Dec 08

Bild: Wikimedia Commons LicenseJugendliche, die misshandelt oder vernachlässigt wurden, haben weniger graue Substanz (das sind jene Gebiete des Zentralnervensystems, die vorwiegend aus Nervenzellkörpern bestehen) in bestimmten Bereichen des Gehirns als junge Menschen, die diese Erfahrungen nicht machen mußten, wie eine Studie der Yale School of Medicine zeigt. Das Ausmaß des ‘Schadens’ richtet sich u.a. auch danach, ob es sich um Jungen oder Mädchen handelt, ob Mißbrauch oder Vernachlässigung vorlag und ob die Erfahrungen körperlicher oder emotionaler Natur waren. Die Ergebnisse (p=42) wurden in der Dezember-Ausgabe der Archives of Pediatric Adolescent Medicine veröffentlicht.

Die Veränderungen konnten bei allen Adoleszenten beobachtet werden, obwohl sie an keinen diagnostizierbaren psychiatrischen Störungen litten. “Wir haben es mit Jugendlichen zu tun, die keine diagnostizierbare Krankheit haben, bei denen sich aber immer noch physische Beweise für Misshandlungen zeigen”, sagte der leitende Autor der Studie H. Blumberg, Associate Professor in der Abteilung für Psychiatrie und Diagnostische Radiologie. “Dies könnte helfen, Schwierigkeiten mit schulischen Leistungen zu erklären oder eine Steigerung ihrer Anfälligkeit für Depressionen und Verhaltensstörungen.”

In präfrontalen Bereichen zeigte sich die Verringerung der grauen Substanz, egal ob der Jugendliche körperlich misshandelt oder emotional vernachlässigt worden war. In anderen Bereichen des Gehirns hing die Reduktion von der Art der Misshandlungserfahrungen ab. So wurde zum Beispiel emotionale Vernachlässigung mit einer Abnahme der Bereiche, die unsere Emotionen regulieren, verbunden.

Die Forscher stellten auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Weise, in der die graue Substanz abnahm, fest. Bei Jungen zeigte sich eher eine Reduktion in Bereichen des Gehirns, die mit der Impulskontrolle oder Drogenmissbrauch assoziiert sind. Bei Mädchen schien sich die Reduktion auf Bereiche des Gehirns zu konzentrieren, die mit Depression in Verbindung gebracht werden.

Blumberg betonte, dasss diese bei Jugendlichen gefundenen Defizite, nicht von Dauer sein müssen.

“Wir haben festgestellt, dass insbesondere das Gehirn von Jugendlichen ein hohes Maß an Plastizität aufweist” (Neuroplastizität, Anmerkung R.L.Fellner), sagte sie. “Das kann bedeutend sein, um Wege zu finden, Folgen von Misshandlungen zu verhindern und den Jugendlichen, die diese Erfahrung machen mußten, effizient zu helfen.”

Mehr zu diesen Themen:
Neuroplastizität
Missbrauch

(Quellen: YaleNews; E. E. Edmiston, F. Wang, C. M. Mazure, J. Guiney, R. Sinha, L. C. Mayes, H. P. Blumberg. Corticostriatal-Limbic Gray Matter Morphology in Adolescents With Self-reported Exposure to Childhood Maltreatment. Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine, 2011; 165 (12): 1069 DOI: 10.1001/archpediatrics.2011.565)

Nov 06

Fast jeder von Ihnen dürfte jemanden kennen, der in einer sogenannten “abhängigen Beziehung” bzw. “Beziehungsabhängigkeit” verstrickt ist – oder diesen leidvollen Zustand sogar aus eigener Erfahrung kennen. Dies sind jene Beziehungsformen, bei denen jeder ringsum die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich wundert, warum sich diese beiden Menschen trotz ihrer chronischen Probleme nicht voneinander lösen können.

Häufig besteht ein starkes und auffälliges Ungleichgewicht zwischen beiden Partnern, und immer wieder kommt es zu Aggression, Eifersucht oder emotionaler Erpressung – und dennoch kann sich der “abhängige” Partner nicht dauerhaft lösen, ja entschuldigt vielleicht sogar das Verhalten des anderen. Auf der Suche nach Antworten fielen mir im Zuge meiner jahrlangen Unterstützung von suchtkranken Menschen und Paaren in Krisensituationen bei letzteren Dynamiken auf, die sehr an die Probleme von substanzabhängigen (“drogenabhängigen”) Menschen und deren PartnerInnen erinnern.

So findet sich in abhängigen Beziehungen fast immer ein Partner, der emotional instabil ist und im Grunde professionelle Hilfe benötigen würde, um seine psychischen Probleme zu bearbeiten. Da dies aber nicht stattfindet (z.B. weil das Ausmaß des Problems verdrängt wird), wird jemand benötigt, der bereit ist, zu “unterstützen”, oder anders gesagt: seine Zeit, Energie und häufig genug auch sein Geld zu investieren, um die Situation wieder zu beruhigen und die Beziehung am Laufen zu erhalten – immer in der Hoffnung, dass die Zukunft Besserung bringt.

Tatsächlich aber erhält die “Unterstützung” häufig nur einen Teufelskreis aufrecht. Für die labileren Beziehungspartner ist dies häufig ein durchaus vertrauter und auch gesuchter Zustand: viele von ihnen fanden in Ihrem Leben immer wieder “hilfreiche Seelen”, die sie selbstlos unterstützten, was wirkliche Veränderung überflüssig machte.

7 Indikatoren für Beziehungsabhängigkeit:

  • Unehrlichkeit. Beide Partner kommunizieren nicht offen über ihre wahren Absichten, Bedürfnisse und Sorgen.
  • Unrealistische Erwartungen. Beide Partner hoffen darauf, dass der andere ihre Probleme löst – das Selbstwertgefühl, das Körperbild, Familien- oder existenzielle Probleme. Sie glauben, die “richtige Beziehung” würde alles besser machen. Tatsächlich jedoch leben sie in einer defizitären, abhängigen Partnerschaft.
  • Instant-Befriedigung. Einer der beiden erwartet, dass der andere immer für ihn da zu sein hat, wann immer er ihn/sie braucht; der Partner ist dazu da, sich besser zu fühlen – aber eben weniger als “Partner”, sondern mehr als “Droge”.
  • Zwanghafte Kontrolle. Wenn sich der Partner nicht so verhält, wie man das will oder zu benötigen glaubt, wird mit “Abhauen” oder Trennung gedroht; im anderen mögen ständig Sorgen über eine solche Trennung aufkommen, wann immer eine Krise entsteht. Beide Partner können sich “aneinander gekettet” fühlen – in negativer oder positiver Hinsicht.
  • Mangelndes Vertrauen. Keiner der Partner ist sich 100%ig sicher, “wirklich” vom anderen geliebt zu werden, denn manchmal werden allzu deutlich Gefühle von Hass oder Verzweiflung des anderen wahrnommen.
  • Soziale Isolation. Niemand wird eingeladen – weder Freunde, noch Familienmitglieder oder Bekannte aus der Arbeit. Beziehungsabhängige Menschen wollen in Ruhe gelassen werden und können unwirsch reagieren, wenn jemand Fragen zu ihrer Partnerschaft stellt.
  • Teufelskreis aus Schmerz. Paare, die in einer Beziehung mit Abhängigkeitscharakteristika leben, durchlaufen regelmäßig Zyklen von Freude, Schmerz, Enttäuschung, Schuldgefühlen und (häufig emotional oder sexuell aufgeladener) Versöhnung. Diese Zyklen wiederholen sich so lange, bis beide Partner professionelle Hilfe suchen oder einer der Beziehungspartner aus der abhängigen Partnerschaft ausbricht.

Unglücklicherweise gibt es kein “Patentrezept”, wie die betreffenden Beziehungen zu verbessern wären, denn in der Regel zeigen auch die in der Beziehung “ausgebeuteten” Partner eine hohe Resistenz allen gutgemeinten Ratschlägen gegenüber – besonders solchen, die eine gesündere Distanz zur Partnerschaft zur Folge haben würden. Vielleicht aber helfen als erste Orientierungsmöglichkeit die folgenden

Tipps zur Überwindung von Beziehungabhängigkeit:

  • Erklären Sie Ihre “Heilung” zur ersten Priorität Ihrer aktuellen Lebensphase.
  • Sehen Sie mutig Ihren eigenen Problemen und Mängeln ins Auge.
  • Kultivieren Sie all das, an was es Ihnen selbst fehlt: füllen Sie z.B. jene Lücken aus, die Sie manchmal schlecht oder ungenügend fühlen lassen und/oder beseitigen Sie die Probleme, die Sie ursprünglich anfällig für ihr Suchtverhalten machten.
  • Lernen Sie, damit aufzuhören, andere steuern und kontrollieren zu wollen; konzentrieren Sie sich statt dessen mehr auf Ihre eigenen Bedürfnisse und verbessern Sie Ihr Selbstwertgefühl, um emotional unabhängiger zu werden.
  • Finden Sie heraus, was Ihnen einen Zustand von Ruhe und Gelassenheit erleichtert und reservieren Sie eine bestimmte Tageszeit dafür, sich dies auf täglicher Basis zu ermöglichen.
  • Erlernen Sie, die Spiele und Rituale des Suchtverhaltens zu vermeiden und vermeiden Sie, für Sie verfängliche Rollen anzunehmen (z.B. “Retter”/”Helfer”, “Ankläger”, “Opfer” (der/die Hilflose).
  • Finden Sie Freunde, die Sie verstehen und Ihre Erfahrungen teilen können (z.B. Selbsthilfe-Gruppe).
  • Überlegen Sie, sich professionelle Unterstützung zu gönnen, um den Erholungsprozess zu beschleunigen.

Vielen Blog-LeserInnen dürfte vertraut sein, wie häufig Freunde oder Bekannte, die in solche Beziehungen verstrickt sind, in diesen emotional geschädigt, finanziell ausgebeutet oder sogar körperlich verletzt werden. Was Sie als guter Freund oder gute Freundin aber tun können, ist, es zu vermeiden, auch selbst mit in das “schwarze Loch” gezogen zu werden, indem Sie beide unnachgiebig dazu aufzufordern, sich professionelle Hilfe (z.B. Paarberatung) zu suchen.

(Indikatoren basieren auf einem Artikel von Laurie Pawlik-Kienlen; Tipps zum Überwinden basieren in Teilen auf Robin Norwood’s Buch “Wenn Frauen zu sehr lieben“; Image src:hubpages.com)

Nov 06

Hatten Sie kürzlich mit jemandem Kontakt, der völlig die Kontrolle über sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensstörungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich für problematisch, denn denn wer dürfte sich schon anmaßen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivität, Bullying, Lügen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegenüber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck darüber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderjährigen kommen meist aus problematischen Verhältnissen, haben Mißbrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gelöst, können sich bei ihnen Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Persönlichkeitsstörung”, bipolare Störungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko für eigene oder fremde körperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gefängnisstrafen, Mord oder Suizid stark erhöhen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und häufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Häufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betrügen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerstören. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen äußerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewußt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, ängstlich und hoffnungslos fühlen, was nicht selten zu Alkoholmißbrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen führt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erklärt werden. Mediziner suchen nach rein körperlichen (z.B. genetischen) Erklärungen, lassen dabei aber häufig außer Acht, dass für viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil für emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen übermäßig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Persönlichkeitszügen mangelt es zusätzlich an Empathie und Verständnis für die Situation der anderen, was die Hemmung für Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur würden diese Leute im Konfliktfall unfähig sein, sich in Ihre persönliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gesprächsebene zu klären, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zunächst auf Abstand zu gehen, um das Gegenüber emotional “abkühlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Jan 14

Wenn sie das Wort “Depression” hören, denken viele Leute an traurige oder hoffnungslose Menschen, die nach einem nicht verkrafteten Lebensereignis zurückgezogen und häufig weinend ihr Dasein fristen.

Doch tatsächlich ist das nur in den seltensten Fällen so. In einer US-Studie aus dem Jahr 1996 konnte beispielsweise nur ein Drittel der an einer Depression Leidenden ein belastendes oder einschneidendes Erlebnis vor der Erkrankung nennen. Und es sind auch keineswegs nur negative Ereignisse, die bei manchen Menschen Depressionen auslösen können, sondern auch solche wie etwa die Geburt eines Kindes oder das Gelingen eines Geschäftsabschlusses. Dass nicht alle Menschen bei einschlägigen Ereignissen Depressionen entwickeln, legt darüber hinaus nahe, dass auch andere Faktoren, wie etwa genetische oder Stress-Faktoren mitbeteiligt sein dürften. Für die Betroffenen selbst und ihre Umwelt also ist in der überwiegenden Zahl der Fälle auf Anhieb gar kein klarer Grund für eine etwaige Depression auszumachen – was in aller Regel zu langjährigen Verzögerungen auf der Suche nach der korrekten Diagnose für das eigene Unwohlbefinden führt.

Körperliche Symptome sind eine weitere, häufig fehlinterpretierte Facette depressiver Störungen. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, reduzierte Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit, aber auch andere körperliche Schmerzen, Probleme der Verdauungsorgane oder Energielosigkeit sind typische körperliche Symptome einer vorliegenden Depression.

Die mit der Depression häufig verbundene Perspektivenlosigkeit führt viele Betroffenen zu selbstschädigendem Verhalten. Die meisten Menschen, die Suizid begingen, litten vorher an einer (häufig nicht erkannten oder behandelten) Depression. Doch es muß nicht gleich Suizid sein: auch andere selbstschädigende Formen des Verhaltens, wie etwa Alkohol- und Drogenmißbrauch, selbstschädigendes Eßverhalten oder riskantes Verhalten im Verkehr sind, wie Untersuchungen zeigen, in mehr als 60% der Fälle an Depressionen gekoppelt.

Besonders bei älteren Männern äußert sich Depression häufig auch über Aggression, speziell verbale Unfreundlichkeiten, Zynismus, Schimpfen und andere Formen aggressiver Ausdrucksweise. Auch hier ist es den Betroffenen nur selten bewußt, dass sie an einer Depression leiden, sondern sie führen ihre innere Unzufriedenheit und ihren Ärger auf äußere Umstände zurück, über die sie sich regelmäßig und nicht selten auch lautstark beschweren.

Etwa 4 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen, die Dunkelziffer dürfte aber aufgrund der häufigen Fehldiagnosen und jahrelangen Leidenswege ohne passenden Befund und adäquate Therapie deutlich höher liegen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:TRBfoto)

Nov 03

Als im letzten Jahr der damalige Drogenbeauftragte der Regierung, der Neuropsychopharmokologe David Nutt vom Imperial College, die “künstliche” Aufteilung von erlaubten und verbotenen Drogen kritisierte und sagte, dass die erlaubten Drogen Alkohol und Nikotin viel gefährlicher seien als die verbotenen LSD, Ecstasy oder Cannabis, musste er sofort zurücktreten. Offenbar hatte er damit ein Tabu verletzt, denn die Aufteilung der Drogen ist auch eine kommerzielle, kulturelle und politische Entscheidung.

In einer Studie, die im Wissenschafts-Magazin Lancet veröffentlicht wurde erschienen ist, versucht der Drogenexperte nun noch einmal wissenschaftlich zu belegen, dass Alkohol die gefährlichste Droge ist. In der Studie wurde eine Rangliste der Gefährlichkeit von 20 Drogen für die Konsumenten (9 Kriterien) und deren Umfeld (7 Kriterien) erstellt, die Kriterien dafür waren vom Advisory Council on the Misuse of Drugs (ACMD) festgelegt worden. Daraus wurde für die Bewertung eine Entscheidungsanalyse entwickelt.


Die kombinierte Rangliste der Drogen. Bild: Lancet/Nutt et al.

Zu den Gefahren für die Konsumenten rechneten die Experten die von den Drogen verursachte Mortalität, die Krankheiten und körperlichen sowie psychischen Folgen, die Abhängigkeit und soziale sowie ökonomische Folgen (Verlust an Freunden, Jobverlust, Gefängnisstrafen etc.). Bei den Folgen für das Umfeld der Drogenkonsumenten wurden steigende direkt oder indirekte Verletzungs- oder Schädigungsgefahr (Gewalt, Autounfälle etc.), Kriminalität, ökonomische Kosten, Beeinträchtigung der Familien, internationale Folgen (Kriminalität, Entwaldung, Destabilisierung von Ländern), Umweltschäden und Folgen für das Wohnviertel berücksichtigt.

Zieht man nur die Folgen für den Konsumenten selbst in Betracht, sind Heroin, Crack und die Designerdroge Metamfetamin (Crystal, Crystal Speed, Ice) am gefährlichsten. Für die Mitmenschen ist der hingegen der Konsum von Alkohol, Heroin und Crack am gefährlichsten. Nimmt man beide Gefährdungen zusammen, so liegt Alkohol deutlich an der Spitze, gefolgt von Heroin und Crack. Tabak rangiert hinter Kokain, aber vor Marihuana. Khat, Steroide, Ecstasy, LSD, Buprenorphin und Pilze sind am wenigsten gefährlich und praktisch nur für den Konsumenten. Beim Alkohol schlagen vor allem die wirtschaftlichen Kosten, Gewalt und Verletzungen, Familie, Kriminalität und Schaden für das Wohnviertel durch.

Im diesbezüglichen Vollartikel auf tp findet sich auch der Link zu einer Übersichtskarte, welche die unterschiedliche Häufigkeit des Alkoholkonsums in der Weltbevölkerung plastisch darstellt:

In stehen demnach nach Rumänien Deutschland und Österreich an der Spitze des Alkoholkonsums, gefolgt von Spanien und Großbritannien. Die Italiener trinken deutlich weniger, die Letten, Slowenen oder Schweden am wenigsten. Die meisten Alkoholabstinenten, genauer diejenigen, die im letzten Jahr kein alkoholisches Getränk zu sich genommen haben, findet man in Italien (40 Prozent), gefolgt von Ungarn, Portugal, Malta, Spanien und Polen (28 Prozent). In Deutschland sind es 19 Prozent.
Der durchschnittliche Westeuropäer trinkt ein Drittel mehr Alkohol als jede andere Person in einer anderen Region. In weiten Teilen des Nahen Ostens und von Nordafrika wird praktisch gar nicht getrunken: dort herrscht, alkoholisch zumindest, Nüchternheit. Nach der Statistik trinken weltweit die Ugander am meisten, dann die Luxemburger, die Tschechen, die Moldavier und die Franzosen. Den siebten Platz teilen sich die Deuschen mit den Österreichern, Kroaten und Portugiesen. Alkoholische Trockenheit herrscht in Indonesien, Bangladesch und Pakistan.

Auch die interaktive Karte von ShowWorld stellt die Verteilung gut dar. Klicken Sie in ihr auf die Rubrik “Living – Food/Dining”.

Bemerkenswerte neue öffentliche Stimmen gibt es auch in Sachen Drogenkriminalität: so würden repressive Maßnahmen durch Polizei und Justiz das Problem für Drogensüchtige und damit auch die Bekämpfung von Aids verschärfen, wie Experten anläßlich der 18. Internationalen Aids-Konferenz in Wien im Juli dieses Jahres verlautbarten. Sie fordern deshalb nun in einem internationalen Aufruf – der “Wiener Deklaration” – das Ende von kontraproduktiven “Drogenkriegen”.

“Viele von uns in der Aids-Forschung und in der Betreuung der Betroffenen sehen jeden Tag die verheerenden Effekte von falschen Strategien in der Drogenpolitik. Sie heizen die Aids-Epidemie noch weiter an und bedeuten Gewalt, steigende Kriminalitätsraten und die Destabilisierung ganzer Staaten. Trotzdem gibt es noch keinen Beweis, dass sie den Drogenkonsum oder die Versorgung mit Drogen reduzieren”, erklärte dazu Julio Montaner, Präsident der IAS.
Als Wissenschaftler sei man verpflichtet, Strategien auf Basis von gesicherten Erkenntnissen vorzuschlagen. In Sachen illegaler Drogen würden sie dort beginnen, wo man “Sucht als Krankheit und nicht als Verbrechen” akzeptiere.

Die Verfasser führen im Einzelnen folgende Konsequenzen falscher Anti-Drogen-Strategien an:

  • Die HIV-Epidemie wird durch die Kriminalisierung von Benutzern illegaler Drogen noch vergrößert, ebenso durch die Verhinderung von Opiat-Substitutions- und von Spritzentausch-Programmen.
  • Die Inhaftierung von Drogenkranken als Konsequenz von Strafgesetzen führt zu HIV-Ausbrüchen unter den Häftlingen. Gerade in Gefängnissen gebe es aber einen Mangel an Präventions-Maßnahmen.
  • In vielen Staaten sei es durch die Drogengesetzgebung zu einer Rekordrate an Inhaftierungen gekommen. Gleichzeitig hätte das die Rassendiskriminierung erhöht. Die Autoren: “…dieser Effekt war besonders stark in den Vereinigten Staaten, wo zu jedem gegebenen Zeitpunkt jeder neunte Bürger afro-amerikanischer Herkunft in der Altersgruppe zwischen 20 und 34 Jahren inhaftiert ist – zum größten Teil wegen Drogendelikten.”
  • Ein riesiger illegaler Markt im Umfang von jährlich 320 Milliarden US-Dollar (260 Mrd. Euro). Die Autoren: “Die Profite bleiben gänzlich außerhalb der Kontrolle des Staates. Sie fördern Kriminalität, Gewalt und Korruption in zahllosen Städten und haben ganze Staaten destabilisiert, wie Kolumbien, Mexiko und Afghanistan.”
  • “Milliarden von Steuergeldern (US-Dollars, Anm.) sind in diesem ‘Krieg gegen Drogen’ fehlinvestiert worden, ohne das Ziel der Kontrolle des Problems zu erreichen. Stattdessen hat das massiv zu den angeführten Schäden beigetragen.”

Die Verfasser der “Wiener Deklaration” fordern deshalb eine transparente Analyse der Wirksamkeit der derzeitigen Drogenpolitik, die Verwendung und die Bewertung von Maßnahmen, die auf wissenschaftlicher Basis stattfinden.

Drogenkonsumenten sollten “entkriminalisiert” werden. Auch alle Zwangstherapie-Zentren sollten geschlossen werden, da sie die Menschenrechte verletzen. Und schließlich sollte es mehr Geld für die Verhinderung von HIV-Infektionen geben.

(Quellen: tp, APA, ORF.at)

Sep 07

Sein Herz schlägt mit jeder Sekunde stärker, Schweiß beginnt, den Rücken hinunterzulaufen und er bekommt kaum mehr Luft – als wären seine Lungen blockiert. Plötzlich ein intensiver Schmerz in der Brustgegend: ist es nun soweit, ist das der erste Herzinfarkt? Panikgefühle breiten sich in seinem Körper aus: er könnte genau hier zusammenbrechen und sterben, wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt – unaushaltbare Angst kriecht in seinen Körper hoch…

Die Symptome von Panikattacken sind unterschiedlich – die meisten Personen aber empfinden intensivste Angst, entweder eine Herzattacke zu erleiden, verrückt zu werden oder vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen. Eine Panikattacke zu erleiden, kann eines der schockierendsten, unangenehmsten und bedrohlichsten Erlebnisse sein, die eine Person in ihrem Leben erfährt.
Aber im Unterschied zu landläufigen Vermutung sind Panikattacken bei weitem nicht immer von hohem Stress verursacht, sondern können gerade auch Menschen ereilen, die eigentlich ein recht entspanntes Leben führen. Relativ häufig sind die Attacken etwa Zeichen für eine Angststörung, Depression oder andere psychische Belastungen, die lange Zeit hindurch ignoriert, “beiseite gewischt” oder – etwa durch Selbstmedikation – unfachgemäß behandelt wurden. Andere mögliche Ursachen können Seiteneffekte von Medikamenten, Alkoholkonsum, Medikamenten- oder Drogenentzug oder chronische Erkrankungen sein.

Wenn Panikattacken unbehandelt bleiben, kann sich die sogenannte Agoraphobie entwickeln, bei der eine Person Angst davor entwickelt, an bestimmten Orten oder in bestimmten Situationen Panikattacken zu erleiden. In der Sorge, dass in solchen Situationen keine Fluchtmöglichkeit besteht oder eine Panikattacke auftreten könnte, vermeiden sie zunehmend Situationen, in denen sie in ein solches Risiko geraten könnten, wie z.B. offene Plätze, Straßen, öffentlichen Transport – zuletzt vermeiden manche von ihnen sogar, das Haus zu verlassen. Panikattacken und Agoraphobie treten häufig im Zusammenhang mit sogenannter Sozialphobie auf, bei der sich die Angst auf soziale Situationen (etwa das Essen oder Sprechen in Gruppen) bezieht und die Sorge besteht, von den anderen beurteilt oder entblößt zu werden. Dies wiederum kann eine der schädlichsten Seiteneffekte der Panikstörung darstellen, da es die Leidenden daran hindert, sich frühestmöglich fachliche Unterstützung zu suchen, und damit Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch begünstigt. Erfolgreiche Behandlung ist jedoch möglich und besteht meist aus einer individuell bestimmten Anzahl von regelmäßigen Psychotherapie-Sitzungen, manchmal ergänzt durch unterstützende Medikation. Auf diese Weise können 90% der Agoraphobiker eine vollständige Befreiung von ihrem Problem erreichen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:Erin O’Brien/Getty Images)

Jul 13

Eine Studie, die kürzlich im „American Journal of Epidemiology“ publiziert wurde, zeigt ein gesteigertes Depressions-Risiko für unter 17jährige Cannabis-Konsumenten. Ob die Droge per se dafür verantwortlich ist, bleibt derzeit noch ungeklärt.

Dr. R. de Graaf und Kollegen analysierten am Netherlands Institute of Mental Health and Addiction in Utrecht Daten von 85.088 Personen aus 17 Ländern, die an der World Health Organisation Word Mental Health Survey Initiative (2001-2005) teilnahmen. Die Assoziation zwischen frühem Cannabis-Konsum und späterem Risiko depressiver Phasen wurde mittels logistischer Regressionsanalysen und nach entsprechender Adjustierung auf Geschlecht, Alter, Tabak-Konsum und diverse mentale Erkrankungen durchgeführt.

Hierbei zeigte sich, dass Cannabis-Konsum bei unter 17jährigen mit einer 50%igen Steigerung des Risikos depressiver Phasen assoziiert war (kontrolliert auf Alter und Geschlecht, RR=1,5 [95% CI 1,4-1,7]). Die Assoziation veränderte sich nach Adjustierung auf mentale Erkrankungen unerheblich – ausgenommen für kindliche Verhaltensstörungen, die die Assoziation zu einer nicht-Signifikanz reduzierte.

Die Wissenschafter merken abschließend an, dass dieser Studientyp Cannabis per se nicht als Depressions-Auslöser bei Kindern und Jugendlichen identifizieren kann. Weitere diesbezügliche Studien, die auch auf mögliche latente Depressionen oder mentale Erkrankungen, die zum Cannabis-Konsum führen könnten, fokussieren, sind von Nöten. Andere Studien jedoch zeigten, dass Cannabis-Konsumenten offenbar generell ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Störungen haben als Nicht-Konsumenten.

(Quelle: “Early Cannabis Use and Estimated Risk of Later Onset of Depression Spells: Epidemiologic Evidence From the Population-based World Health Organization World Mental Health Survey Initiative“, Am J Epidemiol. 2010 Jul 15;172(2):149-59. Epub 2010 Jun 9; Image src:zamnesia)

Jun 13

Negative Erfahrungen in und Trennungen von Liebesbeziehungen setzen jungen Männern emotional offenbar weit heftiger zu als gleichaltrigen Frauen. Eine Studie, welche von Soziologen der amerikanischen Wake Forest Universität im “Journal of Health and Social Behavior” veröffentlicht wurde, widerlegt das Vorurteil, Frauen reagierten auf Krisen in der Partnerschaft besonders empfindlich.

Mehr als 1.000 Teilnehmer im Alter von 18 bis 23 Jahren wurden zu ihren Partnerschaften und erfolgten Trennungen befragt. Den Ergebnissen zufolge verbergen viele junge Männer zwar nach außen hin ihre Gefühle unter einer rauen Maske – unter der stoischen Oberfläche aber brodelt es häufig. “Überraschenderweise reagieren junge Männer stärker auf die Qualität laufender Beziehungen”, so die Studienleiterin R. Simon.

Kriselt es in der Partnerschaft, so reagieren die Geschlechter unterschiedlich: “Frauen drücken emotionale Belastung eher in Form von Depression aus, während Männer eher zu Alkohol- und Drogenproblemen neigen”. Die größere Empfindsamkeit junger Männer erklärt die Forscherin damit, dass romantische Beziehungen für sie oft die einzige Quelle von Intimität seien. Frauen pflegten dagegen generell engere Beziehungen zu Familie und Freundinnen. Zudem kratze eine kriselnde Partnerschaft möglicherweise besonders stark an Identität und Selbstwertgefühl junger Männer.

Dies gilt allerdings nur für bestehende Beziehungen. Ein Singledasein birgt dagegen für junge Frauen mehr Schrecken als für gleichaltrige Männer. Sie können zwar besser mit dem Auf und Ab einer Partnerschaft umgehen, leiden aber unter deren Ende besonders stark.

(Quellen: R.W.Simon, A.E. Barrett, “Nonmarital Romantic Relationships and Mental Health in Early Adulthood” in: Journal of Health and Social Behavior, Vol. 51, No. 2, 168-182 (2010) DOI: 10.1177/0022146510372343; Der Standard; Photo source: mentalhealthy.co.uk)

Jun 13

Schlaflosigkeit stellt eines der häufigsten Probleme in der Bevölkerung dar: zwischen 30% und 50% leiden darunter, etwa 10% sogar an chronischer (langdauernder) Schlaflosigkeit. Diese Störung betrifft Menschen aller Altersstufen – ihrer Häufigkeit nimmt allerdings im Alter zu. Die Folgen von Schlaflosigkeit sind häufig Müdigkeit während des Tages, eine geschwächte Immunabwehr, Neigung zu Depressionen, geringere Konzentrationsfähigkeit und höhere Anfälligkeit für Diabetes und Herzkrankheiten.

Drei Arten von Schlaflosigkeit werden unterschieden:

a) Vorübergehende Schlaflosigkeit dauert weniger als eine Woche, und wird meist durch andere Erkrankungen, eine ungünstige Veränderung der Schlafgewohnheiten, schwere Depressionen oder Stress verursacht. Ihre Folgen sind ein Gefühl von Schläfrigkeit und eine Beeinträchtigung der psychomotorischen Leistungsfähigkeit.
b) Akute Schlaflosigkeit ist die Unfähigkeit, weniger als 1 Monat lang konsequent gut schlafen.
c) Chronische Schlaflosigkeit ist die Bezeichnung für Schlafstörungen, die länger als 1 Monat dauern. Die Ursachen sind höchst unterschiedlich und sollten daher medizinisch abgeklärt werden. Zu den Auswirkungen chronischer Schlaflosigkeit gehören Muskelermüdung, Halluzinationen und / oder geistige Erschöpfung, oder aber auch Reizbarkeit auf.

Die Muster von Schlafstörungen:

a) Einschlafstörungen sind Schwierigkeiten beim Einschlafen zu Beginn der Nacht, häufig sind diese mit Angststörungen assoziiert.
b) Durchschlafstörungen sind gekennzeichnet durch Schwierigkeiten, bis in den frühen Morgen durchzuschlafen. Häufig ist diese Variante durch Schmerzen oder körperliche Erkrankungen bedingt.
c) Vorzeitiges Erwachen – häufig ist dies altersbedingt, ein Merkmal der klinischen Depression, oder es liegen andere psychische Ursachen vor.
d) Albträume und Schlafwandeln – furchterregende Träume oder das Herumwandern in der Wohnung sind zumeist häufig psychisch – etwa durch belastende Ereignisse – bedingt, aber auch durch Drogenkonsum.
e) Hypersomnia ist gesteigertes Schlafbedürfnis, bei dem trotz ausreichendem Schlaf tagsüber ständig ein Gefühl von Müdigkeit und Erschöpfung besteht. Häufig ist diese Schlafstörung körperlich verursacht und sollte medizinisch abgeklärt werden.

Sehr oft wird jede Form von Schlaflosigkeit leider falsch, nämlich ausschließlich mit Medikamenten behandelt. Die Botschaft unseres Körpers, daß etwas nicht in Ordnung ist, wird damit jedoch ignoriert und unterdrückt – körperliche Folgeerkrankungen können auftreten, und durch die entstehende psychische Abhängigkeit vom Medikament wird das Einschlafen ohne „Pülverchen“ noch schwieriger als zuvor.

Was die wenigsten wissen: Schlafstörungen lassen sich fast immer auf ganz natürliche Weise stark verbessern: dazu müssen lediglich die auslösenden Ursachen für die innere Unruhe, die einem den Schlaf raubt, identifiziert und dann auch „passend“ beseitigt werden. Die häufigsten Ursachen der meisten Formen von Schlafstörungen sind zumeist relativ leicht in den Griff zu bekommen: Licht, Geräusche, kein Kaffee und keine Zigaretten mehr am Abend etwa. Chronisch Schlafgestörte (die Schlafstörungen dauern bereits mehr als drei Wochen an) sollten auch einen medizinischen Checkup auf Erkrankungen des Herz- und Kreislauf- sowie des Verdauungssystems, des Urinaltraktes und auf Stoffwechselstörungen durchführen lassen. Lassen sich keine eindeutigen körperlichen Ursachen für die Schlafprobleme finden, hilft fast immer eine kurze Reihe gezielter therapeutischer Beratungsgespräche bei der langfristigen Verbesserung der Schlaffähigkeit.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:romywilliams.files.wordpress.com)

Mar 29

Die zugegebenermaßen etwas reißerische Überschrift muß ein wenig relativiert werden: ihr liegt eine Studie mit Tierversuchen zugrunde – die aber dennoch die Zusammenhänge der Entwicklung von Esssucht bzw. Adipositas verstehen helfen könnte.
Die Studie wurde in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins “Nature Neuroscience” veröffentlicht. In ihr wurde herausgefunden, daß Säugetiere, welche hochkalorische Nahrungsmittel (z.B. Schokolade) übermäßig oder schubweise in Form von Eßgelagen zu sich nahmen, im Hirn Vorgänge auslösen, die jenen einer Abhängigkeit entsprechen: sie entwickelten sich zu zwanghaften Essern. Außerdem wurden in den Gehirnen der übergewichtigen Tiere reduzierte Level eines speziellen Dopamin-Rezeptors gefunden – einer Chemikalie, die das Gefühl von Belohnung auslöst – dies ist ein Effekt, der auch bei Drogensüchtigen nachweisbar ist.

Für die Studie bedienten sich die Wissenschafter in den Lebensmittelläden an der Ecke: “grundsätzlich kauften wir all das, was Leute wirklich gerne essen: Kuchen, Ding-Dongs (ähnlich wie “Schwedenbomben”, Anmerkung rlf), Speck, Würstchen, exakt das, was vielen gut schmeckt, aber man wirklich nicht zu häufig essen sollte”, so P. Kenny, ein Forscher am Scripps Research Institute in Florida in einem Interview mit Reuters.

Adipositas könnte also eine Form von “Eßzwang” sein, ausgelöst durch eine Form von Abhängigkeit, die mit jenen hirnphysiologischen Abläufen identisch ist, die wir auch bei Nikotinabhängigkeit, Kokainabhängigkeit und anderen Formen der Sucht beobachten können. Die Behandlungsformen von Zwängen und Abhängigkeiten könnten für die Behandlung der Fettleibigkeit also nützlich sein,” so P. Kenny.

Adipöse Erkrankungen kosten die Vereinigten Staaten laut amtlichen Statistiken etwa 150 Milliarden USD jährlich. Etwa 2/3 der US-Erwachsenen und 1/3 der Kinder und Jugendlichen sind in den USA fettleibig oder übergewichtig und entwickeln in Folge z.T. schwerste Folgeerkrankungen, die letzlich zu einem frühzeitigen Tod führen. Die europäischen Länder holen jedoch auf.

(Quelle: Reuters; Bild:Hostess Brands)

11.10.17