongress-Website; Image src:theworkingcaregiver.wordpress.com)

Aug 15

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in ihrem Gesundheitsreport 2010 erstmals die Arzneimittelverordnungen ihrer 3,4 Millionen Mitglieder ĂŒber die letzten zehn Jahre analysiert. Daraus geht hervor, dass sich das Volumen der in Deutschland verordneten Antidepressiva im letzten Jahrzehnt bei Frauen wie MĂ€nnern verdoppelt hat. Damit einhergehend erhöhten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Ausgaben fĂŒr psychische Erkrankungen zwischen 2002 und 2008 um 5,3 auf 28,7 Milliarden Euro. Deutschland liegt damit aber nur im Trend: bei der Recherche fĂŒr das Psychotherapie-Blog stoße ich regelmĂ€ĂŸig auf Berichte aus aller Welt (oder um genauer zu sein: von den verschiedenen westlichen Industrienationen .. welche gleichzeitig – zufĂ€llig oder nicht? – auch jene sind, in denen die Pharmaindustrie ĂŒber erheblichen Einfluß auf die Gesundheitpolitik verfĂŒgt), in denen ebenfalls Ă€hnliche atemberaubende Zunahmen zu verzeichnen sind (z.B. betr. USA). Wurden doppelt so viele Menschen “depressiv”? Werden die Medikamente auch dann, wenn sie eigentlich gar nicht indiziert oder notwendig wĂ€ren, bedenkenlos verschrieben? Warum eigentlich? Derartige Fragen drĂ€ngen sich fast automatisch auf, scheinen in der Gesundheitspolitik aber keinerlei Denkprozess anzustoßen. Die Ausgaben fĂŒr Arzneimittel nehmen im Gesundheitshaushalt der westlichen Staaten heute einen geradezu extremen Anteil ein: in der Schweiz etwa sind es bereits 21% der Krankenversicherungsleistungen und dieser Anteil stieg seit 1999 etwa 7-10% jĂ€hrlich an. Wurden die Pharmaprodukte tatsĂ€chlich immer erfolgreicher oder schafft es hier eine Industrie, aus anderen Sektoren sukzessive öffentliche Mittel abzuziehen?

Die hĂ€ufig – besonders von PolitikerInnen – gegebene ErklĂ€rung, die VerĂ€nderungen am Arbeitsmarkt wĂŒrden den Druck erhöhen und dadurch zu einer Zunahme an psychischen Beschwerden fĂŒhren, greift offenbar zu kurz: nicht nur Arbeitnehmer erhalten vermehrt Psychopharmaka verschrieben, Arbeitslose sind bei nahezu allen Diagnosen sogar noch hĂ€ufiger betroffen als andere Gruppen, wobei die Schere bei den psychischen Störungen besonders groß ist.

(Quellen: TK Gesundheitsreport 2010, telepolis, sp-ps.ch; Photo:citizen.co.ca)

Aug 01

Stress, Burn-out, Depression: Psychische Probleme haben sich zur Volkskrankheit Nummer eins und zu einem enormen Kostenfaktor fĂŒr das Gesundheitssystem und die Arbeitswelt entwickelt. Das Dilemma: Viele Erkrankte wissen gar nicht, dass ihre Beschwerden psychisch bedingt sind. Der Arztbesuch hilft oft nicht weiter, da sich auch der Mediziner vorrangig auf die körperlichen Aspekte konzentriert und an psychische Auslöser nicht einmal denkt oder diese unterbewertet. Allgemeinmediziner behandeln bis zu 90 Prozent aller depressiv Erkrankten – erkennen die Auslöser aber hĂ€ufig gar nicht. An der UniversitĂ€t Trier hat nun eine Forschergruppe eine Methode entwickelt, um die wahren Ursachen solcher Störungen frĂŒhzeitig aufzudecken, sodass Ärzte sie effektiver behandeln bzw. Patienten eine Psychotherapie nahelegen können.

Das Ergebnis von zehn Jahren Forschungsarbeit steckt in einem Karton der GrĂ¶ĂŸe eines Schul-Atlasses: 16 Röhrchen, eine Tablette, ein Mini-EKG, ein Fragebogen. Mehr braucht es nicht, um psychischen Erkrankungen auf die Schliche zu kommen. „Unsere Methode misst biologische Signale und setzt sie in Beziehung zu psychischen und körperlichen Stressreaktionen. Unser Ziel ist es, sie zu diagnostizieren und dabei zu helfen, sie individuell zu behandeln“, erlĂ€utert der wissenschaftliche Leiter Prof. Hellhammer das Verfahren. „Neuropattern ist auch weltweit der erste Versuch, das Wissen der Grundlagenforschung systematisch in die Patientenversorgung einzubringen. Wir hoffen, dass auf diese Weise eine nachhaltige Verbesserung von stresskranken Patienten erreicht werden kann.“

Über teilnehmende HausĂ€rzte, die mögliche Ausschlusskriterien ihrer Patienten prĂŒfen, kann das Neuropattern-Set angefordert werden. Nach einer Einweisung fĂŒhrt der Erkrankte die erforderlichen Tests – ĂŒberwiegend per Speichelproben – zu Hause durch. Die Auswertungen der Proben und Messungen dienen als Grundlage fĂŒr eine erfolgreiche Therapie. Patienten können die
Behandlung aktiv unterstĂŒtzen. Sie erhalten Zugang zu einem Online-Service mit individuellen Angeboten zur Selbsthilfe, die auch Wartezeiten fĂŒr psychotherapeutische Behandlungen ĂŒberbrĂŒcken sollen.

Das sog. “Neuropattern II-Set” wurde innerhalb von acht Jahren auf der Basis der Daten von mehr als 2200 Patienten und Probanden erfolgreich entwickelt.

Nach Angaben der UniversitĂ€t Trier kosten Arztbesuche, Medikamente und Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufgrund von Stress und Depressionen jĂ€hrlich rund 65 Milliarden Euro. Knapp 38 Prozent aller FrĂŒhrentner wurden den Angaben nach 2009 in Deutschland wegen psychischer Erkrankungen vorzeitig in den Ruhestand geschickt – 1993 waren es mit 15 Prozent nicht einmal halb so viele. Auch die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme habe sich seit 1990 verdoppelt. „Das kann sich nur Ă€ndern, wenn psychische und psychosomatische Gesundheitsstörungen frĂŒhzeitig und effizient von den Ärzten behandelt werden, die die PrimĂ€rversorgung dieser Patienten durchfĂŒhren“, sagt Hellhammer.

(Quelle: daacro.de)

Jan 20

Nach einer Analyse der Daten von 2.755 mĂ€nnlichen Angestellten, welche zu Beginn einer kĂŒrzlich abgeschlossenen Studie des Stressforskningsinstitutet der UniversitĂ€t Stockholm noch keinen Herzanfall erlitten hatten, zeigte sich zumindest fĂŒr MĂ€nner eine Assoziation zwischen “unterdrĂŒckter BewĂ€ltigung” infolge einer unfair gefĂŒhlten Behandlung und gesteigertem kardialem Risiko.

FĂŒr die Untersuchung wurden die verschiedenen Strategien, Dinge fĂŒr sich zu behalten, als unterdrĂŒckte BewĂ€ltigung definiert. Die Teilnehmer wurden gefragt, welche Strategien sie anwendeten: Ereignisse vorbeigehen zu lassen ohne etwas zu sagen, aus einem Konflikt einfach auszusteigen, Symptome wie Kopf- oder Magenschmerzen zu haben oder zu Hause schlechter Laune zu sein. Faktoren wie Rauchen, Alkohol, körperliche AktivitĂ€t, Bildung, Diabetes, Anforderungen im Beruf und Entscheidungsfreiheit wurden berĂŒcksichtigt, Blutdruck, BMI und Cholesterinwerte gemessen. Die MĂ€nner waren zu Beginn der Studie in den Jahren 1992 bis 1995 durchschnittlich 41 Jahre alt. Informationen ĂŒber einen Myokardinfarkt oder Tod aufgrund eines Herzanfalls bis zum Jahr 2003 wurden aus den nationalen Datenbanken zu Krankenhausaufenthalten und TodesfĂ€llen entnommen.

Bis 2003 hatten 47 der 2.755 MĂ€nner einen Myokardinfarkt oder starben an einer Herzerkrankung. Jene, die hĂ€ufig oder oft einfach einem Konflikt auswichen oder nichts sagten, verfĂŒgten ĂŒber ein doppelt so hohes Herzrisiko als jene MĂ€nner, die sich unangenehmen Situationen stellen und versuchten sie zu lösen (2,29 [95% CI 1,00-5,29]). Kopf- und Magenschmerzen oder schlechte Laune zu Hause erhöhten das Risiko nicht.

(Quellen: J Epidemiol Community Health; 2009, Nov 24; MedAustria; Image:nytimes.com)

Jul 22

Auf der im Mai 2009 stattgefundenen Gesundheitsförderungskonferenz des Fonds Gesundes Österreich referierten Experten ĂŒber LösungsansĂ€tze der brisanten Zukunftsszenarien. Ein Kernpunkt war dabei die Frage der Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens.

Übergewicht ist eines der drĂ€ngendsten Gesundheitsprobleme und zieht sich quer durch alle Alters- und sozialen Gruppen. Jeder fĂŒnfte SchĂŒler zwischen sechs und 15 Jahren weist ein zu hohes Körpergewicht auf, acht Prozent davon sind sogar adipös. Bei den Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren ist fast die HĂ€lfte ĂŒbergewichtig oder adipös. “Als Folge dieser Entwicklung rollt eine Welle von Krankheiten und damit auch Kosten auf das Gesundheitswesen zu, denn Übergewicht ist ein zentraler Risikofaktor fĂŒr Herz-Kreislauf-Krankheiten, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten”, sagte Ch. Hörhan, der Leiter des Fonds.

Stress wiederum stellt als indirekter Mitauslöser von Herz-Kreislauferkrankungen und psychischen Erkrankungen einen zunehmenden wichtigen (wenn auch indirekten und damit hĂ€ufig unterschĂ€tzten) Faktor fĂŒr die Gesundheitspolitik dar. Nach einer Umfrage des FGÖ fĂŒhlen sich die Österreicher immer hĂ€ufiger gestresst. Die Zahl der verordneten Psychopharmaka ist angestiegen, ebenso die Zahl der Krankenstandstage aufgrund von psychischen Problemen, kommentiert Hörhan die Studienergebnisse. Bei den GrĂŒnden fĂŒr InvaliditĂ€tspensionen nehmen psychische Erkrankungen mit 29 Prozent heute bereits die zweite Stelle ein.

In den vergangenen Jahren sei deutlicher geworden, wie groß der Einfluss von sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung ist.

ErgĂ€nzender Hinweis R.L.Fellner: nach aktuellen Forschungen erhöht Streß neben anderen hormonellen VerĂ€nderungen auch die Cortisol-AusschĂŒttung – dies kann u.U. ebenfalls Übergewicht zumindest mitverursachen (Cushing’s Syndrome bzw. Hypercortisolismus [mehr]). (Photo credit: photoxpress)

ï»ż10.06.18