Aug 01

Stress, Burn-out, Depression: Psychische Probleme haben sich zur Volkskrankheit Nummer eins und zu einem enormen Kostenfaktor für das Gesundheitssystem und die Arbeitswelt entwickelt. Das Dilemma: Viele Erkrankte wissen gar nicht, dass ihre Beschwerden psychisch bedingt sind. Der Arztbesuch hilft oft nicht weiter, da sich auch der Mediziner vorrangig auf die körperlichen Aspekte konzentriert und an psychische Auslöser nicht einmal denkt oder diese unterbewertet. Allgemeinmediziner behandeln bis zu 90 Prozent aller depressiv Erkrankten – erkennen die Auslöser aber häufig gar nicht. An der Universität Trier hat nun eine Forschergruppe eine Methode entwickelt, um die wahren Ursachen solcher Störungen frühzeitig aufzudecken, sodass Ärzte sie effektiver behandeln bzw. Patienten eine Psychotherapie nahelegen können.

Das Ergebnis von zehn Jahren Forschungsarbeit steckt in einem Karton der Größe eines Schul-Atlasses: 16 Röhrchen, eine Tablette, ein Mini-EKG, ein Fragebogen. Mehr braucht es nicht, um psychischen Erkrankungen auf die Schliche zu kommen. „Unsere Methode misst biologische Signale und setzt sie in Beziehung zu psychischen und körperlichen Stressreaktionen. Unser Ziel ist es, sie zu diagnostizieren und dabei zu helfen, sie individuell zu behandeln“, erläutert der wissenschaftliche Leiter Prof. Hellhammer das Verfahren. „Neuropattern ist auch weltweit der erste Versuch, das Wissen der Grundlagenforschung systematisch in die Patientenversorgung einzubringen. Wir hoffen, dass auf diese Weise eine nachhaltige Verbesserung von stresskranken Patienten erreicht werden kann.“

Über teilnehmende Hausärzte, die mögliche Ausschlusskriterien ihrer Patienten prüfen, kann das Neuropattern-Set angefordert werden. Nach einer Einweisung führt der Erkrankte die erforderlichen Tests – überwiegend per Speichelproben – zu Hause durch. Die Auswertungen der Proben und Messungen dienen als Grundlage für eine erfolgreiche Therapie. Patienten können die
Behandlung aktiv unterstützen. Sie erhalten Zugang zu einem Online-Service mit individuellen Angeboten zur Selbsthilfe, die auch Wartezeiten für psychotherapeutische Behandlungen überbrücken sollen.

Das sog. “Neuropattern II-Set” wurde innerhalb von acht Jahren auf der Basis der Daten von mehr als 2200 Patienten und Probanden erfolgreich entwickelt.

Nach Angaben der Universität Trier kosten Arztbesuche, Medikamente und Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufgrund von Stress und Depressionen jährlich rund 65 Milliarden Euro. Knapp 38 Prozent aller Frührentner wurden den Angaben nach 2009 in Deutschland wegen psychischer Erkrankungen vorzeitig in den Ruhestand geschickt – 1993 waren es mit 15 Prozent nicht einmal halb so viele. Auch die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme habe sich seit 1990 verdoppelt. „Das kann sich nur ändern, wenn psychische und psychosomatische Gesundheitsstörungen frühzeitig und effizient von den Ärzten behandelt werden, die die Primärversorgung dieser Patienten durchführen“, sagt Hellhammer.

(Quelle: daacro.de)

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25.06.19